widerstehen kann. Du bist uns hoch willkommen mit allen, welche bei dir
sind. Wie viele Männer sind bei dir?«
[152] »Der Blitzende«, Muhammeds Degen, der noch heute
aufbewahrt wird.
»Einige mehr als fünfzig.«
»Sie sind müde?«
»Ist der Araber müde, wenn er den Schall der Waffen hört und das Getöse
des Kampfes vernimmt? Gieb uns frische Pferde, und wir werden euch
überall folgen, wohin ihr uns führen mögt!«
»Ich kenne euch. Eure Kugeln treffen sicher, und die Spitzen eurer
Lanzen verfehlen nie ihr Ziel. Du wirst mit deinen Männern die Schanze
verteidigen, welche den Ausgang des Schlachtfeldes verschließen soll.«
Während dieser Unterredung saßen seine Leute draußen ab; ich hörte, daß
ihnen ein Mahl aufgetragen wurde, und auch das Zelt des Scheik wurde
reichlich mit Speise versehen. Wir hatten das Abendessen noch nicht
beendet, als der kleine Halef eintrat und die Ankunft der Gefangenen
meldete. Diese wurden dem Scheik vorgeführt. Er sah sie verächtlich an
und fragte:
»Ihr seid vom Stamme der Obeïde?«
»So ist es, o Scheik.«
»Die Obeïde sind Feiglinge. Sie fürchten sich, die tapferen Krieger der
Haddedihn allein zu bekämpfen, und haben sich deshalb mit den Schakalen
der Abu Hammed und der Dschowari verbunden. Ihre Übermacht sollte uns
erdrücken; wir aber werden sie auffressen und verzehren. Wißt ihr, was
die Pflicht eines tapferen Kriegers ist, wenn er einen Feind bekämpfen
will?«
Sie sahen zu Boden und antworteten nicht.
»Ein tapferer Ben Arab kommt nicht wie ein Meuchelmörder; er sendet
einen Boten, um den Kampf zu verkündigen, damit der Streit ein ehrlicher
sei. Haben eure Anführer dies gethan?«
»Wir wissen es nicht, o Scheik!«
»Ihr wißt es nicht? Allah verkürze eure Zungen! Euer Mund trieft von
Lüge und Falschheit! Ihr wißt es nicht und hattet doch den Auftrag, das
Thal Deradsch zu bewachen, damit ich keine Kunde von eurem Einfalle
erhalten könne! Ich werde euch und die euren so behandeln, wie sie es
verdienen. Man rufe Abu Mansur, den Besitzer des Messers!«
Einer der Anwesenden entfernte sich und kehrte bald darauf mit einem
Mann zurück, der ein Kästchen bei sich trug.
»Man binde sie, daß sie sich nicht regen können, und nehme ihnen das
Marameh[153] ab!«
[153] Tuch, welches anstatt des Turbanes auf dem Kopfe getragen
wird.
Dies geschah, und dann wandte sich der Scheik an den neu Angekommenen:
»Was ist die Zierde des Mannes und des Kriegers, o Abu Mansur?«
»Das Haar, welches sein Angesicht verschönt.«
»Was gehört einem Manne, der sich fürchtet, wie ein Weib, und der die
Unwahrheit sagt, wie die Tochter eines Weibes?«
»Er soll wie ein Weib und wie die Tochter eines Weibes behandelt
werden.«
»Diese beiden Männer tragen Bärte, aber sie sind Weiber. Sorge dafür,
Abu Mansur, daß man sie als Weiber erkenne!«
»Soll ich ihnen den Bart nehmen, o Scheik?«
»Ich gebiete es dir!«
»Allah segne dich, du Tapferer und Weiser unter den Kindern der
Haddedihn! Du bist freundlich und milde gegen die Deinen und gerecht
gegen die Feinde deines Stammes. Ich werde deinem Befehle gehorsam
sein.«
Er öffnete sein Kästchen, welches verschiedene Instrumente enthielt, und
nahm einen Schambijeh[154] hervor, dessen blanke Klinge im Scheine des
Zeltfeuers funkelte. Er war der Barbier des Stammes.
[154] Krummer Dolch.
»Warum nimmst du nicht das Bartmesser?« fragte ihn der Scheik.
»Soll ich mit dem Messer den Bart dieser Feiglinge wegnehmen und dann
mit ihm den Scheitel und die Schuschah[155] der tapferen Haddedihn
berühren, o Scheik?«
[155] Haarbüschel auf dem Scheitel.
»Du hast recht; thue, wie du es dir vorgenommen hast!«
Die gebundenen Obeïde wehrten sich nach Möglichkeit gegen die
Manipulation, mit welcher die allergrößte Schande für sie verbunden war;
ihr Sträuben half ihnen nichts. Sie wurden festgehalten, und der Dolch
Abu Mansurs war so scharf, daß die Barthaare vor ihm wie vor der
Schneide eines Rasiermessers wichen.
»Nun schafft sie hinaus,« gebot der Scheik. »Sie sind Weiber und sollen
von den Weibern bewacht werden. Man gebe ihnen Brot, Datteln und Wasser;
versuchen sie aber, zu entkommen, so gebe man ihnen eine Kugel!«
Das Abscheren des Bartes war nicht nur eine Strafe, sondern wohl auch
ein gutes Mittel, die Gefangenen an einem Fluchtversuch zu hindern. Sie
wagten es jedenfalls nicht, sich bei den Ihrigen ohne Bart sehen zu
lassen. Jetzt erhob sich der Scheik und zog sein Messer. Ich sah es
seiner feierlichen Miene an, daß nun etwas Ungewöhnliches erfolgen und
daß er dabei vielleicht eine Rede halten werde.
»Allah il Allah,« begann er; »es giebt keinen Gott außer Allah. Alles,
was da lebt, hat er geschaffen, und wir sind seine Kinder. Warum sollen
sich hassen, die sich lieben, und warum sollen sich entzweien, die
einander angehören? Es rauschen viele Zweige in dem Walde, und auf der
Ebene stehen viele Halme und viele Blumen. Sie sind einander gleich,
darum kennen sie sich und trennen sich nicht. Sind wir einander nicht
auch gleich? Scheik Malek, du bist ein großer Krieger, und ich habe zu
dir gesagt: 'Nanu malihin -- wir haben Salz miteinander gegessen.'
Hadschi Emir Kara Ben Nemsi, auch du bist ein großer Krieger, und ich
habe zu dir gesagt: 'Nanu malihin.' Ihr wohnt in meinem Zelte; ihr seid
meine Freunde und meine Gefährten; ihr sterbet für mich, und ich sterbe
für euch. Habe ich die Wahrheit gesagt? Habe ich recht gesprochen?«
Wir bejahten durch ein ernstes, feierliches Kopfnicken.
»Aber das Salz löst sich auf und vergeht,« fuhr er fort. »Das Salz ist
das Zeichen der Freundschaft; wenn es sich aufgelöst hat und aus dem
Körper verschwunden ist, so ist die Freundschaft zu Ende und muß wieder
erneuert werden. Ist das gut, ist das genügend? Ich sage nein! Tapfere
Männer schließen ihre Freundschaft nicht durch das Salz. Es giebt einen
Stoff, der nie im Körper vergeht. Weißt du, Scheik Malek, was ich
meine?«
»Ich weiß es.«
»So sage es.«
»Das Blut.«
»Du hast recht gesagt. Das Blut bleibt bis zum Tode, und die
Freundschaft, die durch das Blut geschlossen wird, hört erst auf, wenn
man stirbt. Scheik Malek, gieb mir deinen Arm!«
Malek merkte ebenso gut wie ich, um was es sich handelte. Er entblößte
seinen Unterarm und hielt ihn Mohammed Emin dar; dieser ritzte ihn
leicht mit der Spitze seines Messers und ließ die hervorquellenden
Tropfen in einen kleinen, mit Wasser gefüllten, hölzernen Becher fallen,
welchen er darunter hielt. Dann winkte er mich herbei.
»Emir Hadschi Kara Ben Nemsi, willst du mein Freund sein und der Freund
dieses Mannes, der sich Scheik Malek el Ateïbeh nennt?«
»Ich will es.«
»Willst du es sein bis zum Tode?«
»Ich will es.«
»So sind deine Freunde und Feinde auch unsere Freunde und Feinde, und
unsere Freunde und Feinde sind auch deine Freunde und Feinde?«
»Sie sind es.«
»So gieb mir deinen Arm!«
Ich that es; er schnitt leicht durch die Haut und ließ die wenigen
Blutstropfen, welche hervorquollen, in den Becher fallen. Dann that er
dasselbe an seinem Arm und schwenkte zuletzt den Becher, um das Blut gut
mit dem Wasser zu vermischen.
»Jetzt teilt den Trank der Freundschaft in drei Teile und genießt ihn
mit dem Gedanken an den Allwissenden, der unsere geheimsten Gedanken
kennt. Wir haben sechs Füße, sechs Arme, sechs Augen, sechs Ohren, sechs
Lippen, und dennoch sei es nur ein Fuß, ein Arm, ein Auge, ein Ohr und
eine Lippe. Wir haben drei Herzen und drei Köpfe, aber dennoch sei es
nur ein Herz und ein Kopf. Wo der eine ist, da wandeln die andern, und
was der eine thut, das thue der andere so, als ob seine Gefährten es
thäten. Preis sei Gott, der uns diesen Tag gegeben hat!«
Er reichte mir den Becher dar.
»Hadschi Emir Kara Ben Nemsi, dein Volk wohnt am weitesten von hier;
trink deinen Teil zuerst und reiche dann den Becher unserem Freunde.«
Ich hielt eine kurze Anrede und that einen Schluck; Malek folgte mir,
und Mohammed Emin trank den Rest aus. Dann umarmte und küßte er uns,
während er jedem sagte:
»Jetzt bist du mein Rafik[156], und ich bin dein Rafik; unsere
Freundschaft sei ewig, wenn auch Allah unsere Wege scheiden mag!«
[156] Freund, Blutsbruder. Ein solcher gilt mehr als alle
Aschab, das ist Gefährten.
Die Kunde von diesem Bunde verbreitete sich schnell durch das ganze
Lager, und wer auch nur das kleinste Vorrecht oder die geringste
Vergünstigung zu besitzen glaubte, der kam in das Zelt, um uns zu
beglückwünschen. Dies nahm eine nicht geringe Zeit in Anspruch, so daß
wir erst spät wieder nur zu dreien beieinander saßen.
Wir mußten Scheik Malek eine Beschreibung des Terrains liefern, auf
welchem der Kampf voraussichtlich stattfinden werde, und ihn mit unserem
Verteidigungsplane bekannt machen. Er billigte denselben vollständig und
fragte zuletzt:
»Können die Feinde nicht nach Norden entweichen?«
»Sie könnten zwischen dem Flusse und dem Dschebel Kanuza, das ist also
längs des Wadi Dschehennem, durchbrechen; aber wir werden ihnen auch
diesen Weg verlegen. Scheik Mohammed, hast du angeordnet, daß Werkzeuge
vorhanden sind, um eine Brustwehr zu errichten?«
»Es ist geschehen.«
»Sind die Frauen ausgewählt, welche uns begleiten sollen, um die
Verwundeten zu verbinden?«
»Sie sind bereit.«
»So laß Pferde aussuchen für unsern Gefährten und seine Männer. Wir
müssen aufbrechen, denn der Tag wird bald erscheinen.«
Zehntes Kapitel.
Der Sieg.
Eine halbe Stunde später setzten sich die Haddedihn in Bewegung, nicht
etwa in einer ordnungslosen, aufgelösten Wolke, wie es gewöhnlich bei
den Arabern der Fall zu sein pflegt, sondern in festen, parallel
miteinander reitenden Körpern. Ein jeder wußte, wohin er gehörte.
Vor uns ritten die Krieger, hinter uns auf Kamelen und unter der
Anführung einiger noch ziemlich rüstiger Greise die Frauen, welche das
Sanitätscorps zu bilden hatten, und zuletzt kamen diejenigen, welche zur
Verbindung mit dem Weideplatze und zur Beaufsichtigung der Gefangenen
dienen sollten.
Als die Sonnenscheibe sich über dem Horizont zeigte, stiegen alle ab und
warfen sich zur Erde, um das Morgengebet zu verrichten. Es war ein
erhebender Anblick, diese Hunderte im Staube vor jenem Herrn liegen zu
sehen, der heute noch einen jeden von uns zu sich rufen konnte.
Von den ausgestellten Posten erfuhren wir, daß nichts vorgefallen sei.
Wir erreichten also ohne Störung den langgezogenen Dschebel Deradsch,
hinter welchem sich das fast eine Stunde lange Thal von West nach Ost
erstreckte. Diejenigen, welche als Schützen ausersehen waren, stiegen
ab; ihre Pferde wurden in gehöriger Ordnung in der Ebene angepflockt,
damit im Falle eines Rückzuges keine Verwirrung entstehen könne. Unweit
davon wurden die Kamele entlastet und die Zelte, welche sie getragen
hatten, aufgeschlagen; sie waren, wie bereits erwähnt, für die
Verwundeten bestimmt. Wasser war in Schläuchen genug, Verbandzeug aber
nur sehr wenig vorhanden, ein Übelstand, welcher mich mit Bedauern
erfüllte.
Die Postenkette, welche uns mit den Abu-Mohammed-Arabern verband, hatten
wir natürlich hinter uns hergezogen, so daß wir mit ihnen immer in
Verbindung blieben. Es waren fast stündlich Meldungen von ihnen
angekommen, und die letzte derselben belehrte uns, daß die Feinde
unseren Anmarsch noch nicht entdeckt hätten.
Sir Lindsay hatte sich am gestrigen Abend und auch heute bis jetzt sehr
einsilbig verhalten. Es war mir ja keine Zeit übrig geblieben, die ich
ihm hätte widmen können. Jetzt hielt er an meiner Seite.
»Wo schlagen, Sir? Hier?« fragte er.
»Nein, hinter dieser Höhe,« antwortete ich.
»Bei Euch bleiben?«
»Wie Ihr wollt.«
»Wo seid Ihr? Infanterie, Kavallerie, Genie, Pontons?«
»Kavallerie, aber Dragoner, denn wir werden ebenso schießen wie fechten,
wenn es notwendig ist.«
»Bleibe bei Euch.«
»So wartet hier. Meine Abteilung hält hier, bis ich sie abhole.«
»Nicht hinein in das Thal?«
»Nein, wir werden uns oberhalb von hier an den Fluß ziehen, um den Feind
zu verhindern, nach Norden zu entkommen.«
»Wie viel Mann?«
»Hundert.«
»#Well#! sehr gut, ausgezeichnet!«
Ich hatte diesen Posten mit einer gewissen Absicht übernommen. Zwar war
ich Freund und Gefährte der Haddedihn, aber es widerstrebte mir doch,
Leute, wenn auch im offenen Kampfe, zu töten, die mir nichts gethan
hatten. Der Zwist, welcher hier zwischen diesen Arabern ausgefochten
werden sollte, ging mich persönlich gar nichts an, und da nicht zu
erwarten stand, daß die Feinde sich nach Norden wenden würden, so hatte
ich gebeten, mich der Abteilung anschließen zu dürfen, welche den
Feinden dort das Vordringen verwehren sollte. Am liebsten wäre ich am
Verbandplatze zurückgeblieben; dies war aber eine Unmöglichkeit.
Jetzt führte der Scheik seine Reiterei in das Thal, und ich schloß mich
ihr an. Sie wurde in die beiden Seitenthäler rechts und links verteilt.
Dann folgte die Infanterie. Ein Drittel derselben erstieg die Höhe
rechts, das andere Drittel die Höhe links, um -- hinter den zahlreichen
Felsen versteckt -- den Feind von oben herab fassen zu können; das letzte
Drittel, welches zumeist aus Scheik Malek und seinen Männern bestand,
blieb am Eingange zurück, um denselben zu verbarrikadieren und hinter
dieser Verschanzung hervor den Feind zu begrüßen. Jetzt kehrte ich
zurück und ritt mit meinen hundert Mann davon.
Unser Ritt ging grad nach Norden, bis wir einen Thalpaß fanden, welcher
es uns ermöglichte, den Dschebel zu übersteigen. Nach einer Stunde
erblickten wir den Fluß vor uns. Weiter rechts, also nach Süden zu, gab
es eine Stelle, an welcher das Gebirge zweimal hart an das Wasser trat,
und also einen Halbkreis bildete, aus welchem heraus sehr schwer zu
entkommen war, wenn man einmal das Unglück gehabt hatte, hinein zu
geraten. Hier postierte ich meine Leute, denn hier konnten wir eine
zehnfache Übermacht ohne große Anstrengung aufhalten.
Nachdem ich Vorposten aufgestellt hatte, saßen wir ab und machten es
uns bequem. Master Lindsay fragte mich:
»Hier bekannt, Sir?«
»Nein,« antwortete ich.
»Ob vielleicht Ruinen hier?«
»Weiß nicht.«
»Einmal fragen!«
Ich that es und gab ihm den Bescheid, indem ich die Antwort übersetzte:
»Weiter oben.«
»Wie heißt?«
»Muk hol Kal oder Kalah Schergatha.«
»Fowling-bulls dort?«
»Hm! Man müßte erst sehen.«
»Wie lange noch Zeit bis zum Kampf?«
»Bis Mittag, auch wohl später. Vielleicht giebt es für uns gar keinen
Kampf.«
»Werde unterdessen einmal ansehen.«
»Was?«
»Kalah Schergatha. Fowling-bulls ausgraben; Londoner Museum schicken;
berühmt werden; #well#!«
»Das wird jetzt nicht gut möglich sein.«
»Warum?«
»Weil Ihr von hier bis dorthin gegen fünfzehn englische Meilen zu reiten
hättet.«
»Ah! Hm! Miserabel! Werde dableiben!«
Er legte sich hinter ein Euphorbiengebüsch, ich aber beschloß, zu
rekognoscieren, gab den Leuten die nötige Weisung und ritt südwärts dem
Flusse entlang.
Mein Rappe war, wie alle Schammarpferde, ein ausgezeichneter Kletterer;
ich konnte es wagen, mit ihm den Dschebel zu ersteigen, und so ritt ich
denn, als sich mir ein günstiges Terrain bot, zur Höhe empor, um eine
Übersicht zu gewinnen. Oben musterte ich mit meinem Fernrohr den
östlichen Horizont. Da sah ich, daß drüben, jenseits des Flusses, ein
sehr reges Leben herrschte. Am südlichen, also am linken Ufer des Zab
wimmelte die Ebene von Reitern bis beinahe nach dem Tell Hamlia hinab,
und unterhalb des Chelab[157] lagen mehrere große Haufen von
Ziegenschläuchen, aus denen man wohl soeben die Flöße machen wollte,
welche zum Übersetzen der Obeïde dienen sollten. Das diesseitige Ufer
des Tigris konnte ich nicht sehen -- wegen der Höhe, hinter welchem das
Thal Deradsch lag. Da ich noch Zeit hatte, so nahm ich mir vor, auch
jene Höhe zu ersteigen.
[157] Stromschnelle.
Ich hatte auf dem Kamme des Höhenzuges einen sehr angestrengten Ritt,
und es dauerte weit mehr als eine Stunde, bis ich den höchsten Punkt
erreichte. Mein Pferd war so frisch, als ob es sich eben erst vom
Schlafe erhöbe; ich band es an und kletterte über eine Art Felsenmauer
hinauf. Da lag es unter mir, das Wadi Deradsch. Ich sah ganz im
Hintergrunde die fertige Brustwehr, hinter welcher ihre Verteidiger
ruhten, und bemerkte hüben und drüben die hinter den Felsen verborgenen
Schützen und auch dort unten, mir gerade gegenüber, den
Kavallerie-Hinterhalt.
Dann richtete ich das Rohr nach Süden.
Dort lag Zelt an Zelt, aber ich sah, daß man bereits im Begriffe stand,
sie abzubrechen. Das waren die Abu Hammed und die Dschowari. Dort hatten
wohl auch die Scharen von Sardanapal, Kyaxares und Alyattes kampiert.
Dort hatten die Krieger des Nabopolassar auf den Knieen gelegen, als am
5. Mai im fünften Jahre jenes Herrschers eine Mondfinsternis der totalen
Sonnenfinsternis folgte, welche die Schlacht von Halys so schrecklich
machte. Dort hatte man wohl die Pferde aus den Fluten des Tigris
getränkt, als Nebukadnezar nach Ägypten zog, um Königin Hophra
abzusetzen, und das waren wohl dieselben Wasser, über welche der
Todesgesang des Nerikolassar und des Nabonnad herübergeklungen ist bis
zu den Bergen von Kara Zschook, Zibar und Sar Hasana.
Ich sah, daß die Ziegenhäute aufgeblasen und verbunden wurden, sah die
Reiter, welche, die Pferde an der Hand führend, sich auf die Flöße
begaben; ich sah die Flöße abstoßen und am diesseitigen Ufer landen. Es
war mir, als müsse ich das Geschrei hören, mit welchem sie von ihren
Verbündeten begrüßt wurden, die sich auf ihre Pferde warfen, um eine
glänzende Phantasia[158] auszuführen.
[158] Scheingefecht.
Das kam erwünscht, daß sie ihre Pferde jetzt so anstrengten; die Tiere
mußten dann, wenn es galt, wohl ermüdet sein.
So saß ich wohl eine Stunde lang. Die Obeïde waren jetzt alle herüber,
und ich sah, daß sich der Zug nach Norden zu in Bewegung setzte. Jetzt
kletterte ich wieder herab, bestieg mein Pferd und kehrte zurück. Die
Stunde der Entscheidung war gekommen.
Ich brauchte wieder fast eine Stunde, um den Punkt zu erreichen, von dem
es mir möglich war, von der Höhe hinabzukommen. Schon wollte ich zu
Thale lenken, als ich ganz dort oben am nördlichen Horizont etwas
blitzen sah. Es war gewesen, als ob der Sonnenstrahl auf ein
Glasstückchen fiele. Wir konnten den Feind nur von Süden her erwarten,
dennoch aber nahm ich mein Fernrohr zur Hand und suchte die Stelle auf,
an welcher ich den blitzartigen Schein bemerkt hatte. Endlich, endlich
fand ich sie. Hart am Flusse bemerkte ich eine Anzahl dunkler Punkte,
welche sich abwärts bewegten. Es mußten Reiter sein, und einer von ihnen
war es, dessen Körper das Licht der Sonne reflektierte.
Waren es Feinde? Sie befanden sich nördlich grad so weit von dem
Verstecke meiner Leute, wie ich südlich von demselben entfernt war. Hier
galt kein Zögern; ich mußte ihnen zuvorkommen.
Ich trieb meinen Rappen an, der rasch abwärts stieg, dann aber, als er
die Thalsohle unter den Hufen hatte, wie ein Vogel dahinflog. Ich war
überzeugt, daß ich zur rechten Zeit eintreffen würde.
Als ich bei der Truppe anlangte, rief ich die Leute zusammen und teilte
ihnen mit, was ich beobachtet hatte. Wir schafften die Pferde aus dem
Halbkessel heraus, den das Terrain bildete. Dann versteckte sich die
Hälfte der Haddedihn hinter dem südlichen Vorsprunge desselben, während
der andere Teil zurückblieb, um -- hinter Euphorbien und Gummipflanzen
verborgen, den Ankommenden den Rückzug abzuschneiden.
Wir hatten nicht sehr lange zu warten, bis wir Hufschlag vernahmen.
Master Lindsay lag neben mir und lauschte, während er die Büchse im
Anschlage hielt.
»Wie viele?« fragte er kurz.
»Konnte sie nicht genau zählen,« antwortete ich ihm.
»Ungefähr?«
»Zwanzig.«
»Pah! Warum denn so viele Mühe geben?«
Er erhob sich, schritt vor und setzte sich auf einen Steinblock. Seine
beiden Diener folgten ihm augenblicklich.
Da kamen sie um die Ecke herum, voran ein hoher, kräftiger Araber,
welcher unter seiner Aba einen Schuppenpanzer trug. Diesen hatte ich
vorhin blitzen sehen. Es war eine wirklich königliche Gestalt. Der Mann
hatte sich wohl nie in seinem Leben gefürchtet, war noch niemals
erschrocken, denn selbst jetzt, als er so plötzlich und unerwartet die
hier so ungewöhnliche Gestalt des Englishman erblickte, zuckte keine
Wimper seiner Augen, und nur die Hand fuhr leise nach dem krummen Säbel.
Er ritt einige Schritte vor und wartete, bis die Seinigen alle
herbeigekommen waren; dann winkte er einem Manne, der sich an seiner
Seite befand. Dieser war sehr lang und hager und hing auf seinem Gaule,
als ob er noch niemals einen Sattel berührt hätte. Man sah ihm sofort
die griechische Abstammung an. Auf den erhaltenen Wink fragte er den
Engländer in arabischer Sprache:
»Wer bist du?«
Master Lindsay erhob sich, lüftete den Hut und machte eine halbe
Verbeugung, sagte aber kein Wort.
Der Fragende wiederholte seine Worte in türkischer Sprache.
»Im Inglis -- ich bin ein Engländer,« lautete die Antwort.
»Ah, so begrüße ich Sie, verehrter Herr!« klang es jetzt in englischen
Lauten. »Es ist eine außerordentliche Überraschung, hier in dieser
Einsamkeit einen Sohn Albions zu treffen. Darf ich um Ihren Namen
bitten?«
»David Lindsay.«
»Dies sind Ihre Diener?«
»#Yes!#«
»Aber was thun Sie hier?«
»#Nothing# -- nichts.«
»Sie müssen doch einen Zweck, ein Ziel haben?«
»#Yes!#«
»Und welches ist dieser Zweck?«
»#To dig# -- ausgraben.«
»Was?«
»Fowling-bulls.«
»Ah!« lächelte der Mann überlegen. »Dazu braucht man Mittel, Zeit, Leute
und Erlaubnis. Wie sind Sie hierher gekommen?«
»Mit Dampfer.«
»Wo ist er?«
»Nach Bagdad zurück.«
»So sind Sie mit zwei Dienern ausgestiegen?«
»#Yes.#«
»Hm, sonderbar! Und wohin wollen Sie zunächst?«
»Wo Fowling-bulls sind. Wer ist Master hier?«
Er deutete dabei auf den Araber im Schuppenpanzer. Der Grieche
übersetzte diesem das bisherige Gespräch und antwortete dann:
»Dieser berühmte Mann ist Eslah el Mahem, Scheik der Obeïde-Araber,
welche da drüben ihre Weideplätze haben.«
Ich erstaunte über diese Antwort. Also der Scheik war während des
Aufbruchs seines Stammes nicht bei den Seinen gewesen.
»Wer Sie?« fragte der Engländer weiter.
»Ich bin einer der Dolmetscher beim englischen Vicekonsul zu Mossul.«
»Ah! Wohin?«
»Einer Expedition gegen die Haddedihn-Araber beiwohnen.«
»Expedition? Einfall? Krieg? Kampf? Warum?«
»Diese Haddedihn sind ein störrischer Stamm, dem man einmal Mores lehren
muß. Sie haben mehrere Jezidi beschützt, als diese Teufelsanbeter von
dem Gouverneur von Mossul angegriffen wurden. Aber wie kommt es,
daß -- -- -- --«
Er hielt inne, denn hinter dem Vorsprunge wieherte eines unserer
Pferde, und ein anderes folgte diesem Beispiele. Sofort griff der Scheik
in die Zügel, um vorwärts zu reiten und nachzusehen. Jetzt erhob ich
mich.
»Erlauben Sie, daß auch ich mich Ihnen vorstelle!« sagte ich.
Der Scheik blieb vor Überraschung halten.
»Wer sind Sie?« fragte der Dolmetscher. »Auch ein Engländer? Sie tragen
sich aber doch genau wie ein Araber!«
»Ich bin ein Deutscher und gehöre zur Expedition dieses Herrn. Wir
wollen hier Fowling-bulls ausgraben und zugleich uns ein wenig um die
Sitten dieses Landes bekümmern.«
»Wer ist es?« fragte der Scheik den Griechen.
»Ein Nemsi.«
»Sind die Nemsi Gläubige?«
»Sie sind Christen.«
»Nazarah? Dieser Mann ist doch ein Hadschi. War er in Mekka?«
»Ich war in Mekka,« antwortete ich ihm.
»Du sprichst unsere Sprache?«
»Ich spreche sie.«
»Du gehörst zu diesem Inglis?«
»Ja.«
»Wie lange seid ihr bereits hier in dieser Gegend?«
»Bereits mehrere Tage.«
Seine Brauen zogen sich zusammen. Er fragte weiter:
»Kennst du die Haddedihn?«
»Ich kenne sie.«
»Woher hast du sie kennen gelernt?«
»Ich bin der Rafik ihres Scheik.«
»So bist du verloren!«
»Warum?«
»Ich nehme dich gefangen, dich und diese drei.«
»Wann?«
»Sofort.«
»Du bist stark, aber Zedar Ben Huli, der Scheik der Abu Hammed, war auch
stark!«
»Was willst du mit ihm?«
»Er nahm mich gefangen und behielt mich nicht.«
»Maschallah! Bist du der Mann, welcher den Löwen getötet hat?«
»Ich bin es.«
»So bist du mein. _Mir_ entkommst du nicht.«
»Oder du bist mein und entkommst _mir_ nicht. Sieh dich um!«
Er that es, bemerkte aber niemand.
»Auf, ihr Männer!« rief ich laut.
Sofort erhoben sich sämtliche Haddedihn und legten die Gewehre auf ihn
und seine Leute an.