mit lärmendem Schnauben, und bei denen, welche stampfend Feuerfunken
sprühen, und bei denen, die wetteifernd des Morgens früh auf den Feind
einstürmen, die den Staub aufjagen und die feindlichen Scharen
durchbrechen, wahrlich, der Mensch ist undankbar gegen seinen Herrn, und
er selbst muß solches bezeugen. Zu unmäßig hängt er der Liebe zu
irdischen Gütern an. Weiß er denn nicht, daß dann, wenn alles
herausgenommen ist, was in den Gräbern liegt, und an das Licht gebracht
wird, was in des Menschen Brust verborgen war, daß dann an diesem Tage
der Herr sie vollkommen kennt?«
»Ja, du kannst diese Sure. Ich habe sie dem Rappen tausendmal des Nachts
vorgesagt; thue dasselbe, und er wird merken, daß du sein Herr geworden
bist. Jetzt aber komm in das Zelt zurück!«
Der Engländer war bisher ein stiller Zuschauer gewesen; nun trat er an
meine Seite.
»Warum auf Euch geschossen?«
»Ich wollte ihnen etwas zeigen, was sie noch nicht kennen.«
»Ah, schön, Prachtpferd!«
»Wißt Ihr, Sir, wem es gehört?«
»Dem Scheik!«
»Nein.«
»Wem sonst?«
»Mir.«
»Pah!«
»Mir; wirklich!«
»Sir, mein Name ist David Lindsay, und ich lasse mir nichts weismachen;
merkt Euch das!«
»Gut, so behalte ich alles andere für mich!«
»Was?«
»Daß ich euch morgen früh verlasse.«
»Warum?«
»Um auf Kundschaft auszureiten. Von der Feindseligkeit wißt Ihr bereits.
Ich soll zu erkunden suchen, wann und wo die feindlichen Stämme
zusammentreffen, und dafür bekomme ich, wenn es mir gelingt, eben diesen
Rappen geschenkt.«
»Glückskind! Werde mitreiten, mithorchen, mitkundschaftern!«
»Das geht nicht.«
»Warum nicht?«
»Ihr könnt mir nichts nützen, sondern nur schaden. Eure Kleidung -- -- --«
»Pah, ziehe mich als Araber an!«
»Ohne ein Wort Arabisch zu verstehen?«
»Richtig! Wie lange ausbleiben?«
»Weiß noch nicht. Einige Tage. Ich muß weit über den kleinen Zab
hinunter, und der ist ziemlich weit von hier.«
»Böser Weg! Schlechtes Volk von Arabern?«
»Werde mich in acht nehmen.«
»Werde dableiben, wenn mir einen Gefallen thun.«
»Welchen?«
»Nicht bloß nach Beduinen forschen.«
»Nach wem sonst noch?«
»Nach schönen Ruinen. Muß nachgraben, Fowling-bull finden, nach London
ins Museum schicken!«
»Werde es thun, verlaßt euch darauf!«
»#Well!# Fertig; eintreten!«
Wir nahmen unsere früheren Plätze im Zelte ein und verbrachten den Rest
des Tages mit allerlei Erzählungen, wie sie der Araber liebt. Am Abend
wurde Musik gemacht und gesungen, wobei es nur zwei Instrumente gab:
die Rubabah, eine Art Zither mit nur einer Saite, und die Tabl, eine
kleine Pauke, welche aber doch im Verhältnisse zu den leisen,
einförmigen Tönen der Rubabah einen ganz entsetzlichen Lärm machte. Dann
wurde das Nachtgebet gesprochen, und wir gingen zur Ruhe.
Der Engländer schlief in dem Zelte des Scheik, ich aber ging zu dem
Hengste, welcher auf der Erde lag, und nahm Platz zwischen seinen Füßen.
Habe ich ihm die hundertste Sure wirklich in die Nüstern gesagt?
Versteht sich! Dabei hat mich nicht etwa der Aberglaube geleitet,
bewahre! Das Pferd war an diesen Vorgang gewöhnt: wir wurden also durch
denselben schnell vertraut miteinander; und indem ich beim Recitieren
der Worte hart an seinen Nüstern atmete, lernte es, wie man sich
auszudrücken pflegt, die Witterung seines neuen Gebieters kennen. Ich
lag zwischen seinen Füßen, wie ein Kind zwischen den Beinen eines
treuen, verständigen Neufundländers. Als der Tag eben graute, öffnete
sich das Zelt des Scheik, und der Engländer trat heraus.
»Geschlafen, Sir?« fragte er.
»Ja.«
»Ich nicht.«
»Warum?«
»Sehr lebendig im Zelte.«
»Die Schläfer?«
»Nein.«
»Wer sonst?«
»Die Fleas, Lice und Gnats!«
Wer englisch versteht, weiß, wen oder was er meinte; ich mußte lachen.
»An solche Dinge werdet Ihr Euch bald gewöhnen, Sir Lindsay.«
»Nie. Konnte auch nicht schlafen, weil ich an Euch dachte.«
»Warum?«
»Konntet fortreiten, ohne mich noch zu sprechen.«
»Ich hätte auf jeden Fall Abschied von Euch genommen.«
»Wäre vielleicht zu spät gewesen.«
»Warum?«
»Habe Euch viel zu fragen.«
»So fragt einmal zu!«
Ich hatte ihm schon im Laufe des verflossenen Abends allerlei Auskunft
erteilen müssen; jetzt zog er sein Notizbuch hervor.
»Werde mich führen lassen an Ruinen. Muß arabisch reden. Mir sagen
verschiedenes. Was heißt Freund?«
»Aschab.«
»Feind?«
»Kiman.«
»Muß bezahlen. Was heißt Dollar?«
»Rijahl fransch.«
»Was heißt Geldbeutel?«
»Surrah.«
»Werde Steine graben. Was heißt Stein?«
»Hadschar und auch Hadschr oder Chadschr.«
So fragte er mich nach einigen hundert Wörtern, die er sich alle
notierte. Dann wurde es im Lager rege, und ich mußte in das Zelt des
Scheik kommen, um das Sahur, das Frühmahl, einzunehmen.
Dabei wurde noch vieles beraten; dann nahm ich Abschied, stieg zu Pferde
und verließ den Ort, an den ich vielleicht nimmer zurückkehren konnte.
Neuntes Kapitel.
Auf Kundschaft.
Ich hatte mir vorgenommen, zunächst den südlichsten Stamm, die
Dschowari, aufzusuchen. Der beste Weg zu ihnen wäre gewesen, dem
Thatharflusse zu folgen, der fast stets parallel mit dem Tigris fließt;
leider aber war sehr zu vermuten, daß just an seinen Ufern die Obeïde
ihre Herden weideten, und so hielt ich mich weiter westlich. Ich hatte
mich so einzurichten, daß ich etwa eine Meile oberhalb Tekrit den Tigris
erreichte; dann traf ich sicher auf den gesuchten Stamm.
Mit Proviant war ich reichlich versehen; Wasser brauchte ich für mein
Pferd nicht, da der Pflanzenwuchs im vollen Safte stand. Und so hatte
ich weiter keine Sorge, als die Richtung beizubehalten und jede
feindliche Begegnung zu vermeiden. Für das erstere hatte ich den
Ortssinn, die Sonne und den Kompaß, und für das letztere das Fernrohr,
mit dessen Hilfe ich alles erkennen konnte, bevor ich selbst gesehen
wurde.
Der Tag verging ohne irgend ein Abenteuer, und am Abend legte ich mich
hinter einem einsamen Felsen zur Ruhe. Bevor ich einschlief, kam mir der
Gedanke, ob es nicht vielleicht besser sei, ganz bis Tekrit zu reiten,
da ich dort ja ohne Aufsehen vieles erfahren konnte, was mir zu wissen
notwendig war. Es war dies ein sehr überflüssiges Überlegen, wie ich am
andern Morgen sehen sollte. Ich hatte nämlich sehr fest geschlafen und
erwachte durch das warnende Schnauben meines Pferdes. Als ich
aufblickte, sah ich fünf Reiter von Norden her grade auf die Stelle
zukommen, an welcher ich mich befand. Sie waren so nahe, daß sie mich
bereits gesehen hatten. Flucht lag nicht in meinem Sinne, obgleich mich
der Rappe wohl schnell davongetragen hätte. Ich erhob mich also, saß
auf, um für alles gerüstet zu sein, und nahm den Stutzen nachlässig zur
Hand.
Sie kamen im Galopp herbei und parierten ihre Pferde einige Schritte vor
mir. Da in ihren Mienen nicht die geringste Feindseligkeit zu finden
war, konnte ich mich einstweilen beruhigen.
»Sallam aaleïkum!« grüßte mich der eine.
»Aaleïkum!« antwortete ich.
»Du hast hier diese Nacht geschlafen?«
»So ist es.«
»Hast du kein Zelt, unter welchem du dein Haupt zur Ruhe legen
könntest?«
»Nein. Allah hat seine Gaben verschieden ausgeteilt. Dem einen giebt er
ein Dach von Filz und dem andern den Himmel zur Decke.«
»Du aber könntest ein Zelt besitzen; hast du doch ein Pferd, welches
mehr wert ist, als hundert Zelte.«
»Es ist mein einziges Besitztum.«
»Verkaufst du es?«
»Nein.«
»Du mußt zu einem Stamme gehören, der nicht weit von hier sein Lager
hat.«
»Warum?«
»Dein Hengst ist frisch.«
»Und dennoch wohnt mein Stamm viele, viele Tagreisen von hier, weit,
weit noch hinter den heiligen Städten im Westen.«
»Wie heißt dein Stamm?«
»Uëlad German.«
»Ja, da drüben im Moghreb sagt man meist Uëlad statt Beni oder Abu.
Warum entfernst du dich so weit von deinem Lande?«
»Ich habe Mekka gesehen und will nun auch noch die Duars und Städte
sehen, welche gegen Persien liegen, damit ich den Meinen viel erzählen
kann, wenn ich heimkehre.«
»Wohin geht zunächst dein Weg?«
»Immer nach Aufgang der Sonne, wohin mich Allah führt.«
»So kannst du mit uns reiten.«
»Wo ist euer Ziel?«
»Oberhalb der Kernina-Klippen, wo unsere Herden am Ufer und auf den
Inseln des Tigris weiden.«
Hm! Sollten diese Leute etwa gar Dschowari sein? Sie hatten mich
gefragt: es war also nicht unhöflich, wenn auch ich mich erkundigte.
»Welchem Stamme gehören diese Herden?«
»Dem Stamme Abu Mohammed.«
»Sind noch andere Stämme in der Nähe?«
»Ja. Abwärts die Alabeïden, welche dem Scheik von Kernina Tribut
bezahlen, und aufwärts die Dschowari.«
»Wem bezahlen diese den Tribut?«
»Man hört es, daß du aus fernen Landen kommst. Die Dschowari zahlen
nicht, sondern sie nehmen sich Tribut. Es sind Diebe und Räuber, vor
denen unsere Herden keinen Augenblick sicher sind. Komm mit uns, wenn du
gegen sie kämpfen willst!«
»Ihr kämpft mit ihnen?«
»Ja. Wir haben uns mit den Alabeïden verbunden. Willst du Thaten thun,
so kannst du es bei uns lernen. Aber warum schläfst du hier am Hügel des
Löwen?«
»Ich kenne diesen Ort nicht. Ich war müde und habe mich zur Ruhe
gelegt.«
»Allah kerihm, Gott ist gnädig; du bist ein Liebling Allahs, sonst hätte
dich der Würger der Herden zerrissen. Kein Araber möchte hier eine
Stunde ruhen, denn an diesem Felsen halten die Löwen ihre
Zusammenkünfte.«
»Es giebt hier am Tigris Löwen?«
»Ja, am unteren Laufe des Stromes; weiter oben aber findest du nur den
Leopard. Willst du mit uns reiten?«
»Wenn ich euer Gast sein soll.«
»Du bist es. Nimm unsere Hand und laß uns Datteln tauschen!«
Wir legten die flachen Hände ineinander, und dann bekam ich von jedem
eine Dattel, die ich aß, während ich fünf andere dafür gab, welche auch
aus freier Hand verzehrt wurden. Dann schlugen wir die Richtung nach
Südosten ein. Einige Zeit später passierten wir den Thathar, und die
ebene Gegend wurde nach und nach bergiger.
Ich lernte in meinen Begleitern fünf ehrliche Nomaden kennen, in deren
Herzen kein Falsch zu finden war. Sie hatten zur Feier einer Hochzeit
einen befreundeten Stamm besucht und kehrten nun zurück voll Freude über
die Festlichkeiten und Gelage, denen sie beigewohnt hatten.
Das Terrain hob sich mehr und mehr, bis es sich plötzlich wieder senkte.
Zur Rechten wurden in weiter Ferne die Ruinen von Alt-Tekrit sichtbar,
zur Linken, auch weit entfernt, der Dschebel Kernina, und vor uns
breitete sich das Thal des Tigris aus. In einer halben Stunde war der
Strom erreicht. Er hatte hier die Breite von wohl einer englischen
Meile, und seine Wasser wurden von einer großen, langgestreckten, grün
bewachsenen Insel geteilt, auf welcher ich mehrere Zelte erblickte.
»Du gehst mit hinüber? Du wirst unserem Scheik willkommen sein!«
»Wie kommen wir hinüber?«
»Das wirst du gleich sehen, denn wir sind bereits bemerkt worden. Komm
weiter aufwärts, wo das Kellek landet.«
Ein Kellek ist ein Floß, welches gewöhnlich zweimal so lang als breit
ist. Es besteht aus aufgeblasenen Ziegenfellen, welche durch Querhölzer
befestigt sind, über welche Balken oder Bretter gelegt werden, auf denen
sich die Last befindet. Das einzige Bindemittel besteht aus Weiden.
Regiert wird so ein Floß durch zwei Ruder, deren Riemen aus gespaltenen
und wieder zusammengebundenen Bambusstücken gefertigt sind. Ein solches
Floß stieß drüben von der Insel ab. Es war so groß, daß es mehr als
sechs Reiter tragen konnte, und brachte uns wohlbehalten hinüber.
Wir wurden von einer Menge von Kindern, einigen Hunden und einem alten,
ehrwürdig aussehenden Araber bewillkommt, welcher der Vater eines meiner
Gefährten war.
»Erlaube, daß ich dich zum Scheik führe,« sagte der bisherige
Wortführer.
Auf unserem Wege gesellten sich mehrere Männer zu uns, die sich aber
bescheiden hinter uns hielten und mich durch keine Frage belästigten.
Ihre Blicke hingen voll Bewunderung an meinem Pferde. Der Weg ging nicht
weit. Er endete vor einer ziemlich geräumigen Hütte, welche aus
Weidenstämmen gefertigt, mit Bambus gedeckt und von innen mit Matten
bekleidet war. Als wir eintraten, erhob sich ein stark und kräftig
gebauter Mann von dem Teppiche, auf dem er gesessen hatte. Er war
beschäftigt gewesen, sein Scharay[147] auf einem Steine zu schärfen.
[147] Scharfes afghanisches Messer.
»Sallam aaleïkum!« grüßte ich.
»Aaleïk!« antwortete er, indem er mich scharf musterte.
»Erlaube mir, o Scheik, dir diesen Mann zu bringen,« bat mein Begleiter.
»Er ist ein vornehmer Krieger, so daß ich ihm mein Zelt nicht anzubieten
wage.«
»Wen du bringst, der ist mir willkommen,« lautete die Antwort.
Der andere entfernte sich, und der Scheik reichte mir die Hand.
»Setze dich, o Fremdling. Du bist müde und hungrig, du sollst ruhen und
essen; erlaube aber zuvor, daß ich nach deinem Pferde sehe!«
Das war ganz das Verhalten eines Arabers: erst das Pferd und dann der
Mann. Als er wieder eintrat, sah ich es ihm sofort an, daß ihm der
Anblick des Rappen Achtung für mich eingeflößt hatte.
»Du hast ein edles Tier, Masch Allah; möge es dir erhalten bleiben! Ich
kenne es.«
Ah, das war allerdings schlimm! Vielleicht aber auch nicht!
»Woher kennst du es?«
»Es ist das beste Roß der Haddedihn.«
»Auch die Haddedihn kennst du?«
»Ich kenne alle Stämme. Aber dich kenne ich nicht.«
»Kennst du den Scheik der Haddedihn?«
»Mohammed Emin?«
»Ja. Von ihm komme ich.«
»Wohin willst du?«
»Zu dir.«
»Er hat dich zu mir gesandt?«
»Nein, und dennoch komme ich als sein Bote zu dir.«
»Ruhe dich erst aus, bevor du erzählst.«
»Ich bin nicht müde, und was ich dir zu sagen habe, ist so wichtig, daß
ich es gleich sagen möchte.«
»So sprich!«
»Ich höre, daß die Dschowari deine Feinde sind.«
»Sie sind es,« antwortete er mit finsterer Miene.
»Sie sind auch die meinigen; sie sind auch die Feinde der Haddedihn.«
»Ich weiß es.«
»Weißt du auch, daß sie sich mit den Abu Hammed und Obeïde verbunden
haben, die Haddedihn in ihren Weidegründen anzugreifen?«
»Ich weiß es.«
»Ich höre, daß du dich mit den Alabeïden vereinigt hast, sie zu
strafen?«
»Ja.«
»So komme ich zu dir, um das Nähere mit dir zu besprechen.«
»So sage ich nochmals: sei mir willkommen! Du wirst dich erquicken und
uns nicht eher verlassen, als bis ich meine Ältesten zusammengerufen
habe.«
Nach kaum einer Stunde saßen acht Männer um mich und den Scheik herum
und rissen große Fetzen Fleisches von dem Hammel, welcher aufgetragen
worden war. Diese acht Männer waren die Ältesten der Abu Mohammed. Ich
erzählte ihnen offen, wie ich zu den Haddedihn gekommen und der Bote
ihres Scheik geworden war.
»Was willst du uns für Vorschläge machen?« fragte der Scheik.
»Keine. Über eure Häupter sind mehr Jahre gezogen als über mein Haupt.
Es ziemt dem Jüngeren nicht, dem Alten die Wege vorzuschreiben.«
»Du sprichst die Sprache der Weisen. Dein Haupt ist noch jung, aber dein
Verstand ist alt, sonst hätte Mohammed Emin dich nicht zu seinem
Gesandten gemacht. Rede! Wir werden hören und dann entscheiden.«
»Wie viel Krieger zählt dein Stamm?«
»Neunhundert.«
»Und die Alabeïde?«
»Achthundert.«
»Das sind siebzehnhundert. Genau halb so viel, als die Feinde zusammen
zählen.«
»Wie viele Krieger haben die Haddedihn?«
»Elfhundert. Doch auf die Zahl kommt es oftmals weniger an. Wißt ihr
vielleicht, wann die Dschowari sich mit den Abu Hammed vereinigen
wollen?«
»Am Tage nach dem nächsten Jaum el Dschema[148].«
[148] Tag der Versammlung = Freitag.
»Weißt du das genau?«
»Wir haben einen treuen Verbündeten unter den Dschowari.«
»Und wo soll diese Vereinigung geschehen?«
»Bei den Ruinen von Khan Kernina.«
»Und dann?«
»Dann werden sich diese beiden Stämme mit den Obeïde vereinigen.«
»Wo?«
»Zwischen dem Wirbel Kelab und dem Ende der Kanuzaberge.«
»Wann?«
»Am dritten Tage nach dem Versammlungstag.«
»Du bist außerordentlich gut unterrichtet. Wohin werden sie sich nachher
wenden?«
»Grad nach den Weideplätzen der Haddedihn.«
»Was wolltet ihr thun?«
»Wir wollten die Zelte überfallen, in denen sie ihre Frauen und Kinder
zurücklassen, und dann ihre Herden wegführen.«
»Würde dies klug sein?«
»Wir nehmen uns das wieder, was uns geraubt wurde.«
»Ganz richtig. Aber die Haddedihn sind elfhundert, die Feinde aber
dreitausend Krieger. Sie hätten gesiegt, wären als Sieger zurückgekehrt
und euch nachgejagt, um euch mit dem Raube auch eure jetzige Habe
wegzunehmen. Wenn ich unrecht habe, so sagt es.«
»Du hast recht. Wir dachten, die Haddedihn würden durch andere Stämme
der Schammar verstärkt werden.«
»Diese Stämme werden vom Gouverneur von Mossul angegriffen.«
»Was rätst du uns? Würde es nicht am besten sein, die Feinde einzeln zu
vernichten?«
»Ihr würdet einen Stamm besiegen, und die andern beiden aufmerksam
machen. Sie müssen kurz nach ihrer Vereinigung, also bei dem Wirbel El
Kelab angegriffen werden. Wenn es euch recht ist, wird Mohammed Emin am
dritten Tage nach dem Jaum el Dschema mit seinen Kriegern von den
Kanuzabergen herabsteigen und sich auf die Feinde werfen, während ihr
sie von Süden angreift und sie somit in den Strudel Kelab getrieben
werden.«
Dieser Plan wurde nach längerer Beratung angenommen und dann noch auf
das Eingehendste besprochen. Darüber war ein großer Teil des Nachmittags
vergangen und der Abend rückte heran, so daß ich mich veranlaßt sah,
für die Nacht noch zu bleiben. Am andern Morgen aber wurde ich beizeiten
wieder an das Ufer gesetzt und ritt denselben Weg zurück, den ich
gekommen war.
Meine Aufgabe, die ein so schwieriges Aussehen gehabt hatte, war auf
eine so leichte und einfache Weise gelöst worden, daß ich mich fast
schämen mußte, es zu erzählen. Der Rappe durfte nicht so billig verdient
werden. Was konnte ich aber noch thun? Ja, war es nicht vielleicht
besser, den Kampfplatz vorher ein wenig zu studieren? Diesen Gedanken
wurde ich nicht wieder los. Ich setzte also gar nicht über den Thathar
zurück, sondern ritt an seinem linken Ufer nach Norden hinauf, um die
Kanuzaberge zu erreichen. Erst als der Nachmittag beinahe zur Hälfte
verflossen war, kam mir der Gedanke, ob nicht das Wadi Dschehennem, wo
ich mit dem Engländer die Pferdediebe getroffen hatte, ein Teil dieser
Kanuzaberge sei. Ich wußte diese Frage nicht zu beantworten, setzte
meinen Weg fort und hielt mich später mehr nach rechts, um in die Nähe
des Dschebel Hamrin zu kommen.
Die Sonne war beinahe bis zum Horizont niedergesunken, als ich zwei
Reiter bemerkte, welche am westlichen Gesichtskreise erschienen und mit
großer Schnelligkeit näher kamen. Als sie mich sahen, hielten sie einen
Augenblick an, kamen aber dann auf mich zu. Sollte ich fliehen? Vor
zweien? Nein! Ich parierte also mein Pferd und erwartete sie.
Es waren zwei Männer, welche in dem rüstigsten Alter standen. Sie
hielten vor mir an.
»Wer bist du?« fragte der eine mit einem lüsternen Blick auf den Rappen.
So eine Anrede war mir unter Arabern noch nicht vorgekommen.
»Ein Fremdling,« antwortete ich kurz.
»Woher kommst du?«
»Von Westen, wie ihr seht.«
»Wohin willst du?«
»Wohin das Kismet mich führt.«
»Komm mit uns. Du sollst unser Gast sein.«
»Ich danke dir. Ich habe bereits einen Gastfreund, der für ein Lager
sorgt.«
»Wen?«
»Allah. Lebt wohl!«
Ich war zu sorglos gewesen, denn noch hatte ich mich nicht abgewandt, so
langte der eine in den Gürtel, und im nächsten Augenblick flog mir seine
Wurfkeule so an den Kopf, daß ich sofort vom Pferde glitt. Zwar dauerte
die Betäubung nicht lange, aber die Räuber hatten mich doch unterdessen
binden können.
»Sallam aaleïkum,« grüßte jetzt der eine. »Wir waren vorhin nicht
höflich genug, und daher war dir unsere Gastfreundschaft nicht angenehm.
Wer bist du?«
Ich antwortete natürlich nicht.
»Wer du bist?«
Ich schwieg, trotzdem er seine Frage mit einem Fußtritte begleitete.
»Laß ihn,« meinte der andere. »Allah wird Wunder thun und ihm den Mund
öffnen. Soll er reiten oder gehen?«
»Gehen!«
Sie lockerten mir die Riemen um die Beine und banden mich an den
Steigbügel des einen Pferdes. Dann nahmen sie meinen Rappen beim Zügel
und -- fort ging es, scharf nach Osten. Ich war trotz meines guten
Pferdes ein Gefangener. Der Mensch ist oft ein sehr übermütiges
Geschöpf!
Das Terrain erhob sich nach und nach. Wir kamen zwischen Bergen
hindurch, und endlich sah ich aus einem Thale mehrere Feuer uns
entgegenleuchten. Es war nämlich mittlerweile Nacht geworden. Wir
lenkten in dies Thal ein, kamen an mehreren Zelten vorüber und hielten
endlich vor einem derselben, aus welchem in diesem Augenblick ein junger
Mann trat. Er sah mich und ich ihn -- wir erkannten einander.
»Allah il Allah! Wer ist dieser Gefangene?« fragte er.
»Wir fingen ihn draußen in der Ebene. Er ist ein Fremder, der uns keine
Thar[149] bringen wird. Sieh dieses Tier an, welches er ritt!«
[149] Blutrache.
Der Angeredete trat zu dem Rappen und rief erstaunt:
»Allah akbar, das ist ja der Rappe von Mohammed Emin, dem Haddedihn!
Führt diesen Menschen hinein zu meinem Vater, dem Scheik, daß er verhört
werde. Ich rufe die andern zusammen.«
»Was thun wir mit dem Pferde?«
»Es bleibt vor dem Zelte des Scheik.«
»Und seine Waffen?«
»Werden in das Zelt gebracht.«
Eine halbe Stunde später stand ich abermals vor einer Versammlung, aber
vor einer Versammlung von -- Richtern. Hier konnte mein Schweigen nichts
nützen, und ich beschloß daher, zu sprechen.
»Kennst du mich?« fragte der Älteste der Anwesenden.
»Nein.«
»Weißt du, wo du dich befindest?«
»Nein.«
»Kennst du diesen jungen, tapferen Araber?«
»Ja.«
»Wo hast du ihn gesehen?«
»Am Dschebel Dschehennem. Er hatte mir vier Pferde gestohlen, welche ich
mir wieder holte.«
»Lüge nicht!«
»Wer bist du, daß du so zu mir sprichst?«
»Ich bin Zedar Ben Huli, der Scheik der Abu Hammed.«
»Zedar Ben Huli, der Scheik der Pferderäuber!«
»Mensch, schweig! Dieser junge Krieger ist mein Sohn.«
»Du kannst stolz auf ihn sein, o Scheik!«
»Schweig, sage ich dir abermals, sonst wirst du es bereuen. Wer ist ein
Pferderäuber? Du bist es! Wem gehört das Pferd, welches du geritten
hast?«
»Mir.«
»Lüge nicht!«
»Zedar Ben Huli, danke Allah, daß mir die Hände gebunden sind. Wenn das
nicht wäre, so würdest du mich niemals wieder einen Lügner heißen!«
»Bindet ihn fester!« gebot er.
»Wer will sich an mir vergreifen, an dem Hadschi, in dessen Tasche sich
das Wasser des Zem-Zem befindet!«
»Ja, ich sehe, du bist ein Hadschi, denn du hast das Hamaïl umhangen.
Aber hast du wirklich das Wasser des heiligen Zem-Zem bei dir?«
»Ja.«
»Gieb uns davon.«
»Nein.«
»Warum nicht?«
»Ich trage das Wasser nur für Freunde bei mir.«
»Sind wir deine Feinde?«
»Ja.«
»Nein. Wir haben dir noch kein Leid gethan. Wir wollen nur das Pferd,
welches du geraubt hast, seinem Eigner wieder bringen.«
»Der Eigner bin ich.«
»Du bist ein Hadschi mit dem heiligen Zem-Zem, und dennoch sagst du die
Unwahrheit. Ich kenne diesen Hengst ganz genau; er gehört Mohammed Emin,
dem Scheik der Haddedihn. Wie kommst du zu diesem Pferde?«
»Er hat es mir geschenkt.«
»Du lügst! Kein Araber verschenkt ein solches Pferd.«
»Ich sagte dir bereits, daß du Allah danken sollst dafür, daß ich
gefesselt bin!«
»Warum hat er dir es geschenkt?«
»Das ist seine Sache und die meinige; Euch aber geht das nichts an!«
»Du bist ein sehr höflicher Hadschi! Du mußt dem Scheik der Haddedihn
einen großen Dienst erwiesen haben, da er dir ein solches Geschenk
giebt. Wir wollen dich nicht weiter darüber fragen. Wann hast du die
Haddedihn verlassen?«
»Vorgestern früh.«
»Wo weiden ihre Herden?«
»Ich weiß es nicht. Die Herden des Arabers sind bald hier, bald dort.«
»Könntest du uns zu ihnen führen?«
»Nein.«
»Wo warst du seit vorgestern?«
»Überall.«
»Gut; du willst nicht antworten, so magst du sehen, was mit dir
geschieht. Führet ihn fort!«