Zunächst wurde eine Sufrah vor uns hingelegt. Dies ist eine Art

Tischtuch von gegerbtem Leder, das an seinem Rande mit farbigen

Streifen, Fransen und Verzierungen versehen ist. Es enthält zugleich

eine Anzahl von Taschen und kann, wenn es zusammengelegt worden ist, als

Vorratstasche für Speisewaaren benützt werden. Dann wurde der Kaffee

gebracht. Für jetzt erhielt jeder Geladene nur ein kleines Täßchen voll

dieses Getränkes. Dann kam eine Schüssel mit Salatah. Dies ist ein sehr

erfrischendes Gericht und besteht aus geronnener Milch mit

Gurkenschnittchen, die etwas gesalzen und gepfeffert sind. Zugleich

wurde ein Topf vor den Scheik gesetzt. Er enthielt frisches Wasser, aus

welchem die Hälse von drei Flaschen ragten. Zwei von ihnen enthielten

wie ich bald merkte, Araki, und die dritte war mit einer wohlriechenden

Flüssigkeit gefüllt, mit welcher uns der Herr nach jedem Gange

bespritzte.

Nun kam ein ungeheurer Napf voll flüssiger Butter. Sie wird hier Samn

genannt und von den Arabern sowohl als Einleitung und Nachtisch, als

auch zu jeder anderen Zeit mit Vorliebe gegessen und getrunken. Dann

wurden kleine Körbchen mit Datteln vorgesetzt. Ich erkannte die

köstliche, flach gedrückte El Schelebi, welche etwa so verpackt wird,

wie bei uns die Feige oder die Prunelle. Sie ist ungefähr zwei Zoll

lang, kleinkernig und von ebenso herrlichem Geruch wie Geschmack. Dann

sah ich die seltene Adschwa, welche niemals in den Handel kommt; denn

der Prophet hat von ihr gesagt: Wer das Fasten durch den täglichen Genuß

von sechs oder sieben Adschwa bricht, der braucht weder Gift noch Zauber

zu fürchten. -- Auch die Hilwah, die süßeste, die Dschuseirijeh, die

grünste, und El Birni und El Seihani waren vertreten. Für die minder

vornehmen Gäste waren Balah, am Baume getrocknete Datteln, nebst

Dschebeli und Hylajeh vorhanden. Auch Kelladat el Scham, syrische

Halsbänder, lagen da. Dies sind Datteln, welche man in noch unreifem

Zustande in siedendes Wasser taucht, damit sie ihre gelbe Farbe behalten

sollen; dann reiht man sie auf eine Schnur und läßt sie in der Sonne

trocknen.

Nach den Datteln trug man ein Gefäß mit Kunafah, d. i. mit Zucker

bestreute Nudeln, auf. Nun hob der Wirt die Hände empor.

»Bismillah!« rief er und gab damit das Zeichen zum Beginn des Mahles.

Er langte mit den Fingern in die einzelnen Näpfe, Schüsseln und Körbe

und steckte erst mir, dann dem Engländer dasjenige, was er für das Beste

hielt, in den Mund. Ich hätte allerdings lieber meine eigenen Finger

gebraucht, aber ich mußte ihn gewähren lassen, da ich ihn sonst

unverzeihlich beleidigt hätte. Master Lindsay aber zog, als er die erste

Nudel in den Mund gestopft erhielt, diesen seinen Mund nach seiner

bekannten Weise in ein Trapezoid und machte ihn nicht eher wieder zu,

als bis ich ihn aufmerksam machte:

»Eßt, Sir, wenn ihr diese Leute nicht tödlich beleidigen wollt!«

Er klappte den Mund zu, schluckte den Bissen hinunter und meinte dann,

natürlich in englischer Sprache:

»Brr! Ich habe doch Messer und Gabel in meinem Besteck bei mir!«

»Laßt sie stecken! Wir müssen uns nach der Sitte des Landes richten.«

»Schauderhaft!«

»Was sagt dieser Mann?« fragte der Scheik.

»Er ist ganz entzückt über dein Wohlwollen.«

»O, ich liebe euch!«

Bei diesen Worten fuhr er mit der Hand in die saure Milch und klebte

dem ehrenwerten Master Englishman eine Portion unter die lange Nase. Der

so Beglückte schnaubte einige Male, um sich Luft und Mut zu machen, und

versuchte dann, die Gabe des Wohlwollens mittelst seiner Zunge von dem

unteren Teile seines Angesichtes hinweg in das Innere derjenigen Öffnung

zu bringen, welche der Vorhof des Verdauungsapparates genannt werden

muß.

»Schrecklich!« lamentierte er dann. »Muß ich das wirklich leiden?«

»Ja.«

»Ohne Gegenwehr?«

»Ohne! Aber rächen könnt Ihr Euch.«

»Wie so?«

»Paßt auf, wie ich es mache, und thut dann ebenso!«

Ich langte in die Nudeln und steckte dem Scheik eine Portion davon in

den Mund. Er hatte sie noch nicht verschluckt, so griff David Lindsay in

die flüssige Butter und langte ihm eine Handvoll zu. Was ich von dem

Scheik als einem Moslem nicht erwartet hatte, das geschah; er nahm die

Gabe eines Ungläubigen ohne Sträuben an. Jedenfalls behielt er sich vor,

sich später zu waschen und durch ein längeres oder kürzeres Fasten sich

von dem Vergehen wieder zu reinigen.

Während wir beide auf diese Weise von dem Scheik gespeist wurden, teilte

ich meine Gaben reichlich unter die andern aus. Sie hielten das für eine

große Bevorzugung durch mich und boten mir den Mund mit sichtbarem

Vergnügen dar. Bald war von dem Vorhandenen nichts mehr zu sehen.

Nun klatschte der Scheik laut in die Hände. Man brachte eine Sini. Das

ist eine sehr große, mit Zeichnungen und Inschriften versehene Schüssel

von fast sechs Fuß im Umfange. Sie war gefüllt mit Birgani, einem

Gemenge von Reis und Hammelfleisch, welches in zerlassener Butter

schwamm. Dann kam ein Warah Maschi, ein stark gewürztes Ragout aus

Hammelschnitten, nachher Kabab, kleine, auf spitze Holzstäbchen

gespießte Bratenstückchen, dann Kima, gekochtes Fleisch, eingelegte

Granaten, Äpfel und Quitten und endlich Raha, ein Zuckerwerk von der

Art, wie auch wir es in verschiedenen Sorten beim Nachtisch zu naschen

pflegen.

Endlich? O nein! Denn als ich das Mahl beendet glaubte, wurde noch das

Hauptstück desselben gebracht: ein Hammel, ganz am Spieße gebraten. Ich

konnte nicht mehr essen.

»El Hamd ul illah!« rief ich daher, steckte meine Hände in den

Wassertopf und trocknete sie mir an meinem Gewande ab.

Das war das Zeichen, daß ich nicht mehr essen würde. Der Morgenländer

kennt bei Tafel das sogenannte lästige »Nötigen« nicht. Wer sein »El

Hamd« gesagt hat, wird nicht weiter beachtet. Das bemerkte der

Engländer.

»El Hamdillah!« rief auch er, fuhr mit der Hand in das Wasser und --

betrachtete sie dann sehr verlegen.

Der Scheik bemerkte das und hielt ihm sein Haïk entgegen.

»Sage deinem Freunde,« meinte er zu mir, »daß er seine Hände an meinem

Kleide trocknen möge. Die Engländer verstehen wohl nicht viel von

Reinlichkeit, denn sie haben nicht einmal ein Gewand, an welchem sie

sich abtrocknen können.«

Ich gab Lindsay das Anerbieten des Scheik zu verstehen, und er machte

hierauf den ausgiebigsten Gebrauch davon.

Nun wurde von dem Araki gekostet, und dann ward einem jeden der Kaffee

und eine Pfeife gereicht. Nun erst begann der Scheik, mich den Seinen

vorzustellen:

»Ihr Männer vom Stamme der Haddedihn el Schammar, dieser Mann ist ein

großer Emir und Hadschi aus dem Lande der Uëlad German; sein Name

lautet -- --«

»Hadschi Kara Ben Nemsi,« fiel ich ihm in die Rede.

»Ja, sein Name lautet Emir Hadschi Kara Ben Nemsi; er ist der größte

Krieger seines Landes und der weiseste Taleb seines Volkes. Er hat den

Brunnen Zem-Zem bei sich und geht in alle Länder, um Abenteuer zu

suchen. Wißt ihr nun, was er ist? Ein Dschihad[146] ist er. Laßt uns

sehen, ob es ihm gefällt, mit uns gegen unsere Feinde zu ziehen!«

[146] Einer, welcher auszieht, um für den Glauben zu kämpfen.

Das brachte mich in eine ganz eigentümliche, unerwartete Lage. Was

sollte ich antworten? Denn eine Antwort erwarteten alle von mir, das war

ihren auf mich gerichteten Blicken anzusehen. Ich entschloß mich kurz:

»Ich kämpfe für alles Rechte und Gute gegen alles, was unrecht und

falsch ist. Mein Arm gehört euch; vorher aber muß ich diesen Mann,

meinen Freund, dahin bringen, wohin ihn zu geleiten ich versprochen

habe.«

»Wohin ist das?«

»Das muß ich euch erklären. Vor mehreren tausend Jahren lebte in diesem

Lande ein Volk, welches große Städte und herrliche Paläste besaß. Das

Volk ist untergegangen, und seine Städte und Paläste liegen verschüttet

unter der Erde. Wer in die Tiefe gräbt, der kann sehen und lernen, wie

es vor Jahrtausenden gewesen ist, und dies will mein Freund thun. Er

will in der Erde suchen nach alten Zeichen und Schriften, um sie zu

enträtseln und zu lesen -- -- --«

»Und nach Gold, um es mitzunehmen,« fiel der Scheik ein.

»Nein,« antwortete ich. »Er ist reich; er hat Gold und Silber, so viel

er braucht. Er sucht nur Schriften und Bilder; alles andere will er den

Bewohnern dieses Landes lassen.«

»Und was sollst du dabei thun?«

»Ich soll ihn an eine Stelle führen, an der er findet, was er sucht.«

»Dazu braucht er dich nicht, und du kannst immerhin mit uns in den Kampf

ziehen. Wir selbst werden ihm genug solche Stellen zeigen. Das ganze

Land ist voller Ruinen und Trümmer.«

»Aber es kann niemand mit ihm sprechen, wenn ich nicht bei ihm bin. Ihr

versteht nicht seine Sprache, und er kennt nicht die eurige.«

»So mag er zuvor mit uns in den Kampf ziehen, und dann werden wir euch

viele Orte zeigen, wo ihr Schriften und Bilder finden könnt.«

Lindsay merkte, daß von ihm die Rede war.

»Was sagen sie?« fragte er mich.

»Sie fragen mich, was Ihr in diesem Lande wollt.«

»Habt Ihr es ihnen gesagt, Sir?«

»Ja.«

»Daß ich Fowling-bulls ausgraben will?«

»Ja.«

»Nun?«

»Sie wollen, ich soll nicht bei Euch bleiben.«

»Was sonst machen?«

»Mit ihnen in den Kampf ziehen. Sie halten mich für einen großen

Helden.«

»Hm! Wo finde ich Fowling-bulls?«

»Sie wollen Euch solche zeigen.«

»Ah! Aber ich verstehe diese Leute nicht!«

»Das habe ich ihnen gesagt.«

»Was geantwortet?«

»Ihr sollt mit in den Kampf ziehen, und dann wollen sie uns zeigen, wo

Inschriften und dergleichen zu finden sind.«

»#Well!# Wir ziehen mit ihnen!«

»Das geht ja nicht!«

»Warum nicht?«

»Wir gefährden uns dabei. Was gehen uns die Feindseligkeiten anderer

an?«

»Nichts. Aber eben darum können wir gehen, mit wem wir wollen.«

»Das ist sehr zu überlegen.«

»Fürchtet Ihr Euch, Sir?«

»Nein.«

»Ich dachte! Also mitziehen. Sagt es ihnen!«

»Ihr werdet Euch noch anders besinnen.«

»Nein!«

Er drehte sich auf die Seite, und das war ein untrügliches Zeichen, daß

er sein letztes Wort gesagt habe. Ich wandte mich also wieder an den

Scheik:

»Ich habe dir vorhin gesagt, daß ich für alles Rechte und Gute kämpfe.

Ist Eure Sache recht und gut?«

»Soll ich sie dir erzählen?«

»Ja.«

»Hast du von dem Stamme der Dschehesch gehört?«

»Ja. Es ist ein treuloser Stamm. Er verbindet sich sehr oft mit den Abu

Salman und den Tai-Arabern, um die Nachbarstämme zu berauben.«

»Du weißt es. Er fiel über den meinigen her und raubte uns mehrere

Herden; wir aber eilten ihm nach und nahmen ihm alles wieder. Nun hat

uns der Scheik der Dschehesch beim Gouverneur verklagt und ihn

bestochen. Dieser schickte zu mir und entbot mich mit den vornehmsten

Kriegern meines Stammes zu einer Besprechung nach Mossul. Ich hatte eine

Wunde erhalten und konnte weder reiten noch gehen. Darum sandte ich

meinen Sohn mit fünfzehn Kriegern zu ihm. Er war treulos, nahm sie

gefangen und schickte sie an einen Ort, den ich noch nicht erfahren

habe.«

»Hast du dich nach ihnen erkundigt?«

»Ja, aber ohne Erfolg, da kein Mann meines Stammes sich nach Mossul

wagen kann. Die Stämme der Schammar waren entrüstet über diesen Verrat

und töteten einige Soldaten des Gouverneur. Nun rüstet er gegen sie und

hat zugleich die Obeïde, die Abu Hammed und die Dschowari gegen mich

gehetzt, obgleich sie nicht unter seine Hoheit, sondern nach Bagdad

gehören.«

»Wo lagern deine Feinde?«

»Sie rüsten erst.«

»Willst du dich nicht mit den anderen Schammarstämmen vereinigen?«

»Wo sollten da unsere Herden Weide finden?«

»Du hast recht. Ihr wollt euch teilen und den Gouverneur in die Wüste

locken, um ihn zu verderben?«

»So ist es. Er mit seinem Heere kann den Schammar nichts thun. Anders

aber ist es mit meinen Feinden; sie sind Araber; ich darf sie nicht bis

zu meinen Weideplätzen kommen lassen.«

»Wie viel Krieger zählt dein Stamm?«

»Elfhundert.«

»Und deine Gegner?«

»Mehr als dreimal so viel.«

»Wie lange dauert es, die Krieger deines Stammes zu versammeln?«

»Einen Tag.«

»Wo haben die Obeïde ihr Lager?«

»Am untern Laufe des Zab-asfal.«

»Und die Abu Hammed?«

»In der Nähe von El Fattha, an der Stelle, wo der Tigris durch die

Hamrinberge bricht.«

»Auf welcher Seite?«

»Auf beiden.«

»Und die Dschowari?«

»Zwischen dem Dschebel Kernina und dem rechten Ufer des Tigris.«

»Hast du Kundschafter ausgesandt?«

»Nein.«

»Das hättest du thun sollen.«

»Es geht nicht. Jeder Schammar ist sofort zu erkennen, und wäre

verloren, wenn man ihm begegnete. Aber -- -- --«

Er hielt inne und blickte mich forschend an. Dann fuhr er fort:

»Emir, du bist wirklich der Freund von Malek, dem Ateïbeh?«

»Ja.«

»Und auch unser Freund?«

»Ja.«

»Komm mit mir; ich werde dir etwas zeigen!«

Er verließ das Zelt. Ich folgte ihm mit dem Engländer und allen

anwesenden Arabern. Neben dem großen Zelte hatte man während unseres

Mahles ein kleineres für die beiden Diener aufgeschlagen, und im

Vorübergehen bemerkte ich, daß man auch sie mit Speise und Trank bedacht

hatte. Außerhalb des Zeltkreises standen die Pferde des Scheik

angebunden; zu ihnen führte er mich. Sie waren alle ausgezeichnet, zwei

aber entzückten mich förmlich. Eines war eine junge Schimmelstute, das

schönste Geschöpf, welches ich jemals gesehen hatte. Seine Ohren waren

lang, dünn und durchscheinend, die Nasenlöcher hoch, aufgeblasen und

tief rot, Mähne und Schweif wie Seide.

»Herrlich!« rief ich unwillkürlich.

»Sage: Masch Allah!« bat mich der Scheik.

Der Araber ist nämlich in Beziehung auf das sogenannte »Beschreien« sehr

abergläubig. Wem irgend etwas sehr gefällt, der hat »Masch Allah« zu

sagen, wenn er nicht sehr anstoßen will.

»Masch Allah!« antwortete ich.

»Glaubst du, daß ich auf dieser Stute den wilden Esel des Sindschar müde

gejagt habe, bis er zusammenbrach?«

»Unmöglich!«

»Bei Allah, es ist wahr! Ihr könnt es bezeugen!«

»Wir bezeugen es!« riefen die Araber wie aus _einem_ Munde.

»Diese Stute geht nur mit meinem Leben von mir,« erklärte der Scheik.

»Welches Pferd gefällt dir noch?«

»Dieser Hengst. Siehe diese Gliederung, diese Symmetrie, diesen Adel und

diese wunderseltene Färbung, ein Schwarz, welches in das Blau übergeht!«

»Das ist noch nicht alles. Der Hengst hat die drei höchsten Tugenden

eines guten Pferdes.«

»Welche?«

»Schnellfüßigkeit, Mut und einen langen Atem.«

»An welchen Zeichen erkennst du dies?«

»Die Haare wirbeln sich an der Croupe: das zeigt, daß er schnellfüßig

ist; sie wirbeln sich am Beginn der Mähne: das zeigt, daß er einen

langen Atem hat, und sie wirbeln sich ihm in der Mitte der Stirne: das

zeigt, daß er einen feurigen, stolzen Mut besitzt. Er läßt seinen

Reiter nie im Stich und trägt ihn durch tausend Feinde. Hast du einmal

ein solches Pferd besessen?«

»Ja.«

»Ah! So bist du ein sehr reicher Mann.«

»Es kostete mich nichts -- es war ein Mustang.«

»Was ist ein Mustang?«

»Ein wildes Pferd, welches man sich erst einfangen und zähmen muß.«

»Würdest du diesen Rapphengst kaufen, wenn ich wollte und wenn du

könntest?«

»Ich würde ihn auf der Stelle kaufen.«

»Du kannst ihn dir verdienen!«

»Ah! Unmöglich!«

»Ja. Du kannst ihn zum Geschenk erhalten.«

»Unter welcher Bedingung?«

»Wenn du uns sichere Kundschaft bringst, wo die Obeïde, Abu Hammed und

Dschowari sich vereinigen werden.«

Beinahe hätte ich ein »Juchhei!« hinausgejubelt. Der Preis war hoch,

aber das Roß war noch mehr wert. Ich besann mich nicht lange und fragte:

»Bis wann verlangst du diese Nachricht?«

»Bis du sie bringen kannst.«

»Und wann erhalte ich das Pferd?«

»Wenn du zurückgekehrt bist.«

»Du hast recht; ich kann es nicht eher verlangen; aber dann kann ich

deinen Auftrag auch nicht ausführen.«

»Warum?«

»Weil vielleicht alles darauf ankommt, daß ich ein Pferd reite, auf

welches ich mich in jeder Beziehung verlassen kann.«

Er blickte zu Boden.

»Weißt du, daß bei einem solchen Vorhaben der Hengst sehr leicht

verloren gehen kann?«

»Ich weiß es; es kommt auch auf den Reiter an. Aber wenn ich ein solches

Pferd unter mir habe, so wüßte ich keinen Menschen, der mich oder das

Tier fangen könnte.«

»Reitest du so gut?«

»Ich reite nicht so wie ihr; ich müßte das Pferd eines Schammar erst an

mich gewöhnen.«

»So sind wir dir überlegen!«

»Überlegen? Seid ihr gute Schützen?«

»Wir schießen im Galopp die Taube vom Zelte.«

»Gut. Leihe mir den Hengst und schicke zehn Krieger hinter mir her. Ich

werde mich nicht auf tausend Lanzenlängen von deinem Lager entfernen und

gebe ihnen die Erlaubnis, auf mich zu schießen, so oft es ihnen beliebt.

Sie werden mich nicht fangen und mich auch nicht treffen.«

»Du sprichst im Scherze, Emir!«

»Ich rede im Ernste.«

»Und wenn ich dich beim Wort nehme?«

»Gut!«

Die Augen der Araber leuchteten vor Vergnügen. Gewiß war ein jeder von

ihnen ein vortrefflicher Reiter; sie brannten vor Verlangen, daß der

Scheik auf mein Anerbieten eingehen werde.

Dieser aber blickte sehr unschlüssig vor sich nieder.

»Ich weiß, welcher Gedanke dein Herz bewegt, o Scheik,« sagte ich ihm.

»Sieh mich an! Trennt ein Mann sich von solchen Waffen, wie ich sie

trage?«

»Nie!«

Ich entledigte mich derselben und legte sie vor ihm nieder.

»Sieh, hier lege ich sie dir zu Füßen, als Pfand, daß ich nicht

gekommen bin, dir den Hengst zu rauben; und wenn dies noch nicht genug

ist, so sei mein Wort und auch hier mein Freund dir Pfand.«

Jetzt lächelte er beruhigt.

»Es sei, also zehn Mann?«

»Ja, auch zwölf oder fünfzehn.«

»Die auf dich schießen dürfen?«

»Ja. Wenn ich erschossen werde, wird sie kein Vorwurf treffen. Wähle

deine besten Reiter und Schützen aus!«

»Du bist tollkühn, Emir!«

»Das glaubst du nur.«

»Sie haben sich nur hinter dir zu halten?«

»Sie können reiten, wie und wohin sie wollen, um mich zu fangen oder mit

ihrer Kugel zu treffen.«

»Allah kerihm, so bist du bereits jetzt schon ein toter Mann!«

»Aber sobald ich hier an diesem Orte halten bleibe, ist das Spiel zu

Ende!«

»Wohl, du willst es nicht anders. Ich werde meine Stute reiten, um alles

sehen zu können.«

»Erlaube mir zuvor, den Hengst zu probieren!«

»Thue es!«

Ich saß auf, und während der Scheik diejenigen bestimmte, welche mich

fangen sollten, merkte ich, daß ich mich auf den Hengst ganz und gar

verlassen konnte. Dann sprang ich wieder ab und entfernte den Sattel.

Das stolze Tier merkte, daß etwas Ungewöhnliches im Gange sei; seine

Augen funkelten, seine Mähne hob sich, und seine Füßchen gingen wie die

Füße einer Tänzerin, welche versuchen will, ob das Parkett des Saales

»wichsig« genug zum Contre sei. Ich schlang ihm einen Riemen um den Hals

und knüpfte eine Schlinge an die eine Seite des fest angezogenen

Bauchgurtes.

»Du entferntest den Sattel?« fragte der Scheik. »Wozu diese Riemen?«

»Das wirst du sehr bald sehen. Hast du die Wahl unter deinen Kriegern

getroffen?«

»Ja; hier sind zehn!«

Sie saßen bereits auf ihren Pferden; ebenso stiegen alle Araber auf,

welche sich in der Nähe befanden.

»So mag es beginnen. Seht ihr das einzelne Zelt, sechshundert Schritte

von hier?«

»Wir sehen es.«

»Sobald ich es erreicht habe, könnt ihr auf mich schießen; auch sollt

ihr mir gar keinen Vorsprung lassen. Vorwärts!«

Ich sprang auf -- der Hengst schoß wie ein Pfeil davon. Die Araber

folgten ihm hart auf den Hufen. Es war ein Prachtpferd. Noch hatte ich

die Hälfte der angegebenen Entfernung nicht zurückgelegt, als der

vorderste Verfolger bereits um fünfzig Schritte zurückgeblieben war.

Jetzt bog ich mich nieder, um den Arm in den Halsriemen und das Bein in

die Schlinge zu stecken. Kurz vor dem angegebenen Zelte blickte ich mich

um; alle zehn hielten ihre langen Flinten oder ihre Pistolen

schußfertig. Jetzt warf ich das Pferd in einem rechten Winkel herum.

Einer der Verfolger parierte sein Pferd mit jener Sicherheit, wie es nur

ein Araber zu stande bringt; es stand, als sei es aus Erz gegossen. Er

hob die Flinte empor; der Schuß krachte.

»Allah il Allah, ïa Allah, Wallah, Tallah!« rief es.

Sie glaubten, ich sei getroffen, denn ich war nicht mehr zu sehen. Ich

hatte mich nach Art der Indianer vom Pferde geworfen und hing nun

mittels des Riemens und der Schlinge an derjenigen Seite desselben,

welche den Verfolgern abgewendet war. Ein Blick unter dem Halse des

Rappen hindurch überzeugte mich, daß niemand mehr ziele, und sofort

richtete ich mich wieder im Sattel empor, drückte das Pferd wieder nach

rechts hinüber und jagte weiter.

»Allah akbar, Maschallah, Allah il Allah!« brauste es hinter mir. Die

guten Leute konnten sich die Sache noch nicht erklären.

Sie vermehrten ihre Schnelligkeit und hoben ihre Flinten wieder empor.

Ich zog den Rappen nach links, warf mich wieder ab und ritt in einem

spitzen Winkel an ihrer Flanke vorüber. Sie konnten nicht schießen, wenn

sie nicht das Pferd treffen wollten. Trotzdem die Jagd gefährlich

aussah, war sie bei der Vortrefflichkeit meines Pferdes doch nur wie das

Kinderhaschen, welches ich Indianern gegenüber allerdings nicht hätte

wagen dürfen. Wir jagten einigemal um das außerordentlich ausgedehnte

Lager herum; dann galoppierte ich, immer an der Seite des Pferdes

hangend, mitten zwischen den Verfolgern hindurch, nach dem Orte, an

welchem der Ritt begonnen hatte.

Als ich abstieg, zeigte der Rappe nicht eine Spur von Schweiß oder

Schaum. Er war wirklich kaum mit Geld zu bezahlen. Nach und nach kamen

auch die Verfolger an. Es waren im ganzen fünf Schüsse auf mich

gefallen, natürlich aber hatte keiner getroffen. Der alte Scheik faßte

mich bei der Hand.

»Hamdulillah! Preis sei Allah, daß du nicht verwundet bist! Ich habe

Angst um dich gehabt. Es giebt im ganzen Stamm El Schammar keinen

solchen Reiter, wie du bist!«

»Du irrst. Es giebt in deinem Stamme sehr viele, welche besser reiten

als ich, viel besser; aber sie haben es nicht gewußt, daß sich der

Reiter hinter seinem Pferde verbergen kann. Wenn ich von keiner Kugel

und von keinem Manne erreicht wurde, so habe ich es nicht mir, sondern

diesem Pferde zu danken. Aber, erlaubst du vielleicht, daß wir das Spiel

einmal verändern?«

»Wie?«

»Es soll so bleiben, wie vorhin, nur mit dem Unterschiede, daß ich auch

ein Gewehr zu mir nehmen und auf diese zehn Männer schießen kann.«

»Allah kerihm, Allah ist gnädig; er verhüte ein solches Unglück, denn du

würdest sie alle vom Pferde schießen!«

»So glaubst du nun also wohl, daß ich mich weder vor den Obeïde noch vor

den Abu Hammed und den Dschowari fürchte, wenn ich diesen Hengst unter

mir habe?«

»Emir, ich glaube es.« -- Er rang sichtlich mit einem Entschlusse, dann

aber setzte er hinzu: »Du bist Hadschi Kara Ben Nemsi, der Freund meines

Freundes Malek, und ich vertraue dir. Nimm den Hengst und reite gegen

Morgen. Bringst du mir keine Botschaft, so bleibt er mein; bringst du

mir aber genügende Kunde, so ist er dein. Dann werde ich dir auch sein

Geheimnis sagen.«

Jedes arabische Pferd nämlich hat, wenn es besser als mittelmäßig ist,

sein Geheimnis; das heißt: es ist auf ein gewisses Zeichen eingeübt, auf

welches es den höchsten Grad seiner Schnelligkeit entwickelt und

dieselbe nicht eher mindert, als bis es entweder zusammenbricht oder von

seinem Reiter angehalten wird. Dieser Reiter verrät das geheime Zeichen

selbst seinem Freunde, seinem Vater oder Bruder, seinem Sohne und seinem

Weibe nicht und wendet es erst dann an, wenn er sich in der allergrößten

Todesgefahr befindet.

»Erst dann?« antwortete ich. »Kann nicht der Fall eintreten, daß nur

das Geheimnis mich und das Pferd zu retten vermag?«

»Du hast recht; aber du bist noch nicht der Besitzer des Rappen.«

»Ich werde es!« rief ich zuversichtlich. »Und sollte ich es nicht

werden, so wird das Geheimnis in mir vergraben sein, daß keine Seele es

erfahren kann.«

»So komm!«

Er führte mich auf die Seite und flüsterte mir zu:

»Wenn der Rappe fliegen soll wie der Falke in den Lüften, so lege ihm

die Hand leicht zwischen die Ohren und rufe laut das Wort 'Rih!'«

»Rih, das heißt Wind.«

»Ja, Rih, das ist der Name des Pferdes, denn es ist noch schneller als

der Wind; es ist so schnell wie der Sturm.«

»Ich danke dir, Scheik. Ich werde deine Botschaft so gut ausführen, als

ob ich ein Sohn der Haddedihn oder als ob ich du selbst wäre. Wann soll

ich reiten?«

»Morgen mit Anbruch des Tages, wenn es dir beliebt.«

»Welche Datteln nehme ich mit für den Rappen?«

»Er frißt nur Balahat. Ich brauche dir nicht zu sagen, wie ein so

kostbares Pferd zu behandeln ist?«

»Nein.«

»Schlafe heute auf seinem Leibe und sage ihm die hundertste Sure, welche

von den schnelleilenden Rossen handelt, in die Nüstern, so wird es dich

lieben und dir gehorchen bis zum letzten Atemzuge. Kennst du diese

Sure?«

»Ja.«

»Sage sie her!«

Er war wirklich sehr besorgt um mich und sein Pferd.

Ich gehorchte seinem Willen:

Durch Wüste und Harem Gesammelte Reiseromane, Band I · 第 21 / 38 段