Ich wurde in ein kleines, niedriges Zelt geschafft und dort angebunden.

Zu meiner Rechten und zu meiner Linken kauerte sich je ein Beduine

nieder, welche dann später abwechselnd schliefen. Ich hatte geglaubt,

die Entscheidung über mein Schicksal noch heute zu vernehmen, sah mich

aber getäuscht; denn die Versammlung ging später, wie ich hörte,

auseinander, ohne daß mir etwas über ihren Beschluß gesagt worden wäre.

Ich schlief ein. Ein unruhiger Traum bemächtigte sich meiner. Ich lag

nicht hier in dem Zelte am Tigris, sondern in einer Oase der Sahara. Das

Wachtfeuer loderte, der Lagmi[150] kreiste von Hand zu Hand, und die

Märchen gingen von Mund zu Mund. Da plötzlich ließ sich jener grollende

Donner vernehmen, den keiner vergessen kann, der ihn einmal gehört hat,

der Donner der Löwenstimme. Assad-Bei, der Herdenwürger, nahte sich, um

sein Nachtmahl zu holen. Wieder und näher ertönte seine Stimme -- -- ich

erwachte.

[150] Dattelpalmensaft.

War das ein Traum gewesen? Neben mir lagen die beiden Abu-Hammed-Araber,

und ich hörte, wie der eine die heilige Fatcha betete. Da grollte der

Donner zum drittenmal. Es war Wirklichkeit -- ein Löwe umschlich das

Lager.

»Schlaft ihr?« fragte ich.

»Nein.«

»Hört ihr den Löwen?«

»Ja. Heute ist es das dritte Mal, daß er sich Speise holt.«

»Tötet ihn!«

»Wer soll ihn töten, den Mächtigen, den Erhabenen, den Herrn des Todes?«

»Feiglinge! Kommt er auch in das Innere des Lagers?«

»Nein. Sonst ständen die Männer nicht vor ihren Zelten, um seine Stimme

vollständig zu hören.«

»Ist der Scheik bei ihnen?«

»Ja.«

»Gehe hinaus zu ihm und sage ihm, daß ich den Löwen töten werde, wenn er

mir mein Gewehr giebt.«

»Du bist wahnsinnig!«

»Ich bin vollständig bei Sinnen. Gehe hinaus!«

»Ist es dein Ernst?«

»Ja; packe dich!«

Es hatte sich eine ganz bedeutende Aufregung meiner bemächtigt; ich

hätte meine Fessel zersprengen mögen. Nach einigen Minuten kehrte der

Mann zurück. Er band mich los.

»Folge mir!« gebot er.

Draußen standen viele Männer, mit den Waffen in der Hand; aber keiner

wagte es, aus dem Schutze der Zelte zu treten.

»Du hast mit mir sprechen wollen. Was willst du?« fragte der Scheik.

»Erlaube mir, diesen Löwen zu erlegen.«

»Du kannst keinen Löwen töten! Zwanzig von uns reichen nicht aus, ihn zu

jagen, und mehrere würden sterben daran.«

»Ich töte ihn allein; es ist der erste nicht.«

»Sagst du die Wahrheit?«

»Ich sage sie.«

»Wenn du ihn erlegen willst, so habe ich nichts dagegen. Allah giebt das

Leben und Allah nimmt es wieder; es steht alles im Buche verzeichnet.«

»So gieb mir mein Gewehr!«

»Welches?«

»Das schwere, und mein Messer.«

»Bringt ihm beides,« gebot der Scheik.

Der gute Mann sagte sich jedenfalls, daß ich ein Kind des Todes und er

dann unbestrittener Erbe meines Pferdes sei. Mir aber war es um den

Löwen, um die Freiheit und um das Pferd zugleich zu thun, und diese Drei

konnte ich haben, wenn ich in den Besitz meiner Büchse gelangte.

Sie wurde mir nebst dem Messer gebracht.

»Willst du mir nicht die Hände frei machen lassen, o Scheik?«

»Du willst wirklich nur den Löwen erschießen?«

»Ja.«

»Beschwöre es. Du bist ein Hadschi; schwöre es bei dem heiligen Zem-Zem,

welchen du in der Tasche hast.«

»Ich schwöre es!«

»Löst ihm die Hände!«

Jetzt war ich frei. Die anderen Waffen lagen im Zelte des Scheik, und

vor demselben war der Rappe. Ich hatte keine Besorgnis mehr.

Es war die Stunde, in welcher der Löwe am liebsten um die Herden

schleicht, die Zeit kurz vor dem Morgengrauen. Ich fühlte an meinen

Gürtel, ob der Patronenbeutel noch vorhanden sei, dann schritt ich bis

zum ersten Zelte vor. Hier blieb ich eine Weile stehen, um mein Auge an

die Dunkelheit zu gewöhnen. Vor mir und zu beiden Seiten gewahrte ich

einige Kamele und zahlreiche Schafe, die sich zusammengedrängt hatten.

Die Hunde, welche sonst des Nachts die Wächter dieser Tiere sind, waren

entflohen und hatten sich hinter oder in die Zelte verkrochen.

Ich legte mich auf den Boden nieder und kroch leise und langsam

vorwärts. Ich wußte, daß ich den Löwen noch eher riechen würde, als ich

ihn bei dieser Dunkelheit zu Gesichte bekommen konnte. Da -- -- es war als

ob der Boden unter mir erbebte -- erscholl der Donner dieser Stimme

seitwärts von mir, und einige Augenblicke darauf vernahm ich einen

dumpfen Schall, wie wenn ein schwerer Körper gegen einen andern prallt --

ein leises Stöhnen, ein Knacken und Krachen wie von zermalmt werdenden

Knochen -- und da, höchstens zwanzig Schritte vor mir funkelten die

beiden Feuerkugeln: -- ich kannte dieses grünliche rollende Licht. Ich

hob das Gewehr trotz der Dunkelheit, zielte, so gut es gehen wollte, und

drückte ab.

Ein gräßlicher Laut durchzitterte die Luft. Der Blitz meines Schusses

hatte dem Löwen seinen Feind gezeigt; auch ich hatte ihn gesehen, der

auf dem Rücken eines Kameles lag und den Halswirbel desselben mit seinen

Zähnen zermalmte. Hatte ich ihn getroffen? Ein großer dunkler Gegenstand

schnellte durch die Luft und kam höchstens drei Schritte vor mir auf den

Boden nieder. Die Lichter funkelten abermals. Entweder war der Sprung

schlecht berechnet gewesen, oder das Tier war doch verwundet. Ich kniete

noch fast im Anschlage und drückte den zweiten und letzten Schuß los,

nicht mitten zwischen die Augen, sondern gerade mitten in das eine Auge

hinein. Dann ließ ich die Büchse blitzschnell fallen und nahm das Messer

zur Hand -- der Feind kam nicht über mich; er war von dem tödlichen

Schusse förmlich zurückgeworfen worden. Trotzdem aber zog ich mich

einige Schritte zurück, um wieder zu laden. Ringsum herrschte Stille;

auch im Lager war kein Hauch zu hören. Man hielt mich wohl für tot.

Sobald aber der schwächste Schimmer des Tages den Körper des Löwen

einigermaßen erkennen ließ, trat ich hinzu. Er war tot, und nun machte

ich mich daran, ihn aus der Haut zu schälen. Ich hatte meine Gründe,

nicht lange damit zu warten. Es fiel mir gar nicht ein, diese Trophäe

zurückzulassen. Die Arbeit ging mehr nach dem Gefühle als nach dem

Gesichte vor sich, war aber doch beendet, als der Morgenschimmer etwas

kräftiger wurde.

Jetzt nahm ich das Fell, schlug es mir über die Schulter und kehrte in

das Lager zurück. Es war jedenfalls nur ein kleines Zweiglager der

räuberischen Abu Hammed. Die Männer, Frauen und Kinder saßen

erwartungsvoll vor ihren Zelten. Als sie mich erblickten, erhob sich ein

ungeheurer Lärm. Allah wurde in allen Tönen angerufen, und hundert Hände

streckten sich nach meiner Beute aus.

»Du hast ihn getötet?« rief der Scheik. »Wirklich? Allein?«

»Allein!«

»So hat dir der Scheïtan beigestanden!«

»Steht der Scheïtan einem Hadschi bei?«

»Nein; aber du hast einen Zauber, ein Amulet, einen Talisman, mit Hilfe

dessen du diese That vollbringst?«

»Ja.«

»Wo ist er?«

»Hier!«

Ich hielt ihm die Büchse vor die Nase.

»Das ist es nicht. Du willst es uns nicht sagen. Wo liegt der Körper des

Löwen?«

»Draußen rechts vor den Zelten. Holt ihn euch!«

Die meisten der Anwesenden eilten fort. Das hatte ich gewünscht.

»Wem gehört die Haut des Löwen?« frug der Scheik mit lüsternem Blick.

»Darüber wollen wir in deinem Zelte beraten. Tretet ein!«

Alle folgten mir; es waren wohl nur zehn oder zwölf Männer da. Gleich

beim Eintritt erblickte ich meine anderen Waffen; sie hingen an einem

Pflock. Mit zwei Schritten stand ich dort, riß sie herab, warf die

Büchse über die Schulter und nahm den Stutzen in die Hand. Die Löwenhaut

war mir infolge ihrer Größe und Schwere sehr hinderlich; aber es mußte

doch versucht werden. Rasch stand ich wieder unter dem Eingang des

Zeltes.

»Zedar Ben Huli, ich habe dir versprochen, mit dieser Büchse nur auf den

Löwen zu schießen -- -- --«

»Ja.«

»Aber auf wen ich mit diesem anderen Gewehr schießen werde, das habe ich

nicht gesagt.«

»Es gehört hierher. Gieb es zurück.«

»Es gehört in meine Hand, und die wird es behalten.«

»Er wird fliehen -- haltet ihn!«

Da erhob ich den Stutzen zum Schuß.

»Halt! Wer es wagt, mich zu hindern, der ist eine Leiche! Zedar Ben

Huli, ich danke dir für die Gastfreundschaft, welche ich bei dir

genossen habe. Wir sehen uns wieder!«

Ich trat hinaus. Eine Minute lang wagte es keiner, mir zu folgen. Diese

kurze Zeit genügte, den Rappen zu besteigen und die Haut vor mich

hinzunehmen. Als sich das Zelt wieder öffnete, galoppierte ich bereits

am letzten Zelte vorbei.

Hinter mir und zur Seite, wo der Körper des Löwen lag, erscholl ein

wütendes Geschrei, und ich bemerkte, daß alle zu den Waffen und zu den

Pferden rannten. Als ich das Lager hinter mir hatte, ritt ich nur im

Schritte. Der Rappe scheute vor dem Felle; er konnte den Geruch des

Löwen nicht vertragen und schnaubte ängstlich zur Seite. Jetzt blickte

ich rückwärts und sah die Verfolger zwischen den Zelten förmlich

hervorquellen. Nun ließ ich den Hengst traben, und erst als der

vorderste Verfolger in Schußweite gekommen war, wollte ich den Rappen

weiter ausgreifen lassen; ich besann mich aber anders. Ich hielt,

drehte mich um und zielte. Der Schuß krachte, und das Pferd brach unter

seinem Reiter tot zusammen. Diesen Pferdedieben konnte eine solche Lehre

nichts schaden. Nun erst ritt ich Galopp, wobei ich den abgeschossenen

Lauf wieder lud.

Als ich mich abermals umwandte, waren mir zwei wieder nahe genug

gekommen; ihre Flinten freilich hätten mich nicht zu erreichen vermocht.

Ich hielt wieder, drehte um und zielte -- zwei Schüsse knallten

nacheinander und zwei Pferde stürzten nieder. Das war den andern doch zu

viel; sie stutzten und blieben zurück. Als ich mich nach längerer Zeit

wieder umschaute, erblickte ich sie in weiter Ferne, wo sie bloß noch

meinen Spuren zu folgen schienen.

Jetzt jagte ich, um sie irre zu leiten, beinahe eine Stunde lang stracks

nach West fort; dann bog ich auf einem steinigen Boden, wo die Hufspuren

nicht zu sehen waren, nach Norden um und hatte bereits gegen Mittag den

Tigris beim Strudel Kelab erreicht. Er liegt kurz unter dem Einflusse

des Zab-asfal, und nur wenige Minuten unterhalb ist die Stelle, an

welcher die Kanuzaberge in das Gebirge von Hamrin übergehen. Dieser

Übergang geschieht durch einzelne isolierte Erhöhungen, welche durch

tiefe und nicht sehr breite Thäler getrennt werden. Das breiteste Thal

von ihnen wurde jedenfalls von den Feinden zum Durchzuge gewählt, und so

prägte ich mir das Terrain und die Zugänge zu demselben mit der

möglichsten Genauigkeit ein; dann eilte ich dem Thathar wieder entgegen,

den ich am Nachmittage erreichte und überschritt. Das Verlangen trieb

mich zu den Freunden; aber ich mußte das Pferd schonen und hielt daher

noch eine Nachtruhe.

Am andern Mittag kam mir die erste Schafherde der Haddedihn wieder vor

Augen, und ich ritt im Galopp auf das Zeltlager los, ohne auf die Zurufe

zu achten, welche von allen Seiten erschollen. Der Scheik hatte aus

ihnen geschlossen, daß etwas Ungewöhnliches vorgehe, und trat eben aus

dem Zelte, als ich vor demselben anlangte.

»Hamdulillah, Preis sei Gott, daß du wieder da bist!« begrüßte er mich.

»Wie ist es gegangen?«

»Gut.«

»Hast du etwas erfahren?«

»Alles!«

»Alles? Was?«

»Rufe die Ältesten zusammen; ich werde euch Bericht erstatten.«

Jetzt erst bemerkte er die Haut, welche ich auf der anderen Seite des

Pferdes herabgeworfen hatte.

»Maschallah, Wunder Gottes, ein Löwe! Wie kommst du zu diesem Felle?«

»Ich habe es ihm abgezogen.«

»Ihm? Dem Herrn selbst?«

»Ja.«

»So hast du mit ihm gesprochen?«

»Kurze Zeit.«

»Wie viele Jäger waren dabei?«

»Keiner.«

»Allah sei mit dir, daß dich dein Gedächtnis nicht verlasse!«

»Ich war allein!«

»Wo?«

»Im Lager der Abu Hammed.«

»Die hätten dich erschlagen!«

»Sie haben es nicht gethan, wie du siehst. Sogar Zedar Ben Huli hat mir

das Leben gelassen.«

»Auch ihn hast du gesehen?«

»Auch ihn. Ich habe ihm drei Pferde erschossen.«

»Erzähle!«

»Nicht jetzt, nicht dir allein, denn sonst muß ich alles öfters

erzählen. Rufe die Leute, und dann sollst du alles ausführlich hören!«

Er ging. Ich wollte eben in sein Zelt treten, als ich den Engländer im

vollsten Galopp daherstürmen sah.

»Habe soeben gehört, daß Ihr da seid, Sir,« rief er schon von weitem.

»Habt Ihr gefunden?«

»Ja; die Feinde, das Schlachtfeld und alles.«

»Pah! Auch Ruinen mit Fowling-bull?«

»Auch!«

»Schön, sehr gut! Werde graben, finden und nach London schicken. Erst

aber wohl kämpfen?«

»Ja.«

»Gut, werde fechten wie Bayard. Ich auch gefunden.«

»Was?«

»Seltenheit, Schrift.«

»Wo?«

»Loch, hier in der Nähe. Ziegelstein.«

»Eine Schrift auf einem Ziegelstein?«

»#Yes!# Keilschrift. Könnt Ihr lesen?«

»Ein wenig.«

»Ich nicht. Wollen sehen!«

»Ja. Wo ist der Stein?«

»In Zelt. Gleich holen!«

Er ging hinein und brachte seinen kostbaren Fund zum Vorschein.

»Hier, ansehen, lesen!«

Der Stein war beinahe vollständig zerbröckelt, und die wenigen Keile,

welche die verwitterte Inschrift noch zeigte, waren kaum mehr zu

unterscheiden.

»Nun?« fragte Master Lindsay neugierig.

»Wartet nur. Das ist nicht so leicht, als Ihr denkt. Ich finde nur drei

Worte, die vielleicht zu entziffern wären. Sie heißen, wenn ich nicht

irre: #Tetuda Babrut ésis.#«

»Was heißt das?«

»Zum Ruhme Babylons aufgeführt.«

Der gute Master David Lindsay zog seinen parallelogrammen Mund bis

hinter an die Ohren.

»Lest Ihr richtig, Sir?«

»Ich denke es.«

»Was daraus nehmen?«

»Alles und nichts!«

»Hm! Hier doch gar nicht Babylon!«

»Was sonst?«

»Niniveh!«

»Meinetwegen Rio de Janeïro! Reimt Euch das Dings da selbst zusammen

oder auseinander; ich habe jetzt keine Zeit dazu.«

»Aber warum ich Euch mitgenommen?«

»Gut! Hebt den Ziegelkloß auf, bis ich Zeit habe!«

»#Well!# Was habt Ihr zu thun?«

»Es wird gleich Sitzung sein, in der ich meine Erlebnisse zu erzählen

habe.«

»Werde auch mitthun!«

»Und übrigens muß ich vorher essen. Ich habe Hunger wie ein Bär.«

»Auch da werde mitthun!«

Er trat mit mir in das Zelt.

»Wie seid Ihr denn mit Eurem Arabisch fortgekommen?«

»Miserabel! Verlange Brot -- Araber bringt Stiefel; verlange Hut -- Araber

bringt Salz; verlange Flinte -- Araber bringt Kopftuch. Schauderhaft,

schrecklich! Lasse Euch nicht wieder fort!«

Nach der Rückkehr des Scheik brauchte ich nicht lange auf das Mahl zu

warten. Während desselben stellten sich die Geladenen ein. Die Pfeifen

wurden angezündet, der Kaffee ging herum, und dann drängte Lindsay:

»Anfangen, Sir! Bin neugierig.«

Die Araber hatten wortlos und geduldig gewartet, bis mein Hunger

gestillt war; dann aber begann ich:

»Ihr habt mir eine sehr schwere Aufgabe gestellt, aber es ist mir wider

alles Erwarten sehr leicht geworden, sie zu lösen. Und dabei bringe ich

Euch eine so ausführliche Nachricht, wie Ihr sie sicherlich nicht

erwartet habt.«

»Rede!« bat der Scheik.

»Die Feinde haben ihre Rüstungen bereits vollendet. Es sind die Orte

bestimmt, wo die drei Stämme sich vereinigen, und ebenso ist die Zeit

angegeben, in der dies geschehen wird.«

»Aber du hast es nicht erfahren können!«

»Doch! Die Dschowari werden sich mit den Abu Hammed am Tage nach dem

nächsten Jaum el Dschema bei den Ruinen von Khan Khernina vereinigen.

Diese beiden Stämme stoßen dann am dritten Tage nach dem Jaum el Dschema

zwischen dem Wirbel El Kelab und dem Ende der Kanuzaberge mit den Obeïde

zusammen.«

»Weißt du das gewiß?«

»Ja.«

»Von wem?«

»Von dem Scheik der Abu Mohammed.«

»Hast du mit ihm gesprochen?«

»Ich war sogar in seinem Zelte.«

»Die Abu Mohammed leben mit den Dschowari und Abu Hammed nicht in

Frieden.«

»Er sagte es. Er kannte deinen Rappen und ist dein Freund. Er wird dir

mit dem Stamme der Alabeïden zu Hilfe kommen.«

»Sagst du die Wahrheit?«

»Ich sage sie.«

Da sprangen alle Anwesenden auf und reichten sich jubelnd die Hände. Ich

wurde von ihnen beinahe erdrückt. Dann mußte ich alles so ausführlich

wie möglich erzählen. Ich that es. Sie glaubten alles, nur daß ich den

Löwen so ganz allein und noch dazu bei stockfinsterer Nacht erlegt haben

wollte, das schienen sie sehr zu bezweifeln. Der Araber ist gewohnt,

dieses Tier nur am Tage und zwar in möglichst zahlreicher Gesellschaft

anzugreifen. Ich legte ihnen endlich das Fell vor.

»Hat diese Haut ein Loch?«

Sie besahen es höchst aufmerksam.

»Nein,« lautete dann der Bescheid.

»Wenn Araber einen Löwen töten, so hat die Haut sehr viele Löcher. Ich

habe ihm zwei Kugeln gegeben. Seht her! Die erste Kugel war zu hoch

gezielt, weil er zu entfernt von mir war und ich in der Finsternis nicht

ganz genau zu zielen vermochte. Sie hat die Kopfhaut gestreift und das

Ohr verletzt. Hier seht ihr es. Die zweite Kugel gab ich ihm, als er

zwei oder drei Schritte von mir war; sie ist ihm in das linke Auge

gedrungen. Ihr seht dies hier, wo das Fell versengt ist.«

»Allah akbar, es ist wahr! Du hast dieses furchtbare Tier so nahe an

dich herankommen lassen, daß dein Pulver seine Haare verbrannte. Wenn es

dich nun gefressen hätte?«

»So hätte es so im Buche gestanden. Ich habe diese Haut mitgebracht für

dich, o Scheik. Nimm sie von mir an und gebrauche sie als Schmuck deines

Zeltes!«

»Ist dies dein Ernst?« fragte er erfreut.

»Mein Ernst.«

»Ich danke dir, Emir Hadschi Kara Ben Nemsi! Auf diesem Felle werde ich

schlafen, und der Mut des Löwen wird in mein Herz einziehen.«

»Es bedarf dieser Haut nicht, um deine Brust mit Mut zu erfüllen, den du

übrigens auch bald brauchen wirst.«

»Wirst du mitkämpfen gegen unsere Feinde?«

»Ja. Sie sind Diebe und Räuber und haben auch mir nach dem Leben

getrachtet; ich stelle mich unter deinen Befehl, und hier mein Freund

wird dasselbe thun.«

»Nein. Du sollst nicht gehorchen, sondern befehlen. Du sollst der

Anführer einer Abteilung sein.«

»Davon laß uns später sprechen; für jetzt aber erlaube mir, an eurer

Beratung teilzunehmen.«

»Du hast recht; wir müssen uns beraten, denn wir haben nur noch fünf

Tage Zeit.«

»Hast du mir nicht gesagt, daß es eines Tages bedürfe, um die Krieger

der Haddedihn um dich zu versammeln?«

»So ist es.«

»So würde ich an deiner Stelle heute die Boten aussenden.«

»Warum noch heute?«

»Weil es nicht genug ist, die Krieger beisammen zu haben. Sie müssen auf

diesen Kampf eingeübt werden.«

Er lächelte stolz.

»Die Söhne der Haddedihn sind seit ihren Knabenjahren bereits den Kampf

gewöhnt. Wir werden unsere Feinde überwinden. Wie viel streitbare Männer

hat der Stamm der Abu Mohammed?«

»Neunhundert.«

»Und die Alabeïde?«

»Achthundert.«

»So zählen wir achtundzwanzighundert Mann, dazu kommt die Überraschung,

da uns der Feind nicht erwartet; wir müssen siegen!«

»Oder wir werden besiegt!«

»Maschallah, du tötest den Löwen und fürchtest den Araber?«

»Du irrst. Du bist tapfer und mutig; aber der Mut zählt doppelt, wenn er

vorsichtig ist. Hältst du es nicht für möglich, daß die Alabeïde und Abu

Mohammed zu spät eintreffen?«

»Es ist möglich.«

»Dann stehen wir mit elfhundert gegen dreitausend Mann. Der Feind wird

erst uns und dann unsere Freunde vernichten. Wie leicht kann er

erfahren, daß wir ihm entgegen ziehen wollen! Dann fällt auch die

Überraschung weg. Und was nützt es dir, wenn du kämpfest und den Feind

nur zurückschlägst? Wäre ich der Scheik der Haddedihn, ich schlüge ihn

so darnieder, daß er auf lange Zeit sich nicht wieder erheben könnte und

mir jährlich einen Tribut bezahlen müßte.«

»Wie wolltest du dies beginnen?«

»Ich würde nicht wie die Araber, sondern wie die Franken kämpfen.«

»Wie kämpfen diese?«

Jetzt erhob ich mich, um eine Rede zu halten, eine Rede über europäische

Kriegskunst, ich, der Laie im Kriegswesen. Aber ich mußte mich ja für

diesen braven Stamm der Haddedihn interessieren. Ich hielt es keineswegs

für eine Versündigung an dem Leben meiner Mitmenschen, wenn ich mich

hier beteiligte; es lag vielmehr wohl in meiner Hand, die Grausamkeiten

zu mildern, welche bei diesen halbwilden Leuten ein Sieg stets mit sich

bringt. Ich beschrieb also zunächst ihre eigene Fechtart und schilderte

die Nachteile derselben; dann begann ich die eigentliche

Auseinandersetzung. Sie hörten mir aufmerksam zu, und als ich geendet

hatte, bemerkte ich den Eindruck meiner Worte an dem langen Schweigen,

welches nun folgte. Der Scheik ergriff zuerst wieder das Wort:

»Deine Rede ist gut und wahr; sie könnte uns den Sieg bringen und vielen

der Unserigen das Leben erhalten, wenn wir Zeit hätten, uns einzuüben.«

»Wir haben Zeit.«

»Sagtest du nicht, daß es lange Jahre erfordere, ein solches Heer fertig

zu machen?«

»Das sagte ich. Aber wir wollen ja nicht ein Heer bilden, sondern wir

wollen bloß die Obeïde in die Flucht schlagen, und dazu bedürfte es

einer Vorbereitung von nur zwei Tagen. Wenn du heute noch deine Boten

aussendest, so sind die Krieger morgen beisammen; ich lehre sie den

geschlossenen Angriff zu Pferde, welcher die Feinde über den Haufen

werfen wird, und den Kampf zu Fuße mit dem Feuergewehr.«

Ich nahm ein Kamelstöckchen von der Wand und zeichnete auf den Boden.

»Schau hierher! Hier fließt der Tigris; hier ist der Wirbel; hier liegen

die Hamrin- und hier die Kanuzaberge. Der Feind trifft hier zusammen.

Die beiden ersten Stämme kommen am rechten Ufer des Flusses

heraufgezogen, hinter ihnen im stillen unsere Verbündeten, und die

Obeïde setzen von dem linken Ufer herüber. Um zu uns zu gelangen, müssen

sie zwischen diesen einzelnen Bergen hindurch; diese Wege alle aber

führen in das große Thal Deradsch, welches das Thal der Stufen heißt,

weil seine steilen Wände wie Stufen emporsteigen. Es hat nur einen

Eingang und einen Ausgang. Hier müssen wir sie erwarten. Wir besetzen

die Höhen mit Schützen, welche den Feind niederschießen, ohne daß ihnen

selbst ein Leid geschehen kann. Den Ausgang verschließen wir mit einer

Brustwehr, welche auch von Schützen verteidigt wird, und hier in diesen

zwei Seitenschluchten hüben und drüben verbergen sich die Reiter, welche

in demselben Augenblick hervorbrechen, wenn der Feind sich vollständig

im Thale befindet. Am Eingange wird er dann von unseren Verbündeten im

Rücken angegriffen, und sollten diese ja nicht zur rechten Zeit

eintreffen, so wird er ihnen auf der Flucht entgegen getrieben.«

»Maschallah, deine Rede ist wie die Rede des Propheten, der die Welt

erobert hat. Ich werde deinen Rat befolgen, wenn die anderen hier damit

einverstanden sind. Wer dagegen ist, der mag sprechen!«

Es widersprach keiner; darum fuhr der Scheik fort:

»So werde ich gleich jetzt die Boten aussenden.«

»Sei vorsichtig, o Scheik, und laß deinen Kriegern nicht sagen, um was

es sich handelt; es wäre sonst sehr leicht möglich, daß der Feind von

unserem Vorhaben Nachricht erhält.«

Er nickte zustimmend und entfernte sich. Sir David Lindsay hatte dieser

langen Unterredung mit sichtbarer Ungeduld zugehört; jetzt ergriff er

die Gelegenheit zum Sprechen:

»Sir, ich bin auch hier!«

»Ich sehe Euch!«

»Wollte auch 'was hören!«

»Meine Erlebnisse?«

»#Yes!#«

»Konntet denken, daß ich meinen Vortrag nicht in englischer Sprache

halten würde. Sollt aber jetzt das Nötige erfahren.«

Ich teilte ihm in aller Kürze meine Erzählung und dann den Inhalt der

darauf folgenden Besprechung mit. Er war wie elektrisiert.

»Ah! Kein wilder Angriff, sondern militärische Körper! Evolution! Choc!

Taktik! Strategie! Feind umzingeln! Barrikade! Prächtig! Herrlich! Ich

auch mit! Ihr seid General, ich bin Adjutant!«

»Würden uns beide wundervoll ausnehmen in diesen Stellungen! Ein

General, der von der Kriegführung so viel versteht, wie das Flußpferd

vom Filetstricken, und ein Adjutant, der nicht reden kann! Übrigens wird

es für Euch geratener sein, wenn Ihr Euch von der Sache fern haltet.«

»Warum?«

»Wegen des Vicekonsuls in Mossul.«

»Ah! Wie?«

»Man vermutet, daß er hierbei seine Hand im Spiele habe.«

»Mag die Hand wegnehmen! Was geht mich Konsul an? Pah!«

Jetzt kam der Scheik wieder. Er hatte die Boten ausgesandt und brachte

allerlei neue Gedanken mit:

»Hat der Scheik der Abu Mohammed gesagt, welchen Teil der Beute er

erwartet?«

»Nein.«

»Was fordern die Alabeïden?«

»Ich weiß es nicht.«

»Du hättest fragen sollen!«

»Ich habe nicht gefragt, weil ich als Scheik der Haddedihn nicht nach

Beute fragen würde.«

»Maschallah! Wornach sonst? Wer ersetzt mir meinen Schaden?«

»Der besiegte Feind.«

»Also muß ich doch in seine Weideplätze einbrechen und seine Weiber und

Kinder nebst seinem Vieh fortführen!«

»Das ist nicht notwendig. Willst du gegen Frauen Krieg führen? Du giebst

die Gefangenen, welche wir machen werden, wenn wir glücklich sind, nicht

eher frei, als bis du erhalten hast, was du forderst. Ist unser Sieg

vollständig, so verlangst du einen jährlichen Tribut und behältst den

Scheik oder einige Anverwandte von ihm als Geiseln zurück.«

Es wurde nun über diesen Punkt beraten. Man nahm ihn an.

»Und nun noch das Letzte,« bemerkte ich dann. »Es ist notwendig, daß wir

von allen Bewegungen unserer Feinde und unserer Verbündeten Kenntnis

erhalten. Wir müssen daher von hier bis nach El Deradsch eine

Postenlinie ziehen.«

»Wie meinst du das?«

Durch Wüste und Harem Gesammelte Reiseromane, Band I · 第 23 / 38 段