Es war ein wundervoller Ritt durch die blumenreiche Steppe. Jeder

Schritt der Pferde wirbelte neue Wohlgerüche auf. Ich konnte selbst die

weichste und saftigste Savanne Nordamerikas mit dieser Gegend nicht

vergleichen. Die Richtung, welche wir eingeschlagen hatten, stellte sich

als eine glücklich gewählte heraus; denn bereits nach kaum mehr als

einer Stunde kamen drei Reiter auf uns zugesprengt. Sie machten eine

sehr hübsche Figur mit den fliegenden Mänteln und wehenden

Straußenfedern. Unter lautem Kriegsgeschrei ritten sie auf uns los.

»Sie brüllen. Werden sie stechen?« fragte der Engländer.

»Nein. Das ist die Begrüßungsart dieser Leute. Wer sich dabei zaghaft

zeigt, der wird für keinen Mann gehalten.«

»Werden Männer sein!«

Er hielt Wort und zuckte nicht mit der Wimper, als der eine mit seiner

scharfen Lanzenspitze grad auf seine Brust zuhielt und erst abbog und

sein Pferd in die Hacken riß, als die Lanzenspitze beinahe die Brust

berührte.

»Sallam aaleïkum! Wo wollt Ihr hin?« grüßte einer.

»Von welchem Stamme bist du?«

»Vom Stamme der Haddedihn, welcher zu der großen Nation der Schammar

gehört.«

»Wie heißt dein Scheik?«

»Er führt den Namen Mohammed Emin.«

»Ist er weit von hier?«

»Wenn du zu ihm willst, so werden wir euch begleiten.«

Sie wandten um und schlossen sich uns an. Während wir -- die Diener

hinter uns -- in würdevoller Haltung in den Sätteln saßen, sprengten sie

um uns in weiten Kreisen herum, um ihre Reiterkünste sehen zu lassen.

Ihr Hauptkunststück besteht im Innehalten mitten im rasendsten Laufe,

wodurch aber ihre Pferde sehr angegriffen und leicht zu schanden werden.

Ich glaube, behaupten zu können, daß ein Indianer auf seinem Mustang sie

in jeder Beziehung übertrifft. Dem Engländer gefiel das Schaureiten

dieser Leute.

»Prächtig! Hm, so kann ich es nicht -- würde den Hals brechen!«

»Ich habe noch andere Reiter gesehen.«

»Ah! Wo?«

»Ein Ritt auf Leben und Tod in einem amerikanischen Urwalde, auf einem

gefrorenen Flusse, wenn das Pferd keine Eisen hat, oder in einem

steinigen Cannon ist doch noch etwas ganz anderes.«

»Hm! Werde auch nach Amerika gehen -- reiten in Urwald -- auf Flußeis -- in

Cannon -- schönes Abenteuer -- prachtvoll! Was sagten diese Leute?«

»Sie grüßten uns und fragten nach dem Ziel unseres Rittes; sie werden

uns zu ihrem Scheik bringen. Er heißt Mohammed Emin und ist der Anführer

der Haddedihn.«

»Tapfere Leute?«

»Diese Männer nennen sich alle tapfer und sind es auch bis zu einem

gewissen Grade. Ein Wunder ist dies nicht. Die Frau muß alles machen,

und der Mann thut nichts als reiten, rauchen, rauben, kämpfen, klatschen

und faulenzen.«

»Schönes Leben -- prächtig -- möchte Scheik sein -- viel ausgraben --

manchen Fowling-bull finden und London schicken -- hm!«

Nach und nach wurde die Steppe belebter und wir gewahrten, daß wir uns

den Haddedihn näherten. Sie befanden sich zum großen Teil noch in

Bewegung, als wir sie erreichten. Es ist nicht leicht, den Anblick zu

beschreiben, den ein Araberstamm auf dem Zuge nach seinem neuen

Weideplatze gewährt. Ich hatte vorher die Sahara und einen Teil von

Arabien durchzogen und dabei viele Stämme der westlichen Araber kennen

gelernt; hier aber bot sich mir ein ganz neuer Anblick dar. Dieselbe

Verschiedenheit, welche zwischen den Oasen der Sahara und dem »Lande

Sinear« der heiligen Schrift herrscht: -- man beobachtet sie auch in dem

Leben und allen Verhältnissen ihrer Bewohner. Hier ritten wir auf einer

beinahe unbegrenzten Merdsch[136], welche nicht die mindeste Ähnlichkeit

mit einer Uah[137] des Westens hatte. Sie glich vielmehr einem riesigen

Savannenteppich, der aus lauter Blumen bestand. Hier schien nie der

fürchterliche Smum gewütet zu haben; hier war keine Spur einer

wandernden Düne zu erblicken. Hier gab es kein zerklüftetes und

verschmachtetes Wadi, und man meinte, daß hier keine Fata Morgana die

Macht besäße, den müden, einsamen Wanderer zu äffen. Die weite Ebene

hatte sich mit duftendem Leben geschmückt, und auch die Menschen zeigten

keine Spur jener »Wüstenstimmung«, welcher westwärts vom Nil kein

Mensch entgehen kann. Es lag über diesem bunten Gefilde ein Farbenton,

der nicht im mindesten an das versengende, dabei oft blutig trübe und

tödliche Licht der großen Wüste erinnerte.

[136] Wiese, Prairie.

[137] Oase.

Wir befanden uns jetzt inmitten einer nach Tausenden zählenden Herde von

Schafen und Kamelen. So weit das Auge reichte -- rechts und links von

uns, vor und hinter uns -- wogte ein Meer von grasenden und wandernden

Tieren. Wir sahen lange Reihen von Ochsen und Eseln, welche beladen

waren mit schwarzen Zelten, bunten Teppichen, ungeheuren Kesseln und

allerlei anderen Sachen. Auf diese Berge von Gerätschaften hatte man

alte Männer und Weiber gebunden, welche nicht mehr im stande waren, zu

gehen oder sich ohne Stütze im Sattel aufrecht zu halten. Zuweilen trug

eines der Tiere kleine Kinder, welche in den Sattelsäcken so befestigt

waren, daß nur ihre Köpfe durch die kleine Öffnung schauten. Zur

Erhaltung des Gleichgewichts trug das Lasttier dann auf der andern Seite

junge Lämmer und Zickelchen, welche blökend und meckernd ebenso aus den

Öffnungen der Säcke hervorblickten. Dann kamen Mädchen, nur mit dem eng

anliegenden, arabischen Hemd bekleidet; Mütter mit Kindern auf den

Schultern, Knaben, welche Lämmer vor sich hertrieben; Dromedartreiber,

die, auf ihren Tieren sitzend, ihre edlen Pferde nebenbei am Zügel

führten, und endlich zahlreiche Reiter, welche, mit bebuschten Lanzen

bewaffnet, auf der Ebene nach denjenigen ihrer Tiere herumjagten, welche

sich nicht in die Ordnung des Zuges fügen wollten.

Eigentümliche Figuren bildeten diejenigen Reitkamele, welche zum Tragen

vornehmer Frauen bestimmt waren. Ich hatte in der Sahara sehr oft

Dschemmels gesehen, welche Frauen in dem wiegenähnlichen Korbe trugen;

aber eine Vorrichtung, wie die hiesige, war mir noch nicht vorgekommen.

Zwei zehnellige oder auch noch längere Stangen nämlich werden vor und

hinter dem Höcker des Kameles quer über den Rücken desselben gelegt und

an ihren Enden zusammengezogen und mit Pergament oder Stricken

verbunden. Dieses Gestell ist mit Fransen und Quasten von Wolle in allen

Farben, mit Muschel- und Perlenschnüren verziert, ganz so wie der Sattel

und das Riemenzeug, und ragt also neun und noch mehr Ellen rechts und

links über die Seiten des Kameles hinaus. Zwischen ihm auf dem Höcker

ragt eine aus Grundleisten und Stoffüberzug bestehende Vorrichtung

empor, welche fast genau einem Schilderhause gleicht und mit allerlei

Quasten und Troddelwerk behangen ist. In diesem #Belle-vue# sitzt die

Dame. Die ganze Figur erreicht eine außerordentliche Höhe, und wenn sie

am Horizont erscheint, so könnte man sie infolge des schwankenden Ganges

der Kamele für einen riesigen Schmetterling oder für eine gigantische

Libelle halten, welche die Flügel auf und nieder schlägt.

Unser Erscheinen machte in jeder Gruppe, bei welcher wir ankamen, großes

Aufsehen. Ich selbst trug daran wohl weniger Schuld als Sir Lindsay, dem

ja ebenso wie seinen Dienern auf den ersten Blick der Europäer anzusehen

war. Er mußte in seinem graukarrierten Anzuge hier noch mehr auffallen,

als ein Araber, der in seiner malerischen Tracht vielleicht auf einem

öffentlichen Platze Münchens oder Leipzigs erschienen wäre. Unsere

Führer ritten uns voran, bis wir endlich ein außerordentlich großes Zelt

erblickten, vor welchem viele Lanzen in der Erde steckten. Dies war das

Zeichen, daß es das Zelt des Häuptlings sei. Man war soeben beschäftigt,

rund um dasselbe einen Kreis anderer Zelte zu errichten.

Die beiden Araber sprangen ab und traten ein. Nur wenige Augenblicke

später erschienen sie in Begleitung eines Dritten wieder. Dieser hatte

die Gestalt und das Äußere eines echten Patriarchen. Just so mußte

Abraham ausgesehen haben, wenn er aus seinem Hause im Haine Mamre trat,

um seine Gäste zu begrüßen. Der schneeweiße Bart hing ihm bis über die

Brust herab, dennoch aber machte der Greis den Eindruck eines rüstigen

Mannes, der im stande ist, eine jede Beschwerde zu ertragen. Sein

dunkles Auge musterte uns nicht eben einladend und freundlich. Er hob

die Hand zum Herzen und grüßte: »Salama!«

Dies ist der Gruß eines eingefleischten Mohammedaners, wenn ein

Ungläubiger zu ihm kommt; dagegen empfängt er jeden Gläubigen mit dem

Sallam aaleïkum.

»Aaleïkum!« antwortete ich und sprang vom Pferde.

Er sah mich ob dieses Wortes forschend an; dann fragte er:

»Bist du ein Moslem oder ein Giaur?«

»Seit wann empfängt der Sohn des edlen Stammes der Schammar seine Gäste

mit einer solchen Frage? Sagt nicht der Kuran: 'Speise den Fremdling und

tränke ihn; laß ihn bei dir ruhen, ohne seinen Ausgang und seinen

Eingang zu kennen!' -- Allah mag es dir verzeihen, daß du deine Gäste wie

ein türkischer Khawasse[138] empfängst!«

[138] Polizist.

Er erhob wie abwehrend die Hand.

»Dem Schammar und dem Haddedihn ist jeder willkommen, nur der Lügner und

der Verräter nicht.«

Er warf dabei einen bezeichnenden Blick auf den Engländer.

»Wen meinest du mit diesen Worten?« fragte ich ihn.

»Die Männer, welche aus dem Abendlande kommen, um den Pascha gegen die

Söhne der Wüste zu hetzen. Wozu braucht die Königin der Inseln[139]

einen Konsul in Mossul?«

[139] Königin von England.

»Diese drei Männer gehören nicht zu dem Konsulat. Wir sind müde Wanderer

und begehren von dir weiter nichts, als einen Schluck Wasser für uns und

eine Dattel für unsere Pferde.«

»Wenn ihr nicht zum Konsulat gehört, so sollt ihr haben, was ihr

begehrt. Tretet ein und seid mir willkommen!«

Wir banden unsere Pferde an die Lanzen und gingen in das Zelt. Dort

erhielten wir Kamelmilch zu trinken; die Speise bestand nur aus dünnem,

hartem und halb verbranntem Gerstenkuchen -- ein Zeichen, daß der Scheik

uns nicht als Gäste betrachtete. Während des kurzen Mahles fixierte er

uns mit finsterem Auge, ohne ein Wort zu sprechen. Er mußte triftige

Gründe haben, Fremden zu mißtrauen, und ich sah ihm an, daß er neugierig

war, etwas Näheres über uns zu erfahren.

Lindsay schaute sich in dem Zelte um und fragte mich:

»Böser Kerl, nicht?«

»Scheint so.«

»Sieht ganz so aus, als ob er uns fressen wollte. Was sagte er?«

»Er begrüßte uns als Ungläubige. Wir sind seine Gäste noch nicht und

haben uns sehr vorzusehen.«

»Nicht seine Gäste? Wir essen und trinken doch bei ihm!«

»Er hat uns das Brot nicht mit seiner eigenen Hand gegeben, und Salz gar

nicht. Er sieht, daß Ihr ein Engländer seid, und die Englishmen scheint

er zu hassen.«

»Weshalb?«

»Weiß es nicht.«

»Einmal fragen!«

»Geht nicht, denn es wäre unhöflich. Ich denke aber, daß wir es noch

erfahren werden.«

Wir waren fertig mit dem kleinen Imbiß, und ich erhob mich.

»Du hast uns Speise und Trank gegeben, Mohammed Emin; wir danken dir und

werden deine Gastfreundschaft rühmen überall, wohin wir kommen. Lebe

wohl! Allah segne dich und die Deinigen!«

Diesen schnellen Abschied hatte er nicht erwartet.

»Warum wollt ihr mich schon verlassen? Bleibt hier und ruhet euch aus!«

»Wir werden gehen, denn die Sonne deiner Gnade leuchtet nicht über uns.«

»Ihr seid dennoch sicher hier in meinem Zelte.«

»Meinest du? Ich glaube nicht an die Sicherheit im Beyt[140] eines Arab

el Schammar.«

[140] Schwarzes Zelt.

Er fuhr mit der Hand nach dem Dolche.

»Willst du mich beleidigen?«

»Nein; ich will dir nur meine Gedanken sagen. Das Zelt eines Schammar

bietet dem Gastfreunde keine Sicherheit; wie viel weniger also

demjenigen, der nicht einmal Gastfreundschaft genießt!«

»Soll ich dich niederstechen? Wann hat jemals ein Schammar die

Gastfreundschaft gebrochen?«

»Sie ist gebrochen worden nicht nur gegen Fremde, sondern sogar gegen

Angehörige des eigenen Stammes.«

Das war allerdings eine fürchterliche Beschuldigung, welche ich hier

aussprach; aber ich sah nicht ein, aus welchem Grunde ich höflich sein

sollte mit einem Manne, der uns wie Bettler aufgenommen hatte. Ich fuhr

fort:

»Du wirst mich nicht niederstechen, Scheik; denn erstens habe ich die

Wahrheit gesprochen, und zweitens würde mein Dolch dich eher treffen,

als der deinige mich.«

»Beweise die Wahrheit!«

»Ich werde dir eine Geschichte erzählen. Es gab einen großen, mächtigen

Stamm, der wieder in kleinere Ferkah[141] zerfiel. Dieser Stamm war

regiert worden von einem großen, tapfern Häuptling, in dessen Herzen

aber die List neben der Falschheit wohnte. Die Seinen wurden mit ihm

unzufrieden und fielen nach und nach von ihm ab. Sie wandten sich dem

Häuptling eines Ferkah zu. Da schickte der Scheik zu dem Häuptling und

ließ ihn zu einer Besprechung zu sich laden. Er kam aber nicht. Da

sandte der Scheik seinen eigenen Sohn. Dieser war mutig, tapfer und

liebte die Wahrheit. Er sprach zu dem Häuptling: 'Folge mir. Ich schwöre

dir bei Allah, daß du sicher bist im Zelte meines Vaters. Ich werde mit

meinem Leben für das deinige stehen!' -- Da antwortete der Häuptling:

'Ich würde nicht zu deinem Vater gehen, selbst wenn er tausend Eide

ablegte, mich zu schonen; dir aber glaube ich. Und um dir zu zeigen, daß

ich dir vertraue, werde ich ohne Begleitung mit dir gehen.' -- Sie

setzten sich zu Pferde und ritten davon. Als sie in das Zelt des Scheik

traten, war es von Kriegern angefüllt. Der Häuptling wurde eingeladen,

sich an der Seite des Scheik niederzulassen. Er erhielt das Mahl und die

Rede der Gastfreundschaft, aber nach dem Mahle wurde er überfallen. Der

Sohn des Scheik wollte ihn retten, wurde aber festgehalten. Der Oheim

des Scheik riß den Häuptling zu sich nieder, klemmte den Kopf desselben

zwischen seine Kniee, und so wurde dem Verratenen mit Messern der Kopf

abgewürgt, wie man es bei einem Schafe thut. Der Sohn zerriß seine

Kleider und machte seinem Vater Vorwürfe, mußte aber fliehen, sonst

wäre er wohl ermordet worden. Kennst du diese Geschichte, Scheik

Mohammed Emin?«

[141] Unter-Stämme.

»Ich kenne sie nicht. So eine Geschichte kann nicht geschehen.«

»Sie ist geschehen und zwar in deinem eigenen Stamme. Der Verratene hieß

Nedschris, der Sohn Ferhan, der Oheim Hadschar, und der Scheik war der

berühmte Scheik Sofuk vom Stamme der Schammar.«

Er wurde verlegen.

»Woher kennst du diese Namen? Du bist kein Schammar, kein Obeïde, kein

Abu-Salman. Du redest die Sprache der westlichen Araber, und deine

Waffen sind nicht diejenigen der Araber von El Dschesireh[142]. Von wem

hast du diese Geschichte erfahren?«

[142] Wörtlich »Insel« = das Land zwischen dem Euphrat und dem

Tigris.

»Die Schande eines Stammes wird ebenso ruchbar wie der Ruhm eines

Volkes. Du weißt, daß ich die Wahrheit gesprochen habe. Wie kann ich dir

vertrauen? Du bist ein Haddedihn; die Haddedihn gehören zu den Schammar,

und du hast uns die Gastfreundschaft verweigert. Wir werden gehen.«

Er erhob durch eine Bewegung seines Armes Widerspruch.

»Du bist ein Hadschi und befindest dich in der Gesellschaft von Giaurs!«

»Woher siehst du, daß ich ein Hadschi bin?«

»An deinem Hamail[143]. Du sollst frei sein. Diese Ungläubigen aber

sollen die Dschisijet[144] bezahlen, ehe sie fortgehen.«

[143] Ein Kuran, welcher im goldgeschmückten Futteral um den

Hals gehängt wird. Nur die Hadschi pflegen ihn zu tragen.

[144] Kopfsteuer, welche die Stämme von Fremden zu erheben

pflegen.

»Sie werden sie nicht bezahlen, denn sie stehen unter meinem Schutz.«

»Sie brauchen deinen Schutz nicht, denn sie stehen unter demjenigen

ihres Konsuls, den Allah verderben möge!«

»Ist er dein Feind?«

»Er ist mein Feind. Er hat den Gouverneur von Mossul beredet, meinen

Sohn gefangen zu nehmen; er hat die Obeïde, die Abu-Hammed und die

Dschowari gegen mich aufgehetzt, daß sie meine Herden raubten und sich

jetzt vereinigen wollen, mich und meinen ganzen Stamm zu verderben.«

»So rufe die andern Stämme der Schammar zu Hilfe!«

»Sie können nicht kommen, denn der Gouverneur hat ein Heer gesammelt, um

ihre Weideplätze am Sindschar mit Krieg zu überziehen. Ich bin auf mich

selbst angewiesen. Allah möge mich beschützen!«

»Mohammed Emin, ich habe gehört, daß die Obeïde, die Abu-Hammed und die

Dschowari Räuber sind. Ich liebe sie nicht; ich bin ein Freund der

Schammar. Die Schammar sind die edelsten und tapfersten Araber, die ich

kenne; ich wünsche, daß du alle deine Feinde besiegen mögest!«

Ich beabsichtigte nicht etwa, mit diesen Worten ein Kompliment

auszusprechen; sie enthielten vielmehr meine volle Überzeugung. Dies

mußte wohl auch aus meinem Tone herausgeklungen haben, denn ich sah, daß

sie einen freundlichen Eindruck hervorbrachten.

»Du bist in Wirklichkeit ein Freund der Schammar?« fragte er mich.

»Ja, und ich beklage es sehr, daß Zwietracht unter sie gesät wurde, so

daß ihre Macht nun fast gebrochen ist.«

»Gebrochen? Allah ist groß, und noch sind die Schammar tapfer genug, um

mit ihren Gegnern zu kämpfen. Wer hat dir von uns erzählt?«

»Ich habe schon vor langer Zeit von euch gelesen und gehört; die letzte

Kunde aber erhielt ich drüben im Belad Arab bei den Söhnen der Ateïbeh.«

»Wie?« fragte er überrascht, »du warst bei den Ateïbeh?«

»Ja.«

»Sie sind zahlreich und mächtig, aber es ruht ein Fluch auf ihnen.«

»Du meinst Scheik Malek, welcher ausgestoßen wurde?«

Er sprang empor.

»Maschallah, du kennst Malek, meinen Freund und Bruder?«

»Ich kenne ihn und seine Leute.«

»Wo trafest du sie?«

»Ich stieß auf sie in der Nähe von Dschidda und bin mit ihnen quer durch

das Belad Arab nach El Nahman, der Wüste von Maskat, gezogen.«

»So kennst du sie alle?«

»Alle.«

»Auch -- verzeihe, daß ich von einem Weibe spreche, aber sie ist kein

Weib, sondern ein Mann -- auch Amscha, die Tochter Maleks, kennst du?«

»Ich kenne sie. Sie war das Weib von Abu-Seïf und hat Rache an ihm

genommen.«

»Hat sie ihre Rache erreicht?«

»Ja; er ist tot. Hadschi Halef Omar, mein Diener, hat ihn gefällt und

dafür Hanneh, Amschas Tochter, zum Weibe erhalten.«

»Dein Diener? So bist du kein gewöhnlicher Krieger?«

»Ich bin ein Sohn der Uëlad German und reise durch die Länder, um

Abenteuer zu suchen.«

»O, jetzt weiß ich es. Du thust, wie Harun al Raschid gethan hat; du

bist ein Scheik, ein Emir und ziehst auf Kämpfe und auf Abenteuer aus.

Dein Diener hat den mächtigen Vater des Säbels getötet, du als sein Herr

mußt noch ein größerer Held sein, als dein Begleiter. Wo befindet sich

dieser wackere Hadschi Halef Omar?«

Es fiel mir natürlich gar nicht ein, dieser mir sehr vorteilhaften

Ansicht über mich zu widersprechen. Ich antwortete:

»Du wirst ihn vielleicht bald zu sehen bekommen. Er wird von dem Scheik

Malek abgesandt, um die Schammar zu fragen, ob er mit den Seinen unter

ihrem Schutze wohnen könne.«

»Sie werden mir willkommen sein, sehr willkommen. Erzähle mir, o Emir,

erzähle mir von ihnen!«

Er setzte sich wieder nieder. Ich folgte seinem Beispiele und berichtete

ihm über mein Zusammentreffen mit den Ateïbeh, so weit ich es für nötig

hielt. Als ich zu Ende war, reichte er mir die Hand.

»Verzeihe, Emir, daß ich dies nicht wußte. Du hast diese Engländer bei

dir, und sie sind meine Feinde. Nun aber sollt ihr meine Gäste sein.

Erlaube mir, daß ich gehe und das Mahl bestelle.«

Jetzt hatte er mir die Hand gegeben, und nun erst war ich sicher bei

ihm. Ich griff unter mein Gewand und zog die Flasche hervor, in welcher

sich das »heilige« Wasser befand.

»Du wirst das Mahl bei Bent Amm[145] bestellen?«

[145] Bent Amm heißt eigentlich Base und ist nebenbei die

einzige Form, unter welcher man mit einem Araber von seinem

Weibe spricht.

»Ja.«

»So grüße sie von mir und weihe sie mit einigen Tropfen aus diesem

Gefäße. Es ist das Wasser vom Brunnen Zem-Zem. Allah sei mit ihr!«

»Sihdi, du bist ein tapferer Held und ein großer Heiliger. Komm und

besprenge sie selbst. Die Frauen der Schammar fürchten sich nicht, ihr

Gesicht sehen zu lassen vor den Männern.«

Ich hatte allerdings bereits gehört, daß die Weiber und Mädchen der

Schammar keine Freundinnen des Schleiers seien, und war ja auch während

meines heutigen Rittes vielen von ihnen begegnet, deren Gesicht ich

unverhüllt gesehen hatte. Er erhob sich wieder und winkte mir, ihm zu

folgen. Unser Weg ging nicht weit. In der Nähe seines Zeltes stand ein

zweites. Als wir dort eingetreten waren, bemerkte ich drei Araberinnen

und zwei schwarze Mädchen. Die schwarzen waren jedenfalls Sklavinnen,

die anderen aber jedenfalls seine Frauen. Zwei von ihnen rieben zwischen

zwei Steinen Gerste zu Mehl, die dritte aber leitete von einem erhöhten

Standpunkte aus diese Arbeit. Sie war offenbar die Gebieterin.

In einer Ecke des Zeltes standen mehrere mit Reis, Datteln, Kaffee,

Gerste und Bohnen gefüllte Säcke, über welche ein kostbarer Teppich

gebreitet war; dies bildete den Thron der Gebieterin. Sie war noch jung,

schlank und von hellerer Gesichtsfarbe als die anderen Frauen; ihre Züge

waren regelmäßig, ihre Augen dunkel und glänzend. Sie hatte die Lippen

dunkelrot und die Augenbrauen schwarz und zwar in der Weise gefärbt, daß

sie über der Nase zusammentrafen. Stirn und Wangen waren mit

Schönheitspflästerchen belegt, und an den bloßen Armen und Füßen konnte

man eine tiefrote Tättowierung bemerken. Von einem jeden Ohre hing ein

großer goldener Ring bis zur Taille herab, und auch die Nase war mit

einem sehr großen Ring versehen, an dem mehrere große edle Steine

funkelten: -- er mußte ihr beim Essen sehr im Wege sein. Um ihren Nacken

hingen ganze, dicke Reihen von Perlen, Korallenstücken, assyrischen

Cylindern und bunten Steinen, und lose silberne Ringe umgaben ihre

Knöchel, Arm- und Handgelenke. Die andern Frauen waren weniger

geschmückt.

»Sallam!« grüßte der Scheik. »Hier bringe ich euch einen Helden vom

Stamme der German, der ein großer Heiliger ist und euch mit dem Segen

des Zem-Zem begnadigen will.«

Sofort warfen sich sämtliche Frauen auf die Erde. Auch die Vornehmste

glitt von ihrem Throne und kniete nieder. Ich ließ einige Tropfen Wasser

in die Hand laufen und spritzte sie über die Gruppe aus.

»Nehmt hin, ihr Blumen der Wüste! Der Gott aller Völker erhalte euch

lieblich und froh, daß euer Duft erquicke das Herz eures Gebieters!«

Als sie bemerkten, daß ich das Gefäß wieder zu mir steckte, erhoben sie

sich und beeilten sich, mir zu danken. Dies geschah einfach durch einen

Druck der Hand, ganz so wie im Abendlande. Dann gebot der Scheik:

»Nun tummelt euch, ein Mahl zu bereiten, welches dieses Mannes würdig

ist. Ich werde Gäste laden, daß mein Zelt voll werde und alle sich

freuen über die Ehre, welche uns heute widerfahren ist.«

Wir kehrten in sein Zelt zurück. Während ich eintrat, verweilte er noch

vor demselben, um einigen Beduinen seine Befehle zu erteilen.

»Wo waret ihr?« fragte Sir Lindsay.

»Im Zelte der Frauen.«

»Ah! Nicht möglich!«

»Und doch!«

»Diese Weiber lassen sich sehen?«

»Warum nicht?«

»Hm! Wundervoll! Hier bleiben! Auch Weiber ansehen!«

»Je nach Umständen. Man hält mich für einen frommen Mann, da ich Wasser

aus dem Brunnen des Zem-Zem habe, von dem nach dem Glauben dieser Leute

ein Tropfen Wunder thut.«

»Ah! Miserabel! Habe kein Zem-Zem!«

»Würde Euch auch nichts helfen, da Ihr nicht arabisch versteht!«

»Sind hier Ruinen?«

»Nein. Aber ich glaube, daß wir nicht weit zu gehen hätten, um solche zu

finden.«

»Dann einmal fragen! Ruinen finden; Fowling-bull ausgraben! War übrigens

ein schauderhaftes Essen hier!«

»Wird besser. Wir werden sogleich einen echt arabischen Schmaus

bekommen!«

»Ah! Schien mir nicht danach auszusehen, der Scheik.«

»Seine Ansicht über uns hat sich geändert. Ich kenne einige Freunde von

ihm, und das hat uns das Gastrecht hier erworben. Aber laßt die Diener

abtreten. Es könnte die Araber beleidigen, wenn sie mit ihnen in einem

Raume sein müssen.«

Als der Scheik wieder erschienen war, dauerte es nicht lange, so

versammelten sich die Geladenen. Es waren ihrer so viele, daß das Zelt

wirklich voll wurde. Sie lagerten sich je nach ihrem Range im Kreise

herum, während der Scheik zwischen mir und dem Engländer in der Mitte

saß. Bald ward auch das Mahl von den Sklavinnen in das Zelt gebracht und

von einigen Beduinen aufgetragen.

Durch Wüste und Harem Gesammelte Reiseromane, Band I · 第 20 / 38 段