Ich war mit den Ateïbeh bis in die Wüste En Nahman gezogen, da ich es

nicht wagen konnte, mich im Westen des Landes sehen zu lassen. Die Nähe

von _Maskat_ verlockte mich, diese Stadt zu besuchen. Ich that es allein

und ohne alle Begleitung, besah mir seine betürmten Mauern, seine

befestigten Straßen, seine Moscheen und portugiesischen Kirchen,

bewunderte auch die beludschistanische Leibgarde des Imam und setzte

mich endlich in eines der offenen Kaffeehäuser, um mir eine Tasse

Keschreh munden zu lassen. Dieser Trank wird aus den Schalen der

Kaffeebohne gebraut und mit Zimt und Nelken gewürzt. Meine

Beschaulichkeit wurde durch eine Gestalt gestört, welche den Eingang

verdunkelte. Ich blickte auf und sah eine Figur, welche einer längeren

Betrachtung vollständig würdig war:

Ein hoher, grauer Cylinderhut saß auf einem dünnen, langen Kopfe, der in

Bezug auf Haarwuchs eine völlige Wüste war. Ein unendlich breiter,

dünnlippiger Mund legte sich einer Nase in den Weg, die zwar scharf und

lang genug war, aber dennoch die Absicht verriet, sich bis hinab zum

Kinne zu verlängern. Der bloße, dürre Hals ragte aus einem sehr breiten,

umgelegten, tadellos geplätteten Hemdkragen; dann folgte ein

graukarrierter Schlips, eine graukarrierte Weste, ein graukarrierter

Rock und graukarrierte Beinkleider, eben solche Gamaschen und staubgraue

Stiefel. In der Rechten trug der graukarrierte Mann ein Instrument,

welches einer Verwalterhacke sehr ähnlich war, und in der Linken eine

doppelläufige Pistole. Aus der äußeren Brusttasche guckte ein

zusammengefaltetes Zeitungsblatt neugierig hervor.

»Wermyn kahwe!« schnarrte er mit einer Stimme, welche dem Tone einer

Sperlingsklapper glich.

Er setzte sich auf ein Senïeh, welches eigentlich als Tisch dienen

sollte, von ihm aber als Sessel gebraucht wurde. Er erhielt den Kaffee,

senkte die Nase auf den Trank, schnüffelte den Duft ein, schüttete den

Inhalt auf die Straße hinaus und stellte die Tasse auf den Boden.

»Wermyn tütün, gebt Tabak!« befahl er jetzt.

Er erhielt eine bereits angebrannte Pfeife, that einen Zug, blies den

Rauch durch die Nase, spuckte aus und warf die Pfeife neben die Tasse.

»Wermyn« -- -- er sann nach, aber das türkische Wort wollte nicht kommen,

und Arabisch verstand er vielleicht gar nicht. Daher schnarrte er

kurzweg: »Wermyn Roastbeef!«

Der Kawehdschi verstand ihn nicht.

»Roastbeef!« wiederholte er, indem er mit dem Munde und allen zehn

Fingern die Pantomime des Essens machte.

»Kebab!« bedeutete ich dem Wirt, welcher sogleich hinter der Thüre

verschwand, um die Speise zu bereiten. Sie besteht aus kleinen,

viereckigen Fleischstücken, welche an einem Spieße über dem Feuer

gebraten werden.

Jetzt schenkte der Engländer auch mir seine Aufmerksamkeit.

»Araber?« fragte er.

»#No.#«

»Türke?«

»#No.#«

Jetzt zog er die dünnen Augenbrauen erwartungsvoll in die Höhe.

»Englishman?«

»Nein. Ich bin ein Deutscher.«

»Ein Deutscher? Was hier machen?«

»Kaffee trinken!«

»#Very well!# Was sein?«

»Ich bin #writer#!«[135]

[135] Schreiber, Schriftsteller.

»Ah! Was hier wollen in Maskat?«

»Ansehen.«

»Und dann weiter?«

»Weiß noch nicht.«

»Haben Geld?«

»Ja.«

»Wie heißen?«

Ich nannte meinen Namen. Sein Mund öffnete sich auf die Weise, daß die

dünnen Lippen ganz genau ein gleichseitiges Viereck bildeten, welches

die breiten, langen Zähne des Mannes sehen ließ; die Brauen stiegen noch

höher empor als vorher, und die Nase wedelte mit der Spitze, als ob sie

Kundschaft einziehen wolle, was das Loch unter ihr jetzt sagen werde.

Dann griff er in den Rockschoß, zog ein Notizbuch hervor, blätterte

darin und fuhr sodann in die Höhe, um den Hut abzunehmen und mir eine

Verbeugung zu machen.

»#Welcome#, Sir; kenne Sie!«

»Ah, mich?«

»#Yes#, sehr!«

»Darf ich fragen, woher?«

»Bin Freund von Sir John Raffley, Mitglied vom Traveller-Klub, London,

Near-Street 47.«

»Wirklich? Sie kennen Sir Raffley? Wo befindet er sich jetzt?«

»Auf Reisen -- hier oder dort -- weiß nicht. Sie waren mit ihm auf

Ceylon?«

»Allerdings.«

»Elefanten gejagt?«

»Ja.«

»Dann in See auf Girl-Robber?«

»So ist es.«

»Haben Zeit?«

»Hm! Warum stellen Sie diese Frage?«

»Habe gelesen von Babylon -- Niniveh -- Ausgrabung -- Teufelsanbeter. Will

hin -- auch ausgraben -- Fowling-bull holen -- britisches Museum schenken.

Kann nicht Arabisch -- will gern Jäger haben. Machen Sie mit -- bezahle

gut, sehr gut!«

»Darf ich um Ihren Namen bitten?«

»Lindsay, David Lindsay -- Titel nicht, brauche nicht -- Sir Lindsay

sagen.«

»Sie beabsichtigen wirklich, nach dem Euphrat und Tigris zu gehen?«

»#Yes.# Habe Dampfboot -- fahre hinauf -- steige aus -- Dampfboot wartet,

oder zurück nach Bagdad -- kaufe Pferd und Kamel -- reisen, jagen,

ausgraben, britisches Museum schenken, Traveller-Klub erzählen. Sie

mitgehen?«

»Ich bin am liebsten selbständig.«

»Natürlich! Können mich verlassen, wann wollen -- werde gut bezahlen,

sehr fein bezahlen -- nur mitgehen.«

»Wer ist noch dabei?«

»So viel, wie Sie wollen -- aber lieber ich, Sie, zwei Diener.«

»Wann fahren Sie ab?«

»Übermorgen -- morgen -- heut -- gleich!«

Das war ein Anerbieten, wie es mir nicht gelegener kommen konnte. Ich

bedachte mich nicht lange und schlug ein. Natürlich aber stellte ich die

Bedingung, daß es mir zu jeder Zeit frei stände, meine eigenen Wege zu

gehen. Er führte mich an den Hafen, wo ein allerliebster kleiner Puffer

lag, und ich merkte bereits nach Verlauf von einer halben Stunde, daß

ich mir keinen besseren Gefährten wünschen konnte. Er wollte Löwen und

alle möglichen Bestien schießen, die Teufelsanbeter besuchen und mit

aller Gewalt einen Fowling-bull, wie er es nannte, einen geflügelten

Stier, ausgraben, um ihn dem britischen Museum zum Geschenk zu machen.

Diese Pläne waren abenteuerlich, hatten aber eben deshalb meine volle

Zustimmung. Ich war auf meinen Wanderungen noch viel seltsameren Käuzen

begegnet, als er war.

Leider ließ er mich gar nicht wieder zu den Ateïbeh zurück. Ein Bote

mußte meine Sachen holen und Halef benachrichtigen, wohin ich reisen

werde. Als er zurückkehrte, erzählte er mir, daß Halef mit noch einem

Ateïbeh zu Lande zu den Abu Salman- und Schammar-Arabern reisen werde,

um mit ihnen über die Einverleibung der Ateïbeh zu verhandeln. Er werde

mein Hedjihn mitbringen und mich schon zu finden wissen.

Diese Nachricht war mir lieb. Daß Halef zu dieser Botschaft ausersehen

war, bewies mir abermals, daß er der Liebling seines Schwiegervaters

geworden sei. Wir fuhren im persischen Busen hinauf, sahen uns Basra und

Bagdad an und gelangten nachher, auf dem Tigris aufwärts dampfend, an

die Stelle, an welcher wir heute anlegten. -- --

Oberhalb unserer Landestelle mündete der Zab-asfal in den Tigris, und

die Ufer hüben und drüben waren mit einem dichten Bambusdschungel

bestanden. Wie schon vorhin gesagt, brach die Nacht herein; trotzdem

aber bestand Lindsay darauf, an das Land zu gehen und die Zelte

aufzuschlagen. Ich hatte keine rechte Lust dazu, konnte ihn aber nicht

gut allein lassen und folgte ihm also. Die Bemannung des Dampfbootes

bestand aus vier Leuten; es sollte mit Tagesanbruch bereits nach Bagdad

zurückkehren, und so faßte der Engländer gegen meinen Rat den Entschluß,

alles, auch die vier Pferde, welche er in Bagdad gekauft hatte, noch

auszuladen.

»Es wäre besser, wenn wir dies unterließen, Sir,« warnte ich ihn.

»Warum?«

»Weil wir es morgen bei Tageslicht thun könnten.«

»Geht auch am Abend -- bezahle gut!«

»Wir und die Pferde sind auf dem Fahrzeuge sicherer als auf dem Lande.«

»Giebt es hier Diebe -- Räuber -- Mörder?«

»Den Arabern ist niemals zu trauen. Wir sind noch nicht eingerichtet!«

»Werden ihnen nicht trauen, uns aber doch einrichten -- haben Büchsen;

jeder Spitzbube wird niedergeschossen!«

Er ging nicht von seinem Vorsatze ab. Erst nach zwei Stunden waren wir

mit der Arbeit fertig; die zwei Zelte waren aufgerichtet, und zwischen

ihnen und dem Ufer wurden die Pferde angehängt. Nach dem Abendbrote

gingen wir schlafen. Ich hatte die erste, die beiden Diener die zweite

und dritte und Lindsay selbst die vierte Wache. Die Nacht war

wunderschön. Vor uns rauschten die Fluten des breiten Stromes hinab, und

hinter uns erhoben sich die Höhen des Dschebel Dschehennem. Die Helle

des Firmaments erleuchtete alles zur Genüge, aber das Land selbst, auf

dem ich stand, war noch ein Rätsel. Seine Vergangenheit glich den Fluten

des Tigris, die dort unten verschwanden im Schatten des Dschungel. An

Assyrien, Babylonien und Chaldäa knüpfen sich die Erinnerungen an große

Nationen und riesige Städte, aber diese Erinnerungen gleichen dem

Rückblick auf einen Traum, dessen Einzelheiten man vergessen hat.

Als meine Wachtzeit vorüber war, weckte ich den Diener und instruierte

ihn gehörig. Er hieß Bill, war ein Irländer und machte den Eindruck, als

sei die Kraft seiner Muskeln dreißigmal stärker als diejenige seines

Geistes. Er grinste sehr verschmitzt zu meinen Anweisungen und begann

dann auf und ab zu patrouillieren. Ich schlief ein.

Als ich erwachte, geschah es nicht freiwillig, sondern ich wurde am Arme

gerüttelt. Lindsay stand vor mir in seinem graukarrierten Anzuge, den er

selbst in der Wüste nicht abzulegen beschlossen hatte.

»Sir, wacht auf!«

Ich sprang auf die Füße und fragte:

»Ist etwas geschehen?«

»Hm -- ja!«

»Was?«

»Unangenehm!«

»Was!«

»Pferde fort!«

»Die Pferde? Haben sie sich losgerissen?«

»Weiß nicht.«

»Waren sie noch da, als Sie die Wache übernahmen?«

»#Yes!#«

»Aber Sie haben doch gewacht!«

»#Yes!#«

»Wo denn?«

»Dort.«

Er deutete auf einen isolierten Hügel, welcher ziemlich entfernt von

unsern Zelten lag.

»Dort; warum dort?«

»Ist wohl ein Ruinenhügel -- hingegangen wegen Fowling-bull.«

»Und als Sie jetzt zurückkehrten, waren die Pferde fort?«

»#Yes!#«

Ich trat hinaus und untersuchte die Pfähle. Die Enden der Leinen hingen

noch daran; die Tiere waren losgeschnitten worden.

»Sie haben sich nicht losgerissen, sondern sind geraubt worden!«

Er formierte das bekannte Lippenparallelogramm und lachte vergnügt.

»#Yes!# Von wem?«

»Von Dieben!«

Er machte ein noch vergnügteres Gesicht.

»#Very well#, von Dieben -- wo sind sie -- wie heißen sie?«

»Weiß ich es?«

»#No# -- ich auch #no# -- schön, sehr schön! -- Abenteuer da!«

»Es ist keine Stunde vergangen, seit der Diebstahl geschah. Warten wir

nur noch fünf Minuten, so ist es hell genug, um die Spuren zu erkennen.«

»Schön -- ausgezeichnet! Sind Prairiejäger gewesen -- Spuren finden --

nachlaufen -- totschießen -- kapitales Vergnügen -- bezahle gut, sehr gut!«

Er trat in sein Zelt, um die Vorbereitungen zu treffen, welche er für

notwendig hielt. Ich erkannte nach kurzer Zeit im Scheine der Dämmerung

die Spuren von sechs Männern und teilte ihm diese Entdeckung mit.

»Sechs? Wie viel wir?«

»Nur zwei. Zwei müssen bei den Zelten zurückbleiben, und das Boot bleibt

auch liegen, bis wir zurückkehren.«

»#Yes!# Das befehlen und dann fort!«

»Sind Sie ein guter Läufer, oder soll ich Bill mitnehmen?«

»Bill? Pah! Weshalb gehe an Tigris! Abenteuer! Laufe gut -- laufe wie

Hirsch!«

Nachdem die nötigen Verhaltungsmaßregeln erteilt worden waren, warf er

die rätselhafte Hacke nebst der Büchse über die Achsel und folgte mir.

Es galt, die Diebe einzuholen, ehe sie zu einer größeren Truppe stießen,

und daher schritt ich so schnell aus, als mir möglich war. Die langen

karrierten Beine meines Gefährten hielten sich ganz wacker; es war eine

Lust, so mit ihm zu laufen.

Wir befanden uns in der Zeit des Frühjahrs; der Boden glich daher nicht

einer Wüste, sondern einer Wiese, nur daß die Blumen förmlich büschel-

oder vielmehr buschweise aus der Erde schossen. Wir waren noch nicht

weit gekommen, so hatten unsere Hosen sich vom Blütenstaube gefärbt.

Wegen dieser Höhe der Vegetation war die Spur sehr deutlich zu erkennen.

Sie führte uns schließlich an ein Nebenflüßchen, welches von dem

Dschebel Dschehennem herfloß und eine sehr aufgeregte Wassermasse

zeigte. An seinem Ufer stieß die Spur an eine Stelle, die von

Pferdehufen zertreten war, und eine neue Untersuchung ergab von hier aus

zehn statt vier Hufspuren. Zwei von den sechs Dieben waren bis hierher

gelaufen, statt geritten, und hier hatten sie alle ihre Pferde versteckt

gehabt.

Lindsay machte eine sehr mißvergnügte Miene.

»Miserabel -- tot ärgern!«

»Worüber?«

»Werden entkommen!«

»Weshalb?«

»Haben nun alle Pferde -- wir laufen.«

»Pah! Ich holte sie dennoch ein, wenn Sie aushielten; aber dies ist gar

nicht einmal nötig. Man darf nicht nur sehen, sondern man muß auch

schließen.«

»Schließen Sie!«

»Sind diese Leute zufällig an unseren Lagerplatz gekommen?«

»Hm!«

»Vielleicht, vielleicht auch nicht. Es scheint mir, als ob sie zu Lande

dem Schiffe gefolgt seien, welches alle Abende angelegt hat. Ist dies

der Fall, so führt zwar ihre Spur nach Westen, aber nur deshalb, weil

sie über diesen Fluß müssen und sich doch bei Hochwasser mit den fremden

Pferden nicht hineingetrauen.«

»Also Umweg machen müssen?«

»Ja. Sie werden sich eine Furt oder irgend eine bessere Übergangsstelle

suchen und dann wieder in die alte Richtung lenken.«

»Schön, gut -- sehr gut!«

Er warf die Kleidung ab und trat an das Ufer.

»Ja, Sir, sind Sie denn ein guter Schwimmer?«

»#Yes!#«

»Es ist hier nicht so ganz gefahrlos, wenn man die Waffen und die

Kleider trocken halten will. Machen Sie mit den Kleidern einen Turban

über Ihren Hut!«

»Gut -- sehr gut -- werde machen!«

Auch ich wand mir aus meinen Kleidern einen hohlen Ballen, den ich mir

auf den Kopf setzte; dann gingen wir in das Wasser. Dieser Engländer war

wirklich ein ebenso gewandter Schwimmer, wie er ein ausdauernder Läufer

war. Wir kamen ganz gut hinüber und zogen die Kleider wieder an.

Lindsay überließ sich ganz meiner Führung. Wir eilten noch ungefähr zwei

englische Meilen nach Süd und schlugen dann nach West um, wo uns die

Höhen eine weite Aussicht gewährten. Wir stiegen einen Berg empor und

sahen uns um. So weit das Auge reichte, zeigte sich kein lebendes Wesen.

»#Nothing!# -- Nichts -- keine Seele -- -- miserabel!«

»Hm, auch ich sehe nichts!«

»Wenn Sie geirrt -- oho, was dann?«

»Dann haben wir noch immer Zeit, sie dort am Flüßchen zu verfolgen. Mir

hat noch keiner ungestraft ein Pferd gestohlen; ich werde auch hier

nicht eher zurückkehren, bis ich die vier Tiere wieder habe.«

»Ich auch.«

»Nein. Sie müssen bei Ihrem Eigentume sein.«

»Eigentum? Pah! Wenn fort, dann neues kaufen -- Abenteuer gern bezahlen --

sehr gut.«

»Halt! Bewegt sich da draußen nicht etwas?«

»Wo?«

»Dort!«

Ich deutete mit der Hand die Richtung an. Er riß die Augen und den Mund

weit auf und spreizte die Beine auseinander. Seine Nasenflügel öffneten

sich -- es sah aus, als ob sein Riechorgan auch mit der Eigenschaft, zu

sehen, oder wenigstens mit einem optischen Witterungs- und

Ahnungsvermögen begabt sei.

»Richtig -- sehe auch!«

»Es kommt auf uns zu.«

»#Yes!# Wenn sind, dann schieß' alle tot!«

»Sir, es sind Menschen!«

»Diebe! Müssen tot -- unbedingt tot!«

»Dann thut es mir leid, Sie verlassen zu müssen.«

»Verlassen? Warum?«

»Ich wehre mich meiner Haut, wenn ich angegriffen werde, aber ich morde

keinen Menschen ohne Not. Ich denke, Sie sind ein Engländer!«

»#Well!# Englishman -- Nobelman -- Gentleman -- werde nicht töten -- nur

Pferde nehmen!«

»Es scheint wahrhaftig, daß sie es sind!«

»#Yes!# Zehn Punkte -- stimmt!«

»Vier sind ledig und sechs beritten.«

»Hm! Guter Prairiejäger Sie -- recht gehabt -- Sir John Raffley viel

erzählt -- bei mir bleiben -- gut bezahlen, sehr gut!«

»Schießen Sie sicher?«

»Hm, ziemlich!«

»So kommen Sie. Wir müssen uns zurückziehen, damit sie uns nicht

bemerken. Unser Operationsfeld liegt unten zwischen dem Berge und dem

Flusse. Gehen wir noch zehn Minuten weiter nach Süd, so tritt die Höhe

so eng an das Wasser heran, daß ein Entkommen gar nicht möglich ist.«

Wir eilten jetzt im vollen Laufe wieder hinab und erreichten bald die

Stelle, welche ich angedeutet hatte. Der Fluß war von Schilf und Bambus

eingesäumt, und am Fuße des Berges fanden sich Mimosen und ein hohes

Wermutgebüsch. Wir hatten Raum genug zum Versteck.

»Was nun?« fragte der Engländer.

»Sie verbergen sich hier im Schilfe und lassen die Leute vorüber. Am

Ausgange dieser Enge trete ich hinter die Mimosen, und wenn wir die

Diebe zwischen uns haben, treten wir beide vor. Ich schieße ganz allein,

da ich mich vielleicht besser nach den Umständen zu richten verstehe,

und Sie gebrauchen Ihr Gewehr nur auf mein ganz besonderes Geheiß, oder

wenn Ihr Leben ernstlich in Gefahr kommt.«

»#Well# -- gut, sehr gut -- excellent Abenteuer!«

Er verschwand in dem Schilfe, und auch ich suchte mir meinen Platz.

Bereits nach kurzer Zeit hörten wir Hufschlag. Sie kamen herbei -- an

Lindsay vorüber, ohne böse Ahnung, ohne sich umzusehen. Ich sah den

Engländer jetzt aus dem Schilfe tauchen und trat vor. Sie hielten im

Augenblicke ihre Pferde an. Die Büchse hing mir über die Schulter, und

nur den Henrystutzen hielt ich in der Hand.

»Sallam aaleïkum!«

Der freundliche Gruß verblüffte sie.

»Aaleïk --« antwortete einer von ihnen. »Was thust du hier?«

»Ich warte auf meine Brüder, welche mir helfen sollen.«

»Welcher Hilfe bedarfst du?«

»Du siehst, daß ich ohne Pferd bin. Wie soll ich durch die Wüste kommen?

Du hast vier Tiere übrig; willst du mir nicht eines davon verkaufen?«

»Wir verkaufen keines dieser Pferde!«

»Ich höre, daß du ein Liebling Allahs bist. Du willst nur deshalb das

Pferd nicht verkaufen, weil dein gutes Herz dir gebietet, es mir zu

schenken.«

»Allah heile dir deinen Verstand! Ich werde auch kein Pferd

verschenken.«

»O, du Muster von Barmherzigkeit, du wirst einst die Wonnen des

Paradieses vierfach kosten; denn du willst mir nicht bloß ein Pferd,

sondern vier verehren, weil ich so viele brauche!«

»Allah kerihm -- Gott sei uns gnädig! Dieser Mensch ist deli, ist gewiß

und wahrhaftig verrückt.«

»Bedenke, mein Bruder, daß die Verrückten nehmen, was man ihnen nicht

freiwillig giebt! Blicke dich um! Vielleicht giebst du jenem dort das,

was du mir verweigerst.«

Erst jetzt, beim Anblick des Engländers, wurde ihnen die Situation

vollständig klar. Sie legten die Lanzen zum Stoße ein.

»Was wollt ihr?« fragte mich der Sprecher.

»Unsere Pferde, welche ihr uns beim Anbruch des Tages gestohlen habt.«

»Mensch, du bist wahrhaftig toll! Wenn wir dir Pferde genommen hätten,

so hättest du uns mit den Füßen nicht erreichen können!«

»Meinst du? Ihr wißt, daß diese vier Pferde den Franken gehören, welche

dort mit dem Schiffe angekommen sind. Wie könnt ihr denken, daß Franken

sich ungestraft bestehlen lassen, und daß sie nicht klüger sind, als

ihr! Ich habe gewußt, daß ihr am Fluß einen Umweg machen würdet, bin

herübergeschwommen und euch zuvorgekommen. Ihr aber habt euch allerdings

täuschen lassen. Ich will nicht Menschenblut vergießen; darum bitte ich

euch, mir die Pferde freiwillig zurückzugeben. Dann könnt ihr gehen,

wohin ihr wollt!«

Er lachte.

»Ihr seid zwei Männer, und wir sind sechs.«

»Wohl! So thue ein jeder, was ihm beliebt!«

»Weiche vom Wege!«

Er legte die mit Straußenfedern verzierte Lanze ein und trieb sein Pferd

auf mich zu. Ich erhob den Stutzen: der Schuß krachte, und Roß und

Reiter stürzten nieder. Ich bedurfte keiner Minute, um noch fünfmal zu

zielen und fünfmal abzudrücken. Alle Pferde stürzten, und nur die

unserigen, welche man zusammengekoppelt hatte, waren unversehrt. Der,

welcher sie vorher an der Leine hielt, hatte sie losgelassen. Wir

benützten den Augenblick der Verwirrung, sprangen auf und eilten davon.

Hinter uns ertönte das Zorngeschrei der Araber. Wir machten uns nichts

daraus, sondern brachten die Riemen unserer Tiere in Ordnung und ritten

lachend davon.

»#Magnificent# -- prächtig -- schönes Abenteuer -- hundert Pfund wert! Wir

zwei, sie sechs -- sie uns vier Pferde genommen, wir ihnen sechs genommen

-- ausgezeichnet -- herrlich!« lachte Lindsay.

»Ein Glück, daß es so ausgezeichnet, so herrlich abgelaufen ist, Sir.

Wären unsere Tiere scheu geworden, so kamen wir nicht so schnell weg und

hätten sehr leicht einige Kugeln erhalten können.«

»Machen wir auch Umweg oder gehen grad aus?«

»Grad aus. Wir kennen unsere Pferde; der Übergang wird gelingen.«

Wir kamen in guter Zeit wieder bei unseren Zelten an, und bald nach

unserer Ankunft stieß das Boot vom Lande ab und wir blieben allein in

der Wüste zurück.

Lindsay wollte anfangs sehr viel Gepäck und auch Proviant mitnehmen,

ich aber hatte ihn zu einer andern Ansicht gebracht. Wer ein Land kennen

lernen will, der muß auch lernen, sich auf die Gaben desselben zu

beschränken, und ein Reiter darf nie mehr bei sich haben, als sein Tier

zu tragen vermag. Übrigens waren wir reichlich mit Munition versehen,

was die Hauptsache ist, und außerdem verfügte der »Nobelman« über so

bedeutenden Geldvorrat, daß wir davon den Reiseaufwand für Jahre hinaus

hätten bestreiten können.

»Nun allein am Tigris,« meinte er. »Nun gleich graben nach Fowling-bulls

und andern Altertümern!«

Der gute Mann hatte sicher sehr viel gelesen und gehört von den

Ausgrabungen bei Khorsabad, Kufjundschik, Hammum Ali, Nimrud, Keschaf

und El Hather und war dadurch auf den Gedanken gekommen, nun seinerseits

auch das britische Museum zu bereichern und dadurch ein berühmter Mann

zu werden.

»Jetzt gleich?« fragte ich ihn. »Das wird nicht gehen!«

»Warum? Habe Hacke mit.«

»O, mit diesem Mattok werden Sie nicht viel machen können. Wer hier

graben will, muß sich erst mit der Regierung verständigen -- -- --«

»Regierung? Welche?«

»Die türkische.«

»Pah! Hat Niniveh den Türken gehört?«

»Allerdings nicht, denn damals war von den Türken keine Rede. Aber die

Ruinen gehören jetzt zum türkischen Grund und Boden, obgleich hier der

Arm des Sultans nicht sehr mächtig ist. Die arabischen Nomaden sind da

die eigentlichen Herren, und wer hier graben will, der hat sich zunächst

auch mit ihnen in freundschaftliche Beziehung zu setzen, da er sonst

weder seines Eigentums, noch seines Lebens sicher ist. Darum habe ich

Ihnen ja geraten, Geschenke für die Häuptlinge mitzunehmen.«

»Die seidenen Gewänder?«

»Ja; sie sind hier am meisten gesucht und nehmen beim Transport sehr

wenig Raum ein.«

»#Well#, so wollen setzen in freundschaftliche Beziehung -- aber sogleich

und sofort -- nicht?«

Ich wußte, daß es bei seinen Ausgrabungen nur bei dem Gedanken bleiben

werde, hatte mir aber vorgenommen, ihn nicht abwendig zu machen.

»Ich bin dabei. Nun fragt es sich, welchem Häuptling man zunächst seine

Aufwartung zu machen hat.«

»Raten!«

»Der mächtigste Stamm heißt El Schammar. Er hat aber seine Weidegründe

weit oben am südlichen Abhang der Sindscharberge und an dem rechten Ufer

des Thathar.«

»Wie weit ist Sindschar von hier?«

»Einen ganzen Breitegrad.«

»Sehr breit! Was sind noch für Araber hier?«

»Die Obeïden, Abu-Salman, Abu-Ferhan und andere; doch läßt sich nie

genau bestimmen, wo man diese Horden zu suchen hat, da sie sich stets

auf der Wanderschaft befinden. Wenn ihre Herden einen Platz abgeweidet

haben, so bricht man die Zelte ab und zieht weiter. Dabei leben die

einzelnen Stämme in ewiger, blutiger Feindseligkeit miteinander; sie

haben sich gegenseitig zu meiden, und das trägt auch nicht wenig zu der

Unstätigkeit ihres Lebens bei.«

»Schönes Leben -- viel Abenteuer -- viel Ruinen finden -- viel ausgraben --

ausgezeichnet -- excellent!«

»Am besten ist es, wir reiten in die Wüste hinein und befragen uns bei

dem ersten Beduinen, welcher uns begegnet, nach dem Wohnort des nächsten

Stammes.«

»Gut -- #well# -- sehr schön! Gleich jetzt reiten und befragen!«

»Wir könnten heute noch hier bleiben!«

»Bleiben und nicht graben? Nein -- geht nicht! Zelte ab und fort!«

Ich mußte ihm seinen Willen lassen, zumal bei näherem Überlegen ich mir

sagte, daß es wegen der heutigen feindseligen Begegnung besser sei, den

Ort zu verlassen. Wir brachen also die leichten Zelte ab, welche von den

Pferden der Diener getragen werden mußten, setzten uns auf und schlugen

den Weg nach dem Sabakah-See ein.

Durch Wüste und Harem Gesammelte Reiseromane, Band I · 第 19 / 38 段