Im Vorüberreiten wechselten wir die Gewehre; dann versteckte sich die

Wüstentochter hinter einem Felsenvorsprung, ohne mir zu folgen. Jetzt

erriet ich ihr Vorhaben: sie wollte Abu-Seïf zwischen sich und mich

bringen. Er erschien nach einigen Augenblicken oben auf der Höhe. Ich

ließ mein Tier mit Absicht etwas langsamer gehen und bemerkte, daß er

nun seinen Eifer verdoppelte. Während ich die nächste Bergeslehne

erklimmte, galoppierte er drüben herab und quer über die Senkung

herüber, ohne aus den Spuren zu bemerken, daß ich nicht allein da

gewesen war. Als ich den Gipfel erreichte, sah ich auf der Höhe hinter

mir bereits noch einige Verfolger, und tief unten hatte sich meine

Gefährtin nun auch in Bewegung gesetzt. Ihr Vorhaben war ihr gelungen:

Abu-Seïf befand sich zwischen uns; und da sie das zweite Kamel nicht

mehr am Halfter führte, sondern frei nachlaufen ließ, so mußte er sie,

wenn er sich umsah, für einen meiner Verfolger halten.

Für meine Person hatte ich nichts mehr zu befürchten, und da die andern

Verfolger immer weiter zurückblieben, so war nur noch darauf zu achten,

daß Abu-Seïf uns nicht entwischte. Ich suchte daher aus dem hügeligen

Terrain heraus und in die Ebene zu kommen, doch in der Richtung, welche

dem Lager der Ateïbeh entgegengesetzt war. Und zu gleicher Zeit zügelte

ich mein Dschemmel immer mehr.

So dauerte der Ritt wohl gegen drei Viertelstunden, bis ich endlich die

offene Wüste erreichte. Ich strebte in dieselbe hinein und richtete es

so ein, daß sich Abu-Seïf immer außer Schußweite hinter mir befand.

Jetzt erreichte auch die Tochter des Scheik den Fuß der Hügelkette, aber

zu gleicher Zeit sah ich auf dem Kamme der letzten Höhe noch einen

Verfolger erscheinen, der ein ausgezeichnetes Kamel reiten mußte; denn

er kam uns anderen immer näher. Sein Tier war dem Pferde des Abu-Seïf

weit überlegen.

Ich begann bereits Befürchtungen zu hegen, zwar nicht für mich, sondern

in Beziehung auf meine Gefährtin; da sah ich zu meinem Erstaunen, daß

dieser Reiter seitwärts abbog, als wolle er uns in einem Bogen

überholen. Ich hielt mein Tier an und blickte schärfer zurück. War es

möglich? Dort der kleine Kerl auf dem fliegenden Hedjihn sah genau so

aus, wie mein Halef. Wie kam er zu einem solchen Tiere, und wie kam er

hinter uns? Ich hielt mein Kamel an, um ihn noch einmal, und zwar genau

ins Auge zu fassen. Ja, es war Halef und kein anderer. Er wollte sich

mir zu erkennen geben und schlug mit den Armen in der Luft herum, als ob

er Schwalben fangen wolle.

Nun blieb ich ruhig sitzen und nahm die Büchse zur Hand. Der Verfolger

war im Bereich meiner Stimme.

»Rrrrreee, du Vater des Säbels! Bleib fern, sonst sende ich dir eine

Kugel!«

»Fern bleiben, du Hund?« schrie er. »Ich werde dich lebendig fangen und

nach Mekka bringen, du Schänder des Heiligtumes!«

Ich konnte nichts anderes thun: ich zielte und feuerte. Um ihn zu

schonen, hatte ich auf die Brust seines Pferdes gehalten. Es überschlug

sich und begrub ihn unter sich; es wälzte sich einigemal über ihm und

dann war es tot. Ich erwartete, daß er sich schleunigst hervorarbeiten

werde; es geschah nicht. Entweder hatte er sich verletzt, oder er that

nur so, um mich in seine Nähe zu locken. Ich ritt sehr vorsichtig auf

ihn zu und kam zu gleicher Zeit mit der Ateïbeh bei ihm an. Er lag mit

geschlossenen Augen im Sande und rührte sich nicht.

»Effendi, deine Kugel ist der meinigen zuvorgekommen!« klagte das Weib.

»Ich habe nur auf sein Pferd und nicht auf ihn geschossen. Doch kann er

das Genick oder etwas anderes gebrochen haben. Ich werde nachsehen.«

Ich stieg ab und untersuchte ihn. Wenn er sich nicht innerlich verletzt

hatte, so war er wohl erhalten und nur betäubt. Die Ateïbeh zog ihren

Handschar.

»Was willst du thun?«

»Mir seinen Kopf nehmen.«

»Das thust du nicht, denn auch ich habe ein Recht auf ihn.«

»Mein Recht ist älter!«

»Aber das meinige ist größer: ich habe ihn gefällt.«

»Das ist nach den Sitten dieses Landes richtig. Tötest du ihn?«

»Was thust du, wenn ich ihn nicht töte, sondern frei gebe oder einfach

hier liegen lasse?«

»So giebst du dein Recht auf, und ich mache das meinige geltend.«

»Ich gebe es nicht auf.«

»So nehmen wir ihn mit, und es wird sich entscheiden, was mit ihm

geschieht.«

Jetzt kam auch Halef herbei.

»Maschallah, Wunder Gottes! Sihdi, was hast du gethan?«

»Wie kommst du an diesen Ort?«

»Ich bin dir nachgeeilt!«

»Das sehe ich allerdings. Erkläre dich ausführlicher!«

»Sihdi, du weißt, daß ich sehr viel Geld habe. Was soll ich es in meiner

Tasche tragen? Ich wollte mir ein Dschemmel dafür kaufen und ging zu

einem Händler, der am südlichen Ende der Stadt wohnt. Hanneh war bei

mir. Während ich mir seine Tiere besah, unter denen dieses hier das

beste und so teuer war, daß es nur ein Pascha oder Emir bezahlen konnte,

erhob sich draußen ein großer Lärm. Ich eilte mit dem Händler hinaus

und hörte, daß ein Giaur das Heiligtum geschändet habe und geflohen sei.

Ich dachte sogleich an dich, Sihdi, und sah dich auch einen Augenblick

später nach der Höhe eilen. Alles drängte nach dem Hof, um Tiere zu

deiner Verfolgung zu holen. Ich that dasselbe und ergriff dieses

Hedjihn. Nachdem ich zuvor Hanneh befohlen hatte, in das Lager zu eilen

und dem Scheik den Vorfall zu erzählen, gab ich dem Händler, der mir das

Tier nicht borgen wollte, einen Klapps und ritt dir nach, um dich zu

fangen. Die anderen blieben alle zurück; nun habe ich dich und auch das

Dschemmel.«

»Es ist nicht dein.«

»Darüber reden wir später, Sihdi. Die Verfolger sind noch immer hinter

uns; wir können nicht hier bleiben. Was thun wir mit diesem Vater des

Säbels und des Betruges?«

»Wir binden ihn auf dieses ledige Kamel und nehmen ihn mit. Er wird wohl

wieder zu sich kommen.«

»Und wohin fliehen wir?«

»Ich weiß den Ort,« antwortete die Ateïbeh. »Auch du kennst ihn, Halef;

denn mein Vater, der Scheik, hat ihn dir gesagt für den Fall, daß du uns

nicht mehr im Lager angetroffen hättest.«

»Du meinst die Höhle Atafrah?«

»Ja. Hanneh hätte dich hingeführt. Diese Höhle ist nur den Anführern der

Ateïbeh bekannt, und diese sind jetzt nicht dort zugegen. Kommt, helft

mir den Gefangenen binden.«

Sechs Händen war es nicht schwer, ihn auf das Kamel zu befestigen,

welches mich vom Lager aus bis in die Nähe der Stadt getragen hatte.

Alles, was Abu-Seïf bei sich trug, nahm die Tochter Maleks zu sich; dann

stiegen wir wieder auf und eilten dem Südosten zu.

So war ich denn glücklich entkommen. Ich dachte jetzt nicht, daß ich

Mekka noch einmal sehen würde, und verspare daher die Beschreibung der

Stadt und ihrer Sehenswürdigkeiten bis später.

Unterwegs hatte ich von den Vorwürfen Halefs zu leiden.

»Sihdi,« meinte er, »habe ich dir nicht gesagt, daß kein Ungläubiger die

heilige Stadt besuchen darf? Du hättest beinahe das Leben verloren!«

»Warum schlugst du mir meine Bitte ab, als ich Wasser verlangte?«

»Weil ich sie nicht erfüllen durfte.«

»Nun habe ich mir das Wasser selbst geholt!«

»Du warst beim heiligen Brunnen?«

»Sieh her! Das ist das echte Wasser vom Zem-Zem!«

»Allah kerihm, Gott ist gnädig, Sihdi! Er hat dich zu einem wahren

Gläubigen und sogar zu einem Hadschi gemacht. Ein Giaur darf nicht in

die Stadt; aber wer vom Wasser des Zem-Zem hat, der ist ein Hadschi und

folglich auch ein echter Moslem. Habe ich dir nicht stets gesagt, daß du

dich noch bekehren würdest, du magst wollen oder nicht?«

Das war eine ebenso drollige wie auch kühne Auffassung der Sachlage;

aber sie hatte die Absicht und auch den Erfolg, das muselmännische

Gewissen meines guten Halef zu beschwichtigen, und so fiel es mir nicht

ein, seine Anschauung zu widerlegen.

Die Landschaft um Mekka ist außerordentlich wasserarm, und wo sich ein

Brunnen befindet, ist er sicherlich der Mittelpunkt eines Dorfes oder

wenigstens eines zeitweiligen Lagers. Diese Orte mußten wir meiden, und

so kam es, daß wir trotz der Hitze des Tages keinen Halt machten, bis

wir eine Gegend erreichten, welche sehr reich an zerklüfteten Felsen

war. Wir folgten der Ateïbeh über Schutt und Geröll und zwischen

mächtigen Steinblöcken hindurch, bis wir an einen Felsenspalt gelangten,

der unten die ungefähre Breite eines Kameles hatte.

»Dies ist die Höhle,« sagte unsere Führerin. »Auch die Tiere können

hinein, wenn wir ihnen die Sattelkissen abnehmen.«

»Wir bleiben hier?« fragte ich.

»Ja, bis der Scheik kommt.«

»Wird er kommen?«

»Er wird sicher kommen, weil Hanneh ihn benachrichtigt hat. Wenn jemand

von den Ateïbeh nicht zum Lager kommt, so ist er hier in dieser Höhle zu

suchen. Steigt ab und folget mir!«

Abu-Seïf war wieder zu sich gekommen, aber er hatte während des ganzen

Rittes keinen Laut von sich gegeben und stets die Augen geschlossen

gehalten. Er wurde zuerst in die Höhle gebracht. Wenn man dem Spalte

folgte, so wurde er immer breiter und bildete schließlich einen Raum,

der groß genug für vierzig bis fünfzig Männer und Tiere war. Sein großer

Vorzug bestand in dem Wasser, welches sich ganz im Hintergrunde

angesammelt hatte. Nachdem wir den Gefangenen und die Kamele in

Sicherheit gebracht hatten, suchten wir draußen nach dem großbüscheligen

Rattamgras, welches die sehr willkommene Eigenschaft besitzt, daß es im

grünen Zustande ebensogut brennt wie im getrockneten. Das war für die

Nacht, denn am Tage konnte es uns nicht einfallen, ein Feuer anzuzünden,

dessen Rauch unsern Zufluchtsort sehr leicht hätte verraten können.

Übrigens aber brauchten wir keine große Sorge zu haben, entdeckt zu

werden. Unser Weg hatte uns meist über einen so steinigen Boden geführt,

daß unsere Spuren sicher nicht verfolgt werden konnten.

Eine eigentümliche Entdeckung machte ich, als ich die Satteltasche

meines Kameles untersuchte: sie enthielt Geld, und zwar eine nicht

unbedeutende Summe.

Unsere Tiere waren ermüdet, und wir ebenso; die Fesseln des Gefangenen

waren fest, und so konnten wir schlafen. Natürlich aber teilte ich mich

mit Halef in die Wache. So vergingen die letzten Tagesstunden, und die

Nacht brach herein. Beim Morgengrauen hatte ich die Wache. Durch ein

sich nahendes Geräusch aufmerksam gemacht, lugte ich zum Spalt hinaus

und sah einen Mann, der sich vorsichtig herbeischlich. Ich erkannte in

ihm einen der Ateïbeh und trat hinaus.

»Allah sei Dank, daß ich dich sehe, Effendi!« begrüßte er mich. »Der

Scheik hat mich vorausgesandt, um zu erforschen, ob ihr hier zu finden

seid. Nun brauche ich nicht zurückzukehren, denn dies ist das Zeichen,

daß ich euch hier angetroffen habe.«

»Wen vermutest du außer mir noch hier?«

»Deinen Diener Halef, die Bint el Ateïbeh und vielleicht gar noch

Abu-Seïf, den Gefangenen.«

»Wie kannst du diese alle hier erwarten?«

»Effendi, das ist nicht schwer zu erraten. Hanneh kam mit den beiden

Kamelen allein ins Lager und erzählte, daß du in Mekka gewesen und

geflohen bist. Die Bint el Malek war mit dir geritten und hat dich

sicher nicht verlassen, obgleich du eine große Sünde begangen hast.

Halef kam dir nach, und hinter den Bergen fanden die Verfolger das

erschossene Pferd des Dscheheïne, ihn selbst aber nicht. Ihr hattet ihn

also bei euch. Freilich konnten nur wir dies erraten, die anderen aber

nicht.«

»Wann kommt der Scheik?«

»Vielleicht noch vor einer Stunde.«

»So komm herein.«

Er würdigte den Gefangenen keines Blickes und legte sich sofort zum

Schlafen nieder. In der angegebenen Zeit langte die kleine Karawane vor

der Höhle an. Man lud ab, und alles wurde hereingeschafft. Ich hatte

erwartet, von dem Scheik Vorwürfe zu erhalten. Aber seine erste Frage

war:

»Hast du den Dscheheïne gefangen?«

»Ja.«

»Er ist hier?«

»Unverletzt und gesund.«

»So werden wir über ihn richten!«

Bis man alles geordnet hatte, war es Mittag geworden. Nun sollte das

Gericht beginnen. Vorher hatte ich aber mit Halef eine interessante

Unterredung.

»Sihdi, erlaube mir eine Frage,« bat er.

»Sprich!«

»Nicht wahr, du weißt noch alles, was du über mich und Hanneh

niedergeschrieben hast?«

»Alles.«

»Wann muß ich Hanneh wieder hergeben?«

»Sobald du die Wallfahrt beendet hast.«

»Aber ich habe sie noch nicht beendet!«

»Was fehlt noch?«

»Nichts, denn ich bin in Mekka mit allem fertig, da es sehr schnell

gegangen ist. Aber ich möchte mein Weib behalten, und da ist es mir

eingefallen, daß zu einer richtigen Hadsch auch ein Besuch in Medina

gehört.«

»Das ist sehr richtig. Was sagt Hanneh dazu?«

»Sihdi, sie liebt mich. Glaube es -- sie hat es mir selbst gesagt!«

»Und du liebst sie wieder?«

»Sehr! Steht nicht geschrieben, daß Allah dem Adam eine Rippe genommen

und daraus die Eva geschaffen habe? Unter der Rippe liegt das Herz, und

also wird das Herz des Mannes stets beim Weibe sein.«

»Aber was wird der Scheik sagen?«

»Das ist es ja, was mir Sorge macht, Sihdi!«

»Weitere Sorge hast du nicht?«

»Nein.«

»Und ich? Was werde ich dazu sagen?«

»Du? O, du wirst mir deine Einwilligung geben, denn ich werde dich

dennoch nicht verlassen, so lange du mich bei dir haben willst.«

»Dein Weib könnte aber doch nicht mit umherziehen; bedenke das!«

»Das soll sie auch nicht. Ich werde sie bei ihrem Stamme lassen, bis ich

zurückkehren kann.«

»Halef, das ist eine Aufopferung, welche ich nicht verlange. Aber da ihr

euch einander so lieb habt, so mußt du eben dein möglichstes thun, sie

behalten zu dürfen. Vielleicht läßt sich der Scheik erbitten, daß du sie

nicht wieder abzutreten brauchst.«

»Sihdi, ich gebe sie nicht wieder her, und wenn ich fliehen müßte. O sie

weiß, daß ich Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi

Dawud al Gossarah bin, und sie würde mit mir bis an das Ende der Welt

gehen!«

Mit dieser selbstbewußten Versicherung schritt er stolz von dannen.

Unterdessen hatte sich ein Kreis gebildet, in dessen Mitte Abu-Seïf

getragen worden war. Ich ward aufgefordert, an der Verhandlung teil zu

nehmen, und setzte mich neben dem Scheik Malek nieder.

»Effendi,« begann dieser, »ich habe gehört, daß du behauptest, Rechte an

diesen Mann zu haben, und weiß, daß dies die Wahrheit ist. Willst du ihn

uns abtreten oder willst du mit uns über sein Schicksal abstimmen?«

»Ich werde mit abstimmen, ich und Halef, denn auch er hat Rache an

Abu-Seïf zu nehmen.«

»So nehmt dem Gefangenen die Fesseln ab!«

Er wurde losgebunden, blieb aber bewegungslos liegen, als ob er tot sei.

»Abu-Seïf, erhebe dich vor diesen Männern, um dich zu verantworten!«

Er blieb liegen, ohne nur die Augenlider aufzuschlagen.

»Er hat die Sprache verloren, ihr seht es, ihr Männer; warum sollen wir

da mit ihm reden? Er weiß, was er gethan hat, und wir wissen es auch;

was könnten uns da die Worte und die Fragen nützen? Ich sage, daß er

sterben muß, um den Schakalen, Hyänen und Geiern zur Speise zu dienen.

Wer meiner Rede beistimmt, der mag es erklären.«

Alle gaben ihre Zustimmung. Ich allein wollte mein Veto einlegen, wurde

aber durch ein unvorhergesehenes Ereignis daran verhindert. Bei den

letzten Worten des Scheik nämlich erhob sich plötzlich der Gefangene,

schnellte zwischen zwei der Ateïbeh hindurch und sprang dem Ausgang zu.

Ein lauter Schrei der Bestürzung erscholl, dann erhoben sich alle, um

ihm nachzuspringen. Ich war der einzige, welcher zurückblieb. Er hatte

große Schuld auf sich geladen und nach den Gesetzen der Wüste mehr als

den Tod verdient; dennoch war es mir unmöglich gewesen, für diese Strafe

zu stimmen. Vielleicht gelang es ihm, zu entkommen. War dies der Fall,

so durften wir keine Stunde länger in der Höhle verweilen.

Ich blieb lange Zeit allein. Der erste, welcher zurückkehrte, war der

alte Scheik. Er war hinter den jungen Männern zurückgeblieben.

»Warum bist du ihm nicht nach, Effendi?« fragte er mich.

»Weil deine tapfern Männer ihn fangen werden, ohne meiner Hilfe zu

bedürfen. Werden sie ihn wieder bekommen?«

»Ich weiß es nicht. Er ist ein berühmter Läufer, und als wir vor die

Höhle kamen, war er bereits verschwunden. Wenn wir ihn nicht wieder

ereilen, so müssen wir fliehen, da er nun die Höhle kennt.«

Nach und nach kehrten mehrere Männer zurück. Sie hatten ihn nicht laufen

sehen und auch seine Spur nicht bemerkt. Später kam Halef, zuletzt aber

kehrte die Tochter des Scheik zurück, deren Nasenflügel vor Wut

zitterten. Ein kurzer Meinungstausch ergab, daß ihn niemand gesehen

hatte. Die Bestürzung und der Umstand, daß ihm durch den engen Gang nur

stets einer folgen konnte, hatte ihm einen Vorsprung gewährt, und der

Boden draußen war ja ganz geeignet, die Flucht zu erleichtern.

»Hört, ihr Männer,« sagte der Scheik, »er wird unsern Versteck verraten.

Wollen wir sofort aufbrechen oder auf unseren Tieren noch einen Versuch

machen, ihn zu erwischen? Wenn wir diese Gegend im Kreise umreiten, so

ist es leicht möglich, daß wir ihn bemerken.«

»Wir fliehen nicht, sondern wir suchen ihn,« sagte seine Tochter.

Die anderen stimmten bei.

»Wohlan, so nehmt euere Kamele und folgt mir. Wer den Entflohenen bringt

-- tot oder lebendig -- der wird eine große Belohnung bekommen.«

Da trat Halef vor und sprach: »Den Preis habe ich bereits verdient.

Draußen liegt tot der Vater des Säbels.«

»Wo hast du ihn ereilt?« fragte der Scheik.

»Herr, du mußt wissen, daß mein Sihdi ein Meister ist im Kampfe und im

Auffinden aller Arten des Makam[134]; er hat mich gelehrt, die Spuren

im Sande, im Grase, auf der Erde und auf dem Felsen zu finden; er hat

mir gezeigt, wie man nachdenken muß bei der Verfolgung eines Flüchtigen.

Ich war der erste, der hinter Abu-Seïf die Höhle verließ; aber ich sah

ihn bereits nicht mehr. Ich rannte erst nach links hinauf, dann nach

rechts hinab, und da ich nichts von ihm bemerkte, so dachte ich, daß er

so klug gewesen sei, sich gleich nach seinem Austritt aus der Höhle zu

verstecken. Ich spähte hinter den Steinen und fand ihn auch. Es gab

einen kurzen Kampf, dann drang ihm still mein Messer ins ruchlose Herz.

Seinen Körper werde ich euch zeigen.«

[134] Fußspur.

Ich blieb wieder in der Höhle, die anderen aber folgten Halef, um den

toten Abu-Seïf zu sehen.

Bald kehrten sie jubelnd zurück.

»Was verlangst du als Belohnung?« fragte nun der Scheik den tapfern

kleinen Halef.

»Herr, ich komme aus einem fernen Lande, zu welchem ich wohl nicht

wieder zurückkehren werde. Hältst du mich für würdig, so nimm mich unter

die Deinen auf.«

»Ein Ateïbeh willst du werden? Was sagt dein Herr dazu?«

»Er ist damit einverstanden. Nicht wahr, Sihdi?«

»Ja,« nahm ich das Wort. »Ich vereinige meinen Wunsch mit dem seinigen.«

»Was mich betrifft, so würde ich auf der Stelle zustimmen,« erklärte der

Scheik. »Aber ich muß erst diese Leute befragen, und die Adoption eines

Fremden ist eine wichtige Sache, welche sehr viel Zeit erfordert. Hast

du Verwandte hier in der Nähe?«

»Nein.«

»Hast du eine Blutrache auf dich geladen?«

»Nein.«

»Bist du ein Sunnit oder ein Schiit?«

»Ein Anhänger der Sunna.«

»Du hast wirklich noch kein Weib und keine Kinder gehabt?«

»Nein.«

»Wenn dieses ist, so können wir ja gleich zur Beratung schreiten.«

»So berate auch über ein anderes noch mit!«

»Worüber?«

»Sihdi, willst du nicht an meiner Stelle reden?«

Ich erhob mich vom Boden und nahm eine möglichst würdevolle Haltung an.

Dann begann ich meine Rede:

»Vernimm meine Worte, o Scheik, und Allah öffne dir das Herz, damit sie

Eingang in die Gnade deines Willens finden. Ich bin Kara Ben Nemsi, ein

Emir unter den Talebs und Helden in Frankistan. Ich kam nach Afrika und

auch in dieses Land, um seine Bewohner zu sehen und große Thaten zu

verrichten. Dazu brauchte ich einen Diener, der alle Mundarten des

Westens und Ostens versteht, der klug und weise ist und sich vor keinem

Löwen, vor keinem Panther und vor keinem Menschen fürchtet. Ich fand

diesen Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al

Gossarah und bin mit ihm bis heute über alle Maßen zufrieden gewesen. Er

ist stark wie ein Eber, treu wie ein Windspiel, klug wie ein Fennek und

schnell wie eine Antilope. Wir haben über den Abgründen der Schotts

gekämpft, wir sind eingebrochen und haben uns doch gerettet. Wir haben

die Tiere des Feldes und der Wüste bezwungen; wir haben dem bösen Smum

getrotzt; ja, wir sind sogar bis an die Grenze Nubiens gedrungen und

haben eine Gefangene, die Blume aller Blumen, aus der Gewalt ihres

Peinigers befreit. Wir sind dann nach dem Belad el Arab gekommen, und

was wir da erlebten, das habt ihr bereits erfahren und seid auch Zeuge

davon gewesen. Er ist dann mit Hanneh, deiner Enkelin, nach Mekka

geritten. Sie ist zum Schein sein Weib geworden, und er hat sich

unterschrieben, daß er sie wieder hergeben werde. Nun aber hat Allah

ihre Herzen geleitet, daß sie einander lieb gewannen und nie wieder von

einander scheiden möchten. Du bist Hadschi Malek Iffandi Ibn Achmed

Chadid el Eini Ben Abul Ali el Besami Abu Schehab Abdolatif el Hanifi,

der weise und tapfere Scheik dieser Söhne der Ateïbeh. Deine Einsicht

wird dir sagen, daß ich einen solchen Begleiter, wie Halef ist, nicht

gern von mir lasse; aber ich wünsche, daß er glücklich sei, und daher

richte ich die Bitte an dich, ihn in den Stamm der Ateïbeh aufzunehmen

und den Vertrag zu zerreißen, in welchem er dir versprochen hat, sein

Weib zurückzugeben. Ich weiß, daß du mir diese Bitte erfüllen wirst, und

ich werde, wenn ich einst in meine Heimat zurückgekehrt bin, deinen Ruhm

und den Ruhm der Deinen verbreiten im ganzen Abendlande. Sallam!«

Alle hatten mir aufmerksam zugehört. Malek antwortete:

»Effendi, ich weiß, daß du ein berühmter Emir der Nemsi bist, obgleich

euere Namen so kurz sind, wie die Klinge eines Frauenmessers. Du bist

ausgegangen wie ein Sultan, welcher unerkannt große Thaten verrichtet,

und noch die Kinder unserer Kinder werden von deinem Heldentum erzählen.

Hadschi Halef Omar ist bei dir wie ein Wessir, dessen Leben seinem

Sultan gehört, und ihr seid in unsere Zelte gekommen, um uns große Ehre

zu bereiten. Wir lieben dich und ihn -- und wir werden unsere Stimmen

vereinigen, um ihn zum Sohne unseres Stammes zu machen. Auch werde ich

mit seinem Weibe sprechen, und wenn sie bei ihm bleiben will, so werde

ich den Vertrag zerreißen, wie du es erbeten hast; denn er ist ein

tapferer Krieger, welcher Abu-Seïf, den Dieb und Räuber, getötet hat.

Jetzt aber erlaube uns, ein Mahl zu bereiten, um den Tod des Feindes zu

feiern und dann die Beratung in würdiger Weise vorzunehmen. Du bist

unser Freund und Bruder, obgleich du einen anderen Glauben hast, als

wir. Sallam, Effendi!«

Achtes Kapitel.

Am Tigris.

»Schrecklich wird der Herr über sie sein; denn er wird alle falschen

Götter vertilgen, und es sollen ihn anbeten alle Inseln der Heiden, ein

jeglicher an seinem Ort. Und er wird seine Hand ausstrecken über

Mitternacht, um Assur umzubringen. Niniveh wird er öde machen und so

dürre wie eine Wüste, daß darinnen sich lagern werden allerlei Tiere der

Heidenländer; auch Rohrdommeln und Kormorans werden wohnen auf den

Türmen und in den Fenstern singen, und die Raben auf den Balken, denn

die Öde wird auf den Schwellen sein. Das ist die lustige Stadt, die so

sicher war und bei sich sprach: ich bin es und keine mehr. Wie ist sie

so wüste geworden, daß die wilden Tiere darinnen wohnen? Wer an ihr

vorübergeht, der pfeift sie aus und klatscht mit den Händen über sie!« --

An diese Worte des Propheten Zephanja mußte ich denken, als wir unser

Boot beim letzten Schimmer des Tages an das rechte Ufer des _Tigris_

legten. Die ganze Gegend rechts und links vom Strome ist ein Grab, eine

große, ungeheuere, öde Begräbnisstätte. Die Ruinen des alten Rom und

Athen werden vom Strahle der Sonne erleuchtet, und die Denkmäler des

einstigen Ägypten ragen als gigantische Gestalten zum Himmel empor. Sie

reden verständlich genug von der Macht, dem Reichtume und dem

Kunstsinne jener Völker, welche sie errichtet haben. Hier aber, an den

beiden Strömen Euphrat und Tigris, liegen nur wüste Trümmerhaufen, über

welche der Beduine achtlos dahinreitet, wohl ohne nur zu ahnen, daß

unter den Hufen seines Pferdes die Jubel und die Seufzer von

Jahrtausenden begraben liegen. Wo ist der Turm, welchen die Menschen im

Lande Sinear bauten, als sie zu einander sprachen: »Kommt, lasset uns

eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reicht,

damit wir uns einen Namen machen!« --? Sie haben Stadt und Turm gebaut,

aber die Stätte ist verwüstet. Sie wollten sich einen Namen machen, aber

die Namen der Völker, welche diese Stadt nacheinander bewohnten und in

dem Turme ihren sündigen Gottesdienst verübten, und die Namen der

Dynasten und Statthalter, welche hier im Golde und im Blute von

Millionen wühlten, sie sind verschollen und können mit größter Mühe und

von unseren besten Forschern kaum noch erraten werden. -- --

Wie aber kam ich an den Tigris, und wie in das Dampfboot, welches uns

bis unter die Stromschnellen von Chelab getragen hatte?

Durch Wüste und Harem Gesammelte Reiseromane, Band I · 第 18 / 38 段