»Beraubt? Was meinst du mit diesem Worte? Gehört nicht dem Sieger das

Eigentum des Besiegten? Wer will uns streitig machen, was wir gewonnen

haben?«

»Die Zehka, welche Abu-Seïf geraubt hat, gehört dem Scherif Emir.«

»Dem Scherif Emir, der uns ausgestoßen hat? Selbst wenn das Geld ihm

gehörte, würde er es nicht wieder erhalten. Aber glaubst du wirklich,

daß es die Zehka war? Du bist belogen worden. Nur der Scherif hat das

Recht, diese Steuer einzusammeln, und dies wird er niemals durch einen

Türken thun lassen. Der Türke, welchen du für einen Zolleinnehmer

gehalten hast, war entweder ein Schmuggler oder ein Zöllner des Pascha

von Ägypten, den Allah erschlagen wolle!«

»Du hassest ihn?«

»Dies thut jeder freie Araber. Hast du nicht von den Greuelthaten

gehört, welche zur Zeit der Wachabiten hier geschahen? Mag das Geld dem

Pascha gehören oder dem Scherif, es bleibt mein. Doch die Zeit des Fagr

naht. Mache dich bereit, uns zu folgen. Wir können hier nicht länger

bleiben.«

»Wo wirst du dein Lager aufschlagen?«

»Ich werde es an einem Orte errichten, von welchem aus ich die Straße

zwischen Mekka und Dschidda beobachten kann. Abu-Seïf darf mir nicht

entgehen.«

»Hast du auch die Gefahren berechnet, welche dir drohen?«

»Meinst du, daß ein Ateïbeh sich vor Gefahren fürchtet?«

»Nein, aber selbst der mutigste Mann muß zugleich auch vorsichtig sein.

Wenn dir Abu-Seïf in die Hände fällt und du ihn tötest, so mußt du dann

augenblicklich diese Gegend verlassen. Du wirst dann vielleicht das Kind

deiner Tochter verlieren, welches sich zu dieser Zeit mit Halef in Mekka

befindet.«

»Ich werde Halef sagen, wo er uns in diesem Falle zu suchen hat. Hanneh

muß nach Mekka, ehe wir fortgehen. Sie ist unter uns die einzige Person,

welche noch nicht in der heiligen Stadt war, und später ist es ihr

vielleicht unmöglich, dahin zu kommen. Deshalb habe ich mich schon

lange nach einem Delyl für sie umgesehen.«

»Hast du dich entschieden, wohin du ziehen wirst?«

»Wir ziehen in die Wüste Er Nahman, nach Maskat zu, und dann senden wir

vielleicht einen Boten nach El Frat[122] zu den Beni Schammar oder zu

den Beni Obeïde, um uns in ihren Stamm aufnehmen zu lassen.«

[122] Euphrat.

Der kurzen Dämmerung folgte der Tag. Die Sonne berührte den Horizont,

und die Araber, welche noch nach dem vergossenen Blute rochen, knieten

nieder zum Gebet. Bald darauf waren die Zelte abgebrochen, und der Zug

setzte sich in Bewegung. Jetzt, da es vollständig hell war, sah ich

erst, welche Menge von Gegenständen sich die Ateïbeh vom Schiffe

angeeignet hatten. Sie waren durch diesen Überfall mit einemmal zu

wohlhabenden Leuten geworden. Aus diesem Grunde herrschte eine

ungewöhnliche Munterkeit unter ihnen. Ich hielt mich etwas zurück. Ich

war verstimmt, weil ich mich die unschuldige Ursache von dem Untergange

der Dscheheïne nennen mußte. Ich konnte mir allerdings keinen Vorwurf

machen, aber es galt doch immer, das Gewissen zu befragen, ob ich mich

nicht vielleicht hätte anders verhalten können. Auch machte mir die Nähe

Mekkas viel zu schaffen. Da lag sie, die »Heilige«, die Verbotene!

Sollte ich sie meiden, oder sollte ich es wagen, sie zu besuchen? Ich

zuckte in allen Gliedern nach ihr hin, und dennoch mußte ich die

Bedenklichkeiten, welche dagegen aufstiegen, ernstlich berücksichtigen.

Was hatte ich davon, wenn der Besuch gelang? Ich konnte sagen, daß ich

in Mekka gewesen sei -- weiter nichts. Und wurde ich entdeckt, so war

mein Tod unvermeidlich, und was für ein Tod! Aber hier konnte ein

Überlegen und Abwägen der Gründe zu nichts führen, und ich beschloß,

mich nach den eintretenden Verhältnissen zu richten. Ich hatte dies so

oft gethan und war immer glücklich dabei gewesen.

Um so wenig wie möglich Begegnungen zu haben, machte der Scheik einen

Umweg. Er erlaubte keine Ruhepause, bis der Abend hereinbrach. Wir

befanden uns in einer engen Schlucht, welche von steilen Granitwänden

eingefaßt war, zwischen denen wir eine Strecke weit fortschritten, bis

wir in eine Art Thalkessel gelangten, aus dem es keinen zweiten Ausweg

zu geben schien. Hier stiegen wir ab. Die Zelte wurden errichtet, und

die Frauen zündeten ein Feuer an. Heute gab es eine sehr reichliche und

mannigfaltige Mahlzeit, die natürlich aus der Schiffsküche stammte. Dann

kam der von allen ersehnte Augenblick der Beuteverteilung.

Da ich damit nichts zu schaffen hatte, so verließ ich die anderen und

machte die Runde um den Thalkessel. An einer Stelle dünkte es mich, als

ob man hier doch emporsteigen könne, und ich versuchte es. Die Sterne

leuchteten hell; es gelang. Nach vielleicht einer Viertelstunde stand

ich oben auf der Höhe des Berges und hatte einen freien Blick nach allen

Seiten. Dort unten im Süden sah es aus wie eine Reihe kahler Berge, über

welche sich jener weißliche Schimmer erhob, welchen am Abend die Lichter

größerer Städte emporzustrahlen pflegen. Dort lag Mekka!

Unter mir vernahm ich die lauten Stimmen der Ateïbeh, welche sich um

ihren Anteil an der Beute stritten. Es dauerte eine geraume Zeit, bis

ich zu ihnen zurückkehrte. Der Scheik empfing mich mit den Worten:

»Effendi, warum bist du nicht bei uns geblieben? Du mußt von allem, was

wir auf dem Schiffe fanden, deinen Teil erhalten!«

»Ich? Du irrst. Ich bin nicht dabei gewesen und habe also auch nichts zu

bekommen.«

»Hätten wir die Dscheheïne gefunden, wenn du uns nicht begegnet wärest?

Du bist unser Führer gewesen, ohne es zu wollen, und darum sollst du

erhalten, was dir gebührt.«

»Ich nehme nichts an!«

»Sihdi, ich kenne deinen Glauben zu wenig und darf ihn aus dem Grunde

nicht beschimpfen, weil du mein Gast bist; aber er ist falsch, wenn er

dir verbietet, Beute zu nehmen. Die Feinde sind tot, und ihr Fahrzeug

ist zerstört. Sollen wir diese Sachen, die uns so notwendig sind,

verbrennen und zerstören?«

»Wir wollen uns nicht streiten; aber behaltet, was ihr habt!«

»Wir behalten es nicht. Erlaube, daß wir es Halef, deinem Begleiter,

geben, obgleich auch er schon das seinige bekommen hat.«

»Gebt es ihm!«

Der kleine Halef Omar floß von Dank über. Er hatte einige Waffen und

Kleidungsstücke erhalten und außerdem einen Beutel mit Silbermünzen. Er

ließ nicht ab -- ich mußte ihm dieselben vorzählen, um Zeuge zu sein, daß

er heute ein außerordentlich reicher Mann geworden sei. Die Summe

bestand allerdings in ungefähr achthundert Piastern und reichte hin,

einen armen Araber glücklich zu machen.

»Mit diesem Geld kannst du mehr als fünfzigmal die Kosten bestreiten,

welche du in Mekka haben wirst,« bemerkte der Scheik.

»Wann soll ich zur heiligen Stadt gehen?« fragte ihn Halef.

»Morgen zwischen früh und Mittag.«

»Ich war noch niemals dort. Wie habe ich mich zu verhalten?«

»Das will ich dir sagen. Es ist die Pflicht eines jeden Pilgers, nach

seiner Ankunft unverzüglich nach El Hamram[123] zu gehen. Du reitest

also nach dem Beith-Allah[124], lässest vor demselben die Kamele halten

und trittst ein. Dort findest du ganz sicher einen Metowef[125], der

dich führen und in allem unterrichten wird; nur mußt du ihn vorher und

nicht später um den Preis befragen, weil du sonst betrogen wirst. Sobald

du die Kaaba erblickst, verrichtest du zwei Rikat[126] mit den dabei

vorgeschriebenen Gebeten, zum Dank dafür, daß du die heilige Stätte

glücklich erreicht hast. Dann gehst du zu dem Mambar[127] und ziehst die

Schuhe aus. Diese bleiben dort stehen und werden bewacht; denn es ist im

Beith-Allah nicht wie in anderen Moscheen erlaubt, die Schuhe in der

Hand zu behalten. Dann beginnt das Towaf, der Gang um die Kaaba, welcher

siebenmal wiederholt werden muß.«

[123] Die große Moschee.

[124] »Haus Gottes«; es ist gleichfalls die große Moschee

gemeint.

[125] Fremdenführer.

[126] Niederwerfungen.

[127] Kanzel, türkisch: Mimbar.

»Nach welcher Seite?«

»Nach rechts, so daß die Kaaba dir stets zur Linken bleibt. Die ersten

drei Gänge werden mit schnellen Schritten gethan.«

»Warum?«

»Zum Andenken an den Propheten. Es hatte sich das Gerücht verbreitet,

daß er sehr gefährlich erkrankt sei, und um dieses Gerücht zu

widerlegen, rannte er dreimal schnell um die Kaaba herum. Die folgenden

Gänge geschehen langsam. Die Gebete kennst du, welche dabei gesprochen

werden müssen. Nach einem jeden Umlaufe wird der heilige Stein geküßt.

Zuletzt, wenn das Towaf beendet ist, drückst du die Brust an die Thür

der Kaaba, breitest die Arme aus und bittest Allah laut um Vergebung

aller deiner Sünden.«

»Dann bin ich fertig?«

»Nein. Du hast nun seitwärts zum El Madschem[128] zu gehen und vor dem

Mekam-Ibrahim[129] zwei Rikat zu verrichten. Dann begiebst du dich zum

heiligen Brunnen Zem-Zem und trinkst nach einem kurzen Gebete so viel

Wasser daraus, als dir beliebt. Ich werde dir einige Flaschen mitgeben,

welche du mir füllen und mitbringen magst; denn das heilige Wasser ist

ein Mittel gegen alle Krankheiten des Leibes und der Seele.«

[128] Eine kleine, mit Marmor ausgelegte Vertiefung, aus welcher

Abraham und Ismael den Kalk genommen haben sollen, als sie die

Kaaba bauten.

[129] Der Stein, welcher dem Abraham bei diesem Bau als

Fußgestell gedient haben soll.

»Das ist die Ceremonie an der Kaaba. Was folgt dann?«

»Nun kommt der Say, der Gang von Szafa nach Merua. Auf dem Hügel Szafa

stehen drei offene Bogen. Dort stellst du dich hin, wendest das

Angesicht nach der Moschee, erhebst die Hände gen Himmel und bittest

Allah um Beistand auf dem heiligen Wege. Dann gehest du sechshundert

Schritt weit nach dem Altan von Merua. Unterwegs siehst du vier

steinerne Pfeiler, an denen du springend vorüberlaufen mußt. Auf Merua

verrichtest du wieder ein Gebet und legst den Weg dann noch sechsmal

zurück.«

»Dann ist alles gethan?«

»Nein, denn nun mußt du dir dein Haupt scheren lassen und Omrah

besuchen, welches so weit außerhalb der Stadt liegt, wie wir uns jetzt

von Mekka befinden. Dann hast du die heiligen Handlungen erfüllt und

kannst zurückkehren. Im Monat der großen Wallfahrt muß der Gläubige mehr

thun und braucht lange Zeit dazu, weil viele Tausende von Pilgern

anwesend sind; du aber brauchst nur zwei Tage und kannst am dritten

wieder bei uns sein.«

Diesem Unterrichte folgten noch verschiedene Fingerzeige, welche aber

für mich von keinem Interesse waren, da sie sich meist nur auf Hanneh

bezogen. Ich legte mich zur Ruhe. Als Halef endlich erschien, lauschte

er, ob ich bereits eingeschlafen sei. Er merkte, daß ich noch munter

war, und fragte:

»Sihdi, wer wird dich bedienen während meiner Abwesenheit?«

»Ich selbst. Willst du mir einen Gefallen thun, Halef?«

»Ja. Du weißt, daß ich für dich alles thue, was ich kann und darf.«

»Du sollst dem Scheik Wasser vom heiligen Brunnen Zem-Zem mitbringen.

Bringe auch mir eine Flasche mit!«

»Sihdi, verlange alles von mir, nur dieses nicht; denn das kann ich

unmöglich thun. Von diesem Brunnen dürfen nur die Gläubigen trinken.

Wenn ich dir Wasser brächte, so würde mich nichts vor der ewigen Hölle

retten!«

Dieser Bescheid wurde mit so fester Überzeugung ausgesprochen, daß ich

nicht weiter in den Diener zu dringen versuchte. Nach einer Pause fragte

er:

»Willst du dir nicht selbst das heilige Wasser holen?«

»Das darf ich ja nicht!«

»Du darfst es, wenn du dich vorher zum rechten Glauben bekehrst.«

»Das werde ich nicht thun; jetzt aber wollen wir schlafen.«

Am andern Morgen ritt er als würdiger Ehemann mit seinem Weibe von

dannen. Er nahm die Weisung mit, zu sagen, daß er aus fernen Landen

komme, und ja nicht zu verraten, daß seine Begleiterin, die sich

übrigens jetzt verschleiert hatte, eine Ateïbeh sei. Mit ihm ritt eine

Strecke weit ein Krieger, welcher die Straße zwischen Mekka und Dschidda

bewachen sollte. Auch am Eingange unserer Schlucht wurde ein Wachtposten

aufgestellt.

Der erste Tag verging ohne besonderen Vorfall; am zweiten Morgen

ersuchte ich den Scheik um die Erlaubnis zu einem kleinen Streifzug. Er

gab mir ein Kamel und bat mich, vorsichtig zu sein, damit unser

Aufenthalt nicht entdeckt werde. Ich hatte gehofft, meinen Ritt allein

machen zu können; aber die Tochter des Scheik trat zu mir, als ich das

Kamel besteigen wollte, und fragte:

»Effendi, darf ich mit dir reiten?«

»Du darfst.«

Als wir die Schlucht verlassen hatten, schlug ich unwillkürlich die

Richtung nach Mekka ein. Ich hatte geglaubt, meine Begleiterin würde

mich warnen; allein sie hielt sich an meiner Seite, ohne ein Wort zu

verlieren. Nur als wir ungefähr den vierten Teil einer Wegstunde

zurückgelegt hatten, lenkte sie mehr nach rechts um und bat mich:

»Folge mir, Effendi!«

»Wohin?«

»Ich will sehen, ob unser Wächter an seinem Platze ist.«

Nach kaum fünf Minuten erblickten wir ihn. Er saß auf einer Anhöhe und

schaute unverwandt nach Süden.

»Er braucht uns nicht zu sehen,« sagte sie. »Komm, Sihdi; ich werde dich

führen, wohin du willst!«

Was meinte sie mit diesen Worten? Sie lenkte nach links hinüber und sah

mich dabei lächelnd an. Dann ließ sie die Tiere weit ausgreifen und

hielt endlich in einem engen Thale still, wo sie abstieg und sich auf

den Boden niedersetzte.

»Setze dich zu mir und laß uns plaudern,« sagte sie.

Sie wurde mir immer rätselhafter, doch kam ich ihrer Aufforderung nach.

»Hältst du deinen Glauben für den allein richtigen, Effendi?« begann sie

die eigentümliche Unterhaltung.

»Gewiß!« antwortete ich.

»Ich auch,« bemerkte sie ruhig.

»Du auch?« fragte ich verwundert; denn es war das erste Mal, daß ein

muselmännischer Mund mir gegenüber ein solches Bekenntnis aussprach.

»Ja, Effendi, ich weiß, daß nur deine Religion die richtige ist.«

»Woher weißt du es?«

»Von mir selbst. Der erste Ort, an dem es Menschen gab, war das

Paradies; dort lebten alle Geschöpfe bei einander, ohne sich ein Leides

zu thun. So hat es Allah gewollt, und daher ist auch diejenige Religion

die richtige, welche das gleiche gebietet. Das ist die Religion der

Christen.«

»Kennst du sie?«

»Nein; aber ein alter Türke hat uns einst von ihr erzählt. Er sagte, daß

ihr betet zu Gott: 'Ile unut bizim günahler, böjle unutar-iz

günahler[130]' -- Ist dies richtig?«

[130] Und vergieb du unsere Sünden, wie auch wir die Sünden

vergessen.

»Ja.«

»Und daß in eurem Kuran steht: 'Allah muhabbet dir, ile muhabedda kim

durar, bu durar Allahda ile Allah durar onada.'[131] -- Sage mir, ob das

auch richtig ist!«

[131] Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibet, der ist

in Gott und Gott in ihm.

»Auch das ist richtig.«

»So habt ihr den richtigen Glauben. Darf ein Christ eine Jungfrau

rauben?«

»Nein. Wenn er es thäte, so würde er eine schwere Strafe erhalten.«

»Siehst du, daß eure Religion besser ist, als unsere? Bei euch hätte

Abu-Seïf mich nicht rauben und zwingen dürfen, sein Weib zu sein. Kennst

du die Geschichte dieses Landes?«

»Ja.«

»So weißt du auch, wie die Türken und Ägypter gegen uns gewütet haben,

trotzdem wir _eines_ Glaubens sind. Sie haben unsere Mütter geschändet

und unsere Väter zu Tausenden auf die Pfähle gespießt, gevierteilt,

verbrannt, ihnen Arme und Beine, Nasen und Ohren abgeschnitten, die

Augen ausgestochen, ihre Kinder zerschmettert oder zerrissen. Ich hasse

diesen Glauben, aber ich muß ihn behalten.«

»Warum mußt du ihn behalten? Es steht dir zu jeder Zeit -- --«

»Schweige,« unterbrach sie mich barsch. »Ich sage dir meine Gedanken,

aber du sollst nicht mein Lehrer sein! Ich weiß selbst, was ich thue:

ich werde mich rächen -- rächen an allen, die mich beleidigt haben.«

»Und dennoch meinst du, daß die Religion der Liebe die richtige sei?«

»Ja; aber soll ich allein lieben und verzeihen? Sogar dafür, daß wir die

heilige Stadt nicht betreten dürfen, werde ich mich rächen. Rate, wie?«

»Sage es!«

»Es ist dein heimlicher Wunsch, Mekka zu betreten?«

»Wer sagt dir das?«

»Ich selbst. Antworte mir!«

»Ich wünsche allerdings, die Stadt sehen zu können.«

»Das ist sehr gefährlich; aber ich will mich rächen und habe dich

deshalb an diesen Ort geführt. -- Würdest du die Gebräuche mitmachen,

wenn du in Mekka wärest?«

»Es wäre mir lieb, dies vermeiden zu können.«

»Du willst deinen Glauben nicht beleidigen und thust recht daran. Gehe

nach Mekka; ich werde hier auf dich warten!«

War dies nicht sonderbar? Sie wollte sich am Islam dadurch rächen, daß

sie seine heiligste Stätte durch den Fuß eines Ungläubigen entweihen

ließ. Als Missionär hätte ich hier eine Aufgabe lösen können -- freilich

nur mit großem Aufwande an Zeit und Mühe; als »Weltbummler« war mir dies

unmöglich.

»Wo liegt Mekka?« fragte ich.

»Wenn du diesen Berg überschreitest, siehst du es im Thale liegen.«

»Warum soll ich gehen und nicht reiten?«

»Wenn du geritten kommst, wird man einen Pilger in dir vermuten und dich

nicht unbeachtet lassen. Betrittst du aber zu Fuße die Stadt, so wird

ein jeder meinen, daß du bereits dort gewesen seiest und nur einen

Spaziergang gemacht habest.«

»Und du willst wirklich auf mich warten?«

»Ja.«

»Wie lange?«

»Eine Zeit, welche ihr Franken vier Stunden nennt.«

»Das ist sehr kurz.«

»Bedenke, daß du sehr leicht entdeckt werden kannst, wenn du lange

verweilst. Du darfst nur einmal durch die Straßen gehen und die Kaaba

sehen; das ist genug.«

Sie hatte recht. Es war doch gut gewesen, daß ich beschlossen hatte,

mich von dem Augenblick leiten zu lassen. Ich erhob mich. Sie deutete

auf meine Waffen und schüttelte den Kopf.

»Du gleichest ganz und gar einem Eingeborenen; aber trägt ein Araber

solche Waffen? Laß deine Flinte hier und nimm die meinige dafür.«

Da überflog mich im ersten Moment eine Art von Mißtrauen; aber ich hatte

wirklich nicht den mindesten Grund, dasselbe festzuhalten. Daher

vertauschte ich meine Büchse und stieg dann den Berg hinan. Als ich den

Gipfel desselben erreichte, sah ich Mekka in der Entfernung von einer

halben Stunde vor mir liegen, zwischen kahlen, unbelebten Höhen das Thal

hinab. Ich unterschied die Citadelle Schebel Schad und die Minarehs

einiger Moscheen. El Hamram, die Hauptmoschee, lag im südlichen Teile

der Stadt.

Dorthin lenkte ich zunächst meine Schritte. Es war mir auf dem Wege zu

Mute, wie einem Soldaten, der zwar schon bei einigen kleinen Treffen

mitgefochten hat, plötzlich aber den Donner einer großen Schlacht

dröhnen hört.

Ich gelangte glücklich in die Stadt. Da ich mir die Lage der Moschee

gemerkt hatte, brauchte ich nicht zu fragen. Die Häuser, zwischen denen

ich hinschritt, waren von Stein erbaut, und die Straße hatte man mit dem

Sande der Wüste bestreut. Bereits nach kurzer Zeit stand ich vor dem

großen Rechteck, welches der Beith-Allah bildet, und langsam ging ich um

dasselbe herum. Die vier Seiten bestanden aus Säulenreihen und

Kolonnaden, über denen sich sechs Minarehs erhoben. Ich zählte

zweihundertvierzig Schritt in die Länge und zweihundertfünf in die

Breite. Da ich mir das Äußere erst nachher betrachten wollte, trat ich

durch eines der Thore ein. In demselben saß ein Mekkaui[132], welcher

mit kupfernen Flaschen handelte.

[132] Bewohner von Mekka.

»Sallam aaleïkum!« grüßte ich ihn würdevoll. »Was kostet eine solche

Kuleh?«

»Zwei Piaster.«

»Allah segne deine Söhne und die Söhne deiner Söhne, denn deine Preise

sind billig. Hier hast du zwei Piaster, und hier nehme ich die Kuleh.«

Ich steckte die Flasche zu mir und trat zwischen den Säulen hindurch.

Ich befand mich in der Nähe der Kanzel und zog meine Schuhe aus. Nun

betrachtete ich mir das Innere des heiligen Hauses. Ziemlich in der

Mitte stand die Kaaba. Da sie mit dem Kisua[133] vollständig bekleidet

war, bot sie einen fremdartigen Anblick dar. Zu ihr führen sieben

gepflasterte Wege, zwischen denen ebenso viele Grasplätze liegen. Neben

der Kaaba bemerkte ich den heiligen Brunnen Zem-Zem, vor welchem mehrere

Beamte an Pilger Wasser verteilten. Das ganze Heiligtum machte auf mich

durchaus keinen heiligen Eindruck. Koffer- und Sänftenträger rannten mit

ihren Lasten hin und her; öffentliche Schreiber saßen unter den

Kolonnaden; ja sogar Obst- und Backwarenhändler waren zu sehen. Bei

einem zufälligen Blick durch die Säulenreihen bemerkte ich ein

Reitkamel, welches eben draußen niederkniete, um seinen Herrn absteigen

zu lassen. Es war ein Tier von wundervoller Schönheit. Sein Besitzer

kehrte mir den Rücken zu und winkte einen Diener der Moschee herbei, um

bei dem Dschemmel zu bleiben. Dies bemerkte ich nur so im Vorübergehen,

als ich zum Brunnen schritt. Ich wollte mir zunächst meine Flasche

füllen lassen, mußte aber einige Zeit warten, bis die Reihe an mich kam.

Ich gab dann ein kleines Geschenk, verschloß das Gefäß und steckte es zu

mir. Jetzt drehte ich mich um und -- stand keine zehn Schritt von

Abu-Seïf.

[133] Schwarzseidener Stoff.

Ein gewaltiger Schreck fuhr mir in die Glieder, doch lähmte er mir

dieselben glücklicherweise nicht. In solchen Augenblicken denkt und

beschließt der Mensch zehnfach schnell. Ohne auffällig zu fliehen,

strebte ich mit meinen längsten Schritten den Säulen zu, außerhalb deren

das Kamel des Abu-Seïf lag. Dieses Tier allein konnte mich retten. Es

war eines jener fahlen Hedjihn, wie man sie am Dschammargebirge findet.

Meine Schuhe waren verloren; ich hatte keine Zeit, sie zu holen, denn

schon hörte ich hinter mir den Ruf:

»Ein Giaur, ein Giaur! Fangt ihn, ihr Hüter des Heiligtumes!«

Die Wirkung, welche dieser Ruf hervorbrachte, war eine großartige. Ich

hatte keine Zeit, mich umzusehen, aber ich hörte hinter mir das Getöse

eines Wasserfalles, das Geheul eines Orkanes, das Stampfen und Trampeln

einer nach Tausenden zählenden Büffelherde. Jetzt war es aus mit meinen

gleichmäßigen Schritten. Ich schnellte vollends über den Platz hinüber,

sprang zwischen den Säulen hindurch, die drei Stufen empor und stand vor

dem Kamele, dessen Beine nicht gefesselt waren. Ein Fausthieb warf den

Diener weit zur Seite, und im nächsten Augenblick saß ich im Sattel, den

Revolver in der Hand. Aber -- wird das Tier gehorchen?«

»E -- o -- ah! -- E -- o -- ah!«

Gott sei Dank! Bei dem bekannten Ruf erhob sich das Hedjihn in zwei

Rucken, und windschnell ging's nun dahin. Schüsse krachten hinter mir --

nur vorwärts, vorwärts!

Wäre das Kamel eines jener halsstarrigen Tiere gewesen, welche man so

oft findet, so war ich unbedingt verloren.

In weniger als drei Minuten befand ich mich außerhalb der Stadt, und

erst dann wagte ich es, mich umzusehen, als ich beinahe die halbe Höhe

des Berges hinter mir hatte. Da unten wimmelte es von Reitern, welche

mich verfolgten. Die Muselmänner waren nämlich sofort in die nächsten

Serais und Khans geeilt und hatten die dort vorhandenen Tiere bestiegen.

Wohin sollte ich mich wenden? Zur Tochter des Scheik, die dadurch

verraten wurde? Und doch mußte ich sie warnen! Ich feuerte mein Tier

durch unaufhörliche Zurufe an; seine Schnelligkeit war unvergleichlich.

Oben auf der Höhe blickte ich noch einmal zurück und bemerkte, daß ich

mich in Sicherheit befand. Ein einziger Reiter war mir verhältnismäßig

nahe gekommen. Es war Abu-Seïf. Zufällig hatte er ein Pferd ergriffen,

welches eine außerordentliche Schnelligkeit entwickelte.

Ich flog drüben den Abhang hinab. Die Tochter Maleks erspähte mich. Daß

ich auf einem Kamele saß und in solcher Eile herbeigestürmt kam, dies

ließ sie die Sachlage erraten. Sie schwang sich sofort auf ihr Kamel und

nahm dasjenige, auf welchem ich vorher gesessen hatte, beim Halfter.

»Wer hat dich entdeckt?« rief sie mich in Hörweite an.

»Abu-Seïf.«

»Allah akbar! Verfolgt dich der Schurke?«

»Er ist mir ziemlich nahe.«

»Und viele andere?«

»Sie kommen zu spät.«

»So bleibe mir fern und fliehe immer gerade aus über Berg und Thal.«

»Warum?«

»Du sollst es sehen.«

»Ich muß erst zu dir. Gieb mir meine Waffen!«

Durch Wüste und Harem Gesammelte Reiseromane, Band I · 第 17 / 38 段