Er bog ab, und ich gab Albani einen Wink, sich ihm anzuschließen. Dieser

hatte es so leichter, da ich mit Halef den schärfsten Galopp einschlagen

mußte. Wir zwei flogen wie im Sturme dahin und lenkten, als wir in

gleicher Linie mit den Verfolgten waren, hinter ihren Rücken ein. Sie

merkten erst jetzt unsere Absicht und zögerten. Hinter sich hatten sie

mich mit Halef, seitwärts von ihnen kam Malek auf sie zu, und nur der

Weg vor ihnen schien noch frei zu sein. Sie setzten ihn mit verdoppelter

Eile fort, waren aber noch nicht weit gekommen, als die drei Ateïbeh vor

ihnen auftauchten. Trotzdem es ihnen in dieser Entfernung nicht möglich

gewesen war, einen von uns zu erkennen, mußten sie doch Feinde in uns

vermuten und versuchten, uns im schnellsten Laufe zu entkommen. Es gab

eine Möglichkeit dazu. Sie waren bewaffnet. Wenn sie sich teilten, so

mußten wir dies auch thun, und dann war es einem sicher zielenden,

kaltblütigen Fußgänger nicht ganz unmöglich, es mit zwei und auch drei

Kamelreitern aufzunehmen. Sie aber kamen auf diesen Gedanken entweder

nicht, oder es fehlte ihnen an Mut, denselben auszuführen. Sie blieben

beisammen und wurden von uns zu ganz gleicher Zeit umringt. Ich erkannte

sie auf der Stelle; es waren wirklich zwei von den Schiffsleuten.

»Woher kommt ihr?« fragte sie der Scheik.

»Von Dschidda,« antwortete der eine.

»Wohin wollt ihr?«

»In die Wüste, um Trüffel zu suchen.«

»Trüffel suchen? Ihr habt weder Tiere noch Körbe bei euch!«

»Wir wollen nur erst sehen, ob diese Schwämme hier wachsen; dann holen

wir die Körbe.«

»Von welchem Stamme seid ihr?«

»Wir wohnen in der Stadt.«

Das war nun allerdings sehr frech gelogen, denn diese Männer mußten ja

wissen, daß ich sie kannte. Auch Halef ärgerte sich über ihre

Dreistigkeit. Er lockerte seine Peitsche und meinte:

»Glaubt ihr etwa, daß dieser Effendi und ich blind geworden sind? Ihr

seid Schurken und Lügner! Ihr seid Dscheheïne und gehört zu Abu-Seïf.

Wenn ihr es nicht gesteht, wird euch meine Peitsche sprechen lehren!«

»Was geht es euch an, wer wir sind?«

Ich sprang vom Kamele, ohne es niederknieen zu lassen, und nahm die

Peitsche aus Halefs Hand.

»Laßt euch nicht verlachen, ihr Männer! Hört, was ich euch sage! Was

diese Krieger vom Stamme der Ateïbeh mit euch haben und von euch wollen,

das geht mich nichts an; mir aber sollt ihr Antwort geben auf einige

Fragen. Thut ihr es, so habt ihr von mir nichts weiter zu befürchten;

thut ihr es aber nicht, so werde ich euch mit dieser Peitsche in der Art

zeichnen, daß ihr euch nie wieder vor einem freien, tapferen Ibn Arab

sehen lassen könnt!«

Mit Schlägen drohen, ist eine der größten Beleidigungen für einen

Beduinen. Die beiden griffen auch sofort nach ihren Messern.

»Wir würden dich töten, ehe du zu schlagen vermagst,« drohte der eine.

»Ihr habt wohl noch nicht erfahren, wie mächtig eine Peitsche aus der

Haut des Nilpferdes ist, sobald sie sich in der Hand eines Franken

befindet. Sie schneidet so scharf wie ein Yatagan; sie fällt schwerer

nieder als eine Keule, und sie ist schneller als eine Kugel aus euren

Tabandschab[112]. Seht ihr denn nicht, daß die Waffen aller dieser

Männer auf euch gerichtet sind? Laßt also eure Messer im Gürtel und

antwortet! Ihr seid zu Abu-Seïf gesandt worden?«

[112] Pistolen.

»Ja,« klang es zögernd, da sie bemerkten, daß kein Entrinnen war.

»Um ihm zu sagen, daß ich euch entkommen bin?«

»Ja.«

»Wo habt ihr ihn getroffen?«

»In Mekka.«

»Wie seid ihr so schnell nach Mekka und wieder zurückgekommen?«

»Wir haben uns in Dschidda Kamele gemietet.«

»Wie lange bleibt Abu-Seïf in der heiligen Stadt?«

»Nur kurze Zeit. Er will nach Taïf, wo sich der Scherif-Emir befindet.«

»So bin ich jetzt mit euch fertig.«

»Sihdi, du willst diese Räuber entkommen lassen?« rief Halef. »Ich werde

sie erschießen, damit sie keinem mehr schaden können.«

»Ich habe ihnen mein Wort gegeben, und das wirst du mit mir halten.

Folge mir!«

Ich stieg wieder auf und ritt davon. Halef folgte mir; Albani aber blieb

noch zurück. Er hatte seinen langen Sarras gezogen; doch hatte ich zu

ihm das gute Vertrauen, daß diese energische Pantomime sehr

unschädlicher Natur sein werde. Er blieb auch wirklich sehr gelassen auf

seinem Kamele sitzen, als die Ateïbeh absprangen, um die Dscheheïne zu

bewältigen. Es gelang dies, nachdem einige unschädliche Messerstöße

gewechselt worden waren. Die Gefangenen wurden je an ein Kamel gebunden,

und die Reiter derselben wandten sich zurück, um die Gefangenen in das

Lager zu schaffen. Die anderen folgten uns.

»Du hast sie begnadigt, Sihdi; aber sie werden dennoch sterben,« meinte

Halef.

»Ihr Schicksal ist nicht meine und auch nicht deine Sache! Bedenke, was

du heute werden sollst. Ein Bräutigam muß versöhnlich sein!«

»Sihdi, würdest du den Delyl bei dieser Hanneh machen?«

»Ja, wenn ich ein Moslem wäre.«

»Herr, du bist ein Christ, ein Franke, mit dem man von diesen Dingen

reden kann. Weißt du, was die Liebe ist?«

»Ja. Die Liebe ist eine Koloquinthe. Wer sie ißt, bekommt Bauchgrimmen.«

»O, Sihdi, wer wird die Liebe mit einer Koloquinthe vergleichen! Allah

möge deinen Verstand erleuchten und dein Herz erwärmen! Ein gutes

Weib ist wie eine Pfeife von Jasmin und wie ein Beutel, dem nimmer

Tabak mangelt. Und die Liebe zu einer Jungfrau, die ist -- -- die

ist -- -- wie -- der Turban auf einem kahlen Haupte und wie die Sonne

am Himmel der Wüste.«

»Ja. Und wen ihre Strahlen treffen, der bekommt den Sonnenstich. Ich

glaube, du hast ihn schon, Halef. Allah helfe dir!«

»Sihdi, ich weiß, daß du niemals ein Bräutigam sein willst; ich aber bin

einer, und daher ist mein Herz geöffnet wie eine Nase, die den Duft der

Blumen trinkt.«

Unser kurzes Gespräch war zu Ende, denn die anderen hatten uns nun

eingeholt. Es wurde über das Vorgefallene kein Wort verloren, und als

die Stadt in Sicht kam, ließ der Scheik seine Tiere halten. Er hatte

zwei ledige Kamele mitgenommen, welche uns bei unserer Rückkehr tragen

sollten.

»Hier werde ich warten, Sihdi,« sagte er. »Welche Zeit wird vergehen,

bis du wieder kommst?«

»Ich werde zurück sein, ehe die Sonne einen Weg zurückgelegt hat, der so

lang ist, wie deine Lanze.«

»Und das Tirscheh oder Kiahat[113] wirst du nicht vergessen?«

[113] Pergament oder Papier.

»Nein. Ich werde auch Mürek und ein Kalem[114] mitbringen.«

[114] Tinte und eine Feder.

»Thue es. Allah schütze dich, bis wir dich wiedersehen!«

Die Ateïbeh hockten sich neben ihre Kamele nieder, und wir drei ritten

in die Stadt.

»Nun, war das kein Abenteuer?« fragte ich Albani.

»Allerdings. Und was für eines! Es hätte ja beinahe Mord und Totschlag

gegeben. Ich hielt mich wirklich zum Kampf bereit.«

»Ja, Sie hatten ganz das Aussehen eines rasenden Roland, mit dem nicht

gut Kirschen essen ist. Wie ist Ihnen der Ritt bekommen?«

»Hm! Anfangs haben Sie mich bedeutend in Trab gebracht; dann aber ging

es leidlich. Ich lobe mir ein gutes deutsches Kanapee! -- Sie wollen mit

diesen Arabern gehen? -- So werden wir uns wohl nicht wiedersehen.«

»Wahrscheinlich, da Sie ja die nächste Gelegenheit zur Abreise benutzen

wollen. Doch habe ich so viele Beispiele eines ganz unerwarteten

Zusammentreffens erlebt, daß ich ein Wiedersehen zwischen uns nicht für

unmöglich halte.«

Diese Worte sollten sich später wirklich erfüllen. Für jetzt aber nahmen

wir, nachdem wir dem Kamelverleiher seine Tiere zurückgebracht hatten,

einen so herzlichen Abschied, wie es Landsleuten ziemt, die sich in der

weiten Ferne getroffen haben. Dann begab ich mich mit Halef nach meiner

Wohnung, um meine Habseligkeiten zusammenzupacken und mich von Tamaru,

dem Wirt, zu verabschieden. Ich hatte nicht geglaubt, daß ich seine

Wohnung so bald aufgeben würde. Auf zwei gemieteten Eseln ritten wir

wieder zur Stadt hinaus. Dort wurden die harrenden Kamele bestiegen,

worauf wir mit den Ateïbeh nach ihrem Lager ritten.

Siebentes Kapitel.

In Mekka.

Während des Rittes ging es sehr einsilbig zu. Am schweigsamsten war die

Tochter des Scheik. Sie sprach kein Wort; aber in ihren Augen glühte ein

schlimmes Feuer, und wenn sie nach links hinüberblickte, wo sie hinter

dem niedrigen Horizonte das Schiff des Abu-Seïf vermuten mußte, faßte

ihre Rechte stets entweder den Griff ihres Handschar oder den Kolben der

langen Flinte, welche quer über ihrem Sattel lag.

Als wir in der Nähe des Lagers anlangten, ritt Halef zu mir heran.

»Sihdi,« fragte er, »wie sind die Gebräuche deines Landes? Hat dort

einer, der sich ein Weib nimmt, die Braut zu beschenken?«

»Das thut wohl ein jeder bei uns und auch bei euch.«

»Ja, auch in Dschesirat el Arab und in dem ganzen Scharki[115] ist das

Sitte. Aber da Hanneh nur zum Schein für einige Tage meine Frau werden

soll, so weiß ich nicht, ob ein Geschenk erforderlich ist.«

[115] Osten.

»Ein Geschenk ist eine Höflichkeit, welche wohl immer angenehme Gefühle

erregt. Ich an deiner Stelle würde höflich sein.«

»Aber was soll ich ihr geben? Ich bin arm und auch gar nicht auf eine

Hochzeit vorbereitet. Meinst du, daß ich ihr vielleicht mein

Adeschlik[116] verehre?«

[116] Feuerzeug.

Er hatte sich nämlich in Kairo ein kleines Döschen aus Papiermaché

gekauft und verwahrte darin die Zündhölzer. Das Ding hatte für ihn einen

sehr großen Wert, weil er dem Händler das zwanzigfache für die Dose

bezahlt hatte, die kaum dreißig Pfennige wert war. Die Liebe brachte ihn

zu dem heroischen Entschluß, seinem kostbaren Besitztume zu entsagen.

»Gieb es ihr,« antwortete ich ernsthaft.

»Gut, sie soll es haben! Aber wird sie es mir auch wiedergeben, wenn sie

meine Frau nicht mehr ist?«

»Sie wird es behalten.«

»Allah kerihm, Gott ist gnädig; er wird mich nicht um das meinige kommen

lassen! Was soll ich thun, Sihdi?«

»Wenn dir das Adeschlik so lieb ist, so gieb ihr etwas anderes!«

»Was denn? Ich habe weiter nichts. Ich kann ihr doch weder meinen

Turban, noch meine Flinte, noch die Nilpeitsche geben!«

»So gieb ihr nichts.«

Er schüttelte sehr besorgt den Kopf.

»Auch dies geht nicht an, Sihdi. Sie ist meine Braut und muß irgend

etwas erhalten. Was sollen die Ateïbeh von dir denken, wenn dein Diener

ein Weib nimmt, ohne es zu beschenken?«

Ah! Der Schlaukopf fand sich also bewogen, an meinen Ehrgeiz und

infolgedessen natürlich auch an meinen Beutel zu appellieren.

»Preis sei Allah, der dein Gehirn erleuchtet, Halef! Mir geht es aber

ebenso wie dir. Ich kann deiner Braut weder meinen Haïk, noch meine

Jacke, noch meine Büchse schenken!«

»Allah ist gerecht und barmherzig, Effendi; er bezahlt für jede Gabe

tausendfältige Zinsen. Trägt dein Kamel nicht auch ein Ledersäckchen, in

welchem du Dinge verborgen hast, die eine Braut in Entzücken versetzen

würden?«

»Und wenn ich dir etwas davon geben wollte, würde ich es wiederbekommen,

wenn Hanneh nicht mehr dein Weib ist?«

»Du mußt es wieder fordern!«

»Das ist nicht Sitte bei uns Franken. Aber weil du mir tausendfältige

Zinsen in Aussicht stellst, so werde ich nachher das Säckchen öffnen und

sehen, ob ich etwas für dich finde.«

Da richtete er sich erfreut im Sattel empor.

»Sihdi, du bist der weiseste und beste Effendi, den Allah erschaffen

hat. Deine Güte ist breiter als die Sahara, und deine Wohlthätigkeit

länger als der Nil. Dein Vater war der berühmteste, und der Vater deines

Vaters der erhabenste Mann unter allen Leuten im Königreiche Nemsistan.

Deine Mutter war die schönste der Rosen, und die Mutter deiner Mutter

die lieblichste Blume des Abendlandes. Deine Söhne mögen zahlreich sein,

wie die Sterne am Himmel, deine Töchter wie der Sand in der Wüste, und

die Kinder deiner Kinder zahllos wie die Tropfen des Meeres!«

Es war ein Glück, daß wir jetzt das Lager erreichten, sonst hätte seine

Dankbarkeit mich noch mit allen Töchtern der Samojeden, Tungusen,

Eskimos und Papuas verheiratet. Was das Ledersäckchen betrifft, welches

er erwähnt hatte, so enthielt es allerdings verschiedenes, was sich ganz

vortrefflich zu einem Geschenk für ein Beduinenmädchen eignete. Der

Kaufmannssohn Isla Ben Maflei nämlich hatte, als unsere Nilfahrt

beendet war und wir voneinander in Kairo schieden, es sich nicht nehmen

lassen, mich mit einer Sammlung von Dingen auszurüsten, die auf meinen

weiteren Wanderungen als Geschenke dienen konnten, um mir dadurch

Gefälligkeiten zu erwerben. Es waren lauter Gegenstände, welche nicht

viel Platz wegnahmen und dabei an sich zwar keinen allzu großen Wert

besaßen, bei den Bewohnern der Wüstenländer aber zu den größten

Seltenheiten gehörten.

Während unserer Abwesenheit war eines der Zelte geräumt und für mich

hergerichtet worden. Als ich von demselben Besitz genommen hatte,

öffnete ich den Ledersack und nahm ein Medaillon hervor, unter dessen

Glasdeckel ein kleines Teufelchen sich künstlich bewegte. Es war ganz

auf dieselbe Weise gearbeitet, wie zum Beispiel die Manschettenknöpfe

mit künstlichen Schildkröten und hing an einer Kette von Glasfacetten,

die bei Licht oder Feuerschein in allen Regenbogenfarben funkelten. Der

Schmuck hätte in Paris gewiß nicht mehr als zwei Francs gekostet. Ich

zeigte ihn Halef.

Er warf einen Blick darauf und fuhr erschrocken zurück.

»Maschallah, Wunder Gottes! Das ist ja der Scheïtan, den Gott verfluchen

möge! Sihdi, wie bekommst du den Teufel in deine Gewalt? La illa illa

Allah, we Muhammed resul Allah! Behüte uns, Herr, vor dem dreimal

gesteinigten Teufel; denn nicht ihm, sondern dir allein wollen wir

dienen!«

»Er kann dir nichts thun, denn er ist fest eingeschlossen.«

»Er kann nicht heraus, wirklich nicht?«

»Nein.«

»Kannst du mir das bei deinem Barte versichern?«

»Bei meinem Barte!«

»So zeige einmal her, Sihdi! Aber wenn es ihm gelingt, heraus zu kommen,

so bin ich verloren, und meine Seele komme über dich und deine Väter!«

Er faßte die Kette sehr vorsichtig mit den äußersten Fingerspitzen,

legte das Medaillon auf den Erdboden und kniete nieder, um es genau zu

betrachten.

»Wallahi -- billahi -- tallahi -- bei Allah, es ist der Scheïtan! Siehst

du, wie er das Maul aufreißt und die Zunge hervorstreckt? Er verdreht

die Augen und wackelt mit den Hörnern; er ringelt den Schwanz, droht mit

den Krallen und stampft mit den Füßen! O jazik -- wehe, wenn er das

Kästchen zertritt!«

»Das kann er nicht. Es ist ja nur eine künstlich verfertigte Figur!«

»Eine künstliche Figur, von Menschenhänden gemacht? Effendi, du

täuschest mich, damit ich Mut bekommen soll. Wer kann den Teufel machen?

Kein Mensch, kein Gläubiger, kein Christ und auch kein Jude! Du bist der

größte Taleb und der kühnste Held, welchen die Erde trägt, denn du hast

den Scheïtan bezwungen und in dieses enge Zindan[117] gesperrt!

Hamdulillah, denn nun ist die Erde sicher vor ihm und seinen Geistern,

und alle Nachkommen des Propheten können jauchzen und sich freuen über

die Qualen, die er hier auszustehen hat! Warum zeigst du mir diese

Kette, Sihdi?«

[117] Gefängnis.

»Du sollst sie deiner Braut zum Geschenk machen.«

»Ich -- --?! Diese Kette, welche kostbarer ist, als alle Diamanten im

Throne des großen Mogul? Wer diese Kette besitzt, der wird berühmt unter

allen Söhnen und Töchtern der Gläubigen. Willst du sie wirklich

verschenken?«

»Ja.«

»So sei gütig, Sihdi, und erlaube, daß ich sie für mich behalte! Ich

werde dem Mädchen doch lieber mein Feuerzeug geben.«

»Nein, du giebst ihr diese Kette. Ich befehle es dir!«

»Dann muß ich gehorchen. Aber wo hast du sie und die andern Sachen

gehabt, ehe du sie gestern in das Säckchen thatest?«

»Von Kahira bis hierher ist eine gefährliche Gegend, und darum habe ich

diese Kostbarkeiten in den Beinen meiner Schalwars[118] bei mir

getragen.«

[118] Weite, türkische Hosen.

»Sihdi, deine Klugheit und Vorsicht geht noch über die List des Teufels,

den du gezwungen hast, in deinen Schalwars zu wohnen. Wann soll ich

Hanneh die Kette geben?«

»Sobald sie dein Weib geworden ist.«

»Sie wird die berühmteste sein unter allen Benat el Arab[119], denn alle

Stämme werden erzählen und rühmen, daß sie den Scheïtan gefangen hält.

Darf ich auch die andern Schätze sehen?«

[119] Benat ist Plural von Bint, Tochter.

Es kam nicht dazu, denn der Scheik schickte jetzt und ließ mich und

Halef zu sich bitten. Wir fanden in seinem Zelte alle Ateïbeh

versammelt.

»Sihdi, hast du ein Pergament mitgebracht?« fragte Malek.

»Ich habe Papier, welches so gut ist wie Pergament.«

»Willst du den Vertrag schreiben?«

»Wenn du es wünschest, ja.«

»So können wir beginnen?«

Halef, an den diese Frage gerichtet war, nickte, und sogleich erhob sich

einer der anwesenden Männer, um ihn zu fragen:

»Wie lautet dein voller, ganzer Name?«

»Ich heiße Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al

Gossarah.«

»Aus welchem Lande stammest du?«

»Ich stamme aus dem Garbi[120], wo die Sonne hinter der großen Wüste

untergeht.«

[120] Westen.

»Zu welchem Stamme gehörst du?«

»Der Vater meines Vaters, welche beide Allah segnen möge, bewohnte mit

dem berühmten Stamme der Uëlad Selim und Uëlad Bu Seba den großen

Dschebel Schur-Schum.«

Der Frager, welcher jedenfalls ein Verwandter der Braut war, wandte sich

nun an den Scheik.

»Wir alle kennen dich, o Tapferer, o Wackerer, o Weiser und Gerechter.

Du bist Hadschi Malek Iffandi Ibn Achmed Chadid el Eini Ben Abul Ali el

Besami Abu Schehab Abdolatif el Hanifi, ein Scheik des tapferen Stammes

der Beni Ateïbeh. Hier dieser Mann ist ein Held vom Stamme Uëlad Selim

und Uëlad Bu Seba, welcher auf den Bergen wohnt, die bis zum Himmel

reichen und Dschebel Schur-Schum heißen. Er führt den Namen Halef Omar

Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah und ist der Freund

eines großen Effendi aus Frankistan, den wir als Gast in unserem Zelte

aufgenommen haben. Du hast eine Tochter. Ihr Name ist Hanneh; ihr Haar

ist wie Seide, ihre Haut wie Öl, und ihre Tugenden sind rein und

glänzend wie die Flocken des Schnees, die auf dem Gebirge wehen. Halef

Omar begehrt sie zum Weibe. Sage, o Scheik, was du dazu zu sagen hast!«

Der Angeredete imitierte ein würdevolles Nachdenken und antwortete dann:

»Du hast gesprochen, mein Sohn. Setze dich nun und höre auch meine

Rede. Dieser Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al

Gossarah ist ein Held, dessen Ruhm schon vor Jahren bis zu uns gedrungen

ist. Sein Arm ist unüberwindlich; sein Lauf gleicht dem der Gazelle;

sein Auge hat den Blick des Adlers; er wirft den Dscherid mehrere

hundert Schritte weit; seine Kugel trifft stets sicher, und sein

Handschar hat das Blut schon vieler Feinde gesehen. Dazu hat er den

Kuran gelernt und ist im Rate einer der Klügsten und Erfahrensten. Dazu

hat ihn dieser gewaltige Bei der Franken seiner Freundschaft für wert

gehalten -- -- warum sollte ich ihm meine Tochter verweigern, wenn er

bereit ist, meine Bedingungen zu erfüllen?«

»Welche Bedingungen stellst du ihm?« fragte der vorige Sprecher.

»Das Mädchen ist die Tochter eines mächtigen Scheik, daher kann er sie

um keinen gewöhnlichen Preis haben. Ich fordere eine Stute, fünf

Reitkamele, zehn Lastkamele und fünfzig Schafe.«

Bei diesen Worten machte Halef ein Gesicht, als ob er diese fünfzig

Schafe, zehn Last- und fünf Reitkamele samt der Stute soeben mit Haut

und Haar verschlungen habe. Woher sollte er diese Tiere nehmen?

Glücklicherweise fuhr der Scheik fort:

»Dafür gebe ich ihr eine Morgengabe von einer Stute, fünf Reitkamelen,

zehn Lastkamelen und fünfzig Schafen. Eure Weisheit wird da einsehen,

daß es ganz unnötig ist, bei so trefflichen Verhältnissen den Preis und

die Morgengabe gegenseitig auszuwechseln. Nun aber verlange ich, daß er

morgen früh beim Fagr[121] eine Wallfahrt nach Mekka antrete, bei

welcher er sein Weib mitzunehmen hat. Sie verrichten dort die heiligen

Gebräuche und kehren dann sofort zu uns zurück. Er hat sein Weib als

Jungfrau zu behandeln und sie nach seiner Rückkehr wieder abzutreten.

Für diesen Dienst erhält er ein Kamel und einen Sack voll Datteln. Hat

er aber sein Weib nicht als eine Fremde betrachtet, so erhält er nichts

und wird getötet. Ihr seid Zeugen, daß ich dieses bestimme.«

[121] Gebet beim Aufgange der Sonne.

Der Redeführer drehte sich zu Halef um:

»Du hast es gehört. Wie lautet deine Antwort?«

Es war dem Gefragten anzusehen, daß ihm ein gewisser Punkt nicht recht

paßte, nämlich das Verlangen, sein Weib wieder herzugeben. Er war jedoch

klug, sich in die gegenwärtigen Umstände zu schicken, und antwortete:

»Ich nehme diese Bedingungen an.«

»So mache die Schrift, Effendi,« bat der Scheik. »Mache sie zweimal,

nämlich einmal für mich und das zweite Mal für ihn!«

Ich folgte dem Verlangen und las dann das Geschriebene vor. Es erhielt

die Zustimmung des Scheiks, welcher auf jedes Exemplar Wachs tropfen

ließ und den Knauf seines Dolches als Petschaft gebrauchte, nachdem er

und Halef unterzeichnet hatten.

Damit waren die Formalitäten erfüllt, und die unerläßlichen

Hochzeitsfestlichkeiten konnten beginnen. Sie waren, da es sich nur um

eine Scheinverheiratung handelte, sehr bescheidener Art. Es wurde ein

Hammel geschlachtet und ganz gebraten. Während er an einem Spieße über

dem Feuer briet, hielt man ein Scheingefecht, bei welchem aber nicht

geschossen wurde; ein Umstand, dessen Grund nicht schwer zu erraten war.

Als die Nacht hereinbrach, begann das Mahl. Nur die Männer aßen, und

erst als wir satt waren, bekamen die Frauen die Überreste. Bei dieser

Gelegenheit mußte auch Hanneh erscheinen. Dies benutzte Halef und erhob

sich von seinem Platze, um ihr das beschriebene Geschenk zu überreichen.

Die Scene aber, welche nun folgte, läßt sich nicht beschreiben. Der in

dem Medaillon eingesperrte Teufel war ein Wunder, welches über alle ihre

Begriffe ging. All mein Bemühen, ihnen die Mechanik zu erklären, half

nichts. Sie glaubten mir nicht, und zwar ganz besonders deshalb, weil

der Scheïtan doch lebendig war. Ich ward als der größte Held und

Zauberer gepriesen; aber das Ende war, daß Hanneh das Geschenk nicht

bekam. Der gefangene Scheïtan war ein Wunder von so unendlicher

Wichtigkeit, daß nur der Scheik selbst für würdig gehalten wurde, die

unvergleichliche Kostbarkeit aufzubewahren; natürlich erst, nachdem ich

ihm mit aller Feierlichkeit versichert hatte, daß es dem Teufel niemals

gelingen werde, zu entkommen und Unheil anzurichten.

Mitternacht war nahe, als ich mich in das Zelt zurückzog, um zu

schlafen. Halef leistete mir Gesellschaft.

»Sihdi, muß ich alles halten und erfüllen, was du heute

niedergeschrieben hast?« ließ er sich hören.

»Ja. Du hast es ja versprochen!«

Es verging eine Weile, dann klang es sehr kleinlaut:

»Würdest du dein Weib auch wieder hergeben?«

»Nein.«

»Und dennoch sagst du, daß ich mein Versprechen zu halten habe!«

»Allerdings. Wenn ich mir ein Weib nehme, so verspreche ich nicht, es

wieder herzugeben.«

»O, Sihdi, warum hast du mir nicht gesagt, daß ich es ebenso machen

soll!«

»Bist du ein Knabe, daß du eines Vormundes bedarfst? Und wie kann ein

Christ einen Moslem im Heiraten unterweisen? Ich glaube, daß du Hanneh

behalten möchtest!«

»Du hast es erraten.«

»So willst du mich also verlassen?«

»Dich, Sihdi -- -- --? Oh -- -- --!«

Er räusperte sich verlegen, kam aber zu keiner Antwort.

Ein unverständliches Brummen und später einige Seufzer waren alles, was

ich zu hören bekam. Er warf sich von einer Seite auf die andere; es war

klar, daß sein Wohlgefallen an dem Mädchen mit seiner Anhänglichkeit zu

mir in lebhaften Zwiespalt gekommen war. Ich mußte ihn sich selbst

überlassen und schlief bald ein.

Mein Schlaf war so fest, daß mich erst ein lautes Kamelgetrappel

erweckte. Ich erhob mich und trat vor das Zelt. Im Osten erhellte sich

bereits der Horizont, und da drüben, wo die Bucht lag, war er hellrot

gefärbt. Es gab dort einen Brand, und die Vermutung, welche bei diesem

Anblick in mir aufstieg, wurde bestätigt durch das im Lager herrschende

rege Leben. Die Männer waren fort gewesen und kehrten jetzt zurück, sie

und ihre Kamele reich mit Beute beladen. Auch die Tochter des Scheiks

hatte sich ihnen angeschlossen, und als sie vom Kamele stieg, bemerkte

ich, daß ihr Gewand mit Blut bespritzt war. Malek bot mir den Morgengruß

und meinte, nach der Feuerwolke deutend:

»Siehst du, daß wir das Schiff gefunden haben? Sie schliefen, als wir

kamen, und sind nun zu den Hunden, ihren Vätern, versammelt.«

»Du hast sie getötet und das Schiff beraubt?«

Durch Wüste und Harem Gesammelte Reiseromane, Band I · 第 16 / 38 段