»So machen Sie den Mund auf; es ist Luft genug da!«

Ich wandte mich wieder vorwärts und horchte nicht mehr auf seine

Interjektionen. Er befand sich in guten Händen, da Halef an seiner Seite

ritt.

Wir hatten nach kurzer Zeit eine kleine Bodenanschwellung hinter uns,

und nun breitete sich die offene Ebene vor uns aus. Albani schien sich

nach und nach im Sattel zurecht zu finden: er klagte nicht mehr. So

hatten wir in der Zeit von einer Stunde vielleicht zwei deutsche Meilen

zurückgelegt, als vor uns die Gestalt eines einzelnen Reiters

auftauchte. Er war wohl eine halbe Meile von uns entfernt und ritt dem

Anschein nach ein ausgezeichnetes Kamel, denn der Raum verschwand

förmlich zwischen ihm und uns, und nach kaum zehn Minuten hielten wir

einander gegenüber.

Er trug die Kleidung eines wohlhabenden Beduinen und hatte die Kapuze

seines Burnus weit über das Gesicht gezogen. Sein Kamel war mehr wert

als unsere drei zusammen.

»Sallam aaleïkum, Friede sei mit dir!« grüßte er mich, während er die

Hand entblößte, um die Verhüllung zu entfernen.

»Aaleïkum!« antwortete ich. »Welches ist dein Weg hier in der Wüste?«

Seine Stimme hatte weich geklungen, fast wie die Stimme eines Weibes;

seine Hand war zwar braun, aber klein und zart, und als er jetzt die

Kapuze entfernte, erblickte ich ein vollständig bartloses Angesicht, aus

welchem mich zwei große, braune Augen lebhaft musterten -- es war kein

Mann, sondern eine Frau.

»Mein Weg ist überall,« antwortete sie. »Wohin führt dich der deinige?«

»Ich komme von Dschidda, will mein Tier ausreiten und dann wieder nach

der Stadt zurückkehren.«

Ihr Angesicht verfinsterte sich, und ihr Blick schien mißtrauisch zu

werden.

»So wohnest du in der Stadt?«

»Nein; ich bin fremd in derselben.«

»Du bist ein Pilger?«

Was sollte ich antworten? Ich hatte die Absicht gehabt, hier für einen

Muhammedaner zu gelten; aber da ich direkt befragt wurde, so fiel es mir

nicht ein, mit einer Lüge zu antworten.

»Nein; ich bin kein Hadschi.«

»Du bist fremd in Dschidda und kommst doch nicht her, um nach Mekka zu

gehen? Entweder warst du früher in der heiligen Stadt, oder du bist kein

Rechtgläubiger.«

»Ich war noch nicht in Mekka, denn mein Glaube ist nicht der eurige.«

»Bist du ein Jude?«

»Nein; ich bin ein Christ.«

»Und diese beiden?«

»Dieser ist ein Christ wie ich, und dieser ist ein Moslem, der nach

Mekka gehen will.«

Da hellte sich ihr Gesicht plötzlich auf, und sie wandte sich an Halef.

»Wo ist deine Heimat, Fremdling?«

»Im Westen, weit von hier, hinter der großen Wüste.«

»Hast du ein Weib?«

Er erstaunte gerade so wie ich über diese Frage, welche auszusprechen

ganz gegen die Sitte des Orients war. Er antwortete:

»Nein.«

»Bist du der Freund oder der Diener dieses Effendi?«

»Ich bin sein Diener und sein Freund.«

Da wandte sie sich wieder zu mir:

»Sihdi, komm und folge mir!«

»Wohin?«

»Bist du ein Schwätzer, oder fürchtest du dich vor einem Weibe?«

»Pah! Vorwärts!«

Sie wandte ihr Kamel und ritt auf derselben Spur zurück, welche die Füße

des Tieres vorher im Sande zurückgelassen hatten. Ich hielt mich an

ihrer Seite, und die andern beiden blieben hinter uns.

»Nun,« fragte ich zu Albani zurück, »hatte ich nicht recht mit dem

Abenteuer, welches ich Ihnen vorhersagte?«

Albani sang statt der Antwort:

»Dös Dirndel ist sauba

Vom Fuaß bis zum Kopf,

Nur am Hals hat's a Binkerl,

Dös hoaßt ma an Kropf.«

Das Weib war allerdings nicht mehr jugendlich, und die Strahlen der

Wüstensonne, sowie die Strapazen und Entbehrungen hatten ihr Angesicht

gebräunt und demselben bereits Furchen eingegraben; aber einst war sie

gewiß nicht häßlich gewesen, das sah man ihr heute noch sehr deutlich

an. Was führte sie so ganz allein in die Wüste? Warum hatte sie den Weg

nach Dschidda eingeschlagen und kehrte nun mit uns zurück? Warum war sie

sichtlich erfreut gewesen, als sie hörte, daß Halef nach Mekka gehen

wolle, und warum sagte sie nicht, wohin sie uns führen werde? -- Sie war

mir ein Rätsel. Sie trug eine Flinte und an ihrem Gürtel einen Yatagan;

ja, in den Sattelriemen des Kameles hatte sie sogar einen jener

Wurfspieße stecken, welche in der Hand eines gewandten Arabers so

gefährlich sind. Sie machte ganz den Eindruck einer selbständigen,

furchtlosen Amazone, und dieses letztere Wort war ganz am Platze, da

solche kriegerische Frauen in manchen Gegenden des Orients öfter zu

sehen sind, als im Abendlande, wo dem Weibe doch eine freiere Stellung

gewährt ist.

»Was ist das für eine Sprache?« fragte sie, als sie die Antwort Albanis

hörte.

»Die Sprache der Deutschen.«

»So bist du ein Nemtsche?«

»Ja.«

»Die Nemtsche müssen tapfere Leute sein.«

»Warum?«

»Der tapferste Mann war der 'Sultan el Kebihr', und dennoch haben ihn

die Nemtsche-schimakler[88], die Nemtsche-memleketler[89] und die

Moskowler besiegt. Warum werde ich von deinem Auge so scharf

betrachtet?«

[88] Nördlichen Deutschen.

[89] Österreicher.

Sie hatte also von Napoleon und von dem Ausgang der Freiheitskriege

gehört; sie hatte sicher eine nicht gewöhnliche Vergangenheit hinter

sich.

»Verzeihe mir, wenn mein Auge dich beleidigt hat,« antwortete ich. »Ich

bin nicht gewohnt, in deinem Lande ein Weib so kennen zu lernen, wie

dich.«

»Ein Weib, welches Waffen trägt? Welches Männer tötet? Welches sogar

seinen Stamm regiert? Hast du nicht von Ghalië gehört?«

»Ghalië?« fragte ich, mich besinnend; »war sie nicht vom Stamme Begum?«

»Ich sehe, daß du sie kennst.«

»Sie war der eigentliche Scheik ihres Stammes und schlug in der Schlacht

bei Taraba die Truppen des Mehemed Ali, welche Tunsun-Bei kommandierte?«

»So ist es. Siehst du nun, daß auch ein Weib sein darf wie ein Mann?«

»Was sagt der Kuran dazu?«

»Der Kuran?« fragte sie mit einer Gebärde der Geringschätzung. »Der

Kuran ist ein Buch; hier habe ich meinen Yatagan, mein Tüfenk[90] und

meinen Dscherid[91]. Woran glaubst du? An das Buch oder an die Waffen?«

[90] Flinte.

[91] Wurfspieß.

»An die Waffen. Du siehst also, daß ich kein Giaur bin, denn ich denke

ganz dasselbe, was du denkst.«

»Glaubst du auch an deine Waffen?«

»Ja; noch viel, viel mehr aber an das Kitab-aziz[92] der Christen.«

[92] Heiliges Buch.

»Ich kenne es nicht, aber deine Waffen sehe ich.«

Das war nun allerdings ein Kompliment für mich, da der Araber gewohnt

ist, den Mann nach den Waffen zu beurteilen, welche er trägt. Sie fuhr

fort:

»Wer hat mehr Feinde getötet, du oder dein Freund?«

Kam es auf die Waffen an, so mußte Albani allerdings bedeutend tapferer

sein als ich; dennoch war ich überzeugt, daß der gute Triester mit

seinem Sarras gewiß noch keinem Menschen gefährlich geworden sei. Ich

antwortete aber ausweichend:

»Ich habe mit ihm noch nicht darüber gesprochen.«

»Wie viele Male hast du eine Intikam[93] gehabt?«

[93] Blutrache.

»Noch nie. Mein Glaube verbietet mir, selbst meinen Feind zu töten; er

wird getötet durch das Gesetz.«

»Aber wenn jetzt Abu-Seïf käme und dich töten wollte?«

»So würde ich mich wehren und ihn im Notfalle töten, denn die Notwehr

ist hier erlaubt. Aber du sprichst vom 'Vater des Säbels'; kennst du

ihn?«

»Ich kenne ihn. Auch du nennst seinen Namen; hast du von ihm gehört?«

»Ich habe nicht bloß von Abu-Seïf gehört, sondern ihn gesehen.«

Sie wandte sich mit einer raschen Bewegung zu mir herum.

»Gesehen? Wann?«

»Vor noch nicht vielen Stunden.«

»Und wo?«

»Zuletzt auf seinem Schiffe. Ich war sein Gefangener und bin ihm gestern

entflohen.«

»Wo ist sein Schiff?«

Ich deutete die Richtung an, in der ich es noch vermuten mußte.

»Dort liegt es in einer Bucht versteckt.«

»Und er ist darauf?«

»Nein. Er ist in Mekka, um dem Großscherif ein Geschenk zu bringen.«

»Der Großscherif ist nicht in Mekka, sondern in Taïf. Ich habe dir eine

große Botschaft zu verdanken. Komm!«

Sie trieb ihr Dschemmel zu größerer Eile an und lenkte nach einiger

Zeit nach rechts ein, wo eine Reihe von Bodenerhebungen am Horizonte

sichtbar wurde. Als wir näher kamen, bemerkte ich, daß dieser Höhenzug

aus demselben schönen grauen Granit bestand, wie ich ihn später bei

Mekka wieder fand. In einer Thalmulde standen einige Zelte. Sie deutete

mit der Hand auf dieselben und meinte:

»Dort wohnen sie.«

»Wer?«

»Die Beni-küfr[94] vom Stamme der Ateïbeh.«

[94] Verfluchten.

»Ich denke, die Ateïbeh wohnen in El Zallaleh, Taleh und dem Wadi el

Nobejat?«

»Du bist recht berichtet; aber komm. Du sollst alles erfahren!«

Vor den Zelten lagen wohl an die dreißig Kamele nebst einigen Pferden am

Boden, und eine Anzahl dürrer, struppiger Wüstenhunde erhob bei unserem

Nahen ein wütendes Geheul, infolgedessen die Insassen der Zelte

hervortraten. Sie hatten ihre Waffen ergriffen und zeigten ein sehr

kriegerisches Aussehen.

»Wartet hier!« befahl die Gebieterin.

Sie ließ ihr Kamel niederknieen, stieg ab und trat zu den Männern. Mein

Gespräch mit ihr war weder von Albani noch von Halef vernommen worden.

»Sihdi,« fragte Halef, »zu welchem Stamme gehören diese Leute?«

»Zum Stamme Ateïbeh.«

»Ich habe von ihm gehört. Zu ihm zählen die tapfersten Männer dieser

Wüste, und keine Pilgerkarawane ist vor ihren Kugeln sicher. Sie sind

die größten Feinde der Dscheheïne, zu denen Abu Seïf gehört. Was will

das Weib von uns?«

»Ich weiß es noch nicht.«

»So werden wir es erfahren. Aber halte deine Waffen bereit, Sihdi; ich

traue ihnen nicht, denn es sind Ausgestoßene und Verfluchte.«

»Woran erkennst du dies?«

»Weißt du nicht, daß alle Bedawis[95], welche in der Gegend von Mekka

wohnen, die Tropfen von den Wachslichtern, die Asche von dem

Räucherholze und den Staub von der Thürschwelle der Kaaba sammeln und

sich damit die Stirn einreiben? Diese Männer hier aber haben nichts an

ihren Stirnen; sie dürfen nicht nach Mekka und nicht zur Kaaba; sie sind

verflucht.«

[95] Beduinen.

»Aus welchem Grunde kann man sie ausgestoßen haben?«

»Das werden wir vielleicht von ihnen erfahren.«

Unterdessen hatte die Frau einige Worte zu den Männern gesprochen,

worauf einer von ihnen sich uns näherte. Er war ein Greis von

ehrwürdigem Aussehen.

»Allah segne Eure Ankunft! Steigt ab und tretet in unsere Zelte. Ihr

sollt unsere Gäste sein.«

Diese letztere Versicherung gab mir die Überzeugung, daß wir keinerlei

Gefahr bei ihnen zu fürchten hätten. Hat der Araber einmal das Wort

Misafir[96] ausgesprochen, so darf man ihm vollständiges Vertrauen

schenken. Wir stiegen von unseren Tieren und wurden in eines der Zelte

geführt, wo wir uns auf dem Serir[97] niederließen und mit einem

frugalen Mahle bewirtet wurden.

[96] Gast.

[97] Niedriges Holzgestell, mit Matten belegt.

Während wir aßen, ward kein Wort gesprochen. Dann aber wurde uns je ein

Bery gereicht, und während wir den scharfen Tombaktabak rauchten, der

wohl aus Bagdad oder Basra stammte, begann die Unterhaltung.

Daß wir nur ein Bery erhielten, war ein sicherer Beweis, daß diese Leute

keine Reichtümer besaßen. In der Gegend der heiligen Stadt raucht man

nämlich aus dreierlei Pfeifensorten. Die erste und kostbarste Sorte ist

der Khedra. Er ruht gewöhnlich auf einem Dreifuß, besteht aus

gediegenem, schön ciseliertem Silber und ist mit einem langen Schlauch

versehen, welcher Leiëh genannt wird und je nach dem Reichtume des

Besitzers mit Edelsteinen oder anderem Schmucke geziert ist. Aus dem

Khedra raucht man meist nur den köstlichen Tabak von Schiras. Die zweite

Art der Pfeifen ist der Schischeh. Er ist dem Khedra ziemlich ähnlich,

nur etwas kleiner und weniger kostbar. Die dritte und gewöhnlichste

Sorte ist der Bery. Er besteht aus einer mit Wasser gefüllten

Kokosschale, in welcher der Kopf und -- statt des Schlauches -- ein Rohr

befestigt wird.

Es waren über zwanzig Männer in dem Zelte. Der Alte, welcher uns begrüßt

hatte, führte das Wort:

»Ich bin der Scheik el Urdi[98] und habe mit dir zu reden, Sihdi. Die

Sitte verbietet, den Gast mit Fragen zu quälen; aber ich werde dich

dennoch nach einigem fragen müssen. Erlaubst du mir es?«

[98] Gebieter des Lagers.

»Ich erlaube es.«

»Du gehörst zu den Neßarah?«

»Ja, ich bin ein Christ.«

»Was thust du hier im Lande der Gläubigen?«

»Ich will dieses Land und seine Bewohner kennen lernen.«

Er machte ein sehr zweifelvolles Gesicht.

»Und wenn du es kennen gelernt hast, was thust du dann?«

»Ich kehre in meine Heimat zurück.«

»Allah akbar, Gott ist groß, und die Gedanken der Neßarah sind

unerforschlich! Du bist mein Gast, und ich werde glauben, was du sagest.

Ist dieser Mann dein Diener?«

Er deutete dabei auf Halef.

»Er ist mein Diener und mein Freund.«

»Mein Name ist Malek. Du hast mit Bint-Scheik-Malek[99] gesprochen; sie

sagte mir, daß dein Diener nach Mekka gehen wolle, um ein Hadschi zu

werden.«

[99] Tochter des Scheik Malek.

»Sie hat dir das Rechte gesagt.«

»Du wirst auf ihn warten, bis er zurückkehrt?«

»Ja.«

»Wo?«

»Ich weiß es noch nicht.«

»Du bist ein Fremdling, aber du kennst die Sprache der Gläubigen. Weißt

du, was ein Delyl ist?«

»Ein Delyl ist ein Führer, welcher das Gewerbe treibt, den Pilgern die

heiligen Orte und die Merkwürdigkeiten von Mekka zu zeigen.«

»Du weißt es. Aber ein Delyl betreibt auch noch ein anderes Geschäft. Es

ist den ledigen Frauen verboten, die heilige Stadt zu betreten. Wenn nun

eine Jungfrau nach Mekka will, so geht sie nach Dschidda und vermählt

sich der Form nach mit einem Delyl. Er bringt sie als sein Weib nach

Mekka, wo sie die Faradh und Wadschib[100] erfüllt; wenn dies geschehen

ist, giebt er sie wieder los; sie bleibt eine Jungfrau, und er wird für

seine Mühe bezahlt.«

[100] Unerläßliche und erforderliche Handlungen.

»Auch dies weiß ich.«

Die Einleitung des alten Scheik machte mich neugierig. Welche Absichten

leiteten ihn, die Pilgerfahrt Halefs mit dem Amte eines Delyl in

Verbindung zu bringen? Ich sollte es sofort erfahren, denn ohne jeden

Übergang bat er:

»Erlaube deinem Diener, für die Zeit seiner Hadsch ein Delyl zu sein!«

Das war überraschend.

»Wozu?« fragte ich ihn.

»Das werde ich dir sagen, nachdem du die Erlaubnis ausgesprochen hast.«

»Ich weiß nicht, ob er darf. Die Delyls sind Beamte, welche jedenfalls

von der Behörde eingesetzt werden.«

»Wer will ihm verbieten, eine Jungfrau zu heiraten und sie nach der

Pilgerfahrt wieder frei zu geben?«

»Das ist richtig. Was mich betrifft, so gebe ich meine Erlaubnis gern,

wenn du denkst, daß sie erforderlich ist. Er ist ein freier Mann; du

mußt dich an ihn selbst wenden.«

Es war ein förmlicher Genuß, das Gesicht meines guten Halef zu

beobachten. Er war ganz verdutzt.

»Willst du es thun?« fragte ihn der Alte.

»Darf ich das Mädchen vorher sehen?«

Der Scheik lächelte ein wenig und antwortete dann:

»Warum willst du sie vorher sehen? Ob sie alt ist oder jung, ob schön

oder häßlich, das ist ganz gleichgültig; denn du wirst sie nach der

Hadsch doch wieder freigeben.«

»Sind die Benaht el Arab[101] wie die Töchter der Türken, welche sich

nicht sehen lassen dürfen?«

[101] Töchter der Araber.

»Die Töchter der Araber brauchen ihr Gesicht nicht zu verbergen. Du

sollst das Mädchen sehen.«

Auf seinen Wink erhob sich einer der Anwesenden vom Boden und verließ

das Zelt. Nach kurzer Zeit trat er mit einem Mädchen ein, dessen

Ähnlichkeit mit der Amazone mich erraten ließ, daß diese die Mutter

desselben sei.

»Das ist sie; blicke sie an!« sagte der Scheik.

Halef machte von dieser Erlaubnis einen sehr ausgiebigen Gebrauch. Die

vielleicht fünfzehnjährige, aber bereits vollständig erwachsene

dunkeläugige Schöne schien ihm zu gefallen.

»Wie heißest du?« fragte er sie.

»Hanneh[102],« antwortete sie.

[102] Anna.

»Dein Auge glänzt wie Nur el Kamar[103]; deine Wangen leuchten wie

Zahari[104]; deine Lippen glühen wie Römmahm[105], und deine Wimpern

sind schattig wie die Blätter von el Szemt[106]. Mein Name lautet Halef

Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah, und wenn ich

kann, so werde ich deinen Wunsch erfüllen.«

[103] Licht des Mondes.

[104] Blumen.

[105] Granatäpfel.

[106] Akazie.

Die Augen meines Halef leuchteten auch, aber nicht bloß wie Nur el

Kamar, sondern wie Nur esch Schemms[107]; seine Sprache trieb poetische

Blüten; vielleicht stand er am Rande desselben Abgrundes, welcher die

Hadschi-Hoffnungen seines Vaters und Großvaters, weiland Abul Abbas und

Dawud al Gossarah, verschlungen hatte: der Abgrund der Liebe und der

Ehe.

[107] Sonnenlicht.

Das Mädchen entfernte sich wieder und der Scheik fragte ihn:

»Wie lautet dein Entschluß?«

»Frage meinen Herrn. Wenn er nicht abrät, werde ich deinen Wunsch

erfüllen.«

»Dein Herr hat bereits gesagt, daß er dir die Erlaubnis giebt.«

»So ist es!« stimmte ich bei. »Aber sage uns nun auch, warum dieses

Mädchen nach Mekka soll und warum sie sich nicht in Dschidda einen Delyl

sucht?«

»Kennst du Achmed-Izzet-Pascha?«

»Den Gouverneur von Mekka?«

»Ja, du mußt ihn kennen, denn jeder Fremdling, der Dschidda betritt,

stellt sich ihm vor, um seinen Schutz zu erhalten.«

»Er wohnt also in Dschidda? Ich bin nicht bei ihm gewesen; ich brauche

nicht den Schutz eines Türken.«

»Du bist zwar ein Christ, aber du bist ein Mann. Der Schutz des Pascha

ist nur gegen hohen Preis zu erhalten. Ja, er wohnt nicht in Mekka,

wohin er eigentlich gehört, sondern in Dschidda, weil dort der Hafen

ist. Sein Gehalt beträgt über eine Million Piaster, aber er weiß sein

Einkommen bis auf das Fünffache zu bringen. Ihm muß jeder zahlen, sogar

der Schmuggler und der Seeräuber, und darum eben wohnt er in Dschidda.

Man sagte mir, daß du Abu-Seïf gesehen hast?«

»Ich habe ihn gesehen.«

»Nun, dieser Räuber ist ein guter Bekannter des Pascha.«

»Nicht möglich!«

»Warum nicht? Was ist vorteilhafter: einen Dieb zu töten, oder ihn leben

zu lassen, um eine Rente von ihm zu beziehen? Abu-Seïf ist ein

Dscheheïne; ich bin ein Ateïbeh. Diese beiden Stämme leben in

Todfeindschaft; dennoch wagte er es, sich an unser Duar[108] zu

schleichen und mir meine Tochter zu rauben. Er zwang sie, sein Weib zu

sein; aber sie entkam ihm einst und brachte mir ihre Tochter mit

zurück. Du hast beide gesehen: mit meiner Tochter bist du angekommen,

und die ihrige war soeben hier im Zelte. Seit jener Zeit suche ich ihn,

um mit ihm abzurechnen. Einmal habe ich ihn gefunden; das war im

Seraj[109] des Statthalters. Dieser schützte den Räuber und ließ ihn

entkommen, während ich vor dem Thore auf ihn lauerte. Später einmal

sandte mich der Scheik meines Stammes mit diesen Männern hier nach

Mekka, um eine Opfergabe nach der Kaaba zu bringen. Wir lagerten nicht

weit von der Pforte er Ramah; da sah ich Abu-Seïf mit einigen seiner

Leute kommen; er wollte das Heiligtum besuchen. Der Zorn übermannte

mich; ich ergriff ihn, trotzdem bei der Kaaba jeder Streit verboten ist.

Ich wollte ihn nicht töten, sondern ihn nur zwingen, mir zu folgen, um

draußen vor der Stadt mit ihm zu kämpfen. Er wehrte sich, und seine

Männer halfen ihm. Es entspann sich ein Kampf, der damit endete, daß die

Eunuchen herbeieilten und uns gefangen nahmen, ihm aber und den Seinigen

die Freiheit ließen. Zur Strafe wurden uns die heiligen Orte verboten.

Unser ganzer Stamm wurde verflucht und mußte uns ausstoßen, um des

Fluches wieder ledig zu werden. Nun sind wir geächtet. Aber wir werden

uns rächen und diese Gegend verlassen. Du bist ein Gefangener von

Abu-Seïf gewesen?«

[108] Zeltdorf.

[109] Palast.

»Ja.«

»Erzähle es!«

Ich gab ihm einen kurzen Bericht über das Abenteuer.

»Weißt du den Ort genau, an welchem sein Schiff verborgen liegt?«

»Ich würde ihn selbst bei Nacht wieder finden.«

»Willst du uns hinführen?«

»Ihr werdet die Dscheheïne töten?«

»Ja.«

»So verbietet mir mein Glaube, euer Führer zu sein.«

»Du darfst dich nicht rächen?«

»Nein, denn unsere Religion gebietet uns, selbst unsere Feinde zu

lieben. Nur die Behörde hat das Recht, den Bösen zu bestrafen, und ihr

seid keine Richter.«

»Deine Religion ist lieblich; wir aber sind keine Christen und werden

den Feind bestrafen, weil er beim Richter Schutz finden würde. Du hast

mir den Ort beschrieben, und ich werde das Schiff auch ohne deine Hilfe

entdecken. Nur versprich mir, daß du die Dscheheïne nicht warnen

willst.«

»Ich werde sie nicht warnen, denn ich habe keine Lust, ihr Gefangener

noch einmal zu sein.«

»So sind wir einig. Wann wird Halef nach Mekka gehen?«

»Morgen, wenn du es mir erlaubst, Sihdi,« antwortete der Diener an

meiner Stelle.

»Du kannst morgen gehen.«

»So laß ihn gleich bei uns bleiben,« bat der Scheik. »Wir werden ihn so

weit an die Stadt begleiten, als wir ihr nahen dürfen, und ihn dir dann

zurückbringen.«

Da kam mir ein Gedanke, dem ich sofort Ausdruck gab:

»Darf ich mit euch ziehen und bei euch auf ihn warten?«

Ich bemerkte sofort, daß dieser Wunsch allgemeine Freude erregte.

»Effendi, ich sehe, daß du die Ausgestoßenen nicht verachtest,«

antwortete der Scheik. »Du sollst uns willkommen sein! Du bleibst gleich

hier bei uns und hilfst uns am Abend die Ewlenma[110] schließen.«

[110] Verheiratung.

»Das geht nicht. Ich muß zuvor nach Dschidda zurück, um meine Geschäfte

abzuschließen. Mein Wirt muß wissen, wo ich mich befinde.«

»So werde ich dich bis vor die Thore der Stadt begleiten. Auch sie darf

ich nicht betreten, denn sie ist eine heilige Stadt. Wann willst du

reiten?«

»Sogleich, wenn es dir beliebt. Ich brauche nur wenig Zeit, um wieder

mit dir zurückzukehren. Soll ich dir einen Kadi oder Mullah mitbringen

für den Abschluß der Verheiratung?«

»Wir brauchen weder einen Kadi noch einen Mullah. Ich bin der Scheik

meines Lagers, und was vor mir geschieht, hat Kraft und Gültigkeit. Aber

ein Pergament oder ein Papier magst du mir bringen, auf welches wir den

Vertrag niederschreiben. Das Mohür und Gemedsch[111] habe ich.«

[111] Petschaft und Wachs.

In kurzer Zeit standen die Kamele bereit; wir stiegen auf. Die kleine

Truppe bestand außer uns dreien aus dem Scheik, seiner Tochter und fünf

Ateïbeh. Ich folgte dem Alten ohne Einrede, obgleich ich bemerkte, daß

er nicht den geraden Weg einschlug, sondern sich mehr rechts nach dem

Meere zu hielt. Albani hatte jetzt nicht mehr so viel Not wie vorher,

sich auf seinem Kamele zu halten, und die langen Beine der Tiere warfen

den Weg förmlich hinter sich.

Da hielt der Scheik an und deutete mit der Hand seitwärts.

»Weißt du, was da drüben liegt, Effendi?«

»Was?«

»Die Bucht, in welcher das Schiff des Räubers liegt. Habe ich es

erraten?«

»Du kannst denken, aber du sollst mich nicht fragen.«

Er hatte ganz richtig geraten und schwieg. Wir ritten weiter. Nach

einiger Zeit zeigten sich zwei kleine Punkte am Horizonte, gerade in der

Richtung auf Dschidda zu. Wie es schien, kamen sie uns nicht entgegen,

sondern verfolgten eine Richtung, welche sie nach der soeben erwähnten

Bucht bringen mußte. Es waren Fußgänger, wie ich durch das Fernrohr

erkannte. Das mußte hier in der Wüste auffallen, und es lag der Gedanke

nahe, daß sie zu den Leuten von Abu-Seïf gehörten. Es war sehr zu

vermuten, daß mein Wächter dem Kapitän unsere Flucht hatte melden

lassen, und in diesem Falle konnten diese beiden Männer die jetzt

zurückkehrenden Boten sein.

Auch Malek hatte sie erkannt und beobachtete sie scharf. Dann wandte er

sich zu seinen Leuten und flüsterte ihnen eine Weisung zu. Sofort

wandten sich drei von ihnen in der Richtung zurück, aus welcher wir

gekommen waren. Ich durchschaute die Absicht. Malek vermutete ganz

dasselbe wie ich, und wollte die Männer in seine Gewalt bekommen. Um

dies zu bewirken, mußte er ihnen den Weg nach der Bucht abschneiden,

aber so, daß sie es nicht merkten. Daher schob er seine drei Männer

nicht schräg vor, sondern er ließ sie scheinbar zurückkehren und dann,

sobald sie aus dem Gesichtskreise der Betreffenden verschwunden waren,

einen Bogen schlagen. Während wir anderen unseren Weg fortsetzten,

fragte er:

»Effendi, willst du ein wenig auf uns warten, oder reitest du nach der

Stadt, wo du uns dann am Thore finden wirst?«

»Du willst diese Männer sprechen, und ich werde bei dir bleiben, bis du

mit ihnen geredet hast.«

»Es sind vielleicht Dscheheïne!«

»Ich denke es auch. Deine drei Männer schneiden sie vom Schiffe ab;

reite du hier schief hinüber, und ich will mit Halef unsere bisherige

Richtung fortsetzen, damit es ihnen nicht einfällt, nach Dschidda

zurückzufliehen.«

»Dein Rat ist gut; ich folge ihm.«

Durch Wüste und Harem Gesammelte Reiseromane, Band I · 第 15 / 38 段