wir nach dem Hafen zurück. Unterwegs wurden nur allgemeine Bemerkungen
ausgetauscht, bis wir an ein einstöckiges Häuschen kamen, in welches er
trat. Es wurde durch den Eingang in zwei Hälften geteilt. Er öffnete die
Thür zur rechten Seite, und wir traten in ein kleines Gemach, dessen
einziges Möbel aus einem niederen, hölzernen Gerüste bestand, über
welches eine lange Matte ausgebreitet war.
»Das ist meine Wohnung. Willkommen! Nehmen Sie Platz!«
Wir schüttelten einander nochmals die Hände, und ich setzte mich auf das
Serir, während er in einen nebenan liegenden Raum trat und einen großen
Koffer öffnete, der in demselben stand.
»Bei einem solchen Gaste darf ich meine Herrlichkeiten doch nicht
schonen,« rief er mir zu. »Passen Sie auf, was ich Ihnen bringe!«
Es waren allerdings lauter Herrlichkeiten, die er mir vorsetzte:
»Hier ein Topf mit Apfelschnitten, gestern abend in der Kaffeemaschine
gekocht; es ist das beste, was man in dieser Hitze genießen kann. Hier
zwei Pfannkuchen, dort in der Tabaksbüchse gebacken -- jeder einen. Da
noch ein Rest englisches Weizenbrot -- ein bißchen altbacken, geht aber
noch. Sie haben gute Zähne, wie ich sehe. Dazu diese halbe Bombaywurst --
riecht vielleicht ein wenig, thut aber nichts. In dieser Flasche ist
echter, alter Cognac; wenn auch kein Wein, aber immer besser als Wasser;
ein Glas habe ich nicht mehr, ist aber auch nicht notwendig. Nachher in
dieser Büchse -- -- schnupfen Sie?«
»Leider nein.«
»Schade! Er ist ausgezeichnet. Aber Sie rauchen?«
»Gern.«
»Hier! Es sind nur noch elf Stück; die teilen wir -- Sie zehne und ich
eine.«
»Oder umgekehrt!«
»Geht nicht.«
»Wollen es abwarten. Und dort in dieser Blechkapsel, was haben Sie da?«
»Raten Sie!«
»Zeigen Sie einmal her!«
Er gab mir die Kapsel und ich roch daran.
»Käse!«
»Erraten! Leider fehlt die Butter. Nun langen Sie zu! Ein Messer haben
Sie jedenfalls; hier ist auch eine Gabel.«
Wir aßen mit Lust.
»Ich bin ein Sachse,« sagte ich und nannte ihm meinen Namen. »Sie sind
in Triest geboren?«
»Ja. Ich heiße Martin Albani. Mein Vater war seines Zeichens ein
Schuster. Ich sollte etwas besseres werden, nämlich ein Kaufmann, hielt
es aber lieber mit meiner Geige als mit den Ziffern und so weiter. Ich
bekam eine Stiefmutter; na -- Sie wissen, wie es dann herzugehen pflegt.
Ich hatte den Vater sehr lieb, wurde aber mit einer Preßnitzer
Harfenistengesellschaft bekannt und schloß mich ihr an. Wir gingen nach
Venedig, Mailand und tiefer ins Italien hinunter, endlich gar nach
Konstantinopel. Kennen Sie diese Art Leute?«
»Gewiß. Sie gehen oft weit über See.«
»Erst spielte ich Violine, dann avancierte ich zum Komiker; leider aber
hatten wir Unglück, und ich war froh, daß ich auf einem Bremer
Kauffahrer eine Stelle fand. Mit diesem kam ich später nach London, von
wo aus ich mit einem Engländer nach Indien segelte. In Bombay wurde ich
krank in das Hospital geschafft. Der Verwalter desselben war ein
tüchtiger Mann, aber kein Held im Schreiben und Rechnen; er engagierte
mich, als ich wieder gesund geworden war. Später kam ich zu einem
Händler als Buchführer; er starb am Fieber, und ich heiratete seine
Witwe. Wir lebten kinderlos und glücklich bis zu ihrem Tode. Jetzt
sehnte ich mich nach der Heimat zurück -- -- --«
»Zu Ihrem Vater?«
»Auch er lebt nicht mehr, hat aber -- Gott sei Dank! -- keine Not
gelitten. Seit ich mich wohl stand, haben wir einander oft geschrieben.
Nun habe ich mein Geschäft verkauft und fahre langsam der Heimat zu.«
Der Mann gefiel mir. Er gab sich so, wie er war. Reich konnte er wohl
nicht genannt werden; er machte auf mich den Eindruck eines Mannes, der
grad so viel hat, als er braucht, und der damit auch herzlich zufrieden
ist.
»Warum fahren Sie nicht direkt nach Triest?«
»Ich mußte in Maskat und Aden einige Ziffern in Ordnung bringen.«
»So haben Sie sich also doch noch an die Ziffern gewöhnt?«
»Freilich,« lachte er. »Und nun -- pressant sind meine Angelegenheiten
nicht; ich bin mein eigener Herr -- was thut es, wenn ich mir das rote
Meer besehe? Sie thun es ja auch!«
»Allerdings. Wie lange werden Sie hier bleiben?«
»Bis ein mir passendes Fahrzeug hier anlegt. Haben Sie nicht geglaubt,
einen Bayern oder Tyroler in mir zu finden, als Sie mich singen hörten?«
»Ja; aber doch fühle ich mich nicht etwa enttäuscht -- wir sind ja
trotzdem Landsleute und freuen uns, einander getroffen zu haben.«
»Wie lange werden Sie hier bleiben?«
»Hm! Mein Diener pilgert nach Mekka; ich werde wohl eine Woche auf ihn
warten müssen.«
»Das freut mich; so können wir einander länger haben.«
»Ich stimme bei; aber zwei Tage werden wir uns vielleicht doch entbehren
müssen.«
»Wie so?«
»Ich hätte fast Lust, auch einmal nach Mekka zu gehen.«
»Sie? Ich denke, für Christen ist das verboten!«
»Allerdings. Aber, kennt man mich?«
»Das ist richtig. Sie sprechen das Arabische?«
»Ja, so viel ich für meine Küche brauche.«
»Und Sie wissen auch, wie sich die Pilger zu benehmen haben?«
»Auch das; doch ist gewiß, daß mein Benehmen nicht genau das der Pilger
sein würde. Wollte ich ihren Gebräuchen folgen, mich den
vorgeschriebenen Ceremonien unterwerfen und gar zu Allah beten und
seinen Propheten anrufen, so würde dies gewiß eine Versündigung gegen
unsern heiligen Glauben sein.«
»Sie würden innerlich doch anders denken!«
»Das macht die Schuld nicht geringer.«
»Darf man der Wissenschaft nicht ein Opfer bringen?«
»Doch, aber kein solches. Übrigens bin ich gar kein Mann der
Wissenschaft. Sollte ich Mekka je erreichen, so hat es nur den Wert, daß
ich es gesehen habe und unter Bekannten einmal davon erzählen kann. Ich
möchte behaupten, daß man die Stadt des Propheten zu besuchen vermag,
auch ohne seinen Christenglauben dadurch zu verleugnen, daß man den
Pilger spielt.«
»Wohl nicht.«
»Glauben Sie, daß Mekka nur von Pilgern besucht wird?«
»Man sollte allerdings meinen, daß auch Kaufleute hinkommen. Diese aber
werden doch auch die heiligen Orte besuchen und dort beten.«
»Man wird sie aber nicht darüber kontrollieren. Ich rechne sechzehn
Wegstunden von hier bis Mekka; man reitet sie sehr gut in acht Stunden.
Hätte ich ein Bischarihnhedjihn[81], so würde ich bloß vier Stunden
brauchen. Ich komme dort an, steige in irgend einem Khan ab,
durchwandere ernsten, langsamen Schrittes die Stadt und besehe mir das
Heiligtum; dazu brauche ich nur wenige Stunden. Ein jeder wird mich für
einen Moslem halten, und ich kann ruhig wieder zurückkehren.«
[81] Kamelart.
»Das klingt ganz ungefährlich, aber gewagt ist es dennoch. Ich habe
gelesen, daß ein Christ höchstens bis auf neun Meilen an die Stadt heran
darf.«
»Dann dürften wir ja auch nicht in Dschidda sein, wenn nicht etwa nur
englische Meilen gemeint sind. Auf dem Wege von hier nach Mekka liegen
elf Kaffeehäuser; ich will getrost wagen, in allen bis zum neunten
einzukehren, und dabei auch sagen, daß ich ein Christ bin. Die Zeiten
haben sehr vieles geändert; jetzt genügt es, die Christen die Stadt
nicht betreten zu lassen. Ich werde den Versuch wagen.«
Ich hatte mich in die Sache selbst so hineingesprochen, daß jetzt
wirklich mein Entschluß fest stand, nach Mekka zu reisen. Ich brachte
diesen Gedanken heim in meine Wohnung, schlief mit demselben ein und
erwachte auch mit ihm. Halef brachte mir den Kaffee. Ich hatte Wort
gehalten und ihm sein Geld bereits gestern gegeben.
»Sihdi, wann erlaubst du mir, nach Mekka zu gehen?« fragte er mich.
»Hast du Dschidda bereits ganz gesehen?«
»Noch nicht; aber ich werde bald fertig sein.«
»Wie wirst du reisen? Mit einem Delyl?«
»Nein, denn der kostet zu viel. Ich werde warten, bis mehrere Pilger
beisammen sind und dann auf einem Mietkamele reiten.«
»Du kannst abreisen, sobald du willst.«
Delyls sind nämlich diejenigen Beamten, welche die fremden Pilger zu
führen und darauf zu sehen haben, daß diese keine Vorschrift versäumen.
Unter den Pilgern befinden sich sehr viele Frauen und Mädchen. Da aber
den unverheirateten Frauenzimmern das Betreten der Heiligtümer verboten
ist, so machen die Delyls ein Geschäft daraus, sich gegen Bezahlung mit
ledigen Pilgerinnen, die sie von Dschidda abholen, zu verheiraten, sie
in Mekka zu begleiten und ihnen dann nach vollbrachter Wallfahrt den
Scheidebrief zu geben.
Halef hatte kaum meinen Raum verlassen, so hörte ich draußen eine Stimme
sagen:
»Ist dein Herr zu Hause?«
»Dehm arably -- sprich arabisch!« antwortete Halef auf die deutsch
gesprochene Frage.
»Arably? Das kann ich nicht, mein Junge; höchstens könnte ich dich mit
einem bißchen Türkisch traktieren. Aber warte, ich werde mich gleich
selbst anmelden; denn jedenfalls steckt er da hinter der Thür.«
Es war Albani, dessen Stimme jetzt erklang:
»Juchheirassasa!
Und wenn d'willst, will i a,
Und wenn d'willst, so mach auf,
Denn desweg'n bin i da!«
Er schien den Text seiner Schnadahüpfeln den Verhältnissen anzupassen.
Gewiß stand Halef vor Erstaunen ganz starr da draußen, und wenn ich
nicht antwortete, so geschah es seinetwegen; er sollte noch etwas hören.
Es dauerte auch gar nicht lange, so fuhr der Triester fort:
»Soldat bin i gern
Und da kenn' i mi aus,
Doch steh i nit gern Schildwach
In fremder Leut Haus.«
Und als auch diese zarte Erinnerung keine Folge hatte, drohte er:
»Und a frischa Bua bin i,
D'rum laß dir 'mal sag'n:
Wenn d'nit glei itzt aufmachst,
Thua i's Thürerl zerschlag'n!«
Soweit durfte ich es denn doch nicht kommen lassen; ich erhob mich also
und öffnete ihm die Thür.
»Aha,« lachte er, »es hat also geholfen! Ich dachte beinahe, Sie wären
schon nach Mekka abgegangen.«
»Pst! Mein Diener darf nichts davon wissen.«
»Entschuldigung! Raten Sie einmal, mit welcher Bitte ich komme!«
»Mit dem Verlangen nach Revanche für Ihre gestrige Gastfreundschaft?
Thut mir leid! Ich kann nötigenfalls mit etwas Munition, aber nicht mit
Proviant dienen, wenigstens nicht mit einem so seltenen, wie Ihre
Speisenkarte zeigte.«
»Pah! Aber ich habe wirklich eine Bitte oder vielmehr eine Frage.«
»Sprechen Sie!«
»Wir sprachen gestern wenig über Ihre Erlebnisse; aber ich vermute, daß
Sie Reiter sind.«
»Ich reite allerdings ein wenig.«
»Nur Pferd oder auch Kamel?«
»Beides; sogar auch Esel, wozu ich erst gestern gezwungen war.«
»Ich habe noch nie auf dem Rücken eines Kameles gesessen. Nun hörte ich
heute früh, daß es ganz in der Nähe einen Dewedschi[82] giebt, bei dem
man für ein Billiges die Möglichkeit erhält, einmal den Beduinen spielen
zu können -- -- --«
[82] Kamelverleiher nach Art unserer Pferdeverleiher.
»Ah, Sie wollen einen Spazierritt riskieren?«
»Das ist es!«
»Sie werden aber eine Art von Seekrankheit bekommen --«
»Thut nichts.«
»Gegen welche nicht einmal eine Dosis Kreosot Hilfe leistet.«
»Ich bin darauf gefaßt. Die Küste des roten Meeres bereist und nicht auf
einem Kamele gesessen zu haben! Darf ich Sie einladen, mich zu
begleiten?«
»Ich habe Zeit, wo wollen Sie hin?«
»Mir gleich. Vielleicht eine Streiferei um Dschidda herum?«
»Ich bin dabei. Wer besorgt die Kamele? Sie oder ich?«
»Natürlich ich. Wollen Sie Ihren Diener auch mitnehmen?«
»Wie Sie es bestimmen. Man weiß hierzulande niemals, was einem begegnen
kann, und ein Diener ist hier im Orient eigentlich niemals überflüssig.«
»So geht er mit.«
»Wann soll ich kommen?«
»In einer Stunde.«
»Gut. Aber erlauben Sie mir eine Bemerkung. Untersuchen Sie, ehe Sie das
Kamel besteigen, den Sattel und die Decke genau; eine solche Vorsicht
ist stets am Platze, da man sonst sehr leicht Bekanntschaft mit jenen
sechsfüßigen Baschi-Bozuks macht, die der Orientale mit dem lieblich
klingenden Namen 'Bit' bezeichnet.«
»Bit? Ich bin kein Licht in den orientalischen Sprachen.«
»Aber ein wenig Latein haben Sie getrieben?«
»Allerdings.«
»So meine ich das Tierchen, dessen Name so lautet, wie auf lateinisch
das deutsche Wort 'Lob'.«
»Ah! Ist es gar so arg?«
»Zuweilen sehr. Ich habe in Ungarn gehört, daß man diese Schmarotzer mit
dem Worte 'Bergleute' bezeichnet, jedenfalls, weil sie von oben nach
unten arbeiten. Bei einem Kamelritte nun haben Sie es mit den Bergleuten
der Araber und mit den Bergleuten der Kamele zu thun. Ein Glück ist es
nur, daß die ersteren eine so rührende Treue für ihre Herren und Meister
besitzen und folglich es verschmähen, einen Giaur wenigstens förmlich zu
überfluten. Also legen Sie noch eine eigene Decke unter, welche Sie nach
dem Ritt dem nächsten Pastetenbäcker geben, der sie für wenige Borbi[83]
in seinem Ofen ausbrennen wird.«
[83] Ein Para hat acht Borbi.
»Nicht übel! Nehmen wir Waffen mit?«
»Das versteht sich! Ich zum Beispiel bin zu dieser Vorsicht gezwungen,
da ich jeden Augenblick hier oder in der Umgebung Feinde treffen kann.«
»Sie?«
»Ja, ich! Ich befand mich in der Gefangenschaft eines Seeräubers, dem
ich erst gestern früh entflohen bin. Er ist auf dem Wege nach Mekka und
kann sich sehr leicht noch hier in Dschidda befinden.«
»Das ist ja ganz erstaunlich! Er war ein Araber?«
»Ja. Ich kann ihm nicht einmal mit einer Anzeige beikommen, obgleich
mein Leben keinen Pfennig wert ist, sobald wir uns begegnen sollten.«
»Und davon haben Sie mir gestern nichts gesagt!«
»Warum sollte ich davon sprechen? Man hört und liest jetzt sehr oft, daß
das Leben immer nüchterner werde und es gar keine Abenteuer mehr gebe.
Vor nun wenigen Wochen sprach ich mit einem viel gereisten Gelehrten,
welcher geradezu die Behauptung aufstellte, man könne die alte Welt von
Hammerfest bis zur Capstadt und von England bis nach Japan durchreisen,
ohne nur eine Spur von dem zu erleben, was man Abenteuer nennt. Ich
widersprach ihm nicht, aber ich bin überzeugt, daß es nur auf die
Persönlichkeit des Reisenden und auf die Art und Weise der Reise
ankommt. Eine Reise per Entreprise oder mit Rundreisebillet wird sehr
zahm sein, selbst wenn sie nach Celebes oder zu den Feuerländern gehen
sollte. Ich ziehe das Pferd und das Kamel den Posten und Bahnen, das
Kanoe dem Steamer und die Büchse dem wohl visierten Passe vor; auch
reise ich lieber nach Timbuktu oder Tobolsk als nach Nizza oder
Helgoland; ich verlasse mich auf keinen Dolmetscher und auf keinen
Bädeker; zu einer Reise nach Murzuk steht mir weniger Geld zur
Verfügung, als mancher braucht, um von Prag aus die Kaiserstadt Wien
eine Woche lang zu besuchen, und -- ich habe mich über den Mangel an
Abenteuern niemals zu beklagen gehabt. Wer mit großen Mitteln die
Atlasländer oder die Weststaaten Nordamerikas besucht, dem stehen eben
diese Mittel im Wege; wer aber mit leichter Tasche kommt, der wird bei
den Beduinen Gastfreundschaft suchen und sich nützlich machen, drüben im
wilden Westen aber sich sein Brot schießen und mit hundert Gefahren
kämpfen müssen; ihm wird es nie an Abenteuern fehlen. Wollen wir wetten,
daß uns nachher bei unserem Ritt ein Abenteuer passieren wird, mag es
auch ein nur kleines sein? Die Recken früherer Zeiten zogen aus, um
Abenteuer zu suchen; die jetzigen Helden reisen als #Commis-voyageurs#,
Touristen, Sommerfrischler, Bäderbummler oder Kirmeßgäste; sie erleben
ihre Abenteuer unter dem Regenschirme, an der #Table d'hôte#, bei einer
imitierten Sennerin, am Spieltische und auf dem #Scating-Ring#. Wollen
wir wetten?«
»Sie machen mich wirklich neugierig!«
»Ja, verstehen Sie mich wohl! Sie nennen es vielleicht ein Abenteuer,
wenn Sie in der Dschungel zwei Tigern begegnen, welche sich auf Leben
und Tod bekämpfen; ich nenne es ein ebenso großes Abenteuer, wenn ich am
Waldesrande auf zwei Ameisenvölker stoße, deren Kampf nicht bloß in
Beziehung auf Mut und Körperanstrengung eine Hunnen- oder Gotenschlacht
zu nennen ist, sondern uns auch solche Beispiele von Aufopferung,
Gehorsam und strategischer oder taktischer Berechnung und List zeigt,
daß wir darüber bloß erstaunen müssen. Gottes Allmacht zeigt sich
herrlicher in diesen winzigen Tieren als in jenen beiden Tigern, die
Ihnen bloß deshalb größer erscheinen, weil Sie sich vor ihnen fürchten.
Doch, gehen Sie jetzt und bestellen Sie die Kamele, damit wir zur Zeit
der größten Hitze eine Quelle finden.«
»Ich gehe; aber halten Sie auch Wort in Beziehung auf das Abenteuer!«
»Ich halte es.«
Er ging. Ich hatte ihm diese Rede mit Vorbedacht gehalten; denn zu einem
Erstlingsritt auf dem Kamele gehört unbedingt eine in das Romantische
hinüberklingende Seelenstimmung.
Als ich nach drei Viertelstunden mit Halef in Albanis Wohnung trat,
starrte derselbe in Waffen.
»Kommen Sie; der Dewedschi lauert bereits. Oder wollen wir erst etwas
genießen?« fragte er mich.
»Nein.«
»So nehmen wir uns Proviant mit. Ich habe hier diese ganze Tasche voll.«
»Sie wollen ein Abenteuer haben und nehmen Proviant mit? Weg damit!
Wenn uns hungert, so suchen wir uns ein Duar[84]. Dort finden wir
Datteln, Mehl, Wasser und vielleicht auch ein wenig Tschekir.«
[84] Zeltdorf.
»Tschekir? Was ist das?«
»Kuchen, aus gemahlenen Heuschrecken gebacken.«
»Fi!«
»Pah, schmeckt ganz vortrefflich! Wer Austern, Weinbergsschnecken,
Vogelnester, Froschschenkel und verfaulte Milch mit Käsemaden ißt, für
den müssen Heuschrecken eine Delikatesse sein. Wissen Sie, wer lange
Zeit Heuschrecken mit wildem Honig gegessen hat?«
»Ich glaube, das ist ein Mann in der Bibel gewesen.«
»Allerdings, und zwar ein sehr hoher und heiliger Mann. Haben Sie eine
Decke?«
»Hier.«
»Gut. Wie lange haben Sie die Kamele zur Verfügung?«
»Für den ganzen Tag.«
»Mit Begleitung des Dewedschi oder eines seiner Leute?«
»Ohne Begleitung.«
»Das ist gut. Zwar haben Sie in diesem Fall Kaution legen müssen, dafür
aber befinden wir uns um so wohler und ungestörter. Kommen Sie!«
Der Kamelverleiher wohnte im zweiten Hause von ihm. Ich sah es dem Manne
sofort an, daß er kein Araber sondern ein Türke war. In seinem Hofe
standen drei Kamele, über welche man hätte weinen mögen.
»Wo ist dein Stall?« fragte ich ihn.
»Dort!«
»Er deutete nach einer Mauer, welche den Hof in zwei Teile schied.
»Öffne die Thür!«
»Warum?«
»Weil ich sehen will, ob sich noch Dschemahli darin befinden.«
»Es sind solche darin.«
»Zeige sie mir!«
Er mochte mir doch nicht recht trauen; daher öffnete er und ließ mich
einen Blick in die andere Abteilung werfen. Dort lagen acht der
schönsten Reitkamele. Ich trat näher und betrachtete sie.
»Dewedschi, wie viel zahlt dir dieser Hazretin[85] für die drei Kamele,
welche du uns gesattelt hast?«
[85] »Hoheit«.
»Fünf Mahbubzechinen[86] für alle drei.«
[86] à 5 Mark, in Summa also 25 Mark.
»Und für einen solchen Preis bekommen wir diese Lasttiere mit wunden
Beinen und Füßen! Schau her, du kannst durch ihre Seiten blicken; ihre
Lefzen hängen auf die Seite, wie hier dein zerrissener Jackenärmel, und
ihre Höcker -- ah Dewedschi, sie haben keinen Höcker! Sie haben eine
weite Reise hinter sich; sie sind ganz abgezehrt und kraftlos, so daß
sie kaum den Sattel tragen können. Und wie sehen diese Sättel aus! Schau
her, Mann! Was marschiert auf dieser Decke? Spute dich und gieb uns
andere Kamele und andere Decken und andere Sättel!«
Er sah mich halb mißtrauisch und halb zornig an.
»Wer bist du, daß du mir einen solchen Befehl geben magst?«
»Blicke her! Siehst du diesen Bu-djeruldi des Großherrn? Soll ich ihm
erzählen, daß du ein Betrüger bist und deine armen Tiere zu Tode
schindest? Schnell, sattle dort die drei Hedjihn, die braunen rechts und
das graue in der Ecke, sonst wird dir meine Peitsche Hände machen!«
Ein Beduine hätte sofort zur Pistole oder zum Messer gegriffen; dieser
Mann aber war ein Türke. Er beeilte sich, meinem Befehle Folge zu
leisten, und bald lagen seine drei besten Kamele mit sehr reinlichem
Sattelzeug vor uns auf den Knieen. Ich wandte mich an Halef:
»Jetzt zeige diesem Sihdi, wie er aufzusteigen hat!«
Er that es, und ich trat dann dem Kamel, welches Albani tragen sollte,
auf die zusammengezogenen Vorderbeine.
»Passen Sie auf! Sobald Sie den Sattel berühren, geht das Hedjihn in die
Höhe, und zwar vorn zuerst, so daß Sie nach hinten geworfen werden. Dann
erhebt es sich hinten, und Sie stoßen nach vorn. Diese beiden Stöße
müssen Sie durch die entgegengesetzte Bewegung Ihres Körpers unschädlich
zu machen suchen.«
»Ich will es versuchen.«
Er faßte an und schwang sich auf. Sofort erhob sich das Tier, trotzdem
ich meinen Fuß nicht von seinen Beinen genommen hatte. Der gute
Schnadahüpfelsänger flog nach hinten, fiel aber nicht, weil er sich vorn
fest anklammerte; doch jetzt schnellte das Kamel sich hinten in die
Höhe, und da er die Hände noch immer vorn hatte, so flog er ganz
regelrecht aus dem Sattel und über den Kopf des Kamels hinweg herunter
in den Sand.
»Potz tausend, das Ding ist gar nicht so leicht!« meinte er, indem er
sich erhob und die Achsel rieb, mit welcher er aufgestoßen war. »Aber
hinauf muß ich doch. Bringen Sie das Tier wieder zum Knieen!«
»Rrree!«
Auf diesen Zuruf legte es sich wieder. Der zweite Versuch gelang,
obgleich der Reiter zwei derbe Stöße auszuhalten hatte. Ich mußte dem
Verleiher noch einen Verweis geben:
»Dewedschi, kannst du ein Dschemmel reiten?«
»Ja, Herr.«
»Und auch lenken?«
»Ja.«
»Nein, du kannst es nicht, denn du weißt ja nicht einmal, daß ein
Metrek[87] dazu gehört!«
[87] Ein kleines, nach außen umgebogenes Stöckchen.
»Verzeihe, Herr!«
Er gab einen Wink, und die Stäbchen wurden herbeigebracht. Jetzt stieg
auch ich auf.
Wir machten nun allerdings ganz andere Figuren, als es der Fall gewesen
wäre, wenn wir uns mit den abgetriebenen Lastkamelen begnügt hätten.
Unsere jetzigen Sättel waren sehr hübsch mit Troddeln und bunter
Stickerei verziert und die Decken so groß, daß sie die Tiere ganz
bedeckten. Wir ritten hinaus auf die Straße.
»Wohin?« fragte ich Albani.
»Das überlasse ich Ihnen.«
»Gut; also zum Bab el Medina hinaus!«
Mein neuer Bekannter zog die Blicke der uns Begegnenden auf sich; seine
Kleidung war zu auffällig. Ich lenkte daher durch mehrere Seitenstraßen
und brachte uns nach einigen Umwegen glücklich zum Thore hinaus. Dort
ritten wir im Schritte durch die Ansiedelungen der Nubier und
Habeschaner und gelangten dann sofort in die Wüste, welche sich ohne
einen Pflanzenübergangsgürtel bis direkt an das Weichbild aller Städte
des Hedschas erstreckt.
Bis hierher hatte sich Albani sehr leidlich im Sattel gehalten. Nun aber
fielen unsere Kamele ganz freiwillig in jenen Bärentrott, der ihre
gewöhnliche Gangart ist und durch welchen jeder Neuling in die
eigentümliche Lage versetzt wird, die Seekrankheit kennen zu lernen,
auch ohne einen Tropfen Salzwasser gesehen zu haben. Während der ersten
Schritte lachte er über sich selbst. Er besaß nicht das Geschick, durch
eigene Bewegungen die Stöße zu mildern, welche ihm sein Tier erteilte;
er schwankte herüber, hinüber, nach hinten und nach vorn; seine lange,
arabische Flinte war ihm im Wege, und sein riesiger Sarras schlug
klirrend an die Seite des Kameles. Er nahm ihn also zwischen die Beine,
schnalzte mit den Fingern und sang:
»Mei Sabel klippert, mei Sabel klappert,
Mei Sabel macht mir halt Müh,
Und das Kamel wickelt, das Kamel wackelt,
Das Kamel is ein sakrisch Vieh!«
Da gab ich meinem Tiere einen leichten Schlag auf die Nase: es stieg
empor und schoß dann vorwärts, daß der Sand mehrere Ellen hoch hinter
mir aufwirbelte. Die beiden anderen Kamele folgten natürlich, und nun
war es mit dem Singen aus. Albani hatte den Lenkstab in der linken und
die Flinte in der rechten Faust und gebrauchte diese beiden Gegenstände
als Balancestangen, indem er die Arme in der Luft herumwirbelte, um das
Gleichgewicht zu erhalten. Er bot einen komischen Anblick dar.
»Hängen Sie das Schießeisen über und halten Sie sich mit den Händen am
Sattel fest!« rief ich ihm zu.
»Hat sich sein -- -- hopp! -- -- hat sich sein -- -- öh, brrr, ah! -- hat
sich sein Überhängen! Ich habe ja gar kei-- -- -- hopp, au! -- -- gar
keine Zeit dazu! Halten Sie doch Ihr ver-- -- hoppsa, öh, brr! -- Ihr
verwünschtes Viehzeug an!«
»Ich verkomme ja mit ihm!«
»Ja, aber das mei-- -- oh, brrr, öh! -- das meinige rennt ihm ja wie
bes-- -- hüh, hoppah! -- wie besessen nach!«
»Halten Sie es an!«
»Mit was denn?«
»Mit dem Fuß und dem Zügel!«
»Den Fuß, den bringe ich ja gar nicht in -- -- hoppsa! -- nicht in die
Höhe, und den Zügel, den habe -- -- halt -- öh, halt öh! -- den habe ich
nicht mehr!«
»So müssen Sie warten, bis das Tier von selber steht.«
»Aber ich habe gar kei-- -- -- brrrr, oh! gar keinen Atem mehr!«