»Und dennoch soll er leben! Wir binden ihn, geben ihm einen Knebel und

legen ihn in meine Kammer.«

»So wird er durch die Nase stöhnen und uns verraten.«

»Ich nehme sein Turbantuch auseinander und wickele es ihm um das

Gesicht. Laß jetzt ein wenig locker, so daß er Atem bekommt! -- So -- hier

ist der Knebel -- -- hier sein Gürtel, um Hände und Füße zu binden -- --

laß den Hals los und halte seine Beine -- -- -- so, fertig. Nun hinein mit

ihm!«

Ich atmete tief auf, als ich die Thür hinter dem Gefangenen verriegelt

hatte und nun mit Halef an der Treppe stand.

»Was nun, Sihdi?« fragte er mich.

»Wie kam das alles, jetzt?«

»O, sehr einfach. Ich kroch aus dem Raum empor und horchte.«

»Wenn sie dich entdeckt hätten!«

»Sie bewachten mich nicht, weil sie denken, daß ich mich nicht regen

kann. Da hörte ich, daß der Vater des Säbels mit zwölf Männern zunächst

nach Dschidda gegangen ist. Er hat viel Geld mitgenommen, um es dem

Großscherif in Mekka zu bringen. Dann vernahm ich, daß der Araber,

welcher dich bewacht, an deiner Thüre schlafen werde. Er haßt dich, und

er hätte dich längst getötet, wenn er sich nicht vor Abu Seïf fürchten

müßte. Wenn ich zu dir wollte, so mußte ich ihm zuvorkommen, und so bin

ich über das Deck gekrochen, ohne daß ich bemerkt wurde. Du hast mich

das in der Wüste gelehrt. Und kaum war ich da, so kam er auch.«

»Ah, das also warst du! Ich hatte es gehört.«

»Als er sich gelegt hatte, habe ich ihn beim Halse genommen. Das Übrige

weißt du, Sihdi.«

»Ich danke dir, Halef! Wie sieht es oben aus?«

»Sehr gut. Als ich über das Deck schlich, waren sie im Begriff, ihren

Afijon[64] anzubrennen. Ihr Gebieter ist fort, da dürfen sie es wagen.«

[64] Opium.

»So nimm die Waffen dieses Mannes zu dir; sie sind besser als

diejenigen, welche du vorher hattest. Jetzt komm; ich gehe voran.«

Während wir nach oben schlichen, konnte ich mich nicht enthalten,

darüber zu lächeln, daß Abu Seïf dem Großscherif ein Geschenk bringen

wollte, welches doch ein Bruchteil dessen war, was er ihm erst geraubt

hatte. Als ich den Kopf aus der Luke steckte, verspürte ich jenen Duft,

der in der Nähe jeder Opiumkneipe zu bemerken ist. Die Männer lagen

regungslos auf dem Verdeck umher; es war nicht zu erkennen, ob sie

schliefen oder nur in regungsloser Lage den Rausch des betäubenden

Giftes erwarten wollten. Glücklicherweise war der Weg nach der Kajüte

frei. Wir krochen, ganz auf den Boden niedergeduckt, in dieser Richtung

weiter und gelangten glücklich an die Thür. Dank der orientalischen

Sorglosigkeit hatte dieselbe kein Schloß; die Angeln konnten auch nicht

knarren, weil sie einfach aus einem Stücke Leder bestanden, welches oben

und unten an Thür und Pfosten aufgenagelt war.

Ich öffnete nur so weit, als nötig war, um hinein zu kriechen, und als

wir uns im Innern befanden, zog ich die Thür wieder zu. Nun fühlte ich

mich so sicher und frei, als ob ich mich daheim in meiner Stube befunden

hätte. Hier hingen meine Waffen, und fünf Schritte davon war der Bord

des Schiffes, von welchem ein Sprung genügte, um an das Land zu kommen.

Die Uhr, den Kompaß, das Geld hatte ich bei mir.

»Was soll ich mitnehmen?« fragte Halef.

»Eine von den Decken, welche ich dort in der Ecke liegen sah. Wir

brauchen sie notwendig; ich nehme auch eine.«

»Weiter nichts?«

»Nein.«

»Aber ich habe erlauscht, daß sich hier viel Geld befindet.«

»Das liegt dort im Sandyk; wir lassen es liegen, denn es gehört uns

nicht.«

»Was, Sihdi? Du willst kein Geld mitnehmen? Du willst diesen Räubern das

Geld lassen, welches wir so notwendig brauchen?«

»Willst du ein Dieb werden? Nein!«

»Ich? Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al

Gossarah ein Dieb? Sihdi, das sollte mir ein anderer sagen! Hast du mir

nicht selbst befohlen, dem Manne, der unten in der Kammer liegt, die

Waffen wegzunehmen? Hast du mir nicht befohlen, in diese Decken zu

greifen?«

»Das ist kein Diebstahl. Wir sind durch die Räuber um unsere Decken und

um deine Waffen gekommen und haben also das Recht, uns zu entschädigen.

Unser Geld aber haben wir noch.«

»Nein, Sihdi; das meinige haben sie genommen.«

»Hattest du viel?«

»Hattest du mir nicht alle zwei Wochen drei Maria-Theresien-Thaler

gegeben? Ich hatte sie alle noch; nun sind sie weg, und ich werde mir

nehmen, was mir gehört.«

Er trat an den Kasten. Sollte ich ihn hindern? In gewisser Beziehung

hatte er recht. Wir befanden uns in Umständen, unter denen wir uns unser

Recht selbst zu wahren hatten. Wo konnten wir Abu Seïf auf Rückgabe des

geraubten Geldes verklagen? Ich mußte zu sehr sparen, als daß ich meinem

Diener das Geraubte aus meiner Tasche hätte ersetzen können, und

überdies hätte ein weiterer Streit mit Halef uns nur aufgehalten oder

gar in Gefahr gebracht; ich begnügte mich also mit dem Einwande: »Der

Sandyk wird verschlossen sein.«

Er trat hinzu, visitierte und sagte dann:

»Ja, es ist ein Schloß daran, und der Schlüssel fehlt, aber ich werde

dennoch öffnen.«

»Nein, das wirst du nicht! Wenn du das Schloß aufsprengst, so giebt es

einen Krach, der uns verrät!«

»Sihdi, du hast recht. Ich werde mir meine Thaler doch nicht holen

können. Komm, wir wollen gehen!«

Bei dem Tone, in welchem er diese Worte sprach, bedauerte ich fast, daß

er auf Ersatz verzichten mußte. Ein anderer Araber hätte es nicht

gethan, davon war ich überzeugt, und das brachte mich zu dem

Versprechen:

»Halef, du sollst die Theresienthaler noch einmal von mir bekommen!«

»Ist es wahr, Sihdi?«

»Ja.«

»So laß uns gehen!«

Wir verließen die Kajüte und erreichten glücklich den Rand des

Fahrzeuges. Der Abstand zwischen ihm und dem Lande war doch ein

bedeutender, wie man bei dem nächtlichen Sternenlichte bemerken konnte.

»Kommst du hinüber, Halef?« fragte ich besorgt.

Ich wußte, daß er ein guter Springer war; hier aber konnte man keinen

Anlauf nehmen.

»Paß auf, Sihdi!«

Er erhob sich, setzte den Fuß auf den Regeling und stand im nächsten

Augenblick drüben am Ufer. Ich folgte ihm sofort.

»Hamdulillah, Gott sei Dank! Jetzt sind wir frei. Aber was nun?« fragte

Halef.

»Wir gehen nach Dschidda.«

»Weißt du den Weg?«

»Nein.«

»Oder hast du eine Harjta[65], welche dir den Weg zeigt?«

[65] Landkarte.

»Auch nicht; aber wir brauchen uns nur nach Süden zu halten. Abu Seïf

hat zu Fuß hinwandern müssen; das ist ein sicheres Zeichen, daß die

Stadt nicht sehr weit von hier liegt. Laß uns vor allen Dingen erst nach

den Waffen sehen.«

Wir zogen uns hinter ein nahes Euphorbiengesträuch zurück, welches uns

genügend verbarg, denn es war nicht die kleine arabische, sondern die

hohe ostindische Art. Meine Gewehre waren geladen; man hatte jedenfalls

mit dem Revolver und dem Henrystutzen nicht umzugehen verstanden und

sich über den schweren Bärentöter höchlichst wundern müssen. Der Araber

ist ein langes, leichtes Gewehr gewohnt, und es giebt ganze Stämme,

welche noch mit Flinten der ältesten, seltsamsten Konstruktionen

bewaffnet sind.

Nachdem wir uns überzeugt hatten, daß unsere Flucht nicht bemerkt worden

war, machten wir uns auf den unbekannten Weg. Wir mußten, so viel wie

möglich, der Küste folgen, und diese hatte zahlreiche größere oder

kleinere Einbuchtungen, welche zu umgehen waren, so daß wir nur langsam

vorwärts kamen. Dazu war der Boden trotz der Nähe des Meeres sehr dicht

mit Koloquinthen und Aloën bewachsen, welche das Gehen außerordentlich

beschwerlich machten. Endlich graute der Tag, und der Marsch ging

leichter und schneller vor sich. Man konnte in die Ferne blicken und

unterscheiden, welche Richtung man einzuschlagen hatte, um eine Krümmung

der Küste abzuschneiden, und es war vielleicht vormittags acht Uhr, als

wir die Minareh[66] einer Stadt vor uns erblickten, welche mit einer

hohen, ziemlich gut erhaltenen Mauer umgeben war.

[66] Dieses Wort wird nach französischer Weise Minaret

geschrieben und von vielen Deutschen auch so ausgesprochen, was

aber falsch ist.

»Wollen wir fragen, ob dies Dschidda ist, Sihdi?« fragte Halef.

Wir waren bereits seit einer Stunde Arabern begegnet, ohne sie

anzureden.

»Nein; das ist ganz sicher Dschidda.«

»Und was beginnen wir dort?«

»Ich werde mir zunächst den Ort ansehen.«

»Und ich auch. Weißt du, daß dort Eva, die Mutter aller Lebendigen,

begraben liegt?«

»Ja.«

»Als Adam sie begraben hatte, beweinte er sie vierzig Tage und vierzig

Nächte; dann ging er nach Selan-Dib, wo er starb und nun auch begraben

liegt. Das ist eine Insel, von der nur die Gläubigen etwas wissen.«

»Du irrst, Halef. Diese Insel hieß bei ihren Bewohnern Sinhala Dvipa,

woraus ihr in euerer Sprache Selan-Dib gemacht habt. Sinhala Dvipa heißt

Löweninsel; sie gehört jetzt den Christen, den Inglis, und ich selbst

bin bereits zweimal dort gewesen.«

Er blickte mich erstaunt an.

»Aber unsere Talebs[67] sagen doch, daß jeder Ungläubige stirbt, der die

Insel Adams betreten will!«

[67] Gelehrten.

»Bin ich gestorben?«

»Nein. Aber du bist ein Liebling Allahs, obgleich du den wahren Glauben

noch nicht hast.«

»Ich will dir noch ein Beispiel sagen. Nicht wahr, jeder Ungläubige muß

sterben, der die heiligen Stätten von Mekka und Medina betritt?«

»Ja.«

»Aber es giebt dennoch Christen, welche dort gewesen sind.«

»Ist das wahr?«

»Ja. Sie haben gethan, als ob sie Moslemim seien.«

»Dann mußten sie unsere Sprache und unsere Gebräuche verstehen.«

»Sie verstanden sie.«

Er blickte mir ängstlich forschend in das Angesicht.

»Sihdi, du verstehst das auch. Willst du nach Mekka?«

»Würdest du mich mitnehmen?«

»Nein, Sihdi; denn ich würde in der tiefsten Dschehenna gebraten

werden.«

»Würdest du mich verraten, wenn du mich dort sähest?«

»Effendi, mache mich nicht traurig! Ich müßte dich verraten und könnte

es doch vielleicht nicht. Ich würde nicht mehr leben können!«

Ich sah ihm an, daß dies seine volle Überzeugung war; es wäre grausam

gewesen, ihn länger zu versuchen und in Angst zu halten.

»Halef, du hast mich lieb?«

»Lieber als mich selbst, Sihdi; glaube mir das!«

»Ich glaube es. Wie lange willst du noch mit mir reisen?«

»So lange du willst. Ich gehe mit dir, soweit die Erde reicht, obgleich

du ein Christ bist. Aber ich weiß, daß du noch zum rechten Glauben

kommen wirst, denn ich werde dich bekehren, du magst wollen oder nicht.«

»Das kann bloß ein Hadschi sagen.«

»O, Sihdi, ich werde nun wirklich einer sein. Da ist Dschidda, wo ich

das Grab Evas besuchen werde; dann gehe ich nach Mekka, werde in Arafah

verweilen, mich in Minah rasieren lassen und alle heiligen Gebräuche

mitmachen. Wirst du mich bis dahin in Dschidda erwarten?«

»Wie lange wirst du in Mekka sein?«

»Sieben Tage.«

»Du wirst mich in Dschidda wiederfinden. Aber ist deine Hadsch auch

gültig, da sie doch nicht in den Wallfahrtsmonat fällt?«

»Sie ist gültig. Sieh, hier ist das Thor. Wie mag es heißen?«

»Es ist wohl das nördliche Thor, das Bab el Medina. Wirst du mir eine

Bitte erfüllen?«

»Ja, denn ich weiß, daß du mir nichts befiehlst, was ich nicht thun

darf.«

»Du sollst hier keinem Menschen sagen, daß ich ein Christ bin.«

»Ich gehorche.«

»Du sollst ganz so thun, als ob ich ein Moslem sei.«

»Ja. Aber wirst du mir nun auch eine Bitte erfüllen?«

»Welche?«

»Ich muß mir in Mekka das Aziz-kumahsch[68] kaufen und viele Geschenke

und Almosen geben -- -- --.«

[68] Wörtlich: »heiliges Zeug«.

»Sei unbesorgt; du sollst deine Theresienthaler noch heute erhalten.«

»Die kann ich vielleicht nicht brauchen, denn sie werden im Lande der

Ungläubigen geprägt.«

»So werde ich dir dieselbe Summe in Piastern geben.«

»Hast du Piaster?«

»Noch nicht; aber ich werde sie von einem Sarraf[69] holen.«

[69] Geldwechsler.

»Ich danke dir, Sihdi! Werde ich genug haben, um auch nach Medina gehen

zu können?«

»Ich denke es, wenn du sparsam bist. Die Reise dorthin wird dich nichts

kosten.«

»Warum?«

»Ich reite mit.«

»Nach Medina, Sihdi?« fragte er in bedenklichem Tone.

»Ja. Ist dies verboten?«

»Der Weg dorthin steht dir frei; aber nach Medina hinein darfst du

nicht.«

»Wenn ich nun in Dschambo auf dich warte?«

»Das ist schön, Sihdi; das geht!«

»So sind wir also einig!«

»Und wohin gehst du dann?«

»Zunächst nach Medaïhn Saliha.«

»Herr, dann bist du des Todes! Weißt du nicht, daß dies die Stadt der

Geister ist, die keinen Sterblichen bei sich dulden?«

»Sie werden mich dulden müssen. Es ist ein sehr geheimnisvoller Ort; man

erzählt sich wunderbare Sachen von ihm, und darum muß ich ihn sehen.«

»Du wirst ihn nicht sehen, denn die Geister werden uns den Weg

versperren; aber ich werde dich nicht verlassen, und wenn ich mit dir

sterben sollte. Ich bin dann ein wirklicher Hadschi, dem der Himmel

immer offen steht. Und wohin willst du dann?«

»Entweder nach Sinai, Jerusalem und Istambul oder nach Basra und

Bagdad.«

»Und wirst mich mitnehmen?«

»Ja.«

Wir waren beim Thore angelangt. Dort gab es außerhalb der Mauern eine

Menge zerstreut stehender Hütten aus Stroh oder Palmenblättern, in denen

arme Hadhesi[70] oder noch ärmere Holz- und Gemüsehändler wohnten. Ein

zerlumpter Kerl rief mich an:

[70] Arbeiter.

»Taïbihn, Effendi, seiak, keif chelak -- bist du gesund, Effendi, wie

geht es dir, und wie ist dein Befinden?«

Ich blieb stehen. Im Orient muß man immer Zeit haben, einen Gruß zu

erwidern.

»Ich danke dir! Ich bin gesund; es geht mir gut, und mein Befinden ist

vortrefflich; aber wie geht es dir, du Sohn eines tapfern Vaters, und

wie laufen deine Geschäfte, du Erbe vom frömmsten Stamme der Moslemim?«

Ich gebrauchte diese Worte, weil ich sah, daß er das M'eschaleeh trug.

Dschidda gilt, trotzdem es seit neuerer Zeit von den Christen besucht

werden darf, für eine heilige Stadt, und die heiligen Städte haben das

Vorrecht, dieses Zeichen zu tragen. Vier Tage nach der Geburt eines

Kindes werden ihm auf jedem Backen drei und an jeder Schläfe zwei

Schnitte beigebracht, deren Narben für das ganze Leben bleiben. Das ist

das M'eschaleeh.

»Deine Worte sind Zahari[71]; sie duften wie die Benaht el

Dschennet[72],« antwortete der Mann. »Auch mir geht es gut, und ich bin

zufrieden mit dem Geschäfte, welches ich treibe. Es wird auch dir

nützlich sein.«

[71] Blumen.

[72] Töchter des Paradieses, die Houris.

»Welches Geschäft hast du?«

»Ich habe drei Tiere stehen. Meine Söhne sind Hamahri[73], und ich helfe

ihnen.«

[73] Eseltreiber.

»Hast du sie zu Hause?«

»Ja, Sihdi. Soll ich dir zwei Esel holen?«

»Was soll ich dir bezahlen?«

»Wohin willst du reiten?«

»Ich bin hier fremd und will mir eine Wohnung suchen.«

Er musterte mich mit einem eigentümlichen Blick. Ein Fremder, und zu

Fuße, das mußte ihm auffällig sein.

»Sihdi,« fragte er, »willst du dahin, wohin ich deine Brüder geleitet

habe?«

»Welche Brüder?«

»Es kamen gestern um die Zeit des Mogreb dreizehn Männer zu Fuße, so wie

du; die habe ich in den großen Khan geführt.«

Das war jedenfalls Abu Seïf mit den Seinen gewesen.

»Das waren keine Brüder von mir. Ich will meine Wohnung in keinem Khane

und in keinem Funduk[74], sondern in einem Privathause nehmen.«

[74] Gasthaus.

»Ama di bacht -- welch ein Glück! Ich weiß ein Haus, wo du eine Wohnung

finden kannst, die beinahe für einen Prinzen zu schön ist.«

»Was forderst du, wenn wir auf deinen Eseln hinreiten?«

»Zwei Piaster.«

Das waren ungefähr zwanzig Pfennige pro Mann.

»Hole die Tiere.«

Er stieg nun mit gravitätischem Schritte von dannen und brachte hinter

einer Umfriedigung zwei Esel hervor, die so klein waren, daß sie mir

beinahe zwischen den Beinen durchlaufen konnten.

»Werden sie uns tragen können?«

»Sihdi, einer von ihnen würde uns alle drei tragen können!«

Das war übertrieben, jedoch mein Tier that nicht im mindesten, als ob

ich ihm zu schwer sei; vielmehr schlug es sofort, nachdem ich es

bestiegen hatte, einen sehr muntern Trab an, welcher allerdings gleich

im Innern der Stadtmauer unterbrochen wurde.

»Tut,« rief nämlich eine schnarrende Stimme von der Seite her; »tut,

wermya-iz aktsche -- halt, gebt Geld!«

In einem halb verfallenen Gemäuer zu meiner Rechten befand sich ein

viereckiges Loch; in diesem Loche befand sich ein Kopf; auf dem Gesichte

dieses Kopfes befand sich eine fürchterliche Brille, und in dieser

Brille befand sich nur ein Glas. Unter diesem Glase erblickte ich eine

riesige Nase und seitwärts nach unten, von der Nase aus gerechnet, eine

große Öffnung, aus welcher die Worte wahrscheinlich gekommen waren.

»Wer ist das?« fragte ich unsern Führer.

»Der Radschal el Bab[75]. Er nimmt die Steuer für den Großherrn ein.«

[75] Mann des Thores, Thorwärter.

Ich drängte mein Eselein bis vor das Loch und nahm, um mir einen Spaß zu

machen, den Paß heraus.

»Was willst du?«

»Geld!«

»Hier!«

Ich hielt ihm das großherrliche Möhür[76] vor das Auge, welches nicht

durch ein Glas geschützt war.

[76] Siegel.

»Lutf, dschenabin -- Verzeihung, Euer Gnaden!«

Die Öffnung unter der Nase klappte zu, das Gesicht verschwand und gleich

darauf sah ich eine hagere Gestalt seitwärts über einige Mauerreste

springen. Sie trug eine alte, abgeschabte Janitscharenuniform, weite,

blaue Beinkleider, rote Strümpfe, eine grüne Jacke und auf dem Kopfe

eine weiße Mütze mit einem herabhängenden Sacke. Es war der wackere

Radschal el Bab.

»Warum reißt er aus?« fragte ich den Führer.

»Du hast ein Bu-djeruldi und brauchst nichts zu geben. Er hat dich also

beleidigt und fürchtet deine Rache.«

Wir ritten weiter und gelangten nach fünf Minuten vor das Thor eines

Hauses, welches, eine Seltenheit in mohammedanischen Ländern, vier

große, vergitterte Fenster nach der Straße zu hatte.

»Hier ist es!«

»Wem gehört das Haus?«

»Dem Dschewahirdschi[77] Tamaru. Er hat mir Auftrag gegeben.«

[77] Juwelier.

»Wird er zu Hause sein?«

»Ja.«

»So kannst du zurückkehren. Hier hast du noch ein Bakschisch!«

Unter vielen Dankesworten setzte sich der Mann auf einen seiner Esel und

ritt von dannen. Ich trat mit Halef in das Haus und wurde von einem

Schwarzen nach dem Garten gebracht, in welchem sich sein Herr befand.

Diesem trug ich mein Anliegen vor, und sofort führte er mich in das Haus

zurück und zeigte mir eine Reihe von Gemächern, welche leer standen. Ich

mietete zwei auf eine Woche und hatte dafür zwei Talaris, was als eine

sehr anständige Bezahlung angesehen werden mußte, zu entrichten. Dafür

wurde ich aber auch nicht ausgefragt. Ich nannte nur den Namen, welchen

mir Halef gegeben hatte.

Im Laufe des Nachmittags ging ich, um mir die Stadt anzusehen.

Dschidda ist eine ganz hübsche Stadt, und es scheint mir, als ob sie

ihren Namen -- Dschidda heißt »die Reiche« -- nicht ganz mit Unrecht

führe. Sie ist nach drei Seiten von einer hohen, dicken Mauer umgeben,

welche Türme trägt und von einem tiefen Graben beschützt wird. Nach dem

Meere zu wird sie durch ein Fort und mehrere Batterien verteidigt. Die

Mauer hat drei Thore: das Bab el Medina, das Bab el Yemen und das Bab

el Mekka, welches das schönste ist und zwei Türme hat, deren Zinnen von

zierlich durchbrochener Arbeit sind. Die Stadt zerfällt in zwei Hälften,

in die Nysf[78] von Syrien und von Yemen; sie hat ziemlich breite, nicht

sehr schmutzige Straßen und viele hübsche freie Plätze. Auffallend ist

es, daß es hier sehr viele Häuser giebt, welche nach außen hin Fenster

haben. Sie sind meist mehrere Stockwerke hoch, von guter Bauart und

haben hübsche Bogenthüren, Balkons und Söller. Der Bazar läuft in der

ganzen Länge der Stadt mit dem Meere parallel und mündet in viele

Seitenstraßen. Auf ihm sieht man Araber und Beduinen, Fallatah, Händler

aus Basra, Bagdad, Maskat und Makalla, Ägypter, Nubier, Abessynier,

Türken, Syrer, Griechen, Tunesier, Tripolitaner, Juden, Indier, Malayen:

-- alle in ihrer Nationaltracht; sogar einem Christen kann man zuweilen

begegnen. Hinter der Mauer beginnt, wie bei den meisten Ortschaften

Arabiens, sofort die Wüste und dort stehen die Hütten jener Leute,

welche in der Stadt selbst keinen Platz finden.

[78] Hälften.

Nicht weit von der Kaserne, welche in der Nähe des Bab el Medina liegt,

befindet sich der Kirchhof, auf welchem das Grab unserer Stammmutter

gezeigt wird. Dieses ist sechzig Meter oder beinahe neunzig preußische

Ellen lang und trägt auf seiner Mitte eine kleine Moschee.

Daß es in Dschidda von Bettlern wimmelt, ist nicht zu verwundern. Den

größten Beitrag dazu liefert Indien. Während die armen Pilger aus andern

Ländern sich Arbeit suchen, um sich das Reisegeld zur Rückkehr zu

verdienen, ist der Indier zu träge dazu. Wer einem jeden geben wollte,

würde bald selbst ein Bettler sein. Vom Kirchhofe weg ging ich nach dem

Hafen und schritt langsam am Wasser hin. Ich dachte über die Möglichkeit

nach, Mekka sehen zu können, und merkte kaum, daß es immer einsamer um

mich wurde. Da plötzlich -- ist's möglich oder nicht? erklang es vom

Wasser her:

»Jetzt geh' i zum Soala

Und kaf ma an Strick,

Bind 's Diandl am Buckl,

Trog's überall mit.«

Ein »G'sangl« aus der Heimat! Hier in Dschidda! Ich blickte mich um und

sah einen Kahn, in welchem zwei Männer saßen. Der eine war ein

Eingeborener. Seine Hautfarbe und seine Kleidung bezeichneten ihn als

einen Hadharemieh; gewiß gehörte ihm der Kahn. Der andere stand aufrecht

in dem kleinen Fahrzeuge und bildete eine ganz wunderbare Figur. Er

hatte einen blauen Turban auf, trug rote, türkische Pumphosen und über

diesen einen europäischen Rock von etwas veraltetem Schnitt; ein

gelbseidenes Tuch war um den Hals geschlungen, und aus diesem Tuche

stachen rechts und links zwei Dschebel-pambuk-bezi von der Sorte hervor,

welche in der lieben Heimat den Namen »Vatermörder« zu tragen pflegt. Um

die sehr umfangreiche Taille hatte der Mann einen Sarras geschlungen,

dessen Scheide so dick war, daß man drei Klingen in ihr vermuten konnte.

Dies war der Sänger. Er hatte bemerkt, daß ich vor Überraschung stehen

geblieben war, und mochte denken, einen sangesfrohen Beduinen vor sich

zu haben; denn er hielt die linke Hand an den Mund, drehte sich noch

besser nach rechts herum und sang:

»Und der Türk und der Ruß,

Die zwoa gehn mi nix o',

Wann i no mit der Gret'l

Koan Kriegshandl ho'!«

Das war eine Freude für mich, viel größer noch wie damals, als der

Jüterbogker Hamsad al Dscherbaja mich im Hause am Nil mit seinem Liede

überrascht hatte! Auch ich legte die Hand an den Mund.

»Türkü tschaghyr-durmak -- sing weiter!« rief ich hinüber.

Ob er mich verstanden hatte, wußte ich nicht, aber er ließ sich sofort

nochmals hören:

»Zwischen deiner und meiner

Is a weite Gass'n;

Bua, wennst mi nöt magst,

Kannst es bleiben lass'n!«

Jetzt mußte ich den Jodler auch probieren:

»Zwischen deiner und meiner

Is a enge Gass'n;

Bua, wennst mi gern magst,

Kannst herrudern lass'n!«

Da stieß er einen lauten Juchzer aus, riß den Turban vom Haupte, den

Sarras aus der Scheide, und schwenkte Turban und Säbel hoch in der Luft;

dann brachte er diese beiden Gegenstände wieder an Ort und Stelle, griff

in das Steuer und lenkte dem Ufer zu.

Ich war ihm entgegengegangen. Er sprang ans Land, blieb aber doch ein

wenig verblüfft stehen, als er mich näher betrachtete.

»Ein Türke, der deutsch reden kann?« fragte er zweifelhaft.

»Nein, sondern ein Deutscher, der ein bißchen Türkisch probiert.«

»Also wirklich! Ich wollte meinen Ohren nicht trauen. Aber Sie sehen

wahrhaftig wie ein Araber aus. Darf ich fragen, was Sie sind?«

»Ein Schriftsteller. Und Sie?«

»Ein -- ein -- -- -- ein -- -- hm, Violinist, Komiker, Schiffskoch,

Privatsekretär, #bookkeeper#[79], Ehemann, #merchant#[80], Witwer,

Rentier und jetzt Tourist nach Hause zu.«

[79] Buchhalter.

[80] Kaufmann.

Er brachte das mit einer so überwältigenden Grandezza vor, daß ich

lachen mußte.

»Da haben Sie allerdings viel erfahren! Also nach Hause wollen Sie?«

»Ja, nämlich nach Triest, wenn ich nicht etwa unterwegs mich anders

besinne. Und Sie?«

»Ich sehe die Heimat wohl erst nach einigen Monaten wieder. Was thun Sie

hier in Dschidda?«

»Nichts. Und Sie?«

»Nichts. Wollen wir einander helfen?«

»Natürlich, wenn es Ihnen nämlich recht ist!«

»Das versteht sich! Haben Sie eine Wohnung?«

»Ja, schon seit vier Tagen.«

»Und ich seit ungefähr so vielen Stunden.«

»So sind Sie noch nicht eingerichtet. Darf ich Sie zu mir einladen?«

»Freilich! Für wann?«

»Für jetzt gleich. Kommen Sie! Es ist gar nicht weit.«

Durch Wüste und Harem Gesammelte Reiseromane, Band I · 第 13 / 38 段