Ich wurde wieder fester gepackt und erhielt trotz meiner verzweifelten

Gegenwehr einige Schläge über den Kopf, die mich niederstreckten. Es

toste mir in den Ohren wie eine wilde Brandung. Mitten durch den Donner

derselben hörte ich Gewehre knallen und Stimmen schallen; dann war es

mir, als würde ich an Händen und Füßen zusammengeschnürt und

fortgeschleift, und endlich empfand ich gar nichts mehr.

Als ich erwachte, fühlte ich einen wüsten, pochenden Schmerz in meinem

Hinterkopfe, und es dauerte eine geraume Zeit, bis es mir gelang, mich

auf das Vorgefallene zu besinnen. Um mich her war es völlig dunkel, aber

ein laut vernehmliches Sog[53] ließ mich vermuten, daß ich mich in dem

Kielraume eines Fahrzeuges befände, welches in schneller Fahrt begriffen

war. Die Hände und die Beine waren mir so fest gebunden, daß ich kein

Glied rühren konnte. Zwar schnitten mir die Fesseln nicht in das

Fleisch, denn sie bestanden nicht aus Stricken oder Riemen, sondern aus

Tüchern; aber sie verhinderten mich, die Schiffsratten von mir

abzuwehren, welche meine Person einer sehr genauen Untersuchung

unterwarfen.

[53] Das Geräusch, welches das Wasser am Kiele eines fahrenden

Schiffes verursacht.

Es verging eine lange, lange Zeit, ohne daß sich in meiner Lage etwas

änderte. Endlich hörte ich das Geräusch von Schritten, konnte aber

nichts sehen. Meine Fesseln wurden gelöst, und eine Stimme gebot mir:

»Stehe auf und geh' mit uns!«

Ich erhob mich. Sie führten mich aus dem Kielraum durch ein halbdunkles

Zwischendeck nach oben. Unterwegs untersuchte ich meine Kleider und fand

ebenso zu meiner Überraschung wie Beruhigung, daß man mir außer den

Waffen nicht das mindeste abgenommen hatte.

Als ich das Verdeck betrat, bemerkte ich, daß ich mich auf einer

kleinen, sehr scharf auf den Kiel gebauten Barke befand, welche zwei

dreieckige und ein trapezisches Segel hatte. Diese Takelung erforderte

auf diesem an Stürmen, Böen, Riffen und Untiefen reichen Meere einen

Kapitän, der seine Sache aus dem Grund verstand und ebensoviel Mut wie

Kaltblütigkeit besitzen mußte. Das Fahrzeug war um das Dreifache

bemannt, als notwendig gewesen wäre, und hatte auf dem Vorderdecke eine

Kanone, welche aber so von Kisten, Ballen und Fässern maskiert war, daß

sie von einem andern Schiffe aus gar nicht bemerkt werden konnte. Die

Mannschaft bestand aus lauter wettergebräunten Männern, von denen jeder

seinen Gürtel mit Schuß-, Hieb- und Stichwaffen gespickt hatte. Auf dem

Hinterdecke saß ein Mann in roten Hosen, grünem Turban und blauem

Kaftan. Seine lange Weste war reich mit Gold gestickt, und in dem

Bassora-Shawl, der ihm als Gürtel diente, funkelten kostbare Waffen. Ich

erkannte in ihm sofort den Derwisch. Neben ihm stand der Araber, welchen

ich auf dem Sambuk zu Boden geschleudert hatte. Ich wurde vor die beiden

geführt. Der Araber musterte mich mit rachgierigem, der Derwisch mit

verächtlichem Blick.

»Weißt du, wer ich bin?« fragte mich der Derwisch.

»Nein, aber ich vermute es.«

»Nun, wer bin ich?«

»Du bist Abu Seïf.«

»Ich bin es. Kniee nieder vor mir, Giaur!«

»Was fällt dir ein! Steht nicht im Kuran geschrieben, daß man nur Allah

allein anbeten soll?«

»Das gilt nicht für dich, denn du bist ein Ungläubiger. Ich befehle

dir, niederzuknien, um deine Demut zu bezeugen.«

»Noch weiß ich nicht, ob du Ehrfurcht verdienst, und selbst wenn ich es

erfahren hätte, würde ich dir meine Achtung auf eine andere Weise

bezeigen.«

»Giaur, du kniest, oder ich schlage dir den Kopf ab!«

Er hatte sich erhoben und faßte seinen krummen Säbel. Ich trat noch

einen Schritt näher an ihn heran.

»Meinen Kopf? Bist du wirklich Abu Seïf oder bist du ein Henker?«

»Ich bin Abu Seïf und halte mein Wort. Nieder mit dir, oder ich lege dir

den Kopf vor die Füße!«

»Wahre deinen eigenen Kopf!«

»Giaur!«

»Korkakdschi!«

»Was!« zischte er. »Einen Korkakdschi, einen Feigling nennst du mich!«

»Warum griffst du den Sambuk des Nachts an? Warum hülltest du deine

Dschasusler[54] in Weiberkleider? Warum zeigst du hier Mut, wo du von

den Deinen umgeben und beschützt wirst? Ständest du allein mir

gegenüber, so würdest du anders mit mir reden!«

[54] Spione.

»Ich bin Abu Seïf, der Vater des Säbels, und zehn Männer deiner Sorte

vermöchten nichts gegen meine Klinge!«

»Aferihn -- brav so! So muß man reden, wenn man sich zu handeln

fürchtet.«

»Zu handeln? Sind diese Zehn zur Stelle? Wäre dies der Fall, so wollte

ich dir im Augenblick beweisen, daß ich die Wahrheit gesagt habe!«

»Die Zehn sind nicht nötig; es genügt Einer.«

»Wolltest du vielleicht dieser Eine sein?«

»Pah, du würdest es nicht erlauben!«

»Warum nicht?«

»Weil du dich fürchtest. Du tötest mit dem Munde, nicht aber mit dem

Säbel.«

Ich hatte einen verstärkten Ausfall seines Zornes auf diese Worte

erwartet, sah mich aber getäuscht. Er verbarg diesen Grimm hinter einer

kalten, tödlichen Ruhe, nahm seinem Nachbar den Säbel vom Gürtel und

reichte ihn mir.

»Hier nimm und verteidige dich! Aber ich sage dir, selbst wenn du die

Fertigkeit Aframs und die Stärke Kelads hättest, so würdest du beim

dritten Hiebe eine Leiche sein.«

Ich nahm den Säbel.

Es war eine eigentümliche Situation, in der ich mich befand. Der »Vater

des Säbels« mußte nach orientalischen Begriffen ein ausgezeichneter

Fechter sein, aber ich wußte, daß der Orientale durchschnittlich ein

ebenso schlechter Fechter als schlechter Schütze ist. Mit der Fertigkeit

Aframs und der Stärke Kelads war es wohl nicht gar so weit her. Ich

hatte noch mit keinem Orientalen nach den Regeln der Fechtkunst die

Klinge gekreuzt, und wenn mir auch der dargereichte, an der »halben und

ganzen Schwere,« also an der »Parierung« dünne, und an der »halben und

ganzen Schwäche« so starke und schwere, Säbel ziemlich ungewohnt war, so

hatte ich dennoch große Lust, dem »Vater des Säbels« die Überlegenheit

der europäischen Waffenführung zu beweisen.

Die ganze Bemannung des Schiffes war uns nahe getreten, und in allen

Mienen spiegelte sich die Überzeugung, daß ich wirklich bei dem dritten

Hiebe des Abu Seïf ein toter Mann sein werde.

Er drang so schnell, wild und regellos auf mich ein, daß ich keinen

Moment Zeit hatte, Position zu nehmen. Ich parierte seine unreine

Winkelquart und versuchte, mir sofort eine Blöße zu verschaffen; zu

meinem Erstaunen aber ging er bei meinem Zirkelhiebe ganz prachtvoll

unter meiner Klinge durch. Er traversierte und gab eine Finte; sie

gelang ihm nicht. Nun traversierte ich ebenso und schlug Espadon; mein

Hieb kam zum Sitzen, obgleich es meine Absicht nicht war, ihn sehr zu

verletzen. Voll Wut darüber vergaß er sich, trat zurück und gab im

Sprunge abermals Winkelquart; ich trat einen halben Schritt vor, setzte

mit harter Festigkeit in die Linie ein, und -- die Waffe flog ihm aus der

Hand und über Bord in das Wasser.

Ein Schrei erscholl ringsumher. Ich aber trat zurück und senkte die

Waffe.

Er stand vor mir und starrte mich an.

»Abu Seïf, du bist ein sehr geschickter Fechter!«

Diese meine Worte brachten ihn wieder zu sich; aber ich sah gegen meine

Erwartung nicht das Zeichen des Grimmes, sondern nur der Überraschung in

seinem Angesicht.

»Mensch, du bist ein Ungläubiger und hast doch Abu Seïf besiegt!« rief

er aus.

»Du hast es mir leicht gemacht, denn dein Fechten ist kein edles und

überlegtes. Mein zweiter Hieb kostete dich Blut, und mein dritter nahm

dir die Waffe; ja, ich bin gar nicht zum dritten Hieb gekommen, während

dein dritter mich töten sollte. Hier hast du den Säbel; ich bin in

deiner Hand.«

Diese -- freilich gewagte -- Appellation an seinen Edelmut hatte einen

guten Erfolg.

»Ja, du bist in meiner Gewalt, du bist mein Gefangener; aber du hast

dein Schicksal in deiner eigenen Hand.«

»Inwiefern?«

»Wenn du thust, was ich von dir verlange, so wirst du bald wieder frei

sein.«

»Was soll ich thun?«

»Du wirst mit mir fechten?«

»Ja.«

»Und es mich so lehren, wie es bei den Nemsi gelehrt wird?«

»Ja.«

»Du wirst dich, so lange du auf meinem Schiffe bist, von keinem fremden

Auge sehen lassen?«

»Gut!«

»Und das Deck auf meinen Befehl sofort verlassen, wenn ein anderes

Fahrzeug in Sicht kommt?«

»Ja.«

»Du wirst mit deinem Diener kein Wort sprechen.«

»Wo ist er?«

»Hier auf dem Schiffe.«

»Gebunden?«

»Nein, er ist krank.«

»Er hat eine Wunde?«

»Er ist am Arm verwundet und hat ein Bein gebrochen, daß er sich nicht

erheben kann.«

»So kann ich dir das verlangte Versprechen nicht geben. Mein Diener ist

mein Freund, den ich pflegen muß; du wirst mir dies erlauben!«

»Ich erlaube es nicht; aber ich verspreche dir, daß er gut verpflegt

wird.«

»Das genügt mir nicht. Wenn er das Bein gebrochen hat, so muß ich es ihm

einrichten. Es ist wohl hier keiner, welcher das versteht.«

»Ich selbst verstehe es. Ich bin so gut wie ein Dscherrah[55]; ich habe

ihm seine Wunde verbunden und auch sein Bein geschient. Er hat keine

Schmerzen mehr und ist mit mir zufrieden.«

[55] Wundarzt.

»Ich muß dies aus seinem Munde erfahren.«

»Ich beteure es dir bei Allah und dem Propheten! Willst du mir nicht

versprechen, nicht mit ihm zu reden, so werde ich dafür sorgen, daß du

ihn nicht zu sehen bekommst. Aber ich habe noch mehr von dir zu

verlangen.«

»Fordere!«

»Du bist ein Christ und wirst dich hüten, einen der Meinen zu

verunreinigen?«

»Gut.«

»Du hast Freunde unter den Inglis?«

»Ja.«

»Sind es große Leute?«

»Es sind Paschas unter ihnen.«

»So werden sie dich auslösen?«

Das war ja etwas ganz Neues! Also er wollte mich nicht töten, sondern

sich meine Freiheit bezahlen lassen.

»Wie viel verlangst du?«

»Du hast nur wenig Gold und Silber bei dir; du kannst dich nicht selbst

loskaufen.«

Also er hatte meine Taschen doch untersucht. Was ich in den Ärmeln

meiner türkischen Jacke eingenäht hatte, war von ihm nicht gefunden

worden. Es wäre allerdings zum Lösegelde auch zu wenig gewesen. Daher

antwortete ich:

»Ich habe nichts; ich bin nicht reich.«

»Ich glaube es, obgleich deine Waffen ausgezeichnet sind und du

Instrumente bei dir führst, welche ich gar nicht kenne. Aber du bist

vornehm.«

»Ah!«

»Und berühmt.«

»Ah!«

»Du hast es diesem hier auf dem Sambuk gesagt.«

»Ich habe Spaß gemacht.«

»Nein, du hast im Ernst gesprochen. Wer so stark ist und den Säbel so zu

führen weiß, wie du, der kann nichts anderes sein, als ein großer

Zabit[56], für den sein Padischah gern ein gutes Lösegeld geben wird.«

[56] Offizier.

»Mein König wird meine Freiheit nicht mit Geld bezahlen; er wird sie

umsonst von dir fordern.«

»Ich kenne keinen König der Nemsi; wie also will er mit mir reden und

mich zwingen, dich frei zu lassen?«

»Er wird es durch seinen Eltschi[57] thun.«

[57] Gesandten.

»Auch diesen kenne ich nicht. Es giebt keinen Eltschi der Nemsi hier in

dieser Gegend.«

»Der Gesandte ist in Stambul beim Großherrn. Ich habe ein Bu-Dscheruldi,

das ihr hier Bjuruldu nennt, und bin also einer, der in dem Schatten des

Sultans steht.«

Er lachte.

»Hier gilt der Padischah nichts; hier hat nur der Großscherif von Mekka

zu gebieten, und ich bin mächtiger als diese beiden. Ich werde weder mit

deinem König noch mit seinem Gesandten über dich verhandeln.«

»Mit wem sonst?«

»Mit den Inglis.«

»Warum mit diesen?«

»Weil sie dich auswechseln sollen.«

»Gegen wen?«

»Gegen meinen Bruder, der sich in ihrer Hand befindet. Er hat mit

seiner Barke eines ihrer Schiffe angegriffen und ist von ihnen gefangen

genommen worden. Sie haben ihn nach Eden[58] geschafft und wollen ihn

töten; nun aber werden sie ihn für dich frei lassen müssen.«

[58] Aden an der Straße Bab-el-Mandeb.

»Vielleicht irrst du dich. Ich gehöre nicht zu den Inglis. Sie werden

mich wohl in deinen Händen lassen und deinen Bruder töten.«

»So stirbst du auch. Du kannst schreiben und wirst einen Brief an sie

anfertigen, den ich ihnen übergeben lasse. Machst du den Brief gut, so

werden sie dich auswechseln; machst du ihn aber schlecht, so hast du

dich selbst getötet. Also überlege dir den Brief recht sehr; du hast

noch viele Tage Zeit.«

»Wie viele?«

»Wir haben ein böses Meer vor uns; aber ich werde, so viel es angeht,

auch des Nachts fahren. Wenn uns der Wind günstig bleibt, sind wir in

vier Tagen in Dschidda. Von da bis in die Gegend von Sanah, wo ich mein

Schiff verbergen werde, haben wir beinahe ebenso weit. Du hast also eine

volle Woche Zeit, über dein Schreiben nachzudenken, denn erst von Sanah

aus werde ich den Boten abgehen lassen.«

»Ich werde den Brief schreiben.«

»Und du versprichst mir, keinen Fluchtversuch zu unternehmen?«

»Das kann ich dir nicht versprechen.«

Er sah mir einige Zeit lang ernst in das Gesicht.

»Allah akbar, Gott ist groß, und ich habe es nicht geglaubt, daß unter

den Christen auch ehrliche Leute sind. Also du willst mir entfliehen?«

»Ich werde jede Gelegenheit dazu benutzen.«

»So werden wir auch nicht fechten; du könntest mich erschlagen und in

das Wasser springen, um dich durch Schwimmen zu retten. Kannst du

schwimmen?«

»Ja.«

»Bedenke, daß hier im Wasser viele Fische sind, die dich fressen

würden!«

»Ich weiß es.«

»Ich werde dich streng bewachen lassen. Der Mann hier neben mir wird

stets an deiner Seite sein. Du hast ihn beleidigt; er wird dich nicht

aus den Augen lassen, bis du entweder frei oder gestorben bist.«

»Was wird in diesen beiden Fällen mit meinem Diener werden?«

»Ihm wird nichts geschehen. Zwar hat er eine große Sünde begangen, da er

der Diener eines Ungläubigen ist; aber er ist weder ein Türke noch ein

Giaur, er wird seine Freiheit mit dir oder nach deinem Tode erhalten.

Jetzt kannst du auf dem Deck bleiben; sobald es dir dein Wächter aber

gebietet, gehst du hinab, wo du in deine Kammer eingeschlossen wirst.«

Er wandte sich hierauf von mir ab, und ich war also entlassen.

Ich schritt zunächst nach dem Vorderdeck und ging dann längs des

Regelings spazieren; als ich ermüdet war, legte ich mich auf eine Decke

nieder. Stets blieb der Araber in meiner Nähe, so daß er sich immer in

einer Entfernung von fünf bis sechs Schritten von mir befand.

Das war ebenso überflüssig wie für mich unangenehm. Kein Mensch weiter

schien sich um mich zu bekümmern, kein Mensch sprach ein Wort zu mir.

Man reichte mir schweigend mein Wasser, mein Kuskussu und einige

Datteln. Sobald ein Fahrzeug uns ansegelte, mußte ich hinunter in meine

Kammer, an deren Thür sich mein Wächter so lange postierte, bis ich

wieder oben erscheinen durfte, und am Abend wurde die Thüre verriegelt

und mit allerlei Gerümpel verbarrikadiert.

Sechstes Kapitel.

Wieder frei.

Unter diesen Umständen vergingen drei Tage. Ich empfand mehr Sorge um

den kranken Halef als um mich selbst; aber alle meine Bemühungen, zu ihm

zu kommen, wären vergeblich gewesen. Natürlich befand er sich ebenso

unter Deck wie ich selbst, und jeder Versuch, hinter dem Rücken meines

Wächters dem braven Diener ein Zeichen zu geben, hätte uns beiden nur

schaden müssen.

Wir waren ungefähr, da wir eine sehr schnelle und glückliche Fahrt

gemacht hatten, in der Gegend zwischen Dschebel Eyub und Dschebel Kelaya

angekommen, von wo an die Küste bis Dschidda immer niedriger und flacher

wird. Es war zur Zeit der Dämmerung. Im Norden stand, eine Seltenheit,

ein kleines, schleierartiges Wölkchen am Himmel, welches Abu Seïf sehr

besorgt betrachtete. Die Nacht brach herein, und ich mußte unter Deck

gehen. Da war es jetzt schwüler noch als gewöhnlich, und diese Schwüle

steigerte sich von Viertelstunde zu Viertelstunde. Ich war um

Mitternacht noch nicht eingeschlafen. Da hörte ich von fern her ein

dumpfes Brausen, Donnern und Rollen, welches mit Sturmeseile näher kam

und unser Schiff erfaßte. Ich fühlte, daß es mit dem Vorderteile tief in

die Fluten tauchte, sich aber wieder erhob und dann mit verdoppelter

Geschwindigkeit dahinschoß. Es ächzte und stöhnte in allen Fugen. Die

Mastenfüße krachten in ihrer Verkeilung, und auf dem Decke rannte die

Bemannung unter ängstlichen Rufen, Jammern und Beten hin und her.

Dazwischen hinein tönten die lauten, besonnenen Kommandorufe des

Führers. Es war auch notwendig, daß dieser seine Kaltblütigkeit nicht

aufgab. Nach meiner ungefähren Berechnung nahten wir uns der Höhe von

Rabbegh, welches von den Arabern Rabr genannt wird, und von da an

südwärts giebt es eine Unzahl von Klippen und Korallenbänken, welche der

Schiffahrt selbst bei Tage sehr gefährlich sind. Dort liegt auch die

Insel Ghauat, und zwischen ihr und Ras Hatiba ragen zwei Korallenklippen

empor, zwischen denen die Durchfahrt bei Sonnenlicht und ruhigem Wetter

mit den größten Gefahren verbunden ist, und deshalb bereiten sich die

Schiffer, ehe sie dieser Stelle nahen, immer durch Gebet vor. Der Ort

wird Om-el-Hableïn genannt, »Ort der beiden Seile«, ein Name, welcher

auf die Art und Weise hindeutet, in welcher man früher sich vor der

Gefahr zu sichern suchte.

Auf diese Durchfahrt trieb uns der Orkan mit rasender Schnelligkeit zu.

Eine Landung vorher war unmöglich.

Ich hatte mich von meinem Lager erhoben. Aber wenn das Schiff auf eine

Klippe rannte, war ich doch verloren, da meine Kammer verschlossen war.

Da war es mir, als hörte ich mitten im Brausen der Elemente ein Geräusch

vor meiner Thür. Ich trat näher und horchte. Ich hatte mich nicht

getäuscht. Man entfernte die Verrammelung, und die Thür wurde geöffnet.

»Sihdi!«

»Wer ist da?«

»Hamdulillah, Preis sei Gott, der mich den richtigen Ort gleich finden

ließ! Kennst du nicht die Stimme deines treuen Halef?«

»Halef? Unmöglich! Der kann es nicht sein; der kann nicht gehen.«

»Warum nicht?«

»Weil er verwundet ist und ein Bein gebrochen hat.«

»Ja, verwundet bin ich, Sihdi, von einer Kugel am Arme; aber nur sehr

leicht. Das Bein habe ich nicht gebrochen.«

»So hat Abu Seïf mich belogen.«

»Nein, sondern ich habe ihn getäuscht. Ich mußte mich verstellen, um

meinem guten Sihdi helfen zu können. Nun habe ich drei Tage mit den

Schienen am Beine unten im Raume gelegen und des Nachts habe ich sie

entfernt und bin auf Kundschaft ausgekrochen.«

»Wackerer Halef, das werde ich dir nicht vergessen!«

»Ich habe auch Verschiedenes erfahren.«

»Was?«

»Abu Seïf wird eine Strecke vor Dschidda anlegen, um nach Mekka zu

pilgern. Er will dort beten, daß sein Bruder wieder frei werde. Mehrere

von seinen Mannen gehen mit.«

»Vielleicht ist es uns da möglich, zu entkommen.«

»Ich werde sehen. Das wird also morgen sein. Deine Waffen sind in seiner

Kammer.«

»Kommst du morgen abend wieder, wenn wir in dieser Nacht nicht

umkommen?«

»Ich komme, Sihdi.«

»Aber die Gefahr, Halef!«

»Heute ist es so finster, daß mich niemand sehen konnte, und nach uns zu

schauen, haben sie keine Zeit, Sihdi. Morgen aber wird Allah helfen.«

»Hast du Schmerzen in deiner Wunde?«

»Nein.«

»Was ist mit dem Sambuk geschehen? Ich lag in Ohnmacht und kann es also

nicht wissen.«

»Sie haben das ganze Geld genommen, welches nun in der Oda[59] des

Kapitäns liegt, und die Bemannung angebunden. Nur uns zwei hat man

mitgenommen, damit du den Bruder Abu Seïfs befreien sollst.«

[59] Kammer, Kajüte.

»Das weißt du?«

»Ich habe Gespräche belauscht.«

»Und die Barke in jener Nacht?«

»Sie lag nicht weit von uns hinter den Klippen vor Anker und hatte auf

uns gewartet. Chajir ola, gute Nacht, Sihdi!«

»Gute Nacht!«

Er ging hinaus, schob den Riegel vor und brachte auch die

Verbarrikadierung wieder an Ort und Stelle.

Ich hatte während dieses Besuches den Orkan ganz und gar vergessen, der

ganz unerwartet ebenso schnell sich legte, als er gekommen war; und wenn

die See auch noch lange hoch ging, wie ich aus den Bewegungen des

Schiffes merkte, so vermutete ich doch, daß nun heller Himmel geworden

sei, der die Gefahr eines Schiffbruches bedeutend verminderte. Ich

schlief ruhig ein.

Als ich erwachte, lag das Schiff still; meine Thür war geöffnet, draußen

aber stand mein Wächter.

»Willst du hinauf?« fragte er mich.

»Ja.«

»Du kannst nur bis zum Deghri[60] oben bleiben.«

[60] Gebet zur Mittagszeit.

Ich kam an Deck und fand bereits alle Spuren des Sturmes verwischt. Das

Schiff lag in einer sehr schmalen, tief in das Land einschneidenden

Bucht vor Anker. Die Segel waren abgenommen und die beweglichen Masten

umgelegt worden, so daß das Fahrzeug weder vom Meere, noch vom Lande

aus, welches wüst und unbewohnt erschien, leicht gesehen werden konnte.

Bis gegen Mittag blieb ich an Deck, ohne etwas Ungewöhnliches bemerken

zu können. Dann aber ließ mich Abu Seïf zu sich kommen. Er befand sich

nicht an Deck, sondern in seiner Kajüte, in welcher ich alle meine

Waffen an der Wand hängen sah. Auch die Patronenkapsel war da, und

außerdem sah ich mehrere große Ketschikise[61] am Boden liegen, welche

jedenfalls Pulver enthielten. Ein Sandyk[62] stand offen, den Abu Seïf

bei meinem Eintritt sofort verschloß; dennoch hatte ich Zeit genug

gehabt, zu bemerken, daß er lauter Kettschuwal[63] enthielt, in denen

sich wahrscheinlich die von dem Sambuk geraubten Gelder befanden.

[61] Aus Ziegenfell gefertigte Beutel. Die Haarseite ist dabei

nach außen gewendet.

[62] Ein schrankartiger Kasten.

[63] Leinwandsäckchen.

»Nemtsche, ich habe ein kurzes mit dir zu reden,« sagte er.

»Sprich.«

»Verweigerst du mir noch immer das Versprechen, keinen Fluchtversuch zu

unternehmen?«

»Ich bin kein Lügner und sage dir daher aufrichtig, daß ich fliehen

werde, sobald sich mir eine Gelegenheit dazu bietet.«

»Du wirst keine solche Gelegenheit finden; aber du zwingst mich,

strenger mit dir zu verfahren, als ich möchte. Ich werde zwei Tage lang

nicht an Bord sein; du darfst während dieser Zeit deine Kammer nicht

verlassen und wirst mit gebundenen Händen unten liegen.«

»Das ist hart.«

»Ja; aber du trägst selbst die Schuld.«

»Ich muß mich fügen.«

»So kannst du gehen. Merke dir jedoch, daß ich Befehl geben werde, dich

sofort zu töten, wenn du den Versuch machst, deine Fesseln wegzunehmen.

Wärest du ein Rechtgläubiger, so würde ich dich bitten, mein Freund zu

sein. Du bist ein Giaur, aber ich hasse und verachte dich nicht. Ich

hätte deinem Versprechen Glauben geschenkt; du willst es aber nicht

geben, und so mußt du nun die Folgen tragen. Gehe jetzt nach unten!«

Ich wurde unter Deck geführt und dort eingeschlossen. Es war eine Pein,

bei der da unten herrschenden Glut gefesselt liegen zu müssen; aber ich

fügte mich darein, trotzdem mein Wächter seiner Rachsucht dadurch Genüge

geschehen ließ, daß er mir weder Speise noch Trank brachte. Ich hoffte

auf Halef, und zwar mit einer Spannung, wie ich sie so groß noch selten

empfunden hatte. Meine Lage wurde dadurch, daß ich mich im Dunkeln

befand, natürlich nicht verbessert. Ich hatte El Asr, El Mogreb und El

Aschia beten hören; dann war eine lange, lange Zeit vergangen, und es

mußte weit über Mitternacht sein, als ich endlich draußen vor meiner

Thür ein leises Geräusch vernahm.

Ich horchte angestrengt, vermochte aber nichts mehr zu hören. Sprechen

durfte ich auf keinen Fall. Vielleicht war es auch bloß eine Ratte

gewesen.

Es blieb eine Weile ruhig; dann hörte ich Schritte nahen, denen jenes

leise Rauschen folgte, welches entsteht, wenn ein Teppich oder eine

Matte auf den Boden gebreitet wird. Was war das? Jedenfalls hatte mein

Wächter sich vorgenommen, vor meiner Thür die übrige Nacht zuzubringen.

Nun war es aus mit meiner Hoffnung, denn wenn Halef ja noch kam, so

-- -- -- aber horch! Was war das? Es gehörte die ganze Schärfe meines

Gehörs dazu, um zu bemerken, daß der Holzriegel an meiner Thür langsam,

langsam zurückgeschoben wurde. Einige Sekunden nachher hörte ich einen

harten Schlag -- ein Geräusch, als wenn jemand vom Boden empor wolle und

doch nicht könne -- ein kurzes, ersticktes Stöhnen, und dann erklang es

draußen halblaut:

»Sihdi, komm; ich habe ihn!«

Es war Halef.

»Wen?« fragte ich.

»Deinen Wächter.«

»Ich kann dir nicht helfen, die Hände sind mir gebunden.«

»Bist du an die Wand gebunden?«

»Nein; hinaus zu dir kann ich.«

»So komm, die Thür ist offen.«

Als ich hinaustrat, fühlte ich, daß der Araber unter krampfhaften

Zuckungen am Boden lag. Halef kniete auf ihm und hatte ihm mit den

Händen den Hals zugeschnürt.

»Fühle in seinen Gürtel, ob er ein Messer hat, Sihdi!«

»Hier ist eins; warte!«

Ich zog mit meinen hart am Gelenke gebundenen Händen das Messer hervor,

nahm den Griff fest zwischen die Zähne und sägte mir die Fesseln

entzwei.

»Geht es, Sihdi?«

»Ja, jetzt habe ich die Hände frei. Gott sei Dank, daß er noch nicht tot

ist!«

»Sihdi, er hätte es verdient.«

Durch Wüste und Harem Gesammelte Reiseromane, Band I · 第 12 / 38 段