bereits heimlich vorgelegt hatte. Dem Christen, welcher sich nach Mekka
oder Medina wagt, droht der Tod; so steht es in den Büchern zu lesen.
Ist es wirklich so schlimm? Muß man hingehen und sagen, daß man ein
Christ sei? Ist nicht vielleicht ein Unterschied zu machen zwischen
einer ruhigeren Zeit und jenen Tagen, an welchen die großen
Pilgerkarawanen eintreffen und der Fanatismus seinen Siedepunkt
erreicht? Ich hatte oft gelesen, daß ein Ungläubiger keine Moschee
betreten dürfe, und war dann später in verschiedenen Moscheen selbst
gewesen; konnte es mit dem Betreten der heiligen Städte nicht ähnlich
sein? Ich hatte überhaupt den Orient in vielen, vielen Beziehungen ganz
anders, und zwar nüchterner gefunden, als man sich ihn gewöhnlich
vorzustellen pflegt, und konnte gar nicht recht glauben, daß ein kurzer,
vielleicht nur stundenlanger Besuch in Mekka wirklich so furchtbar
gefährlich sei. Der Türke hatte mich für einen Beduinen gehalten; es
stand sehr zu vermuten, daß auch andere dieselbe Meinung von mir hegen
würden. Und dennoch konnte ich zu keinem Entschluß kommen.
»Das weiß ich jetzt nicht,« antwortete ich dem kleinen Halef.
»Du wirst mit mir nach Mekka gehen, Sihdi, und vorher in Dschidda den
rechten Glauben annehmen.«
»Nein, das werde ich nicht.«
Ein Ruf am Lande unterbrach die Unterhaltung. Der Türke hatte seinen
Leuten das Abendgebet befohlen.
»Effendi,« meinte Halef, »die Sonne steigt hinter die Erde hinab;
erlaube, daß ich bete!«
Er ließ sich auf die Kniee nieder und betete. Seine Stimme mischte sich
mit dem Unisono der betenden Türken. Noch war dasselbe kaum verklungen,
so ließ sich eine andere Stimme vernehmen. Sie scholl hinter dem
Felsenriffe hervor, welches die Aussicht nach der Nordseite des Meeres
verschloß.
»An Allah haben wir volle Genüge, und herrlich ist er, der Beschützer.
Es giebt keine Macht und keine Gewalt, außer bei Gott, dem Hohen, dem
Großen. O unser Herr, ïa Allah, o gern Verzeihender, o Allgütiger, ïa
Allah, Allah hu!«
Diese Worte wurden mit einer tiefen Baßstimme intoniert, jedoch dem
Namen Allah gab der Betende allemal einen Ton, welcher eine Quinte höher
lag. Ich kannte diese Worte und diese Töne; so pflegen die heulenden
Derwische zu beten. Die Türken hatten sich erhoben und sahen nach der
Richtung, aus welcher die Stimme erscholl. Jetzt kam ein kleines, kaum
sechs Fuß langes und vier Fuß breites Floß zum Vorschein, auf welchem
ein Mann kniete, welcher ein Paddelruder führte und dazu im Takte sein
Gebet abrief. Er trug um den roten Tarbusch einen weißen Turban, und
weiß war auch seine ganze übrige Kleidung. Dies war ein Zeichen, daß er
zur Fakirsekte der Kaderijeh gehöre, welche meist aus Fischern und
Schiffern besteht und von Abdelkader el Gilani gestiftet wurde. Als er
den Sambuk erblickte, stutzte er einen Augenblick, dann aber rief er:
»La ilaha illa lah!«
»Illa lah!« antworteten die andern im Chore.
Er hielt auf das Fahrzeug zu, legte sein Floß an und stieg an Bord. Wir,
nämlich Halef und ich, befanden uns nicht allein an Bord; der
Kürekdschi[44] war uns gefolgt, und an diesen wandte sich der Derwisch:
[44] Steuermann.
»Gott schütze dich!«
»Mich und dich!« lautete die Antwort.
»Wie befindest du dich?«
»So wohl wie du.«
»Wem gehört dieser Sambuk?«
»Seiner Herrlichkeit dem Großherrn, welcher der Liebling Allahs ist.«
»Und wer führt ihn?«
»Unser Effendi, der Wergi-Baschi Muhrad Ibrahim.«
»Und was habt ihr geladen?«
»Wir haben keine Fracht; wir fahren von Ort zu Ort, um den Zoll
einzunehmen, welchen der Großscherif von Mekka anbefohlen hat.«
»Haben die Gläubigen reichlich gegeben?«
»Es ist keiner zurückgeblieben, denn wer Almosen giebt, dem vergilt es
Allah doppelt.«
»Wohin fahrt ihr von hier?«
»Nach Tor.«
»Das werdet ihr morgen nicht erreichen.«
»Wir werden am Ras Nayazat anlegen. Wo willst du hin?«
»Nach Dschidda.«
»Auf diesem Floß?«
»Ja. Ich habe ein Gelübde gethan, nur auf meinen Knieen nach Mekka zu
fahren.«
»Aber bedenke die Bänke, die Riffe, die Untiefen, die bösen Winde, die
es hier giebt, und die Haifische, welche dein Floß umschwärmen werden!«
»Allah ist der allein Starke; er wird mich schützen. Wer sind diese
beiden Männer?«
»Ein Gi-- -- ein Nemsi mit seinem Diener.«
»Ein Ungläubiger? Wo will er hin?«
»Nach Tor.«
»Erlaube, daß ich meine Datteln hier verzehre; dann werde ich weiter
fahren.«
»Gefällt es dir nicht, die Nacht bei uns zu bleiben?«
»Ich muß weiter.«
»Das ist sehr gefährlich.«
»Der Gläubige hat nichts zu fürchten; sein Leben und sein Ende ist im
Buche verzeichnet.«
Er setzte sich nieder und zog eine Handvoll Datteln hervor.
Ich hatte den Eingang zu dem Verschlage verriegelt gefunden und mich
über das Geländer gelehnt. Da die beiden Sprechenden eine ziemliche
Strecke von mir entfernt waren und ich sehr angelegentlich in das Wasser
zu blicken schien, so mochten sie denken, daß ich ihre Unterhaltung
nicht verstünde. Der Derwisch fragte:
»Ein Nemtsche ist dieser? Ist er reich?«
»Nein.«
»Woher weißt du dies?«
»Er giebt nur den sechsten Teil dessen, was wir für die Fahrt
verlangten. Aber er besitzt einen Bjuruldu des Großherrn.«
»So ist er sicher ein sehr vornehmer Mann. Hat er viel Gepäck bei sich?«
»Gar keines, aber viele Waffen.«
»Ich habe noch keinen Nemtsche gesehen, aber ich habe gehört, daß die
Nemsi sehr friedliche Leute sind. Er wird die Waffen nur tragen, um
damit zu prunken. Doch jetzt bin ich fertig mit meinem Mahle; ich werde
weiter fahren. Sage deinem Herrn Dank, daß er einem armen Fakir erlaubt
hat, sein Schiff zu betreten!«
Einige Augenblicke später kniete er wieder auf seinem Floß. Er ergriff
das Ruder, führte es im Takte und sang dazu sein »ïa Allah, Allah hu!«.
Dieser Mensch hatte einen eigentümlichen Eindruck auf mich gemacht.
Warum hatte er das Schiff bestiegen und nicht am Ufer angelegt? Warum
hatte er gefragt, ob ich reich sei, und während der ganzen Unterhaltung
das Deck mit einem Blick gemustert, dessen Schärfe er nicht vollständig
verbergen konnte? Ich hatte äußerlich nicht den mindesten Grund zu
irgend einer Befürchtung, und dennoch kam mir in der Seele dieser Mann
verdächtig vor. Ich hätte schwören mögen, daß er gar kein Derwisch sei.
Als er für das bloße Auge unverfolgbar war, richtete ich mein Fernrohr
nach ihm. Obgleich in jenen Gegenden die Dämmerung sehr kurz ist, war es
doch noch hell genug, ihn durch die Gläser zu erkennen. Er kniete nicht
mehr, wie sein angebliches Gelübde ihm doch vorgeschrieben hätte,
sondern er hatte sich bequem niedergesetzt und das Floß halb gewendet
-- -- er ruderte der jenseitigen Küste zu. Hier war jedenfalls etwas
»nicht richtig im Staate Dänemark«.
Halef stand neben mir und beobachtete mich. Er schien sich damit zu
beschäftigen, meine Gedanken zu erraten.
»Siehst du ihn noch, Sihdi?« fragte er mich.
»Ja.«
»Er denkt, daß wir ihn nicht mehr sehen können, und rudert dem Lande
zu?«
»So ist es. Woraus vermutest du dies?«
»Nur Allah ist allwissend, aber auch Halef hat scharfe Augen.«
»Und was haben diese Augen gesehen?«
»Daß dieser Mann weder ein Derwisch noch ein Fakir war.«
»Ah?«
»Ja, Sihdi. Oder hast du jemals gesehen und gehört, daß ein Derwisch von
dem Orden Kaderijeh die Litanei der Hawlajüp[45] redet und singt?«
[45] Der »Heulenden« -- heulende Derwische.
»Das ist richtig. Aber weshalb sollte er sich für einen Fakir ausgeben,
wenn er keiner ist?«
»Das muß man zu erraten suchen, Effendi. Er sagte, daß er auch während
der Nacht fahren werde. Warum thut er es nicht?«
Da unterbrach der Steuermann unser Gespräch. Er trat herzu und fragte:
»Wo wirst du schlafen, Effendi?«
»Ich werde mich in den Tachta-perde[46] legen.«
[46] Verschlag.
»Das geht nicht.«
»Warum?«
»Weil dort das Geld aufbewahrt wird.«
»So wirst du uns Teppiche besorgen, um uns hinein zu hüllen, und wir
schlafen hier auf dem Verdeck.«
»Du sollst sie haben, Sihdi. Was würdest du thun, wenn Feinde zu dem
Schiffe heran kämen?«
»Welche Feinde meinst du?«
»Räuber.«
»Giebt es hier Räuber?«
»Die Dscheheïne wohnen hier in der Nähe. Sie sind berüchtigt als die
größten Chirsizler[47] weit und breit, und kein Schiff, kein Mensch ist
vor ihnen sicher.«
[47] Spitzbuben.
»Ich denke, Euer Herr, der Wergi-Baschi Muhrad Ibrahim, ist ein Held,
ein tapferer Mann, der sich vor keinem Menschen fürchtet, auch vor
keinem Räuber, vor keinem Dscheheïne?«
»Das ist er; aber was vermag er, und was vermögen wir alle gegen
Abu-Seïf, den 'Vater des Säbels', der gefährlicher und schrecklicher
ist, als der Löwe in den Bergen oder der Haifisch im Meere?«
»Abu-Seïf? Ich kenne ihn nicht; ich habe noch niemals von ihm gehört.«
»Weil du ein Fremdling bist. Zur Weidezeit bringen die Dscheheïne ihre
Herden nach den beiden Inseln Libnah und Dschebel Hassan und lassen nur
wenig Männer bei ihnen. Die andern aber gehen auf Raub und Diebstahl
aus. Sie überfallen die Barken und nehmen entweder alles, was sie darauf
finden, oder erpressen sich ein schweres Lösegeld, und Abu-Seïf ist ihr
Anführer.«
»Und was thut die Regierung dagegen?«
»Welche?«
»Steht Ihr denn nicht im Giölgeda padischahnün?«
»Der reicht nicht bis zu den Dscheheïne. Dies sind freie Araber, welche
der Großscherif von Mekka beschützt.«
»So helft euch selbst! Fangt die Räuber!«
»Effendi, du sprichst, wie ein Franke redet, der dies nicht versteht.
Wer kann Abu-Seïf fangen und töten?«
»Er ist doch nur ein Mensch.«
»Aber er besitzt die Hilfe des Scheïtan[48]. Er kann sich unsichtbar
machen; er kann die Luft und das Meer durchfliegen; er wird weder durch
einen Säbel, noch durch ein Messer, noch durch eine Kugel verwundet,
aber sein Säbel ist faldschymisch[49]; er dringt durch Thüren und Mauern
und schneidet mit einem Hiebe gleich hundert und noch mehr Feinden Leib
und Seele auseinander.«
[48] Teufels.
[49] Verhext, bezaubert.
»Den möchte ich sehen!«
»O wehe, wünsche das nicht, Effendi! Der Teufel sagt es ihm, daß du ihn
sehen willst, und dann kannst du dich darauf verlassen, daß er kommen
wird. Ich gehe, um dir die Teppiche zu holen; dann lege dich schlafen
und bete vorher zu deinem Gott, daß er dich bewahre vor allen Gefahren,
die dir drohen.«
»Ich danke für deinen Rat, aber ich bete gewöhnlich vor dem
Schlafengehen.«
Er brachte uns die Decken, in welche wir uns hüllten, und wir schliefen
sehr bald ein, da wir von unserem Ritt ermüdet waren.
Während der Nacht hatten einige Matrosen sowohl am Lande die Schlafenden
als auch an Bord das Geld bewacht. Am Morgen versammelten sich alle auf
dem Schiffe. Der Anker wurde gehoben, das Seil gelöst; man stellte die
Segel, und der Sambuk steuerte südwärts.
Wir waren ungefähr drei Viertelstunden lang unter Segel gewesen, als wir
ein Boot erblickten, welches in der gleichen Richtung vor uns ruderte.
Als wir näher an dasselbe herankamen, sahen wir zwei Männer und zwei
völlig verschleierte Frauen darin.
Das Boot hielt bald an, und die Männer gaben ein Zeichen, daß sie den
Sambuk anzureden gedächten. Der Steuermann ließ das Segel abfallen und
hemmte so den Lauf unsers Fahrzeuges. Einer der beiden Ruderer erhob
sich und rief:
»Sambuk, wohin?«
»Nach Tor.«
»Wir auch. Wollt ihr uns mitnehmen?«
»Bezahlt ihr?«
»Gern.«
»So kommt an Bord.«
Das Schiff legte bei, und die vier Personen stiegen an Bord, während das
Boot ins Schlepptau genommen wurde. Dann setzte der Sambuk seine Fahrt
fort.
Der Wergi-Baschi begab sich in die Kajüte, jedenfalls um für die Frauen
Platz zu machen; dann wurden dieselben den Blicken der Männer entzogen.
Sie mußten an mir vorüber. Als Europäer brauchte ich mich nicht
abzuwenden, und so bemerkte ich zu meiner Verwunderung, daß keine
Atmosphäre von Parfüm sie umgab; denn die Frauen des Morgenlandes
pflegen sich so zu parfümieren, daß man den Geruch bereits aus einer
beträchtlichen Entfernung verspürt. Ein Odeur allerdings fiel mir auf,
ein Odeur, der sich wie ein unsichtbarer Schweif hinter ihnen herzog,
nämlich jener jedem Orientalen bekannte Geruch, welcher halb vom Kamele
und halb von dem unfermentierten Rasr-Tabak stammt, den viele Beduinen
zu rauchen pflegen, und welcher auf die Geruchs- und Geschmacksnerven
ganz dieselbe Wirkung hat wie weiland der Inhalt der französischen
Seegrasmatrazen, den aus Mangel an Besserem während des letzten Krieges
so mancher deutsche Held in seine Pfeife stopfte. Ich empfand ganz den
Eindruck, als seien zwei Kameltreiber an mir vorüber gegangen;
wenigstens war es gewiß, daß der berühmte persische Dichter Hafis
Schems-ed-Din Mohammed auf diese beiden Grazien nicht seine Verse:
»Wenn deiner Locken Wohlgerüche
Ums Grab mir wehn,
Dann sprießen tausend Blumen
Aus meinem Hügel auf --«
gesungen hätte. Ich sah ihnen auch sehr aufmerksam nach, bis sie hinter
der Thüre des Verschlages verschwunden waren, konnte aber weiter nichts
Besonderes bemerken. Vielleicht hatten sie eine lange Kamelreise hinter
sich, so daß die Ausdünstungen des »Wüstenschiffes« nicht leicht aus
ihren Kleidern zu bringen waren.
Ihre beiden Begleiter sprachen erst längere Zeit mit dem Steuermanne und
dem Baschi; dann suchte der eine mich zu entern.
»Ich höre, daß du ein Franke bist, Effendi?« fragte er mich.
»Ja.«
»So bist du hier unbekannt?«
»Ja.«
»Du bist ein Nemtsche?«
»Ja.«
»Haben die Nemsi auch einen Padischah?«
»Ja.«
»Und Paschas?«
»Ja.«
»Du bist wohl kein Pascha?«
»Nein.«
»Aber ein berühmter Mann?«
»Pek, billahi -- bei Gott, sehr!«
»Du kannst schreiben?«
»Peh ne güzel -- und wie schön!«
»Auch schießen?«
»Daha ei -- noch besser!«
»Du wirst wohl mit diesem Sambuk nach Tor fahren?«
»Ja.«
»Du gehst noch weiter nach dem Süden?«
»Ja.«
»Bist du mit den Ingli bekannt?«
»Ja.«
»Hast du Freunde unter ihnen?«
»Ja.«
»Das ist sehr gut. Bist du stark?«
»Korkulu -- fürchterlich, arslandscha -- wie ein Löwe! Soll ich es dir
beweisen?«
»Nein, Effendi.«
»Und doch, denn deine Neugierde ist größer als die Geduld eines Menschen
sein kann. Packe dich und komme nicht wieder!«
Ich faßte ihn, drehte ihn in die passende Richtung und gab ihm einen
Stoß, daß er weit über das Deck hin schoß und dann dasselbe mit seinem
Bauche begrüßte. Aber im Nu war er wieder auf.
»Wai sana -- wehe dir, du hast einen Gläubigen beleidigt; du mußt
sterben!«
Er riß seinen Handschar heraus und stürzte auf mich zu. Sein Begleiter
folgte ihm mit gezückter Waffe. Schnell zog ich Halef die harte
Nilpeitsche aus dem Gürtel, um mit derselben die Angreifer zu
salutieren; aber es sollte gar nicht so weit kommen, denn in diesem
Augenblick öffnete sich die Thür des Verschlages, und es erschien eine
der Frauen. Sie erhob stumm die Hand und zog sich dann zurück. Die
beiden Araber hemmten ihre Schritte und gingen lautlos beiseite; aber
ihre Blicke sagten mir, daß ich von ihnen nichts Gutes zu erwarten habe.
Die Türken hatten dem Vorgang mit großem Gleichmute zugesehen. Wäre auf
dem Schiffe jemand getötet worden, so hätte es ja sein Kismet[50] nicht
anders mit sich gebracht.
[50] Schicksal, Vorausbestimmung.
Was mich betrifft, so hatten mich die unnützen Fragen dieses Menschen
sehr in Harnisch gebracht. Aber, waren sie wirklich so unnütz? Hatten
sie nicht vielleicht einen verborgenen Zweck? Der Orientale ist kein
Schwätzer, am allerwenigsten aber verliert er seine Worte an einen
Unbekannten, von dem er sogar nur das weiß, daß er ein Giaur ist.
Ich hatte mich im Humor des Ärgers für einen berühmten Mann und für
einen großen Schützen ausgegeben. Warum wollte er wissen, ob ich ein
»Pascha«, ein berühmter Mann, ein Schreiber, ein guter Schütze sei? Was
konnte es ihm nützen, zu wissen, ob ich weiter nach Süden wolle und
unter den Engländern Freunde habe? Warum hatte er bei der Bejahung
dieser letzten Frage gesagt: »Das ist sehr gut,« und zu was konnte es
ihm dienen, zu erfahren, ob ich stark und kräftig sei? Und überdies
hatte er seine Fragen in der Weise an mich gerichtet, wie sie ein Oberer
an seinen Untergebenen, ein Untersuchungsbeamter an einen
Angeschuldigten richtet. Am auffälligsten dabei war aber der
augenblickliche Gehorsam, den sowohl er als sein Begleiter dem Winke des
Weibes leisteten. Das war hier, wo die Frau tief unter dem Manne steht
und für das öffentliche Leben nicht die mindeste Selbstbestimmung
besitzt, gewiß sehr ungewöhnlich, vielleicht sogar verdächtig.
»Sihdi,« meinte Halef, welcher nicht von meiner Seite gewichen war,
»hast du ihn gesehen?«
»Wen oder was?«
»Den Bart.«
»Den Bart! Welchen Bart?«
»Den das Weib hatte -- --«
»Das Weib? Hatte das Weib einen Bart?«
»Sie hatte den Jaschmak[51] nicht doppelt, wie vorher, sondern einfach
über dem Gesichte, und so habe ich den Bart gesehen.«
[51] Schleier.
»Schnurrbart?«
»Vollbart. Sie ist kein Weib, sondern ein Mann. Soll ich es dem Baschi
sagen?«
»Ja, aber so, daß es niemand hört.«
Er ging. Jedenfalls hatte er sich nicht geirrt; denn ich wußte, daß ich
seinen scharfen Augen trauen könne, und unwillkürlich brachte ich diesen
neuen Umstand mit dem Derwisch in Verbindung. Ich sah Halef mit dem
Baschi reden; dieser schüttelte den Kopf und lachte; er glaubte es
nicht. Darauf wandte sich Halef mit einer höchst aufgebrachten Miene von
ihm ab und kehrte zu mir zurück.
»Sihdi, dieser Baschi ist so dumm, daß er sogar mich für dumm hält.«
»Wie so?«
»Und dich für noch dümmer als mich.«
»Ah!«
»Er sagt, daß ein Weib niemals einen Bart habe, und daß ein Mann niemals
die Kleidung eines Weibes anlegen werde. Sihdi, was hältst du von diesen
Frauen, welche Vollbärte tragen? Vielleicht sind es Dscheheïne?«
»Ich vermute es.«
»So müssen wir die Augen offen halten, Sihdi!«
»Das ist das Einzige, was wir thun werden, und dazu gehört vor allen
Dingen, daß wir unser Mißtrauen und unsere Aufmerksamkeit zu verbergen
suchen. Halte dich abseits von mir, aber so, daß wir einander stets
beispringen können.«
Er entfernte sich eine ziemliche Strecke, und ich ließ mich auf den
Teppich nieder. Dann beschäftigte ich mich mit Einträgen in mein
Tagebuch, behielt aber dabei sowohl den Verschlag, als auch die beiden
Araber immer im Auge. Es war mir, als hätte ich alle Augenblicke ein
unangenehmes Ereignis zu erwarten; dennoch aber verging der Tag, ohne
daß irgend etwas Bedenkliches eingetreten wäre.
Der Abend dämmerte bereits, als wir in einer kleinen Bucht vor Anker
gingen, welche gebildet wird durch eine hufeisenförmige Krümmung des
Dschebel Nayazet, der zur großen Granitkette des Sinai gehört.
Die Küste war sehr schmal, denn nur wenige Schritte vom Ufer entfernt
stiegen die tief zerklüfteten Felsen steil zum Himmel empor. Der
Ankerplatz bot aus diesem Grunde vollständige Sicherheit gegen die
Winde, ob aber heute auch gegen andere Störungen -- --? Ich hätte gern
einige der nächsten Klüfte und Felsenspalten untersucht, leider aber war
der Abend bereits da, ehe die Türken das Land betreten hatten, um, wie
gewöhnlich, Feuer anzuzünden.
El Mogreb und eine Stunde später el Aschia, die beiden Abendgebete,
hallten feierlich die steilen Bergwände empor. Wer hier vielleicht
verborgen war, mußte unsere Anwesenheit hören, selbst wenn er unser
Feuer nicht gesehen hätte. Wie gestern, so hatte ich es auch heute
vorgezogen, die Nacht auf dem Fahrzeuge zuzubringen, und mit Halef
ausgemacht, daß wir abwechselnd wachen wollten. Später kamen einige der
Matrosen wieder an Bord, um die Wache zu übernehmen, und da traten auch
die beiden Frauen aus dem Verschlage, um an Deck die frische Abendluft
zu genießen. Sie hatten sich auch jetzt doppelt verschleiert; das konnte
ich bemerken, weil die Sterne des Südens einen solchen Glanz
verbreiteten, daß es nicht schwer war, das ganze Verdeck zu überblicken.
Sie kehrten aber bald wieder zu ihrem Verschlage zurück, dessen Thüre
ich mit meinen Augen beobachten konnte, obgleich ich diesmal im
Vorderteile des Fahrzeuges lag.
Halef schlief ungefähr fünf Schritte von mir entfernt. Als Mitternacht
herankam, weckte ich ihn heimlich und flüsterte:
»Hast du geschlafen?«
»Ja, Sihdi. Jetzt schlafe du!«
»Ich kann mich auf dich verlassen?«
»Wie auf dich selbst!«
»Wecke mich bei der geringsten Ursache zum Verdachte.«
»Das werde ich thun, Sihdi!«
Ich hüllte mich fester in den Teppich und schloß die Augen. Ich wollte
schlafen, aber es gelang mir nicht. Ich sagte in Gedanken das Einmaleins
auf -- es half nicht. Da griff ich zu dem Mittel, welches sicher stets
den Schlaf bringt. Ich verdrehte die geschlossenen Augen so, daß die
Pupillen ganz nach oben zu stehen kamen, und bemühte mich, an gar nichts
zu denken. Der Schlummer kam und -- -- halt, was war das?
Ich wickelte den Kopf aus der Decke und spähte zu Halef hinüber. Auch er
mußte aufmerksam geworden sein, denn er hatte sich, wie horchend, halb
emporgerichtet. Ich hörte jetzt nichts mehr, aber als ich das Ohr wieder
auf das Deck legte, welches einen besseren Schallleiter als die Luft
bildete, vernahm ich das seltsame Geräusch wieder, welches mich
aufgeweckt hatte, trotzdem es überaus leise war.
»Hörst du etwas, Halef?« flüsterte ich.
»Ja, Sihdi. Was ist es?«
»Ich weiß es nicht.«
»Ich auch nicht. Horch!«
Ein leises, ganz leises Plätschern ertönte jetzt vom Hinterteile her.
Draußen am Lande war das Feuer erloschen.
»Halef, ich gehe jetzt auf einige Minuten nach dem Hinterdeck; bewache
meine Waffen und Kleider.«
Von den drei Türken, welche wieder an Bord gekommen waren, lagen zwei
schlafend am Boden; der dritte hatte sich niedergekauert und -- schlief
jedenfalls auch. Es war denkbar, daß ich von der Kajüte aus beobachtet
wurde; daher mußte ich die möglichste Vorsicht anwenden. Ich ließ die
Büchse und den Stutzen liegen und legte sowohl den Turban als auch den
Haïk[52] ab, welche mich durch ihre weiße Farbe verraten hätten. Dann
schmiegte ich mich hart an den Boden, gewann den Rand des Deckes und
kroch langsam an demselben hin, bis ich die Stelle erreichte, wo am
äußersten Backbord eine Art Hühnersteige auf die Decke des Verschlages
und zum Steuerruder führte. Ich stieg hinauf, katzenartig leise, darauf
kam's ja an.
[52] Beduinischer Mantel.
Es gelang, und nun kroch ich bis hinter an den Ruderwinkel. Ah -- -- das
sonderbare Geräusch war erklärt. Das Boot, welches die beiden Frauen
gebracht, und welches der Sambuk in Schlepptau genommen hatte, war von
dem Innern des Verschlages aus so scharf angeholt worden, daß es grad
unter dem einen Fenster lag, welches sich am breiten Hinterteile des
Fahrzeuges befand. Durch diese Fensterluke wurde soeben, als ich
vorsichtig von oben herablugte, ein kleiner, aber nicht leichter
Gegenstand an einem Seile herabgelassen, dessen Reibung an dem
Lukenrande jenen Ton hervorbrachte, den man allerdings nur dann
wahrnehmen konnte, wenn man das Ohr hart auf die Bretter des Verdeckes
legte. Unten in dem Boote befanden sich drei Männer, welche den
Gegenstand in Empfang nahmen und dann warteten, bis das Seil wieder
emporgezogen und ein zweites Paket herabgelassen wurde.
Die Sache war mir natürlich sofort klar. Was in dem Boote aufgestaut
wurde, war das Geld des Wergi-Baschi, d. h. der Ertrag der Steuer,
welche er eingesammelt hatte, und -- -- -- ich hatte keine Zeit, weiter zu
vermuten.
»Alargha, iz chijanisch -- aufgeschaut, wir sind verraten!« rief eine
tiefe Stimme vom hohen Ufer her, wo man das Verdeck überblicken konnte;
zu gleicher Zeit krachte ein Schuß, und eine Kugel bohrte sich hart
neben mir in die Planke. Ein zweiter Schuß blitzte drüben auf, ein
dritter; die Kugeln flogen glücklicherweise an mir vorüber, und ich
durfte mich ihnen nicht länger aussetzen. Ich sah nur noch, daß das Tau
unten gekappt und das Boot fortgerudert wurde; dann sprang ich vom
Verschlage gleich auf das Deck hinab.
In demselben Augenblick öffnete sich die Thüre der Kajüte, und ich
bemerkte zweierlei, nämlich daß an der hinteren Seite derselben zwei
Bretter entfernt und daß durch diese Lücke eine Anzahl Männer unbemerkt
vom Wasser aus eingestiegen waren. Die Frauen sah ich nicht, aber neun
Männer stürzten sofort auf mich los.
»Halef, herbei!« rief ich laut.
Ich hatte gar keine Zeit gehabt, eine Waffe zu ziehen. Drei hatten mich
um den Leib gefaßt und sorgten dafür, daß ich nicht in den Gürtel langen
konnte. Drei sprangen Halef entgegen, und die andern gaben sich Mühe,
die Fäuste zu erhaschen, mit denen ich mich verteidigte. Draußen am
Lande krachten Schüsse, und ertönten Flüche und Hilferufe, und
dazwischen hörte man die Kommandos jener tiefen Baßstimme, welche ich
vorhin wieder erkannt hatte: -- es war die Stimme des Derwischs.
»Es ist der Nemtsche. Tötet ihn nicht, sondern fangt ihn!« gebot einer
von denen, welche mich umfaßt hielten.
Ich suchte mich loszureißen: es ging nicht. Sechs gegen einen! Da
krachte ein Pistolenschuß nicht weit von mir.
»Zu Hilfe, Sihdi; ich bin verwundet!« rief Halef.
Ich machte einen gewaltigen Ruck und riß meine Dränger einige Schritte
mit mir fort.
»Betäubt ihn!« erscholl eine keuchende Stimme.