Abu-Seïf.
Und es erhob sich der Engel Gottes, der vor dem Heere Israels herzog,
und ging hinter dasselbe, und die Wolkensäule wich auch von vorn weg und
stand nun von hinten zwischen dem Heere der Ägypter und dem Heere
Israels. Sie war aber dorthin eine finstere Wolke und hierhin
erleuchtete sie die Nacht, so daß diese und jene die ganze Nacht nicht
zusammenkommen konnten.
Als nun Moses seine Hand ausstreckte über das Meer, nahm es der Herr
durch einen starken Ostwind hinweg während der Nacht und machte das Meer
trocken und die Wasser teilten sich von einander.
Und die Kinder Israels gingen hinein mitten in das Meer auf dem
Trockenen, und das Wasser stand wie Mauern ihnen zur Rechten und zur
Linken.
Und die Ägypter folgten und gingen hinein, ihnen nach, alle Rosse des
Pharao und Wagen und Reiter, mitten in das Meer.
Als nun die Morgenwache kam, blickte der Herr auf das Heer der Ägypter
aus der Feuersäule und aus der Wolke, und machte einen Schrecken in
ihrem Heere.
Und stieß die Räder von ihren Streitwagen und stürzte sie um mit
Ungestüm. Da sprachen die Ägypter: Lasset uns fliehen vor Israel; der
Herr streitet für sie wider die Ägypter!
Aber der Herr sprach zu Moses: Strecke deine Hand aus über das Meer,
damit das Wasser wieder herfalle über die Ägypter, über ihre Wagen und
über ihre Reiter.
Da streckte Moses seine Hand aus über das Meer, und das Meer kam wieder
vor morgens in seinen Strom, und die Ägypter flohen ihm entgegen. Also
stürzte sie der Herr mitten in das Meer.
Daß das Wasser wiederkam und bedeckte Wagen und Reiter und alle Macht
des Pharao, die ihnen nachgezogen war in das Meer, so daß kein einziger
von ihnen übrig blieb.
Die Kinder Israels aber gingen trocken durch das Meer, und das Wasser
stand ihnen gleich Mauern zur Rechten und zur Linken.
Also half der Herr Israel an diesem Tage von der Hand der Ägypter, und
sie erblickten die Ägypter tot an dem Ufer des Meeres.
Und die Hand des Herrn war mächtig, die er den Ägyptern gezeiget hatte,
und das Volk Israel fürchtete den Herrn und glaubte an ihn und an seinen
Knecht Moses. -- -- --
An diese Stelle im zweiten Buch Mosis (Kap. 14, V. 19-31) mußte ich
denken, als ich im »Thale Hiroth, gegen Baal Zephon«, mein Kamel
anhielt, um das Auge über die glitzernden Fluten des roten Meeres
schweifen zu lassen. Es kam auch über mich etwas von jener Furcht,
welche sein Anblick in den Herzen der Kinder Israels erweckt hatte. Ich
fühlte nicht ein Grauen vor jenem Elemente, welches leider noch immer
»keine Balken« hat, sondern es überlief mich jene heilige, andächtige
Scheu, welche jeder Gläubige fühlt, sobald er einen Ort betritt, von dem
ihm die biblische Geschichte erzählt, daß hier der Fuß des Ewigen
gerastet und hier die Hand des Unendlichen gewaltet habe. Es war mir,
als höre ich jene Stimme, welche einst dem Sohne des Amram und der
Jochebeth zugerufen hatte: »Mose, Mose, tritt nicht herzu, sondern ziehe
deine Schuhe aus, denn der Ort, darauf du stehest, ist ein heiliges
Land!«
Hinter mir also lag das Land des Osiris und der Isis, das Land der
Pyramiden und der Sphinxe, das Land, in welchem das Volk Gottes das Joch
der Knechtschaft getragen und die Felsen des Mokattam zum Bau jener
Wunderwerke zusammengeschleppt hatte, welche noch heute das Staunen des
Nilreisenden erregen. Im Schilfe des altehrwürdigen Stromes dort hatte
die Königstochter das Knäblein gefunden, welches berufen war, ein Volk
von Sklaven zu befreien und ihm in den zehn göttlichen Geboten ein
Gesetz zu geben, welches noch nach Jahrtausenden die Grundlage aller
Gesetze und Gebote bildet.
Vor mir, da zu meinen Füßen, funkelten die Fluten des arabischen Golfs
im glühenden Strahle der Sonne. Diese Fluten hatten einst, der Stimme
Jehova Sabaoths gehorchend, zwei Mauern gebildet, zwischen denen die
Geknechteten des Landes Gosen den Weg zur Freiheit gefunden hatten,
während das reisige Volk ihrer Unterdrücker und Verfolger einen
schauervollen Untergang fand. Das waren dieselben Fluten, in denen
später auch der »Sultan Kebihr«, Napoleon Bonaparte, beinahe umgekommen
wäre.
Und gegenüber dem Birket Faraun, dem See des Pharao, wie die Araber den
Ort nennen, an welchem die beiden Wassermauern über die Ägypter
zusammenschlugen, erhebt sich der Felsenstock des Sinai, des
berühmtesten Berges der Erde, gewaltig und den Zeiten trotzend,
gleichdem unter Donner und Blitz über ihm erschollenen: »Ich bin der
Herr, dein Gott; du sollst keine fremden Götter neben mir haben!«
Es war nicht die Örtlichkeit allein, es war noch viel mehr die
Geschichte derselben, deren Eindruck ich nicht von mir zu weisen
vermochte, wenn ich es auch gewollt hätte. Wie oft hatte ich lauschend
und mit stockendem Atem auf dem Schoße meiner alten, guten, frommen
Großmutter gesessen, wenn sie mir erzählte von der Erschaffung der Welt,
dem Sündenfalle, dem Brudermorde, der Sündflut, von Sodom und Gomorrha,
von der Gesetzgebung auf dem Sinai -- -- -- sie hatte mir die kleinen Hände
gefaltet, damit ich ihr mit der nötigen Andacht das zehnfache »du
sollst« nachsprechen möge. Jetzt lag die irdische Hülle der Guten schon
längst unter der Erde, und ich hielt gegenüber dem Orte, welcher mir von
ihr in so lebendigen Farben gezeichnet worden war, obgleich nur ihr
geistiges Auge ihn gesehen hatte, und es drängte sich mir die Wahrheit
des Dichterwortes auf:
»Ganz anders jene heiligen Geschichten,
Die nur das Buch der Bücher kann berichten,
In dem vom Geiste sie verzeichnet steh'n.
Nur ihnen darfst du festen Glauben schenken
Und tief in ihren Zauber dich versenken,
Denn Gottes Odem fühlst du daraus weh'n.«
Der Glaube trägt eine festere Überzeugung in sich, als das stolzeste
Gebäude menschlicher Logik sie zu geben vermag. Das war es, was ich in
jener Stunde so recht lebhaft fühlte und erkannte, und ich hätte wohl
noch lange, in ernstes Sinnen versunken, hier auf meinem Kamele halten
und hinüberblicken können, wenn mich nicht die Stimme meines wackeren
Halef gestört hätte:
»Hamdulillah, Preis sei Gott, daß die Wüste vorüber ist! Sihdi, hier ist
Wasser. Steige herab von dem Tiere und labe dich im Bade, so wie ich es
jetzt thun werde.«
Da trat einer der beiden Beduinen, welche uns geführt hatten, zu mir
heran und erhob warnend die Hand.
»Thue es nicht, Effendi!«
»Warum?«
»Weil hier Melek el newth, der Engel des Todes, wohnt. Wer hier in das
Wasser geht, der wird entweder ertrinken oder den Keim des Sterbens mit
sich fortnehmen. Jeder Tropfen dieser See ist eine Thräne der
hunderttausend Seelen, die hier umgekommen sind, weil sie Sidna Musa[32]
und die Seinigen töten wollten. Hier eilt jedes Boot und jedes Schiff
vorüber, ohne anzuhalten; denn Allah, den die Hebräer Dschehuwa[33]
nannten, hat diesen Ort verflucht.«
[32] Moses.
[33] Jehova.
»Ist es wirklich so, daß hier kein Schiff anhält?«
»Ja.«
»Ich wollte hier ein Fahrzeug erwarten, welches mich aufnehmen sollte.«
»Es soll dich nach Suez bringen? Wir werden dich führen, und du sollst
auf unsern Kamelen schneller hinkommen, als auf einem Schiffe.«
»Ich will nicht nach Suez, sondern nach Tor.«
»Dann mußt du allerdings fahren; aber hier wird dich kein Fahrzeug
aufnehmen. Erlaube, daß wir dich noch eine Strecke nach Süden begleiten,
bis wir einen Ort erreichen, an welchem keine Geister wohnen und wo ein
jedes Schiff gern anhalten wird, um dich aufzunehmen.«
»Wie lange haben wir da noch zu reiten?«
»Nicht ganz dreimal die Zeit, welche von den Franken eine Stunde genannt
wird.«
»Dann vorwärts!« --
Um an das rote Meer zu gelangen, hatte ich nicht den gewöhnlichen Weg
von Kairo nach Suez eingeschlagen. Die zwischen den beiden Städten
liegende Wüste verdient den Namen Wüste schon längst nicht mehr. Früher
war sie gefürchtet sowohl wegen ihres vollständigen Wassermangels als
auch wegen der räuberischen Beduinen, die auf der öden Strecke ihr Wesen
trieben. Jetzt ist das anders geworden, und dies war der Grund, daß ich
mich weiter südwärts gehalten hatte. Ein Ritt durch die Einöde hatte für
mich mehr Interesse als eine Reise auf gebahnten Wegen. Deshalb wollte
ich jetzt auch Suez vermeiden, welches mir doch nur das bieten konnte,
was ich bereits gesehen und kennen gelernt hatte.
Während unseres Rittes tauchten die beiden kahlen Höhen des Dschekehm
und des Da-ad vor uns auf, und als rechts von uns der hohe Gipfel des
Dschebel Gharib sichtbar wurde, hatten wir das Grab Pharao's hinter uns.
Das rote Meer bildete zu unserer Linken eine Bucht, in welcher ein
Fahrzeug vor Anker lag.
Es war eine jener Barken, welche man auf dem roten Meere mit dem Namen
Sambuk bezeichnet. Sie war ungefähr sechzig Fuß lang und fünfzehn Fuß
breit und hatte eines jener kleinen Hinterdecke, unter denen gewöhnlich
ein Verschlag angebracht ist, welcher den Kapitän oder die vornehmen
Passagiere beherbergt. So ein Sambuk hat außer den Riemen -- denn er wird
auch gerudert -- zwei dreieckige Segel, von denen das eine so weit vor
dem andern steht, daß es -- vom Winde angeschwellt -- ganz über das
Vorderteil des Schiffes ragt und dort eine Art halbkreisförmigen Ballon
bildet, wie man sie auf antiken Münzen und auf alten Fresken zu sehen
pflegt. Man kann getrost annehmen, daß die Fahrzeuge dieses Seestriches
in Beziehung auf Bauart, Führung und Takelung ganz noch dieselben sind,
wie sie im grauen Altertume hier gesehen wurden, und daß die heutigen
Seeleute noch dieselben Buchten und Ankerplätze besuchen, welche bereits
belebt waren zur Zeit, als Dionysos seinen berühmten Zug nach Indien
unternahm. Die Küstenschiffe des roten Meeres sind gewöhnlich aus jenem
indischen Holze gebaut, welches die Araber Sadsch nennen, und das sich
mit der Zeit im Wasser dermaßen verhärtet, daß es unmöglich ist, einen
Nagel einzuschlagen. Von einer Fäulnis dieses Holzes ist niemals die
Rede, und so kommt es, daß man Sambuks zu sehen bekommt, welche ein
Alter von beinahe zweihundert Jahren erreichen.
Die Schiffahrt des arabischen Busens ist eine sehr gefährliche; deshalb
wird während der Nacht niemals gesegelt, sondern ein jedes Fahrzeug
sucht sich beim Nahen des Abends eine sichere Ankerstelle.
Der vor uns liegende Sambuk hatte dasselbe gethan. Er war mittels des
Ankers und eines Taues befestigt und lag ohne Bemannung an der Küste.
Die Schiffer hatten den Bord verlassen und saßen oder lagen an einem
kleinen Wasser, welches sich in das Meer ergoß. Derjenige, welcher etwas
abseits von ihnen in gravitätischer Haltung auf einer Matte saß, mußte
der Kapitän oder der Eigner des Fahrzeuges sein. Ich sah es ihm sofort
an, daß er kein Araber sondern ein Türke war; der Sambuk zeigte die
Farben des Großherrn, und die Bemannung trug türkische Uniformen.
Keiner der Männer rührte sich von seinem Platze, als wir uns nahten. Ich
ritt bis hart an den Anführer heran, hob die Rechte zur Brust empor und
grüßte ihn absichtlich nicht in türkischer, sondern in arabischer
Sprache.
»Gott schütze dich! Bist du der Kapitän dieses Schiffes?«
Er richtete die Augen mit stolzem Aufschlage zu mir empor, musterte
mich sehr eingehend und sehr lange und antwortete endlich:
»Ich bin es.«
»Wohin geht dein Sambuk?«
»Überall hin.«
»Was hast du geladen?«
»Verschiedenes.«
»Nimmst du auch Passagiere auf?«
»Das weiß ich nicht.«
Das war mehr als einsilbig, das war grob. Daher schüttelte ich den Kopf
und meinte in mitleidigem Tone:
»Du bist ein Kelleh, ein Unglücklicher, den der Kuran dem Mitleide der
Gläubigen empfiehlt. Ich bedaure dich!«
Er sah mich mit einem halb zornigen, halb überraschten Blick an.
»Du bedauerst mich? Du nennst mich einen Unglücklichen? Warum?«
»Allah hat deinem Munde die Gabe der Sprache verliehen, aber deine Seele
ist stumm. Wende dich nach der Kiblah[34] und bitte Gott, daß er ihr die
Sprache wiedergebe, sonst wird sie einst unfähig sein, in das Paradies
zu kommen!«
[34] Richtung nach Mekka, beim Gebete vorgeschrieben.
Er lächelte verächtlich und legte die Hand an den Gürtel, in welchem
zwei riesige Pistolen steckten.
»Schweigen ist besser als schwatzen. Du bist ein Schwätzer; der
Wergi-Baschi Muhrad Ibrahim aber zieht es vor, zu schweigen.«
»Wergi-Baschi? Oberzolleinnehmer? Du bist ein großer und jedenfalls auch
ein berühmter Mann, aber du wirst mir trotzdem Antwort geben, wenn ich
dich frage.«
»Du willst mir drohen? Ich sehe, daß ich recht gedacht habe: Du bist ein
Arab Dscheheïne.«
Die Araber vom Stamme Dscheheïne sind am roten Meere als Schmuggler und
Räuber bekannt. Der Zolleinnehmer hielt mich für einen solchen; das war
der Grund seines abstoßenden Benehmens gegen mich.
»Fürchtest du dich vor den Beni Dscheheïne?« fragte ich ihn.
»Fürchten? Muhrad Ibrahim hat sich noch niemals gefürchtet!«
So stolz sein Auge bei diesen Worten leuchtete, lag doch in seinem
Gesichte etwas, was mich an seinem Mute zweifeln ließ.
»Und wenn ich nun ein Dscheheïne wäre?«
»Ich würde dich nicht fürchten.«
»Natürlich. Du hast zwölf Gemi-taïfasyler[35] bei dir und acht Diener,
während bei mir nur drei Männer sind. Aber ich bin kein Dscheheïne; ich
gehöre gar nicht zu den Beni Arab, sondern ich komme aus dem
Abendlande.«
[35] Matrosen.
»Aus dem Abendlande? Du trägst doch die Kleidung eines Beduinen und
redest die Sprache der Araber!«
»Ist dies verboten?«
»Nein. Bist du ein Fransez oder ein Ingli?«
»Ich gehöre zu den Nemsi.«
»Ein Nemtsche,« meinte er mit geringschätziger Miene. »So bist du ein
Bostandschi[36] oder ein Bazirgian[37]?«
[36] Gärtner.
[37] Kaufmann.
»Keines von beiden. Ich bin ein Jazmakdschi.«
»Ein Schreiber? O jazik, o wehe, und ich habe dich für einen tapfern
Beduinen gehalten! Was ist ein Schreiber? Ein Schreiber ist kein Mann;
ein Schreiber ist ein Mensch, welcher Federn ißt und Tinte trinkt; ein
Schreiber hat kein Blut, kein Herz, keinen Mut, kein -- -- --«
»Halt!« unterbrach ihn da mein Diener. »Muhrad Ibrahim, siehst du, was
ich hier in meiner Hand halte?«
Er war abgestiegen und stellte sich mit der Nilpeitsche vor den Türken.
Dieser zog die Brauen finster zusammen, antwortete aber doch:
»Die Peitsche.«
»Schön. Ich bin Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi
Dawud al Gossarah. Dieser Sihdi ist Kara Ben Nemsi, der sich vor keinem
Menschen fürchtet. Wir haben die Sahara und ganz Ägypten durchwandert
und haben große Heldenthaten verrichtet; man wird von uns erzählen in
allen Kaffeehäusern und auf allen Kirchhöfen der Welt, und wenn du es
wagst, noch ein einziges Wort zu sagen, welches meinem Effendi nicht
gefällt, so wirst du diese Peitsche kosten, obgleich du ein Wergi-Baschi
bist und viele Männer hier bei dir hast!«
Diese Drohung hatte eine außerordentlich rasche Wirkung. Die beiden
Beduinen, welche bis hierher meine Begleiter gewesen waren, wurden vom
Schreck über die Kühnheit Halefs um einige Schritte zurückgeworfen; die
Matrosen und übrigen Begleiter des Türken sprangen auf und griffen zu
den Waffen, und der Baschi hatte sich mit derselben Schnelligkeit
erhoben. Er griff nach seinem Pistol, aber Halef hielt ihm schon die
Mündung seiner eigenen Waffe auf die Brust.
»Ergreift ihn!« gebot der Baschi, indem er selbst jedoch sein Pistol
vorsichtig sinken ließ.
Die guten Leute behielten zwar ihre drohenden Gesichter bei, aber keiner
wagte es, Hand an Halef zu legen.
»Weißt du, was es heißt, einem Wergi-Baschi mit der Peitsche zu drohen?«
fragte der Türke.
»Ich weiß es,« antwortete Halef. »Einem Wergi-Baschi mit der Peitsche
drohen, heißt, sie ihn auch wirklich kosten lassen, wenn er es wagt, in
der Weise weiter zu sprechen, wie er gesprochen hat. Du bist ein Türke,
ein Sklave des Großherrn; ich aber bin ein freier Araber!«
Ich ließ mein Kamel niederknieen, stieg ab und zog meinen Paß hervor.
»Muhrad Ibrahim, du siehst, daß wir uns noch weniger vor euch fürchten,
als ihr vor uns; du hast einen sehr großen Fehler begangen, denn du hast
einen Effendi beleidigt, der im Giölgeda padischahnün steht!«
»Im Schutze des Großherrn, den Allah segnen möge? Wen meinst du?«
»Mich.«
»Dich? Du bist ein Nemtsche, also ein Giaur -- -- --«
»Du schimpfest!« unterbrach ich ihn.
»Du bist ein Ungläubiger, und von den Giaurs steht im Kuran: 'O ihr
Gläubigen, schließt keine Freundschaft mit solchen, die nicht zu eurer
Religion gehören. Sie lassen nicht ab, euch zu verführen, und wünschen
nur euer Verderben!' Wie kann also ein Ungläubiger im Schutze des
Großherrn stehen, welcher der Schirm der Gläubigen ist?«
»Ich kenne die Worte, welche du sagst; sie stehen in der dritten Sure
des Kuran, in der Sura Amran; aber öffne deine Augen und beuge dich in
Demut nieder vor dem Bjuruldu des Padischah. Hier ist es.«
Er nahm das Pergament, drückte es an Stirn, Augen und Brust, verbeugte
sich bis zur Erde und las es. Dann gab er mir es zurück.
»Warum hast du es mir nicht gleich gesagt, daß du ein Arkadar[38] des
Sultans bist? Ich hätte dich nicht Giaur genannt, obgleich du ein
Ungläubiger bist. Sei mir willkommen, Effendi!«
[38] Schützling.
»Du heißest mich willkommen und schändest mit demselben Atemzuge meinen
Glauben! Wir Christen kennen die Gesetze der Höflichkeit und der
Gastfreundschaft besser als ihr; wir nennen euch nicht Giaurs, denn
unser Gott ist es, den ihr Allah nennt.«
»Das ist nicht wahr. Wir haben nur Allah; ihr aber habt drei Götter,
einen Vater, einen Sohn und einen Geist.«
»Wir haben doch nur einen Gott, denn Vater, Sohn und Geist sind eins.
Ihr sagt: 'Allah il Allah, Gott ist Gott.' Und unser Gott sagt: 'Ich bin
ein starker, einiger Gott.' Euer Kuran sagt in der zweiten Sura: 'Er ist
der Lebendige, der Ewige; ihn ergreift nicht Schlaf, nicht Schlummer;
sein ist, was im Himmel und auf Erden ist.' Unsere heilige Bibel sagt:
'Gott ist von Ewigkeit zu Ewigkeit; es ist alles offen und entdeckt vor
seinen Augen; er hat die Erde gegründet, und die Himmel sind seiner
Hände Werk.' Ist das nicht ganz dasselbe?«
»Ja, euer Kitab[39] ist gut, aber euer Glaube ist falsch.«
[39] Buch, Bibel.
»Du irrst. Euer Kuran sagt: 'Die Gerechtigkeit besteht nicht darin, daß
ihr euer Gesicht nach Osten oder Westen richtet (beim Gebet), sondern
der ist gerecht, der an Gott glaubt, an den jüngsten Tag, an die Engel,
an die Schrift und die Propheten und mit Liebe von seinem Vermögen giebt
den Anverwandten, den Waisen, Armen und Pilgern, ja jedem, der ihn darum
bittet, der Gefangene erlöset, sein Gebet verrichtet, an seinen
Verträgen festhält, geduldig Not und Unglück erträgt. Der ist gerecht,
der ist wahrhaft gottesfürchtig.' Unser heiliges Buch gebietet uns: 'Du
sollst Gott lieben über alles und deinen Nächsten wie dich selbst.'
Gebietet uns unser Glaube nicht ganz dasselbe, was euch der eurige
befiehlt?«
»Ihr habt dies erst aus dem Kuran in euer Kitab abgeschrieben.«
»Wie ist dies möglich, da unser Kitab über zweitausend Jahre älter ist,
als euer Kuran?«
»Du bist ein Effendi, und ein Effendi muß immer Gründe und Beweise
finden, selbst wenn er unrecht hat. -- Woher kommst du?«
»Aus dem Lande Gipt[40], dort im Westen.«
[40] Türkisch für Ägypten.
»Und wo willst du hin?«
»Nach Tor hinüber.«
»Und dann?«
»Nach dem Manastyr[41] auf dem Dschebel Sinahi.«
[41] Kloster.
»So mußt du über das Wasser.«
»Ja. Wohin fährst du?«
»Auch nach Tor.«
»Willst du mich mitnehmen?«
»Wenn du gut bezahlst und dafür sorgest, daß wir uns mit dir nicht
verunreinigen.«
»Habe keine Sorge! Wie viel verlangst du?«
»Für alle vier und die Kamele?«
»Nur für mich und meinen Diener Hadschi Halef. Diese beiden Männer
werden mit ihren Kamelen wieder umkehren.«
»Womit willst du bezahlen? Mit Geld oder mit etwas anderem?«
»Mit Geld.«
»Willst du Speise von uns nehmen?«
»Nein; ihr gebt uns nur das Wasser.«
»So bezahlst du für dich zehn und für diesen Hadschi Halef acht Misri.«
Ich lachte dem braven Manne gerade ins Gesicht. Es war echt türkisch,
für die kurze Fahrt und einige Schlücke Wasser achtzehn Misri, also
beinahe vierunddreißig Thaler zu verlangen.
»Du fährst einen Tag bis ungefähr zur Bucht von Nayazat, wo dein Schiff
zur Nacht vor Anker geht?« fragte ich.
»Ja.«
»Dann sind wir des Mittags in Tor?«
»Ja. Warum fragst du?«
»Weil ich dir für diese kurze Fahrt nicht achtzehn Misri geben werde.«
»So wirst du hier zurückbleiben und mit einem andern fahren müssen, der
noch mehr verlangen wird.«
»Ich werde weder zurückbleiben, noch mit einem andern fahren. Ich fahre
mit dir.«
»So giebst du die Summe, welche ich verlangt habe.«
»Höre, was ich dir sage! Diese beiden Männer haben mir ihre Tiere
geliehen und mich zu Fuße begleitet von El Kahira für vier
Mariatheresienthaler; bei der Hadsch wird jeder Pilger für einen
Mariatheresienthaler über das Meer gesetzt; ich werde dir für mich und
meinen Diener drei Thaler geben; das ist genug.«
»So bleibst du hier. Mein Sambuk ist kein Frachtschiff; er gehört dem
Großherrn. Ich habe die Zehka[42] einzusammeln und darf keinen Passagier
an Bord nehmen.«
[42] Eine Steuer, deren Ertrag nur zu Almosen bestimmt war.
»Aber wenn er achtzehn Misri bezahlt, dann darfst du! Grade weil dein
Sambuk dem Großherrn gehört, wirst du mich aufnehmen müssen. Blicke noch
einmal hier in das Bjuruldu! Hier stehen die Worte 'hep imdad wermek,
sahihlik itschin meschghul, ejertsche akdschesiz -- alle Hilfe leisten,
für Sicherheit bedacht sein, selbst ohne Bezahlung.' Hast du das
verstanden? Einen Privatmann müßte ich bezahlen; einen Beamten brauche
ich nicht zu bezahlen. Ich gebe dir freiwillig diese drei Thaler; bist
du nicht einverstanden, so wirst du mich umsonst mitnehmen müssen.«
Er sah sich in die Enge getrieben und begann, seine Forderung zu
mäßigen. Endlich nach langer Debatte hielt er mir die Hand entgegen:
»So mag es sein. Du bist im Giölgeda padischahnün, und ich will dich für
drei Thaler mitnehmen. Gieb sie her!«
»Ich werde dich bezahlen, wenn ich in Tor das Schiff verlasse.«
»Effendi, sind die Neßarah[43] alle so geizig wie du?«
[43] Christen. Das Wort ist gleichbedeutend mit »Nazarenern«.
»Sie sind nicht geizig, aber vorsichtig. Erlaube, daß ich mich an Bord
begebe; ich werde nicht am Lande, sondern auf dem Schiffe schlafen.«
Ich bezahlte meine Führer, welche, sobald sie außerdem noch ein
Bakschisch erhalten hatten, ihre Kamele bestiegen und trotz der
vorgerückten Tageszeit ihren Rückweg antraten. Dann stieg ich mit Halef
an Bord. Ich befand mich nicht im Besitze eines Zeltes. Während des
Rittes durch die Wüste hat man ebenso wie von der Hitze des Tages auch
von der unverhältnismäßigen Kälte der Nächte zu leiden. Wer arm ist und
kein Zelt hat, schmiegt sich bei der Nacht an sein Kamel oder an sein
Pferd, um sich während der Ruhe an demselben zu wärmen. Ich hatte jetzt
kein Tier mehr, und da die Nachtkühle hier am Wasser jedenfalls strenger
war als im Innern des Landes, so zog ich es vor, hinter dem Verschlage
auf dem Hinterteile des Sambuk Schutz zu suchen.
»Sihdi,« fragte mich Halef, »habe ich es recht gemacht, daß ich diesem
Wergi-Baschi die Peitsche zeigte?«
»Ich will dich nicht tadeln.«
»Aber warum sagst du jedem, daß du ein Ungläubiger bist?«
»Darf man sich fürchten, die Wahrheit zu sagen?«
»Nein; aber du bist ja bereits auf dem Wege, ein Gläubiger zu werden.
Wir sind auf dem Wasser, welches die Franken Bar-el-Hamra, das rote
Meer, nennen; dort liegt Medina und weiter nach rechts Mekka, die Städte
des Propheten. Ich werde alle beide besuchen, und du, was wirst du
thun?«