zusammen und betet die heilige Fatcha!«
Die Leute folgten seinem Gebote und begannen:
»Behüte uns, o Herr, vor dem von dir gesteinigten Teufel!«
»Im Namen des Allbarmherzigen!« intonierte der Reïs.
Darauf fielen die andern ein und beteten die Fatcha, die erste Sure des
Koran.
Ich muß gestehen, daß dieses Gebet auch mich ergriff, aber nicht aus
Furcht vor der Gefahr, sondern aus Ehrfurcht vor der tief im Herzen
wurzelnden Religiosität dieser halbwilden Menschen, welche nichts thun
und beginnen, ohne sich dessen zu erinnern, der in dem Schwachen mächtig
ist.
»Wohlan, ihr jungen Männer, ihr mutigen Helden, geht an euere Plätze,«
gebot nun der Führer; »der Strom hat uns ergriffen.«
Das Kommando eines Nilschiffes läuft nicht so ruhig und exakt ab, wie
die Führung eines europäischen Fahrzeuges. Das heiße Blut des Südens
rollt durch die Adern und treibt in der Gefahr den Menschen von dem
Extreme der ausschweifendsten Hoffnung herab auf dasjenige der tiefsten
Niedergeschlagenheit und Verzweiflung. Alles schreit, ruft, brüllt,
heult, betet oder flucht im Augenblicke der Gefahr, um im nächsten
Momente, wenn diese Gefahr vorübergegangen ist, noch lauter zu jubeln,
zu pfeifen, zu singen und zu jauchzen. Dabei arbeitet ein jeder mit
Anspannung aller seiner Kräfte, und der Schiffsführer springt von einem
zum andern, um jeden anzufeuern, tadelt die Säumigen in Ausdrücken, wie
sie nur ein Araber sich auszusinnen vermag, und belohnt die andern mit
den süßesten, zärtlichsten Namen, unter denen sich das Wort »Held« am
meisten wiederholt. Hassan hatte sich auf das Passieren der
Stromschnelle vorbereitet und Reservemannschaft eingenommen. Jedes Ruder
war doppelt besetzt, und am Steuer standen drei Barkenführer, welche
jeden Fußbreit des Stromes hier an dieser gefährlichen Stelle kannten.
Mit furchtbarer Gewalt rauschten die Wogen jetzt über die von dem Wasser
kaum bedeckten Felsblöcke; die Wellen stürzten schäumend über das Deck,
und der Donner des Kataraktes übertäubte jedes, auch das lauteste
Kommandowort. Das Schiff stöhnte und krachte in allen Fugen; die Ruder
versagten ihre Dienste und, dem Steuer vollständig ungehorsam, tobte
die Dahabïe durch die kochenden Gewässer.
Da treten die schwarzen, glänzenden Felsen vor uns eng zusammen und
lassen nur noch ein Thor offen, welches kaum die Breite unseres Schiffes
besitzt. Die Wogen werden förmlich durch dasselbe hindurchgepreßt und
stürzen sich in einem dicken, mächtigen Strahle nach unten in ein
Becken, welches übersäet ist von haarscharfen und nadelspitzen
Steinblöcken.
Mit sausender Hast schießen wir dem Thore zu. Die Ruder werden
eingezogen. Jetzt befinden wir uns in dem furchtbaren Loche, dessen
Wände uns zu beiden Seiten so nahe sind, daß wir sie fast mit den Händen
erreichen können. Als wolle es uns hinaustreiben in die Luft, so
schleudert uns die rasende Gewalt der Strömung über die sprühenden,
gischtspritzenden Kämme des Falles hinaus, und wir stürzen hinab in den
Schlund des Kessels. Es brodelt, spritzt, rauscht, tobt, donnert und
brüllt um uns her. Da packt es uns wieder mit unwiderstehlicher Macht
und reißt uns eine schief abfallende Ebene hinab, deren Wasserfläche
glatt und freundlich vor uns liegt, aber grad unter dieser Glätte die
gefährlichste Tücke birgt, denn wir schwimmen nicht, nein, wir fallen,
wir stürzen mit rapider Vehemenz die abschüssige Bahn hinab und -- -- --
»Allah kerihm, Gott ist gnädig!« ertönt Hassans Stimme jetzt so schrill,
daß sie gehört werden kann. »Allah il Allah, an die Ruder, an die Ruder,
ihr Jünglinge, ihr Männer, ihr Helden, ihr Tiger, Panther und Löwen! Der
Tod liegt vor euch. Seht ihr es denn nicht? Amahl, amahl, ïa Allah
amahl, macht, macht, bei Gott, macht, ihr Hunde, ihr Feiglinge, ihr
Schurken und Katzen, arbeitet, arbeitet, ihr Wackern, ihr Guten, ihr
Helden, ihr Unvergleichlichen, Erprobten und Auserwählten!«
Wir schießen einer Schere zu, welche sich grad vor uns öffnet und uns
im nächsten Augenblicke vernichten wird. Die Felsen sind so scharf, und
der Fall des Stromes ist so reißend, daß von dem Schiffe kein Handgroß
von Holz beisammen bleiben kann, wie es scheint.
»Allah ïa Sahtir, o du Bewahrer, hilf! Links, links, ihr Hunde, ihr
Geier, ihr Rattenfresser, ihr Aasverdauer, links, links mit dem Steuer,
ihr Braven, ihr Herrlichen, ihr Väter aller Helden! Allah, Allah,
Maschallah -- Gott thut Wunder, ihm sei Dank!«
Das Schiff hat den fast übermenschlichen Anstrengungen gehorcht und ist
vorübergeflogen. Für einige Augenblicke befinden wir uns im ruhigen
Fahrwasser, und alles stürzt sich auf die Kniee, um dem Allmächtigen zu
danken.
»Esch'hetu inu la il laha il Allah!« tönt es jubelnd über das Deck hin --
»bezeuge, daß es nur einen Gott giebt! Sellem aale na baraktak,
begnadige uns mit deinem Segen!«
Da kommt es hinter uns hergeschossen, wie von der Sehne eines Bogens
geschnellt. Es ist der Sandal, welcher dieselben Gefahren hinter sich
hat, wie wir. Seine Schnelligkeit ist jetzt wieder größer als die
unserige, und er muß daher an uns vorüber. Aber das offene Fahrwasser
ist so schmal, daß wir nur mit Mühe auszuweichen vermögen, und fast Bord
an Bord rauscht er vorüber. Am Maste lehnt Abrahim-Mamur, die Rechte
hinter sich versteckend. Mir grade gegenüber reißt er die verborgen
gehaltene, lange arabische Flinte an die Wange -- ich werfe mich nieder --
die Kugel pfeift über mir weg, und im nächsten Augenblick ist der Sandal
uns weit voran.
Alle haben den Mordversuch gesehen, aber niemand hat Zeit zur
Verwunderung oder zum Zorne, denn die Strömung packt uns wieder und
treibt uns in ein Labyrinth von Klippen.
Da erschallt vor uns ein lauter Schrei. Der Sandal wurde von der Macht
des Schellahl an einen Felsen geworfen; die Schiffer schlagen die Ruder
in die Flut, und das nur leicht beschädigte Fahrzeug schießt, von den
Wogen wieder gefaßt, befreit davon. Aber bei dem Stoße ist ein Mensch
über Bord gefallen; er hängt im Wasser, sich verzweiflungsvoll an die
Klippe klammernd. Ich ergreife einen der vorhandenen Dattelbaststricke,
eile an das Seitenbord und werfe ihn dem Bedrohten zu. Er faßt danach --
ergreift ihn -- wird emporgezogen -- es ist -- Abrahim-Mamur.
Sobald er das Verdeck glücklich erreicht hatte, schüttelte er das Wasser
aus seinen Kleidern und stürzte dann mit geballten Fäusten auf mich zu.
»Hund, du bist ein Räuber und Betrüger!«
Ich erwartete ihn stehenden Fußes, und meine Haltung bewirkte, daß er
vor mir stehen blieb, ohne seine Fäuste in Anwendung zu bringen.
»Abrahim-Mamur, sei höflich, denn du befindest dich nicht in deinem
Hause. Sagst du nur noch ein Wort, welches mir nicht gefällt, so lasse
ich dich an den Mast binden und durchpeitschen!«
Die größte Beleidigung für einen Araber ist ein Schlag, und die
zweitgrößte ist die Drohung, ihn zu schlagen. Abrahim machte eine
Bewegung, bezwang sich aber augenblicklich.
»Du hast mein Weib an Bord!«
»Nein.«
»Du sagst mir nicht die Wahrheit.«
»Ich sage sie, denn die ich an Bord habe, ist nicht dein Weib, sondern
die Verlobte dieses jungen Mannes, welcher neben dir steht.«
Er stürzte auf die Kajüte zu, dort aber trat ihm Halef entgegen.
»Abrahim-Mamur, ich bin Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas;
dieses hier sind meine zwei Pistolen, und ich werde dich niederschießen,
sobald du irgend wohin gehen willst, wohin zu gehen mein Herr dir
verbietet!«
Mein kleiner Halef machte ein Gesicht, dem der Ägypter es ansehen
konnte, daß es ihm mit dem Schießen Ernst sei. Er wandte sich daher ab
und schnaubte:
»So werde ich Euch verklagen, sobald Ihr an das Land geht, um Eure
Hilfsmatrosen abzusetzen.«
»Thue es. Bis dahin aber bist du nicht mein Feind, sondern mein Gast, so
lange du dich friedlich benimmst.«
Die Stromschnelle war in ihren gefährlichen Stellen glücklich
durchschifft, und wir konnten uns nun mit der nötigen Muße unserer
Angelegenheit zuwenden.
»Willst du uns jetzt erzählen, auf welche Weise Senitza in die Hand
dieses Menschen geraten ist?« fragte ich Isla.
»Ich will sie holen,« antwortete er; »sie mag es Euch selbst erzählen.«
»Nein; sie mag in der Kajüte bleiben, denn ihr Anblick würde den Ägypter
erbittern und zum Äußersten reizen. Sage uns vor allen Dingen, ob sie
Mohammedanerin oder Christin ist.«
»Sie ist eine Christin.«
»Von welcher Konfession?«
»Von der, welche Ihr griechisch nennt.«
»Sie ist nicht seine Frau geworden?«
»Er hat sie gekauft.«
»Ah! Ist es möglich?«
»Ja. Die Montenegrinerinnen gehen nicht verschleiert. Er hat sie in
Scutari gesehen und ihr gesagt, er liebe sie und sie solle sein Weib
werden; sie aber hat ihn ausgelacht. Dann ist er in die Czernagora zu
ihrem Vater gekommen und hat eine große Summe geboten, um sie von ihm zu
kaufen; dieser jedoch hat ihn zur Thüre hinausgeworfen. Dann hat er den
Vater der Freundin bestochen, bei welcher Senitza oft zu Besuch war, und
dieser ist auf den Handel eingegangen.«
»Wie?«
»Dieser Mensch hat sie für seine Sklavin ausgegeben, hat sie an
Abrahim-Mamur verkauft und ihm eine Schrift darüber ausgehändigt, in
welcher sie für eine cirkassische Sklavin gilt.«
»Ah, darum also ist diese Freundin mit ihrem Vater so plötzlich
verschwunden!«
»Nur darum. Er hat sie dann auf ein Schiff gebracht und ist mit ihr erst
nach Cypern, dann nach Ägypten gefahren. Das Übrige ist Euch bekannt.«
»Wie hieß der Mann, der sie verkaufte?« fragte ich unwillkürlich.
»Barud el Amasat.«
»El Amasat -- el Amasat -- dieser Name kommt mir sehr bekannt vor. Wo habe
ich ihn gehört? War dieser Mensch ein Türke?«
»Nein, sondern ein Armenier.«
Ein Armenier -- -- ah, jetzt wußte ich es! Hamd el Amasat, jener Armenier,
welcher uns auf dem Schott Dscherid verderben wollte und dann aus Kbilli
entfloh -- war es derselbe? -- Nein, denn die Zeit stimmte nicht.
»Weißt du nicht,« fragte ich Isla, »ob dieser Barud el Amasat einen
Bruder hat?«
»Nein; Senitza weiß es auch nicht; ich habe sie nach dieser Familie sehr
genau befragt.«
Da kam der Diener Hamsad el Dscherbaja herbei und wandte sich an mich:
»Herr Effendim, ich habe Sie wat zu sagen.«
»Sprich!«
»Wie heißt dieser äjyptische Thunichtjut?«
»Abrahim-Mamur.«
»So! Dat will also een Mamur jewesen sein?«
»Allerdings.«
»Dat lassen Sie sich man nur nicht weismachen, denn ich kenne diesen
Menschen besser als er mir!«
»Ah! Wer ist er?«
»Ich habe ihn jesehen als Eenen, der die Bastonnade kriegte, und weil es
die erste Bastonnade war, die ich jesehen habe, so habe ich mir sehr
einjehend nach ihm erkundigt.«
»Nun, wer und was ist er?«
»Er war bei die persische Jesandtschaft Attascheh oder so etwas und hat
een Jeheimnis verraten oder so unjefähr. Er hat tot jemacht werden
sollen, aber weil er Gönner jehabt hat, so ist es bei der Absetzung mit
Bastonnade jeblieben. Sein Name ist Dawuhd Arafim.«
Daß der Barbier aus Jüterbogk diesen Mann kannte, war ein ganz
staunenswerter Zufall, und nun fiel es mir wie Schuppen von den Augen.
Ich hatte ihn gesehen, und zwar in Ispahan auf dem Almaiden-Shah, wo er
auf ein Kamel gebunden wurde, um als Gefangener nach Konstantinopel
geschafft zu werden. Mein Weg führte mich damals eine kurze Strecke mit
derselben Karawane, und so kam es, daß er auch mich gesehen und sich
jetzt wieder meiner erinnert hatte.
»Ich danke dir, Hamsad, für diese Mitteilung, behalte sie aber jetzt
noch für dich.«
Nun war mir nicht im mindesten mehr bange bei dem Gedanken, daß Abrahim
mich verklagen werde. Ich weiß nicht, wie es kam, aber ich konnte die
Vermutung nicht zurückweisen, daß er mit Barud el Amasat, welcher
Senitza an ihn verkauft hatte, nicht erst durch das Mädchen bekannt
geworden war. Abrahim war ein degradierter Beamter, ein Gefangener
gewesen und hatte sogar die Bastonnade erhalten -- jetzt trat er als
Mamur auf und besaß ein Vermögen -- dies waren Umstände, welche mir sehr
zu denken gaben.
Ich zog es vor, die Mitteilung des Barbiers jetzt noch niemand zu sagen,
damit Abrahim nicht merke, daß er durchschaut worden sei.
Am nächsten Landeplatze mußten die oberhalb der Stromschnelle auf die
Dahabïe genommenen Schiffer wieder an das Land gesetzt werden. Unser
Fahrzeug wandte sich daher dem Ufer zu.
»Werden wir Anker werfen oder nicht?« fragte ich den Reïs.
»Nein, ich lenke sofort um, wenn die Männer das Schiff verlassen haben.«
»Warum?«
»Um die Polizei zu vermeiden.«
»Und Abrahim?«
»Wird mit den Schiffern an das Ufer gebracht.«
»Ich fürchte die Polizei nicht.«
»Du bist ein Fremdling im Lande und stehst unter deinem Konsul. Man kann
dir also nichts thun. Ah!«
Dieser letzte Ausruf galt einem Boote, welches mit bewaffneten, finster
blickenden Männern besetzt war. Es waren Khawassen -- Polizisten.
»Du wirst wohl nicht sofort umlenken,« meinte ich zu Hassan.
»Und doch, wenn du es befiehlst. Ich habe nur dir zu gehorchen.«
»Ich befehle es nicht; ich möchte im Gegenteil die hiesige Polizei
einmal kennen lernen.«
Das Boot legte bei uns an, und alle seine Insassen stiegen an Bord, noch
ehe wir das Ufer erreicht hatten. Die Bemannung des Sandal war hier auch
gelandet, hatte erzählt, daß Abrahim im Schellahl ertrunken sei, und
auch von dem Frauenraube berichtet. Sodann war, wie wir später erfuhren,
der alte Reïs Chalid Ben Mustapha eilenden Fußes zum Richter gelaufen
und hatte eine so wohlgesetzte Rede gehalten über mich, den ungläubigen
Mörder, Aufrührer, Räuber und Empörer, daß ich eigentlich sehr zufrieden
sein mußte, nur mit dem Hängen oder Säcken davonzukommen.
Da die Gerechtigkeit jener Länder von der wichtigen Erfindung der
Aktenstöße noch keine Notiz genommen hat, so wird in Rechtsfällen
überaus schnell und summarisch verfahren.
»Wer ist der Reïs dieses Schiffes,« fragte der Anführer der Khawassen.
»Ich,« antwortete Hassan.
»Wie heißest du?«
»Hassan Abu el Reïsahn.«
»Hast du auf deinem Schiffe einen Effendi, einen Hekim, der ein
Ungläubiger ist?«
»Da steht er und heißt Kara Ben Nemsi.«
»Und ist hier auf deinem Schiffe auch ein Weib, Namens Güzela?«
»Sie ist in der Kajüte.«
»Wohlan, ihr seid meine Gefangenen allesamt und folgt mir zum Richter,
während ich das Schiff von meinen Leuten bewachen lasse!«
Die Dahabïe legte an, und ihre ganze Bemannung nebst sämtlichen
Passagieren wurde »sofort anhero transportiert«. Senitza, tief
verschleiert, ward in eine bereitstehende Sänfte gehoben und mußte
unserm Zuge folgen, der bei jedem weiteren Schritte größer wurde, weil
jung und alt, groß und klein sich ihm anschloß. Hamsad al Dscherbaja,
der Ex-Barbier, schritt hinter mir her und pfiff nach dem Takte seiner
Beine munter sein »Muß i denn, muß i denn zum Städtele hinaus!«
Der Sahbeth-Bei oder Polizeidirektor saß mit seinem Sekretär bereits
unserer Ankunft gewärtig.
Er trug die Abzeichen eines Bimbaschi, eines Majors oder Befehlshabers
von tausend Mann, hatte aber trotzdem weder ein kriegerisches noch ein
übermäßig intelligentes Aussehen. Wie die ganze Bemannung des Sandal, so
hatte auch er Abrahim-Mamur für ertrunken gehalten und empfing den vom
Tode Auferstandenen mit einem Respekte, der ganz das Gegenteil von dem
Blick war, den er uns zuwarf.
Wir wurden in zwei Lager geteilt: hüben die Bemannung des Sandal mit
Abrahim und einigen seiner Diener, die er mitgenommen hatte, und drüben
die Leute von der Dahabïe mit Senitza, Isla und mir nebst Halef und dem
Barbier.
»Befiehlst du eine Pfeife, Herr?« fragte der Sahbeth-Bei den
vermeintlichen Mamur.
»Lasse sie bringen!«
Er erhielt sie nebst einem Teppich, um sich darauf niederzusetzen. Dann
begann die Verhandlung:
»Hoheit, sage mir deinen von Allah gesegneten Namen!«
»Er lautet Abrahim-Mamur.«
»So bist du ein Mamur. In welcher Provinz?«
»In En-Nasar.«
»Du bist der Ankläger. Sprich; ich höre zu und werde richten.«
»Ich klage an diesen Giaur, der ein Hekim ist, der Tschikarma; ich
klage an den Mann, der neben ihm steht, der Tschikarma, und ich klage an
den Führer der Dahabïe der Mithilfe beim Frauenraube. Wie weit die
Diener dieser beiden Männer und die Matrosen der Dahabïe beteiligt sind,
das magst du bestimmen, o Bimbaschi.«
»Erzähle, wie der Raub vollendet wurde.«
Abrahim erzählte. Als er geendet hatte, wurden seine Zeugen verhört, was
die Folge hatte, daß ich von dem Reïs des Sandals, Herrn Chalid Ben
Mustapha, auch noch des Mordversuches bezüchtigt wurde.
In den Augen des Sahbeth-Bei leuchtete der Blitz, als er sich nun zu mir
wandte.
»Giaur, wie ist dein Name?«
»Kara Ben Nemsi.«
»Wie heißt deine Heimat?«
»Dschermanistan.«
»Wo liegt diese Handvoll Erde?«
»Handvoll? Hm, Bimbaschi, du beweisest, daß du sehr unwissend bist!«
»Hund!« fuhr er auf. »Was willst du sagen?«
»Dschermanistan ist ein großes Land und hat zehnmal mehr Einwohner als
ganz Ägypten. Du aber kennst es nicht. Du bist überhaupt ein schlechter
Geograph und darum lässest du dich von Abrahim-Mamur belügen.«
»Wage es, noch so ein Wort zu sagen, und ich lasse dich mit dem Ohre an
die Wand nageln.«
»Ich wage es! Dieser Abrahim sagt, er sei der Mamur der Provinz
En-Nasar. Mamurs giebt es nur in Ägypten -- --«
»Liegt En-Nasar nicht in Ägypten, Giaur? Ich bin selbst dort gewesen und
kenne den Mamur wie meinen Bruder, ja, wie mich selbst.«
»Du lügst!«
»Nagelt ihn fest!« gebot der Richter.
Ich zog den Revolver, und Halef, der dies sah, seine Pistolen.
»Bimbaschi, ich sage dir, daß ich erst den niederschießen werde, der
mich anrührt, und dann dich! Du lügst, ich sage es noch einmal. En-Nasar
ist eine ganz kleine, geringe Oase zwischen Homrh und Tighert im Lande
Tripolis; dort giebt es keinen Mamur, sondern einen armen Scheik; er
heißt Mamra Ibn Alef Abuzin, und ich kenne ihn sehr genau. Ich könnte
mit dir Komödie spielen und dir erlauben, noch weiter zu fragen; aber
ich will es kurz machen. Wie kommt es, daß du die Kläger stehen lässest,
während der Angeklagte, der Verbrecher, sitzen darf und sogar die Pfeife
von dir bekommt?«
Der gute Mann sah mich ganz verdutzt an.
»Wie meinst du das, Giaur?«
»Ich warne dich, mich mit diesem Worte zu beschimpfen! Ich habe einen
Paß bei mir und auch einen Izin-gitisch[30] des Vizekönigs von Ägypten;
dieser aber, mein Gefährte, ist aus Istambul; er hat ein Bu-djeruldu des
Großherrn und ist also ein Giölgeda padischahnün.«
[30] Reiseschein.
»Zeigt die Scheine her!«
Ich gab ihm den meinigen, und Isla legte ihm den seinigen vor. Er las
sie und gab sie uns dann mit verlegener Miene zurück.
»Sprich weiter.«
Diese Aufforderung bewies mir, daß er nicht wußte, was er thun sollte.
Ich nahm also wieder das Wort:
»Du bist ein Sahbeth-Bei und ein Bimbaschi und weißt doch nicht, was
deines Amtes ist. Wenn du ein Handschreiben des Großherrn liesest, so
mußt du es vorher an Stirn, Auge und Mund drücken und alle Anwesenden
auffordern, sich zu verbeugen, als ob Seine Herrlichkeit selbst zugegen
wäre. Ich werde dem Khedive und dem Großwesir in Istambul erzählen,
welche Achtung du ihnen erweisest!«
Das hatte er nicht erwartet. Er war so erschrocken, daß er die Augen
aufriß und den Mund öffnete, ohne ein Wort zu sagen. Ich aber fuhr fort:
»Du wolltest wissen, was ich vorhin mit meinen Worten meinte. Ich bin
der Ankläger und muß stehen, und dieser ist der Angeklagte und darf
sitzen!«
»Wer klagt ihn an?«
»Ich, dieser, dieser und wir alle.«
Abrahim staunte, aber er sagte noch nichts.
»Wessen klagst du ihn an?« fragte der Sahbeth-Bei.
»Der Tschikarma, desselben Verbrechens, dessen er uns anklagte.«
Ich sah es, daß Abrahim unruhig wurde. Der Richter gebot mir:
»Sprich!«
»Du dauerst mich, Bimbaschi, daß du eine solche Trauer erleben mußt.«
»Welche Trauer?«
»Daß du einen Mann verurteilen mußt, den du so gut kennst wie deinen
Bruder, ja wie dich selbst. Du bist sogar bei ihm in En-Nasar gewesen
und weißt genau, daß er ein Mamur ist. Ich aber sage dir, daß auch ich
ihn kenne. Er heißt Dawuhd Arafim, war Beamter des Großherrn in Persien,
wurde aber abgesetzt und bekam sogar die Bastonnade.«
Jetzt erhob sich Abrahim vom Boden.
»Hund! -- Sahbeth-Bei, dieser Mann hat den Verstand verloren!«
»Sahbeth-Bei, höre mich weiter, dann wird es sich zeigen, wessen Kopf
besser ist und fester sitzt, der meine oder der seine!«
»Rede!«
»Dieses Weib hier ist eine Christin, eine freie Christin aus
Karadagh[31]; er hat sie geraubt und mit Gewalt nach Ägypten entführt.
Hier mein Freund ist ihr rechtmäßiger Verlobter, und darum ist er nach
Ägypten gekommen und hat sie sich wiedergeholt. Du kennst uns, denn du
hast unsere Legitimationen gelesen, ihn aber kennst du nicht. Er ist ein
Frauenräuber und Betrüger. Laß dir seine Legitimation zeigen, oder ich
gehe zum Khedive und sage, wie du Gerechtigkeit übst in dem Amte,
welches er dir gegeben hat. Ich bin von dem Kapitän des Sandal des
Mordversuches angeklagt. Frage diese Männer! Sie alle haben es gehört,
daß ich ihm die Feder vom Tarbusch schießen wollte, und ich habe sie
getroffen. Der, welcher sich einen Mamur nennt, aber hat im Ernste und
in der Absicht, mich zu töten, auf mich geschossen. Ich klage ihn an.
Nun entscheide!«
[31] Montenegro. -- Beides heißt ebenso wie das slawische
Czernagora »Schwarzer Berg«.
Der brave Mann befand sich natürlich in einer großen Verlegenheit. Er
konnte doch seine Worte und Thaten nicht dementieren, fühlte aber sehr
wohl, daß ich im Rechte sei, und so entschloß er sich, zu thun, was eben
nur ein Ägypter zu thun vermag.
»Das Volk soll hinaus und in seine Häuser gehen!« gebot er. »Ich werde
mir die Sache überlegen und am Nachmittage das Gericht halten. Ihr alle
aber seid meine Gefangenen!«
Die Khawassen trieben die Zuschauer mit Stockschlägen hinaus; sodann
wurde Abrahim-Mamur mit der Mannschaft des Sandal gefangen abgeführt,
und schließlich schaffte man auch uns fort, nämlich in den Hof des
Gebäudes, in welchem wir uns ungestört bewegen durften, während einige
Khawassen, am Ausgange postiert, uns zu bewachen schienen. Nach einer
Viertelstunde aber waren sie verschwunden.
Ich ahnte, was der Sahbeth-Bei beabsichtigte, und trat zu Isla Ben
Maflei, welcher neben Senitza am Brunnen saß.
»Denkst du, daß wir heute unsern Prozeß gewinnen werden?«
»Ich denke gar nichts; ich überlasse alles dir,« antwortete er.
»Und wenn wir ihn gewinnen, was wird mit Abrahim geschehen?«
»Nichts. Ich kenne diese Leute. Abrahim wird dem Bimbaschi Geld geben
oder einen der kostbaren Ringe, die er an den Fingern trägt, und der
Baschi wird ihn laufen lassen.«
»Wünschest du seinen Tod?«
»Nein. Ich habe Senitza gefunden, das ist mir genug.«
»Und wie denkt deine Freundin darüber?«
Senitza antwortete selbst:
»Effendi, ich war sehr unglücklich, jetzt aber bin ich frei. Ich werde
nicht mehr an ihn denken.«
Das befriedigte mich. Jetzt galt es nur noch, den Abu el Reïsahn zu
befragen. Er erklärte mir rundweg, daß er sehr froh sei, mit heiler Haut
davonzukommen, und so machte ich mich denn beruhigt an das
Rekognoscieren.
Ich schritt durch den Ausgang hinaus auf die Straße. Die heiße Tageszeit
war eingetreten und ich sah keinen Menschen auf der Straße. Es war
klar, daß der Sahbeth-Bei wünschte, daß wir uns selbst ranzionieren und
nicht auf seine Entscheidung warten möchten; ich kehrte daher in den Hof
zurück, teilte den Leuten meine Ansicht mit und forderte sie auf, mir zu
folgen. Sie thaten es, und kein Mensch trat unserm Thun entgegen.
Als wir die Dahabïe erreichten, ergab es sich, daß sie von den Khawassen
verlassen worden war. Ein Freund und Bewunderer der Ladung, welche aus
Sennesblättern bestand, hätte ganz ungestört eine Annexion vornehmen
können.
Der Sandal lag nicht mehr am Ufer; er war verschwunden. Jedenfalls hatte
der würdige Chalid Ben Mustapha noch eher als wir die Absicht des
Richters begriffen und sich mit Schiff und Bemannung davon gemacht.
Wo aber befand sich Abrahim-Mamur?
Dies zu erfahren wäre uns nicht gleichgültig gewesen; denn es war nicht
nur möglich, sondern sehr wahrscheinlich, daß er uns im Auge behalten
werde. Ich wenigstens hatte die Ahnung, ihn früher oder später wieder
einmal zu treffen.
Die Dahabïe lichtete den Anker, und wir setzten unsere unterbrochene
Fahrt fort mit dem wohlthuenden Bewußtsein, einer sehr schlimmen Lage
glücklich entronnen zu sein. -- -- --