Die leisen Lüfte, welche mit dem Schatten der Dämmerung gespielt hatten,

waren zur Ruhe gegangen; die Sterne des Südens lächelten freundlich aus

dem tiefblauen Dunkel des Himmels herab, und die Wasser des ehrwürdigen

Stromes fluteten ruhig und lautlos dahin in ihrer breiten Bahn. Diese

Ruhe herrschte auch in meinem Innern, obgleich es schwer scheint, dies

zu glauben.

Es war nichts Leichtes, was wir zu vollbringen gedachten, aber man bebt

ja _vor_ einem Ereignisse; ist dasselbe jedoch einmal angebahnt oder gar

bereits eingetreten, so hat man mit den Chancen abgeschlossen und kann

ohne innere Kämpfe handeln. Eine nächtliche Entführung wäre vielleicht

gar nicht notwendig gewesen; wir hätten vielmehr Abrahim-Mamur vor

Gericht angreifen können. Aber wir wußten ja nicht, wie die Verhältnisse

lagen und welche rechtlichen oder unrechtlichen Mittel ihm zu Gebote

standen, sein Anrecht auf Senitza geltend zu machen. Nur von ihr erst

konnten wir erfahren, was wir wissen mußten, um gegen ihn aufzutreten,

und das konnten wir nur dann erfahren, wenn es uns gelang, sie hinter

seinem Rücken in unsere Hände zu bekommen.

Nach einer kleinen Stunde hoben sich die dunklen Umrisse des Gebäudes

aus ihrer grauen, steinigen Umgebung hervor. Wir legten eine kurze

Strecke unterhalb der Mauer an, und ich stieg zunächst ganz allein aus,

um zu rekognoscieren. Ich fand in der ganzen Umgebung des Hauses nicht

die geringste Spur von Leben, und auch innerhalb der Mauern schien alles

in tiefster Ruhe zu liegen. Am Kanale lag das Boot Abrahims mit den

Rudern. Ich stieg ein und brachte es neben unsern Kahn.

»Hier ist das Boot,« sagte ich zu den beiden Dienern. »Fahrt es ein

wenig abwärts, füllt es mit Steinen und laßt es sinken. Die Ruder aber

können wir gebrauchen. Wir nehmen sie in unser Boot herein, welches ihr

nachher nicht anhängen laßt, sondern so bereit haltet, daß wir abstoßen

können, sobald wir einsteigen. Isla Ben Maflei, folge mir!«

Ich verließ das Boot, und wir schlichen zum Kanale. Dessen Wasser

blickten uns nicht sehr einladend entgegen. Ich warf einen Stein hinein

und erkannte dadurch, daß der Kanal nicht tief sei. Isla zog seine

Kleider aus und stieg hinein. Das Wasser reichte ihm bis an das Kinn.

»Wird es gehen?« fragte ich ihn.

»Mit dem Schwimmen besser als mit dem Gehen. Der Kanal hat so viel

Schlamm, daß er mir fast bis an die Kniee reicht.«

»Bist du noch entschlossen?«

»Ja. Bringe meine Kleider mit zum Thore. Haidi, wohlan!«

Er hob die Beine empor, stieß die Arme aus und verschwand unter der

Maueröffnung, durch welche das Wasser führte.

Ich verließ die Stelle nicht sofort, sondern ich wartete noch eine

Weile, da es ja sehr leicht möglich war, daß etwas Unvorhergesehenes

geschehen konnte, was meine Gegenwart wünschenswert erscheinen ließ. Ich

hatte das Richtige getroffen, denn eben wollte ich mich wenden, als der

Kopf des Schwimmers in der Öffnung wieder erschien.

»Du kehrst zurück?«

»Ja, ich konnte nicht weiter.«

»Warum?«

»Effendi, wir können Senitza nicht befreien!«

»Weshalb nicht?«

»Die Mauer ist zu hoch -- -- --«

»Es würde auch nichts helfen, wenn sie niedriger wäre, denn das Haus ist

fest verschlossen.«

»Und der Kanal auch.«

»Verschlossen?«

»Ja.«

»Womit?«

»Mit einem starken Holzgitter.«

»Konntest du es nicht entfernen?«

»Es widersteht aller meiner Kraft.«

»Wie weit ist der Ort von hier?«

»Das Gitter muß sich grad bei der Grundmauer des Hauses befinden.«

»Ich werde einmal nachsehen. Ziehe dich an; halte meine Kleider und

erwarte mich hier.«

Ich warf nur das Obergewand ab und stieg in das Wasser. Mich auf den

Rücken legend, schwamm ich vorwärts. Der Kanal war auch im Garten nicht

offen, sondern mit steinernen Platten bedeckt. Als ich nach meiner

Berechnung das Haus erreicht haben mußte, stieß ich an das Gitter. Es

war so breit und hoch wie der Kanal selbst, bestand aus starken, gut

eingefügten Holzstangen und war mit eisernen Klammern an die Mauer

befestigt. Die Vorrichtung hatte jedenfalls den Zweck, Tiere wie etwa

Ratten, Wassermäuse u. s. w. vom Bassin fernzuhalten. Ich rüttelte

daran; es gab nicht nach, und ich mußte einsehen, daß es im ganzen

nicht zu entfernen sei. Ich faßte einen einzelnen Stab mit beiden

Händen, stemmte die hoch emporgezogenen Kniee hüben und drüben gegen die

Mauer -- ein Ruck aus allen Kräften, und die Stange zerbrach. Jetzt war

eine Bresche da, und in Zeit von zwei Minuten hatte ich noch vier Stäbe

herausgerissen, so daß eine Öffnung entstanden war, durch welche ich

mich zwängen konnte.

Sollte ich zurückkehren, um Isla das weitere zu überlassen? Nein, denn

das wäre Zeitverschwendung gewesen. Ich befand mich nun einmal im Wasser

und kannte ja auch die Örtlichkeit genauer als er. Ich passierte also

die Öffnung, welche ich mir gemacht hatte, und schwamm weiter fort in

dem Wasser, welches durch den aufgewühlten Schlamm ganz dick war. Als

ich mich nach meiner ungefähren Berechnung unter dem inneren Hofe

befinden mußte, senkte sich plötzlich die Wölbung bis auf die Oberfläche

des Wassers herunter, und ich wußte nun, daß ich mich in der Nähe des

Bassins befand. Der Kanal glich von hier aus nur noch einer Röhre,

welche so vollständig mit Wasser gefüllt war, daß die zum Atmen nötige

Luft fehlte. Die noch übrige Strecke mußte ich also unter Wasser

durchkriechen oder tauchend durchschwimmen, was nicht nur höchst

unbequem und anstrengend, sondern auch mit größter Gefahr verbunden war.

Wie nun, wenn sich ein zweites, unvorhergesehenes Hindernis in den Weg

stellte und ich auch nicht so weit zurückkehren konnte, um den nötigen

Atem zu holen? -- -- Oder wenn ich beim Emportauchen bemerkt wurde? Es war

doch immerhin möglich, daß sich jemand in dem Hofe befand.

Diese Bedenken durften mich nicht irre machen. Ich sog die Lunge voll

Atem, bog mich unter das Wasser und schob mich, halb schwimmend und

halb gehend, mit möglichster Schnelligkeit vorwärts.

Eine ziemliche Strecke legte ich so zurück, und schon verspürte ich den

eintretenden Luftmangel, als ich mit der Hand wirklich an ein neues

Hindernis stieß. Es war, wie ich fühlte, ein aus einem durchlöcherten

Blech bestehendes Siebgitter, welches die ganze Lichte der Kanalröhre

einnahm und jedenfalls, so zu sagen, als Seiher oder Filter des

schlammigen, trüben Wassers dienen sollte.

Bei dieser Entdeckung bemächtigte sich eine wirkliche Ängstlichkeit

meiner.

Zurück konnte ich nicht mehr, denn ehe ich die Stelle zu erreichen

vermochte, wo die höhere Wölbung des Kanals mir gestattet hätte,

emporzutauchen und Atem zu schöpfen, war ich jedenfalls schon erstickt,

und doch schien das ziemlich starke Siebwerk sehr haltbar befestigt zu

sein. Hier gab es freilich nur zwei Fälle: entweder es gelang mir,

hindurchzukommen, oder ich mußte elend ertrinken. Es war kein Augenblick

zu verlieren.

Ich stemmte mich gegen das Blech -- vergebens; ich drückte und preßte mit

aller Gewalt dagegen, doch ohne Erfolg. Und wenn ich hindurch kam und

hinter ihm nicht sofort das Bassin sich befand, so war ich dennoch

verloren. Ich hatte nur noch Luft und Kraft für eine Sekunde; es war

mir, als wolle eine fürchterliche Gewalt mir die Lunge zerbersten und

den Körper zersprengen -- noch eine letzte, die allerletzte Anstrengung;

Herr Gott im Himmel, hilf, daß es mir gelingt! Ich fühle den Tod mit

nasser, eisiger Hand nach meinem Herzen greifen; er packt es mit

grausamer, unerbittlicher Faust und drückt es vernichtend zusammen; die

Pulse stocken, die Besinnung schwindet, die Seele sträubt sich mit aller

Gewalt gegen das Entsetzliche, eine krampfhafte, tödliche Expansion

dehnt die erstarrenden Sehnen und Muskeln aus -- ich höre einen Krach,

kein Geräusch, aber der Kampf des Todes hat vermocht, was dem Leben

nicht gelingen wollte -- das Sieb weicht, es geht aus den Fugen, ich fuhr

empor. Ein langer, langer, tiefer Atemzug, der mir augenblicklich das

Leben wiederbrachte, dann tauchte ich wieder unter. Es konnte ja jemand

im Hofe sein und meinen Kopf bemerken, der grad in der Mitte der kleinen

Wasserfläche sichtbar geworden war. Am Rande derselben kam ich

vorsichtig wieder auf und blickte mich um.

Es schien kein Mond, aber die Sterne des Südens verbreiteten ein

genügendes Licht, um alle Gegenstände unterscheiden zu können. Ich stieg

aus dem Bassin und wollte mich leise an die Mauer schleichen, als ich

ein leises Knacken vernahm. Ich blickte empor zu den Gittern, hinter

denen die Frauengemächer lagen. Hier, rechts über mir war die Stelle, an

welcher ich den Riegelstab entfernt hatte, und links davon bemerkte ich

eine Spalte in der Vergitterung desjenigen Zimmers, in welches ich nicht

hatte treten dürfen. Es war jedenfalls das Schlafzimmer Senitzas. War

sie wach geblieben, um mich zu erwarten? Kam das Knacken von dem Gitter,

welches sie auch in ihrer Stube geöffnet hatte? War dies der Fall, so

hatte sie mich aus dem Wasser steigen sehen und sich jetzt wieder

zurückgezogen, da sie mich unmöglich erkennen konnte.

Ich schlich näher und legte die Hände rund um den Mund.

»Senitza!« flüsterte ich leise.

Da wurde die Spalte größer und ein dunkles Köpfchen erschien.

»Wer bist du?« hauchte es herab.

»Der Hekim, welcher bei dir war.«

»Du kommst, mich zu retten?«

»Ja. Du hast es geahnt und meine Worte verstanden?«

»Ja. Bist du allein?«

»Isla Ben Maflei ist draußen.«

»Ach! Er wird getötet werden!«

»Von wem?«

»Von Abrahim. Er schläft nicht des Nachts; er wacht. Und die Wärterin

liegt in dem Raume neben mir. Halt -- horch! Oh, fliehe schnell!«

Dort hinter der Thür, welche zum Selamlük führte, ließ sich ein Geräusch

vernehmen. Die Spalte oben schloß sich, und ich eilte augenblicklich zum

Bassin zurück. Dort war der einzige Ort, wo ich Zuflucht finden konnte.

Vorsichtig, damit das Wasser keine Wellen werfen sollte, die mich

verraten hätten, glitt ich hinein.

Kaum war dies geschehen, so öffnete sich die Thür, und es erschien die

Gestalt Abrahims, der langsam und spähend den Hof umschritt. Ich stand

bis zum Munde im Wasser, und mein Kopf war hinter der Einfassung

verborgen, so daß mich der Ägypter nicht gewahr werden konnte. Dieser

überzeugte sich, daß das Thor noch verschlossen sei, und verschwand,

nachdem er die Runde vollendet hatte, wieder in dem Selamlük.

Jetzt stieg ich wieder aus dem Wasser, glitt zum Thore, schob den Riegel

zurück und öffnete. Ich stand im Garten. Rasch eilte ich quer über

denselben hinweg, um nun auch das Mauerthor zu öffnen, und dann wollte

ich um die Ecke biegen, Isla Ben Maflei zu holen, als dieser eben

erschien.

»Hamdulillah, Preis sei Gott, Effendi! Es ist dir gelungen.«

»Ja. Aber ich kämpfte mit dem Tode. Gieb mir mein Gewand!«

Hose und Weste trieften mir von Wasser; ich warf nur die Jacke über, um

nicht in meinen Bewegungen gehindert zu sein, und sagte ihm:

»Ich sprach bereits mit Senitza.«

»Ist es wahr, Effendi?«

»Sie hatte mich verstanden und erwartete uns.«

»O komm! Schnell, schnell!«

»Warte noch!«

Ich ging in den Garten, um eine der Stangen zu holen, welche ich gleich

bei meiner ersten Anwesenheit bemerkt hatte. Dann traten wir in den Hof.

Die Spalte oben im Gitterwerke hatte sich bereits wieder geöffnet.

»Senitza[28], mein Stern, mein -- --« rief Isla mit unterdrückter Stimme,

als ich emporgezeigt hatte. Ich unterbrach ihn:

[28] Senitza ist serbisch und heißt deutsch Augapfel.

»Um alles in der Welt, still! Hier ist keine Zeit zu Herzensergüssen. Du

schweigst, und nur ich rede!«

Dann wandte ich mich empor zu ihr:

»Bist du bereit, mit uns zu gehen?«

»Oh, ja!«

»Durch die Zimmer geht es nicht?«

»Nein. Aber drüben hinter den hölzernen Säulen liegt eine Leiter.«

»Ich hole sie!«

Wir brauchten also weder die Stange noch den mitgebrachten Strick. Ich

ging und fand die Leiter. Sie war fest. Als ich sie angelehnt hatte,

stieg Isla empor. Ich schlich unterdessen nach der Thür zum Selamlük, um

zu horchen.

Es dauerte einige Zeit, ehe ich die Gestalt des Mädchens erscheinen sah.

Sie stieg herab, und Isla unterstützte sie dabei. In dem Augenblicke, in

welchem sie den Boden erreichten, erhielt die Leiter einen Stoß; sie

schwankte und stürzte mit einem lauten Krach zu Boden.

»Flieht! Schnell nach dem Boote!« warnte ich.

Sie eilten nach dem Thore, und zu gleicher Zeit hörte ich Schritte

hinter der Thür. Abrahim hatte das Geräusch vernommen und kam herbei.

Ich mußte den Fliehenden den Rückzug decken und folgte ihnen also mit

nicht zu großer Schnelligkeit. Der Ägypter bemerkte mich, sah auch die

umgestürzte Leiter und das geöffnete Gitter.

Er stieß einen Schrei aus, der von allen Bewohnern des Hauses gehört

werden mußte.

»Chirsytz, hajdut, Dieb, Räuber, halt! Herbei, herbei, ihr Männer, ihr

Leute, ihr Sklaven! Hilfe!«

Mit diesen laut gebrüllten Worten sprang er hinter mir her. Da der

Orient keine Betten nach Art der unseren kennt und man meist in den

Kleidern auf dem Diwan schläft, so waren die Bewohner des Hauses alsbald

auf den Beinen.

Der Ägypter war hart hinter mir. Am Außenthore blickte ich mich um. Er

war nur zehn Schritte von mir entfernt, und dort an dem inneren Thore

erschien bereits ein zweiter Verfolger.

Draußen bemerkte ich nach rechts Isla Ben Maflei mit Senitza fliehen;

ich wandte mich also nach links. Abrahim ließ sich täuschen. Er sah

nicht sie, sondern nur mich und folgte mir. Ich sprang um die eine Ecke,

in der Richtung nach dem Flusse zu, oberhalb des Hauses, während unser

Boot unterhalb desselben lag. Dann rannte ich um die zweite Ecke, das

Ufer entlang.

»Halt, Bube! Ich schieße!« erscholl es hinter mir.

Er hatte also die Waffen bei sich gehabt. Ich eilte weiter. Traf mich

seine Kugel, so war ich tot oder gefangen, denn hinter ihm folgten seine

Diener, wie ich aus ihrem Geschrei vernahm. Der Schuß krachte. Er hatte

im Laufen gezielt, statt dabei stehen zu bleiben; das Geschoß flog an

mir vorüber. Ich that, als sei ich getroffen, und warf mich zur Erde

nieder.

Er stürzte an mir vorbei, denn er hatte nun das Boot bemerkt, in welches

Isla eben mit Senitza einstieg. Gleich hinter ihm sprang ich wieder auf.

Mit einigen weiten Sprüngen hatte ich ihn erreicht, packte ihn im Nacken

und warf ihn nieder.

Das Geschrei der Fellatah erscholl aber jetzt hinter mir, sie waren mir

sehr nahe, da ich mit dem Niederwerfen Zeit und Raum verloren hatte;

aber ich erreichte den Kahn und sprang hinein. Sofort stieß Halef vom

Ufer, von welchem wir bereits mehrere Bootslängen entfernt waren, als

die Verfolger dort ankamen.

Abrahim hatte sich wieder emporgerafft. Er überblickte die ganze

Situation.

»Geri,« brüllte er; »geri erkekler -- zurück, zurück, ihr Männer! --

Zurück, nach dem Boote!«

Alle wandten sich um in der Richtung nach dem Kanale, wo ihr Kahn

gelegen hatte. Abrahim kam zuerst dort an und stieß einen Schrei der Wut

aus. Er sah, daß das Boot verschwunden war.

Wir hatten unterdessen die ruhigeren Gewässer des Ufers verlassen und

das schneller strömende Wasser erreicht; Halef und der Barbier aus

Jüterbogk ruderten; auch ich nahm eines der aus dem Boote Abrahims

genommenen Ruder; Isla that dasselbe, und so schoß unser Kahn sehr

schnell stromabwärts.

Es wurde kein Wort gesprochen; unsere Stimmung war nicht danach, in

Worte gefaßt zu werden.

Während des ganzen Abenteuers war doch eine längere Zeit vergangen, so

daß jetzt bereits sich der Horizont rötete und man die nebellosen

Wasser des Niles weithin zu überblicken vermochte. Noch immer sahen wir

Abrahim mit den Seinigen am Ufer stehen, und weiter oben erschien ein

Segel, welches in dem Morgenrot erglühte.

»Ein Sandal!« meinte Halef.

Ja, es war ein Sandal, eine jener lang gebauten, stark bemannten Barken,

welche so schnell segeln, daß sie fast mit einem Dampfer um die Wette

gehen.

»Er wird den Sandal anrufen und uns auf demselben verfolgen,« sagte

Isla.

»Hoffentlich ist der Sandal ein Kauffahrer, der nicht auf ihn hört!«

»Wenn Abrahim dem Reïs eine genügende Summe bietet, wird dieser sich

nicht weigern.«

»Auch in diesem Falle würden wir einen guten Vorsprung gewinnen. Ehe der

Sandal anlegt und der Reïs mit Abrahim verhandelt hat, vergeht einige

Zeit. Auch muß sich Abrahim, ehe er an Bord gehen kann, mit allem

versehen, was zu einer längeren Reise notwendig ist, da er nicht wissen

kann, welche Ausdehnung die Verfolgung haben wird.«

Das Segel entschwand jetzt unseren Blicken, und wir machten eine so

schnelle Fahrt, daß wir nach kaum einer halben Stunde die Dahabïe zu

Gesicht bekamen, welche uns weiter tragen sollte.

Der alte Abu el Reïsahn lehnte an der Brüstung des Sternes. Er sah, daß

eine weibliche Person im Boote saß, und wußte also, daß unser

Unternehmen gelungen sei, wenigstens gelungen bis zu diesem Augenblick.

»Legt an,« rief er. »Die Treppe ist niedergelassen!«

Wir stiegen an Bord, und das Boot wurde am Steuer befestigt. Dann ließ

man die Seile gehen und zog die Segel auf. Das Fahrzeug drehte den

Schnabel vom Land ab; der Wind legte sich in das Leinen, und wir

strebten der Mitte des Stromes zu, welcher uns nun abwärts trug.

Ich war zum Reïs getreten.

»Wie ging es?« fragte er mich.

»Sehr gut. Ich werde es dir erzählen; doch sage mir vorher, ob ein guter

Sandal dein Fahrzeug einholen könnte.«

»Werden wir verfolgt?«

»Ich glaube es nicht, doch ist es möglich.«

»Meine Dahabïe ist sehr gut, aber ein guter Sandal holt jede Dahabïe

ein.«

»So wollen wir wünschen, daß wir unverfolgt bleiben!«

Ich erzählte nun den Hergang unseres Abenteuers und ging dann nach der

Kajüte, um meine noch immer feuchten Kleider zu wechseln. Sie war in

zwei Teile geteilt, einen kleinen und einen größeren. Der erstere war

für Senitza und der letztere für den Kapitän, Isla Ben Maflei und mich

bestimmt.

Es waren vielleicht zwei Stunden seit unserer Abfahrt vergangen, als ich

oberhalb unseres Schiffes die Spitze eines Segels bemerkte, welches sich

immer mehr vergrößerte. Als der Rumpf sichtbar wurde, erkannte ich den

Sandal, welchen wir in der Frühe gesehen hatten.

»Siehst du das Schiff?« fragte ich den Reïs.

»Allah akbar, Gott ist groß, und deine Frage ist auch groß,« antwortete

er mir. »Ich bin ein Reïs und sollte ein Segel nicht sehen, welches so

nahe hinter dem meinigen steuert!«

»Ob es ein Fahrzeug des Khedive ist?«

»Nein.«

»Woraus erkennst du dies?«

»Ich kenne diesen Sandal sehr genau.«

»Ah!«

»Er gehört dem Reïs Chalid Ben Mustapha.«

»Kennst du diesen Chalid?«

»Sehr; aber wir sind keine Freunde.«

»Warum?«

»Ein ehrlicher Mann kann nicht der Freund eines Unehrlichen sein.«

»Hm, so ahnt mir etwas.«

»Was?«

»Daß sich Abrahim-Mamur an seinem Bord befindet.«

»Werden es sehen!«

»Was wirst du thun, wenn der Sandal sich an die Dahabïe legen will?«

»Ich muß es zugeben. Das Gesetz sagt es so.«

»Und wenn ich es nicht zugebe?«

»Wie wolltest du dies anfangen? Ich bin der Reïs meiner Dahabïe und habe

nach den Vorschriften des Gesetzes zu handeln.«

»Und ich bin der Reïs meines Willens.«

Jetzt trat Isla zu uns. Ich wollte ihm keine zudringliche Frage

vorlegen, aber er begann selbst:

»Kara Ben Nemsi, du bist mein Freund, der beste Freund, den ich gefunden

habe. Soll ich dir erzählen, wie Senitza in die Hände des Ägypters

gekommen ist?«

»Ich möchte es sehr gerne hören, doch zu einer solchen Erzählung gehört

die Ruhe und Sammlung, welche wir jetzt nicht haben können.«

»Du bist unruhig? Weshalb?«

Er hatte das hinter uns segelnde Fahrzeug noch nicht bemerkt.

»Drehe dich um und siehe diesen Sandal.«

Er wandte sich um, sah das Schiff und fragte:

»Ist Abrahim an Bord?«

»Ich weiß es nicht, aber es ist sehr leicht möglich, weil der Kapitän

ein Schurke ist, der sich von Abrahim erkaufen lassen wird.«

»Woher weißt du, daß er ein Schurke ist?«

»Abu el Reïsahn sagt es.«

»Ja,« bestätigte dieser; »ich kenne diesen Kapitän und kenne auch sein

Schiff. Selbst wenn es weiter entfernt wäre, würde ich es an seinem

Segel erkennen, welches dreifach ausgebessert und zusammengeflickt ist.«

»Was werden wir thun?« fragte Isla.

»Zunächst abwarten, ob Abrahim sich an Bord befindet.«

»Und wenn er da ist?«

»So kommt er nicht zu uns herüber.«

Unser Schiffsführer prüfte den Fortgang des Sandal und denjenigen, den

wir selbst machten, und meinte dann:

»Er kommt uns immer näher. Ich werde eine Trikehta[29] beisetzen

lassen.«

[29] Kleineres Segel.

Dies geschah, aber ich merkte bereits nach einigen Minuten, daß die

Entscheidung dadurch höchstens verzögert, nicht aber aufgehoben werde.

Der Sandal kam uns immer näher; endlich war er nur noch eine

Schiffslänge von uns entfernt und ließ das eine Segel fallen, um seine

Schnelligkeit zu vermindern. Wir sahen Abrahim-Mamur auf dem Deck

stehen.

»Er ist da!« sagte Isla.

»Wo steht er?« fragte der Reïs.

»Ganz vorn am Buge.«

»Dieser? Kara Ben Nemsi, was thun wir? Sie werden uns ansprechen, und

wir müssen ihnen antworten.«

»Wer hat nach deinen Gesetzen zu antworten?«

»Ich, der Inhaber meiner Dahabïe.«

»Merke auf, was ich dir sage, Abu el Reïsahn. Bist du bereit, mir dein

Schiff von hier bis Kahira zu vermieten?«

Der Kapitän sah mich erstaunt an, begriff dann aber gleich, was ich für

einen Zweck verfolgte.

»Ja,« antwortete er.

»Dann bin also ich der Inhaber?«

»Ja.«

»Und du als Reïs mußt thun, was ich will.«

»Ja.«

»Und bist für nichts verantwortlich?«

»Nein.«

»Gut. Rufe deine Leute zusammen!«

Auf seinen Ruf kamen alle herbei, und der Kapitän erklärte ihnen:

»Ihr Männer, ich sage euch, daß dieser Effendi, welcher Kara Ben Nemsi

heißt, unsere Dahabïe von hier bis Kahira gemietet hat. Ist es nicht

so?«

»Ja, es ist so,« bestätigte ich.

»Ihr könnt mir also bezeugen, daß ich nicht mehr Herr des Schiffes bin?«

fragte er die Leute.

»Wir bezeugen es.«

»So geht an eure Plätze. Das aber müßt ihr wissen, daß ich die Leitung

des Schiffes behalte, denn Kara Ben Nemsi hat es mir befohlen.«

Sie entfernten sich, sichtlich befremdet über die sonderbare Mitteilung,

welche ihnen geworden war.

Mittlerweile war der Sandal in gleiche Linie mit uns gekommen. Der

Kapitän desselben, ein alter langer, sehr hagerer Mann mit einer

Reiherfeder auf dem Tarbusch, trat an die Bordung und fragte herüber:

»Ho, Dahabïe, welcher Reïs?«

Ich neigte mich vor und antwortete:

»Reïs Hassan.«

»Hassan Abu el Reïsahn?«

»Ja.«

»Schön, kenne ihn,« antwortete er mit schadenfroher Miene. »Ihr habt ein

Weib an Bord?«

»Ja.«

»Gebt es heraus!«

»Chalid Ben Mustapha, du bist verrückt!«

»Wird sich finden. Wir werden an euch anlegen.«

»Das werden wir verhindern.«

»Wie willst du dies anfangen?«

»Das will ich dir sofort zeigen. Merke auf die Feder an deinem

Tarbusch!«

Ich erhob sehr schnell die Büchse, welche ich, ohne daß er sie gesehen

hatte, bereit gehalten hatte, zielte und drückte los. Die Feder flog

herab. Selbst das entsetzlichste Unglück hätte den würdigen Ben Mustapha

nicht so in Aufregung versetzen können, wie dieser Warnungsschuß. Er

fuhr so hoch in die Luft, als beständen seine hageren Gliedmaßen aus

elastischem Gummi, hielt sich den Kopf mit beiden Händen und floh hinter

den Mast.

»Jetzt weißt du, wie ich schieße, Ben Mustapha,« rief ich hinüber. »Wenn

dein Sandal noch eine einzige Minute bei uns backseits fährt, so schieße

ich dir nicht die Feder vom Tarbusch, sondern die Seele aus dem Leibe;

darauf kannst du dich verlassen!«

Diese Drohung hatte eine augenblickliche Wirkung. Er eilte an das

Steuer, riß es aus den Händen dessen, der es bisher regiert hatte, und

drehte ab. In zwei Minuten befand sich der Sandal in einer solchen

Entfernung von uns, daß ihn meine Kugel nicht erreichen konnte.

»Jetzt sind wir für den Augenblick sicher,« meinte ich.

»Er wird nicht wieder so nahe kommen,« stimmte Hassan bei; »aber er wird

uns auch nicht aus dem Auge lassen, bis wir irgendwo an das Ufer legen,

wo er die Hilfe des Gesetzes in Anspruch nehmen wird. Die fürchte ich

freilich nicht; aber ich fürchte etwas anderes.«

»Was?«

»Das da!«

Er deutete mit der Hand hinaus auf das Wasser, und wir verstanden

sogleich, was er meinte.

Schon seit einiger Zeit hatten wir bemerkt, daß die Wogen mit größerer

Gewalt und Schnelligkeit vorwärts strebten als vorher und die jetzt

felsig gewordenen Ufer einander immer näher traten. Wir näherten uns

nämlich einer jener Stromschnellen, welche, mehr oder weniger

gefahrdrohend für den Schiffer, dem Verkehre auf dem Nile fast

unüberwindliche Hindernisse entgegenstellen. Jetzt mußte die Feindschaft

der Menschen schweigen, damit sich die ungeteilte Aufmerksamkeit aller

auf das drohende Element richten konnte. Die Stimme des Reïs tönte laut

schallend über das Deck:

Durch Wüste und Harem Gesammelte Reiseromane, Band I · 第 8 / 38 段