würzigen Mokka und schwelgte im Dufte des würzigen Djebeli, welcher
meiner Pfeife entströmte. Die starken, nach außen fensterlosen Mauern
boten dem Sonnenbrande Einhalt, und die aufgestellten porösen
Thongefäße, durch deren Wände das Nilwasser verdunstete, machten die
Atmosphäre so erträglich, daß ich von der während der Mittagszeit hier
so gewöhnlichen Abspannung des Menschen wenig oder gar nichts bemerkte.
Da erhob sich draußen die scheltende Stimme meines Dieners Halef Agha.
Halef Agha? Ja, mein guter, kleiner Halef war ein Agha, ein Herr
geworden, und wer hat ihn dazu gemacht? Spaßhafte Frage! Wer denn sonst
als er selbst!
Wir waren über Tripolis und Kufarah nach Ägypten gekommen, hatten Kairo
besucht, welches der Ägypter schlechtweg el Masr, die Hauptstadt, oder
noch lieber el Kahira, die Siegreiche, nennt, waren den Nil, so weit es
mir meine beschränkten Mittel erlaubten, hinaufgefahren und hatten uns
dann zum Ausruhen die Wohnung genommen, in welcher ich mich ganz wohl
befunden hätte, wenn nicht mein sonst ganz prächtiger Diwan und alle
Teppiche sehr dicht von jenen springfertigen, stechkundigen Geschöpfen
heimgesucht worden wären, von welchen der alte, gute Fischart dichtete:
»Mich bizt neizwaz, waz mag daz sein?«
und von denen man außer dem großäugigen #Pulex canis# und dem rötlichen
#Pulex musculi# noch den allbeliebten #Pulex irritans# und den wütenden
#Pulex penetrans# kennen gelernt hat. Leider muß ich sagen, daß Ägypten
nicht das Jagdgefilde des #»irritans«#, sondern des #»penetrans«#, also
nicht des »reizenden« sondern des »durchdringenden« #Pulex# ist, und so
brauche ich wohl nicht hinzuzufügen, daß mein Kef, meine Mittagsruhe,
nicht ganz ohne alle Belästigung geblieben war.
Also draußen erhob sich die scheltende Stimme meines Dieners Halef Agha,
die mich aus meinen Träumen weckte:
»Was? Wie? Wen?«
»Den Effendi,« antwortete es schüchtern.
»Den Effendi el kebihr, den großen Herrn und Meister willst du stören?«
»Ich muß ihn sprechen.«
»Was? Du mußt? Jetzt, in seinem Kef? Hat dir der Teufel -- Allah
beschütze mich vor ihm! -- den Kopf mit Nilschlamm gefüllt, so daß du
nicht begreifen kannst, was ein Effendi, ein Hekim, zu bedeuten hat, ein
Mann, den der Prophet mit Weisheit speist, so daß er alles kann, sogar
die Toten lebendig machen, wenn sie ihm nur sagen, woran sie gestorben
sind!«
Ach, ja wohl, ich muß es eingestehen, daß mein Halef hier in Ägypten
viel, viel anders geworden war! Er war jetzt außerordentlich stolz,
unendlich grob und heillos aufschneiderisch geworden, und das will im
Oriente viel sagen.
Im Morgenlande wird jeder Deutsche für einen großen Gärtner und jeder
Ausländer für einen guten Schützen oder für einen großen Arzt gehalten.
Nun war mir unglücklicherweise in Kairo eine alte, nur noch halb
gefüllte homöopatische Apotheke von Willmar Schwabe in die Hand
gekommen; ich hatte hier und da bei einem Fremden oder Bekannten fünf
Körnchen von der dreißigsten Potenz versucht, dann während der Nilfahrt
meinen Schiffern gegen alle möglichen eingebildeten Leiden eine
Messerspitze Milchzucker gegeben und war mit ungeheurer Schnelligkeit in
den Ruf eines Arztes gekommen, der mit dem Scheïtan im Bunde stehe, weil
er mit drei Körnchen Durrhahirse Tote lebendig machen könne.
Dieser Ruf hatte in dem Kopfe meines Halef eine gelinde Art von
Größenwahn erweckt, der ihn aber glücklicherweise nicht hinderte, mir
der treueste und aufmerksamste Diener zu sein. Daß er am meisten
beitrug, meinen Ruhm zu verbreiten, das versteht sich ganz von selbst;
er war ganz und gar in das schmachvolle Laster des weiland Barons
Münchhausen #senior# verfallen und versuchte nebenbei, durch eine
Grobheit zu glänzen, welche klassisch zu werden drohte.
So hatte er sich, unter anderem, von seinem geringen Lohne eine
Nilpeitsche gekauft, ohne welche er gar nicht zu sehen war. Er kannte
Ägypten von früherher und behauptete, daß ohne Peitsche da gar nicht
auszukommen sei, weil sie größere Wunder thue als Höflichkeit und Geld,
von welchem letzteren mir allerdings kein großer Überfluß zur Verfügung
stand.
»Gott erhalte deine Rede, Sihdi,« hörte ich die bittende Stimme wieder;
»aber ich muß deinen Effendi, den großen Arzt aus Frankhistan, wirklich
sehen und sprechen.«
»Jetzt nicht.«
»Es ist sehr notwendig, sonst hätte mich mein Herr nicht gesandt.«
»Wer ist dein Herr?«
»Es ist der reiche und mächtige Abrahim-Mamur, dem Allah tausend Jahre
schenken möge.«
»Abrahim-Mamur? Wer ist denn dieser Abrahim-Mamur, und wie hieß sein
Vater? Wer war der Vater seines Vaters und der Vater seines Vatervaters?
Von wem wurde er geboren und wo leben die, denen er seinen Namen
verdankt?«
»Das weiß ich nicht, Sihdi, aber er ist ein mächtiger Herr, wie ja schon
sein Name sagt.«
»Sein Name? Was meinst du?«
»Abrahim-Mamur. Mamur heißt Vorsteher einer Provinz, und ich sage dir,
daß er wirklich ein Mamur gewesen ist.«
»Gewesen? Er ist es also nicht mehr?«
»Nein.«
»Das dachte ich mir. Niemand kennt ihn, selbst ich, Halef Agha, der
tapfere Freund und Beschützer meines Gebieters, habe noch nie von ihm
gehört und noch nie die Spitze seines Tarbusch gesehen. Gehe fort, mein
Herr hat keine Zeit.«
»So sage mir, Sihdi, was ich thun muß, um zu ihm zu kommen!«
»Kennst du nicht das Wort von dem silbernen Schlüssel, der die Stätten
der Weisheit erschließt?«
»Ich habe diesen Schlüssel bei mir.«
»So schließe auf.«
Ich horchte gespannt und vernahm das leise Klimpern von Geldstücken.
»Ein Piaster? Mann, ich sage dir, daß das Loch im Schlosse größer ist,
als dein Schlüssel; er paßt nicht, denn er ist zu klein.«
»So muß ich ihn vergrößern.«
Wieder klang es draußen wie kleine Silberstücke. Ich wußte nicht, sollte
ich lachen oder mich ärgern. Dieser Halef Agha war ja ein ganz
außerordentlich geriebener Portier geworden!
»Drei Piaster? Gut, so kann man wenigstens fragen, was du bei dem
Effendi auszurichten hast.«
»Er soll kommen und seine verzaubernde Medizin mitbringen.«
»Mensch, was fällt dir ein! Für drei Piaster soll ich ihn verleiten,
diese Medizin wegzugeben, welche ihm in der ersten Nacht jedes Neumondes
von einer weißen Fee gebracht wird?«
»Ist dies wahr?«
»Ich, Hadschi Halef Omar Agha, Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud
al Gossarah, sage es. Ich habe sie selbst gesehen, und wenn du es nicht
glaubst, so wirst du hier diese Kamtschilama, meine Nilpeitsche, zu
kosten bekommen!«
»Ich glaube es, Sihdi!«
»Das ist dein Glück!«
»Und werde dir noch zwei Piaster geben.«
»Gieb sie her! Wer ist denn krank im Hause deines Herrn?«
»Das ist ein Geheimnis, welches nur der Effendi erfahren darf.«
»Nur der Effendi? Schurke, bin ich nicht auch ein Effendi, der die Fee
gesehen hat! Geh nach Hause; Halef Agha läßt sich nicht beleidigen!«
»Verzeihe, Sihdi; ich werde es dir sagen!«
»Ich mag es nun nicht wissen. Packe dich von dannen!«
»Aber ich bitte dich -- -- --«
»Packe dich!«
»Soll ich dir noch einen Piaster geben?«
»Ich nehme nicht einen mehr!«
»Sihdi!«
»Sondern zwei!«
»O, Sihdi, deine Stirn leuchtet vor Güte. Hier hast du die zwei
Piaster.«
»Schön! Also wer ist krank?«
»Das Weib meines Herrn.«
»Das Weib deines Herrn?« frug Halef verwundert. »Welche Frau?«
»Er hat nur diese eine.«
»Und soll Mamur gewesen sein?«
»Er ist so reich, daß er hundert Frauen haben könnte, aber er liebt nur
diese.«
»Was fehlt ihr?«
»Niemand weiß es; aber ihr Leib ist krank, und ihre Seele ist noch
kränker.«
»Allah kerihm, Gott ist gnädig, aber ich nicht. Ich stehe da, mit der
Nilpeitsche in der Hand, und möchte sie dir auf den Rücken geben. Bei
dem Barte des Propheten, dein Mund spricht eine solche Weisheit, als
wäre dir bei der Kahnfahrt der Verstand in das Wasser gefallen! Weißt du
nicht, daß ein Weib gar keine Seele hat und deshalb auch nicht in den
Himmel darf? Wie also kann die Seele eines Weibes krank sein oder gar
noch mehr krank als ihr Leib?«
»Ich weiß es nicht, aber so wurde mir gesagt, Sihdi. Laß mich hinein zu
dem Effendi!«
»Ich darf es nicht thun.«
»Warum nicht?«
»Mein Herr kennt den Kuran und verachtet die Frauen. Die schönste Perle
der Weiber ist ihm wie der Skorpion im Sande, und seine Hand hat noch
nie das Gewand einer Frau berührt. Er darf kein irdisches Weib lieben,
sonst würde die Fee nie wiederkommen.«
Ich mußte das Talent Halef Aghas von Minute zu Minute mehr anerkennen,
fühlte aber trotzdem große Lust, ihn seine eigene Nilpeitsche schmecken
zu lassen. Jetzt ertönte die Antwort:
»Du mußt wissen, Sihdi, daß er ihr Gewand nicht berühren und ihre
Gestalt nicht sehen wird. Er darf nur durch das Gitter mit ihr
sprechen.«
»Ich bewundere die Klugheit deiner Worte und die Weisheit deiner Rede, o
Mann. Merkst du denn nicht, daß er grad durch das Gitter nicht mit ihr
sprechen darf?«
»Warum?«
»Weil die Gesundheit, welche der Effendi spenden soll, gar nicht zu dem
Weibe käme, sondern am Gitter hängen bleiben würde. Gehe fort!«
»Ich darf nicht gehen, denn ich werde hundert Schläge auf die Sohlen
bekommen, wenn ich den weisen Effendi nicht bringe.«
»Danke deinem gütigen Herrn, du Sklave eines Ägypters, daß er deine Füße
mit Gnade erleuchtet. Ich will dich nicht um dein Glück betrügen. Sallam
aaleïkum, Allah sei bei dir und lasse dir die Hundert gut bekommen!«
»So laß dir noch eins sagen, tapferer Agha. Der Herr unseres Hauses hat
mehr Beutel in seiner Schatzkammer, als du jemals zählen kannst. Er hat
mir befohlen, daß du auch mitkommen sollst, und du wirst ein Bakschisch
erhalten, ein Geschenk, wie es selbst der Khedive von Ägypten nicht
reicher geben würde.«
Jetzt endlich wurde der Mann klug und faßte meinen Halef etwas kräftiger
bei dem Punkte, an welchem man jeden Orientalen zu packen hat, wenn man
ihn günstig stimmen soll. Der kleine Haushofmeister änderte auch sofort
seinen Ton und antwortete mit hörbar freundlicherer Stimme:
»Allah segne deinen Mund, mein Freund! Aber ein Piaster in meiner Hand
ist mir lieber als zehn Beutel in einer anderen. Die deinige aber ist so
mager, wie der Schakal in der Schlinge oder wie die Wüste jenseits des
Mokattam.«
»Laß den Rat deines Herzens nicht zögern, mein Bruder!«
»Dein Bruder? Mensch bedenke, daß du ein Sklave bist, während ich als
freier Mann meinen Effendi begleite und beschütze! Der Rat meines
Herzens bleibt zurück. Wie kann das Feld Früchte bringen, wenn so wenig
Tropfen Tau vom Himmel fallen!«
»Hier hast du noch drei Tropfen!«
»Noch drei? So will ich sehen, ob ich den Effendi stören darf, wenn dein
Herr wirklich ein solches Bakschisch giebt.«
»Er giebt es.«
»So warte!«
Jetzt endlich also glaubte er, mich »stören zu dürfen«, der schlaue
Fuchs! Übrigens handelte er nach der allgemeinen Unsitte, so daß er
einigermaßen zu entschuldigen war, zumal das wenige, was er für seine
Dienste von mir forderte, kaum der Rede wert zu nennen war.
Was mich aber bei der ganzen Angelegenheit mit Bewunderung erfüllte, war
der Umstand, daß ich nicht zu einem männlichen sondern zu einem
weiblichen Patienten verlangt wurde. Da aber, abgesehen von den
wandernden Nomadenstämmen, der Muselmann die Bewohnerinnen seiner
Frauengemächer niemals den Augen eines Fremden freigiebt, so handelte es
sich hier jedenfalls um ein nicht mehr junges Weib, das sich vielleicht
durch die Eigenschaften des Charakters und Gemütes die Liebe
Abrahim-Mamurs erhalten hatte.
Halef Agha trat ein.
»Schläfst du, Sihdi?«
Der Schlingel! Hier nannte er mich Sihdi, und draußen ließ er sich
selbst so nennen.
»Nein. Was willst du?«
»Draußen steht ein Mann, welcher mit dir sprechen will. Er hat ein Boot
im Nile und sagte, ich müsse auch mitkommen.«
Der schlaue Bursche machte diese Schlußbemerkung nur, um sich das
versprochene Trinkgeld zu sichern. Ich wollte ihn nicht in Verlegenheit
bringen und that, als ob ich nichts gehört hätte.
»Was will er?«
»Es ist jemand krank.«
»Ist es notwendig?«
»Sehr, Effendi. Die Seele der Kranken steht schon im Begriff, die Erde
zu verlassen. Darum mußt du eilen, wenn du sie festhalten willst.«
Hm, er war kein übler Diplomat!
»Laß den Mann eintreten!«
Er ging hinaus und schob den Boten hinein. Dieser verbeugte sich bis zur
Erde nieder, zog die Schuhe aus und wartete dann demütig, bis ich ihn
anreden würde.
»Tritt näher!«
»Sallam aaleïkum! Allah sei mit dir, o Herr, und lasse dein Ohr offen
sein für die demütige Bitte des geringsten deiner Knechte.«
»Wer bist du?«
»Ich bin ein Diener des großen Abrahim-Mamur, der aufwärts droben am
Flusse wohnt.«
»Was sollst du mir sagen?«
»Es ist großes Herzeleid gekommen über das Haus meines Gebieters, denn
Güzela, die Krone seines Herzens, schwindet hin in die Schatten des
Todes. Kein Arzt, kein Fakir und kein Zauberer vermochte den Schritt
ihrer Krankheit aufzuhalten. Da hörte mein Herr -- den Allah erfreuen
möge -- von dir und deinem Ruhme und daß der Tod vor deiner Stimme
flieht. Er sandte mich zu dir und läßt dir sagen: Komm und nimm den Tau
des Verderbens von meiner Blume, so soll mein Dank süß sein und hell wie
der Glanz des Goldes.«
Diese Beschreibung einer bejahrten Frau schien mir ein wenig
überschwänglich zu sein.
»Ich kenne den Ort nicht, an welchem dein Herr wohnt. Ist er weit von
hier?«
»Er wohnt am Strande und sendet dir ein Boot. In einer Stunde wirst du
bei ihm sein.«
»Wer wird mich zurückfahren?«
»Ich.«
»Ich komme. Warte draußen!«
Er nahm seine Schuhe und zog sich zurück. Ich erhob mich, warf ein
anderes Gewand über und griff nach meinem Kästchen mit Aconit, Sulphur,
Pulsatilla und all' den Mitteln, welche in einer Apotheke von hundert
Nummern zu haben sind. Bereits nach fünf Minuten saßen wir in dem von
vier Ruderern bewegten Kahne, ich in Gedanken versunken, Halef Agha aber
stolz wie ein Pascha von drei Roßschweifen. Im Gürtel trug er die
silberbeschlagenen Pistolen, die ich in Kairo geschenkt erhalten hatte,
und den scharfen, glänzenden Dolch, in der Hand aber die unvermeidliche
Nilpeitsche, als das beste Mittel, sich unter der dortigen Bevölkerung
Achtung, Ehrerbietung und Berücksichtigung zu verschaffen.
Zwar war die Hitze nicht angenehm, aber die stromaufwärts gehende
Bewegung unseres Fahrzeuges brachte uns mit einem kühlenden Luftzuge in
Berührung.
Es ging eine Strecke weit an Durrha-, Tabak-, Sesam- und
Sennespflanzungen vorüber, aus deren Hintergrunde schlanke Palmen
emporragten; dann folgten unbebaute Flächen, über welche sich ein
niederes Gestrüpp von Mimosen und Sykomoren hinstreckte; endlich kam
nacktes, jeder Vegetation bares Gestein, und mitten aus den wohl bereits
vor Jahrtausenden herumgestreuten Felsblöcken erhob sich die
quadratische Mauer, durch welche wir uns den Eingang suchen mußten.
Als wir anlangten, bemerkte ich, daß ein schmaler Kanal aus dem Flusse
unter der Mauer fortführte, jedenfalls um die Bewohner mit dem nötigen
Wasser zu versehen, ohne daß dieselben sich aus ihrer Wohnung zu bemühen
brauchten. Unser Führer schritt uns voran, führte uns um zwei Ecken zu
der dem Wasser abgekehrten Seite und gab an dem dort befindlichen Thore
ein Zeichen, auf welches uns bald geöffnet wurde.
Das Gesicht eines Schwarzen grinste uns entgegen, doch beachteten wir
seine tief bis zur Erde herabgehende Reverenz gar nicht und schritten
vorwärts, an ihm vorüber. Architektonische Schönheit durfte ich bei
einem orientalischen Prachtgebäude nicht erwarten, und so fühlte ich
mich auch nicht überrascht von der kahlen, nackten, fensterlosen Front,
welche das Haus mir zukehrte. Aber das Klima des Landes hatte denn doch
einen etwas zu zerstörenden Einfluß auf das alte Gemäuer ausgeübt, als
daß ich es zur Wohnung eines zarten, kranken Weibes hätte empfehlen
mögen.
Früher hatten Zierpflanzen den schmalen Raum zwischen der Mauer und dem
Gebäude geschmückt und den Bewohnerinnen eine angenehme Erholung
geboten; jetzt waren sie längst verwelkt und verdorrt. Wohin das Auge
nur blickte, fand es nichts als starre kahle Öde, und nur Scharen von
Schwalben, welche in den zahlreichen Rissen und Sprüngen des
betreffenden Gebäudes nisteten, brachten einigermaßen Leben und Bewegung
in die traurige tote Scene.
Der voranschreitende Bote führte uns durch einen dunkeln, niedrigen
Thorgang in einen kleinen Hof, dessen Mitte ein Bassin einnahm. Also bis
hierher führte der Kanal, welchen ich vorhin bemerkt hatte, und der
Erbauer des einsamen Hauses war klugerweise vor allen Dingen darauf
bedacht gewesen, sich und die Seinigen reichlich mit dem zu versorgen,
was in dem heißen Klima jener Länderstriche das Notwendigste und
Unentbehrlichste ist. Zugleich bemerkte ich nun auch, daß der ganze Bau
darauf gerichtet war, die jährlich wiederkehrenden Überschwemmungen des
Nils schadlos aushalten zu können.
In diesen Hof hinab gingen mehrere hölzerne Gitterwerke, hinter denen
jedenfalls die zum Aufenthalt dienenden Räume lagen. Ich konnte ihnen
jetzt keine große, zeitraubende Betrachtung schenken, sondern gab meinem
Diener einen Wink, mit der Apotheke, welche er umhängen hatte, hier des
weiteren zu harren, und folgte dem Wegweiser in das Selamlük des Hauses.
Es war ein geräumiges, halbdunkles und hohes Zimmer, durch dessen
vergitterte Fensteröffnungen ein wohlthuend gedämpftes Licht fiel. Durch
die aufgeklebten Tapeten und Arabesken und Ornamente hatte es einen
wohnlichen Anstrich erhalten, und die in einer Nische stehenden
Wasserkühlgefäße erzeugten eine recht angenehme Temperatur. Ein Geländer
trennte den Raum in zwei Hälften, deren vordere für die Dienerschaft,
die hintere aber für den Herrn und die besuchenden Gäste bestimmt war.
Den erhöhten Hintergrund zierte ein breiter Diwan, welcher von einer
Ecke bis in die andere reichte, und auf welchem Abrahim-Mamur, der
»Besitzer von vielen Beuteln«, saß.
Er erhob sich beim Eintritte, blieb aber der Sitte gemäß vor seinem
Sitze stehen. Da ich nicht die dort gewöhnliche Fußbekleidung trug, so
konnte ich mich ihrer auch nicht entledigen, sondern schritt,
unbekümmert um meine Lederstiefel, über die kostbaren Teppiche und ließ
mich an seiner Seite nieder. Die Diener brachten den unvermeidlichen
Kaffee und die noch notwendigeren Pfeifen, und nun konnte das weitere
folgen.
Mein erster Blick war natürlich nach seiner Pfeife gerichtet gewesen,
denn jeder Kenner des Orients weiß, daß man an derselben sehr genau die
Verhältnisse ihres Besitzers zu erkennen vermag. Das lange,
wohlriechende und mit stark vergoldetem Silberdraht umsponnene Rohr
hatte gewiß seine tausend Piaster gekostet. Teurer aber noch war das
Bernsteinmundstück, welches aus zwei Teilen bestand, zwischen denen ein
mit Edelsteinen besetzter Ring hervorschimmerte. Der Mann schien
wirklich »viele Beutel« zu besitzen, nur war dies kein Grund, mich
befangen zu machen, da mancher Inhaber einer Pfeife im Werte von
zehntausend Piastern seinen Reichtum doch nur den geknechteten
Unterthanen entwendet oder geraubt hat. Lieber also einen prüfenden
Blick in das Gesicht!
Wo hatte ich diese Züge doch nur bereits einmal gesehen, diese schönen,
feinen und in ihrer Mißharmonie doch so diabolischen Züge? Forschend,
scharf, stechend, nein, förmlich durchbohrend senkt sich der Blick des
kleinen, unbewimperten Auges in den meinen und kehrt dann kalt und wie
beruhigt wieder zurück. Glühende und entnervende Leidenschaften haben
diesem Gesichte immer tiefere Spuren eingegraben; die Liebe, der Haß,
die Rache, der Ehrgeiz sind einander behilflich gewesen, eine großartig
angelegte Natur in den Schmutz des Lasters herniederzureißen und dem
Äußeren des Mannes jenes unbeschreibliche Etwas zu verleihen, welches
dem Guten und Reinen ein sicheres Warnungszeichen ist.
Wo bin ich diesem Manne begegnet? Gesehen habe ich ihn; ich muß mich nur
besinnen; aber das fühle ich, unter freundlichen Umständen ist es nicht
gewesen.
»Sallam aaleïkum!« ertönte es langsam zwischen dem vollen, prächtigen,
aber schwarzgefärbten Barte hervor.
Diese Stimme war kalt, klanglos, ohne Leben und Gemüt; es konnte einem
dabei ein Schauer ankommen.
»Aaleïkum!« antwortete ich.
»Möge Allah Balsam wachsen lassen auf den Spuren deiner Füße und Honig
träufeln von den Spitzen deiner Finger, damit mein Herz nicht mehr höre
die Stimme seines Kummers!«
»Gott gebe dir Frieden und lasse mich finden das Gift, welches an dem
Leben deines Glückes nagt,« erwiderte ich seinen Gruß, da nicht einmal
der Arzt nach dem Weibe des Muselmannes fragen darf, ohne den größten
Verstoß gegen die Höflichkeit und Sitte zu begehen.
»Ich habe gehört, daß du ein weiser Hekim seiest. Welche Medresse[21]
hast du besucht?«
[21] Höhere Schule im Orient.
»Keine.«
»Keine?«
»Ich bin kein Moslem.«
»Nicht? Was sonst?«
»Ein Nemsi!«
»Ein Nemsi! O, ich weiß, die Nemsi sind kluge Leute; sie kennen den
Stein der Weisen und das Abracadabra, welches den Tod vertreibt.«
»Es giebt weder einen Stein der Weisen noch ein Abracadabra.«
Er blickte mir kalt in die Augen.
»Vor mir brauchst du dich nicht zu verbergen. Ich weiß, daß die Zauberer
von ihrer Kunst nicht sprechen dürfen, und will sie dir auch gar nicht
entlocken, nur helfen sollst du mir. Wodurch vertreibst du die Krankheit
eines Menschen, durch Worte oder durch einen Talisman?«
»Weder durch Worte noch durch einen Talisman, sondern durch die
Medizin.«
»Du sollst dich nicht vor mir verstecken. Ich glaube an dich, denn
trotzdem du kein Moslem bist, ist doch deine Hand mit Erfolg begabt, als
hätte sie der Prophet gesegnet. Du wirst die Krankheit finden und
besiegen.«
»Der Herr ist allmächtig; er kann retten und verderben, und nur ihm
allein gebührt die Ehre. Doch wenn ich helfen soll, so sprich!«
Diese direkte Aufforderung, ein wenn auch noch so unbedeutendes
Geheimnis seines Haushaltes preiszugeben, schien ihn unangenehm zu
berühren, trotzdem er darauf vorbereitet sein mußte; doch versuchte er
sofort die Schwäche zu verbergen und befolgte meine Aufforderung:
»Du bist aus dem Lande der Ungläubigen, wo es keine Schande ist, von der
zu reden, welche die Tochter einer Mutter ist?«
Ich fühlte mich innerlich amüsiert von der Art und Weise, mit welcher
er es zu umgehen suchte, von »seinem Weibe« zu sprechen, doch blieb ich
ernst und antwortete ziemlich kalt:
»Du willst, daß ich dir helfen soll und beschimpfest mich?«
»Inwiefern?«
»Du nennst meine Heimat das Land der Ungläubigen.«
»Ihr seid doch ungläubig!«
»Wir glauben an einen Gott, welcher derselbe Gott ist, den ihr Allah
nennt. Du heißest mich von deinem Standpunkte aus einen Ungläubigen; mit
demselben Rechte könnte ich dich von meinem Standpunkte aus ebenso
nennen; aber ich thue es nicht, weil wir Nemsi nie die Pflicht der
Höflichkeit verletzen.«
»Schweigen wir über den Glauben! Der Moslem darf nicht von seinem Weibe
sprechen; aber du erlaubst, daß ich von den Frauen in Frankhistan rede?«
»Ich erlaube es.«
»Wenn das Weib eines Franken krank ist -- -- --«
Er sah mich an, als ob er eine Bemerkung von mir erwarte; ich winkte ihm
nur, in seiner Rede fortzufahren.
»Also wenn sie krank ist und keine Speise zu sich nimmt --«
»Keine?«
»Nicht die geringste!«
»Weiter!«
»Den Glanz ihrer Augen und die Fülle ihrer Wangen verliert -- wenn sie
müde ist und doch den Genuß des Schlafes nicht mehr kennt -- -- --«
»Weiter!«
»Wenn sie nur lehnend steht und langsam, schleichend geht -- vor Kälte
schauert und vor Hitze brennt -- -- --«
»Ich höre. Fahre fort.«
»Bei jedem Geräusch erschrickt und zusammenzuckt -- wenn sie nichts
wünscht, nichts liebt, nichts haßt und unter dem Schlage ihres Herzens
zittert -- -- --«
»Immer weiter!«
»Wenn ihr Atem zu sehen ist wie der des kleinen Vogels -- wenn sie nicht
lacht, nicht weint, nicht spricht -- wenn sie kein Wort der Freude und
kein Wort der Klage hören läßt und ihre Seufzer selbst nicht mehr
vernimmt -- wenn sie das Licht der Sonne nicht mehr sehen will und in der
Nacht wach in den Ecken kauert -- -- --«