»Das ist genug! -- Hast du diese Worte vernommen?« fragte er mich dann.

»Ja.«

»Was sagst du dazu?«

»Daß er ein Schurke ist. Er war der Mörder und hat in seiner Anklage die

Personen geradezu verwechselt.«

»Er hat geschworen, und du bist ein Giaur. Ich glaube nicht dir, sondern

ihm.«

»Frage meinen Diener! Er ist mein Zeuge.«

»Er dient einem Ungläubigen; seine Worte gelten nichts. Ich werde den

großen Rat der Oase einberufen lassen, der meine Worte hören und über

dich entscheiden wird.«

»Du willst mir nicht glauben, weil ich ein Christ bin, und schenkst

dennoch einem Giaur dein Vertrauen. Dieser Mensch ist ein Armenier und

also kein Moslem, sondern ein Christ.«

»Er hat beim Propheten geschworen.«

»Das ist eine Niederträchtigkeit und eine Sünde, für die ihn Gott

bestrafen wird. Wenn du mich nicht hören willst, so werde ich ihn beim

Rate der Oase verklagen.«

»Ein Giaur kann keinen Gläubigen verklagen, und der Rat der Oase könnte

ihm nicht das Geringste thun, denn mein Freund besitzt ein Bu-Djeruldu

und ist also ein Giölgeda padischahnün, einer, der im Schatten des

Großherrn steht.«

»Und ich bin ein Giölgeda senin kyralün, einer, der im Schatten seines

Königs wandelt. Auch ich habe ein Bu-Djeruldu; du hast es in deiner

Tasche.«

»Es ist in der Sprache der Giaurs geschrieben; ich würde mich

verunreinigen, wenn ich es läse. Deine Sache wird noch heute untersucht

werden, zunächst aber erhaltet ihr die Bastonnade: du fünfzig, dein

Diener sechzig und dein Führer zwanzig Hiebe auf die Fußsohle. Führt sie

hinab in den Hof; ich werde nachkommen!«

»Alykomün elleri -- nehmt die Hände zurück!« gebot sofort der

Unteroffizier.

Die hundert Finger ließen augenblicklich von mir ab.

»Alyn -- iz tüfenkleri -- hebt die Flinten auf!«

Die Helden stürzten auf ihre Gewehre zu und nahmen sie wieder an sich.

»Wirmyn hep -- ütsch -- umschließt alle drei!«

Im Nu hatten sie mich, Halef und Omar umringt. Wir wurden hinaus in den

Hof geführt, in dessen Mitte sich ein bankartiger Block befand. Seine

Beschaffenheit deutete darauf hin, daß er zur Aufnahme derjenigen

bestimmt sei, welche die Bastonnade erhalten sollten.

Weil ich selbst mich ruhig gefügt hatte, waren auch meine beiden

Gefährten ohne allen Widerstand gefolgt, aber ich sah es in ihren Augen,

daß sie nur auf mein Beispiel warteten, um der Posse ein Ende zu machen.

Als wir eine Weile vor dem Blocke gehalten hatten, erschien der Wekil

mit Abu en Nassr. Der Schwarze trug den Teppich vor ihnen her, breitete

ihn auf dem Boden aus und reichte, als sie sich gesetzt hatten, ihnen

Feuer für ihre ausgegangenen Pfeifen. Jetzt deutete der Wekil auf mich.

»Wermyn ona elli -- gebt ihm Fünfzig!«

Jetzt war es Zeit.

»Hast du mein Bu-Djeruldu noch in der Tasche?« fragte ich ihn.

»Ja.«

»Gieb es mir!«

»Du wirst es niemals zurückerhalten!«

»Warum?«

»Daß sich kein Gläubiger daran verunreinigen kann.«

»Du willst mich wirklich schlagen lassen?«

»Ja.«

»So werde ich dir zeigen, wie es ein Nemsi macht, wenn er gezwungen ist,

sich selbst Gerechtigkeit zu verschaffen!«

Der kleine Hof war an drei Seiten von einer hohen Mauer und an der

vierten von dem Gebäude umschlossen; es gab keinen andern Ausgang als

denjenigen, durch welchen wir eingetreten waren. Zuschauer gab es nicht;

wir waren also drei gegen dreizehn. Die Waffen hatte man uns gelassen,

so erforderte es der ritterliche Gebrauch der Wüste; der Wekil war

völlig unschädlich, ebenso auch seine Soldaten, und nur Abu en Nassr

konnte gefährlich werden. Ich mußte ihn vor allen Dingen kampfunfähig

machen.

»Hast du eine Schnur?« fragte ich Omar leise.

»Ja; meine Burnusschnur.«

»Mache sie los!« Und gegen Halef fügte ich hinzu: »Du springst zum

Ausgang und lässest keinen Menschen durch!«

»Verschaffe sie dir!« hatte indessen der Wekil geantwortet.

»Sogleich!«

Mit diesen Worten sprang ich ganz plötzlich zwischen den Soldaten

hindurch und auf Abu en Nassr zu, riß ihm die Arme auf den Rücken und

drückte ihm das Knie so fest auf den Nacken, daß er sich in seiner

sitzenden Stellung nicht zu rühren vermochte.

»Binde ihn!« gebot ich Omar.

Dieser Befehl war eigentlich überflüssig, denn Omar hatte mich sofort

begriffen und war bereits dabei, seine Schnur um die Arme des Armeniers

zu schlingen. Ehe nur eine Bewegung gegen uns geschehen konnte, war er

gefesselt. Mein plötzlicher Angriff hatte den Wekil und seine Leibwache

so perplex gemacht, daß sie mich ganz konsterniert anstaunten. Ich zog

jetzt mit der Rechten mein Messer und faßte ihn mit der Linken am

Genick. Er streckte vor Entsetzen Arme und Beine von sich, als ob er

bereits vollständig tot sei; desto mehr Leben aber kam in die Soldaten.

»Hatschyn, aramin imdadi -- reißt aus, bringt Hilfe!« brüllte der

Onbaschi, der zuerst die Sprache wiedergefunden hatte.

Sein Säbel wäre ihm hinderlich geworden, er warf ihn weg und rannte dem

Ausgange zu; die andern folgten ihm. Dort aber stand bereits der wackere

Halef mit schußfertigem Gewehre.

»Geri; durar -- siz bunda -- zurück! Ihr bleibt hier!« rief er ihnen

entgegen.

Sie stutzten, wandten sich um und sprangen nach allen vier Richtungen

auseinander, um Schutz in den Mauerecken zu suchen.

Auch Omar hatte sein Messer gezogen und stand mit finsterem Blick

bereit, es Abu en Nassr in das Herz zu stoßen.

»Bist du tot?« fragte ich den Wekil.

»Nein, aber du wirst mich töten?«

»Das kommt auf dich an, du Inbegriff aller Gerechtigkeit und Tapferkeit.

Aber ich sage dir, daß dein Leben an einem dünnen Haare hängt.«

»Was verlangst du von mir, Sihdi?«

Noch ehe ich antwortete, erscholl der angstvolle Ruf einer Weiberstimme.

Ich blickte auf und bemerkte eine kleine dicke, weibliche Gestalt,

welche vom Eingange her mit möglichster Anstrengung auf uns

zuge -- -- kugelt kam.

»Tut -- halt!« rief sie mir kreischend zu. »Öldirme onu; dir benim

kodscha -- töte ihn nicht; er ist mein Mann!«

Also diese dicke, runde Madame, welche unter ihrer dichten Kleiderhülle

mit wahrhaft schwimmähnlichen Bewegungen auf mich zusteuerte, war die

gnädige Frau Statthalterin. Jedenfalls hatte sie von dem mit einem

Holzgitter versehenen Frauengemache aus der interessanten Exekution

zusehen wollen und zu ihrem Entsetzen bemerken müssen, daß dieselbe

jetzt an ihrem Ehegatten vollzogen werden solle. Ich fragte ihr ruhig

entgegen:

»Wer bist du?«

»Im kary wekilün, ich bin das Weib des Wekil,« antwortete sie.

»Ewet, dir benim awret, gül Kbillinün -- ja, sie ist mein Weib, die Rose

von Kbilli,« bestätigte ächzend der Statthalter.

»Wie heißt sie?«

»Demar-im Mersinah -- ich heiße Mersinah,« berichtete sie.

»He, demar Mersinah -- ja, sie heißt Mersinah,« ertönte das Echo aus dem

Munde des Wekil.

Also sie war die »Rose von Kbilli« und hieß Mersinah, d. i. Myrte. Einem

so zarten Wesen gegenüber mußte ich nachgiebig sein.

»Wenn du mir die Morgenröte deines Antlitzes zeigst, o Blume der Oase,

so werde ich meine Hand von ihm nehmen,« sagte ich.

Sofort flog der Jaschmak, der Schleier, von ihrem Angesichte. Sie hatte

lange Zeit unter den Arabern gelebt, deren Frauen unverhüllt gehen, und

war also weniger zurückhaltend geworden, als unter andern Verhältnissen

die Türkinnen sein müssen. Übrigens handelte es sich hier, wie sie

dachte, um das kostbare Leben ihres Eheherrn.

Ich blickte in ein farbloses, mattes, verschwommenes Frauenangesicht,

welches so fett war, daß man die Augen kaum und das Stumpfnäschen

beinahe gar nicht unterscheiden konnte. Madame Wekil war vielleicht

vierzig Jahre alt, hatte aber die Folgen dieses Alters durch hochgemalte

schwarze Augenbrauen und rotangestrichene Lippen zu paralysieren

gesucht. Zwei schwarze, mittels einer Kohle je auf der Mitte der Wange

hervorgebrachte Punkte gaben ihr ein pittoreskes Aussehen, und als sie

jetzt die Vorderarme aus der Hülle streckte, bemerkte ich, daß sie nicht

bloß die Nägel, sondern auch die ganzen Hände mit Henna rot gefärbt

hatte.

»Ich danke dir, du Sonne vom Dscherid!« schmeichelte ich. »Wenn du mir

versprichst, daß der Wekil ruhig sitzen bleibt, soll ihm jetzt kein Leid

geschehen.«

»Kaladschak-dir -- er wird sitzen bleiben; ich verspreche es dir!«

»So mag er es deiner Lieblichkeit danken, daß ich ihn nicht zerdrücke

wie eine Indschir, wie eine Feige, die in der Presse liegt, um

getrocknet zu werden. Deine Stimme gleicht der Stimme der Flöte; dein

Auge glänzt wie das Auge der Sonne; deine Gestalt ist wie die Gestalt

von Scheherezade. Nur dir allein bringe ich das Opfer, daß ich ihn leben

lasse!«

Ich nahm die Hand von ihm; er richtete sich auf, indem er erleichtert

stöhnte, blieb aber gehorsam in seiner sitzenden Stellung. Sie

betrachtete mich sehr aufmerksam vom Kopfe bis zu den Füßen herab und

fragte dann mit freundlichem Tone:

»Wer bist du?«

»Ich bin ein Nemsi, ein Fremdling, dessen Heimat weit drüben über dem

Meere liegt.«

»Sind eure Frauen schön?«

»Sie sind schön, aber sie gleichen doch nicht den Frauen am Schott El

Kebihr.«

Sie nickte, befriedigt lächelnd, und ich sah es ihr an, daß ich Gnade

vor ihren Augen gefunden hatte.

»Die Nemsi sind sehr kluge, sehr tapfere und sehr höfliche Leute, das

habe ich schon oft gehört,« entschied sie. »Du bist uns willkommen! Doch

warum hast du diesen Mann gebunden; warum fliehen unsere Soldaten vor

dir, und warum wolltest du den mächtigen Statthalter töten?«

»Ich habe diesen Mann gebunden, weil er ein Mörder ist; deine Soldaten

flohen vor mir, weil sie merkten, daß ich sie alle elf besiegen würde,

und den Wekil habe ich gebunden, weil er mich schlagen und dann

vielleicht sogar zum Tode verurteilen wollte, ohne mir Gerechtigkeit zu

geben.«

»Du sollst Gerechtigkeit haben!«

Da wollte sich mir die Überzeugung aufdrängen, daß der Pantoffel im

Oriente dieselbe zauberische Kraft besitzt, wie im Abendlande. Der Wekil

sah seine Autorität bedroht und machte einen Versuch, sie wieder

herzustellen:

»Ich bin ein gerechter Richter und werde -- -- --«

»Sus-olmar-sen -- du wirst schweigen!« gebot sie ihm. »Du weißt, daß ich

diesen Menschen kenne, der sich Abu en Nassr, Vater der Sieger, nennt;

er sollte sich aber Abu el Jalani, Vater der Lügner, nennen. Er war

schuld, daß man dich nach Algier schickte, grad als du Mülasim werden

konntest; er war schuld, daß du dann nach Tunis kamst und hier in dieser

Einsamkeit vergraben wurdest, und so oft er hier bei dir war, mußtest du

etwas thun, was dir Schaden brachte. Ich hasse ihn, ich hasse ihn und

habe nichts dagegen, daß dieser Fremdling hier ihn tötet. Er hat es

verdient!«

»Er kann nicht getötet werden; er ist ein Giölgeda padischahnün!«

»Tut aghyzi, halte den Mund! Er ist ein Giölgeda padischahnün, das

heißt, er steht im Schatten des Padischah; dieser Fremdling aber ist ein

Giölgeda wekilanün, das heißt, er steht im Schatten der Statthalterin,

in meinem Schatten, hörst du? Und wer in meinem Schatten steht, den soll

deine Hitze nicht verderben. Steh auf und folge mir!«

Er erhob sich; sie wandte sich zum Gehen, und er machte Miene, sich ihr

anzuschließen. Das war natürlich ganz gegen meine Absicht.

»Halt!« gebot ich, indem ich ihn nochmals beim Genick faßte. »Du bleibst

da!«

Da wandte sie sich um.

»Hast du nicht gesagt, daß du ihn freigeben willst?« fragte sie.

»Ja, doch nur unter der Bedingung, daß er an seinem Platze bleibt.«

»Er kann doch nicht in alle Ewigkeit hier sitzen bleiben!«

»Du hast recht, o Perle von Kbilli; aber er kann jedenfalls so lange

hier bleiben, bis meine Angelegenheit erledigt ist.«

»Die ist bereits erledigt.«

»Inwiefern?«

»Habe ich dir nicht gesagt, daß du uns willkommen bist?«

»Das ist richtig.«

»Du bist also unser Gast und sollst mit den Deinen so lange bei uns

wohnen, bis es dir gefällig ist, uns wieder zu verlassen.«

»Und Abu en Nassr, den du Abu el Jalani genannt hast?«

»Er bleibt dein, und du kannst mit ihm machen, was du willst.«

»Ist das wahr, Wekil?«

Er zögerte, eine Antwort zu geben, doch ein strenger Blick aus den Augen

seiner Herrin zwang ihn, zu sprechen:

»Ja.«

»Du schwörst es mir?«

»Ich schwöre es.«

»Bei Allah und seinem Propheten?«

»Muß ich?« fragte er Madame, die Rose von Kbilli.

»Du mußt!« antwortete sie sehr entschieden.

»So schwöre ich es bei Allah und dem Propheten.«

»Nun darf er mit mir gehen?« fragte sie mich.

»Er darf,« antwortete ich.

»Du wirst nachkommen und mit uns einen Hammel mit Kuskussu speisen.«

»Hast du einen Ort, an dem ich Abu en Nassr sicher aufbewahren kann?«

»Nein. Binde ihn an den Stamm der Palme dort an der Mauer. Er wird dir

nicht entfliehen, denn ich werde ihn durch unsere Truppen bewachen

lassen.«

»Ich werde ihn selbst bewachen,« antwortete Omar an meiner Stelle. »Er

wird mir nicht entfliehen, sondern mit seinem Tode das Leben meines

Vaters bezahlen. Mein Messer wird so scharf sein, wie mein Auge.«

Der Mörder hatte von dem Augenblick seiner Fesselung an nicht das

kleinste Wort gesprochen; aber sein Auge glühte tückisch und unheimlich

auf uns, als er uns nach der Palme folgen mußte, an welcher wir ihn

festbanden. Es lag wahrhaftig nicht in meiner Absicht, ihm das Leben zu

nehmen; aber er war der Blutrache verfallen, und ich wußte, daß keine

Bitte meinerseits Omar vermocht hätte, ihn zu begnadigen. Ed d'em b'ed

d'em, oder wie der Türke sagt, kan kanü ödemar, das Blut bezahlt das

Blut. Am liebsten wäre es mir trotz allem gewesen, wenn es ihm gelingen

konnte, ohne meine Mitwissenschaft zu entwischen; aber so lange ich mich

auf seiner Fährte befunden hatte und so lange er sich in meiner Gewalt

befand, mußte ich ihn als Feind und Mörder betrachten und also auch als

solchen behandeln. Gewiß war es auf alle Fälle, daß er mich nicht

schonen würde, falls ich das Unglück haben sollte, in seine Hand zu

fallen.

Ich ließ ihn also in der Obhut Omars und begab mich mit Halef nach dem

Selamlük. Unterwegs fragte mich der kleine Diener:

»Du sagtest, dieser Mensch sei kein Moslem. Ist dies wahr?«

»Ja. Er ist ein armenischer Christ und giebt sich da, wo er es für

geboten hält, für einen Mohammedaner aus.«

»Und du hältst ihn für einen schlechten Menschen?«

»Für einen sehr schlechten.«

»Siehst du, Effendi, daß die Christen schlechte Menschen sind! Du mußt

dich zum wahren Glauben bekennen, wenn du nicht in alle Ewigkeit in der

Dschehennah braten willst!«

»Und du wirst selbst so lange darin braten!«

»Weshalb?«

»Hast du mir nicht erzählt, daß im Derk Asfal, in der siebenten und

tiefsten Hölle, alle Lügner und Heuchler braten und die Teufelsköpfe vom

Baume Zakum essen müssen?«

»Ja, aber was habe ich damit zu schaffen?«

»Du bist ein Lügner und Heuchler!«

»Ich, Sihdi? Meine Zunge redet die Wahrheit, und in meinem Herzen ist

kein Falsch. Wer mich so nennt, wie du mich nanntest, den wird meine

Kugel treffen!«

»Du lügst, Mekka gesehen zu haben, und heuchelst, ein Hadschi zu sein.

Soll ich das dem Wekil erzählen?«

»Aman, aman, verzeihe! Das wirst du nicht thun an Hadschi Halef Omar,

dem treuesten Diener, den du finden kannst!«

»Nein, ich werde es nicht thun; aber du kennst auch die Bedingung, unter

welcher ich schweige.«

»Ich kenne sie und werde mich in acht nehmen, doch wirst du dennoch ein

wahrer Gläubiger werden, du magst nun wollen oder nicht, Sihdi!«

Wir traten ein und wurden bereits von dem Wekil erwartet. Es war

keineswegs die freundlichste Miene, mit welcher er mich empfing.

»Setze dich!« lud er mich ein.

Ich folgte seiner Aufforderung und nahm hart neben ihm Platz, während

Halef sich mit den Pfeifen zu thun machte, welche man mittlerweile in

einer Ecke des Raumes bereitgestellt hatte.

»Warum wolltest du das Angesicht meines Weibes sehen?« begann die

Unterhaltung.

»Weil ich ein Franke bin, der gewohnt ist, stets das Angesicht dessen zu

sehen, mit dem er spricht.«

»Ihr habt schlechte Sitten! Unsere Frauen verbergen sich, die eurigen

aber lassen sich sehen. Unsere Frauen tragen Kleider, die oben lang und

unten kurz sind; die eurigen aber haben Gewänder, welche oben kurz und

unten lang, oft auch oben und unten zugleich kurz sind. Habt ihr jemals

eine unserer Frauen bei euch gesehen? Eure Mädchen aber kommen zu uns,

und weshalb? O jazik, o wehe!«

»Wekil, ist das die Gastfreundschaft, welche mir von euch geboten

wurde? Seit wann ist es Sitte geworden, den Gastfreund mit einer

Beleidigung zu empfangen? Ich brauche weder deinen Hammel noch dein

Kuskussu und werde wieder hinuntergehen in den Hof. Folge mir!«

»Effendi, verzeihe mir! Ich wollte dir nur sagen, was ich dachte, aber

ich wollte dich nicht beleidigen.«

»Wer nicht beleidigen will, darf nicht stets sagen, was er denkt. Ein

schwatzhafter Mensch gleicht einem zerbrochnen Topfe, den niemand

brauchen kann, weil er nichts bewahrt.«

»Setze dich wieder nieder, und erzähle mir, wo du Abu en Nassr getroffen

hast.«

Ich erstattete ihm ausführlichen Bericht von unserem Abenteuer. Er hörte

schweigend zu und schüttelte sodann den Kopf.

»Du glaubst also, daß er den Kaufmann in Blidah ermordet hat?«

»Ja.«

»Du warst nicht dabei!«

»Ich schließe es.«

»Nur Allah allein darf schließen; er ist allwissend, und des Menschen

Gedanke ist wie der Reiter, den ein ungehorsames Pferd dorthin trägt,

wohin er nicht kommen wollte.«

»Nur Allah darf schließen, weil er allwissend ist? O Wekil, dein Geist

ist müde von den vielen Hammeln mit Kuskussu, die du gegessen hast! Eben

weil Allah allwissend ist, braucht er nicht zu schließen; wer schließt,

der sucht ein Ergebnis seiner Folgerungen, ohne es vorher zu kennen.«

»Ich höre, daß du ein Taleb bist, ein Gelehrter, der viele Schulen

besucht hat, denn du sprichst in Worten, die niemand verstehen kann.

Und du glaubst auch, daß er den Mann im Wadi Tarfaui getötet hat?«

»Ja.«

»Warst du dabei?«

»Nein.«

»So hat es dir der Tote erzählt?«

»Wekil, die Hammel, welche du verzehrtest, hätten gewußt, daß ein Toter

nicht mehr sprechen kann!«

»Effendi, jetzt sprichst du selbst eine Unhöflichkeit! Also du warst

nicht dabei, und der Tote konnte es dir nicht sagen; woher also willst

du wissen, daß er ein Mörder ist?«

»Ich schließe es.«

»Ich habe dir bereits gesagt, daß nur Allah schließen darf!«

»Ich habe seine Spur gesehen und verfolgt, und als ich ihn traf, hat er

mir den Mord eingestanden.«

»Daß du seine Spur gefunden hast, ist kein Beweis, daß er ein Mörder

ist, denn mit einer Spur hat noch niemand einen Menschen erschlagen. Und

daß er dir den Mord eingestanden hat, das macht mich nicht irre; er ist

ein Kusch-schakanün, ein Spaßvogel, dessen Absicht es war, sich einen

Scherz zu machen.«

»Mit einem Morde spaßt man nicht!«

»Aber mit einem Menschen, und der warst du. Und du glaubst auch endlich,

daß er den Führer Sadek erschossen hat?«

»Ja.«

»Du warst dabei?«

»Allerdings.«

»Und hast es gesehen?«

»Sehr deutlich. Auch Hadschi Halef Omar ist Zeuge.«

»Nun wohl, so hat er ihn erschossen; aber willst du wirklich deshalb

sagen, daß er ein Mörder sei?«

»Natürlich!«

»Sihdi, Allah stärke deine Gedanken, denn du sollst gleich einsehen, daß

der Mensch nicht schließen soll!«

»Nun?«

»Weil du Zeuge bist, daß er den Führer erschossen hat, schließest du,

daß er ein Mörder sei?«

»Das versteht sich doch ganz von selbst.«

»Falsch! Wenn es nun eine Blutrache gewesen wäre! Gibt es in deinem

Lande keine Blutrache?«

»Nein.«

»So sage ich dir, daß der Bluträcher niemals ein Mörder ist. Kein

Richter verdammt ihn; nur diejenigen, zu denen der Tote gehörte, haben

das Recht, ihn zu verfolgen.«

»Aber Sadek hat ihn nicht beleidigt!«

»So wird ihn der Stamm beleidigt haben, zu welchem Sadek gehörte.«

»Auch das ist nicht der Fall. Wekil, ich will dir sagen, daß ich

meinerseits mit diesem Abu en Nassr, der eigentlich Hamd el Amasat heißt

und schon vorher wohl auch noch einen armenischen Namen getragen hat,

gar nichts zu schaffen haben mag, sobald er mich in Ruhe läßt. Aber er

hat den Führer Sadek erschlagen, dessen Sohn Omar Ben Sadek ist, und

dieser letztere hat also, wie du vorhin selbst erklärtest, ein Recht auf

das Leben des Mörders. Mache es mit ihm ab, doch sorge auch dafür, daß

mir dieser Vater der Sieger nicht wieder begegnet, sonst rechne ich mit

ihm ab!«

»Sihdi, jetzt trieft deine Rede von Weisheit. Ich werde mit Omar

sprechen, der ihn freigeben soll; du aber bist mein Gast, so lange es

dir gefällt.«

Er erhob sich und schritt nach dem Hofe. Ich wußte voraus, daß alle

seine Bemühungen bei Omar vergeblich sein würden. Wirklich kehrte er

nach einer Zeit mit finsterer Miene zurück und blieb auch schweigsam,

als der am Spieße gebratene Hammel aufgetragen wurde, den die lieblichen

Hennafinger der »Rose von Kbilli« zubereitet hatten. Ich und Halef, wir

langten wacker zu, und eben hatte mir der Wekil gesagt, daß Omar seine

Mahlzeit hinaus in den Hof bekommen solle, da er nicht zu bewegen sei,

von seinem Gefangenen fortzugehen, als draußen ein lauter Schrei

erscholl. Ich horchte auf, und der Ruf wiederholte sich: »Breh,

Effendina, zu Hilfe!«

Dieser Ruf galt mir. Ich sprang auf und eilte hinaus. Omar lag an der

Erde und balgte sich mit den Soldaten herum, der Gefangene aber war

nicht zu sehen. Am andern Ausgange aber stand der Schwarze und grinste

mir mit schadenfroher Miene entgegen:

»Fort, Sihdi -- dort reiten!«

Drei Schritte brachten mich vor das Haus, und ich sah Abu en Nassr eben

zwischen den Palmen verschwinden. Er ritt ein Eilkamel, welches einen

ganz famosen Schritt zu haben schien. Ich erriet alles. Der Wekil war

erfolglos im Hofe gewesen, aber er wollte Abu en Nassr retten; er hatte

dem Schwarzen den Befehl gegeben, das Kamel bereit zu halten, und den

Soldaten befohlen, Omar zu halten und den Gefangenen loszuschneiden. Die

elf mutigen Helden hatten sich an diesen Einen gewagt, und der Streich

war gelungen.

Freilich hatten sie dieses Gelingen teuer bezahlt. Omar hatte sein

Messer gebraucht, und als ich den Knäuel, den die Kämpfenden bildeten,

auseinanderbrachte, sah ich, daß mehrere von ihnen bluteten.

»Er ist fort, Sihdi!« keuchte der junge Führer vor Wut und Anstrengung.

»Ich sah es.«

»Wohin?«

»Dorthin.«

Ich deutete mit der Hand die Himmelsrichtung an.

»Strafe du diese hier, Effendi, ich aber werde dem Entflohenen

nachjagen.«

»Er saß auf einem Reitkamele.«

»Ich werde ihn dennoch ereilen.«

»Du hast kein Tier!«

»Sihdi, ich habe hier Freunde, welche mir ein edles Tier geben werden,

und Datteln und Wasserschläuche. Ehe er am Horizonte verschwindet, werde

ich auf seiner Spur sein. Du wirst auch die meinige finden, wenn du mir

nachkommen willst.«

Er eilte von dannen.

Halef hatte alles gesehen und mir auch geholfen, Omar aus den Händen der

Soldaten zu befreien. Er glühte vor Zorn.

»Warum habt ihr diesen Menschen befreit, ihr Hunde, ihr Abkömmlinge von

Mäusen und Ratten -- -- --«

Er hätte sicherlich seine Strafpredigt fortgesetzt, wenn nicht die

Wekila auf dem Platze erschienen wäre. Sie war wieder dicht

verschleiert.

»Was ist geschehen?« fragte sie mich.

»Deine Truppen sind über meinen Führer hergefallen --«

»Ihr Schurken, ihr Buben!« rief sie, mit dem Fuße stampfend und die

roten Fäuste durch die Hülle zwängend.

»Und haben den Gefangenen befreit -- -- --«

»Ihr Spitzbuben, ihr Betrüger!« fuhr sie fort, und es hatte allen

Anschein, als ob sie sich an ihnen vergreifen werde.

»Auf Befehl des Wekil,« fügte ich hinzu.

»Des Wekil? -- Der Wurm, der Ungehorsame, der Unnütze, der Trotzkopf!

Meine Hand soll über ihn kommen, und zwar sogleich, in diesem

Augenblick!«

Sie wandte sich um und ruderte in vollem Zorne nach dem Selamlük.

O du beglückende Pantoffelherrschaft, dein Zepter ist ganz dasselbe im

Norden wie im Süden, im Osten wie im Westen!

Halef machte ein sehr befriedigtes Gesicht und meinte:

»Sie ist der Wekil und er die Wekila, und wir stehen uns hier besser am

Giölgeda wekilanün, im Schatten der Statthalterin, als wenn wir ein

Bu-Djeruldu hätten und der Giölgeda padischahnün, der Schatten des

Großherrn, uns beschützte. Hamdulillah, Preis sei Allah, daß ich nicht

so glücklich bin, der Wekil dieser Statthalterin zu sein!« -- -- --

Drittes Kapitel.

Im Harem.

Es war um die Zeit, in welcher die ägyptische Sonne ihre Strahlen mit

der gesteigertsten Glut auf die Erde sendet und ein jeder, den nicht die

Not hinaus unter den freien Himmel treibt, sich unter den Schutz seines

Daches zurückzieht und nach der möglichsten Ruhe und Kühlung strebt.

Durch Wüste und Harem Gesammelte Reiseromane, Band I · 第 4 / 38 段