Angst zu erkennen, welche sich durch jede der aufgezählten
Krankheitssymptome zu nähren und zu vergrößern schien. Er mußte die
Kranke mit der letzten, trüben und also schwersten Glut seines fast
ausgebrannten Herzens lieb haben und hatte mir, ohne es zu wissen und zu
wollen, mit seinen Worten sein ganzes Verhältnis zu ihr verraten.
»Du bist noch nicht zu Ende!«
»Wenn sie zuweilen plötzlich einen Schrei ausstößt, als ob ein Dolch ihr
in die Brust gestoßen würde -- wenn sie ohne Aufhören ein fremdes Wort
flüstert --«
»Welches Wort?«
»Einen Namen.«
»Weiter!«
»Wenn sie hustet und dann Blut über ihre bleichen Lippen fließt -- -- --«
Er blickte mich jetzt so starr und angstvoll an, daß ich merken mußte,
meine Entscheidung sei ein Urteil für ihn, ein befreiendes oder ein
vernichtendes. Ich zögerte nicht, ihm das letztere zu geben:
»So wird sie sterben.«
Er saß erst einige Augenblicke so bewegungslos, als habe ihn der Schlag
getroffen, dann aber sprang er auf und stand hochaufgerichtet vor mir.
Der rote Fez war ihm von dem kahl geschorenen Haupte geglitten, die
Pfeife seiner Hand entfallen; in dem Gesichte zuckte es von den
widerstreitendsten Gefühlen. Es war ein eigentümliches, ein furchtbares
Gesicht; es glich ganz jenen Abbildungen des Teufels, wie sie der
geniale Stift Doré's zu zeichnen versteht, nicht mit Schweif, Pferdefuß
und Hörnern, sondern mit höchster Harmonie des Gliederbaues, jeder
einzelne Zug des Gesichts eine Schönheit, und doch in der Gesamtwirkung
dieser Züge so abstoßend, so häßlich, so -- diabolisch. Sein Auge ruhte
mit dem Ausdrucke des Entsetzens auf mir, der sich nach und nach in
einen zornigen und dann zuletzt in einen drohenden verwandelte.
»Giaur!« donnerte er mich an.
»Wie sagtest du?« fragte ich kalt.
»Giaur! sagte ich. Wagst du, mir das zu sagen, Hund? Die Peitsche soll
dir lehren, wer ich bin, und daß du zu thun hast, nur was ich dir
befehle. Stirbt sie, so stirbst auch du; doch machst du sie gesund, so
darfst du gehen und kannst verlangen, was dein Herz begehrt!«
Langsam und in tiefster Seelenruhe erhob auch ich mich, stellte mich in
meiner ganzen Länge vor ihn hin und fragte:
»Weißt du, was die größte Schande für einen Moslem ist?«
»Was?«
»Sieh nieder auf deinen Fez! Abrahim-Mamur, was sagt der Prophet und was
sagt der Kuran dazu, daß du die Scham deines Scheitels vor einem
Christen entblößest?«
Im nächsten Augenblick hatte er sein Haupt bedeckt und, vor Grimm
dunkelrot im Gesichte, den Dolch aus der Schärpe gerissen.
»Du mußt sterben, Giaur!«
»Wann?«
»Jetzt, sofort!«
»Ich werde sterben, wann es Gott gefällt, nicht aber wann es dir
beliebt.«
»Du wirst sterben. Bete dein Gebet!«
»Abrahim-Mamur,« antwortete ich ruhig wie zuvor, »ich habe den Bären
gejagt und bin dem Nilpferde nachgeschwommen; der Elefant hat meinen
Schuß gehört, und meine Kugel hat den Löwen, den 'Herdenwürgenden'
getroffen. Danke Allah, daß du noch lebst, und bitte Gott, daß er dein
Herz bezwinge. Du kannst es nicht, denn du bist zu schwach dazu und
wirst doch sterben, wenn es nicht sofort geschieht!«
Das war eine neue Beleidigung, eine schwerere als die andere, und mit
einem zuckenden Sprunge wollte er mich fassen, fuhr aber sofort zurück,
denn jetzt blitzte auch in meiner Hand die Waffe, die man in jenen
Ländern niemals weglegen darf. Wir standen einander allein gegenüber,
denn er hatte sofort nach der Darreichung des Kaffees und der Pfeifen
die Dienerschaft hinausgewinkt, damit sie nichts von unserer zarten
Unterhaltung vernehmen solle.
Mit meinem wackeren Halef hatte ich nicht den mindesten Grund, mich vor
den Bewohnern des alten Hauses zu fürchten; nötigenfalls hätten wir
beide die wenigen hier wohnenden Männer zusammengeschossen; aber ich
ahnte zu viel von dem Schicksale der Kranken, für die ich mich ungemein
zu interessieren begann; ich mußte sie sehen und womöglich einige Worte
mit ihr sprechen.
»Du willst schießen?« frug er wütend, auf meinen Revolver deutend.
»Ja.«
»Hier, in meinem Hause, in meinem Diwan?«
»Allerdings, wenn ich gezwungen werde, mich zu verteidigen.«
»Hund, es ist wahr, was ich gleich vorhin dachte als du eintratest!«
»Was ist wahr, Abrahim-Mamur?«
»Daß ich dich bereits einmal gesehen habe.«
»Wo?«
»Ich weiß es nicht.«
»Wann?«
»Auch das weiß ich nicht; aber das ist sicher, daß es nicht im Guten
war.«
»Grade wie heute, denn es sollte mich wundern, wenn diese Zusammenkunft
gut enden würde. Du hast mich 'Hund' genannt, und ich sage dir, daß dir
im nächsten Augenblick, nachdem du dieses Wort noch einmal gesagt hast,
meine Kugel im Gehirn sitzen wird. Beachte dies wohl, Abrahim-Mamur!«
»Ich werde meine Diener rufen!«
»Rufe sie, wenn du ihre Leichen sehen willst, um dich dann tot neben sie
zu legen.«
»Oho, du bist kein Gott!«
»Aber ein Nemsi. Hast du schon einmal die Hand eines Nemsi gefühlt?«
Er lächelte verächtlich.
»Nimm dich in acht, daß du sie nicht einmal zu fühlen bekommst! Sie ist
nicht in Rosenöl gebadet, wie die deinige. Aber ich will dir den Frieden
deines Hauses lassen. Lebe wohl. Du willst es nicht, daß ich den Tod
bezwinge; dein Wunsch mag sich erfüllen; rabbena chaliëk, der Herr
erhalte dich!«
Ich steckte den Revolver ein und schritt der Thüre zu.
»Bleib!« rief er.
Ich schritt dennoch weiter.
»Bleib!« rief er gebieterischer.
Ich hatte beinahe die Thüre erreicht und kehrte nicht um.
»So stirb, Giaur!«
Im Nu drehte ich mich um und hatte grad noch Zeit, zur Seite
auszuweichen. Sein Dolch flog an mir vorüber und tief in das Getäfel der
Wand.
»Jetzt bist du mein, Bube!«
Mit diesen Worten sprang ich auf ihn zu, faßte ihn, grad wie ich ihn
erwischte, riß ihn empor und schleuderte ihn an die Wand.
Er blieb einige Sekunden liegen und raffte sich dann wieder empor. Seine
Augen waren weit geöffnet, die Adern seiner Stirne zum Bersten
geschwollen und seine Lippen blau vor Wut; aber ich hielt ihm den
Revolver entgegen, und er blieb eingeschüchtert vor mir halten.
»Jetzt hast du die Hand eines Nemsi kennen gelernt. Wage es nicht
wieder, sie zu reizen!«
»Mensch!«
»Feigling! Wie nennt man das, wenn einer einen Arzt um Hilfe bittet, ihn
mit Worten beschimpft und dann gar hinterrücks ermorden will? Der
Glaube, welcher solche Bekenner hat, kann nicht viel taugen!«
»Zauberer!«
»Warum?«
»Wenn du keiner wärest, hätte dich ganz sicher mein Dolch getroffen, und
du hättest nicht die Kraft gehabt, mich emporzuwerfen!«
»Nun wohl! Bin ich ein Zauberer, so hätte ich dir auch Güzela, dein
Weib, erhalten können.«
Ich sprach den Namen mit Vorbedacht aus. Es hatte Wirkung.
»Wer hat dir diesen Namen genannt?«
»Dein Bote.«
»Ein Ungläubiger darf nicht den Namen einer Gläubigen aussprechen!«
»Ich spreche nur den Namen eines Weibes aus, welches bereits morgen tot
sein kann.«
Wieder blickte er mich mit seiner eisigen Starrheit an, dann aber schlug
er die Hände vor das Gesicht.
»Ist es wahr, Hekim, daß sie bereits morgen tot sein kann?«
»Es ist wahr.«
»Kann sie nicht gerettet werden?«
»Vielleicht.«
»Sage nicht vielleicht, sondern sage gewiß. Bist du bereit, mir zu
helfen? Wenn sie gesund wird, so fordere, was du willst.«
»Ich bin bereit.«
»So gieb mir deinen Talisman oder deine Medizin.«
»Ich habe keinen Talisman, und Medizin kann ich dir jetzt nicht geben.«
»Warum nicht?«
»Der Arzt kann nur dann einen Kranken heilen, wenn er ihn sehen kann.
Komm, laß uns zu ihr gehen, oder laß sie zu uns kommen!«
Er fuhr zurück, wie von einem Stoße getroffen.
»Masch Allah, bist du toll? Der Geist der Wüste hat dein Hirn verbrannt,
daß du nicht weißt, was du forderst. Das Weib muß ja sterben, auf
welchem das Auge eines fremden Mannes ruhte!«
»Sie wird noch sicherer sterben, wenn ich nicht zu ihr darf. Ich muß den
Schlag ihres Pulses messen und Antwort von ihr hören über vieles, was
ihre Krankheit betrifft. Nur Gott ist allwissend und braucht niemand zu
fragen.«
»Du heilst wirklich nicht durch Talisman?«
»Nein.«
»Auch nicht durch Worte?«
»Nein.«
»Oder durch das Gebet?«
»Ich bete auch für die Leidenden; aber Gott hat uns die Mittel, sie
gesund zu machen, bereits in die Hand gelegt.«
»Welche Mittel sind es?«
»Es sind Blumen, Metalle und Erden, deren Säfte und Kräfte wir
ausziehen.«
»Es sind keine Gifte?«
»Ich vergifte keinen Kranken.«
»Kannst du das beschwören?«
»Vor jedem Richter.«
»Und du mußt mit ihr sprechen?«
»Ja.«
»Was?«
»Ich muß sie fragen nach ihrer Krankheit und allem, was damit
zusammenhängt.«
»Nach andern Dingen nicht?«
»Nein.«
»Du wirst mir jede Frage vorher sagen, damit ich sie dir erlaube?«
»Ich bin es zufrieden.«
»Und du mußt auch ihre Hand betasten?«
»Ja.«
»Ich erlaube es dir auf eine ganze Minute. Mußt du ihr Angesicht sehen?«
»Nein; sie kann ganz verschleiert bleiben. Aber sie muß einige Male in
dem Zimmer auf und ab gehen.«
»Warum?«
»Weil an dem Gange und der Haltung vieles zu erkennen ist, was die
Krankheit betrifft.«
»Ich erlaube es dir und werde die Kranke jetzt herbeiholen.«
»Das darf nicht sein.«
»Warum nicht?«
»Ich muß sie da sehen, wo sie wohnt; ich muß alle ihre Zimmer
betrachten.«
»Aus welchem Grunde?«
»Weil es viele Krankheiten giebt, die nur in unpassenden Wohnungen
entstehen, und das kann nur das Auge des Arztes bemerken.«
»So willst du wirklich mein Harem[22] betreten?«
[22] Das arabische Wort Harem bedeutet eigentlich »das Heilige,
Unverletzliche« und bezeichnet bei den Muhammedanern die
Frauenwohnung, welche von den übrigen Räumen des Hauses
abgesondert ist.
»Ja.«
»Ein Ungläubiger?«
»Ein Christ.«
»Ich erlaube es nicht!«
»So mag sie sterben. Sallam aaleïkum, Friede sei mit dir und ihr!«
Ich wandte mich zum Gehen. Obgleich ich bereits aus der Aufzählung der
Symptome gemerkt hatte, daß Güzela an einer hochgradigen Gemütskrankheit
leide, that ich doch, als ob ich an eine bloß körperliche Erkrankung
glaube; denn grad weil ich vermutete, daß ihr Leiden die Folge eines
Zwanges sei, der sie in die Gewalt dieses Mannes gebracht hatte, wollte
ich mich so viel wie möglich über alles aufklären. Er ließ mich wieder
bis zur Thür gehen, dann aber rief er:
»Halt, Hekim, bleibe da. Du sollst die Gemächer betreten!«
Ich wandte mich um und schritt, ohne ihm meine Genugthuung merken zu
lassen, wieder auf ihn zu. Ich hatte gesiegt und war außerordentlich
zufrieden mit den Zugeständnissen, die er mir gemacht hatte, denn sie
gewährten mir mehr, als wohl jemals einem Europäer zugestanden worden
ist. Die Liebe des Ägypters und infolge dessen also auch seine Sorge
mußte eine sehr ungewöhnliche sein, daß er sich zu solchen
Zugeständnissen verstand. Freilich konnte ich die ingrimmigste
Erbitterung gegen mich aus jeder seiner Mienen lesen, denn ihm war ich
ein unabweisbarer Eindringling in die Mysterien seiner inneren
Häuslichkeit, und ich hegte die Überzeugung, daß ich ihn auch selbst in
dem Falle einer glücklichen Heilung der kranken Frau als einen
unversöhnlichen Feind zurücklassen werde, zumal er ganz so wie ich die
Überzeugung hatte, daß wir uns bereits einmal unter unfreundlichen
Umständen begegnet seien.
Jetzt entfernte er sich, um alles Nötige in eigener Person anzuordnen,
denn keiner seiner Diener durfte ahnen, daß er einem fremden Mann
Zutritt in das Heiligtum seines Hauses gestatte.
Er kehrte erst nach einer langen Weile zurück. Es lag ein Ausdruck
fester, trotziger Entschlossenheit um seinen zusammengekniffenen Mund,
und mit einem Blicke voll versteckt bleiben sollenden, aber doch
hervorbrechenden Hasses instruierte er mich:
»Du sollst zu ihr gehen -- --«
»Du versprachst es bereits.«
»Und ihre Zimmer sehen -- --«
»Natürlich.«
»Auch sie selbst -- -- --«
»Verschleiert und eingehüllt.«
»Und mit ihr sprechen.«
»Das ist notwendig.«
»Ich erlaube dir viel, unendlich viel, Effendi. Aber bei der Seligkeit
aller Himmel und bei den Qualen aller Höllen, sobald du ein Wort
sprichst, welches ich nicht wünsche, oder das Geringste thust, was dir
nicht von mir erlaubt wurde, stoße ich sie nieder. Du bist stark und
wohl bewaffnet, darum wird mein Dolch nicht gegen dich, sondern gegen
sie gerichtet sein. Ich schwöre es dir bei allen Suwar[23] des Kuran und
bei allen Kalifen, deren Andenken Allah segnen möge!«
[23] Plural von Sura, die Strophe.
Er hatte mich also doch kennen gelernt und dachte sich, daß ihm diese
Versicherung mehr nützen werde, als die prahlerischsten Drohungen, wenn
sie gegen mich selbst gerichtet gewesen wären. Übrigens war es mir ja
gar nicht in den Sinn gekommen, ihn in seinen Rechten zu kränken; nur
konnte ich mich bei seinem Verhalten je länger desto weniger einer
Ahnung entschlagen, daß in seinem Verhältnisse zu der Kranken irgend ein
dunkler Punkt zu finden sei.
»Ist es Zeit?« fragte ich.
»Komm!«
Wir gingen. Er schritt voran, und ich folgte ihm.
Zunächst kamen wir durch einige fast in Trümmern liegende Räume, in
denen allerlei nächtliches Getier sein Wesen treiben mochte; dann
betraten wir ein Gemach, welches als Vorzimmer zu dienen schien, und nun
folgte der Raum, der allem Anscheine nach als eigentliches Frauengemach
benutzt wurde. Alle die umherliegenden Kleinigkeiten waren solche, wie
sie von Frauen gesucht und gern benutzt werden.
»Das sind die Zimmer, welche du sehen wolltest. Siehe, ob du den Dämon
der Krankheit in ihnen zu finden vermagst!« meinte Abrahim-Mamur mit
einem halb spöttischen Lächeln.
»Und das Gemach nebenan -- --?«
»Die Kranke befindet sich darin. Du sollst es auch sehen, aber ich muß
mich vorher überzeugen, ob die Sonne ihr Angesicht verhüllt hat vor dem
Auge des Fremden. Wage ja nicht, mir nachzufolgen, sondern warte ruhig,
bis ich wiederkomme!«
Er trat hinaus, und ich war allein.
Also da draußen befand sich Güzela. Dieser Name bedeutet wörtlich »die
Schöne«. Dieser Umstand und das ganze Verhalten des Ägypters brachte
meine frühere Vermutung, daß es sich um eine ältere Person handle, ins
Wanken.
Ich ließ mein Auge durch den Raum schweifen. Es war hier ganz dieselbe
Einrichtung getroffen, wie in dem Zimmer des Hausherrn: das Geländer,
der Diwan, die Nische mit den Kühlgefäßen.
Nach kurzer Zeit erschien Abrahim wieder.
»Hast du die Räume geprüft?« fragte er mich.
»Ja.«
»Nun?«
»Es läßt sich nichts sagen, bis ich bei der Kranken gewesen bin.«
»So komm, Effendi. Aber laß dich noch einmal warnen!«
»Schon gut! Ich weiß ganz genau, was ich zu thun habe.«
Wir traten in das andere Gemach. In weite Gewänder gehüllt, stand eine
Frauengestalt tief verschleiert an der hintern Wand des Zimmers. Nichts
war von ihr zu sehen, als die kleinen, in Sammtpantoffeln steckenden
Füße.
Ich begann meine Fragen, deren Enthaltsamkeit den Ägypter vollständig
befriedigte, ließ sie eine kleine Bewegung machen und bat sie endlich,
mir die Hand zu reichen. Fast wäre ich trotz der ernsten Situation in
eine laute Heiterkeit ausgebrochen. Die Hand war nämlich so vollständig
in ein dickes Tuch gebunden, daß es ganz und gar unmöglich war, auch nur
die Lage oder Form eines Fingers durch dasselbe zu erkennen. Sogar der
Arm war in derselben Weise verhüllt.
Ich wandte mich zu Abrahim.
»Mamur, diese Bandagen müssen entfernt werden.«
»Warum?«
»Ich kann den Puls nicht fühlen.«
»Entferne die Tücher!« gebot er ihr.
Sie zog den Arm hinter die Hüllen zurück und ließ dann ein zartes
Händchen erscheinen, an dessen Goldfinger ich einen sehr schmalen Reifen
erblickte, welcher eine Perle trug. Abrahim beobachtete meine Bewegungen
mit gespannter Aufmerksamkeit. Während ich meine drei Finger an ihr
Handgelenk legte, neigte ich mein Ohr tiefer, wie um den Puls nicht bloß
zu fühlen, sondern auch zu hören, und -- täuschte ich mich nicht -- da
wehte es leise, leise, fast unhörbar durch den Schleier:
»Kurtar Senitzaji -- rette Senitza!«
»Bist du fertig?« fragte jetzt Abrahim, indem er rasch näher trat.
»Ja.«
»Was fehlt ihr?«
»Sie hat ein großes, ein tiefes Leiden, das größte, welches es giebt,
aber -- -- -- ich werde sie retten.«
Diese letzten vier Worte richtete ich mit langsamer Betonung mehr an sie
als an ihn.
»Wie heißt das Übel?«
»Es hat einen fremden Namen, den nur die Ärzte verstehen.«
»Wie lange dauert es, bis sie gesund wird?«
»Das kann bald, aber auch sehr spät geschehen, je nachdem Ihr mir
gehorsam seid.«
»Worin soll ich dir gehorchen?«
»Du mußt ihr meine Medizin regelmäßig verabreichen.«
»Das werde ich thun.«
»Sie muß einsam bleiben und vor allem Ärger behütet werden.«
»Das soll geschehen.«
»Ich muß täglich mit ihr sprechen dürfen.«
»Du? Weshalb?«
»Um meine Mittel nach dem Befinden der Kranken einrichten zu können.«
»Ich werde dir dann selbst sagen, wie sie sich befindet.«
»Das kannst du nicht, weil du das Befinden eines Kranken nicht zu
beurteilen vermagst.«
»Was hast du denn mit ihr zu sprechen?«
»Nur das, was du mir erlaubst.«
»Und wo soll es geschehen?«
»Hier in diesem Raume, grad wie heute.«
»Sage es genau, wie lange du kommen mußt!«
»Wenn Ihr mir gehorcht, so ist sie von heute an in fünf Tagen von ihrer
Krankheit -- -- frei.«
»So gieb ihr die Medizin.«
»Ich habe sie nicht hier; sie befindet sich unten im Hofe bei meinem
Diener.«
»So komm!«
Ich wandte mich gegen sie, um mit dieser Bewegung einen stummen Abschied
von ihr zu nehmen. Sie hob unter der Hülle die Hände wie bittend empor
und wagte die drei Silben:
»Eww' Allah, mit Gott!«
Sofort aber fuhr er herum:
»Schweig! Du hast nur zu sprechen, wenn du gefragt wirst!«
»Abrahim-Mamur,« antwortete ich sehr ernst, »habe ich nicht gesagt, daß
sie vor jedem Ärger, vor jedem Kummer bewahrt werden muß? So spricht man
nicht zu einer Kranken, in deren Nähe der Tod schon steht!«
»So mag sie zunächst selbst dafür sorgen, daß sie sich nicht zu kränken
braucht. Sie weiß, daß sie nicht sprechen soll. Komm!«
Wir kehrten in das Selamlük zurück, wo ich nach Halef schickte, der
alsbald mit der Apotheke erschien. Ich gab #Ignatia# nebst den nötigen
Vorschriften und machte mich dann zum Gehen bereit.
»Wann wirst du morgen kommen?«
»Um dieselbe Stunde.«
»Ich werde dir wieder einen Kahn senden. Wie viel verlangst du für
heute?«
»Nichts. Wenn die Kranke gesund ist, magst du mir geben, was dir
beliebt.«
Er griff dennoch in die Tasche, zog eine reich gestickte Börse hervor,
nahm einige Stücke und reichte sie Halef hin.
»Hier, nimm du!«
Der wackere Halef-Agha griff mit einer Miene zu, als ob es sich um eine
große Gnadenbezeugung gegen den Ägypter handle, und meinte, das
Bakschisch ungesehen in seine Tasche senkend:
»Abrahim-Mamur, deine Hand ist offen und die meine auch. Ich schließe
sie gegen dich nicht zu, weil der Prophet sagt, daß eine offene Hand die
erste Stufe zum Aufenthalte der Seligen sei. Allah sei bei dir und auch
bei mir!«
Wir gingen, von dem Ägypter bis in den Garten begleitet, wo uns ein
Diener die in der Mauer befindliche Thür öffnete. Als wir uns allein
befanden, griff Halef in die Tasche, um zu sehen, was er erhalten hatte.
»Drei Goldzechinen, Effendi! Der Prophet segne Abrahim-Mamur und lasse
sein Weib so lange als möglich krank bleiben!«
»Hadschi Halef Omar!«
»Sihdi! Willst du mir nicht einige Zechinen gönnen?«
»Doch; noch mehr ist einem Kranken die Gesundheit zu gönnen.«
»Wie oft gehest du noch, ehe sie gesund wird?«
»Noch fünfmal vielleicht.«
»Fünfmal drei macht fünfzehn Zechinen; wenn sie gesund wird, vielleicht
noch fünfzehn Zechinen, macht dreißig Zechinen. Ich werde forschen, ob
es hier am Nil noch mehr kranke Frauen giebt.«
Wir langten bei dem Kahn an, wo uns die Ruderer bereits erwarteten.
Unser voriger Führer saß am Steuer, und als wir eingestiegen waren, ging
es flott den Strom hinab, schneller natürlich als aufwärts, so daß wir
nach einer halben Stunde unser Ziel erreichten.
Wir legten ganz in der Nähe einer Dahabïe an, welche während unserer
Abwesenheit am Ufer vor Anker gegangen war. Ihre Taue waren befestigt,
ihre Segel eingezogen, und nach dem frommen muhammedanischen Gebrauche
lud der Reïs, der Schiffskapitän, seine Leute zum Gebete ein:
»Haï al el salah, auf, rüstet euch zum Gebete.«
Ich war schon im Fortgehen begriffen gewesen, wandte mich aber schnell
um. Diese Stimme kam mir außerordentlich bekannt vor. Hatte ich recht
gehört? War dies wirklich der alte Hassan, den sie Abu el Reïsahn, Vater
der Schiffsführer, nannten? Er war in Kufarah, wo er einen Sohn besucht
hatte, mit mir und Halef zusammengetroffen und mit uns nach Ägypten
zurückgekehrt. Wir hatten einander außerordentlich lieb gewonnen, und
ich war überzeugt, daß er sehr erfreut sein werde, mich hier
wiederzufinden. Ich wartete daher, bis das Gebet beendet war, und rief
dann zum Deck empor.
»Hassan el Reïsahn, ohio!«
Sofort reckte er sein altes, gutes, bärtiges Gesicht herab und fragte:
»Wer ist -- -- o, Allah akbar, Gott ist groß! Ist das nicht mein Sohn, der
Nemsi Kara Effendi?«
»Er ist es, Abu Hassan.«
»Komm herauf, mein Sohn; ich muß dich umarmen!«
Ich stieg empor und wurde von ihm auf das herzlichste bewillkommnet.
»Was thust du hier?« fragte er mich.
»Ich ruhe aus von der Reise. Und du?«
»Ich komme mit meinem Schiffe von Dongola, wo ich eine Ladung
Sennesblätter eingenommen habe. Ich bekam ein Leck und mußte also hier
anlegen.«
»Wie lange bleibst du hier?«
»Nur morgen noch. Wo wohnest du?«
»Dort rechts in dem alleinstehenden Hause.«
»Hast du einen guten Wirt?«
»Es ist der Scheik el Belet[24] des Ortes, ein Mann, mit dem ich sehr
zufrieden bin. Du wirst diesen Abend bei mir sein, Abu Hassan?«
[24] Dorfrichter.
»Ich werde kommen, wenn deine Pfeifen nicht zerbrochen sind.«
»Ich habe nur die eine; du mußt also die deinige mitbringen, aber du
wirst den köstlichsten Djebeli rauchen, den es je gegeben hat.«
»Ich komme gewiß. Bleibst du noch lange hier?«
»Nein. Ich will nach Kairo zurück.«
»So fahre mit mir. Ich lege in Bulakh[25] an.«
[25] Vorstadt von Kairo mit Hafen.
Bei diesem Anerbieten kam mir ein Gedanke.
»Hassan, du nanntest mich deinen Freund!«
»Du bist es. Fordere von mir, was du willst, so soll es dir werden, wenn
ich es habe oder kann!«
»Ich möchte dich um etwas sehr Großes bitten.«
»Kann ich es erfüllen?«
»Ja.«
»So ist es dir schon voraus gewährt. Was ist es?«
»Das sollst du am Abend erfahren, wenn du mit mir Kaffee trinkst.«
»Ich komme und -- -- doch mein Sohn, ich vergaß, daß ich bereits geladen
bin.«
»Wo?«
»In demselben Hause, in welchem du wohnst.«
»Bei dem Scheik el Belet?«
»Nein, sondern bei einem Manne aus Istambul, der zwei Tage mit mir
gefahren und hier ausgestiegen ist. Er hat dort eine Stube für sich und
einen Platz für seinen Diener gemietet.«
»Was ist er?«
»Ich weiß es nicht; er hat es mir nicht gesagt.«
»Aber sein Diener konnte es sagen.«
Der Kapitän lachte, was sonst seine Angewohnheit nicht war.
»Dieser Mensch ist ein Schelm, der alle Sprachen gehört hat und doch von
keiner sehr viel lernte. Er raucht, pfeift und singt den ganzen Tag und
giebt, wenn man ihn fragt, Antworten, welche heute wahr und morgen
unwahr sind. Ehegestern war er ein Türke, gestern ein Montenegriner,
heute ist er ein Druse, und Allah weiß es, was er morgen und übermorgen
sein wird.«
»So wirst du also nicht zu mir kommen?«
»Ich komme, nachdem ich eine Pfeife mit dem andern geraucht habe. Allah
behüte dich; ich habe noch zu arbeiten.«
Halef war bereits vorausgegangen; ich folgte jetzt nach und streckte
mich, in meiner Wohnung angekommen, auf den Diwan, um mir das heutige
Erlebnis zurecht zu legen. Dies sollte mir aber nicht gelingen, denn
bereits nach kurzer Zeit trat mein Wirt zu mir herein.
»Sallam aaleïkum.«
»Aaleïkum.«
»Effendi, ich komme, um deine Erlaubnis zu holen.«
»Wozu?«
»Es ist ein fremder Sihdi zu mir gekommen und hat mich um eine Wohnung
gebeten, die ich ihm auch gegeben habe.«
»Wo liegt diese Wohnung?«
»Droben.«
»So stört mich der Mann ja gar nicht. Thue, was dir beliebt, Scheik.«
»Aber dein Kopf hat viel zu denken, und er hat einen Diener, der sehr
viel zu pfeifen und zu singen scheint.«
»Wenn es mir nicht gefällt, so werde ich es ihm verbieten.«
Der besorgte Wirt entfernte sich, und ich war wieder allein, sollte aber
doch zu keinem ruhigen Nachdenken kommen, denn ich vernahm die Schritte
zweier Menschen, welche, der eine vom Hofe her und der andere von außen
her kommend, gerade an meiner Thür zusammentrafen.
»Was willst du hier? Wer bist du?« frug der eine. Ich erkannte an der
Stimme Halef, meinen kleinen Diener.
»Wer bist denn du zunächst, und was willst du in diesem Hause?« frug der
andere.
»Ich? Ich gehöre in dieses Haus!« meinte Halef sehr entrüstet.
»Ich auch!«
»Wer bist du?«
»Ich bin Hamsad al Dscherbaja.«
»Und ich bin Hadschi Halef Omar Agha.«
»Ein Agha?«
»Ja; der Begleiter und Beschützer meines Herrn.«