»Wirf die Beine empor; ich kann nicht ganz hin zu dir. Halte aber fest!«
Er wandte seine letzte Kraft an, um seinen Körper in die Höhe zu
schnellen; ich zog zu gleicher Zeit scharf an, und es gelang -- er lag
auf der sicheren Decke des Sumpfes. Kaum hatte er Atem geschöpft, so
erhob er sich auf die Kniee und betete die vierundsechzigste Sure:
»Alles, was im Himmel und auf Erden ist, preiset Gott; sein ist das
Reich und ihm gebührt das Lob, denn er ist aller Dinge mächtig!«
Er, der Muselmann, betete; ich aber, der Christ, ich konnte nicht
beten, ich konnte keine Worte finden, wie ich aufrichtig gestehe. Hinter
mir lag die fürchterliche Salzfläche so ruhig, so bewegungslos, so
gleißend, und doch hatte sie unsere beiden Tiere, und doch hatte sie
unseren Führer verschlungen, und vor uns sah ich den Mörder entkommen,
der dies alles verschuldet hatte! Jede Faser zuckte in mir, und es
dauerte eine geraume Weile, bis ich ruhig wurde.
»Sihdi, bist du verwundet?«
»Nein. Aber Mensch, auf welche Weise hast du dich gerettet?«
»Ich sprang vom Pferde, grad wie du, Effendi. Und weiter weiß ich
nichts. Ich konnte erst dann wieder denken, als ich dort am Rande hing.
Aber wir sind nun dennoch verloren.«
»Warum?«
»Wir haben keinen Führer. O, Sadek, Freund meiner Seele, dein Geist wird
mir verzeihen, daß ich schuld an deinem Tode bin. Aber ich werde dich
rächen, das schwöre ich dir beim Barte des Propheten; rächen werde ich
dich, wenn ich nicht hier verderbe.«
»Du wirst nicht verderben, Halef.«
»Wir werden verderben; wir werden verhungern und verdursten.«
»Wir werden einen Führer haben.«
»Wen?«
»Omar, den Sohn Sadeks.«
»Wie soll er uns hier finden?«
»Hast du nicht gehört, daß er nach Seftimi gegangen ist und heute wieder
zurückkehren wird?«
»Er wird uns dennoch nicht finden.«
»Er wird uns finden. Sagte nicht Sadek, daß der Weg nach Seftimi und
nach Fetnassa auf zwei Dritteile ganz derselbe sei?«
»Effendi, du giebst mir neue Hoffnung und neues Leben. Ja, wir werden
warten, bis Omar hier vorüberkommt.«
»Für ihn ist es ein Glück, wenn er uns findet. Er würde hier hinter uns
untergehen, da der frühere Pfad versunken ist, ohne daß er es weiß.«
Wir lagerten uns neben einander am Boden nieder; die Sonne brannte so
heiß, daß unsere Kleider in wenigen Minuten getrocknet und mit einer
salzigen Kruste überzogen wurden, so weit sie naß gewesen waren. -- --
Zweites Kapitel.
Vor Gericht.
Obgleich ich die Überzeugung hegte, daß der Sohn des ermordeten Führers
kommen werde, konnte er doch statt über den See um denselben
herumgegangen sein. Wir warteten also mit großer, ja mit ängstlicher
Spannung. Der Nachmittag verging; es waren nur noch zwei Stunden bis zum
Abend; da ließ sich eine Gestalt erkennen, welche von Osten her langsam
der Stelle nahte, an welcher wir uns befanden. Sie kam näher und näher
und erblickte nun auch uns.
»Er ist es,« meinte Halef, legte die Hände wie ein Sprachrohr an den
Mund und rief: »Omar Ben Sadek, eile herbei!«
Der Gerufene verdoppelte seine Schritte und stand bald vor uns. Er
erkannte den Freund seines Vaters.
»Sei willkommen, Halef Omar!«
»Hadschi Halef Omar!« verbesserte Halef.
»Verzeihe mir! Die Freude, dich zu sehen, ist schuld an diesem Fehler.
Du kamst nach Kris zum Vater?«
»Ja.«
»Wo ist er? Wenn du auf dem Schott bist, muß er in der Nähe sein.«
»Er ist in der Nähe,« antwortete Halef feierlich.
»Wo?«
»Omar Ibn Sadek, dem Gläubigen geziemt es, stark zu sein, wenn ihn das
Kismet trifft.«
»Rede, Halef, rede! Es ist ein Unglück geschehen?«
»Ja.«
»Welches?«
»Allah hat deinen Vater zu seinen Vätern versammelt.«
Der Jüngling stand vor uns, keines Wortes mächtig. Sein Auge starrte den
Sprecher entsetzt an, und sein Angesicht war furchtbar bleich geworden.
Endlich gewann er die Sprache wieder, aber er benützte sie auf ganz
andere Weise, als ich vermutet hatte.
»Wer ist dieser Sihdi?« fragte er.
»Es ist Kara Ben Nemsi, den ich zu deinem Vater brachte. Wir verfolgten
zwei Mörder, welche über den Schott gingen.«
»Mein Vater sollte euch führen?«
»Ja; er führte uns. Die Mörder bestachen Arfan Rakedihm und stellten uns
hier einen Hinterhalt. Sie schossen deinen Vater nieder; er und die
Pferde versanken in dem Sumpfe, uns aber hat Allah gerettet.«
»Wo sind die Mörder?«
»Der eine starb im Salze, der andere aber ist mit dem Chabir[14] nach
Fetnassa.«
[14] Führer.
»So ist der Pfad hier verdorben?«
»Ja. Du kannst ihn nicht betreten.«
»Wo versank mein Vater?«
»Dort, dreißig Schritte von hier.«
Omar ging so weit vorwärts, als die Decke trug, starrte eine Weile vor
sich nieder und wandte sich dann nach Osten:
»Allah, du Gott der Allmacht und Gerechtigkeit, höre mich! Muhammed, du
Prophet des Allerhöchsten, höre mich! Ihr Kalifen und Märtyrer des
Glaubens, hört mich! Ich, Omar Ben Sadek, werde nicht eher lachen,
nicht eher meinen Bart beschneiden, nicht eher die Moschee besuchen,
als bis die Dschehennah aufgenommen hat den Mörder meines Vaters! Ich
schwöre es!«
Ich war tief erschüttert von diesem Schwure, durfte aber nichts dagegen
sagen. Nun setzte er sich zu uns und bat mit beinahe unnatürlicher Ruhe:
»Erzählt!«
Halef folgte seinem Wunsche. Als er fertig war, erhob sich der Jüngling.
»Kommt!«
Nur das eine Wort sprach er; dann schritt er voran, wieder in die
Richtung zurück, aus der er gekommen war.
Wir hatten bereits vorher die schwierigsten Stellen des Weges
überwunden; es war keine große Gefahr mehr zu befürchten, trotzdem wir
den ganzen Abend und die ganze Nacht hindurch marschierten. Am Morgen
betraten wir das Ufer der Halbinsel Nifzaua und sahen Fetnassa vor uns
liegen.
»Was nun?« fragte Halef.
»Folgt mir nur!« antwortete Omar.
Dies war das erste Wort, welches ich seit gestern von ihm hörte. Er
schritt auf die dem Strande zunächst gelegene Hütte zu. Ein alter Mann
saß vor derselben.
»Sallam aaleïkum!« grüßte Omar.
»Aaleïkum,« dankte der Alte.
»Du bist Abdullah el Hamis, der Salzverwieger?«
»Ja.«
»Hast du gesehen den Chabir Arfan Rakedihm aus Kris?«
»Er betrat bei Tagesanbruch mit einem fremden Manne das Land.«
»Was thaten sie?«
»Der Chabir ruhte bei mir aus und ging dann nach Bir Rekeb, um von da
nach Kris zurückzukehren. Der Fremde aber kaufte sich bei meinem Sohne
ein Pferd und fragte nach dem Wege nach Kbilli.«
»Ich danke dir, Abu el Malah!«[15]
[15] »Vater des Salzes«.
Er ging schweigend weiter und führte uns in eine Hütte, wo wir einige
Datteln aßen und eine Schale Lagmi tranken. Dann ging es nach Beschni,
Negua und Mansurah, wo wir auf unsere Erkundigungen überall in Erfahrung
brachten, daß wir dem Gesuchten auf den Fersen seien. Von Mansurah ist
es gar nicht weit bis zu der großen Oase Kbilli. Dort gab es damals noch
einen türkischen Wekil[16], welcher unter der Aufsicht des Regenten von
Tunis den Nifzaua verwaltete. Hierzu waren ihm zehn Soldaten zur
Verfügung gestellt worden.
[16] Statthalter.
Wir begaben uns zunächst in ein Kaffeehaus, wo Omar nicht lange Ruhe
hatte. Er verließ uns, um Erkundigungen einzuziehen, und kehrte erst
nach einer Stunde zurück.
»Ich habe ihn gesehen,« meldete er.
»Wo?« fragte ich.
»Beim Wekil.«
»Beim Statthalter?«
»Ja. Er ist sein Gast und trägt sehr prächtige Kleidung. Wenn ihr mit
ihm reden wollt, so müßt ihr kommen, denn es ist jetzt die Zeit der
Audienz.«
Mein Interesse war im höchsten Grade erregt. Ein steckbrieflich
verfolgter Mörder war der Gast eines großherrlichen Statthalters!
Omar führte uns über einen freien Platz hinweg nach einem steinernen,
niedrigen Hause, dessen Umfassungsmauern keine Spur von Fenstern
zeigten. Vor der Thür desselben standen Nefers[17], welche vor einem
Onbaschi[18] exerzierten, während der Saka[19] zuschauend an der Thür
lehnte. Wir wurden ohne Widerstand eingelassen und von einem Neger um
unser Begehr befragt. Er führte uns in das Selamlük, einen kahlwändigen
Raum, dessen einzige Ausstattung in einem alten Teppiche bestand, der in
einer Ecke des Zimmers ausgebreitet war. Auf demselben saß ein Mann mit
verschwommenen Gesichtszügen, welcher aus einer uralten persischen Hukah
Tabak rauchte.
[17] Soldaten.
[18] Korporal.
[19] Tambour.
»Was wollt ihr?« fragte er.
Der Ton, in dem diese Frage ausgesprochen wurde, behagte mir nicht. Ich
antwortete daher mit einer Gegenfrage:
»Wer bist du?«
Er sah mich in starrem Erstaunen an und antwortete:
»Der Wekil!«
»Wir wollen mit dem Gaste reden, welcher heut oder gestern bei dir
angekommen ist.«
»Wer bist du?«
»Hier ist mein Paß.«
Ich gab ihm das Dokument in die Hand. Er warf einen Blick darauf,
faltete es zusammen und steckte es in die Tasche seiner weiten
Pumphosen.
»Wer ist dieser Mann?« fragte er dann weiter, indem er auf Halef
deutete.
»Mein Diener.«
»Wie heißt er?«
»Er nennt sich Hadschi Halef Omar.«
»Wer ist der andere?«
»Er ist der Führer Omar Ben Sadek.«
»Und wer bist du selbst?«
»Du hast es ja gelesen!«
»Ich habe es nicht gelesen.«
»Es steht in meinem Passe.«
»Er ist mit den Zeichen der Ungläubigen geschrieben. Von wem hast du
ihn?«
»Von dem französischen Gouvernement in Algier.«
»Das französische Gouvernement in Algier gilt hier nichts. Dein Paß hat
den Wert eines leeren Papieres. Also, wer bist du?«
Ich beschloß, den Namen zu behalten, welchen mir Halef gegeben hatte.
»Ich heiße Kara Ben Nemsi.«
»Du bist ein Sohn der Nemsi? Ich kenne sie nicht. Wo wohnen sie?«
»Vom Westen der Türkei bis an die Länder der Fransezler und Engleterri.«
»Ist die Oase groß, in der sie leben, oder haben sie mehrere kleine
Oasen?«
»Sie bewohnen eine einzige Oase, die aber so groß ist, daß fünfzig
Millionen Menschen auf ihr wohnen.«
»Allah akbar, Gott ist groß! Es giebt Oasen, in denen es von Geschöpfen
wimmelt. Hat diese Oase auch Bäche?«
»Sie hat fünfhundert Flüsse und Millionen Bäche. Viele von diesen
Flüssen sind so groß, daß Schiffe auf ihnen fahren, die mehr Menschen
fassen, als Basma oder Rahmath Einwohner hat.«
»Allah kerihm, Gott ist gnädig! Welch ein Unglück, wenn alle diese
Schiffe in einer Stunde von den Flüssen verschlungen würden! An welchen
Gott glauben die Nemsi?«
»Sie glauben an deinen Gott, aber sie nennen ihn nicht Allah sondern
Vater.«
»So sind sie wohl nicht Sunniten, sondern Schiiten?«
»Sie sind Christen.«
»Allah iharkilik, Gott verbrenne dich! So bist du also auch ein Christ?«
»Ja.«
»Ein Giaur? Und du willst es wagen, mit dem Wekil von Kbilli zu reden!
Ich werde dir die Bastonnade geben lassen, wenn du nicht sogleich dafür
sorgest, daß du mir aus den Augen kommst!«
»Habe ich etwas gethan, was gegen die Gesetze ist oder was dich
beleidigt?«
»Ja. Ein Giaur darf sich niemals unterstehen, mir unter die Augen zu
treten. Also wie heißt hier dieser dein Führer?«
»Omar Ben Sadek.«
»Gut! Omar Ben Sadek, wie lange dienst du diesem Nemsi?«
»Seit gestern.«
»Das ist nicht lange. Ich will also gnädig sein und dir nur zwanzig
Hiebe auf die Fußsohle geben lassen.«
Zu mir gewendet, fuhr er fort:
»Und wie heißt dieser dein Diener hier?«
»Allah akbar, Gott ist groß, aber er hat leider dein Gedächtnis so klein
gemacht, daß du dir nicht einmal zwei Namen merken kannst! Mein Diener
heißt, wie ich dir bereits gesagt habe, Hadschi Halef Omar.«
»Du willst mich beschimpfen, Giaur? Ich werde nachher dein Urteil
fällen! Also, Halef Omar, du bist ein Hadschi und dienst einem
Ungläubigen? Das verdient doppelte Streiche. Wie lange Zeit bist du
bereits bei ihm?«
»Fünf Wochen.«
»So wirst du sechzig Hiebe auf die Fußsohlen erhalten und darauf fünf
Tage hungern und dürsten müssen! Und du, nun wieder; wie war dein Name?«
»Kara Ben Nemsi.«
»Gut, Kara Ben Nemsi, du hast drei große Verbrechen begangen.«
»Welche, Sihdi?«
»Ich bin kein Sihdi; du hast mich Dschenabin-iz oder Hazretin-iz, also
Euer Gnaden oder Euer Hoheit zu nennen! Deine Verbrechen sind folgende:
du hast erstens zwei Rechtgläubige verführt, dir zu dienen, macht
fünfzehn Stockschläge; du hast zweitens es gewagt, mich in meinem Kef zu
stören, macht wieder fünfzehn Stockschläge; du hast drittens an meinem
Gedächtnisse gezweifelt, macht zwanzig Stockschläge; zusammen also
fünfzig Hiebe auf die Fußsohle. Und da es mein Recht ist, für jeden
Richterspruch das Wergi, die Abgabe, zu verlangen, so wird alles, was du
besitzest und bei dir trägst, von jetzt an mir gehören; ich konfisziere
es.«
»O, großer Dschenabin-iz, ich bewundere dich; deine Gerechtigkeit ist
erhaben, deine Weisheit ganz erhaben, deine Gnade noch erhabener und
deine Klugheit und Schlauheit am allererhabensten! Aber ich bitte dich,
edler Bei von Kbilli, laß uns deinen Gast sehen, ehe wir die Streiche
erhalten.«
»Was willst du von ihm?«
»Ich vermute, daß er ein Bekannter von mir ist, und möchte mich an
seinem Anblick weiden.«
»Er ist kein Bekannter von dir. Denn er ist ein großer Krieger, ein
edler Sohn des Sultans und ein strenger Anhänger des Kuran; er ist also
nie der Bekannte eines Ungläubigen gewesen. Aber damit er sehe, wie der
Wekil von Kbilli Verbrechen bestraft, werde ich ihn kommen lassen. Nicht
du sollst dich an seinem Anblick weiden, sondern er soll sich an den
Hieben ergötzen, welche ihr erhaltet. Er wußte, daß ihr kommen würdet.«
»Ah! Woher wußte er es?«
»Ihr seid vorhin an ihm vorübergegangen, ohne ihn zu sehen, und er hat
euch sofort bei mir angezeigt. Wäret ihr nicht von selbst gekommen, so
hätte ich euch holen lassen.«
»Er hat uns angezeigt? Weshalb?«
»Das werdet ihr noch hören. Ihr sollt dann eine zweite Strafe erhalten,
die noch größer ist als diejenige, welche ich euch vorhin diktiert
habe.«
Das war nun allerdings ein eigentümlicher, wunderlicher Verlauf, den
unsere Audienz bei diesem Beamten nahm. Ein Wekil mit zehn Stück
Soldaten in einer so vorgeschobenen, vergessenen Oase -- er war
jedenfalls einmal nichts anderes gewesen, als höchstens Tschausch oder
Mülasim[20], und man weiß ja, was man von einem türkischen Lieutenant zu
halten hat. Diese Subalternen sind oder waren nichts anderes, als die
Stiefelputzer und Pfeifenstopfer der höheren Chargen. Man hatte den
guten Mann nach Kbilli gesetzt, um ihm Gelegenheit zu geben, für sich
selbst zu sorgen, und dann jedenfalls niemals wieder an ihn gedacht,
denn der Bei von Tunis hatte bereits alle türkischen Soldaten aus dem
Lande gejagt, und die Beduinenstämme standen nur in der Weise unter dem
Schutze des Großherrn, daß er ihren Häuptlingen jährlich die
ausbedungenen Ehrenburnusse schickte, während sie sich ihm dadurch
dankbar erwiesen, daß sie gar nicht mehr an ihn dachten. Der brave Wekil
war also in Beziehung auf seinen Unterhalt auf Erpressung angewiesen,
und da dies den Eingebornen gegenüber immer eine gefährliche Sache war,
so mußte ihm ein Fremder wie ich ganz gelegen kommen. Er wußte nichts
von Deutschland; er kannte nicht die Bedeutung der Konsulate; er wohnte
unter räuberischen Nomaden, glaubte mich schutzlos und nahm also an,
ungestraft thun zu können, was ihm beliebte.
[20] Tschausch = Feldwebel; Mülasim = Lieutenant.
Allerdings hatte es seine Richtigkeit, daß ich nur auf mich selbst
angewiesen war, aber es fiel mir doch nicht ein, mich vor »Seiner
Hoheit« zu fürchten, vielmehr machte es mir Spaß, daß er uns in so
genialer Unverfrorenheit mit der Bastonnade beglücken wollte. Zugleich
war ich neugierig, ob sein Gastfreund wirklich der von uns gesuchte sei.
Omar konnte sich ja geirrt haben, was mir allerdings nicht
wahrscheinlich erschien, wenn ich in Betracht zog, daß dieser Gastfreund
uns angezeigt hatte. Welches Verbrechens er uns bezüchtigt hatte, ahnte
ich. Jedenfalls war er ein früherer Bekannter des Wekil und benutzte
dies, uns auf irgend eine Weise unschädlich zu machen.
Der Statthalter klatschte in die Hände, und sogleich erschien ein
schwarzer Diener, der sich vor ihm wie vor dem Sultan auf die Erde warf.
Der Wekil flüsterte ihm einige Worte zu, worauf er sich entfernte. Nach
einiger Zeit öffnete sich die Thür, und die zehn Soldaten mit ihrem
Onbaschi traten ein. Sie boten einen kläglichen Anblick in ihren aus
allen möglichen Fetzen zusammengesetzten Kleidern, die nicht im
mindesten einer militärischen Uniform glichen; die meisten von ihnen
waren barfuß, und alle trugen Gewehre, mit denen man alles eher thun
konnte, als schießen. Sie warfen sich kunterbunt durcheinander vor dem
Wekil nieder, der sie zunächst mit einem möglichst martialischen Blick
musterte und dann seinen Befehl aussprach:
»Kalkyn -- steht auf!«
Sie erhoben sich, und der Onbaschi riß seinen mächtigen Sarras aus der
Scheide.
»Kylyn syraji -- bildet die Reihe!« brüllte er mit einer Stentorstimme.
Sie stellten sich nebeneinander und hielten die Flinten nach Belieben in
den braunen Händen.
»Has -- dur -- das Gewehr über!« kommandierte er nun.
Die Flinten flogen empor, stießen gegen einander, gegen die Mauer oder
gegen die Köpfe der stattlichen Helden, kamen aber doch nach einiger
Zeit glücklich auf die Achseln ihrer Besitzer zu liegen.
»Isalam -- dur -- präsentiert das Gewehr!«
Wieder bildeten die Flinten einen wirren Knäuel, bei dessen
Unentwirrbarkeit es kein Wunder war, daß die eine ihren Lauf verlor. Der
Soldat bückte sich gemächlich nieder, hob ihn in die Höhe, betrachtete
ihn von allen Seiten, hielt ihn dann gegen das Licht, um
hindurchzugucken und sich zu überzeugen, daß das Loch, aus dem
geschossen wird, noch vorhanden sei, zog dann eine Palmenfaserschnur aus
der Tasche und band den desertierten Lauf behutsam auf dem Orte fest, wo
er hingehörte, nämlich an den Schaft. Dann endlich brachte er die
restaurierte Waffe mit höchst befriedigter Miene in diejenige Lage,
welche mit dem letzten Kommandoworte vorgeschrieben war.
»Sessiz, söjle -- me -- niz -- steht still und schwatzt nicht!«
Bei diesem Rufe drückten sie die Lippen mit sichtlicher Kraft und
Energie zusammen und ließen durch ein sehr ernsthaftes Augenzwinkern
erkennen, daß es ihr unumstößlicher Wille sei, keinen Laut von sich zu
geben. Sie merkten, daß sie geholt worden seien, drei Verbrecher zu
bewachen, und da galt es also, uns zu imponieren.
Ich mußte mir wirklich Mühe geben, bei diesem sonderbaren Exerzitium
ernsthaft zu bleiben, und wie ich deutlich bemerkte, hatte meine heitere
Laune zugleich den Erfolg, den Mut meiner beiden Begleiter zu
befestigen.
Und wieder öffnete sich die Thür. Der Erwartete trat ein. Er war es.
Ohne uns eines Blickes zu würdigen, ging er zum Teppich, ließ sich an
der Seite des Wekil nieder und nahm die Pfeife aus der Hand des
Schwarzen, der mit ihm eingetreten war und sie ihm anbrannte. Dann erst
erhob er das Auge und musterte uns mit einer Verachtung, die gar nicht
größer gedacht werden konnte.
Jetzt nahm der Statthalter das Wort, indem er mich fragte:
»Dieser Mann ist es, den ihr sehen wolltet. Ist er ein Bekannter von
dir?«
»Ja.«
»Du hast recht gesprochen; er ist ein Bekannter von dir, das heißt, du
kennst ihn. Aber dein Freund ist er nicht.«
»Ich würde mich auch für seine Freundschaft sehr bedanken. Wie nennt er
sich?«
»Er heißt Abu en Nassr.«
»Das ist nicht wahr! Sein Name ist Hamd el Amasat.«
»Giaur, wage es nicht, mich der Lüge zu zeihen, sonst erhältst du
zwanzig Hiebe mehr! Allerdings heißt mein Freund Hamd el Amasat; aber
wisse, du Hund von einem Ungläubigen, als ich noch als Miralai in
Stambul stand, wurde ich einst des Nachts von griechischen Banditen
angefallen; da kam Hamd el Amasat dazu, sprach mit ihnen und rettete mir
das Leben. Seit jener Nacht heißt er Abu en Nassr, der Vater des Sieges,
denn niemand kann ihm widerstehen, nicht einmal ein griechischer
Bandit.«
Ich konnte mich nicht enthalten, lachend den Kopf zu schütteln, und
fragte:
»Du willst in Stambul Miralai, also Oberst gewesen sein? Bei welcher
Truppe?«
»Bei der Garde, du Sohn eines Schakals.«
Ich trat einen Schritt näher zu ihm heran und erhob die Rechte.
»Wage es noch einmal, mich zu schimpfen, so gebe ich dir eine Ssille,
das heißt eine solche Ohrfeige, daß du morgen deine Nase für ein Minaret
ansehen sollst! Du wärst mir der Kerl, ein Oberst gewesen zu sein! So
etwas darfst du wohl hier deinen Oasenhelden weismachen, nicht aber mir;
verstanden!«
Er erhob sich mit ungewöhnlicher Schnelligkeit. Das war ihm noch nie
vorgekommen, das ging über alle seine Begriffe; er starrte mich an, als
ob ich ein Gespenst sei, und stotterte dann, ich weiß nicht, ob vor Wut
oder vor Verlegenheit:
»Mensch, ich hätte sogar Lawi-Pascha werden können, also General-Major,
wenn mir die Stelle hier in Kbilli nicht lieber gewesen wäre!«
»Ja, du bist ein wahrer Ausbund von Mut und Tapferkeit. Du hast mit
Banditen gekämpft, welche dein Freund mit bloßen Worten besiegte, hörst
du es? Er ist also jedenfalls ein sehr guter Bekannter von ihnen gewesen
oder gar ein Mitglied ihrer Sippe. Er hat in Algier einen Raubmord
begangen; er hat im Wadi Tarfaui einen Mann getötet; er hat auf dem
Schott Dscherid meinen Führer, den Vater dieses Jünglings, erschossen,
weil er mich verderben wollte; er ist von mir verfolgt worden bis nach
Kbilli, und ich finde diesen Menschen wieder als den Freund eines
Mannes, der ein Oberst im Dienste des Großherrn gewesen zu sein
behauptet. Ich klage ihn des Mordes bei dir an und verlange, daß du ihn
gefangen nimmst!«
Jetzt erhob sich auch Abu en Nassr. Er rief:
»Dieser Mensch ist ein Giaur. Er hat Wein getrunken und weiß nicht, was
er redet. Er mag seinen Rausch verschlafen und sich dann verantworten.«
Das war mir denn doch zu viel. Im Nu hatte ich ihn gepackt, hob ihn
empor und warf ihn zu Boden. Er sprang auf und zog sein Messer.
»Hund, du hast dich an einem Gläubigen vergriffen; du mußt jetzt
sterben!«
Mit diesen Worten warf er sich mit aller Gewalt auf mich. Ich aber gab
ihm einen so wohlgezielten Faustschlag, daß er niederstürzte und
regungslos liegen blieb.
»Faßt ihn!« gebot der Wekil seinen Soldaten, indem er auf mich zeigte.
Ich erwartete, daß sie mich sofort packen würden, sah aber zu meiner
Verwunderung, daß es ganz anders kam. Der Unteroffizier nämlich trat vor
die Fronte der Seinigen und kommandierte:
»Komyn silahlari -- legt die Gewehre weg!«
Alle bückten sich zugleich, legten ihre Flinten auf den Boden und
kehrten dann in ihre vorige Haltung zurück.
»Döndürmek sagha -- rechts umgedreht!«
Sie machten halbe Wendung rechts und standen nun in einer Reihe hinter
einander.
»Gityn erkek tschewresinde, koschyn -- iz -- nehmt den Mann in die Mitte,
marsch!«
Wie auf dem Exerzierplatze erhoben sie den linken Fuß; der Flügelmann
markierte »sol -- sagha, sol -- sagha = links -- rechts, links -- rechts!«
sie marschierten um mich herum und blieben, als der Kreis gebildet war,
auf das Kommando des Unteroffiziers stehen.
»Onu tutmyn -- ergreift ihn!«
Zwanzig Hände mit gerade hundert braunen, schmutzigen Fingern streckten
sich von hinten und vorn, von rechts und links nach mir aus und faßten
mich am Burnus. Die Sache war zu komisch, als daß ich eine Bewegung zu
meiner Befreiung hätte machen mögen.
»Dschenabin -- iz, bizim -- war herifu -- Hoheit, wir haben den Kerl!«
meldete der Oberstkommandierende der tapfern Truppe.
»Brakyn -- jok onu tekrar azad -- laßt ihn nicht wieder frei!« gebot der
Statthalter mit strenger Miene.
Die hundert Finger krallten sich noch fester und tiefer in meinen Burnus
als vorher, und gerade die steife, orientalische Würde, mit der das
alles geschah, und die etwas urkomisch Marionettenhaftes hatte, war
schuld, daß ich beinahe laut aufgelacht hätte.
Während dieses Vorganges hatte sich Abu en Nassr wieder erhoben. Seine
Augen funkelten vor Wut und Rachgier, als er zum Wekil sagte:
»Du wirst ihn erschießen lassen!«
»Ja, er soll erschossen werden; vorher aber werde ich ihn verhören, denn
ich bin ein gerechter Richter und mag niemand ungehört verurteilen.
Bring deine Anklage vor!«
»Dieser Giaur,« begann der Mörder, »ging mit einem Führer und seinem
Diener über den Schott; er traf auf uns und stürzte meinen Gefährten in
die Fluten, so daß dieser elend ertrinken mußte.«
»Warum that er dies?«
»Aus Rache.«
»Wofür wollte er sich rächen?«
»Er hat im Wadi Tarfaui einen Mann getötet; wir kamen dazu und wollten
ihn festnehmen, er aber entwischte uns.«
»Kannst du deine Worte beschwören?«
»Beim Barte des Propheten!«