Die Sahara ist ein großes, noch immer nicht gelöstes Rätsel. Schon seit

Virlet d'Aoust im Jahre 1845 besteht das Projekt, einen Teil der Wüste

in ein Meer und dadurch die anliegenden Gebiete in ein fruchtbares Land

zu verwandeln und so auch die Bewohner dieser Strecken dem Fortschritte

der Civilisation näher zu bringen. Ob aber dieses Projekt ausführbar und

dann auch von den beabsichtigten Erfolgen gekrönt sein wird, darüber

läßt sich noch immer streiten.

Am Fuße des Südabhanges des Dschebel Aures und der östlichen Fortsetzung

dieser Bergmasse, also des Dra el Haua, Dschebel Tarfaui, Dschebel

Situna und Dschebel Hadifa, dehnt sich eine einheitliche unübersehbare,

hier und da leicht gewellte Ebene aus, deren tiefste Stellen mit

Salzkrusten und Salzauswitterungen bedeckt sind, welche als Überreste

einstiger großer Binnengewässer im algerischen Teile den Namen Schott

und im tunesischen Teile den Namen Sobha oder Sebcha führen. Die Grenze

dieses eigentümlichen und hochinteressanten Gebietes bilden im Westen

die Ausläufer des Beni-Mzab-Plateau, im Osten die Landenge von Gabes und

im Süden die Dünenregion von Ssuf und Nifzaua nebst dem langgestreckten

Dschebel Tebaga. Vielleicht ist unter dieser Einsenkung der Golf von

Triton zu verstehen, von welchem uns Herodot, der Vater der

Geschichtschreibung, berichtet.

Außer einer großen Anzahl kleinerer Sümpfe, welche im Sommer

ausgetrocknet sind, besteht dieses Gebiet aus drei größeren Salzseen,

nämlich, von West nach Ost verfolgt, aus den Schotts Melrir, Rharsa und

Dscherid, welch letzterer auch El Kebir genannt zu werden pflegt. Diese

drei Becken bezeichnen eine Zone, deren westliche Hälfte tiefer liegt,

als das Mittelmeer bei Gabes zur Zeit der Ebbe.

Die Einsenkung des Schottgebietes ist heutzutage zum großen Teile mit

Sandmassen angehäuft, und nur in der Mitte der einzelnen Bassins hat

sich eine ziemlich beträchtliche Wassermasse erhalten, welche durch ihr

Aussehen den arabischen Schriftstellern und Reisenden Veranlassung gab,

sie bald mit einem Kampferteppich oder einer Krystalldecke, bald mit

einer Silberplatte oder der Oberfläche geschmolzenen Metalls zu

vergleichen. Dieses Aussehen erhalten die Schotts durch die Salzkruste,

mit der sie bedeckt sind und deren Dicke sehr verschieden ist, so daß

sie zwischen zehn und höchstens zwanzig Centimeter variiert. Nur an

einzelnen Stellen ist es möglich, sich ohne die eminenteste Lebensgefahr

auf sie zu wagen. Wehe dem, der auch nur eine Hand breit von dem

schmalen Pfade abweicht! Die Kruste giebt nach, und der Abgrund

verschlingt augenblicklich sein Opfer. Unmittelbar über dem Kopfe des

Versinkenden schließt sich alsbald die Decke wieder. Die schmalen

Furten, welche über die Salzdecke der Schotts führen, werden besonders

in der Regenzeit höchst gefährlich, indem der Regen die vom Flugsande

überdeckte Kruste bloßlegt und auswäscht.

Das Wasser dieser Schotts ist grün und dickflüssig und bei weitem

salziger als das des Meeres. Ein Versuch, die Tiefe des Abgrundes unter

sich zu messen, würde des Terrains halber zu keinem Resultate führen,

doch darf wohl angenommen werden, daß keiner der Salzmoräste tiefer als

fünfzig Meter ist. Die eigentliche Gefahr bei dem Einbrechen durch die

Salzdecke ist bedingt durch die Massen eines flüssigen, beweglichen

Sandes, welcher unter der fünfzig bis achtzig Centimeter tiefen,

hellgrünen Wasserschicht schwimmt und ein Produkt der Jahrtausende

langen Arbeit des Samums ist, der den Sand aus der Wüste in das Wasser

trieb.

Schon die ältesten arabischen Geographen, wie Ebn Dschobeir, Ebn Batuta,

Obeidah el Bekri, El Istakhri und Omar Ebn el Wardi, stimmen in der

Gefährlichkeit dieser Schotts für die Reisenden überein. Der Dscherid

verschlang schon Tausende von Kamelen und Menschen, welche in seiner

Tiefe spurlos verschwanden. Im Jahre 1826 mußte eine Karawane, welche

aus mehr als tausend Lastkamelen bestand, den Schott überschreiten. Ein

unglücklicher Zufall brachte das Leitkamel, welches an der Spitze des

Zuges schritt, vom schmalen Wege ab. Es verschwand im Abgrunde des

Schott, und ihm folgten alle anderen Tiere, welche rettungslos in der

zähen, seifigen Masse verschwanden. Kaum war die Karawane verschwunden,

so nahm die Salzdecke wieder ihre frühere Gestalt an, und nicht die

kleinste Veränderung, das mindeste Anzeichen verriet den gräßlichen

Unglücksfall. Ein solches Vorkommnis könnte unmöglich erscheinen, aber

um es zu glauben, muß man sich nur vergegenwärtigen, daß jedes Kamel

gewohnt ist, dem voranschreitenden, mit dem es ja meist auch durch

Stricke verbunden ist, blind und unbedingt zu folgen, und daß der Pfad

über die Schotts oft so schmal ist, daß es einem Tiere oder gar einer

Karawane ganz unmöglich wird, wieder umzukehren.

Der Anblick dieser tückischen Flächen, unter denen der Tod lauert,

erinnert an einzelnen Stellen an den bläulich schillernden Spiegel

geschmolzenen Bleies. Die Kruste ist zuweilen hart und durchsichtig wie

Flaschenglas und klingt bei jedem Schritte wie der Boden der Solfatara

in Neapel; meist aber bildet sie eine weiche, breiige Masse, welche

vollständig sicher zu sein scheint, aber doch nur so viele Festigkeit

besitzt, um einen leichten Anflug von Sand zu tragen, bei jeder anderen

Last aber unter derselben zu weichen, um sich über ihr wieder zu

schließen.

Den Führern dienen kleine, auseinander liegende Steine als Wegzeichen.

Früher gab es auf dem Schott El Kebir auch eingesteckte Palmenäste. Der

Ast der Dattelbäume heißt Dscherid, und diesem Umstande hat der Schott

seinen zweiten Namen zu verdanken. Diese Steinhäufchen heißen »Gmaïr«,

und auch sie fehlen an solchen Punkten, wo auf mehrere Meter Länge der

Boden von einer den Pferden bis an die Brust reichenden Wasserfläche

bedeckt wird.

Die Kruste der Schotts bildet übrigens nicht etwa eine einheitliche,

flache Ebene, sondern sie zeigt im Gegenteile Wellen, welche selbst

dreißig Meter Höhe erreichen. Die Kämme dieser Bodenwellen bilden eben

die Furten, welche von den Karawanen benützt werden, und zwischen ihnen,

in den tiefer liegenden Stellen, lauert das Verderben. Doch gerät schon

bei einem mäßigen Winde die Salzdecke in eine schwingende Bewegung und

läßt das Wasser aus einzelnen Öffnungen und Löchern mit der Macht einer

Quelle hervorbrechen. -- --

Also diese freundlich glitzernde, aber trügerische Fläche lag zu unserer

Linken, als wir den Weg nach Kris verfolgten, von wo aus eine Furt über

den Schott nach Fetnassa auf der gegenüberliegenden Halbinsel des

Nifzaua führt. Halef streckte die Hand aus und deutete hinab.

»Siehst du den Schott, Sihdi?«

»Ja.«

»Bist du schon einmal über den Schott geritten?«

»Nein.«

»So danke Allah, denn vielleicht wärest du sonst bereits zu deinen

Vätern versammelt! Und wir wollen wirklich hinüber?«

»Allerdings.«

»Bismillah, in Gottes Namen! Mein Freund Sadek wird wohl noch am Leben

sein.«

»Wer ist das?«

»Mein Bruder Sadek ist der berühmteste Führer über den Schott Dscherid;

er hat noch niemals einen falschen Schritt gethan. Er gehört zum Stamme

der Merasig und ward geboren von seiner Mutter in Mui Hamed, lebt aber

mit seinem Sohne, der ein wackerer Krieger ist, in Kris. Er kennt den

Schott wie kein zweiter, und er ist es ganz allein, dem ich dich

anvertrauen möchte, Sihdi. Reiten wir direkt nach Kris?«

»Wie weit haben wir noch bis hin?«

»Ein kleines über eine Stunde.«

»So biegen wir jetzt ab gegen West. Wir müssen sehen, ob wir eine Spur

der Mörder finden.«

»Du meinst wirklich, daß sie auch nach Kris gegangen sind?«

»Auch sie haben jedenfalls im Freien ihr Lager gehalten und werden

bereits vor uns sein, um über den Schott zu gehen.«

Wir verließen den bisherigen Weg und hielten grad nach West. In der Nähe

des Pfades fanden wir viele Spuren, welche wir zu durchschneiden hatten;

dann aber wurden sie weniger zahlreich und hörten endlich ganz auf. Da

schließlich, wo der Reitpfad nach El Hamma führt, erblickte ich die

Fährte zweier Pferde im Sande, und nachdem ich sie gehörig geprüft

hatte, gelangte ich zu der Überzeugung, daß es die gesuchte sei. Wir

folgten ihr bis in die Nähe von Kris, wo sie sich im breiten Wege

verlor. Ich hatte also die Gewißheit, daß sich die Mörder hier befanden.

Halef war nachdenklich geworden.

»Sihdi, soll ich dir etwas sagen?« meinte er.

»Sage es!«

»Es ist doch gut, wenn man im Sande lesen kann.«

»Es freut mich, daß du zur Erkenntnis kommst. Doch, da ist Kris. Wo ist

die Wohnung deines Freundes Sadek?«

»Folge mir!«

Er ritt um den Ort, der aus einigen unter Palmen liegenden Zelten und

Hütten bestand, herum bis zu einer Gruppe von Mandelbäumen, in deren

Schutze eine breite, niedere Hütte lag, aus der bei unserem Anblick ein

Araber trat und meinem kleinen Halef freudig entgegeneilte.

»Sadek, mein Bruder, du Liebling der Kalifen!«

»Halef, mein Freund, du Gesegneter des Propheten!«

Sie lagen einander in den Armen und herzten sich wie ein Liebespaar.

Dann aber wandte sich der Araber zu mir:

»Verzeihe, daß ich dich vergaß! Tretet ein in mein Haus; es ist das

eurige!«

Wir folgten seinem Wunsche. Er war allein und präsentierte uns allerhand

Erfrischungen, denen wir fleißig zusprachen. Jetzt glaubte Halef die

Zeit gekommen, mich seinem Freunde vorzustellen.

»Das ist Kara Ben Nemsi, ein großer Taleb aus dem Abendlande, der mit

den Vögeln redet und im Sande lesen kann. Wir haben schon viele große

Thaten vollbracht; ich bin sein Freund und Diener und soll ihn zum

wahren Glauben bekehren.«

Der brave Mensch hatte mich einmal nach meinem Namen gefragt und

wirklich das Wort Karl im Gedächtnisse behalten. Da er es aber nicht

auszusprechen vermochte, so machte er rasch entschlossen ein Kara daraus

und setzte Ben Nemsi, Nachkomme der Deutschen, hinzu. Wo ich mit den

Vögeln geredet hatte, konnte ich mich leider nicht entsinnen; jedenfalls

sollte mich diese Behauptung ebenbürtig an die Seite des weisen Salomo

stellen, der ja auch die Gabe gehabt haben soll, mit den Tieren zu

sprechen. Auch von den großen Thaten, die wir vollbracht haben sollten,

wußte ich weiter nichts, als daß ich einmal im Gestrüppe hängen

geblieben und dabei gemächlich von meinem kleinen Berbergaule gerutscht

war, der diese Gelegenheit dann benutzte, einmal mit mir Haschens zu

spielen. Der Glanzpunkt der Halef'schen Diplomatik war nun allerdings

die Behauptung, daß ich mich von ihm bekehren lassen wolle. Er verdiente

dafür eine Zurechtweisung; daher fragte ich Sadek:

»Kennst du den ganzen Namen deines Freundes Halef?«

»Ja.«

»Wie lautet er?«

»Er lautet Hadschi Halef Omar.«

»Das ist nicht genug. Er lautet Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul

Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah. Du hörst also, daß er zu einer

frommen, verdienstvollen Familie gehört, deren Glieder alle Hadschi

waren, obgleich -- -- --«

»Sihdi,« unterbrach mich Halef mit einer ganz unbeschreiblichen

Pantomime des Schreckens, »sprich nicht von den Verdiensten deines

Dieners! Du weißt, daß ich dir stets gern gehorchen werde.«

»Ich hoffe es, Halef. Du sollst nicht von dir und mir sprechen; frage

lieber deinen Freund Sadek, wo sich sein Sohn befindet, von dem du mir

gesagt hast!«

»Hat er wirklich von ihm gesprochen, Effendi?« fragte der Araber. »Allah

segne dich, Halef, daß du derer gedenkst, die dich lieben! Omar Ibn

Sadek, mein Sohn, ist über den Schott nach Seftimi gegangen und wird

noch heute wiederkehren.«

»Auch wir wollen über den Schott, und du sollst uns führen,« meinte

Halef.

»Ihr? Wann?«

»Noch heute.«

»Wohin, Sihdi?«

»Nach Fetnassa. Wie ist der Weg hinüber?«

»Gefährlich, sehr gefährlich. Es giebt nur zwei wirklich sichere Wege

hinüber an das jenseitige Ufer, nämlich El Toserija zwischen Toser und

Fetnassa und Es Suida zwischen Nefta und Sarsin. Der Weg von hier nach

Fetnassa aber ist der allerschlimmste, und nur zwei giebt es, die ihn

genau kennen; das bin ich und Arfan Rakedihm hier in Kris.«

»Kennt dein Sohn den Weg nicht auch?«

»Ja, aber allein ist er ihn noch nicht gegangen. Desto besser aber kennt

er die Strecke nach Seftimi.«

»Diese fällt wohl einige Zeit lang zusammen mit der nach Fetnassa.«

»Über zwei Dritteile, Sihdi.«

»Wenn wir am Mittag aufbrechen, bis wann sind wir in Fetnassa?«

»Vor Anbruch des Morgens, wenn deine Tiere gut sind.«

»Du gehst auch während der Nacht über den Schott?«

»Wenn der Mond leuchtet, ja. Ist es aber dunkel, so übernachtet man auf

dem Schott, und zwar da, wo das Salz so dick ist, daß es das Lager

tragen kann.«

»Willst du uns führen?«

»Ja, Effendi.«

»So laß uns zunächst den Schott besehen!«

»Du hast noch keinen Schott überschritten?«

»Nein.«

»So komm! Du sollst den Sumpf des Todes sehen, den Ort des Verderbens,

das Meer des Schweigens, über welches ich dich hinwegführen werde mit

sicherem Schritte.«

Wir verließen die Hütte und wandten uns nach Osten. Nachdem wir einen

breiten, sumpfigen Rand überschritten hatten, gelangten wir an das

eigentliche Ufer des Schott, dessen Wasser vor der Salzkruste, die es

deckte, nicht zu sehen war. Ich stach mit meinem Messer hindurch und

fand das Salz vierzehn Centimeter dick. Dabei war es so hart, daß es

einen mittelstarken Mann zu tragen vermochte. Es wurde verhüllt von

einer dünnen Lage von Flugsand, welcher an vielen Stellen weggeweht war,

die dann in bläulich weißem Schimmer erglänzten.

Noch während ich mit dieser Untersuchung beschäftigt war, ertönte hinter

uns eine Stimme:

»Sallam aaleïkum, Friede sei mit euch!«

Ich wandte mich um. Vor uns stand ein schlanker, krummbeiniger Beduine,

dem irgend eine Krankheit oder wohl auch ein Schuß die Nase weggenommen

hatte.

»Aaleïkum!« antwortete Sadek. »Was thut mein Bruder Arfan Rakedihm hier

am Schott? Er trägt die Reisekleider. Will er fremde Wanderer über die

Sobha führen?«

»So ist es,« antwortete der Gefragte. »Zwei Männer sind es, die gleich

kommen werden.«

»Wohin wollen sie?«

»Nach Fetnassa.«

Der Mann hieß Arfan Rakedihm und war also der andere Führer, von welchem

Sadek gesprochen hatte. Er deutete jetzt auf mich und Halef und fragte:

»Wollen diese zwei Fremdlinge auch über den See?«

»Ja.«

»Wohin?«

»Auch nach Fetnassa.«

»Und du sollst sie führen?«

»Du errätst es.«

»Sie können gleich mit mir gehen; dann ersparst du dir die Mühe.«

»Es sind Freunde, die mir keine Mühe machen werden.«

»Ich weiß es: du bist geizig und gönnst mir nichts. Hast du mir nicht

stets die reichsten Reisenden weggefangen?«

»Ich fange keinen weg; ich führe nur die Leute, welche freiwillig zu mir

kommen.«

»Warum ist Omar, dein Sohn, Führer nach Seftimi geworden? Ihr nehmt mir

mit Gewalt das Brot hinweg, damit ich verhungern soll; Allah aber wird

euch strafen und eure Schritte so lenken, daß euch der Schott

verschlingen wird.«

Es mochte sein, daß die Konkurrenz hier eine Feindschaft entwickelt

hatte, aber dieser Mann besaß überhaupt keine guten Augen, und so viel

war sicher, daß ich mich ihm nicht gern anvertraut hätte. Er wandte sich

von uns und schritt am Ufer hin, wo in einiger Entfernung die zwei

Reiter erschienen, welche er führen sollte. Es waren die beiden Männer,

welche wir in der Wüste getroffen und dann verfolgt hatten.

»Sihdi,« rief Halef. »Kennst du sie?«

»Ich kenne sie.«

»Wollen wir sie ruhig ziehen lassen?«

Er hob bereits das Gewehr zum Schusse empor. Ich hinderte ihn daran.

»Laß! Sie werden uns nicht entgehen.«

»Wer sind die Männer?« fragte unser Führer.

»Mörder,« antwortete Halef.

»Haben sie jemand aus deiner Familie oder aus deinem Stamme getötet?«

»Nein.«

»Hast du über Blut mit ihnen zu richten?«

»Nein.«

»So laß sie ruhig ziehen! Es taugt nicht, sich in fremde Händel zu

mischen.«

Der Mann sprach wie ein echter Beduine. Er hielt es nicht einmal für

nötig, die Männer, welche ihm als Mörder geschildert worden waren, mit

einem Blick zu betrachten. Auch sie hatten uns bemerkt und erkannt. Ich

sah, wie sie sich beeilten, auf die Salzdecke zu kommen. Als dies

geschehen war, hörten wir ein verächtliches Lachen, mit welchem sie uns

den Rücken kehrten.

Wir gingen in die Hütte zurück, ruhten noch bis Mittag aus, versahen uns

dann mit dem nötigen Proviante und traten die gefährliche Wanderung an.

Ich habe auf fremden, unbekannten Strömen zur Winterszeit mit

Schneeschuhen meilenweite Strecken zurückgelegt und mußte jeden

Augenblick gewärtig sein, einzubrechen, habe aber dabei niemals die

Empfindung wahrgenommen, welche mich beschlich, als ich jetzt den

heimtückischen Schott betrat. Es war nicht etwa Furcht oder Angst,

sondern es mochte ungefähr das Gefühl eines Seiltänzers sein, der nicht

genau weiß, ob das Tau, welches ihn trägt, auch gehörig befestigt worden

ist. Statt des Eises eine Salzdecke -- das war mir mehr als neu. Der

eigentümliche Klang, die Farbe, die Krystallisation dieser Kruste -- das

alles erschien mir zu fremd, als daß ich mich hätte sicher fühlen

können. Ich prüfte bei jedem Schritte und suchte nach sicheren Merkmalen

für die Festigkeit unseres Fußbodens. Stellenweise war derselbe so hart

und glatt, daß man Schlittschuhe hätte benutzen können, dann aber hatte

er wieder das schmutzige, lockere Gefüge von niedergetautem Schnee und

vermochte nicht, die geringste Last zu tragen.

Erst nachdem ich mich über das so Ungewohnte einigermaßen orientiert

hatte, stieg ich zu Pferde, um mich nächst dem Führer auch zugleich auf

den Instinkt meines Tieres zu verlassen. Der kleine Hengst schien gar

nicht zum erstenmale einen solchen Weg zu machen. Er trabte, wo

Sicherheit vorhanden war, höchst wohlgemut darauf los und zeigte dann,

wenn sein Vertrauen erschüttert war, eine ganz vorzügliche Liebhaberei

für die besten Stellen des oft kaum fußbreiten Pfades. Er legte dann die

Ohren vor oder hinter, beschnupperte den Boden, schnaubte zweifelnd oder

überlegend und trieb die Vorsicht einigemale so weit, eine zweifelhafte

Stelle erst durch einige Schläge mit dem Vorderhufe zu prüfen.

Der Führer schritt voran; ich folgte ihm, und hinter mir ritt Halef. Der

Weg nahm unsere Aufmerksamkeit so in Anspruch, daß nur wenig gesprochen

wurde. So waren wir bereits über drei Stunden unterwegs, als sich Sadek

zu mir wandte:

»Nimm dich in acht, Sihdi! Jetzt kommt die schlimmste Stelle des ganzen

Weges.«

»Warum schlimm?«

»Der Pfad geht oft durch hohes Wasser und wird dabei auf eine lange

Strecke so schmal, daß man ihn mit zwei Händen bedecken kann.«

»Bleibt der Boden stark genug?«

»Ich weiß es nicht genau; die Stärke unterliegt oft großen

Veränderungen.«

»So werde ich absteigen, um die Last zu halbieren.«

»Sihdi, thue es nicht. Dein Pferd geht sicherer als du.«

Hier war der Führer Herr und Meister; ich gehorchte ihm also und blieb

sitzen. Doch noch heute denke ich mit Schaudern an die zehn Minuten,

welche nun folgten; zehn Minuten nur, aber unter solchen Verhältnissen

sind sie eine Ewigkeit.

Wir hatten ein Terrain erreicht, auf welchem Thal und Hügel wechselte.

Die wellenförmigen Erhebungen bestanden zwar aus hartem, haltbarem

Salze, die Thalmulden aber aus einer zähen, breiartigen Masse, in

welcher sich nur einzelne schmale Punkte befanden, auf denen Mensch und

Tier nur unter höchster Aufmerksamkeit und mit der größten Gefahr zu

fußen vermochten. Und dabei ging mir, trotzdem ich auf dem Pferde saß,

das grüne Wasser oft bis an die Oberschenkel heran, so daß die Stellen,

auf denen man fußen konnte, erst unter der Flut gesucht werden mußten.

Dabei war das allerschlimmste, daß der Führer und dann wieder auch die

Tiere diese Stellen erst suchen und dann probieren mußten, ehe sie sich

mit dem ganzen Gewichte darauf wagen konnten, und doch war dieser Halt

so gering, so trügerisch und verräterisch, daß man keinen Augenblick zu

lange darauf verweilen durfte, wenn man nicht versinken wollte -- es war

fürchterlich.

Jetzt kamen wir an eine Stelle, welche uns auf wohl zwanzig Meter Länge

kaum einen zehn Zoll breiten, halbwegs zuverlässigen Pfad bot.

»Sihdi, aufgepaßt! Wir stehen mitten im Tode,« rief der Führer.

Er wandte sich während des Forttastens mit dem Gesichte nach Morgen und

betete mit lauter Stimme die heilige Fatcha:

»Im Namen des allbarmherzigen Gottes. Lob und Preis Gott dem

Weltenherrn, dem Allerbarmer, der da herrscht am Tage des Gerichtes. Dir

wollen wir dienen und zu dir wollen wir flehen, auf daß du uns führest

den rechten Weg derer, die deiner Gnade sich freuen und nicht den Weg

derer, über welche -- -- --«

Halef war hinter mir in das Gebet eingefallen; plötzlich aber

verstummten beide zu gleicher Zeit; -- zwischen den zwei nächsten

Wellenhügeln hervor fiel ein Schuß. Der Führer warf beide Arme empor,

stieß einen unartikulierten Schrei aus, trat fehl und war im nächsten

Augenblick unter der Salzdecke verschwunden, die sich sofort wieder über

ihm schloß.

In solchen Augenblicken erhält der menschliche Geist eine Spannkraft,

welche ihm eine ganze Reihe von Gedanken und Schlüssen, zu denen sonst

Viertelstunden oder gar Stunden gehören, mit der Schnelligkeit des

Blitzes und tagesheller Deutlichkeit zum Bewußtsein bringt. Noch war der

Schuß nicht verhallt und der Führer nicht ganz versunken, so wußte ich

bereits alles. Die beiden Mörder wollten ihre Ankläger verderben; sie

hatten ihren Führer um so leichter gewonnen, als derselbe auf den

unserigen eifersüchtig war. Sie brauchten uns gar kein Leid zu thun;

wenn sie unsern Führer töteten, waren wir unbedingt verloren. Sie

lauerten also hier bei der gefährlichsten Stelle des ganzen Weges und

schossen Sadek nieder. Nun brauchten sie nur zuzusehen, wie wir

versanken.

Daß Sadek von der Kugel in den Kopf getroffen war, merkte ich trotz der

Schnelligkeit, mit der alles geschah. Hatte die durchfahrende Kugel auch

mein Pferd gestreift, oder war es der Schreck über den Schuß? Der

kleine Berberhengst zuckte heftig zusammen, verlor hinten den Halt und

brach ein.

»Sihdi!« brüllte hinter mir Halef in unbeschreiblicher Angst.

Ich war verloren, wenn mich nicht eins rettete: noch während das Pferd

im Versinken war und sich mit den Vorderhufen vergeblich anzuklammern

suchte, stützte ich die beiden Hände auf den Sattelknopf, warf die Beine

hinten in die Luft empor und schlug eine Volte über den Kopf des armen

Pferdes hinweg, welches durch den hierbei ausgeübten Druck

augenblicklich unter den Salzboden gedrückt wurde. In dem Augenblick,

während dessen ich durch die Luft flog, hat Gott das inbrünstigste Gebet

meines ganzen Lebens gehört. Nicht lange Worte und viele Minuten gehören

zum Gebete; wenn man zwischen Leben und Tod hindurchfliegt, giebt es

keine Worte und keine Zeit zu messen.

Ich bekam festen Boden; er wich aber augenblicklich unter mir; halb

schon im Versinken, fußte ich wieder und raffte mich empor; ich sank und

erhob mich, ich strauchelte, ich trat fehl, ich fand dennoch Grund; ich

wurde hinabgerissen und kam dennoch vorwärts und ging dennoch nicht

unter; ich hörte nichts mehr, ich fühlte nichts mehr, ich sah nichts

mehr als nur die drei Männer dort an der Salzwelle, von denen zwei mit

angeschlagenem Gewehre mich erwarteten.

Da, da endlich hatte ich festen Boden unter den Füßen, festen, breiten

Boden, zwar auch nur Salz, aber es trug mich sicher. Zwei Schüsse

krachten -- Gott wollte, daß ich noch leben sollte; ich war gestolpert

und niedergestürzt; die Kugeln pfiffen an mir vorüber. Ich trug mein

Gewehr noch auf dem Rücken; es war ein Wunder, daß ich es nicht

verloren hatte; aber ich dachte jetzt gar nicht an die Büchse, sondern

warf mich gleich mit geballten Fäusten auf die Schurken. Sie erwarteten

mich nicht einmal. Der Führer floh; der ältere der beiden wußte, daß er

ohne Führer verloren sei, und folgte ihm augenblicklich; ich faßte nur

den jüngeren. Er riß sich los und sprang davon; ich blieb hart hinter

ihm. Ihm blendete die Angst und mir der Zorn die Augen; wir achteten

nicht darauf, wohin uns unser Lauf führte -- er stieß einen

entsetzlichen, heiseren Schrei aus, und ich warf mich sofort zurück. Er

verschwand unter dem salzigen Gischte, und ich stand kaum dreißig Zoll

vor seinem heimtückischen Grabe.

Da ertönte hinter mir ein angstvoller Ruf.

»Sihdi, Hilfe, Hilfe!«

Ich wandte mich um. Grad an der Stelle, wo ich festen Fuß gefaßt hatte,

kämpfte Halef um sein Leben. Er war zwar eingebrochen, hielt sich aber

an der dort zum Glücke sehr starken Salzkruste noch fest. Ich sprang

hinzu, riß die Büchse herab und hielt sie ihm entgegen, indem ich mich

platt niederlegte.

»Fasse den Riemen!«

Durch Wüste und Harem Gesammelte Reiseromane, Band I · 第 2 / 38 段