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Carl May's
gesammelte Reiseromane.
Band I:
Durch
Wüste und Harem
Reiseerlebnisse
von
Carl May.
Freiburg i. B.
Verlag von Friedrich Ernst Fehsenfeld.
Inhalt des ersten Bandes.
Seite
_Erstes Kapitel._ Ein Todesritt 1
_Zweites Kapitel._ Vor Gericht 51
_Drittes Kapitel._ Im Harem 83
_Viertes Kapitel._ Eine Entführung 131
_Fünftes Kapitel._ Abu-Seïf 169
_Sechstes Kapitel._ Wieder frei 212
_Siebentes Kapitel._ In Mekka 275
_Achtes Kapitel._ Am Tigris 316
_Neuntes Kapitel._ Auf Kundschaft 371
_Zehntes Kapitel._ Der Sieg 427
_Elftes Kapitel._ Bei den Teufelsanbetern 496
_Zwölftes Kapitel_. Das große Fest 589
Alle Rechte vorbehalten.
Vorwort.
Selbst ein treuer Leser von #Dr.# Karl May, erging es mir stets wie
allen Andern, welche seine Reisewerke kennen: ich konnte das Erscheinen
einer von ihm angekündigten neuen Arbeit immer kaum erwarten. Die Gründe
dieser Ungeduld, welche ich bei der Lektüre keines andern
Schriftstellers in dieser Weise an mir und vielen Andern beobachtet
habe, sind einesteils in den hochinteressanten Sujets, welche er wählt,
und andernteils in der originellen und meisterhaften Weise, in welcher
er sie beherrscht und behandelt, zu suchen. Bei ihm ist keine Zeile ohne
Leben, ohne innere und äußere Bewegung. Er empfindet, denkt und
berechnet auf seinen Reisen wie wenige Seinesgleichen und zwingt den
Leser, mit ihm zu fühlen, mit ihm zu denken und zu berechnen. Man lebt
sich so in ihn hinein, daß man ganz und vollständig sein Eigen wird.
Dazu kommt der hohe sittliche Gehalt, den alle seine Werke besitzen. Er
ist, vielleicht ohne es zu beabsichtigen, ein Missionar, ein Prediger
der Gottes- und der Nächstenliebe, doch besteht seine Predigt nicht in
Worten, sondern in Thaten. Wie köstlich ist's, daß sein treuer Hadschi
Halef Omar ihn zum Islam bekehren will und schließlich doch selbst
Christ wird, ohne es zu ahnen! Solchen Zügen wird man fast auf jeder
Seite begegnen.
Am liebsten möchte ich, anstatt ein Vorwort zu schreiben, gleich
beginnen, den Inhalt des ganzen Werkes zu erzählen. Da mir dies aber
nicht gestattet ist, so mag der freundliche Leser mit der nächsten Seite
beginnen. Ich bin überzeugt, daß er erst dann aufhören wird, wenn er bei
der letzten angekommen ist.
_Freiburg_ i. Baden.
Der Herausgeber und Verleger.
Erstes Kapitel.
Ein Todesritt.
»Und ist es wirklich wahr, Sihdi[1], daß du ein Giaur bleiben willst,
ein Ungläubiger, welcher verächtlicher ist als ein Hund, widerlicher als
eine Ratte, die nur Verfaultes frißt?«
[1] Herr.
»Ja.«
»Effendi, ich hasse die Ungläubigen und gönne es ihnen, daß sie nach
ihrem Tode in die Dschehenna kommen, wo der Teufel wohnt; aber dich
möchte ich retten vor dem ewigen Verderben, welches dich ereilen wird,
wenn du dich nicht zum Ikrar bil Lisan, zum heiligen Zeugnisse,
bekennst. Du bist so gut, so ganz anders als andere Sihdis, denen ich
gedient habe, und darum werde ich dich bekehren, du magst wollen oder
nicht.«
So sprach Halef, mein Diener und Wegweiser, mit dem ich in den
Schluchten und Klüften des Dschebel Aures herumgekrochen und dann nach
dem Dra el Haua heruntergestiegen war, um über den Dschebel Tarfaui nach
Seddada, Kris und Dgasche zu kommen, von welchen Orten aus ein Weg über
den berüchtigten Schott Dscherid nach Fetnassa und Kbilli führt.
Halef war ein eigentümliches Kerlchen. Er war so klein, daß er mir kaum
bis unter die Arme reichte, und dabei so hager und dünn, daß man hätte
behaupten mögen, er habe ein volles Jahrzehnt zwischen den
Löschpapierblättern eines Herbariums in fortwährender Pressung gelegen.
Dabei verschwand sein Gesichtchen vollständig unter einem Turban, der
drei volle Fuß im Durchmesser hatte, und sein einst weiß gewesener
Burnus, welcher jetzt in allen möglichen Fett- und Schmutznuancen
schimmerte, war jedenfalls für einen weit größeren Mann gefertigt
worden, so daß er ihn, sobald er vom Pferde gestiegen war und nun gehen
wollte, empornehmen mußte wie das Reitkleid einer Dame. Aber trotz
dieser äußeren Unansehnlichkeit mußte man allen Respekt vor ihm haben.
Er besaß einen ungemeinen Scharfsinn, viel Mut und Gewandtheit und eine
Ausdauer, welche ihn die größten Beschwerden überwinden ließ. Und da er
auch außerdem alle Dialekte sprach, welche zwischen dem Wohnsitze der
Uëlad Bu Seba und den Nilmündungen erklingen, so kann man sich denken,
daß er meine vollste Zufriedenheit besaß, so daß ich ihn mehr als Freund
denn als Diener behandelte.
Eine Eigenschaft besaß er nun allerdings, welche mir zuweilen recht
unbequem werden konnte: er war ein fanatischer Muselmann und hatte aus
Liebe zu mir den Entschluß gefaßt, mich zum Islam zu bekehren. Eben
jetzt hatte er wieder einen seiner fruchtlosen Versuche unternommen, und
ich hätte lachen können, so komisch sah er dabei aus.
Ich ritt einen kleinen, halb wilden Berberhengst, und meine Füße
schleiften dabei fast am Boden; er aber hatte sich, um seine Figur zu
unterstützen, eine alte, dürre, aber himmelhohe Hassi-Ferdschahn-Stute
ausgewählt und saß also so hoch, daß er zu mir herniederblicken konnte.
Während der Unterhaltung war er äußerst lebhaft; er wedelte mit den
bügellosen Beinen, gestikulierte mit den dünnen, braunen Ärmchen und
versuchte, seinen Worten durch ein so lebhaftes Mienenspiel Nachdruck zu
geben, daß ich alle Mühe hatte, ernst zu bleiben.
Als ich auf seine letzten Worte nicht antwortete, fuhr er fort:
»Weißt du, Sihdi, wie es den Giaurs nach ihrem Tode ergehen wird?«
»Nun?«
»Nach dem Tode kommen alle Menschen, sie mögen Moslemim, Christen, Juden
oder etwas Anderes sein, in den Barzakh.«
»Das ist der Zustand zwischen dem Tode und der Auferstehung?«
»Ja, Sihdi. Aus ihm werden sie alle mit dem Schall der Posaunen erweckt,
denn el Jaum el aakhar, der jüngste Tag, und el Akhiret, das Ende, sind
gekommen, wo dann alles zu Grunde geht, außer el Kuhrs, der Sessel
Gottes, er Ruhh, der heilige Geist, el Lauhel mafus und el Kalam, die
Tafel und die Feder der göttlichen Vorherbestimmung.«
»Weiter wird nichts mehr bestehen?«
»Nein.«
»Aber das Paradies und die Hölle?«
»Sihdi, du bist klug und weise; du merkst gleich, was ich vergessen
habe, und daher ist es jammerschade, daß du ein verfluchter Giaur
bleiben willst. Aber ich schwöre es bei meinem Barte, daß ich dich
bekehren werde, du magst wollen oder nicht!«
Bei diesen Worten zog er seine Stirn in sechs drohende Falten, zupfte
sich an den sieben Fasern seines Kinns, zerrte an den acht Spinnenfäden
rechts und an den neun Partikeln links von seiner Nase, Summa Summarum
Bart genannt, schlenkerte die Beine unternehmend in die Höhe und fuhr
mit der freien andern Hand der Stute so kräftig in die Mähne, als sei
sie der Teufel, dem ich entrissen werden sollte.
Das so grausam aus seinem Nachdenken gestörte Tier machte einen Versuch,
vorn emporzusteigen, besann sich aber sofort auf die Ehrwürdigkeit
seines Alters und ließ sich in seinen Gleichmut stolz zurückfallen.
Halef aber setzte seine Rede fort:
»Ja, Dschennet, das Paradies, und Dschehenna, die Hölle, müssen auch mit
bleiben, denn wohin sollten die Seligen und die Verdammten sonst kommen?
Vorher aber müssen die Auferstandenen über die Brücke Ssirath, welche
über den Teich Handh führt und so schmal und scharf ist, wie die
Schneide eines gut geschliffenen Schwertes.«
»Du hast noch Eins vergessen.«
»Was?«
»Das Erscheinen des Deddschel.«
»Wahrhaftig! Sihdi, du kennst den Kuran und alle heiligen Bücher und
willst dich nicht zur wahren Lehre bekehren! Aber trage nur keine Sorge;
ich werde einen gläubigen Moslem aus dir machen! Also vor dem Gerichte
wird sich der Deddschel zeigen, den die Giaurs den Antichrist nennen,
nicht wahr, Effendi?«
»Ja.«
»Dann wird über jeden das Buch Kitab aufgeschlagen, in welchem seine
guten und bösen Thaten verzeichnet stehen, und die Hisab gehalten, die
Musterung seiner Handlungen, welche über fünfzigtausend Jahre währt,
eine Zeit, welche den Guten wie ein Augenblick vergehen, den Bösen aber
wie eine Ewigkeit erscheinen wird. Das ist das Hukm, das Abwiegen aller
menschlichen Thaten.«
»Und nachher?«
»Nachher folgt das Urteil. Diejenigen mit überwiegenden guten Werken
kommen in das Paradies, die ungläubigen Sünder aber in die Hölle,
während die sündigen Moslemim nur auf kurze Zeit bestraft werden. Du
siehst also, Sihdi, was deiner wartet, selbst wenn du mehr gute als böse
Thaten verrichtest. Aber du sollst gerettet werden, du sollst mit mir in
das Dschennet, in das Paradies, kommen, denn ich werde dich bekehren, du
magst wollen oder nicht!«
Und wieder strampelte er bei dieser Versicherung so energisch mit den
Beinen, daß die alte Hassi-Ferdschahn-Stute ganz verwundert die Ohren
spitzte und mit den großen Augen nach ihm zu schielen versuchte.
»Und was harrt meiner in eurer Hölle?« fragte ich ihn.
»In der Dschehenna brennt das Nar, das ewige Feuer; dort fließen Bäche,
welche so sehr stinken, daß der Verdammte trotz seines glühenden Durstes
nicht aus ihnen trinken mag, und dort stehen fürchterliche Bäume, unter
ihnen der schreckliche Baum Zakum, auf dessen Zweigen Teufelsköpfe
wachsen.«
»Brrrrrrr!«
»Ja, Sihdi, es ist schauderhaft! Der Beherrscher der Dschehenna ist der
Strafengel Thabek. Sie hat sieben Abteilungen, zu denen sieben Thore
führen. Im Dschehennem, der ersten Abteilung, müssen die sündhaften
Moslemim büßen so lange, bis sie gereinigt sind; Ladha, die zweite
Abteilung, ist für die Christen, Hothama, die dritte Abteilung, für die
Juden, Sair, die vierte, für die Sabier, Sakar, die fünfte, für die
Magier und Feueranbeter, und Gehim, die sechste, für alle, welche Götzen
oder Fetische anbeten. Zaoviat aber, die siebente Abteilung, welche auch
Derk Asfal genannt wird, ist die allertiefste und fürchterlichste; sie
wird alle Heuchler aufnehmen. In allen diesen Abteilungen werden die
Verdammten von bösen Geistern durch Feuerströme geschleppt, und dabei
müssen sie vom Baume Zakum die Teufelsköpfe essen, welche dann ihre
Eingeweide zerbeißen und zerfleischen. O, Effendi, bekehre dich zum
Propheten, damit du nur kurze Zeit in der Dschehenna zu stecken
brauchst!«
Ich schüttelte den Kopf und sagte:
»Dann komme ich in unsere Hölle, welche ebenso entsetzlich ist wie die
eurige.«
»Glaube dies nicht, Sihdi! Ich verspreche dir beim Propheten und allen
Kalifen, daß du in das Paradies kommen wirst. Soll ich es dir
beschreiben?«
»Thue es!«
»Das Dschennet liegt über den sieben Himmeln und hat acht Thore. Zuerst
kommst du an den großen Brunnen Hawus Kewser, aus welchem
hunderttausende Selige zugleich trinken können. Sein Wasser ist weißer
als Milch, sein Geruch köstlicher als Moschus und Myrrha, und an seinem
Rande stehen Millionen goldener Trinkschalen, welche mit Diamanten und
Steinen besetzt sind. Dann kommst du an Orte, wo die Seligen auf
golddurchwirkten Kissen ruhen. Sie erhalten von unsterblichen Jünglingen
und ewig jungen Houris köstliche Speisen und Getränke. Ihr Ohr wird ohne
Aufhören von den Gesängen des Engels Israfil entzückt und von den
Harmonien der Bäume, in denen Glocken hängen, welche ein vom Throne
Gottes gesendeter Wind bewegt. Jeder Selige ist sechzig Ellen lang und
immerfort grad dreißig Jahre alt. Unter allen Bäumen aber ragt hervor
der Tubah, der Baum der Glückseligkeit, dessen Stamm im Palaste des
großen Propheten steht und dessen Äste in die Wohnungen der Seligen
reichen, wo an ihnen alles hängt, was zur Seligkeit erforderlich ist.
Aus den Wurzeln des Baumes Tubah entspringen alle Flüsse des
Paradieses, in denen Milch, Wein, Kaffee und Honig strömt.«
Trotz der Sinnlichkeit dieser Vorstellung muß ich bemerken, daß Muhammed
aus der christlichen Anschauung geschöpft und dieselbe für seine
Nomadenhorden umgemodelt hat. Halef blickte mich jetzt mit einem
Gesichte an, in welchem sehr deutlich die Erwartung zu lesen war, daß
mich seine Beschreibung des Paradieses überwältigt haben werde.
»Nun, was meinst du jetzt?« fragte er, als ich schwieg.
»Ich will dir aufrichtig sagen, daß ich nicht sechzig Ellen lang werden
mag; auch mag ich von den Houris nichts wissen, denn ich bin ein Feind
aller Frauen und Mädchen.«
»Warum?« fragte er ganz erstaunt.
»Weil der Prophet sagt: 'Des Weibes Stimme ist wie der Gesang des
Bülbül[2], aber ihre Zunge ist voll Gift wie die Zunge der Natter.'
Hast du das noch nicht gelesen?«
[2] Nachtigall.
»Ich habe es gelesen.«
Er senkte den Kopf; ich hatte ihn mit den Worten seines eigenen Propheten
geschlagen. Dann fragte er mit etwas weniger Zuversichtlichkeit:
»Ist nicht trotzdem unsere Seligkeit schön? Du brauchst ja keine Houri
anzusehen!«
»Ich bleibe ein Christ!«
»Aber es ist nicht schwer, zu sagen: La Illa illa Allah, we Muhammed
Resul Allah!«
»Ist es schwerer, zu beten: Ja abana 'Iledsi, fi 's -- semavati, jata --
haddeso 'smoka?«
Er blickte mich zornig an.
»Ich weiß es wohl, daß Isa Ben Marryam, den ihr Jesus nennt, euch
dieses Gebet gelehrt hat; ihr nennt es das Vaterunser. Du willst mich
stets zu deinem Glauben bekehren, aber denke nur nicht daran, daß du
mich zu einem Abtrünnigen vom Tauhid, dem Glauben an Allah, machen
wirst!«
Ich hatte schon mehrmals versucht, seinem Bekehrungsversuche den
meinigen entgegen zu stellen. Zwar war ich von der Fruchtlosigkeit
desselben vollständig überzeugt, aber es war das einzige Mittel, ihn zum
Schweigen zu bringen. Das bewährte sich auch jetzt wieder.
»So laß mir meinen Glauben, wie ich dir den deinigen lasse!«
Er knurrte auf diese meine Worte etwas vor sich hin und brummte dann:
»Aber ich werde dich dennoch bekehren, du magst wollen oder nicht. Was
ich einmal will, das will ich, denn ich bin der Hadschi[3] Halef Omar
Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah!«
[3] Mekkapilger.
»So bist du also der Sohn Abul Abbas', des Sohnes Dawud al Gossarah?«
»Ja.«
»Und beide waren Pilger?«
»Ja.«
»Auch du bist ein Hadschi?«
»Ja.«
»So waret ihr alle Drei in Mekka und habt die heilige Kaaba gesehen?«
»Dawud al Gossarah nicht.«
»Ah! Und dennoch nennst du ihn einen Hadschi?«
»Ja denn er war einer. Er wohnte am Dschebel Schur-Schum und machte
sich als Jüngling auf die Pilgerreise. Er kam glücklich über el Dschuf,
das man den Leib der Wüste nennt; dann aber wurde er krank und mußte am
Brunnen Trasah zurückbleiben. Dort nahm er ein Weib und starb, nachdem
er seinen Sohn Abul Abbas gesehen hatte. Ist er nicht ein Hadschi, ein
Pilger, zu nennen?«
»Hm! Aber Abul Abbas war in Mekka?«
»Nein.«
»Und auch er ist ein Hadschi?«
»Ja. Er trat die Pilgerfahrt an und kam bis in die Ebene Admar, wo er
zurückbleiben mußte.«
»Warum?«
»Er erblickte da Amareh, die Perle von Dschuneth, und liebte sie. Amareh
wurde sein Weib und gebar ihm Halef Omar, den du hier neben dir siehst.
Dann starb er. War er nicht ein Hadschi?«
»Hm! Aber du selbst warst in Mekka?«
»Nein.«
»Und nennst dich dennoch einen Pilger!«
»Ja. Als meine Mutter tot war, begab ich mich auf die Pilgerschaft. Ich
zog gen Aufgang und Niedergang der Sonne; ich ging nach Mittag und nach
Mitternacht; ich lernte alle Oasen der Wüste und alle Orte Ägyptens
kennen; ich war noch nicht in Mekka, aber ich werde noch dorthin kommen.
Bin ich also nicht ein Hadschi?«
»Hm! Ich denke, nur wer in Mekka war, darf sich einen Hadschi nennen?«
»Eigentlich, ja. Aber ich bin ja auf der Reise dorthin!«
»Möglich! Doch du wirst auch irgendwo eine schöne Jungfrau finden und
bei ihr bleiben; deinem Sohne wird es ebenso gehen, denn dies scheint
euer Kismet zu sein, und dann wird nach hundert Jahren dein Urenkel
sagen: »Ich bin Hadschi Mustafa Ben Hadschi Ali Assabeth Ibn Hadschi
Saïd al Hamza Ben Hadschi Schehab Tofaïl Ibn Hadschi Halef Omar Ben
Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah,« und keiner von all
diesen sieben Pilgern wird Mekka gesehen haben und ein echter,
wirklicher Hadschi geworden sein. Meinst du nicht?«
So ernst er sonst war, er mußte dennoch über diese kleine, unschädliche
Malice lachen. Es giebt unter den Muhammedanern sehr, sehr Viele, die
sich, besonders dem Fremden gegenüber, als Hadschi gebärden, ohne die
Kaaba gesehen, den Lauf zwischen Ssafa und Merweh vollbracht zu haben,
in Arafah gewesen und in Minah geschoren und rasiert worden zu sein.
Mein guter Halef fühlte sich geschlagen, aber er nahm es mit guter Miene
hin.
»Sihdi,« fragte er kleinlaut, »wirst du es ausplaudern, daß ich noch
nicht in Mekka war?«
»Ich werde nur dann davon sprechen, wenn du wieder anfängst, mich zum
Islam zu bekehren; sonst aber werde ich schweigen. Doch schau, sind das
nicht Spuren im Sande?«
Wir waren schon längst in das Wadi[4] Tarfaui eingebogen und jetzt an
eine Stelle desselben gekommen, an welcher der Wüstenwind den Flugsand
über die hohen Felsenufer hinabgetrieben hatte. In diesem Sande war eine
sehr deutliche Fährte zu erkennen.
[4] Thal, Schlucht.
»Hier sind Leute geritten,« meinte Halef unbekümmert.
»So werden wir absteigen, um die Spur zu untersuchen.«
Er blickte mich fragend an.
»Sihdi, das ist überflüssig. Es ist genug, zu wissen, daß Leute hier
geritten sind. Weshalb willst du die Hufspuren untersuchen?«
»Es ist stets gut, zu wissen, welche Leute man vor sich hat.«
»Wenn du alle Spuren, welche du findest, untersuchen willst, so wirst du
unter zwei Monden nicht nach Seddada kommen. Was gehen dich die Männer
an, die vor uns sind?«
»Ich bin in fernen Ländern gewesen, in denen es viel Wildnis giebt und
wo sehr oft das Leben davon abhängt, daß man alle Darb und Ethar, alle
Spuren und Fährten, genau betrachtet, um zu erfahren, ob man einem
Freunde oder einem Feinde begegnet.«
»Hier wirst du keinem Feinde begegnen, Effendi.«
»Das kann man nicht wissen.«
Ich stieg ab. Es waren die Fährten dreier Tiere zu bemerken, eines
Kamels und zweier Pferde. Das erstere war jedenfalls ein Reitkamel, wie
ich an der Zierlichkeit seiner Hufeindrücke bemerkte. Bei genauer
Betrachtung fiel mir eine Eigentümlichkeit der Spuren auf, welche mich
vermuten ließ, daß das eine der Pferde an dem »Hahnentritte« leide.
Dieses mußte meine Verwunderung erregen, da ich mich in einem Lande
befand, dessen Pferdereichtum zur Folge hat, daß man niemals Tiere
reitet, welche mit diesem Übel behaftet sind. Der Besitzer des Rosses
war entweder kein oder ein sehr armer Araber.
Halef lächelte über die Sorgfalt, mit welcher ich den Sand untersuchte,
und fragte, als ich mich wieder emporrichtete:
»Was hast du gesehen, Sihdi?«
»Es waren zwei Pferde und ein Kamel.«
»Zwei Pferde und ein Dschemmel! Allah segne deine Augen; ich habe ganz
dasselbe gesehen, ohne daß ich von meinem Tiere zu steigen brauchte. Du
willst ein Taleb sein, ein Gelehrter, und thust doch Dinge, über welche
ein Hamahr, ein Eselstreiber, lachen würde. Was hilft dir nun der Schatz
des Wissens, den du hier gehoben hast?«
»Ich weiß nun zunächst, daß die drei Reiter vor ungefähr vier Stunden
hier vorübergekommen sind.«
»Wer giebt dir etwas für diese Weisheit? Ihr Männer aus dem Belad er
Rumi, aus Europa, seid sonderbare Leute!«
Er schnitt bei diesen Worten ein Gesicht, von welchem ich das tiefste
Mitleid lesen konnte, doch zog ich es vor, schweigend unsern Weg
fortzusetzen.
Wir folgten der Fährte wohl eine Stunde lang, bis wir da, wo das Wadi
eine Krümmung machte und wir nun um eine Ecke bogen, unwillkürlich
unsere Pferde anhielten. Wir sahen drei Geier, welche nicht weit vor uns
hinter einer Sanddüne hockten und sich bei unserem Anblick mit heiseren
Schreien in die Lüfte erhoben.
»El Büdj, der Bartgeier,« meinte Halef. »Wo er ist, da giebt es ganz
sicher ein Aas.«
»Es wird dort irgend ein Tier verendet sein,« antwortete ich, indem ich
ihm folgte.
Er hatte sein Pferd rascher vorwärts getrieben, so daß ich hinter ihm
zurückgeblieben war. Kaum hatte er die Düne erreicht, so hielt er mit
einem Rucke still und stieß einen Ruf des Schreckens aus.
»Masch Allah, Wunder Gottes! Was ist das? Ist das nicht ein Mensch,
Sihdi, welcher hier liegt?«
Ich mußte allerdings bejahend antworten. Es war wirklich ein Mann,
welcher hier lag, und an dessen Leichnam die Geier ihr schauderhaftes
Mahl gehalten hatten. Schnell sprang ich vom Pferde und kniete bei ihm
nieder. Seine Kleidung war von den Krallen der Vögel zerfetzt. Aber
lange konnte dieser Unglückliche noch nicht tot sein, wie ich bei der
Berührung sofort fühlte.
»Allah kerihm, Gott ist gnädig! Sihdi, ist dieser Mann eines natürlichen
Todes gestorben?« fragte Halef.
»Nein. Siehst du nicht die Wunde am Halse und das Loch am Hinterhaupte?
Er ist ermordet worden.«
»Allah verderbe den Menschen, der dies gethan hat! Oder sollte der Tote
in einem ehrlichen Kampfe gefallen sein?«
»Was nennst du ehrlichen Kampf? Vielleicht ist er das Opfer einer
Blutrache. Wir wollen seine Kleider untersuchen.«
Halef half dabei. Wir fanden nicht das Geringste, bis mein Blick auf die
Hand des Toten fiel. Ich bemerkte einen einfachen Goldreif von der
gewöhnlichen Form der Trauringe und zog ihn ab. In seine innere Seite
war klein, aber deutlich eingegraben: #»E. P. 15. juillet 1830.«#
»Was findest du?« fragte Halef.
»Dieser Mann ist kein Ibn Arab[5].«
[5] Araber.
»Was sonst?«
»Ein Franzose.«
»Ein Franke, ein Christ? Woran willst du dies erkennen?«
»Wenn ein Christ sich ein Weib nimmt, so tauschen beide je einen Ring,
in welchem der Name und der Tag eingegraben ist, an dem die Ehe
geschlossen wurde.«
»Und dies ist ein solcher Ring?«
»Ja.«
»Aber woran erkennst du, daß dieser Tote zu dem Volke der Franken
gehört? Er könnte doch ebenso gut von den Inglis[6] oder den Nemsi[7]
stammen, zu denen auch du gehörst.«
[6] Engländer.
[7] Deutschen.
»Es sind französische Zeichen, welche ich hier lese.«
»Er kann dennoch zu einem anderen Volke gehören. Meinst du nicht,
Effendi, daß man einen Ring finden oder auch stehlen kann?«
»Das ist wahr. Aber sieh das Hemde, welches er unter seiner Kleidung
trägt. Es ist dasjenige eines Europäers.«
»Wer hat ihn getötet?«
»Seine beiden Begleiter. Siehst du nicht, daß der Boden hier aufgewühlt
ist vom Kampfe? Bemerkst du nicht, daß -- -- --«
Ich hielt mitten im Satze inne. Ich hatte mich aus meiner knieenden
Stellung erhoben, um den Erdboden zu untersuchen, und fand nicht weit
von der Stelle, an welcher der Tote lag, den Anfang einer breiten
Blutspur, welche sich seitwärts zwischen die Felsen zog. Ich folgte ihr
mit schußbereitem Gewehre, da die Mörder sich leicht noch in der Nähe
befinden konnten. Noch war ich nicht weit gegangen, so stieg mit lautem
Flügelschlage ein Geier empor und ich bemerkte an dem Orte, von welchem
er sich erhoben hatte, ein Kamel liegen. Es war tot; in seiner Brust
klaffte eine tiefe, breite Wunde. Halef schlug die Hände bedauernd
ineinander.
»Ein graues Hedjihn, ein graues Tuareg-Hedjihn, und diese Mörder, diese
Schurken, diese Hunde haben es getötet!«
Es war klar, er bedauerte das prächtige Reittier viel mehr als den toten
Franzosen. Als echter Sohn der Wüste, dem der geringste Gegenstand
kostbar werden kann, bückte er sich nieder und untersuchte den Sattel
des Kameles. Er fand nichts; die Taschen waren leer.
»Die Mörder haben bereits alles hinweggenommen, Sihdi. Mögen sie in alle
Ewigkeit in der Dschehennah braten. Nichts, gar nichts haben sie
zurückgelassen, als das Kamel -- und die Papiere, welche dort im Sande
liegen.«
Durch diese Worte aufmerksam gemacht, bemerkte ich in einer Entfernung
von uns allerdings einige mit den Händen zusammengeballte und wohl als
unnütz weggeworfene Papierstücke. Sie konnten mir vielleicht einen
Anhaltspunkt bieten, und ich ging, um sie aufzuheben. Es waren mehrere
Zeitungsbogen. Ich glättete die zusammengeknitterten Fetzen und paßte
sie genau aneinander. Ich hatte zwei Seiten der #»Vigie algérienne«# und
ebenso viel vom #»L'Indépendant«# und der #»Mahouna«# in den Händen. Das
erste Blatt erscheint in Algier, das zweite in Constantine und das
dritte in Guelma. Trotz dieser örtlichen Verschiedenheit bemerkte ich
bei näherer Prüfung eine mir auffällige Übereinstimmung bezüglich des
Inhaltes der drei Zeitungsfetzen: Sie enthielten nämlich alle drei einen
Bericht über die Ermordung eines reichen französischen Kaufmannes in
Blidah. Des Mordes dringend verdächtig war ein armenischer Händler,
welcher die Flucht ergriffen hatte und steckbrieflich verfolgt wurde.
Die Beschreibung seiner Person stimmte in allen drei Journalen ganz
wörtlich überein.
Aus welchem Grunde hatte der Tote, welchem dieses Kamel gehörte, diese
Blätter bei sich geführt? Ging ihn der Fall persönlich etwas an? War er
ein Verwandter des Kaufmanns in Blidah, war er der Mörder, oder war er
ein Polizist, der die Spur des Verbrechers verfolgt hatte?
Ich nahm die Papiere an mich, wie ich auch den Ring an meinen Finger
gesteckt hatte, und kehrte mit Halef zu der Leiche zurück. Über ihr
schwebten beharrlich die Geier, welche sich nun nach unserer Entfernung
auf das Kamel niederließen.
»Was gedenkest du nun zu thun, Sihdi?« fragte der Diener.
»Es bleibt uns nichts übrig, als den Mann zu begraben.«
»Willst du ihn in die Erde scharren?«
»Nein; dazu fehlen uns die Werkzeuge. Wir errichten einen Steinhaufen
über ihm; so wird kein Tier zu ihm gelangen können.«
»Und du denkst wirklich, daß er ein Giaur ist?«
»Er ist ein Christ.«
»Es ist möglich, daß du dich dennoch irrst, Sihdi; er kann trotzdem auch
ein Rechtgläubiger sein. Darum erlaube mir eine Bitte!«
»Welche?«
»Laß uns ihn so legen, daß er mit dem Gesichte nach Mekka blickt!«
»Ich habe nichts dagegen, denn dann ist es zugleich nach Jerusalem
gerichtet, wo der Weltheiland litt und starb. Greife an!«
Es war ein trauriges Werk, welches wir in der tiefen Einsamkeit
vollendeten. Als der Steinhaufen, welcher den Unglücklichen bedeckte, so
hoch war, daß er der Leiche vollständigen Schutz gegen die Tiere der
Wüste gewährte, fügte ich noch so viel hinzu, daß er die Gestalt eines
Kreuzes bekam, und faltete dann die Hände, um ein Gebet zu sprechen. Als
ich damit geendet hatte, wandte Halef sein Auge gegen Morgen, um mit der
hundertundzwölften Sure des Korans zu beginnen:
»Im Namen des allbarmherzigen Gottes! Sprich: Gott ist der einzige und
ewige Gott. Er zeugt nicht und ist nicht gezeugt, und kein Wesen ist ihm
gleich. Der Mensch liebt das dahineilende Leben und lässet das
zukünftige unbeachtet. Deine Abreise aber ist gekommen, und nun wirst du
hingetrieben zu deinem Herrn, der dich auferwecken wird zum neuen Leben.
Möge dann die Zahl deiner Sünden klein sein und die Zahl deiner guten
Thaten so groß wie der Sand, auf dem du einschliefst in der Wüste!«
Nach diesen Worten bückte er sich nieder, um seine Hände, die er mit der
Leiche verunreinigt hatte, mit dem Sande abzuwaschen.
»So, Sihdi, jetzt bin ich wieder tahir, was die Kinder Israel kauscher
nennen, und darf wieder berühren, was rein und heilig ist. Was thun wir
jetzt?«
»Wir eilen den Mördern nach, um sie einzuholen.«
»Willst du sie töten?«
»Ich bin ihr Richter nicht. Ich werde mit ihnen sprechen und dann
erfahren, warum sie ihn getötet haben. Dann weiß ich, was ich thun
werde.«
»Es können keine klugen Männer sein, sonst hätten sie nicht ein Hedjihn
getötet, welches mehr wert ist, als ihre Pferde.«
»Das Hedjihn hätte sie vielleicht verraten. Hier siehst du ihre Spur.
Vorwärts! Sie sind fünf Stunden vor uns; vielleicht treffen wir morgen
auf sie, noch ehe sie Seddada erreichen.«
Wir jagten trotz der drückenden Hitze und des schwierigen, felsigen
Bodens mit einer Eile dahin, als ob es gelte, Gazellen einzuholen, und
es war dabei ganz unmöglich, ein Gespräch zu führen. Diese
Schweigsamkeit aber konnte mein guter Halef unmöglich lange aushalten.
»Sihdi,« rief er hinter mir, »Sihdi, willst du mich verlassen?«
Ich drehte mich nach ihm um.
»Verlassen?«
»Ja. Meine Stute hat ältere Beine als dein Berberhengst.«
Wirklich triefte die alte Hassi-Ferdschahn-Stute bereits von Schweiß,
und der Schaum flog ihr in großen Flocken von dem Maule.
»Aber wir können heute nicht wie gewöhnlich während der größten Hitze
Rast machen, sondern wir müssen reiten bis zur Nacht, sonst holen wir
die beiden, welche vor uns sind, nicht ein.«
»Wer zu viel eilt, kommt auch nicht früher als der, welcher langsam
reitet, Effendi, denn -- Allah akbar, blicke da hinunter!«
Wir befanden uns vor einem jähen Sturze des Wadi und sahen in der
Entfernung von vielleicht einer Viertelwegsstunde unter uns zwei Reiter
oder vielmehr zwei Männer an einer kleinen Sobha[8] sitzen, in welcher
sich einiges brackige Wasser erhalten hatte. Ihre Pferde knabberten an
den dürren, stacheligen Mimosen herum, welche in der Nähe standen.
[8] Lache.
»Ah, sie sind es!«
»Ja, Sihdi, sie sind es. Auch ihnen ist es zu heiß gewesen, und sie
haben beschlossen, zu warten, bis die größte Glut vorüber ist.«
»Oder sie haben sich verweilt, um die Beute zu teilen. Zurück, Halef,
zurück, damit sie dich nicht bemerken! Wir werden das Wadi verlassen und
ein wenig nach West reiten, um zu thun, als ob wir vom Schott Rharsa
kämen.«
»Warum, Effendi?«
»Sie sollen nicht ahnen, daß wir die Leiche des Ermordeten gefunden
haben.«
Unsere Pferde erklommen das Ufer des Wadi, und wir ritten stracks nach
Westen in die Wüste hinein. Dann schlugen wir einen Bogen und hielten
auf die Stelle zu, an welcher sich die beiden befanden. Sie konnten uns
nicht kommen sehen, da sie in der Tiefe des Wadi saßen, mußten uns aber
hören, als wir demselben nahe gekommen waren.
Wirklich hatten sie sich, als wir den Rand der Vertiefung erreichten,
bereits erhoben und nach ihren Gewehren gegriffen. Ich that natürlich,
als sei ich ebenso überrascht wie sie selbst, hier in der Einsamkeit der
Wüste so plötzlich auf Menschen zu treffen, hielt es jedoch nicht für
nötig, nach meiner Büchse zu langen.
»Salam aaleïkum!« rief ich, mein Pferd anhaltend, zu ihnen hinab.
»Aaleïkum,« antwortete der ältere von ihnen. »Wer seid ihr?«
»Wir sind friedliche Reiter.«
»Wo kommt ihr her?«
»Von Westen.«
»Und wo wollt ihr hin?«
»Nach Seddada.«
»Von welchem Stamme seid ihr?«
Ich deutete auf Halef und antwortete:
»Dieser hier stammt aus der Ebene Admar, und ich gehöre zu den
Beni-Sachsa. Wer seid ihr?«
»Wir sind von dem berühmten Stamme der Uëlad Hamalek.«
»Die Uëlad Hamalek sind gute Reiter und tapfere Krieger. Wo kommt ihr
her?«
»Von Gafsa.«
»Da habt ihr eine weite Reise hinter euch. Wohin wollt ihr?«
»Nach dem Bir[9] Sauidi, wo wir Freunde haben.«
[9] Brunnen.
Beides, daß sie von Gafsa kamen und nach dem Brunnen Sauidi wollten, war
eine Lüge, doch that ich, als ob ich ihren Worten glaubte, und fragte:
»Erlaubt ihr uns, bei euch zu rasten?«
»Wir bleiben hier bis zum frühen Morgen,« lautete die Antwort, welche
also für meine Frage weder ein Ja noch ein Nein enthielt.
»Auch wir gedenken, bis zum Aufgang der nächsten Sonne hier auszuruhen.
Ihr habt genug Wasser für uns alle und auch für unsere Pferde. Dürfen
wir bei euch bleiben?«
»Die Wüste gehört allen. Marhaba, du sollst uns willkommen sein!«
Es war ihnen trotz dieses Bescheides leicht anzusehen, daß ihnen unser
Gehen lieber gewesen wäre, als unser Bleiben; wir aber ließen unsere
Pferde den Abhang hinunter klettern und stiegen an dem Wasser ab, wo wir
sofort ungeniert Platz nahmen.
Die beiden Physiognomien, welche ich nun studieren konnte, waren
keineswegs Vertrauen erweckend. Der ältere, welcher bisher das Wort
geführt hatte, war lang und hager gebaut. Der Burnus hing ihm am Leibe
wie an einer Vogelscheuche. Unter dem schmutzig blauen Turban blickten
zwei kleine, stechende Augen unheimlich hervor; über den schmalen,
blutleeren Lippen fristete ein dünner Bart ein kümmerliches Dasein; das
spitze Kinn zeigte eine auffallende Neigung, nach oben zu steigen, und
die Nase, ja, diese Nase erinnerte mich lebhaft an die Geier, welche ich
vor kurzer Zeit von der Leiche des Ermordeten vertrieben hatte. Das war
keine Adler- und auch keine Habichtsnase; sie hatte wirklich die Form
eines Geierschnabels.
Der andere war ein junger Mann von auffallender Schönheit; aber die
Leidenschaften hatten sein Auge umflort, seine Nerven entkräftet und
seine Stirn und Wangen zu früh gefurcht. Man konnte unmöglich Vertrauen
zu ihm haben.
Der ältere sprach das Arabische mit jenem Accente, wie man es am Euphrat
spricht, und der jüngere ließ mich vermuten, daß er kein Orientale
sondern ein Europäer sei. Ihre Pferde, welche in der Nähe standen, waren
schlecht und sichtlich abgetrieben; ihre Kleidung hatte ein sehr
mitgenommenes Aussehen, aber ihre Waffen waren ausgezeichnet. Da, wo sie
vorhin gesessen, lagen verschiedene Gegenstände, welche sonst in der
Wüste selten sind und wohl nur deshalb liegen geblieben waren, weil die
beiden keine Zeit gefunden hatten, sie zu verbergen: ein seidenes
Taschentuch, eine goldene Uhr nebst Kette, ein Kompaß, ein prachtvoller
Revolver und ein in Maroquin gebundenes Taschenbuch.
Ich that, als ob ich diese Gegenstände gar nicht bemerkt hätte, nahm aus
der Satteltasche eine Handvoll Datteln und begann, dieselben mit
gleichgültiger und zufriedener Miene zu verzehren.
»Was wollt ihr in Seddada?« fragte mich der Lange.
»Nichts. Wir gehen weiter.«
»Wohin?«
»Über den Schott Dscherid nach Fetnassa und Kbilli.«
Ein unbewachter Blick, den er auf seinen Gefährten warf, sagte mir, daß
ihr Weg der nämliche sei. Dann fragte er weiter:
»Hast du Geschäfte in Fetnassa oder Kbilli?«
»Ja.«
»Du willst deine Herden dort verkaufen?«
»Nein.«
»Oder deine Sklaven?«
»Nein.«
»Oder vielleicht die Waren, die du aus dem Sudan kommen lässest?«
»Nein.«
»Was sonst?«
»Nichts. Ein Sohn meines Stammes treibt mit Fetnassa keinen Handel.«
»Oder willst du dir ein Weib dort holen?«
Ich improvisierte eine sehr zornige Miene.
»Weißt du nicht, daß es eine Beleidigung ist, zu einem Manne von seinem
Weibe zu sprechen! Oder bist du ein Giaur, daß du dieses nicht erfahren
hast?«
Wahrhaftig, der Mann erschrak förmlich, und ich begann in Folge dessen
die Vermutung zu hegen, daß ich mit meinen Worten das Richtige getroffen
hatte. Er hatte ganz und gar nicht die Physiognomie eines Beduinen;
Gesichter, wie das seinige, waren mir vielmehr bei Männern von
armenischer Herkunft aufgefallen und -- -- ah, war es nicht ein
armenischer Händler, der den Kaufmann in Blidah ermordet hatte und
dessen Steckbrief ich in der Tasche trug? Ich hatte mir nicht die Zeit
genommen, den Steckbrief, wenigstens das Signalement, aufmerksam
durchzulesen. Während mir diese Gedanken blitzschnell durch den Kopf
gingen, fiel mein Blick nochmals auf den Revolver. An seinem Griff
befand sich eine silberne Platte, in welche ein Name eingraviert war.
»Erlaube mir!«
Zu gleicher Zeit mit dieser Bitte griff ich nach der Waffe und las:
#»Paul Galingré, Marseille.«# Das war ganz sicher nicht der Name der
Fabrik, sondern des Besitzers. Ich verriet aber mein Interesse durch
keine Miene, sondern fragte leichthin:
»Was ist das für eine Waffe?«
»Ein -- ein -- -- ein Drehgewehr.«
»Magst du mir zeigen, wie man mit ihm schießt?«
Er erklärte es mir. Ich hörte ihm sehr aufmerksam zu und meinte dann:
»Du bist kein Uëlad Hamalek, sondern ein Giaur.«
»Warum?«
»Siehe, daß ich recht geraten habe! Wärest du ein Sohn des Propheten, so
würdest du mich niederschießen, weil ich dich einen Giaur nannte. Nur
die Ungläubigen haben Drehgewehre. Wie soll diese Waffe in die Hände
eines Uëlad Hamalek gekommen sein! Ist sie ein Geschenk?«
»Nein.«
»So hast du sie gekauft?«
»Nein.«
»Dann war sie eine Beute?«
»Ja.«
»Von wem?«
»Von einem Franken.«
»Mit dem du kämpftest?«
»Ja.«
»Wo?«
»Auf dem Schlachtfelde.«
»Auf welchem?«
»Bei El Guerara.«
»Du lügst!«
Jetzt riß ihm doch endlich die Geduld. Er erhob sich und griff nach dem
Revolver.
»Was sagst du? Ich lüge? Soll ich dich niederschießen wie -- -- --«
Ich fiel ihm in die Rede:
»Wie den Franken da oben im Wadi Tarfaui!«
Die Hand, welche den Revolver hielt, sank wieder nieder, und eine fahle
Blässe bedeckte das Gesicht des Mannes. Doch raffte er sich zusammen und
fragte drohend:
»Was meinst du mit diesen Worten?«
Ich langte in meine Tasche, zog die Zeitungen heraus und that einen
Blick in die Blätter, um den Namen des Mörders zu finden.
»Ich meine, daß du ganz gewiß kein Uëlad Hamalek bist. Dein Name ist mir
sehr bekannt; er lautet Hamd el Amasat.«
Jetzt fuhr er zurück und streckte beide Hände wie zur Abwehr gegen mich
aus.
»Woher kennst du mich?«
»Ich kenne dich; das ist genug.«
»Nein, du kennst mich nicht; ich heiße nicht so, wie du sagtest; ich bin
ein Uëlad Hamalek, und wer das nicht glaubt, den schieße ich nieder!«
»Wem gehören diese Sachen?«
»Mir.«
Ich ergriff das Taschentuch. Es war mit »#P. G.#« gezeichnet. Ich
öffnete die Uhr und fand auf der Innenseite des Deckels ganz dieselben
Buchstaben eingraviert.
»Woher hast du sie?«
»Was geht es dich an? Lege sie von dir!«
Anstatt ihm zu gehorchen, öffnete ich auch das Notizbuch. Auf dem ersten
Blatte desselben las ich den Namen Paul Galingré; der Inhalt aber war
stenographiert, und ich kann Stenographie nicht lesen.
»Weg mit dem Buche, sage ich dir!«
Bei diesen Worten schlug er mir dasselbe aus der Hand, so daß es in die
Lache flog. Ich erhob mich, um den Versuch zu machen, es zu retten,
fand aber jetzt doppelten Widerstand, da sich nun auch der jüngere der
beiden Männer zwischen mich und das Wasser stellte.
Halef hatte dem Wortwechsel bisher scheinbar gleichgültig zugehört, aber
ich sah, daß sein Finger an dem Drücker seiner langen Flinte lag. Es
bedurfte nur eines Winkes von mir, um ihn zum Schusse zu bringen. Ich
bückte mich, um auch den Kompaß noch aufzunehmen.
»Halt; das ist mein! Gieb diese Sachen heraus!« rief der Gegner.
Er faßte meinen Arm, um seinen Worten Nachdruck zu geben; ich aber sagte
so ruhig wie möglich:
»Setze dich wieder nieder! Ich habe mit dir zu reden.«
»Ich habe mit dir nichts zu schaffen!«
»Aber ich mit dir. Setze dich, wenn ich dich nicht niederschießen soll!«
Diese Drohung schien doch nicht ganz unwirksam zu sein. Er ließ sich
wieder zur Erde nieder, und ich that ganz dasselbe. Dann zog ich meinen
Revolver und begann:
»Siehe, daß ich auch ein solches Drehgewehr habe! Lege das deinige weg,
sonst geht das meinige los!«
Er legte die Waffe langsam neben sich hin aus der Hand, hielt sich aber
zum augenblicklichen Griffe bereit.
»Du bist kein Uëlad Hamalek?«
»Ich bin einer.«
»Du kommst nicht von Gafsa?«
»Ich komme von dort.«
»Wie lange Zeit reitest du bereits im Wadi Tarfaui?«
»Was geht es dich an!«
»Es geht mich sehr viel an. Da oben liegt die Leiche eines Mannes, den
du ermordet hast.«
Ein böser Zug durchzuckte sein Gesicht.
»Und wenn ich es gethan hätte, was hättest du darüber zu sagen?«
»Nicht viel; nur einige Worte.«
»Welche?«
»Wer war der Mann?«
»Ich kenne ihn nicht.«
»Warum hast du ihn und sein Kamel getötet?«
»Weil es mir so gefiel.«
»War er ein Rechtgläubiger?«
»Nein. Er war ein Giaur.«
»Du hast genommen, was er bei sich trug?«
»Sollte ich es bei ihm liegen lassen?«
»Nein, denn du hattest es für mich aufzuheben.«
»Für dich -- --?«
»Ja.«
»Ich verstehe dich nicht.«
»Du sollst mich verstehen. Der Tote war ein Giaur; ich bin auch ein
Giaur und werde sein Rächer sein.«
»Sein Bluträcher?«
»Nein; wenn ich das wäre, so hättest du bereits aufgehört, zu leben. Wir
sind in der Wüste, wo kein Gesetz gilt als nur das des Stärkeren. Ich
will nicht erproben, wer von uns der Stärkere ist; ich übergebe dich der
Rache Gottes, des Allwissenden, der alles sieht und keine That
unvergolten läßt; aber das Eine sage ich dir, und das magst du dir wohl
merken: du giebst alles heraus, was du dem Toten abgenommen hast.«
Er lächelte überlegen.
»Meinst du wirklich, daß ich dieses thue?«
»Ich meine es.«
»So nimm dir, was du haben willst!«
Er zuckte mit der Hand, um nach dem Revolver zu greifen; schnell aber
hielt ich ihm die Mündung des meinigen entgegen.
»Halt, oder ich schieße!«
Es war jedenfalls eine sehr eigentümliche Situation, in der ich mich
befand. Glücklicherweise aber schien mein Gegner mehr Verschlagenheit
als Mut zu besitzen. Er zog die Hand wieder zurück und schien
unentschlossen zu werden.
»Was willst du mit den Sachen thun?«
»Ich werde sie den Verwandten des Toten zurückgeben.«
Es war fast eine Art von Mitleid, mit der er mich jetzt fixierte.
»Du lügst. Du willst sie für dich behalten!«
»Ich lüge nicht.«
»Und was wirst du gegen mich unternehmen?«
»Jetzt nichts; aber hüte dich, mir jemals wieder zu begegnen!«
»Du reitest wirklich von hier nach Seddada?«
»Ja.«
»Und wenn ich dir die Sachen gebe, wirst du mich und meinen Gefährten
ungehindert nach dem Bir Sauidi gehen lassen?«
»Ja.«
»Du versprichst es mir?«
»Ja.«
»Beschwöre es!«
»Ein Giaur schwört nie; sein Wort ist auch ohne Schwur die Wahrheit.«
»Hier, nimm das Drehgewehr, die Uhr, den Kompaß und das Tuch.«
»Was hatte er noch bei sich?«
»Nichts.«
»Er hatte Geld.«
»Das werde ich behalten.«
»Ich habe nichts dagegen; aber gieb mir den Beutel oder die Börse, in
der es sich befand.«
»Du sollst sie haben.«
Er griff in seinen Gürtel und zog eine gestickte Perlenbörse hervor, die
er leerte und mir dann entgegen reichte.
»Weiter hatte er nichts bei sich?«
»Nein. Willst du mich aussuchen?«
»Nein.«
»So können wir gehen?«
»Ja.«
Er schien sich jetzt doch leichter zu fühlen als vorhin; sein Begleiter
aber war ganz sicher ein furchtsamer Mensch, der sehr froh war, auf
diese Weise davonzukommen. Sie nahmen ihre Habseligkeiten zusammen und
bestiegen ihre Pferde.
»Salam aaleïkum, Friede sei mit euch!«
Ich antwortete nicht, und sie nahmen diese Unhöflichkeit sehr
gleichgültig hin. In wenigen Augenblicken waren sie hinter dem Rande des
Wadiufers verschwunden.
Halef hatte bis jetzt kein einziges Wort gesprochen; nun brach er sein
Schweigen.
»Sihdi!«
»Was?«
»Darf ich dir etwas sagen?«
»Ja.«
»Kennst du den Strauß?«
»Ja.«
»Weißt du, wie er ist?«
»Nun?«
»Dumm, sehr dumm.«
»Weiter!«
»Verzeihe mir, Effendi, aber du kommst mir noch schlimmer vor, als der
Strauß.«
»Warum?«
»Weil du diese Schurken laufen lässest.«
»Ich kann sie nicht halten und auch nicht töten.«
»Warum nicht? Hätten sie einen Rechtgläubigen ermordet, so kannst du
dich darauf verlassen, daß ich sie zum Scheïtan, zum Teufel, geschickt
hätte. Da es aber ein Giaur war, so ist es mir sehr gleichgültig, ob sie
Strafe finden oder nicht. Du aber bist ein Christ und lässest die Mörder
eines Christen entkommen!«
»Wer sagt dir, daß sie entkommen werden?«
»Sie sind ja bereits fort! Sie werden den Bir Sauidi erreichen und von
da nach Debila und El Uëd gehen, um in der Areg[10] zu verschwinden.«
[10] Region der Dünen.
»Das werden sie nicht.«
»Was sonst? Sie sagten ja, daß sie nach Bir Sauidi gehen werden.«
»Sie logen. Sie werden nach Seddada gehen.«
»Wer sagte es dir?«
»Meine Augen.«
»Allah segne deine Augen, mit denen du die Tapfen im Sande betrachtest.
So wie du kann nur ein Ungläubiger handeln. Aber ich werde dich schon
noch zum rechten Glauben bekehren; darauf kannst du dich verlassen, du
magst nun wollen oder nicht!«
»Dann nenne ich mich einen Pilger, ohne in Mekka gewesen zu sein.«
»Sihdi -- --! Du hast mir ja versprochen, das nicht zu sagen!«
»Ja, so lange du mich nicht bekehren willst.«
»Du bist der Herr, und ich muß es mir gefallen lassen. Aber, was thun
wir jetzt?«
»Wir sorgen zunächst für unsere Sicherheit. Hier können wir leicht von
einer Kugel getroffen werden. Wir müssen uns überzeugen, ob diese beiden
Schurken auch wirklich fort sind.«
Ich erstieg den Rand der Schlucht und sah allerdings die zwei Reiter in
bereits sehr großer Entfernung von uns auf Südwest zuhalten. Halef war
mir gefolgt.
»Dort reiten sie,« meinte er. »Das ist die Richtung nach Bir Sauidi.«
»Wenn sie sich weit genug entfernt haben, werden sie sich nach Osten
wenden.«
»Sihdi, dein Gehirn dünkt mir schwach. Wenn sie dies thäten, müßten sie
uns ja wieder in die Hände kommen!«
»Sie meinen, daß wir erst morgen aufbrechen, und glauben also, einen
guten Vorsprung vor uns zu erlangen.«
»Du rätst und wirst doch das Richtige nicht treffen.«
»Meinst du? Sagte ich dir nicht da oben, daß eines ihrer Pferde den
Hahnentritt habe?«
»Ja, das sah ich, als sie davonritten.«
»So werde ich auch jetzt recht haben, wenn ich sage, daß sie nach
Seddada gehen.«
»Warum folgen wir ihnen nicht sofort?«
»Wir kämen ihnen sonst zuvor, da wir den geraden Weg haben; dann würden
sie auf unsere Spur stoßen und sich hüten, mit uns wieder
zusammenzutreffen.«
»Laß uns also wieder zum Wasser gehen und ruhen, bis es Zeit zum
Aufbruch ist.«
Wir stiegen wieder hinab. Ich streckte mich auf meine am Boden
ausgebreitete Decke aus, zog das Ende meines Turbans als Lischam[11]
über das Gesicht und schloß die Augen, nicht um zu schlafen, sondern um
über unser letztes Abenteuer nachzudenken. Aber wer vermag es, in der
fürchterlichen Glut der Sahara seine Gedanken längere Zeit mit einer an
sich schon unklaren Sache zu beschäftigen? Ich schlummerte wirklich ein
und mochte über zwei Stunden geschlafen haben, als ich wieder erwachte.
Wir brachen auf.
[11] Gesichtsschleier.
Das Wadi Tarfaui mündet in den Schott Rharsa; wir mußten es also nun
verlassen, wenn wir, nach Osten zu, Seddada erreichen wollten. Nach
Verlauf von vielleicht einer Stunde trafen wir auf die Spur zweier
Pferde, welche von West nach Ost führte.
»Nun, Halef, kennst du diese Ethar, diese Fährte?«
»Masch Allah, du hattest recht, Sihdi! Sie gehen nach Seddada.«
Ich stieg ab und untersuchte die Eindrücke.
»Sie sind erst vor einer halben Stunde hier vorübergekommen. Laß uns
langsamer reiten, sonst sehen sie uns hinter sich.«
Die Ausläufer des Dschebel Tarfaui senkten sich allmählich in die Ebene
hernieder, und als die Sonne unterging und nach kurzer Zeit der Mond
emporstieg, sahen wir Seddada zu unsern Füßen liegen.
»Reiten wir hinab?« fragte Halef.
»Nein. Wir schlafen unter den Oliven dort am Abhange des Berges.«
Wir bogen ein wenig von unserer Richtung ab und fanden unter den
Ölbäumen einen prächtigen Platz zum Bivouac. Wir waren beide an das
heulende Bellen des Schakal, an das Gekläffe des Fennek und an die
tieferen Töne der schleichenden Hyäne gewöhnt und ließen uns von diesen
nächtlichen Lauten nicht im Schlafe stören. Als wir erwachten, war es
mein erstes, die gestrige Fährte wieder aufzusuchen. Ich war überzeugt,
daß sie mir hier in der Nähe eines bewohnten Ortes nicht mehr von
Nutzen sein werde, fand aber zu meiner Überraschung, daß sie nicht nach
Seddada führte, sondern nach Süden bog.
»Warum gingen sie nicht hernieder?« fragte Halef.
»Um sich nicht sehen zu lassen. Ein verfolgter Mörder muß vorsichtig
sein.«
»Aber wohin gehen sie denn?«
»Jedenfalls nach Kris, um über den Dscherid zu reiten. Dann haben sie
Algerien hinter sich und sind in leidlicher Sicherheit.«
»Wir sind doch bereits in Tunis. Die Grenze geht vom Bir el Khalla zum
Bir el Tam über den Schott Rharsa.«
»Das kann solchen Leuten noch nicht genügen. Ich wette, daß sie über
Fezzan nach Kufarah gehen, denn erst dort sind sie vollständig sicher.«
»Sie sind auch hier bereits sicher, wenn sie ein Bu-djeruldu[12] des
Sultans haben.«
[12] Legitimation, Reisepaß.
»Das würde ihnen einem Konsul oder Polizei-Agenten gegenüber nicht viel
nützen.«
»Meinst du? Ich möchte es Keinem raten, gegen das mächtige #»Giölgeda
padischahnün«#[13] zu sündigen!«
[13] Wörtlich: »Im Schatten des Padischa.«
»Du sprichst so, trotzdem du ein freier Araber sein willst?«
»Ja. Ich habe in Ägypten gesehen, was der Großherr vermag; aber in der
Wüste fürchte ich ihn nicht. Werden wir jetzt nach Seddada gehen?«
»Ja, um Datteln zu kaufen und einmal gutes Wasser zu trinken. Dann aber
setzen wir den Weg fort.«
»Nach Kris?«
»Nach Kris.«
Bereits eine Viertelstunde später hatten wir uns restauriert und
folgten dem Reitwege, welcher von Seddada nach Kris führt. Zu unserer
Linken glänzte die Fläche des Schott Dscherid zu uns herauf, ein
Anblick, den ich vollständig auszukosten suchte.