»Obelisken, kolossalische und andere ungeheure Statüen, Zugänge, die
durch Sphinxe gebildet werden, und durch die man noch hineingehn kann,
obgleich der größte Theil von den Statuen zerbrochen, oder unter dem
Sande vergraben ist; gewölbte Gänge von einer ungeheuern Höhe, wovon
noch einer von 170 Fuß Höhe und 200 Fuß Breite vorhanden ist:
unermeßliche Säulenstellungen, deren Säulen über zwanzig, und einige
sogar ein und dreißig Fuß im Umfange haben; Farben, die noch durch ihre
Schönheit in Erstaunen setzen; Granit und Marmor, die bei dem Baue in
Menge verschwendet sind; ungeheuer große Steine, die von Knäufen
getragen werden, und die diesen prächtigen Gebäuden zur Decke dienen;
endlich Tausende von umgestürzten Säulen, alles dieses nimmt eine
Strecke von einem sehr großen Umfange ein.«
»Wie sehr sinken die so gerühmten Gebäude _Griechenlands_ und _Roms_ vor
den Tempeln und Pallästen des _egyptischen Thebens_ herab. Seine stolzen
Ruinen sind noch imposanter als ihre prächtigen Zierrathen, und seine
ungeheuer großen Trümmern sind noch ehrwürdiger, als ihre vollkommene
Erhaltung. Der Ruf der berühmtesten Gebäude verschwindet vor den Wundern
der _egyptischen_ Baukunst, und wenn man sie würdig beschreiben wollte,
müßte man das Genie der Männer besitzen, die den Plan dazu entworfen und
denselben ausgeführt haben, oder man müßte so beredt als Bossuet
schildern[6].«
[Fußnote 6: Eines Abends zog ich mich, den Geist mit den Wunderwerken,
die ich gesehen hatte, angefüllt, in eine von den Hütten zu Luxor
zurück, und las nochmals mit Enthusiasmus _Bossuets_ Stelle durch, wo er
nach Thevenots Erzählung, eine kurze Uebersicht von den Ruinen von
Theben giebt. Man kann von Werken, die Ehrfurcht und Bewunderung
einflößen, nicht in einer erhabneren Sprache sprechen. Ich glaube meinen
Lesern einen Gefallen zu erzeigen, wenn ich diese Stelle hier einrücke,
die ihnen ohne Zweifel noch eine vollkommenere Vorstellung von Orten
geben wird, die des Pinsels des französischen Redners würdig sind.
»Die Werke der _Egypter_ waren für die Ewigkeit gemacht. Ihre
Bildsäulen waren Colosse, ihre Säulen unermeßlich groß. _Egypten_
hatte seine Absicht auf das Große gerichtet, und wollte die Augen
auf sich ziehn, indem es dieselben stets durch die Richtigkeit
der Verhältnisse befriedigte. Man hat in dem _Saib_ (man weiß,
daß dies der Name der _Thebais_ ist) Tempel und Palläste
entdeckt, die beinahe noch vollkommen erhalten wurden, wo diese
Säulen, und diese Statüen unzählbar sind. Man bewundert daselbst
vorzüglich einen Pallast, dessen Ueberreste blos darum scheinen
stehen geblieben zu sein, um den Ruf aller der größesten Werke zu
vernichten. Vier Gänge die so weit reichen, als man sehen kann,
und an deren beiden Enden Sphinxe stehen, die aus einem eben
so seltnen Stoffe gehauen sind, als ihre Größe merkwürdig ist,
dienen einer Halle, deren Höhe die Augen in Erstaunen setzt, zu
Eingängen. Welche Pracht und welche Größe! Noch haben diejenigen,
die uns dieses ungeheure Gebäude beschrieben haben, nicht Zeit
gehabt, darin herumzugehn, und sie wissen nicht einmal, ob sie
die Hälfte davon gesehen haben, alles aber erregte ihr
Erstaunen.«
»Ein Saal, der ohngefähr in der Mitte dieses prächtigen Gebäudes war,
wurde von sechsundzwanzig Säulen getragen, die sechs Klaftern dick,
verhältnißmäßig groß, und mit Obelisken untermengt waren, die so viele
Jahrhunderte nicht haben niederstürzen können. Selbst die Farben, d. h.
dasjenige, was der Macht der Zeit am meisten unterworfen ist, sind noch
gut unter den Ruinen dieses bewundernswürdigen Gebäudes erhalten, und
haben noch ihre ehemalige Lebhaftigkeit. So gut verstand Egypten allen
seinen Werken den Charakter der Unsterblichkeit aufzudrücken.«]
»Der Araber, der zu _Luxor-Ismain_, _Abu-Alis_ Befehlshaber war, und dem
ich einen Brief von diesem Fürsten übergab, nahm mich sehr wohl auf,
dann setzten wir uns zu Pferde, und ritten unter seiner Bedeckung, bei
den Ruinen der alten Residenzstadt der egyptischen Könige herum. Ihre
Pracht und ihre Größe übertrifft alles, was man sich vorstellen kann,
allein neue Ereignisse jagten mich von den Ruinen weg, deren
merkwürdigsten Theil ich untersuchen und zeichnen lassen wollte. Ich
habe blos eine Zeichnung aufnehmen lassen können, die eine sonderbare
Säulenstellung des Theiles von den Ruinen vorstellt, wovon das Dorf
_Luxor_ umgeben ist.«
Der Europäer, und nur der Alterthumskundige vermag den tiefen Eindruck
dieser edlen Erhabenheit in sich aufzunehmen, doch ging das sonst nicht
ohne listige oder gefährliche Störung an. Nun aber in Gesellschaft
bewaffneter Soldaten wurde jede Nachforschung leicht, kein hoher Genuß
vernichtet. Und hätte die Expedition der Franzosen, ganz gewiß noch
einst folgenschwer, auch nichts bewirkt, als der gebildeten Welt all die
herrlichen authentischen Werke über Egypten zu geben, so würde die
Nachwelt sie schon mit Preis und Dank nennen.
Zwei bis drei Tage hielt man sich hier auf, bewunderte, maaß, zeichnete,
beschrieb. Flore half die Meßkette tragen.
Am letzten Tage irrte sie allein ein wenig umher, bog um eine dicke
Mauer, und wurde einige Menschen von dürftigem Ansehn gewahr, die ihr
etwas Bekanntes zu haben schienen. Jene erschracken, und wollten sich
verbergen, Flore ermuthigte sie, und fragte gutmüthig: ob sie ihnen
worunter nützlich werden könne?
Auf den vernommenen Ton ihrer Stimme wandte sich der Eine von den
Männern etwas rasch um, und blickte mit starrem Auge auf Floren. Diese
ihrerseits prüfte, forschte näher mit ihren Blicken -- siehe da! sie
hatte den Bei vor sich, den gutmüthigen, der sie einst von Schmach und
Tod gerettet, sie mit Geschenken und Freundschaft überhäuft hatte.
Sie freute sich hoch, aber mit Beben erkundigte sie sich; warum er doch,
mit seiner wackeren Gattin (denn auch sie saß da, in einen einfachen
Schleier gehüllt) und wenigen Knechten, sich an dem abgelegenen Orte
befände?
Der Bei, nachdem er sich von seinem Staunen erholt hatte, erzählte ihr
in Kurzen, wie er nicht nur durch die Zeitumstände von allem Einfluß,
und allen Einkünften ausgeschlossen worden sei, sondern auch noch das
herbe Unglück erlebt habe, auf jenem Landhause, seiner Schätze beraubt,
ja bis auf die ersten Bedürfnisse an Kleidung, geplündert worden zu
sein. Seine eignen Knechte hatten mit diebischen Arabern einen Bund
geknüpft, sich nach der That entfernt, und vorher alle Gebäude in Brand
gesteckt.
Waren die nicht dabei, welche mich geleiteten? rief Flore.
Ich vermuthe, diese waren die ruchlosen Anstifter, entgegnete der Bei.
»O das ist mir glaubwürdig genug. Auch an mir frevelten die Verräther.«
Sie fuhr nicht weiter fort, sondern dem ersten Gedanken, der ihr Herz
füllte, wärmte, fortzog, folgend, sprang sie zu ihren Elephanten. Sie
waren schon beladen, denn man wollte aufbrechen. Hierher, Knecht, mit
dem Einen! rief sie. Der verwunderte Bei sah sich plötzlich reich, seine
Gattin empfing einen Kuß, und Flore war in dem Säulenlabyrinth
verschwunden.
Da sie floh, und mit den Truppen fortwanderte, warf eine Stimme in ihrem
Innern ihr vor: »Aber so viel! die ganze Hälfte!« und eine andre fragte:
»Konnte ich weniger thun?«
Die erste mußte bald verstummen.
Fünftes Kapitel.
Neues Unglück und Ankunft in Cairo.
Sie zogen ohne Abentheuer, und ohne Merkwürdigkeiten zu sehn, mehrere
Tage fort; dann mußten sie sich über den Nil setzen lassen. Hier war es,
wo die arme Flore eine neue schwere Tücke des Schicksals erfahren
sollte. Es ging ihr genau nach der uralten Bemerkung, daß das Unglück
nicht Einzeln zu kommen pflegt.
Die Fähre, welche am Ufer vorgefunden wurde, war nicht geräumig, das
Commando mußte in zwei Abtheilungen eingeschifft werden. Der Elephant
blieb zuletzt, und es machte große Mühe, bis er zu bewegen war, in das
Fahrzeug zu steigen. Flore wollte nicht von ihrem Besitzthume entfernt
sein, aber sie fürchtete die plumpen Bewegungen des Thieres, deshalb
fuhr sie in einem kleinen Boote neben der Fähre her. In der Mitte des
Stromes muß unseligerweise ein Nilungeheuer, Hippodamus genannt, an der
Fähre in die Höhe springen, wie man wohl, die Ostsee beschiffend,
plötzlich erscheinende Seehunde wahrnimmt. Der Elephant entsetzt sich,
wird scheu, fängt an hin und her zu springen, dadurch verliert das
Fahrzeug das Gleichgewicht, die Ruderer schreien auf, springen in die
Fluth, sich durch Schwimmen zu retten, und das Fahrzeug schlägt um. Der
Elephant geht sogleich, von seiner Last in die Tiefe gedrückt, unter.
Flore fing laut an zu lachen. So komme ich also wieder nach Cairo, wie
ich auszog, rief sie. Aller Reichthum von Darkulla ist dahin, ich kann
die ganze Hoheit von Darkulla einen Traum nennen, und anders soll sie
auch in meinem Gedächtnisse nicht aufbewahrt werden.
Man kann nicht gefaßter seyn, wie sie es war. Andere hätten daran
gedacht, durch Taucher, die Ladung des Elephanten suchen zu lassen, sie
dachte aber: wer weiß, wohin der Strom das Thier wirft, wo find ich
solche Leute, _allein_ wäre ich mit ihnen nicht sicher, und die Soldaten
müssen fort. Fahre hin Reichthum! Finde ich nur in Cairo, was ich noch
zu fordern habe, läßt mich das Geschick Paris wieder erreichen, Ring
einst wieder sehn, so will ich gern sagen: mir _träumte_ einmal, ich
wäre Sultanin von Darkulla.
Wenn das Verhängniß nur Reichthum nimmt, ist es noch milde genug, aber
wenn auch die Freiheit verlohren geht, (wie Bajazeth, nachdem ihm
Tamerlan alles genommen hatte, noch in den Käficht kriechen mußte,) dann
wirds arg, und viel ärger, wenn man ein persischer Prinz ist, eine
Hauptschlacht wider den Gegner verloren hat, gefangen wird, und dann die
Augen hergeben muß.
Entstände die Frage: welchen Sterblichen nennt die Geschichte, der am
bittersten verlor; so wäre man geneigt zu antworten: der liebende
Abälard, da er durch die Greuelthat -- -- -- -- allein die ächt feinen
Gemüther, die das Menschliche ins Göttliche zu versenken wissen, können
antworten: Abälards Liebe verlor nicht, sie gewann. --
Die Ungewitter des Schicksals toben aber bisweilen aus. Ist ein
ungeheures Weh, nach früheren großen, erlitten, darf der Mensch auf
einen entwölkten Horizont hoffen. Flore kam nach Cairo, eilte nach ihrer
vorigen Wohnung, und so lange sie auch entfernt war, so lange man nichts
von dem gefangenen Ring gehört hatte, so fand sie alle ihre
Habseligkeiten richtig wieder. Die bravgesinnten Kameraden ihres Mannes
hatten sich der Aufbewahrung und Verwaltung unterzogen. Ja alle
Rechnungsbücher, die die an die Truppen geleisteten Lieferungen
aufzählten, alle Quitungen lagen an ihrem Ort. Es mangelte nicht an
baarer Kasse, und Flore übersah bald, daß Ring über das aus Frankreich
mitgenommne Kapital, mehr als Hunderttausend Franken, in gültigen
Forderungen, ausstehen habe. Das war die Frucht vortheilhafter Einkäufe,
emsigen Fleisses, und des Glückes bei dieser oder jener Unternehmung.
Jetzt waren die Forderungen nicht einzuziehn, doch Anweisungen auf Paris
wurden dargeboten. Flore war damit vollkommen zufrieden, um so mehr, als
sie hinlänglich mit Reisegeld versehn war.
Wie man die Papiere ausgefertigt hatte, beschenkte sie die redlichen
Freunde, und eilte nach Alexandrien. Hier besuchte sie Coraims Eltern,
und erzählte dem jungen Türken von Isabellen, Alonzo, Coutances,
Perotti, der nicht wenig befremdet wurde, und nun um einen Roman reicher
war, wenn er eine Gesellschaft durch Erzählungen vergnügen wollte.
Dann sahe sie sich nach einem Schiffe um, das nach Frankreich segeln
wollte. Sie fand deren jetzt nicht, da die Engländer zu mächtig in den
egyptischen Gewässern umherschwammen, doch lag ein italienischer
Kauffahrer mit Ladung nach Triest im Hafen. Sie beschloß mit diesem ihr
Glück zu wagen, und wurde bald einig wegen der Fracht. Es versteht sich,
daß sie sich jetzt immer wieder der Mannskleider bediente. Doch
wechselte sie den uniformmäßigen Rock, mit bürgerlichem Frack und
Ueberrock.
Sechstes Kapitel.
Reiseabentheuer auf der Fahrt nach Europa.
Welche Gefühle, da Flore das Boot bestieg, welches sie nach dem auf der
Rheede liegenden Schiffe tragen sollte! Welche Gefühle, da die Matrosen
dort die Strickstufen hinabließen, und sie daran zum Verdeck
hinaufstieg! Welche Gefühle, da bald darauf der Schiffskapitain
zufrieden nach dem Wimpel empor schauete, und die Anker lichtende Winde
rüstig gedreht ward!
Sanft theilte der Kiel die blauen Fluthen. Das Schiff ging vor einem
Südostwinde von mäßiger Kraft, kein peinliches Schwanken, das die
Seekrankheit ruft, behagliches Gefühl, nur die sich verkleinernde Küste,
das Zeichen der eilenden Fahrt.
Noch am Abend sahe man wenig mehr vom Gestade des alten romantischen
Egyptens, am Morgen, da Flore ihr Wandbett fröhlich verließ, und zur
Cajüte hinaufstieg, erblickte sie nur Himmel und Wasser, Seemöven, und
in der Entfernung einige englische Stationärs.
Der Schiffskapitain hatte Floren versprochen, im Fall die Engländer das
Schiff visitirten, sie für seinen Sohn auszugeben, denn freilich konnte
sie auf keine Freundlichkeit bei den Britten zählen. Jene Zusage
beruhigte sie aber, denn der Mann hatte eine gewisse Biederkeit an sich,
die ihr Zutrauen warb. Ihre Menschenkunde betrog sich aber.
Sie hatte ihm ein Märchen aufgebunden, nach welchem sie der Sohn eines
alten französischen Offiziers sei, der in Egypten seinen Tod gefunden
hatte. Der Seemann glaubte, bedauerte, und verhieß Wohlwollen aller Art.
Allein in einigen Tagen kam ein englisches Kriegsfahrzeug nahe heran,
und gab das Zeichen die Seegel niederzulassen. Man mußte gehorchen, und
eine Chaluppe brachte mehrere brittische Beamte, welche die Papiere des
Kauffahrers untersuchen sollten.
Sie stiegen an Bord, fanden Frachtbriefe und Ladung richtig, und hatten
nichts einzuwenden, da das Schiff nach einem neutralen Hafen segelte.
Nun kam die Reihe der Passagiere. Die drei, welche außer Floren noch da
waren, fanden keine Schwierigkeit, nun fragte der englische Offizier:
wer ist der junge Mensch? Pässe vorgezeigt!
Es ist ein Franzos! rief der Schiffskapitän. Florens Knie zitterten. Die
Britten ließen ihr ^God damm^ und ^French dog^ vernehmen, und kündigten
ihr an, sie müsse gefangen mit auf das englische Schiff.
Die Arme war bis in den Tod erschrocken, und empört über die
Treulosigkeit des Schiffers, da war aber wenig Zeit zu Ausrufungen,
Verwünschungen und Klagen, sie mußte hinunter in die englische Chaluppe.
Meinen Koffer, rief sie, laßt mich doch mitnehmen, der Italiener
läugnete, daß einer da sei, die Britten wollten sich nicht lange
aufhalten, und ruderten davon.
Ein guter Genius der Vorsicht hatte Floren gerathen, ihre Papiere in
einem Taschenbuche von Wachstaffent, ins Futter der Weste zu nähen, so
hatte sie nun doch alle ihre Anweisungen auf Paris bei sich, und der
treulose Wälsche fand in ihrem Koffer, außer einigen egyptischen
Seltenheiten, und Kleidungen von geringem Werthe, nur wenig baares Geld.
Die Engländer wiesen ihr im unteren Schiffraum ihren Aufenthalt an, der
freilich sehr naß, kalt, und unbehaglich war. Sie konnte nicht einmal
fragen, was man mit ihr vorhabe, da sie nicht englisch verstand. Sie war
übrigens nicht geplündert worden, auch ihr Geschlecht blieb unentdeckt.
Eine Portion Schiffszwieback wurde ihr täglich gereicht, auch wohl
Mittags ein wenig Stockfisch oder Sauerkraut.
Vierzehn Tage lang mußte sie dies traurige, ängstliche, ungewisse Leben
aushalten, und selten wurde ihr vergönnt, ein wenig frische Luft auf dem
Verdecke zu schöpfen.
Dann segelte das Schiff nach Morea, um Wasser einzunehmen. Dort befanden
sich damals russische Truppen, und der junge französische Gefangene, den
man nicht mehr mit sich herumschleppen wollte, wurde ihnen ausgeliefert.
Waren die Engländer rauh, waren es die Söhne Moscoviens noch weitmehr.
Kaum hatte sie den Fuß ans Land gesetzt, als die Kosaken, welche sie ins
russische Hauptquartier bringen sollten, ihr Stiefeln, Ueberrock und Hut
nahmen. Sie gab noch die geringe Baarschaft von selbst hin, und bat
kniend nicht weiter zu gehn, denn sie hatte nun alles zu fürchten.
Knieen, Flehen, Händeringen, das sind inzwischen Dinge, von denen man
gar nicht billigerweise erwarten darf, daß sie auf Kosaken Eindruck
machen sollten. Sie kommen ihnen im Kriege täglich vor, und es ist
nothwendige Regel, daß Gewohnheit für die Eindrücke abstumpfe.
Doch gute Naturen plündern dennoch mit Güte. Sie mißhandeln nicht, und
ziehen die Kleidung behutsam herunter, indem die Versicherung gegeben
wird, es solle weiter nichts geschehen.
Im Anfang des letzten Krieges, den Oestereich mit der Pforte führte,
empfingen die türkischen Soldaten, für den feindlichen Kopf, einen
Dukaten, und suchten dann haushälterisch ein Sümmchen einzusammeln.
Nahmen sie nun Kaiserliche gefangen, und diese wanden sich um Pardon,
sagten die Leutseligen unter den Muselmännern: Fürchte dich nicht! Nur
den Kopf!
Doch zu Floren. In dem gültigen Augenblicke, trat eben ein russischer
Offizier daher, einen schönen jungen Mann in bürgerlicher Kleidung am
Arme. Männer erkennen verkleidete Weibern nicht immer, wenn die
weibliche Abweichungen der Gestalt nicht sehr scharf ausgesprochen sind.
Aber ein verkleidet Frauenzimmer erkennt das andre auf den ersten Blick.
Darum wandte sich Flore auch nicht an den Offizier, sondern seinen
schönen Begleiter, vermuthete aus der feinen Haltung, die französische
Sprache würde verstanden werden, und rief: schöne Dame, retten sie mich,
ich bin wie sie eine Verkleidete!
Der Offizier wurde roth, die andre Person blaß, doch stellte jener
Befehle aus, die Kosaken mußten im Raub Einhalt thun, ja Ueberrock, Hut
und Stiefeln zurückgeben, wofür er ihnen einige Rubel hinwarf.
Er erkundigte sich weiter. Flore fertigte einen kurzen wahren Abriß
ihres Lebens, wo aber manches ausblieb, z. B. das Palais Royal, und das
Königreich Darkulla; wie sie aber von ihren Begebenheiten bei der
polnischen Legion sprach, erwiederte der Offizier: O davon sollst du mir
noch mehr erzählen, ich bin auch ein Pole.
Flore wurde aus den Händen der Kosaken befreit. Ich verantworte alles,
sprach der Offizier und nahm sie mit nach seiner Wohnung, in einem nicht
weit von dem Ankerplatz, wo die Engländer lagen, entfernten Flecken.
Dort mußte nun Flore noch viel über den Krieg in Italien nachholen, und
ihre Reise mit dem Herrn von Jalonski, ein Hauptmoment aus jener Zeit,
kam auch zur Sprache.
Bei dem Namen Jalonski fuhren jene auf. Das ist mein Jugendfreund, rief
der Offizier, mit etwas blassem Gesichte. Die andere Person erröthete,
wie der Vollmond, wenn er dem Meere entsteigt.
Alles was Flore von dem Herrn von Jalonski wußte, mußte sie jetzt
berichten; man nahm nicht nur den lebendigsten Antheil daran, sondern
begegnete ihr nun mit lebhafter Auszeichnung, woran auch der bei ihrer
Erzählung offenbarte Verstand Ursache war.
Sie bekam ein kleines besonderes Zimmer, und die Versprechung, man werde
gewiß Sorge tragen, daß sie ungehindert und sicher nach Venedig oder
Triest gelangte.
Schon da alles schlief, kam die andere Person noch auf Florens Zimmer,
gestand, sie sei eine Verkleidete, und -- Jalonski's erste Geliebte.
Wer denkt man, daß es war? _Maria Gurowska!_ _Joseph_, der russische
Offizier! Nach jenem Aufstand in Warschau hatte er russische Dienste
genommen, und Marie geheirathet. Jetzt stand er schon eine gute Zeit in
Morea, empfand Langeweile, und schrieb nach Taurien, wo sich seine
Gattin befand, sie mögte zu ihm kommen. Sie wählte Mannskleider.
Joseph und Maria Gurowska sind denjenigen bekannt, welche die
Begebenheiten des Herrn von Jalonski lasen; wer die Lesereise durch
gegenwärtiges Büchlein macht, und dem jene Begebenheiten fremd sind,
wird auch mit den beiden Personen vertraut werden, wenn er sich jenes
Buch aus irgend einer Leihbibliothek holen läßt.
Hier wird demnach auch ein Kritiker ausgesöhnt, welcher dem Verfasser
einst den Vorwurf machte: er habe nicht berichtet, was aus Joseph und
Maria Gurowska weiter geworden sei.
Siebentes Kapitel.
Fortsetzung.
Maria konnte immer nicht genug von dem guten Ignaz hören, und manche
Thräne der Rührung perlte auf ihre holden Wangen nieder, wenn seine
Unfälle berührt wurden.
Die Erzählung mußte nothwendig Sympathie unter den beiden Weibern
erzeugen. Denn man kann verheirathet sein, und den andern Theil achten
und lieben; eine Erzählung, die die Saiten der ersten Liebe berührt,
ruft doch Melodien der Erinnerung, die den orpheischen Mund segnen
lassen. So kettete sich Maria an Floren, und diese gehörte ihr, durch
die Freude an ein solch Gefühl, und den Dank.
Sie wurden Freundinnen von neuer Zeitrechnung, aber innig.
Flore mußte acht Tage hier bleiben, und diese Zeit, ihr ohnehin angenehm
gemacht, diente ihr dazu, sich von den Mühseeligkeiten auf dem
englischen Schiffe zu erholen.
Dann fuhr eine Postjacht nach Corfu. Flore bekam gute russische Pässe
und Empfehlungen, auch Josephs Diener mit, der unterwegs für ihre
Bequemlichkeit sorgen, und ihr eine Gelegenheit nach Venedig oder Triest
verschaffen sollte, die man in Corfu bald zu finden hoffte.
Man schied gerührt. Sehen sie einst Jalonski, rief Joseph, so sagen sie
ihm: wenn schon unsere politischen Grundsätze sich trennten, mein Herz
gehört immer noch dem Jugendfreunde! Maria wandte den Blick weg, sie
konnte nichts sagen.
Das kleine Schiff, von Ragusanern geführt, ging immer längs der Küste,
und lag nach einigen Tagen im Hafen von Corfu. Man fand noch an
demselben Tage eine Brigg, die nach Triest steuern wollte. Flore
miethete ihren Platz darauf, beschenkte den Diener Josephs und ließ
Tausend Dank nach Morea entbieten.
Es gelang ihr, ein französisches Papier, mit einigem Verluste, bei dem
Wechsler, dem sie durch Joseph empfohlen war, umzusetzen, folglich
drückte sie keine Verlegenheit mehr.
Von jetzt an schien das Glück versöhnt, der Schiffskapitän, mit dem sie
reiste, war ein redlicher Mann, die Passagiere gute freundliche
Menschen; bis auf einen kleinen unerheblichen Sturm erzeigten sich Wind
und Wetter vollkommen günstig, und bald lag die Brigg im Hafen von
Triest vor Anker.
Flore begegnete jenem treulosen Schiffskapitän, der große Augen machte,
sie in Triest zu sehn. Sie reichte eine Klage wider ihn ein, er stritt
aber, und sie hätte vielleicht manche Woche harren müssen, um einem
vortheilhaften Richterspruch entgegenzusehn, das schien ihr der Mühe
nicht werth, und sie eilte weiter zu kommen.
Josephs Empfehlungen an den russischen Consul, waren auch in Triest sehr
wirksam, man hatte die Güte ihr einen Paß zu geben, der sie einen
Schweitzer nannte; so hinderte sie der Krieg zwischen Frankreich und
Oesterreich nicht an ihrer weiteren Reise.
Sie ging erst nach Venedig, dann mit einem Vetturin nach Mailand. Eine
Postkutsche brachte sie nach Turin, und hierauf wurden Maulthiere
gemiethet, um über den großen St. Bernard zu gehn. Sie kehrte bei den
gastlichen Vätern auf der Höhe ein, und ließ sich dann auf einem
geflochtenen Palankin niederwärts tragen, denn das Ramassiren, oder auf
kleinen Schlitten über den Schnee, bei den jähesten Abgründen vorbei,
gleiten, (was manchen Engländern so viel Vergnügen macht, daß sie die
Fahrt öfter wiederholen,) wagte sie nicht.
Die kalte Alpenluft war freilich sehr unbehaglich für Jemand, der aus
der Mitte von Afrika anlangt, doch trug sie nur einen kleinen Schnupfen
davon, der nichts zu bedeuten hatte, weil er bald verging. Denn
freilich, vergeht ein Schnupfen nicht bald, kann er viel zu bedeuten
haben. Tissot begegnete einem Edelmann, und fragte: wie befinden sie
sich? Jener antwortete: Wohl, bis auf einen Schnupfen. O, rief Tissot,
am Schnupfen sterben mehr, wie an der Pest. Er hatte Recht, da der
Schnupfen, vernachlässigt, leicht die Wurzel gefährlicher
Brustkrankheiten legt.
In Genf ruhete unsere Reisende nicht nur von den neuen
Ungemächlichkeiten auf dem Meere und den Gebürgen aus, sondern sie legte
hier auch feierlich das männliche Kleid ab, um es nie wieder anzuziehn.
Man wunderte sich nicht wenig im Gasthofe, bei der Verwandlung, und als
Flore eine Kammerjungfer miethete, mit der es ans Nähen, und
Cöffürenaufstecken ging.
Achtes Kapitel.
Endliche Ankunft zu Paris.
Da alles mit dem Costüme in Ordnung war, miethete Flore zwei Plätze auf
der Diligence, und stieg mit ihrer Kammerjungfer, einer munteren
Savoyarde, ein. In Lyon versah sie sich noch mit allerlei Putzwerk, um
stattlich in die Vaterstadt einzuziehn, alles aber an ihr mußte den
Stempel einer graziösen Ehrbarkeit tragen.
Außer daß die Gastwirthe unterwegs ziemlich dreist auf ihre Börse
spekulirten, begegnete ihr nichts Erzählungswerthes auf dem Wege. Die
Landstraßen sind gut, die Postillone fahren trefflich, der Ton ist in
Frankreich voll Anstand gegen das andere Geschlecht, da können also die
Frauen mit Bequemlichkeit und Dezenz reisen, wenn auch keine männliche
Begleitung um sie ist, ein Schritt, bei dem es in Deutschland dagegen,
Bedenklichkeiten genug giebt.
So rasch aber der Wagen fortgezogen wurde, je näher an Paris, je größer
Florens Ungeduld. Feierlicher, heiliger wird die Heimath, wenn man aus
einer weiten Entfernung zurückkehrt. »Werde ich von Ring hören? Ihn
vielleicht gar finden? Werden meine Verwandten noch leben?« Alle diese
Fragen richtete sie ängstlich an das Geschick. --
Endlich erreichte man die letzte Post, auf der die Pferde unleidlich zu
zögern schienen, ob sie der Postillon schon sehr eilig vorlegte. Endlich
rollte die schwere Kutsche, mit Passagieren überfüllt, auch von dort
weg. Flore setzte sich hinaus, auf das sogenannte Cabriolet, welches der
Platz vor der Kutsche ist, um die freiere Aussicht nach der Stadt hin zu
genießen, und sie eher wie von Innen zu sehn.
Oft täuschten sie Pappelbäume im Hintergrunde, die sie für die Thürme
von Notredame, und wieder dicke Linden, die sie für die Dome von dem
Pantheon, den Invaliden, oder Val de grace ansah. Endlich aber machte
die Täuschung der Wahrheit Platz, die Zinnen lagen wirklich vor ihr, und
von einem Hügel herab, war der ganze Prospekt, auf die breite, mit
zahllosen, von Rauch und Dampf umhüllten, Häusermassen bedeckte Fläche.
»Träumst du, Sultanin von Darkulla? Nein, da breitet Paris sich vor dir
aus!«
Da sie nun in der Stadt angekommen war, und die Diligence vor ihrer
Ausspannung anhielt, nahm Flore einen Miethswagen, und ließ sich in ein
Hotel bringen. Bei Dame Beatrice, ihrer Tante, im Palais Royal
vorfahren, das ging nicht mehr an. Auch über die Träume von Hoheit
weggesehn, gehörte Flore zu der Zahl ehrsamer guter Frauen, und das
Gesicht ward ihr immer heiß, wenn sie an die tiefe Vergangenheit dachte.
Sie hätte allenfalls den Abend erwarten, dann ins Palais Royal gehen,
und zur Tante unbemerkt hinaufschleichen können. Aber auch das wollte
sie nicht, aus Furcht, alte, nicht rühmliche Bekanntschaften, dort zu
finden. Ihr Kammermädchen sollte übrigens auch ganz und gar nichts von
einer gewissen Vorzeit erfahren.
Es wurde ein Lohnlakai zu Dame Beatrice geschickt mit der Ladung,
sogleich ins Hotel N. N. auf das und das Zimmer zu kommen. Wer den
Lohnlakaien schickte, das wußte er selbst nicht, die Bestellung war ihm
unten im Hause gemacht worden, und die Tante sollte auch überrascht
sein.
Das gab aber Anlaß zu einer sehr komischen Verwechslung. Dame Beatrice,
nach einem Hotel berufen, was konnte sie meinen, das man von ihr wollte?
Nicht doppelte Gänge zu haben, nahm sie gleich einige -- Stickerinnen
mit, die auch wohlgemuthet ins Zimmer traten. Darüber gerieth Flore in
peinliche Verlegenheit, und es minderte die Freude des Wiedersehens. Zum
Glücke aber kannten jene Novizen sie nicht, und wurden auf Florens Wink
bald von der Alten beurlaubt.
Diese war außer sich vor Freude, verschwenderisch an Fragen, die keine
Antwort erwarteten, und an Erzählungen, die nicht zu Ende kamen. Flore
konnte keine Ruhe in ihr Gemüth bringen, und ehe man sichs versah, war
Jene zur Thür hinausgesprungen und verschwunden.
Flore saß eine Weile allein auf dem Zimmer, und weinte, daß die Alte ihr
nichts von Ring hatte sagen können.
Nach einer halben Stunde war Dame Beatrice wieder da, den ^Maître
décrotteur^, und den Virtuosen Martin an der Hand, welche das Vergnügen
des Tages theilen, und die Heimgekehrte bewillkommen sollten.
Der Leser kennt diese beiden Ehrenmänner auch nur, wenn er die
Geschichte des Herrn von Jalonski seiner Durchsicht würdig gehalten hat.
Der eine, Florens Oheim, hatte eine Boutique am Pont neuf, wo für die
Reinlichkeit der Schuh und Stiefeln Vorübergehender Sorge getragen
wurde, der andere, sein Herzensfreund, ging Abends in den Gassen der
Vorstädte umher, einen Ohrenschmaus auf einem Instrumente anzutragen,
das auch das erklärteste musikalische Nichttalent in einer Stunde
meisterhaft spielen lernen kann weil es nur eine drehende Bewegung
fordert.
Ohne Umstände, nach Weise guter kleiner Bürger, fielen sie Floren um den
Hals, und die vormalige Sultanin in Afrika, konnte sich nicht einmal der
freudigen Ausbrüche erwehren.
Beklommen freundlich fragte sie: Was befehlen die Herren zu trinken?
^Blanc côte d'or? Hermitage? Vin vieux du Rhin? de Tokai?^
Eh, eh! erwiederte der Decrotteur, zu theuer, viel zu theuer! Ein Glas
^Chablis^ oder ^Beaune^. Oder eine Flasche ^Bierre de mars^, sagte der
Freund.
Flore schämte sich, und ließ ^Blanc côte d'or^ bringen, wobei sich die
Gäste bedeutend ansahen, und den Wein kennerisch zum Munde führten.
Der Decrotteur begehrte etwas Brot, und eine rohe Zwiebel, sein Freund
ein wenig Käse, Dame Beatrice äußerte Appetit auf ein Stück ^boeuf à la
mode^. Flore ließ ein ^Poulet normand au cresson^, eine ^Capitolade aux
truffes^, einige ^Bécasses, compots de touts espèces^, eine Menge von
Cremen und Confituren auftragen. Jene kauten sehr hoch, und der
vertrauliche Ton verminderte sich mit jeder neuen Delikatesse, womit
Flore auch gar nicht unzufrieden war.
Bald gingen die beiden Männer, auch mit einem etwas steifen Komplimente,
davon, denn ihre Geschäfte riefen.
Nun sprach Flore zur Tante: Ich kann es nicht mehr ansehen, Dame
Beatrice, daß sie ihr Handwerk fortsetzen.
Jene erwiederte: Himmel! Es nährte mich doch so lange redlich, nichts
anders habe ich gelernt.
Flore fuhr fort: Ich bin im Stande, für ihren Unterhalt zu sorgen. Es
gelang mir, in Egypten etwas zu erwerben, und ich bringe Anweisungen
mit, an deren Gültigkeit gar kein Zweifel besteht, da, wie ich schon
unterwegs erfuhr, durch die Solidität der jetzigen Regierung der
Staatskredit immer mehr befestigt wird. Ich kann auch meine Papiere bei
jedem Wechsler loswerden. Und mit dem Landgütchen, was Ring und ich
einst mit Papiergelde kauften, muß es gegenwärtig auch wohl stehn.
O ja, rief Dame Beatrice, es liegt Pacht für dich in Bereitschaft.
Wolltest du es verkaufen, es würde ansehnlicher Vortheil davon --
Nein, nein, unterbrach sie Flore, wir ziehen zusammen nach Toury. Paris
ist kein Ort für sie. Aufs geschwindeste geben sie alles auf,
versteigern ihre Mobilien, und folgen mir.
Ei nun wenns so gemeint ist, sagte die Tante mit weinerlichem Ton, wenn
du mich todt füttern willst, so geb ich die Geschäfte mit Vergnügen auf,
die Zeiten werden so immer schlechter, es giebt Unserer zu viel, und die
Welt ist bös, man wird auf allen Enden betrogen.
Flore trieb die Sache eilig und mit Nachdruck. Denn Paris, so heiß sie
sich danach gesehnt hatte, war ihr jetzt zuwider. Da sie seine Freuden
durchaus nicht ungestört genießen konnte. Sie besuchte die Oper, das
Boulevard, den Garten des Palais Luxemburg, in Gesellschaft der Wirthin,
doch überall fand sich bald ein ältlicher Elegant, der, sie
lorgnettirend, entweder ein bedeutendes ^Aha!^ ausrief, es gingen ein
Paar Militairs hinter ihr, und riefen ohne Umstände: ^Voilà Flore!^ oder
sie mußte wohl gar derbe Scherze vernehmen. Das machte, daß sie gar
nicht mehr ausging.
Sie verwandelte ihre Papiere in Geld, und that dies auf sichren Zins.
Dame Beatrice mußte aufpacken, Herr Jolin, der die Tante späterhin
heirathete, setzte sich mit in den Wagen, und so gings auf Toury bei
Orleans zu, dessen Pächter, wie ein ehrlicher Mann gewaltet hatte.
Sie fand baare Summen vor, die Grundstücke waren verbessert, es mangelte
nicht an Vieh, nicht an Geräth, und Toury verhieß seiner Besitzerin ein
anständiges Auskommen.
Neuntes Kapitel.
Einsamkeit zu Toury.
Hier dachte sie nun ernst über ihre bunte Vergangenheit nach. Die
Unruhe, das Schwanken zwischen Furcht und Hoffnung, waren von ihr
gewichen, zum Erstenmale kam das Gefühl eines gleichstimmigen, zwischen
den Extremen unbemerkt hinlaufenden Daseins über sie. Die ländlichen
Beschäftigungen in ihrer harmlosen Einfachheit, gewann sie lieb, mischte
sich, wie eine Penelope, bald unter die Winzerinnen, bald unter die
Frauen an der Spindel.
Wohl von mehr als einer Seite konnte man sie mit der fabelhaften Königin
von Ithaka (die übrigens kaum so reich war, als Flore jetzt, um wie viel
weniger, als einst Flore in Darkulla) gleichen. Denn die junge Wittwe,
(alles sagte ihren Mann todt,) mit artigem Vermögen, und einem artigen
^beau reste^ gefiel manchen ehelustigen Männern der Gegend. Zu Wagen, zu
Roß und zu Fuße wurden ihr Aufwartungen gemacht, deren Absicht klar
genug einleuchtete, auch trafen ganz runde Anwerbungschreiben ein.
Doch sie hoffte auf Rings Zurückkunft. Warum sollte er nicht leben?
fragte sie immer. Lebendig ward er gefangen, das sagen meine
Nachrichten. Mordet der Türk nicht im Wüthen der Schlacht, so läßt er
hernach den Gefangenen wohl unverletzt, da er ihn als Sklave verkaufen,
oder selbst nützen kann. Lebt Ring, so wird er, es daure so lange es
will, schon Mittel finden, sein Loos, seinen Aufenthalt, hieher kund zu
thun, und da kauft man ihn mit einer Summe los.
Darum wurden die Freier artig, doch gemessen abgewiesen. Und da zu viel
Justiz im Lande war, als daß sie sich, wie jene übermüthigen, die Herrn
von Göthe so gefallen[7], hätten einlegen, und von der Schönen Haabe
zehren können, so blieb ihnen nichts, als sich artig zu entfernen; was
noch dazu in aller Stille geschah, weil Niemand gern den empfangenen
Korb wollte ruchtbar werden lassen.
[Fußnote 7: Siehe: Leiden des jungen Werthers.]
Doch nicht alle Freier beruhigten sich mit einem Korb; das, was sie
entbehren sollten, gewann nur einen desto anziehenderen Reiz für sie,
und die Plane der Intrigue wurden zu Hülfe gerufen.
So gings auch hier mit einem Herrn Noiseul, der sich in Madame Ring
verliebt hatte, und nicht an der Festung Uebergabe verzweifeln wollte,
war gleich das erste Aufforderungsschreiben rund abgelehnt worden. Wir
werden im folgenden Kapitel sehn, was Herr Noiseul that.
Sonst sind der Regel nach, die Weiber in diesen Intriguen gewandter, und
wie mancher Ehemann wird nach Hymens Tempel an den Banden der Schlauheit
geleitet.
Den Leser noch mit einer Episode zu bewirthen, mag hier eine Geschichte
der Art Platz nehmen, die dazu das Verdienst der pünktlichen Wahrheit
hat.
In B*** lebte eine adliche Wittwe, noch nicht über die Jugendfrische
hinaus, nicht ohne einnehmende Reitze, nicht ohne Vermögen. Ein
Offizier, noch jünger als sie, fand sie liebenswürdig, und da Offenheit
seine Sache war, blieben seine Gefühle ihr gar nicht verborgen. Sie fand
den Stand der Wittwe ein wenig öde, und einen Lebensgesellschafter, wie
den jungen Offizier, um so erfreulicher, als ihre erste Ehe eine Art
Zwangverbindung gewesen war. Der junge Offizier besaß eben keine Mittel,
doch ihre Einkünfte und sein Gehalt zusammengelegt, konnten eine
Haushaltung ganz gut bestreiten; zudem war ja darauf zu zählen, daß die
Zeit seine weitere Beförderung, und mit ihr, einen ansehnlicheren
Gehalt, herbeiführen würde. Sie sagte also dem Wüstling, der dreister
Natur, ihr bald im Hause aufwartete, eben keine Härten, und behielt ihn,
da seine Besuche gewöhnlich in die Nachmittagstunden fielen, gemeinhin
zum Abendessen.
Ein solch Souper auf der Serviette hatte für den Offizier viel
Anziehendes. Die Einladung hieß immer: ohne alle Umstände, oder ^à la
fortune du pot^, und es fanden sich denn in der That nur zwei
Schüsselchen, wohl gar nur eine, aber erlesen, denn Frau von *** besaß
darin recht feinen Geschmack. Ein Kapaun mit Austern, ein Fasan, eine
Gans mit Kastanien gestopft, eine sogenannte Matelotte von Karpfen und
Aal, eine Rebhuhnpastete -- ein niedlich Desert darauf, und ein
trefflich Glas Chateau Margot, von dem der selige Herr einen guten
Vorrath im Keller angehäuft hatte. Und nun noch die angenehme, witzige,
piquante Unterhaltung der lieben Frau, ihr Klavier -- wars Wunder, daß
Herr von *** die gewohnten Wirthshäuser, ja Schauspiel und Konzert mied,
um in jenem stillen Kreise, Wonneabende zu feiern? Und er wieder, der
Gefällige, Zärtliche in jeder Art; was ließ sich erwarten, als daß sie
alle ihre Gesellschaftszirkel aufgeben würde, um daheim sich weit besser
zu unterhalten.
So schwand ein froher Monat nach dem andern, und die Leutchen vergaßen
über ihr Glück, die näheren Erläuterungen sowohl, wie das nicht mehr
ganz stumme Urtheil der Welt.
Er besaß einen Freund, welcher von dem eben erwähnten Urtheile Einiges
vernahm. Dieser warnte: Du bist zu jung, zu unbeständig, zu
flattersinnig, als daß eine Heirath dir schon zu rathen wäre. Drängt die
Empfindung nicht ganz unwiderstehlich, oder ist das äußere Glück nicht
besonders ausgezeichnet, so bleibt es im Soldatenstande das klügste,
ledig zu bleiben. Dann nur zieht man mit ungetrübtem Sinn, und leichtem
Muth in den Krieg. Die beiden genannten Fälle sind hier wohl nicht
vorhanden, also lasse bei Zeit ab. Denke auch, was die Pflicht der
Redlichkeit dir gebietet, an die Ruhe, die Ehre der Dame. Es wäre
unverzeihlich, ihr Gemüth mit Hoffnungen zu nähren, die du nicht zu
erfüllen denkst; es wäre noch unverzeihlicher, ihr durch einen Umgang,
der zu zweideutigen Anmerkungen Gelegenheit giebt, Leumund zu bewirken,
ihr vielleicht eine anderweitige angemessene Verbindung, zu untergraben.
Vielleicht gingst du schon zu weit darin, darum höre was der Freund
erinnert. Er prüft mit kaltem Blute. Oder aber, ist es dein voller Wille
zu heirathen, fühlst du einen mächtigen Zug, dem du gern der Jugend
Freiheit hinopferst -- dann --
Nein, nein, mein Guter, erwiederte jener mit geängsteter Stimme, ich
fühle, daß der Ehestand mich unendlich einengen würde, ich nicht stark
genug wäre, im ganzen Umfang zu thun, zu meiden, was er gebietet -- und
-- und --
»Demungeachtet bist du täglich bei Frau von ***.«
Ich empfinde die Gerechtigkeit deiner Vorwürfe. Ich darf aber schwören,
daß ich ihr meine Hand nicht zusagte, es war sogar, unmittelbar, noch
davon nicht die Rede -- da bin ich also nicht treulos, wenn ich
zurücktrete; die Bemerkungen des Publikums müssen aufhören, wenn ich
alle Besuche abschneide, und -- da, meine Hand -- es soll von Heute an
geschehn!
Er hielt Wort.
Wer war aber bestürzter, wie Frau von *** als der Geliebte um die
gewöhnliche Zeit nicht erschien, ja auch, was sonst bei einem
eingetretenen Hindernisse pünktlich geschah, seinen Besuch nicht einmal
absagen ließ!
Sie schickte nach seiner Wohnung. Er war nicht zu Hause.
Es war ein so leckrer Heringsalat mit Kalbsbraten, Neunaugen,
Braunschweiger Wurst, Oliven, rothen Rüben, Möstrich, Kapern, Zwiebeln,
Aepfeln, Kartoffeln, Zitronsäure, und dem fettesten Marseiller Oel
bereitet. Er nannte diese Mischung sein Lieblingsessen, und wäre sonst
um einen solchen Heringsalat von einer Fürstentafel weggeblieben; doch
heute -- wer begreift, wer erklärt das? -- heute kömmt er nicht.
Frau von *** wartet zwei, drei traurige Tage, sie wartet umsonst.
Eine Kartenlegerin muß kommen. Eine Kartenlegerin! rufen die Leser in
kleinen Städten verwundert. Aber die Geschichte spielte auch in keiner
kleinen, sondern in einer großen Stadt. Da hat sich die Tradition nicht
nur durch das Zeitalter der Freigeisterei gerettet, sondern Poesie trat
in den letzten Tagen mit Mystik und Aberglauben, auch in einen sinnigen
bedeutungschweren Bund. Wie lange wird es währen, und wir sehen wieder
Astrologie. Wo giebt es erhabenere Kontemplationen als bei ihr? Wie
tragen die Verse empor:
»Das, was geheimnißvoll bedeutend webt
Und bildet in den Tiefen der Natur --
Die Geisterleiter, die aus dieser Welt des Staubes,
Bis in die Sternenwelt, mit tausend Sprossen
Hinauf sich baut, an der die himmlischen
Gewalten wirkend auf und nieder wandeln
-- Die Kreise in den Kreisen, die sich eng
Und enger ziehn, um die Centralische Sonne -- -- --
Die himmlischen Gestirne machen nicht
Bloß Tag und Nacht, Frühling und Sommer. Nicht
Dem Sämann bloß bezeichnen sie die Zeiten
Der Aussaat und der Erndte. Auch des Menschen Thun
Ist eine Aussaat von Verhängnissen
Gestreuet in der Zukunft dunkles Land
Den Schicksalsmächten hoffend übergeben.«
Und der Kobold der Wenden, von dem immer noch eine geheime Sage, im Nord
von Deutschland, in der Lausitz, in Böhmen umtönt -- ob er gleich seit
Karl dem Großen aus der Phantasie getilgt sein soll -- rufe nur ein
mystischer Dichter, in einem hohen Trauerspiele, neue Weihe über ihn,
und es wird bald Ton werden, an ihn zu glauben, ihn bei nächtlicher
Weile gesehn zu haben u. s. w.
Genug, die Kartenlegerin mußte kommen. Natürlich wurde ihr alles
vertraut, sie hatte aber die Karte vergessen, konnte nicht zur Stelle
weissagen. Auf Morgen gelobte sie wiederzukommen und die treffende
Auskunft zu geben.
Die Zwischenzeit wurde angewandt, sich nach Herrn von *** und seinem
dermaligen Thun zu erkundigen. Die Prophetin brachte in Erfahrung, daß
er viel in des Freundes Gesellschaft lebe, es schlich sogar einer ihrer
Späher den Beiden am Abend nach, und behorchte ihr Gespräch. Sie war
mehr als zulänglich unterrichtet.
Da sie sich am anderen Tage bei Frau von *** einstellte, wurde das
magische Kartenspiel über den Theetisch gebreitet. Der Coeur König lag
nicht weit von Coeur Dame, er blickte sehnsüchtig zu ihr hin, allein der
Pik Valet stand zwischen beiden. Aha Madam, das ist der falsche Feind,
dieser bringt das Unheil, dieser macht abwendig.
O das ist der verwünschte N. N., rief die Dame, schon hab ich das
geargwohnt, der Mensch hat auch die maliziöseste verworfenste
Physiognomie, die es nur auf dem Erdboden giebt. Die Kartenlegerin
empfing ein Goldstück, und entfernte sich mit vielen Höflichkeiten.
Nun wußte die gute Frau etwas, wußte sogar Wahrheit, doch wohin führte
sie das? An Planen war sie eben nicht reich. Ihr fiel bei, daß die
Person, der die Wahrheit sich entschleierte, auch wohl die Wege zum
menschlichen Herzen kennen mögte, und die Kartenlegerin wurde abermals
berufen. Daß sie freudig erschien, kann man denken, denn nicht alle Tage
fanden sich Kundschaften, wo mit Goldstücken honorirt wurde.
Eine große Selbstvergessenheit von der Dame allerdings, dies Vertrauen,
ja in seiner ganzen Ausdehnung, nicht einmal mit ihrer Leidenschaft zu
entschuldigen.
Bald darnach empfängt der Offizier ein Billet von der Dame, worin sie
mit einem gewissen schneidenden Schmerz meldet, -- sie befinde sich in
andern Umständen.
Mit Entsetzen läuft dieser zu dem Freunde, ihm das Geheimniß
mitzutheilen. Ah -- ruft der Freund -- standest du so mit der Frau von
***
»Nein -- Ja -- aber --«