Jetzt kann ich weiter nicht rathen. Ich verweise dich an dein Gefühl. --

Unruhe, Gewissen machten, daß Herr von *** nun schnell zur alten

Geliebten eilte. Sie bedurfte Trost, fragte: sind sie ein Mann von Ehre?

Und sie zweifeln? hieß die Antwort, in welcher ihr Trost lag.

Das vorige Leben. Nur Erinnerungen, klare, von ihrer Seite, bald

Anstalten wegen der Heirath zu treffen.

Er ging zu seinem General. Dieser schüttelte den Kopf. Ei, ei, in ihren

Jahren schon? Das ist zu früh. Es ist eine Aufwallung, kein reif

überdachter Entschluß. Besinnen sie sich ein halbes Jahr, und kommen

dann wieder. Ich rede mit Niemand davon.

Der junge Mensch berichtete dies der Dame, die auch eben dem General

nicht gewogen ward. Doch mußte man sich fügen.

Jener fragte: wann sie meinte, daß ihre Entbindung nahen würde? Etwa

nach sechs Monaten, versetzte sie. -- »Heimlichkeit ist dann

nothwendig!«

Die Zeit verstrich, und der Offizier wunderte sich bisweilen, nicht zu

bemerken, was ihm angezeigt worden war, er wähnte noch weiter hinaus,

wurde demungeachtet eines Morgens ganz unerwartet mit einem Briefchen

überrascht, worin Frau von *** meldete: Ein klein lieblich Wesen erwarte

seine Küsse.

Er eilt hin. »Wie, in voriger Nacht?« -- Ja! -- »Wer dachte daran?« --

Es übereilte mich.

Die schöne Frau lag im geschmackvollen Nachtanzug da -- wenig

mitgenommen -- und reichte ihm einen jungen Sohn, dem er allerdings

liebkoste.

Frau von *** sagte mit schwacher Stimme: Er soll in der Stille aufs

Land. Und sie mein Herr, werden nun doch Ernst machen, die von dem

grämlichen General bestimmte Zeit, ist um, in dieser Angelegenheit haben

sie zu entscheiden. Uebel genug, daß ich sie mahnen, an ihr Kind mahnen

muß.

Nein, nein, das darfst du nicht, entgegnete er lebhaft. Heute setze ich

alles ins Werk.

Zufällig befand sich der General auf der Jagd, wurde nach einigen Tagen

erst zurück erwartet. Unterdessen erfuhr der Freund, dem nichts

verschwiegen blieb, die Lage der Dinge und diesem kam so manches darin

bedenklich vor.

Er hatte einen Diener, der zum Ausspähen von Heimlichkeiten trefflich zu

brauchen war. Dieser erhielt den Auftrag, genau zu beobachten, was in

der Wohnung der Frau von *** vorginge. Er fing das richtig an, und

hinterbrachte dem Herrn: ein altes Weib, das sich von Kartenlegen nähre,

käme des Abends, und hielt sich lange dort auf. Gut, sprach der Herr,

beobachte mir auch einen Tag lang alle Gänge des Weibes. Der Diener

stellte sich vor ihre erforschte Wohnung, und folgte von fern, wie sie

aus dem Hause trat. Unter andern ging sie nach dem großen Hospitale, wo

auch arme Mädchen entbunden werden. Nun kostete es ein Trinkgeld, dort

von den Krankenwärtern zu erfahren, zu wem die Alte käme? Man nannte ein

vor einigen Tagen entbundenes Mädchen.

Auf diese Nachricht, ließ der Freund es sich nun nicht verdrießen,

selbst nach dem Hospitale, zu dem Bette der Wöchnerin zu gehn.

Wo ist ihr Kind?

Die Person stockte.

Ohne Umstände, sage sie mirs, hier ist ein Thaler, es erfährt Niemand

von mir.

Das arme Geschöpf wollte erst Ausflüchte suchen, da diese aber nicht

galten, so vertraute sie: Ich bekomme zwanzig Thaler, und muß mir dafür

gefallen lassen, daß eine alte Frau täglich mein Kind auf einige Stunden

abholt. Wohin, weiß ich nicht, doch ist es gewiß in guten Händen, wird

mir immer richtig zurückgebracht, und von Morgen an, soll es auch ein

Ende damit haben.

Der Freund hatte genug, und begab sich zu Herrn von ***. Wie gehts mit

deiner Angelegenheit?

»Schlimm und gut, wie du willst. Ich besitze einen allerliebsten Jungen.

Morgen kömmt er aufs Land. Wie der General zurück ist, geht es vorwärts

mit meiner Heirath, wie kann ich nun anders?«

Ich wage eine Prophezeihung. Bald nach der Heirath wird das Kind auf dem

Lande gestorben sein. Du siehst es nicht wieder.

»Wie kömmst du darauf?«

Beschwören würde ich das, so gewiß bin ich meiner Sache.

»Das klingt ja sehr räthselhaft.«

Du siehst das Kind nicht wieder, doch härme dich nur nicht, es war nicht

das deinige.

»Wie!«

Ein armer Bastard aus dem Hospital. Gemiethet, dich zu fesseln. Freundes

Pflicht mußte dir das bekannt machen. --

Es versteht sich, daß nun aus der Heirath nichts wurde. Und zu beider

Theile Glück, sie paßten nicht für Einander.

Zehntes Kapitel.

Herrn Noiseuls Intrigue.

Herr Noiseul hatte Ring in Paris gekannt, und einige Geschäfte mit ihm

gepflogen. Das wußte Flore aber nicht. Er meinte: Nie wird Ring

heimkehren, vermuthlich starb er aus Mangel und Noth in der

Gefangenschaft, sonst wäre wohl ein Brief von ihm da.

Er machte ein Frauenzimmer in Paris ausfindig, eine Griechin aus

Konstantinopel gebürtig, der türkischen Sprache vollkommen gewachsen.

Sie war mit dem Bedienten eines französischen Gesandten bei der Pforte,

nach Frankreich gekommen, und lebte jetzt in Mangel. Er beredete sie

leicht, eine Rolle in seiner Komödie zu übernehmen, und listigen

Gemüthes war sie denn auch vollkommen dazu geeignet.

Diese Griechin kam eines Tages in morgenländischen Kleidern und mit

einigem Reisegepäck zu Toury an, und ließ sich bei Floren melden. Diese

empfing sie desto verwunderter, als die Fremde vor lauter Thränen nicht

zur Anrede kommen konnte. Endlich wurde sie Meisterin ihrer Worte, und

verkündigte Floren, sie käme aus Bagdad, wo Ring in der Sklaverei

verstorben wäre.

Flore erschrack aufs heftigste, sank zurück in ihren Stuhl, und konnte

nur nach einer Minute kalter Erstarrung, in Thränen ausbrechen. Dann

rief sie: Auf so eine Nachricht mußte ich freilich gefaßt sein, doch

aber übermannt sie mich. Nenne mir die näheren Umstände seines Todes,

Unbekannte! Wie kömmst du so weit hieher? Laß mich alles hören!

Nun fuhr die Griechin fort: Ich war Rings Weib. Er bedurfte einer

Gehülfin in der Sklaverei, erst auf dem Todtenbette vertraute er mir,

wie er schon in Frankreich sich verheirathet habe, doch meine Noth

bedenkend, sagte er: Gehe nach Paris, vielleicht findest du meine Flore

dort; sie wird einsehn, daß ich nicht Unrecht hatte, auf immer von ihr

getrennt, mich wieder zu verbinden, und so gut meine Flore ist, wirst du

auch Unterhalt bei ihr finden. -- Von Paris wieß man mich hieher.

Flore, die erst ungemessen geweint hatte, trocknete während dieser

Erzählung, eine Thräne nach der andern, und bald bedurfte sie keines

Tuches mehr. Denn die beleidigte Weiblichkeit gerieth mit dem Gram in

Wechselwirkung.

Die Griechin vollendete ihr Mährchen durch Aufzählung vieler

Nebenumstände, die Ring ganz richtig bezeichneten, ja, sie hatte ein

Briefchen, mit Zittern auf dem Krankenlager hingeschrieben, -- es schien

Rings Hand.

Flore blickte nur oben drüberhin, gab wenig mehr auf die Rede, und

dachte immer vor sich: »Und ich, ich, auch so weit entfernt, ohne

Hoffnung ihn je wieder zu sehn, ich heirathete doch nicht.« Zwar sprach

eine Stimme aus dem Innern dagegen: »Es hätte doch leicht dahin kommen

können«, sie wurde überhört.

Bald ging Flore mit hastigen Schritten im Zimmer umher, bald warf sie

sich weinend auf den Divan, bald traf ein Blick flüchtiger Verachtung

die Fremde.

Endlich übermannte es sie, eine Krankheit mehrerer Tage war die Folge,

während welcher Zeit Dame Beatrice die Griechin in einem Hinterzimmer

verpflegte, und sie nicht vor Floren ließ.

Herr Noiseul, in der Nachbarschaft wohnend, hatte denn von der Krankheit

gehört, kam, nahm Theil, ließ sich fast stündlich erkundigen.

Als Flore wieder hergestellt war, erklärte sie sich bereit, der Griechin

ein klein Jahrgeld auszuwerfen, doch sollte sie zu Paris ihre Wohnung

nehmen.

Eine Zeitlang erschien Herr Noiseul wieder nicht. Beide Nachrichten

sollten erst tief genug eingreifen, und er berechnete menschenkundig

genug, daß die, von einer anderweitigen Heirath Rings, seinen Vortheil

noch mehr fördern müsse, wie jene von seinem Tode.

Oft dachte er zwar: Wie aber, wenn der Mann noch lebte? Doch war er so

leichtsinnig, als unternehmend, und endete: Kömmt Zeit, kömmt Rath!

Nach sechs bis acht Wochen erneute er seine Besuche zu Toury, wurde

weniger kühl empfangen, machte der Tante Geschenke, und erfuhr schon von

dieser im Geheim: Madame Ring hätte gesagt: Herr Noiseul sei ein ganz

feiner Mann.

Letztes Kapitel.

Schluß.

An einem trüben Herbstnachmittag saß man zu Toury am Kaminfeuer. Es

stürmte draußen, die falben Blätter der Linden vor dem Hause fielen ab,

der Regen träufte an den Fenstern nieder.

Dame Beatrice, indem sie ihren Thee schlürfte, hub an: der Winter naht,

wohl dem, der nicht einsam am traulichen Caminfeuer sitzt. -- Im Sommer

fühlt sich das Bedürfniß der Geselligkeit weniger, als an den langen

Winterabenden --

Sie wollte nun, nach und nach, auf die Empfehlung der Ehe kommen, denn

ihr Plan war entworfen.

Flore sahe stumm über den Theebecher hin.

Da bellten draußen die Hunde, und ein Mann in fremder Kleidung kam über

den Hof. Dame Beatrice eilte ans Fenster, Flore blieb an ihrem Platz,

Herr Jolin ging hinaus, Erkundigung einzuziehn.

Bald kam er zurück. »Ein Mann im Turban und türkischen Pelz, mit einem

langen Bart, verlangt Madame Ring zu sprechen.«

Was ist das wieder? rief Flore verdrießlich, er komme.

Furchtbar anzuschauen, trat der Ankömmling ins Zimmer. In gebrochenem

Französischen sagte er: Ich komme aus dem fremden Morgenlande, und habe

Botschaft von dem Christen Ring an sie.

Ring ist todt! schrie Flore.

Nein, nein, das ist er nicht, war des Türken Antwort.

So bin ich betrogen worden. Die Griechin, die er heirathete, meldete es

mir!

Wie würde er heirathen! Lüge! Er lebt, doch in harter Gefangenschaft.

Aber mein Himmel! warum werd ich denn so schrecklich, so schändlich

hintergangen? Gottes Seegen über dich, Muselmann, wenn du wahr redest!

Aber bist du nicht auch ein Betrüger? Rede mir etwas in türkischer

Sprache, ich verstehe sie ein wenig.

Es geschah.

Du bist beglaubigt. Wo lebt Ring?

»In Smyrna!«

Erst hieß es in Bagdad. Wie ist er loszukaufen? Wohin muß das Geld?

Welche Summe ist erforderlich?

»Sein Herr fordert viel. Hunderttausend Franken.«

Gern, gern! Was ich besitze, kömmt von ihm, ist sein! O, wenn ich für

diesen Preis ihn wiedersähe!

Hunderttausend Franken! seufzte die Tante.

Gewaltig viel, setzte Jolin hinzu.

Flore merkte nicht darauf. Ich eile nach Paris, rief sie, zum Gesandten

der Pforte, auf der Stelle -- aber kannst du nichts Schriftliches

vorzeigen, Muselmann?

O ja, entgegnete dieser. Er wollte ein Papier herausnehmen, schlug den

Pelz auseinander. Bei dieser Gelegenheit wurde sichtbar, daß ihm ein Arm

fehlte. Flore sank bei dem Anblick auf den Divan.

»Dir fehlt ein Arm? --«

So bin ich erkannt!

Weg flogen Turban und falscher Bart. »Und du wolltest Hunderttausend

Franken erlegen? Hier hast du mich umsonst.«

Man kann hier unmöglich wieder erzählen, was in dem Buche[8], wozu das

gegenwärtige ein Seitenstück ist, bereits gedruckt steht. Dort findet

man, wie der einarmige Ring, nachdem er bei St. Jean d'Acre gefangen

worden, eine gute Zeit als Sklave zugebracht, aber des körperlichen

Mangels wegen, eben nicht geachtet ward, wie er frei wurde, nach

Constantinopel, nach Polen kam, und endlich seine Reise nach Frankreich

antreten konnte.

[Fußnote 8: Ignaz von Jalonsky, oder die Liebenden in der Tiefe der

Weichsel. Eine wahre Geschichte aus den Zeiten der Polnischen,

Französischen und Negerrevolution in St. Domingo, erzählt von Julius von

Voß. Berlin bei J. W. Schmidt. 8. 2 Theile. 1806.]

Nun hatte ihn Flore, er Floren wieder! Sie waren am Ende aller

Abentheurerei. Wohlstand und Ruhe winkten ihnen eine freundliche Zukunft

entgegen.

Dame Beatrice gestand ihre Vermuthung: Herr Noiseul habe jenen Zuspruch

der Griechin veranlaßt. Sie weinte heftig darüber.

Ring, höchst empört, wollte Herrn Noiseul auf Pistolen vorladen, das

Frauenzimmer sollte gerichtlich verfolgt werden.

Allein in all der Wonne der neuen Vereinigung besann man sich eines

Andern, beschloß nun der Ruhe und Liebe zu leben, und Herr Noiseul

empfing blos eine höfliche Anzeige der Heimkehr. Weisung genug für ihn,

Toury nicht wieder zu betreten.

Es ist nichts mehr zu sagen übrig.

Ende.

Letzter Potpourri.

Die

Tapetenwand,

ein superfeines Lustspiel

nach

Duchrest Genlis.

Personen.

Die Marquise.

Die Gräfin.

Der Chevalier.

Sophie, der Gräfin Nichte.

Düpré, ihr Kammerdiener.

Szene: Paris. Das Theater ein kleiner Saal.

Erste Szene.

Marquise. Dupré.

_Dupré._ Wärs gefällig hier zu verziehn --

_Marquise._ Wie, Dupré, gehört dies Zimmer nicht der Gräfin?

_Dupré._ Ihrer Nichte, und Madame bittet --

_Marquise._ Nach sechs Monaten erwarte ich kaum den Augenblick sie

wiederzusehn. Sie theilt meine Ungeduld eben nicht.

_Dupré._ Sie verkennen die Gräfin. O sie hat Ihnen so viel zu sagen.

Doch heute Abend giebt sie Gesellschaft, vierzig Fremde umringen sie,

wie es nur möglich ist abzukommen, erscheint sie hier sogleich --

einstweilen hab ich die Vollmacht, sie in die Intrigue zu weihen, die

eben vorbereitet wird -- wenn Madame es nämlich wünschen.

_Marquise._ Welche Intrigue?

_Dupré._ Sie ist neu, zartgesponnen, einzig!

_Marquise._ Ei ei!

_Dupré._ So viel Sinn wie Laune darin.

_Marquise._ Zur Sache.

_Dupré._ Denken sie an keine Alltäglichkeiten. Spannen sie immer die

Erwartung.

_Marquise._ (setzt sich.) Ich nehme Platz. Dupré, wie ich mich entsinne,

ist nicht ohne Verstand, nicht ohne guten Vortrag, aber ohne lakonische

Kürze.

_Dupré._ Wie sie befehlen. Ich fange mit einem Gemälde der Gräfin an.

_Marquise._ Funfzehn Jahr bin ich ihre Freundin.

_Dupré._ Ah -- ich siebzehn Jahr ihr Kammerdiener, ich wage zu behaupten

-- Siegelbewahrer ihrer Geheimnisse -- das dringt weiter, wie die

Freundschaft. Auch ist mir eine treue Zeichnung gestattet, denn nur

holde Züge vermag ich darzustellen. Sie ist so gut, es wird so leicht

ihr zu gehorchen -- o mit diesem edelmüthigen Sinn, dieser ächten Würde,

der noch kein Leumund zu nahen wagte -- diesen Talenten, dieser

Schönheit -- es stände nur bei ihr, die vier oder fünfunddreißig Jahre

zu verläugnen, denn wer sie sieht, glaubte wohl daran --

_Marquise._ Vier oder fünfunddreißig -- wirklich schon?

_Dupré._ Ja ja! -- da waren sie bereits nicht genau unterrichtet. Einen

Fehler aber, einen hat die Gräfin -- den Frohsinn!

_Marquise._ Grade dadurch erscheint sie so liebenswürdig, ihre

Unterhaltung empfängt so viel Würze --

_Dupré._ Zu viel Madame, zu viel! Mit Kummer habe ich es oft gesagt. Sie

giebt dem Frohsinn, dem gesellschaftlichen Vergnügen, zu freien

Spielraum, darum wird so manche kleine Unbesonnenheit ihr Vorwurf. Der

verstorbne Graf war unerträglich. Sie hinterging ihn nicht nein, aber

sie hatte ihn zum Besten, immer Mißverständnisse, Entzweiung. Nun immer

noch dieselbe. Kömmt es darauf an, jemand in Verlegenheit zu bringen --

o wenn sie nur lachen kann; sie spielt mit fremder Ruhe, ihr Witz

verwundet; ein Leichtsinn dazu, als zählte sie funfzehn Jahre. Es ist

furchtbar!

_Marquise._ Furchtbar, der richtige Ausdruck -- doch zur Sache --

_Dupré._ Eine kleine Geduld, ich muß noch zwei andere Gemälde --

_Marquise._ Aber --

_Dupré._ Von Personen, welche sie nie sahen. Der Chevalier von Blancé.

--

_Marquise._ Wohl kenn ich ihn.

_Dupré._ Empfing ihn die Gräfin --

_Marquise._ Zwei oder drei Monat vor meiner Abreise.

_Dupré._ Achtundzwanzig Jahr, den Ruf eines Wildfangs. Madame wollte

erst keine jungen Leute bei sich sehn, doch sie traf sich irgendwo mit

ihm, fand ihn drollig, lachte, er hatte Eingang. Da spielt er nun

Sprüchworte, macht den Erzähler, den Dilettanten der Musik, den --

Verliebten. Madame lacht, sie lacht, aber ich wiederhole ihr mein: _zu

viel Frohsinn_! -- Doch hat sie eine Schwester in der Provinz.

_Marquise._ Und diese eine verheirathete Tochter --

_Dupré._ Sophie -- nach einem Jahre wurde sie Wittwe, und verlor bald

darauf auch ihre Mutter --

_Marquise._ Das alles weiß ich, die junge Person ist ohne Vermögen.

_Dupré._ Die Gräfin denkt sie an Kindesstatt zu nehmen -- nun, es ist

ihre Nichte, seit vier Monaten bewohnt sie dies Zimmer.

_Marquise._ Sie ist schön?

_Dupré._ Ein Engel! Eine Form, eine Blüthe, eine Harmonie der Bewegung,

Madame -- und siebzehn Jahr! Wie sie nun ankam, gings an ein Entwickeln,

Bilden, Verfeinern; Ballettänzer, Opernsänger als Lehrer; dann

Toiletten, Schmuck, Federn; kurz der Gräfin Puppe. Die Kleine schreitet

zum Verwundern fort, so hold, so liebenswürdig -- _Frohsinn_ wird man

eben an ihr nicht inne, aber _Gefühl_, _Gefühl_! -- Madame wollte sie

wieder vermählen, ausstatten --

_Marquise._ Daran erkenn ich ihre Güte.

_Dupré._ Aber das kleine Herz traf eine Wahl, ganz für sich, ohne mit

Jemand zu berathen. Wir hatten ihr einen Mann gesucht -- vertraulich,

nicht flatterhaft, an Jahren reif -- nein, nein, nein, nein! sie mögte.

--

_Marquise._ Den Chevalier?

_Dupré._ Ja wohl!

_Marquise._ Und er --

_Dupré._ Ich gebe mein Wort, bis zum Wahnsinn! Aber diesem Ritter gnügt

nicht _ein_ Roman, der Tempel seiner Phantasie ist weit genug, um die

Altäre von mehr als einer Geliebten darin zu erbauen. Immer die

zärtliche, bald schmachtende, bald ungestüme, Aufmerksamkeit für Madame.

Die Leidenschaft für die Nichte, hebt den Geschmack für die Tante nicht

auf.

_Marquise._ Das ist ja ganz -- und was hofft er?

_Dupré._ Wohnt in solchen Köpfen Urtheil? Madame unterhält, ergötzt,

entzückt ihn, Sophie rührt ihn sanft, still, tief, innig; abwechselnd

kostet er die Wonne der verschiedenen Eindrücke. Uebrigens bringt er

sich in keinen zu bescheidenen Anschlag. Er glaubt an eine heftige

Empfindung bei Madame. Einmal schmeichelt sie, dann gebührt ihr

Schonung. Die Gräfin darf das Gefühl für Sophien nicht entdecken. Das

Geheimniß wird ihr sorgsam verschleiert; die Zeit, hofft er, wird den

Augenblick herbeiführen, wo man es ohne Gefahr entdecken kann. Bis dahin

liebt er, wird geliebt, freut sich der Wonne zu gefallen, der erobernden

Triumphe, kützelt sein Selbstgefühl durch das Bewußtsein einer feinen

Schlauheit.

_Marquise._ Ahnt die Gräfin? --

_Dupré._ Sie _weiß_, von mir. Hier ist die Geschichte: Der Chevalier

ward gegen mich artig, verbindlich -- _Mein lieber, mein guter Dupré_ --

Bisweilen ein klein Geschenk. Ah, ein Plan! dacht ich. Madame lachte gar

sehr, glaubte Bezug auf sich, gebot, ich sollte dem Ritter mein Ohr

leihen. Ich bereite ihm Gelegenheit -- aufmunternde Winke -- er vertraut

mir -- vertraut mir -- die Liebe zu Sophien.

_Marquise._ Und wozu?

_Dupré._ Sie erriethen es kaum. Sehn sie diese falsche Thür?

_Marquise._ Nun?

_Dupré._ Diese Tapetenwand trennt den Saal von einer Kammer, die an mein

Zimmer stößt. Der Saal gehört Sophien. Sie wollte den Chevalier nicht

bei sich sehn, man verbarg der Tante -- dann der Ton -- endlich ward man

Eins, nach dem Souper sich durch die Tapeten zu unterhalten, Sophie im

Saal, der Liebhaber in jener Kammer, die übrigens keine Verbindung mit

diesem Saale hat -- unverletzt ist die Tapete -- eine Hoftreppe führt

dort hinein.

_Marquise._ Hm --

_Dupré._ Der Chevalier bot mir dreißig Louisd'or, und beschwor mich, ihm

das Kabinet von Zeit zu Zeit einzuräumen. Ich nahm vierundzwanzig

Stunden Bedenkzeit, und meldete Alles Madame.

_Marquise._ Sie erschrack!

_Dupré._ Heftig, heftig! Diesmal war ihr _Frohsinn_ nicht anzuklagen.

Sie lachte einen Augenblick darnach -- aufrichtig, es war Grimasse. O es

drang ein, tief ein. Bei dem allen befahl sie mir, die Goldstücke zu

nehmen, mein Kabinet zu räumen und ja über ihr Mitwissen zu schweigen.

Ich gehorchte. Unsre Verliebten sprachen sich auf diese Weise nun acht

oder zehnmal in sechs Wochen. Und Madame -- hochherzig -- bekämpfte,

beherrschte sich muthig wenn sie wollen -- beschloß ihre Nichte dem

Chevalier zu geben; nur will sie das Paar zuvor zwei oder drei Stunden

durch Unruhe peinigen, Rache üben, an des Chevaliers Larve, Sophiens

Verstellung.

_Marquise._ Und wie?

_Dupré._ Sophie, ohnehin der Tante flüchtig ähnlich, besitzt ein

Sprachorgan, so übereinstimmend mit dem der Gräfin, daß es fast

unmöglich wird, durch den gleichen Ton der Rede nicht hintergangen zu

werden. Wir Hausgenossen erfahren das alle Tage.

_Marquise._ Schon errathe ich. Die Gräfin denkt Sophiens Platz

einzunehmen --

_Dupré._ Unsre Intrigue! Die Ausführung naht schon. Der Chevalier kömmt

diesen Abend ins Kabinet, Madame unterhält sich in Sophiens Namen.

_Marquise._ Lustig, neu -- aber ich besorge manches. Der Chevalier,

indem er Sophien vermuthet, kann über die Gräfin in den Tag

hineinschwatzen.

_Dupré._ Wohl möglich, doch Madame lacht mit so viel Geist, verzeiht mit

so viel Schonung, und die Empfindlichkeit, nur eine Minute in ihrem

Gemüthe, flieht. Jetzt heiter, erlustigt sie das alles, statt sie zu

entrüsten; auf vollkommne Nachsicht wenigstens, schwöre ich. Doch man

kömmt, sie wird es sein --

_Marquise._ Ihre Stimme --

_Dupré._ Ob es auch wohl Sophie ist? -- Nein Madame! -- Hier!

Zweite Szene.

Gräfin. Vorige.

_Gräfin._ Wo? -- Ah! (umarmt die Marquise.) wie glücklich bin ich!

_Marquise._ Wissen sie, daß ich eine Stunde warte?

_Gräfin._ Mein Gott, ich stand auf Dornen. Die vielen Menschen -- es

endete gar nicht. -- Denken sie, wir verlassen die Tafel -- Daß ich sie

doch näher sehe -- Ihr Gesicht ist wirklich sehr interessant -- ich bin

hager geworden, nicht wahr? -- Dupré! Gestatten sies, Liebe, daß ich

meine Befehle gebe? -- Dupré, sie wissen ihre Rolle --

_Dupré._ Der Chevalier tritt, wie gewöhnlich, in mein Cabinet, ich melde

ihm, die gnädige Frau Nichte wird im Saal --

_Gräfin._ Vergessen sie das Geräusch nicht, daß wir sie hören. (zur

Marquise.) Sie lachen, sind unterrichtet --

_Marquise._ Doch ihre Stimme! Der Liebhaber Ohr ist scharf.

_Gräfin._ Sie glauben nicht, welche Aehnlichkeit -- auch werde ich den

kindlichen Ton wohl nachahmen. Zudem sind noch Bretter hinter den

Tapeten. Man muß etwas rufen. Das verstellt -- nicht wahr, ein drolliger

Schwank? Dupré, wie viel an der Uhr?

_Dupré._ Ein Viertel auf Zwölf. Um Mitternacht trifft der Chevalier ein.

_Gräfin._ Gut, verlassen sie uns! Welch Zeichen denken sie zu geben,

wenn er kömmt?

_Dupré._ Ich huste.

_Gräfin._ O das hört man nicht. Sagten sie nicht selbst, ein Gespräch im

natürlichen Ton, wäre an der Gegenseite nicht zu verstehn?

_Dupré._ Man vernimmt nur ein leises Murmeln, die Worte unterscheiden

sich nicht. Aber ich huste gewiß kräftig --

_Gräfin._ Nein, nein! Stellen sie einen schweren, dichtgepolsterten,

großen Armstuhl hinter die Thür, den sie beim Oeffnen umwerfen.

_Dupré._ Madame, ich habe in dem Kabinet nur einen kleinen geflochtenen

Rohrsessel, ohne Lehne, er wird nicht viel schwerer wie eine Feder

fallen, es reicht nicht an den Husten --

_Marquise._ Dies Husten liegt ihm sehr am Herzen.

_Gräfin._ Gemeinhin fällt er um diese Stunde in Unbeholfenheit.

_Dupré._ Freilich naht mir der Schlummer ein wenig, und unterdrückt die

Geisteskraft. Aber wenn Madame, wie ich, um sechs Uhr aufständen --

_Gräfin._ Eilen sie sich aufzumuntern -- einen Polsterstuhl aus meinem

Zimmer gebracht -- Eilen sie!

_Dupré._ (ab.)

Dritte Szene.

Gräfin. Marquise.

_Marquise._ Aber was machten sie mit Sophien?

_Gräfin._ Stürme, Stürme regt ich auf in ihrem Busen. Nach der Tafel

zählt sie auf ihr Stelldichein, doch wink ich nun, ziehe sie in mein

Kabinet, sage: Sophie, sie vertreten mich diesen Abend, nehmen mein

Spiel, eine dringende Angelegenheit kann mich wohl bis zwei Uhr am

Morgen entfernt halten. --

_Marquise._ Die arme Kleine! O die arme Kleine!

_Gräfin._ Von der Umwandlung ihrer Züge entwerfen sie umsonst ein Bild.

Roth, bleich, Zittern, Wanken, unerhört! Ich schien gar nicht zu

beobachten, nahm wieder das Wort: Vor zwei oder drei Stunden, empfing

ich ein Billet, das mich bestimmte, in eine heimliche Unterredung zu

willigen. Meine Zimmer sind angefüllt, ich fürchte die Neugier, und will

die andere Person in ihren kleinen Saal bestellen. Hier fiel die

unglückliche Sophie in eine tödtliche Erstarrung, kaum athmete sie noch

-- ich, bescheidne Verlegenheit heuchelnd, fahre fort: Hören sie alles

Sophie! Der, den ich erwarte, ist der Chevalier von Blancé. -- Bei

diesem Namen glaubte ich, sie würde ohnmächtig niederfallen, doch

überwand sie den Schrecken, die Bewegung. Sie sitzt beim Wist --

_Marquise._ Harte Tirannin! -- Arme Sophie!

_Gräfin._ Bedauern sie sie nur. Unten warten zwei Notare, die ihren

Heirathsvertrag aufsetzen, ich lasse ihr verschreiben, was sie meinem

Wunsche begegnend, empfangen hätte. Ich behalte die Beiden, sie mögen

hier wohnen, meine Kinder sein: schelten sie doch die harte Tirannin!

_Marquise._ Nein, nein, sie sind gütig, duldend, hochherzig, die nahe

rasche Entwicklung tilgt mein Mitleid, und wahr bleibt es, Sophie hätte

ihnen entdecken sollen --

_Gräfin._ Ja wohl, doch ich entschuldige sie. Der Chevalier band ihr

auf, ich fühle Liebe für ihn, nur die Zeit würde mich heilen, mir Kraft

zum Aufopfern geben. Sophie fühlend, romanhaft, glaubte. Der Geliebte

leitete sie, demungeachtet verbirgt ihre Unbefangenheit sich so wenig

gewandt, daß es nur meinen Willen gegolten hätte, und das Geheimniß war

mein. Der Vorwurf meiner Rache ist _er_, mit seiner Falschheit, dem

sträflichen unbedachtsamen, platten Leichtsinn. Ihm gilt es!

_Marquise._ Meinen sie aber, er könne mit dieser Denkart ihre Nichte

beglücken?

_Gräfin._ Sie ist Wittwe, Herrin über sich, wählte allein; übrigens hat

er freilich tausend Gebrechen, doch zum Erstenmale liebt er wahr, er

betet Sophien ja an. Und er ist doch auch wacker, von achtbaren

Eigenschaften, Name, Vermögen -- billigt die gesunde Vernunft Sophiens

Wahl nicht unbedingt, was kann sie viel einwenden?

_Marquise._ Welche Pein sie ihm bereiten; doch die Erscheinung der

Notare gleicht alles aus.

_Gräfin._ So? Ah sie kennen ihn wenig. Das Lustige ist, er kömmt nicht

mehr davon, muß den Heirathsvertrag zeichnen, diesen Abend, muß entzückt

sein, vom Himmel, vom Göttlichen reden -- und er fühlt dennoch nicht die

mindeste Neigung zu einer so frühen Ehe.

_Marquise._ Ah --

_Gräfin._ Ein Herz ohne Tadel, doch ein Sinn für Freiheit -- sie kennen

das alles noch nicht. Wie er es jetzt treibt, trieb er es gern noch

lange. Ihn entzückt das Umhergaukeln, wohl denkt er Sophien einmal zu

heirathen, aber das drängt, das preßt ihn noch wenig. Erst noch Roman

auf Roman. Bisher kannte er nur die Genugthuung, zu gefallen; die

höhere, geliebt zu sein, beugte die üppige Eitelkeit noch keineswegs

nieder, alle Frauen die ihm liebenswerth erscheinen, zu unterwerfen. Und

das gelingt ihm besonders durch eine ungemeine Geschmeidigkeit der

Phantasie, die ihn alle Eindrücke auf das lebendigste in sich aufnehmen

läßt. Andere Männer ergreifen den _Schein_, er darf nicht heucheln, sein

leichter Flug der Begeisterung giebt die Wahrheit selbst; er glaubt

selbst an seine Eide; so betrügt er ohne zu hintergehn, ist ohne

Treulosigkeit wankelmüthig.

_Marquise._ Sophie, ich beklage dich!

_Gräfin._ Immer wird er zu Sophien wiederkehren. Dies ist alles, was sie

über ihre Nebenbuhlerinnen erhebt. Aber ist es wenig? Die Männer -- wer

von ihnen schlüge keine Nebenwege ein?

_Marquise._ Der Vicomte von Verteuil. Ihn nehmen sie aus. Innig glühte

er für sie.

_Gräfin._ Hätte ich die Flamme genährt, lange wäre sie erloschen.

_Marquise._ O er fühlt noch --

_Gräfin._ Freundschaft!

_Marquise._ Sehn sie ihn?

_Gräfin._ Hin und wieder, und ich treibe dann den Scherz, Blancés

Eifersucht zu wecken.

_Marquise._ Dieser zeigt ihnen also immer Liebe?

_Gräfin._ Meidet Sophie das Zimmer, allerdings! Glauben sie, seitdem mir

sein Geheimniß offenbar wurde, treib ich viel Scherz --

_Marquise._ Aber zuvor meine Freundin -- viel Ernst?

_Gräfin._ Sie glaubten --

_Marquise._ (lachend.) Nun --

_Gräfin._ Solche Schwäche von mir?

_Marquise._ Offen! Aus der Menge, die ihnen zu gefallen strebte -- hatte

der Chevalier vielleicht die gültigsten Ansprüche.

_Gräfin._ O mein Gott! Er hat Verstand, Grazie! -- Zehn Jahre früher,

dürft ich vielleicht -- nein, nein, nein, den Staarkopf hätte ich

geflohn -- kalte Verständigkeit will ich, strengen Sinn --

_Marquise._ Die hat der Vicomte, dazu manche Anmuth.

_Gräfin._ Der Gestalt -- ja er -- las, fühlt richtig, doch werden sie

eingestehn.

_Marquise._ Gestehen sie auch, daß die Starrköpfe oft desto anziehender

sind.

_Gräfin._ Pst -- mir deuchtet --

_Marquise._ Ja ja -- man steigt die Treppe herauf.

_Gräfin._ Die Thür ... Ah der Stuhl fällt. Das ist er, kein Zweifel.

Gehn sie theure Freundin!

_Marquise._ O noch einen Augenblick lassen sie mich hier.

_Gräfin._ Still, still! -- lassen sie uns hören. -- Man redet. Duprés

Stimme. (Sie horcht) Immer Dupré. (sehr laut) Sie sind doch allein? --

(zur Marquise) Ja er ist allein. Nur eine Probe mit dem Lehnstuhl. (Sie

horcht) Ja -- aber verstehn sie mich auch? (zur Marquise) Noch lauter.

-- Guter Gott, wie stark muß man rufen --

_Marquise._ Diese Art der Unterhaltung strengt an.

_Gräfin._ Nun werd ich inne, warum Sophie seit sechs Wochen heiser ist.

Vierte Szene.

Dupré. Vorige.

_Dupré._ Nun Madame, sie hörten den Fall?

_Gräfin._ Deutlich, und vernahmen sie genau, was ich sprach?

_Dupré._ O nein, reden sie ja lauter, den Mund an die Tapete. --

Apropos! Ich sahe, Madame, ihre Nichte, da ich den Stuhl holte --

_Gräfin._ So, und ihre Miene?

_Dupré._ Die Trauer, die Melancholie! Sie wollte allerhand fragen, ich

blieb stumm wie ein Fels. Sie hatte einen Augenblick die Gesellschaft

verlassen, ich weiß nicht unter welchem Vorwand, da sie meine Stimme

hörte. Nun rief man sie wieder zum Spiel. Seufzend gehorchte sie. --

_Gräfin._ Der Chevalier wird nicht länger säumen, gehen sie Dupré.

_Dupré._ Er sollte bald da sein, es wird spät -- (geht und kömmt

wieder.) Ei -- vergaß ich nicht das Allerwesentlichste?

_Gräfin._ Nun?

_Dupré._ Es kann alles fehlschlagen.

_Gräfin._ Was fehlt denn, was?

_Dupré._ Ja wenn ich das wüßte?

_Gräfin._ Sie wissen es nicht?

_Dupré._ Schlimm eben. -- Jeden Abend der Unterredung giebt mir, Madame,

ihre Nichte etwas, das ich zum Chevalier trage --

_Gräfin._ Was denn etwa?

_Dupré._ Wie ich dem Chevalier die Thüre öffne, empfängt er es. Er kennt

die Bedeutung, ich nicht.

_Marquise._ Ha ha ha!

_Gräfin._ Er schläft, schwatzt im Traum.

_Dupré._ Ein klein Geschenk, muß ich überreichen.

_Gräfin._ Worin aber besteht es gewöhnlich?

_Dupré._ Wahrhaftig Madam, ich entsinne mich nicht sogleich. Bald dies,

bald jenes ... ein Nichts, eine Kleinigkeit --

_Gräfin._ Gestern?

_Dupré._ Gestern? Erlauben sie -- könnt ich mich doch nur erinnern, aber

es war nicht der Rede werth, das weiß ich wohl noch. Gestern --

_Gräfin._ Welche Geduld muß ich verschwenden!

_Dupré._ Ah, mir fällt ein, was ich das Vorletztemal überbrachte; eine

Rose, ich verwundete mich noch am Stiel.

_Gräfin._ Eine Rose?

_Dupré._ Eine Rose. Ah, mein Gedächtniß wird treu! Am Freitag ein

Veilchen, am Sonnabend einen Strauß von kleinen Lilien --

_Gräfin._ Immer also Blumen?

_Dupré._ Ich glaube ja -- Blumen.

_Gräfin._ (zur Marquise:) Was mag das bedeuten?

_Marquise._ Abgeredete Zeichenschrift.

_Gräfin._ Gewiß Sophiens romantischer Einfall. Das macht mich verlegen.

-- Dupré, früge der Chevalier danach --

_Dupré._ Unfehlbar.

_Gräfin._ Sagen sie, Sophie hätte ihnen nichts gegeben.

_Dupré._ Dann schmollt er.

_Gräfin._ Meine Sache. Wir wollen schon sehn --

_Dupré._ (Nach der Uhr sehend) Mitternacht! Er eilt grade nicht.

Vielleicht schlummerte er ein. Ich thät es an seiner Stelle gewiß --

_Gräfin._ Fort, fort zur Thür!

_Dupré._ (ab.)

Fünfte Szene.

Gräfin. Marquise.

_Marquise._ Sophie ist so romanhaft?

_Gräfin._ Bis zur Uebertreibung. Und der Chevalier fertig, jeden Ton,

jede Form zu umarmen, weiht sich dem ihrigen mit einem Anstand, einer

Kunst -- Ohne daß es ihnen kund ward, behorchte ich einige ihrer

Unterhaltungen, und auf meine Ehre, der Chevalier übertraf sich selbst,

an zarten sublimen Wendungen, Flug der Phantasie --

_Marquise._ St -- was gilts, da --

_Gräfin._ Er -- er!

_Marquise._ Pocht ihr Herz nicht ein wenig? Fürchten sie nicht, erkannt

zu werden?

_Gräfin._ Nichts weniger. Aber Freundin, sie weilen nicht mehr.

_Marquise._ Nur bis zu Anfang der Szene. -- Das währt lange.

_Gräfin._ Seine Stimme. -- Er klopft -- ruft Dupré.

_Marquise._ Der ohne Zweifel einschlief.

_Gräfin._ Apropos! Wenn sie mich verlassen, treten sie in die

Gesellschaft, nehmen Sophien bei Seite, und berichten ihr mein Vorhaben

mit Blancé.

_Marquise._ Auch den Ausgang?

_Gräfin._ Ja wohl, und sie erscheinen Beide, wenn Dupré sie ruft.

_Marquise._ Nun treten sie hin -- der Stuhl liegt am Boden.

_Gräfin._ Nun, nun -- machen sie mich nicht lachen -- ich sterbe vor

Vergnügen -- diesmal ist es Blancé -- Ja, ich bin schon da ... Wie?[9]

... Bald eine Stunde. ... Eine Stunde? Das Bouquet, welches sie mir

diesen Morgen sandten? ... O ja! ... (gegen die Marquise) Ah, Dupré

hatte es ihm zurückbringen sollen.

_Marquise._ Hören sie!

_Gräfin._ (sehr laut:) Ich verstand nicht. ... Weil ich es gern länger

tragen wollte. -- (sehr laut) Wie? ... Ich verstehe nicht ... Meine

Hand?

_Marquise._ Was sagt er?

_Gräfin._ (gegen die Marquise) Meine Hand will er durch die Tapete

küssen.

_Marquise._ Das ist neu.

_Gräfin._ Welch ein Einfall! ... Ich willigte ein? ... (gegen die

Marquise) In der That, diese Gunst darf man ohne viel Bedenken

gestatten.

[Fußnote 9: Die Punkte zeigen ihr Schweigen an, während dessen sie

horcht, was der Chevalier an der Gegenseite der Tapetenwand ihr sagt.]

_Marquise._ Wie huldigen Liebende der Thorheit!

_Gräfin._ (gegen die Marquise) Das ist doch wahrhaft sonderbar. (gegen

die Wand) Wie zeige ich ihnen aber die Stelle an?

_Marquise._ Sagt er nicht: wie gestern?

_Gräfin._ Ja!

_Marquise._ So empfangen sie doch Unterricht.

_Gräfin._ Durch Schlagen. (gegen die Wand) Schlagen? ... den Handschuh

ablegen? ... Legt ich ihn denn gestern ab? ... (gegen die Marquise) Er

sagt, endlich hätte ich mich entschieden.

_Marquise._ Ha ha ha ha.

_Gräfin._ Man muß noch einige Schwierigkeit machen. (gegen die Wand)

Weil ... Weil sie zu viel fordern. ... (gegen die Marquise) Recht

hübsch, was er da sagt. (gegen die Wand) Nun -- nun -- keinen Zorn! ...

Gewiß! ... Zweifeln sie nicht länger! ... Er ist abgelegt.

_Marquise._ Aber so ziehn sie ihn doch aus.

_Gräfin._ (gegen die Marquise) Ja ja, ganz aufrichtig. (gegen die Wand)

Es geschah -- hören sie -- hier die Hand, hier hier ... (gegen die

Marquise) Mit welcher Extase er den Fleck drüben küßte. Bei dem allen

glaub ich, Sophie hätte die Lippe auf der Hand gefühlt. Es giebt nur

_ein_ Lebensalter von so scharfer Empfindung.

_Marquise._ Ha ha ha ha!

_Gräfin._ Ich sagte nichts ... Erröthet? ich bin erröthet? ... (gegen

die Marquise) Wie er an Kindlichkeit und Unschuld bei Sophien glaubt!

Wie artig, diese Meinung zu äußern! Aber ist das nicht allerliebst?

(gegen die Wand) Wahrhaftig, Chevalier, ich glaube, daß sie mich sehn.

_Marquise._ Sache des Herzens, nicht des Kopfes.

_Gräfin._ Ausdruck der Empfindung, und Ausdruck der Galanterie. O welch

ein Unterschied! ... Er hat eine andere Stimme bemerkt ... (gegen die

Wand) Ja, meine Kammerfrau. ... Gewiß! ... Sie kam, mir anzuzeigen, daß

die Tante noch nicht schlafen gegangen sei. (gegen die Marquise) Gehn

sie, meine Gute!

_Marquise._ Ich will der armen Sophie das Leben zurückgeben. Ungern meid

ich dies Zimmer. Die Intrigue ist so unterhaltend. (geht ab.)

Sechste Szene.

Gräfin. Dupré.

_Gräfin._ (allein.) Ja, sie ist hinaus. ... Ich bin ganz allein. (vor

sich) Was will doch Dupré? (gegen die Wand.) Es ist Dupré, der mir was

zu sagen hat.

_Dupré._ (heimlich zur Gräfin, die sich von der Wand entfernt) Da hatt'

ich einen artigen Schrecken. Die Frau Nichte dachte sie zu überfallen.

_Gräfin._ Wie?

_Dupré._ Unter dem Vorwand, hier einen Mantel zu holen. ... Hören sie!

Er ruft sich den Katarrh. Antworten sie!

_Gräfin._ (laut gegen die Wand) Einen Augenblick Geduld! Ich höre nur

Dupré an. Gleich! (zu Dupré) Nun?

_Dupré._ Jähling kam sie, bleich, verstört, ich hielt sie an, sie wollte

hinein, wußte nicht was sie that, die Frau Marquise erschien, nahm sie

unter den Arm, und verschwand mit ihr.

_Gräfin._ Die Marquise bringt freudige Ruhe über sie. Still, was fällt

mir ein, der Chevalier mag eine Erzählung hören. (zur Wand) Helfen sie

mir!

_Dupré._ Mit Vergnügen!

_Gräfin._ Chevalier ... ich bebe ...

_Dupré._ Gewiß, Herr Chevalier, wie ein Rohrhalm im Orkan!

_Gräfin._ Erschrecken sie aber nicht!

_Dupré._ O, er ist schon außer sich.

_Gräfin._ Die Tante wollte uns überfallen. Ohne Dupré --

_Dupré._ Ja, ich erwies ihnen einen großen Dienst. ... O sie sind sehr

gütig!

_Gräfin._ Wie würde sie mich apostrophirt haben! ... Dupré hat sie

überzeugt, ich schlief lange.

_Dupré._ Und sie glaubte mit einer edlen Einfalt! ... O, man hintergeht

sie leicht, glauben sie mir ... (zur Gräfin) Wie er lacht!

_Gräfin._ (an der Wand) Ha ha ha ha!

_Dupré._ (lacht laut auf an der Wand) Ha ha ha ha! Wenn sie ahnte, welch

ein Streich ihr gespielt ward.

_Gräfin._ Ha ha ha ha! ... Gewiß! ... Sie haben Recht ... Einen

Alltagskopf foppen, lohnt nicht; ... aber eine so listige verschmitzte

superfeine Frau ... Ha ha ha ha! (zu Dupré) Hörst du sein Gelächter?

_Dupré._ Ha ha ha ha! Darüber weicht aller Schlummer vor mir. (gegen die

Wand) Ja ja, die Thüren sind alle zu. Es ist nichts weiter von ihr zu

fürchten.

_Gräfin._ (gegen die Wand) Nein ich versichre es, sorgen sie nicht. --

Fort Dupré, die Rolle wurde gut gegeben.

_Dupré._ O Madame, lange nicht so vollkommen wie die ihrige. (geht ab)

Siebente Szene.

Gräfin allein.

Ja! ... Er ist fort. ... Ein unglücklicher Abend. Immer Störung! ... He?

Ich verstand nicht. ... Ein wenig lauter! ... Ihr Billet von heute? ...

Ich fand es -- artig, recht artig. ... Unglücklich? ... ob ich errathe,

warum sie unglücklich sind? (vor sich) Das ist so leicht eben nicht.

(gegen die Wand) O Chevalier! ... (vor sich) Weil ich ihm abschlug,

abschlug? Was denn? (gegen die Wand) Ob ich Grausame heute Erbarmen

zeigen will? ... (vor sich) Er würde keinen Gott beneiden? Ich muß wohl

fortfahren, zu versagen. (gegen die Wand) Aber wie dürfen sie hoffen ...

Berühren sie diese Saite nicht mehr, Blancé! Ich bitte! ... (vor sich)

Ah ein Crochet von meinen, nein, von ihren Haaren. Und ich fiel nicht

gleich darauf? Es lag ja am Tage. Ha ha ha! (gegen die Wand) Was? ...

Ich lache, daß sie einen so großen Werth daran binden. ... Nun, wir

werden sehn. ... Nein, ich sage nichts zu. ... Ueberrasche lieber. ...

Wie? ... (vor sich) Jetzt will er meinen Anzug wissen. (gegen die Wand)

Ein Musselinkleid von weisser Farbe. ... Ein weisser Hut. ... Der Gürtel

hellblau. (vor sich) Drollige Neugier! (gegen die Wand) Die Schuh? ...

Nun blau und schwarz. (vor sich) Er will doch alles erfahren. (gegen die

Wand) Und dies ihr Kleid? ... Auch blau? (vor sich) Da haben wir die

Sympathie! (gegen die Wand) O ja, ich bin frohgelaunt. ... (vor sich) O

das ist drollig, ich komme ihm heute pikanter vor wie gewöhnlich. Kann

sein! (gegen die Wand) Vorwürfe? ... Sie sind reitzbar ... Ich

versichere, daß sie mich nicht ganz kennen. ... So bin ich nicht

vollkommen von Coquetterie frei. ... Nein! ... Nein! ... Sie ist aber

weniger Zug des Gemüthes, wie Eigensinn. ... Bei ihnen, mein Herr, im

Gegentheil, ist sie lauter Gemüth! ... Sie streiten? ... Der Roman mit

der Tante? ... Ihre Empfindung für sie? ... (vor sich) Welch ein platter

Wahn! ... (gegen die Wand) Ich glaube nicht daran. Nein! Eher mögt ich

annehmen, daß sie den Vicomte liebt. ... Sie nur, Sie? (vor sich) Ist da

nicht eine Eigensucht! (gegen die Wand) Aber sie lieben meine Tante,

_liebten_ sie wenigstens? ... Nicht? (vor sich) Schmeichelhaft! (gegen

die Wand) Aber denken sie nur an den Sommer in Bercy. Wo sie die Nächte

hindurch vor ihrer Terrasse weilten, die tönende Guitarre in der Hand.

Jenen Abend, wo sie eine so poetische Erklärung begannen, die sie mit

lauten Epigrammen unterbrach? ... Wer mir das sagte? sie allein. ... O

das ist nicht wahr. Ich glaube der Tante mehr. ... Warum? Weil sie mir

theuer ist. ... (vor sich) Ah, Sophie gedachte meiner immer

vortheilhaft. Braves Mädchen! (gegen die Wand) Aber sie lieben doch

unstreitig den Ton ihrer Stimme? ... Warum? der Aehnlichkeit halber? ...

Sie meinen, das wolle nicht viel sagen, könne sie nimmer täuschen? (vor

sich) Wir haben die Probe. (gegen die Wand) Sie finden also ganz und gar

die bezaubernde Liebenswürdigkeit nicht, die der Vicomte ihr andichtet?

(vor sich) Schmeichelhaft! (horcht gegen die Wand) Nun zeichnet er mein

Porträt! ... Himmel! nach allem was er mir sagte, beschwur! ... O

Männer, Männer! So sind sie aber alle. Das ist bestrafter Vorwitz.

(gegen die Wand zornig) Was? Unbeständig, voll Leichtsinn, ohne Tiefe

der Empfindung? Und dennoch wähnen sie von ihr zum Sterben geliebt zu

sein? So flach zeichnen sie ihr Gemüth, und behaupten eine Kraft der

Leidenschaft -- ei, so widersprechen sie sich doch nicht! ... Wie? Wer

ist bei ihnen? Dupré? Was will er? Immerhin Heimlichkeiten, ich erfahre

sie dennoch. ... Reden sie zu mir Dupré! ... Nicht beide auf Einmal! Er

will sie erinnern, daß die Stunde zu Ende ging? Gut, die Unterredung

soll gleich abgebrochen sein. Nur weg! ... O wie sie den Armen anließen?

Gleich Aufwallung. ... Ich verlasse sie nun, habe noch Briefe zu

schreiben. ... Nein nein, sie sind heute unerträglich. ... Wie, ich wäre

gestern weit liebenswürdiger gewesen? Ich wette nein! ... Sanftmüthiger?

Wäre möglich! ... Den Maskenball am Sonntage hätte ich ihnen

aufgeopfert? Sie flehten, und dennoch waren sie gegen ihr heiliges

Versprechen dort. ... Nur einen Augenblick? Das heißt, zwei oder drei

Stunden. ... Sie gaben einer grauen Nonne den Arm. Und küßten ihre Hand

oft, ohne Handschuh, ohne Tapeten. (vor sich) Ah das verwirrt ihn.

(gegen die Wand) Mit eignen Augen sah ich es ja, denn ich hielt mein

Versprechen nach ihrem Muster. Ich folgte tief verlarvt, _sie_ zu

enthüllen. Sie sind durchschaut. ... (vor sich) Doch ein Triumph! Ich

quäle ihn unerhört. (gegen die Wand) Nicht wahr, sie kannten mich noch

nicht? ... Sie meinen, in sechs Monaten erforsche sich das weibliche

Herz? O wie unerfahren! ... Nun nun, lachen wir darüber, klüger wie

Harm. ... Gegenseitige Duldung! ... Sie finden das nicht romantisch? ...

Aber doch weise! ... Nachsicht von beiden Theilen! ... (vor sich) Ah,

nun fällt er in den tragischen Ton! (gegen die Wand) Wenn dies System

ihnen nicht gefällt, so -- so -- Hören sie: die Leidenschaft meiner

Tante ist doch ein unübersteiglich Hinderniß. Sie ist meine

Wohlthäterin. Darf ich ihre Ruhe untergraben? ... (vor sich) Welche

Bewegung! (gegen die Wand) Das Glück will einmal unsrer Liebe nicht

winken. Also standhafte Philosophie. Sprache der Lebensklugheit. Ich

besitze kein Vermögen, sie eben nicht viel. ... Hören sie mich doch

ruhig an! Sie erklärte mir diesen Abend, ich müsse dem Baron meine Hand

geben, oder lebenslang auf ihr Wohlwollen verzichten. Ich sagte aber

nichts zu -- aber -- aber. ... (vor sich) Nein diese Wuth! (gegen die

Wand) Ob ich den Baron liebe? Nein, doch Achtung, viele Achtung -- ...

Sie drohen? O deshalb wanke ich nicht. ... Eine runde nette Erklärung?

Wohlan: Ich fühle mich zu ihnen hingezogen, aber Chevalier, ihr

Ungestüm, ihr herrischer eifersüchtiger Sinn -- ich legte alles auf die

Waage -- ein Tag wandelt vieles um -- Mein Herr, ich kann ihnen meine

Pflichten nicht opfern, ihre Drohungen, ihr wilder Eifer, mahnen mich

nur lauter an Trennung. Sie wissen Alles! ... (vor sich) Nun ist er

starr und stumm! -- Bei alledem ein liebenswürdiger zorniger Unmuth!

Eine edle Verzweiflung! (gegen die Wand) Leben sie wohl! ... auf ewig --

ewig! (entfernt sich von der Wand, springt aber wieder zurück) Wie, das

Klirren eines Degens? Chevalier! (lauter) Chevalier! Chevalier! Sie

werden doch nicht! Gott ich mögte zu Boden sinken!

Achte Szene.

Dupré. Gräfin.

_Dupré._ Welch Geschrei! Giebts hier Unheil?

_Gräfin._ Ah -- kaum athme ich noch! (gegen die Wand) Es ist Dupré. ...

Welch Entsetzen! ... Ruhe, Ruhe, ich beschwöre sie darum! (zu Dupré) Das

drang tief ein --

_Dupré._ Wie -- durch die Wand? Hören sie. ...

_Gräfin._ Was sagt er da?

_Dupré._ Er fürchtet, sie werden in Ohnmacht sinken.

_Gräfin._ Ah! Das weckt mir einen ähnlichen Gedanken. Er entsetzte mich,

ich entsetze ihn wieder. Mache ihm bange, recht bange. Sprich!

_Dupré._ (gegen die Wand) Mein Herr, mein Herr -- Madame taumelt -- das

geht übel -- übel -- (zur Gräfin) Ach! -- hören sie die Angst!

_Gräfin._ (entfernt ihren Stuhl von der Wand) Sage ihm, ich sei ohne

Besinnung.

_Dupré._ Ach mein Herr! Madame ist bleich, wie eine Lilie. -- Die Augen

sind starr -- der Anblick durchbohrte ihr Herz.

_Gräfin._ Trefflich! Nur weiter! Ich glaube er weint.

_Dupré._ Er weint, schluchzt, rauft das Haar. Hören sie es denn nicht?

(gegen die Wand) Das nenne ich Krämpfe, Convulsionen! Ich brachte sie

auf den Divan, und empfing furchtbare Stöße ihrer Hand. -- Die Wangen

sind hellgrün und dunkelgelb, die Lippen Indigoblau. ... Ja ja, ich habe

^Eau de cologne^ hier --

_Gräfin._ Sag ihm, daß die Krämpfe zunehmen.

_Dupré._ O -- o -- o! (schlägt an die Wand) Hören sie es wohl, Herr

Chevalier, sie macht den Lärmen -- mit Hand, Fuß, und Stirn, ich halte

sie nicht allein. -- Mein Gott welcher Zustand. ... Ja den Kopf halt ich

zwischen den Händen, sie stieß sich nur einmal wider die Stirn, es

bedeutet wenig. (zur Gräfin) Aber nun Madame, enden sie!

_Gräfin._ So laß mich zu mir kommen, aber nach und nach. (sie rückt den

Stuhl wieder zur Wand hin.)

_Dupré._ Ah dem Himmel sei Dank, da fand ich doch ein wirksam Mittel.

Ich wollte ihr ein wenig Wasser ins Gesicht sprengen, sie schlug mit dem

Arm an die Carafine, und so strömte die ganze Flut über sie. -- Aber es

thut Effekt. -- Sie träuft wie eine Nymphe im Bade. -- Wäre nur das

Wasser nicht so eiskalt. Doch mit einem Schnupfen kömmt sie davon. -- Ja

es hilft wunderbar. -- Sie öffnet die Augen ... (die Gräfin und Dupré

klopfen wider die Wand) das ist sie immer noch. ... Die Krisis des

Uebels. Sie stampft -- windet sich -- die Nerven sind fürchterlich

angegriffen. ... Ah -- nun kömmt Ruhe über sie -- Erholung -- die

Mißfarbe schwindet -- das Kolorit ist wieder da. ... Die Lippen noch ein

klein wenig blau, sonst alles wieder in voller Ordnung.

_Gräfin._ Sage, ich nenne seinen Namen.

_Dupré._ Mein Herr, sie stammelt etwas, kaum hörbar zwischen den Lippen.

Ah -- Blan -- Blan -- ihren Namen, mein Herr! ... O glauben sie, daß ich

wie ein Kind weine -- (weint) Ihre Augen sind noch immer so stier -- da

quellen, glänzen, brechen Thränen hervor. ... Antworten sie ihm doch.

_Gräfin._ (gegen die Wand mit weinendem Ausdruck.) Ich wollte sie bergen

-- meine Fühlbarkeit -- vielmehr meine Schwäche --

_Dupré._ Wie zärtlich er nun ist.

_Gräfin._ Geh, ich mögte nur lachen!

_Dupré._ (ab.)

Neunte Szene.

Gräfin.

(allein) Oder weinen! (gegen die Wand) Hören sie mich? ... Die

Verstellung gelingt mir nicht. ... Ich wollte sie strafen. Erinnern sie

sich, was sie mir sagten. ... Ja ja, wenn die Tante will. ... Sie muß

zugezogen werden. ... Vereinen wir unser Flehn, wir werden sie rühren.

... Gewiß. ... Sie verkennen die Großmuth der Tante. ... Nun, hören sie

einen Vorschlag an, der sie ein wenig befremden wird. Ich berge ihnen

noch eine wichtige Entdeckung, muß ihnen ein Papier vorzeigen -- genug,

niemanden anders kann ich mich vertrauen, bin also bereit, sie hier zu

empfangen. ... Ja, ohne Tapetenwand, in dieser Stunde. ... (vor sich)

Bei allem Sturm der Liebe, zaudert er hier doch. Viel Zartsinn. Viel

innige Achtung für Sophiens Ruf. Ja, er verdient Gegenliebe! ... (gegen

die Wand) Gehörte ihnen Sophiens Herz noch nicht, diese Gesinnungen

würden es ihnen unterwerfen. Kommen sie ohne Furcht, ich muß sie sehn.

... (vor sich) Er sinkt aufs Knie. -- wie er zu bewegen versteht. (gegen

die Wand) Vielleicht wird ihnen hier Verzeihung -- oder sie fühlen sich

desto schuldiger. Stehn sie doch auf! Ich rufe Dupré, daß er sie

abholet. -- Dupré!

Zehnte Szene.

Gräfin. Dupré.

_Gräfin._ Bald löst sich der Knoten. Holen sie den Chevalier!

_Dupré._ Hieher?

_Gräfin._ Ja. Geschwind!

_Dupré._ In dieser Stunde? -- Madame, Madame! Zu viel Frohsinn!

_Gräfin._ Er glaube immer noch, Sophie erwarte ihn. Was ist die Uhr?

_Dupré._ Zwanzig Minuten auf Zwei!

_Gräfin._ In einer guten Stunde wird die Marquise mit Sophien gerufen.

_Dupré._ Das heißt, wenn Madame eine Stunde mit dem Chevalier

schwatzten.

_Gräfin._ Ja!

_Dupré._ Eine gute Stunde! -- Aber wenn er sie sieht, wirds mit dem

Schmälen zu Ende sein.

_Gräfin._ Fort, fort!

_Dupré._ Eine gute Stunde ist zu viel --

_Gräfin._ Aber Dupré --

_Dupré._ Madame -- ich kenne das -- Sie sind in Wallung -- haben wieder

zu viel Frohsinn -- Madame! auf ihrer Hut! (ab.)

Elfte Szene.

Gräfin (allein).

_Auf ihrer Hut!_ So übel nicht! Daß mich der Chevalier empfindlich traf,

darf ich es mir verhehlen? -- Hm -- was könnte interessanter sein, als

wenn er, bei all der endlosen Leidenschaft für Sophien, in der Stunde,

wo ich ihre Hand in die seinige legen werde -- wenn er noch da -- da --

da gestraft, ich gerächt würde. -- Sie wäre möglich diese Rache, bei ihm

-- o bei allen Männern. Darf man auf Einen bauen? -- Ich Glückliche, daß

ich die wiedererlangte Freiheit bewahrte! Ich Glückliche, daß er nicht

_so_ mich liebte, wie Sophien! -- Ah -- Da wird er sein. -- Thörigt

genug, aber ich bin voll peinlicher Unruhe. (setzt sich) Wie wird er

staunen! --

Zwölfte Szene.

Gräfin. Der Chevalier.

_Chevalier._ (im Hintergrunde) Wie bin ich erschöpft! -- Da ist sie -- O

Sophie!

_Gräfin._ (erhebt sich und wendet sich) Mein Herr?

_Chevalier._ (bei Seite) Himmel! Die Gräfin!

_Gräfin._ So angewurzelt -- versteinert? Doch was fürchten sie; sagt ich

ihnen nicht Verzeihung zu? Verzeihung in diesem Saal?

_Chevalier._ Was hör' ich! Wie, Madame --

_Gräfin._ Suchen sie Sophien etwa? Sie mied, seit der Abendtafel, nicht

mein Zimmer.

_Chevalier._ Träum ich aber? -- Madame -- sie -- sie hätten durch die

Tapetenwand --

_Gräfin._ Mich mit ihnen unterhalten. Ich meine, die Stimme könnte Sie

nicht hintergehn. Sophiens Sprachorgan ist viel melodischer und

harmonischer. Nannten sie es nicht so?

_Chevalier._ Madame -- sie -- sie! Wenn ich also Sophien anklagte, umgab

mich Täuschung, warfen Irrthümer mich hin; Sophie ist unschuldig, nichts

konnte sie umwandeln.

_Gräfin._ In der That, diese Aufwallung gewann mich. Nur aus der

tiefsten, wahrhaft gerührten Seele kann sie hervorgehn. Ein anderer

zeigte Bestürzung, Schaam, Verlegenheit, sie phantasiren nur mit

Sophiens Herz. So, so liebt man wahr!

_Chevalier._ Erwach ich denn gar nicht von diesem Traume? -- Rufe ich

mir aber zurück, was sie sagten, begreif ich nicht, daß ich einen

Augenblick hintergangen werden konnte. Welche Andere konnte mich mit

einer so zauberischen Gewalt der Worte, so treffendem, geistvollem

Ausdruck, so viel Grazie der Urtheile hinreissen.

_Gräfin._ Denken sie daran, was sie vorhin von mir sagten, und fühlen

sie, wie jetzt ihr Lob in mein Ohr tönt.

_Chevalier._ Wer eine Rivalin wie sie bekämpfen will, muß sich in die

Arme der Unwahrheit werfen.

_Gräfin._ Und diese Leidenschaft, die sie mir andichten --

_Chevalier._ Glaubt ich an den frohen Wahn, ließ ich mir eine

Gerechtigkeit widerfahren, die mich mit Selbstvertrauen waffnen sollte.

Theilt ich ihn Sophien mit, sollt er mir in ihren Augen mehr Werth

geben. O der Mann, den sie lieben, entflammt jedes Frauenherz.

_Gräfin._ Sie peinigt also keine Reue, keine Verlegenheit.

_Chevalier._ Ich würde betroffen sein, wären sie nicht über die

Gewöhnlichkeit erhaben, fühlt ich mehr Eigenliebe als Bewunderung für

sie -- denn die Schmach, die sie auf mich zu häufen strebten, war hart

-- Doch welche Fülle der Beruhigung in ihren Triumphen!

_Gräfin._ Artige Triumphe, sie zwei Minuten gefoppt zu haben.

_Chevalier._ Sie fühlten ihren Stolz nicht! Nein, die Bescheidenheit

wäre zu groß.

_Gräfin._ Ei -- Doch Apropos -- Ein wenig umgewandt. Im Frack? Ohne

Degen? Vortrefflich! -- Schon glaubt ich an Selbstmord, wähnte in

grauenvoller Ahnung die Klinge zücken zu hören.

_Chevalier._ Die Ohnmacht, die schauderhaften Zuckungen, die mir das

Haar emporsträubten.

_Gräfin._ Repressalien.

_Chevalier._ Nein Madame, in dem Talent zu hintergehn, wie in der

Gewalt, in Ketten der Liebe zu werfen, erkenn ich ihre Obermacht. -- O

diese Thränen, die gleich den meinigen geboten -- Gräfin, wenn ich sie

würdigte, nahm ich einen kühnen Flug, doch um einen ganzen Himmel höher

liegt der Gipfel, auf den sie heute meine Bewunderung tragen.

_Gräfin._ Ein Lob ohne Poesie, eine Erkenntlichkeit ohne Ausschweifung

will ich um sie verdienen. Was ich beschloß für Sophien zu thun, wenn

sie den Baron heirathete, geschehe auch jetzt. Sie verdienen sie, so

nehmen sie denn Sophiens Hand!

_Chevalier._ (gerührt) Ah Madame! Blickten sie in mein Herz -- Neben so

holder Schönheit, ein so reiner wahrer Edelsinn, so emporhebende Reize,

so niederwerfende beschämende Großmuth -- ich trag es nicht --

_Gräfin._ Das Glück meines Lebens bedingt ihre Freundschaft!

_Chevalier._ Nur meine Freundschaft? Arme Forderung! Nicht mein Leben?

Nicht --

_Gräfin._ Ich verlange, was sie gewähren können --

_Chevalier._ Hätten sie -- o ich Unglücklicher!

_Gräfin._ Nehmen wir Platz. (setzen sich) Ich fahre fort, ihnen mein

Herz vollkommen zu offenbaren.

_Chevalier_. (vor sich) Wüßt ich nur recht, was in dem meinigen

vorginge.

_Gräfin._ Jetzt -- da wir gegen einander alle Gefallsucht verbannen,

können wir uns zutraulich nahen.

_Chevalier._ _Gefallsucht_! -- Ja ja, das ist das rechte Wort. Verzeihen

sie, Gräfin, nur diese eitel prunkende Hülle stellten sie mir dar, es

gelang mir nie, sie _herzlich_ zu sehn.

_Gräfin._ Aber nein! In _mir_ wohnte die Gefallsucht nicht, sonst würde

die Szene der Tapetenwand mich ja entrüstet haben, sie sehen meinen

Gleichmuth.

_Chevalier._ Entrüstet? Warum, warum? Sie dürfen überall den Rang

fordern; Schönheit, Geist --

_Gräfin._ Weg nun mit aller Galanterie! Bei der Geliebten ist sie ein

Simbol, nichts bedeutet sie der Freundin, der Tante --

_Chevalier._ (ergreift ihre Hand, um sie zu küssen.) O gefährliche,

gefährliche Freundin! -- -- (leicht) doch warum ziehn sie die Hand

zurück, das Simbol ist aufgehoben. -- (wieder in Feuer) Nein _nie_ sah

ich sie! Zum _Erstenmale_ erblicke ich diese _neue, neue_ Anmuth --

_Gräfin._ Keine Unterbrechung! Ich habe ihnen zu eröffnen --

_Chevalier._ Zu _eröffnen_?

_Gräfin._ Daß ich endlich mich überzeugte: nur eine gewisse

_Sentimentalität_ banne Lebensfreuden; daß ich dem Scherz mit der Liebe

ja meiner Freiheit entsage.

_Chevalier._ Wie? Gewiß? Versteh ich sie --

_Gräfin._ Sie sehn mich zu einer andern Heirath entschlossen --

_Chevalier._ Gräfin!

_Gräfin._ Sie kennen die Leidenschaft des Vicomte --

_Chevalier._ Des Vicomte -- Gräfin! Wo denken sie hin! Nein sie wollen

mich nur quälen --

_Gräfin._ Da ich noch an ihre _Liebe_ glaubte, konnten sie an den Plan

einer solchen Qual glauben, nun --

_Chevalier._ Wie, sie _liebten_ den Vicomte?

_Gräfin._ Eine Andre sagte unter den Umständen wohl -- _Ja_, ich aber

_Nein_! Ihm mangelt die Bildung, welche mich gewinnen könnte, doch

würdige ich sein Herz, und hoffe von der Zeit Neigung.

_Chevalier._ Hat er ihr Wort?

_Gräfin._ Nicht eben entscheidend.

_Chevalier._ Hoffnung?

_Gräfin._ Ja -- wer _so_ liebt, schöpft sie leicht.

_Chevalier._ Seit wenn?

_Gräfin._ Seit ich entdeckte, von ihnen betrogen zu werden -- Aber mein

Gott! Was sagt ich!

_Chevalier._ Gräfin! -- In welche -- ich _betrog_ sie nicht! Nein! Hätt

ich geahnt, daß sie sogar meinen Geschmack für Sentimentalität theilen

--

_Gräfin._ Chevalier --

_Chevalier._ Sie hätten mich geliebt? Kein Wahn -- und _so, so_ geliebt

--

_Gräfin._ Weg mit der Vergangenheit!

_Chevalier._ Sie werden den Vicomte _nie_ lieben, können es nicht.

_Gräfin._ Er hat freilich wenig Grazie des Umgangs, ihm mangelt der

heitre gesellige Ton, der das Leben so mit Blumen bestreut, ihm fehlt

das leicht ansprechende scharfe Gefühl, dem die gleichgestimmte Saite

mit so viel Wonne entgegen tönt, und -- und -- doch wenn ihnen auch an

dem Allen ein Reichthum wurde, lieben sie nicht eine Frau, die ihn

entbehrt? -- Sophie zieht durch Anmuth, einfachen Sinn, freundlichen

Willen an, doch -- was man _piquant_ nennt, das ist sie nicht. -- Sie

sehn, daß man auch die ungleiche Natur zu lieben vermag.

_Chevalier._ Vermag man das wirklich? Oder ist es eine gefährliche

Täuschung, die aus dunklem Hintergrunde mit Reue droht! -- Gleiche Natur

-- o gleiche Natur, köstliche ewige Fessel des Gottes der -- -- sie

sagten Vertrauen zu, eine Frage, _eine_, aber lösen sie sie wahr --

_Gräfin._ O -- Unwahrheit gelingt mir ohne Tapetenwand nicht, (auf ihre

Augen deutend) diese Verrätherinnen plaudern mich aus --

_Chevalier._ O dann muß ich diese redlichen Schönheiten um Antwort

anflehn --

_Gräfin._ Nun -- (beide sehn sich stillschweigend an)

_Chevalier._ Ach --

_Gräfin._ Fragen sie mit _Worten_!

_Chevalier._ Wissen sie aber, daß die Entscheidung mir ein neues Loos

werfen, unwiderruflich werfen kann? --

_Gräfin._ O, o --!

_Chevalier._ Galt ich ihnen einst mehr? Betrog mein Wahn mich nicht

völlig? Sie senken den Blick -- schweigen -- Gräfin --

_Gräfin._ Weg mit der Vergangenheit! (ergreift ein Portefeuille und

nimmt einige Briefe heraus) Weg jede Erinnrung aus ihr. Nothwendigkeit

bedingt das harte Opfer. Nehmen sie diese Briefe zurück, die mich -- ach

zu grausam betrogen --

_Chevalier._ Ich heilige jeden Eid, den sie schwuren. (wirft sich vor

ihr hin) Hier ist mein Altar. Hier nur darf ich anbeten!

_Gräfin._ So sind die Männer, _so so_ --

_Chevalier._ O Gräfin --

Dreizehnte Szene.

Marquise. Sophie. Vorige.

_Sophie._ (Indem sie den Chevalier aufstehen sieht) O meine gute Tante,

auch mir gebührt es, mich zu ihren Füßen zu werfen.

_Gräfin._ Du hast den Chevalier errathen. Er dankte eben für meine

Einwilligung --

_Sophie._ Blancé, ihr lebendiger Eifer rührt mich!

_Chevalier._ (bei Seite) Aber der Teufel --

_Gräfin._ (zu Sophien) Wie bewegt -- wie hingerissen in Liebesflug --

irrend in höheren Welten. Sieh ihn an!

_Chevalier._ Madame --

_Marquise._ Die Notare warten. --

_Chevalier._ (etwas auffahrend) Notare?

_Marquise._ (bei Seite) Bei aller Liebe entfärbt ihn dies Wort.

_Gräfin._ Das wichtige Papier ist der Heirathsvertrag, der auf ihre

Unterschrift wartet --

_Chevalier._ Sogleich? -- Was verdanke ich ihnen nicht alles.

_Gräfin._ Sophie, triumphiren sie über ihre Wahl! Hier ist redliche,

feste, über jeden Wankelmuth erhabene Liebe. Wohl giebt es Männer, von

einer so kraftlosen Eitelkeit beherrscht, daß sie gleich vergessen und

hinopfern, wie nur ihrer thörigten Eigenliebe verschlagen gehuldigt wird

--

_Chevalier._ Nein Gräfin, sie klagen zu hart an.

_Sophie._ Und warum vertheidigen sie ungleiche Naturen? (ihn an der Hand

fassend) _Dies_ reine Gemüth begreift das Strafbare nicht.

_Chevalier._ (von der Gräfin an der andern Hand ergriffen) Schonung!

_Gräfin._ Dem Verdienste Gerechtigkeit! (winkt der Marquise, Sophien

abzuführen) Wir folgen!

Letzte Szene.

Gräfin. Chevalier.

_Chevalier._ Endlich! --

_Gräfin._ Lust und Rache sind gebüßt. Umarmen sie nun ihr Glück!

_Chevalier._ Mein Glück? Sie warfen es zu Boden, ich finde es nicht

mehr, mich umgiebt Verwirrung, soll ich sie _hassen_ oder _anbeten_? Sie

bewundern, oder wie eine Eumenide fliehen? Bin ich ein Narr, ein

Beklagenswerther, ein Glücklicher --

_Gräfin._ Ein _Glücklicher_! Sie lieben Sophien.

_Chevalier._ Ja!

_Gräfin._ Mich auch? Nicht wahr?

_Chevalier._ Ja, ja -- wer mag es erklären -- Gleich getheilt --

_Gräfin._ _Getheilt_, doch nicht _gleich_. Ihr _Herz_ gehört Sophien,

ihr Flattersinn, geleitet von glanzsüchtiger Eigenliebe, floh mir zu.

Ich erwartete es, alles war Prüfung; ich erfand den Roman mit dem

Vicomte --

_Chevalier._ Sie heirathen ihn nicht, Gräfin? Ein Fels weicht von meiner

Brust --

_Gräfin._ Diese Freude ist ein Verbrechen an Sophien. An sie tragen sie

meine Schuld ab. Entsagen sie Ansprüchen, die ihnen nur das Lob der

Thoren, und den Tadel der Guten bringen. Bisher war die Jugend ihre

Führerin, nun sei es --

_Chevalier._ Die Freundschaft!

Ende des Lustspiels.

Florens Abentheuer in Afrika, und ihre Heimkehr nach Paris. Zweiter Band. · 第 6 / 7 题