Da ich mich heimlich, und nicht ohne Gefahr von jenem Sultan entfernt

hatte, durchzog ich mehrere Länder der Schwarzen, wo ich fast dieselben

Thorheiten wie in Darfur wiederfand. Rohheit, närrische Titel, tolle

Ceremonie, lächerlicher Stolz, dummer Aberglaube, Mißtrauen und Haß

gegen Fremde, waren fast überall Sitte und Charaktergrundzüge. Dagegen

nahm ich dort auch manche Kraft, manche Tugend wahr, die man in Europa

vergeblich suchen würde. Den vielen Hindernissen, die ich vorfand,

begegneten Keckheit und Charlatanerie mit Glück. Charlatanerie ist

überhaupt ein Wort von weiterem Umfange, und achtbarerer Bedeutung, wie

es im gemeinen Leben verstanden wird. Nicht nur der Pfuscher in der

Heilkunde, auch der große Arzt, nicht allein geringe Künstler, auch

berühmte Weisen, der volkerziehende Staatsmann, der völkererschütternde

Held, versehen sich mit ihrem Nimbus, und gemeinhin würden sie sonst _zu

wenig leuchten_. Charlatanisiren heißt: sich geachtet machen, und

geschieht das, trägt man die Schuld an sich, redlich ab.

Es lohnte nicht, meine in diesen Reichen gesammelte Erfahrungen alle

aufzuzählen. Ich übergehe sie, um bald zur Hauptsache zu kommen, die

euch aber ohne Zweifel, Staunen abdringen wird.

Ich war über den Niger gegangen, und verfolgte meinen Weg gen Süden hin.

Die Reiche _Azarad_, _Terga_, _Zuenziga_, hatte ich schon gesehn, was

ich an den Ufern des großen Stromes sah, entfernte sich unbedeutend von

dem Gewöhnlichen, darum ging es immer weiter. Nahe an der Linie ward ich

endlich einen neuen in keiner Erdbeschreibung gedachten Strom inne, der

den Nil, den Senegal, den Niger ungemein an Breite übertrifft. Kaum

reicht das Auge von einem Ufer zum andern hinüber, doch vermuthe ich,

daß dies mächtige Gewässer sich endlich in den Sand verliert, sonst

würden die Küstenfahrer, die Ausströmung ins Meer doch wahrgenommen

haben.

Dem sei wie ihm wolle, ich bekam Lust über den Strom zu setzen, allein

es fehlte mir durchaus an Hülfsmitteln zu meinem Vorhaben, denn eine

Wüste reichte, so weit das Auge sah, an das Gestade, und kein Fahrzeug

ließ sich wahrnehmen. Ich kehrte also mit meinem Diener zurück,

Negerwohnungen aufzusuchen. Es gelang. Nun fragte ich: wo man wohl ein

Schiff finden mögte, über den großen Strom zu gelangen? Sie antworteten:

Einmal sei kein solches Schiff vorhanden, ferner dürfe auch kein

Lebender sich über seine Fluthen wagen, jenseit hause der Teufel, der

die Seelen der Verdammten dort erwarte. Die Väter erzählten sich, daß

einige Verwegene auf zusammengefügten Brettern hinüber gerudert wären,

doch kein Menschenkind habe je ein Gebein von ihnen wieder gesehn.

Es versteht sich, daß dieser platte Aberglaube nur mein Verlangen noch

mehr aufreizte. Ich machte den Negern große Versprechungen, wenn sie mir

ein Canot bauten. Es war ein gutmüthig Völklein, einige daraus wurden

durch den Gewinn bestimmt, und man fällte einen dicken Baum, den wir

mittelst scharfer Kieseln aushöhlten. Nun schafften wir ihn auf einem

Dromedar bis ans Ufer, und aus einer Binsenmatte wurde ein kleines

Seegel gefertigt. Steuer und Ruder zimmerten wir, so gut es gehn wollte.

Ich lohnte die Schwarzen ab, die mich als ein überirdisch Wesen ansahn,

und vor mir anbetend niederfielen, als ich die Keckheit in ihrem

Angesicht vollzog, die gefürchteten Wogen zu befahren. Sie baten dabei

naiv genug, ihres Volks im Guten bei dem Teufel zu denken, und die

lieben Verstorbenen zu grüßen.

Der Wind blies so günstig, daß ich das Ruder gar nicht von Nöthen hatte,

und bald war ich dem Ufer drüben nahe.

Wohl ergriff mich bei diesem Anblick Staunen. Ich kam aus Gegenden, wo

die Völker kaum eine Lehmwand an ihren Häusern zu kneten wußten, hier

aber stiegen feste Steinmauern und majestätische Thürme empor. Der

Anblick war mir so überraschend, daß ich nicht wußte, ob ich meinen

Augen trauen durfte. Am Lande kamen mir, was meine Befremdung vermehren

mußte, einige weiße Männer entgegen, die ich hier wohl nimmer vermuthet

hätte. Sie trugen Waffen, woraus ich schloß, sie müßten den Eingang in

die Stadt, welche vor mir lag, bewachen. Ich betrog mich nicht, wurde

angehalten, und befragt: woher ich käme, und welche Geschäfte mich nach

der Stadt führten?

Ich verstand sehr viele Wörter in ihrer Sprache, wenn ich mich gleich

nur dunkel erinnerte, wo ich sie einst mogte gehört haben. Auf einer

meiner Reisen aber gewiß.

Die Männer waren eben so gut befremdet wie ich, einen _fremden_ Weissen

zu sehn. Sie sagten, daß ihnen bekannt sei, drüben über dem Strome

wohnten dunkelfarbige Menschen, von denen so leicht sich keiner herüber

wage, da die Erfahrung sie wohl belehrt hätte, daß keiner wieder

zurückgelassen würde. So ist unsre Vorsicht, setzte der Eine gutmüthig

hinzu, denn die Nachkommen des Belisarius sollen nicht entdecken, daß

unsere Väter in diese versteckten Gegenden flüchteten.

Die Nachkommen des Belisarius? rief ich verwundert, indem ich mich so

viel als möglich ihres Idioms bediente, und ihnen also auch verständlich

ward. Welchen Zusammenhang hatten eure Väter mit diesem unglücklichen

Heerführer? Unglücklich? antwortete der Andere, wem gelang mehr, was er

unternahm? Ihm mußte selbst der tapfere Gilimer weichen, unser Ahnfürst,

dessen Namen wir noch führen.

Ich kramte aus, was ich von der Geschichte des Belisarius wußte, wie man

ihm einen so üblen Lohn gereicht habe, auch kein morgenländischer Römer

mehr zu fürchten sei, da Justinians schwache Nachfolger endlich den

Türken hätten weichen müssen. Dann drang ich aber mit vielen Fragen ein,

wie man doch hier noch die Nachkommen eines so lange verstorbenen Helden

fürchten könne?

Ich erhielt zur Antwort: Unsre Vorfahren, die sich Vandalen nannten,

hatten mit einigen anderen Völkerschaften aus Germanien, in Afrika ein

Reich gestiftet, welches blühte. Allein sie wurden durch Belisarius

angegriffen und geschlagen. Wer der Gefangenschaft entweichen wollte,

mußte sich entschließen zu fliehn. Sie nahmen den Weg nach der Mitte von

Afrika, und ihre Nachkommen haus'ten dort in Ruhe. Dieser Strom ist die

Gränze unsers Landes, nach den Schwarzen hin. Ein altes Gesetz verbietet

den Gilimeriern, so nennen wir uns, nicht über den Strom zu gehen, und

der Fremde, der zu uns kömmt, darf nicht wieder weg, daß unser

Aufenthalt nicht verrathen werde.

Das _nicht wieder weg sollen_ gefiel mir ganz und gar nicht, indessen

dachte ich, irgend eine List wird wohl Hülfe gewähren. Dann fuhr ich mit

meinen Erkundigungen fort, ob in dieser Weltgegend noch andere Völker

wohnten? O ja, hieß es, mehrere, die eben wie unsere Väter, bei Kriegen

im Alterthum flohn. Es giebt Celtiberier und Alt-Carthager, einst durch

Scipio verjagt, Vercingenten, die sich vor Julius Cäsar retteten. Alle

diese kamen früher an, wie unsere Ahnen, wohnen auch tiefer südlich, wir

bekamen das Gränzland.

Und diese Völker, leben sie in Verbindung unter sich?

O ja, antworteten meine Begleiter, wir handeln, wir schließen Bündnisse,

wir führen Krieg --

Krieg! Also doch auch Krieg? rief ich. Ists doch, als ob er gar nicht

aus der menschlichen Natur zu tilgen wäre. Wo man nur hinkömmt, hört man

von Krieg. Wohlan, setzte ich hinzu, würde mir es denn erlaubt sein,

eine Reise durchs Land zu machen? Ich bin neugierig, sehe die Fremde

gern.

Ich wurde zum Befehlshaber des Ortes gebracht, der mir nach manchen

Schwierigkeiten einen Paß ertheilte.

Viertes Kapitel.

Was Perotti unter den Gilimeriern sah.

Ich trat nun die Reise ins Innere des Landes der Gilimerier an, und

theile gedrängt mit, was ich unter dem sonderbaren Volke sah.

Wie ich meinen Paß empfangen hatte, sagte mir der Ausfertiger: ich würde

das weiseste von allen Völkern, nicht nur in Afrika, und auf dem

Erdenrund, sondern von allen Wandelsternen sehn. Ich nahm das erst für

eine Redensart, nach afrikanischem Zuschnitt, allein die Folge belehrte

mich, daß die Gilimerier ihre feste Ueberzeugung mit so triftigen

Beweisgründen stützten, daß der Zweifler gern ehrerbietig verstummte.

Da man übrigens von Wandelsternen sprach, und sie bewohnt voraussetzte,

hatte ich gleich den Beweis, das Volk müsse gedacht haben, ein Beweis,

der sich auch oft genug wiederholte. Die Gilimerier sind Vieldenker,

Hoch- Tief- Lang- und Breit-Denker, nur zum Handeln kommen sie über das

Denken spärlich.

Ich wollte zuerst die Hauptstadt sehn, und fragte nach ihrem Namen. Man

sagte mir: Es ist ein wenig zweifelhaft, die Hauptstadt der Gilimerier

zu bestimmen. Nun antwortete ich, es wird doch Jedermann bekannt seyn,

wo der Sitz der Regierung, des Landesoberhauptes, der Mittelpunkt der

Wissenschaften und Künste, und des Handels ist?

Der Mann, mit dem ich noch immer redete, kratzte den Kopf, und meinte:

So eigentlich wäre der Sitz der Regierung in _Urkundia_, aber so

eigentlich auch nicht, übrigens würde sie dort, so viele Jahrhunderte

ihre Blüthe geprangt hätte, nicht mehr gehandhabt.

Nun, erwiederte ich, so will ich nach Urkundia, denn Handel,

Wissenschaften und Künste werden mich durch ihren Anblick entschädigen.

O, Handel giebt es dort gar nicht, fiel mein Gilimerier ein.

_Ich._ Sonderbar, ich sollte glauben, die Weisheit deutete aus manchem

Grunde darauf, den Mittelpunkt des Handels und der Regierung zu

vereinen, aber --

_Der Gilimerier._ Wissenschaften findet ihr in Urkundia gar nicht. Da

müßt ihr nach _Plapria_, oder besser, nach _Klinklingia_, Künste sucht

in _Lekria_, _Plapria_, allenfalls in _Zigzig_ und andern Orten.

_Ich._ Also meint ihr, daß von solchen Trennungen etwas Ersprießliches

ausgehn werde?

_Der Gilimerier._ Allerdings! Unsre vielen hohen Schulen sichern noch

mehr die Freiheit des Denkens. Die Tiefe der Wissenschaft, die Höhe der

Spekulation, das sind die Punkte, wo die Gilimerier sich vereinen.

_Ich._ Nun gut, wo wohnt denn also das Landesoberhaupt?

_Der Gilimerier._ In _Lekria_.

Lachend trat hier ein Andrer hinzu. Was, in Lekria wohnte das

Landesoberhaupt? Ha ha ha ha! Wie lange wurde ihm dieser Anspruch schon

geschmälert, und nun -- nun -- entsagte der Welik nicht selbst? Der

Erste war übel mit jener Einwendung zufrieden. Er wollte entgegnen und

hub an: Die _Gilimerier_ --

_Chilimerier_ heißt es, unterbrach ihn ein Dritter, und nun erhob sich

ein hitziger Streit, worin jeder Theil Beweise für die Güte seiner

Aussprache, und Rechtschreibung des Volksnamens, mit ermüdender

Weitläuftigkeit auskramte. Gemach, unterbrach ich die erhitzten Köpfe

bald, ein Volk, das sogar darüber nicht Eins ist, wie es heißt, kann

schwerlich wohl in Sachen von Gewicht zusammenklingen. Doch, ich werde

das ja alles näher sehn.

Hier reiste ich ab, und kam nach einer ziemlich weiten Reise in Lekria

an.

Es ist eine sehr große Stadt, von entzückenden Umgebungen, doch eben

keiner schönen Bauart. Der Gassen Volksgedränge, die wohlgenährten

Körper und ruheverkündenden Gesichter sprechen den Reisenden zuerst an.

Viele Tempel sind auch in Lekria zu sehn, und an feierlichen Tagen wird

der Cultus darin auf eine rührende und erhabene Weise vollzogen. Ich

erkundigte mich bald nach der Natur dieses Gottesdienstes, und erfuhr,

daß die Gilimerier den _Crodo_ anbeten, der aber in den Ober-, Mittel-

und Unter-Crodo abgetheilt ist. Daneben aber verehrt man die _Freja_,

den _Büsterich_, und noch eine Menge kleinerer Büsterichs, was

eigentlich verstorbne Gilimerier sind, die sich als Heroen der

Frömmigkeit auszeichneten, und eine Art Apotheose empfingen. Zufolge des

weiten Abstandes, welchen die Demuth sich maas, betet sie wenig zum

Crodo, sondern wendet sich an die Büsterichs, welche Vorbitte leisten

sollen. Die Druden kann man in jeder Gestalt zu sehn bekommen. Man kann

sie sich auf den Stufen einer großen Pyramide denken. Die unterste zeigt

meistens unmanierliche Gesellen aus dem Pöbel, in ekelhafte Lumpen

gehüllt, den Bettelsack neben sich. Sie wird für die verdienstlichste

gehalten, aber Söhne von Geburt oder Mitteln verirren sich selten zu

ihr. Auf der andern wird man schon artige Kleider und rauchende Tafeln

gewahr, und hübscher Leute Kind läßt sich aufnehmen. Von der dritten

strahlen Tressengewänder und köstlich Tempelgeräth, dampfen pikante

Saucen, duften würzhafte Weine entgegen. Dann sieht man höher hinauf

Druden, welche wieder Druden mancher Art unter sich, daneben über

ergiebige Ländereien zu gebieten haben. Die Geschäfte bei ihrem Amte muß

ein Unterdrude um ein Geringes versehn, und sie pflegen des Lebens. Hier

treten Grauen der untern Klassen schon mit Vergnügen ein, und weil mit

der Drudenstelle das ^Incommodum^ verbunden ist, daß man keinen

weiblichen Mund mit den Lippen berühren darf, so wird eine Art Flor

dazwischen gelegt, der aber kaum zu merken ist. Ferner erblickt man

Druden, die nicht nur Städte, Dörfer, und Ländereien von großem Belang

unter sich haben, sondern auch Soldaten zu Pferd und zu Fuß halten,

deshalb ihre Residenz der Sitz eines sehr kriegerischen Fürsten zu seyn

scheint. Vornehmere Grauen, ja die nachgebornen Söhne des Weliks drängen

sich zu den einträglichsten zu diesen Stellen. Von dieser Art Druden

giebt es die meisten in Gilimerien (oder man fand sich mit einer

Ausnahme allein da) wenn schon die Crodoische Religion auch in vielen

Ländern gilt. Noch höher stehen die Druden, welche den Drududu, d. i.

den Oberfürsten aller Druden zu kühren haben. Es giebt viele unter

diesen Aemtern, wohin nur eine vorgeschriebene Edelbürtigkeit nicht nur

des Kandidaten, sondern auch einer gewissen Zahl seiner begrabenen

Verwandten gehört, doch immer nur auf den oberen Stufen, zu den

untersten kann nahen, wer Lust hat. Endlich ganz oben steht der Drududu,

im glänzendsten Pomp. Bei dem allen, haben die letzteren Zeiten

Ereignisse mit sich geführt, welche sowohl dem Drududu, als den übrigen

Druden, Macht, Einfluß, und Reichthum bedeutend schmälerten.

Meine Aufnahme in Lekria war gastfreundlich. Ohne empfohlen zu seyn,

machte ich da und dort an öffentlichen Orten, Bekanntschaften, und ward

bald in dies, bald in jenes Haus geladen. Die Essen, welche man auftrug,

die Weine, die man mir vorsetzte, waren ausgesucht. Dazu giebt es in

_Lekria_ vortreffliche Schauspiele, und dicht dabei hinreissend schöne

Lustwandelgänge. Es würde mir ohne ein Paar Widrigkeiten, ein

bezaubernder Aufenthalt geworden sein. So aber höre man weiter:

Wie gut ich immer aufgenommen war, so langweilten mich oft die

Gesellschaften. Denn die Damen (sehr liebenswürdig, was die Sache

empfindlicher macht) wandten sich frostig von mir, und unterhielten sich

mit jungen Herren desto feuriger. Die Männer redeten, außer wenn sie zu

Essen mahnten, wenig, oder auch es waren Alltagsgespräche. Da ich mich

nun genau von der Gilimerier Weisheit unterrichten wollte, so ergriff

ich verschiedentlich das Wort, und lenkte eine Unterhaltung über

religiöse, philosophische oder politische Gegenstände ein. Da that nun

Einer, als verstände er mich nicht, ein Andrer blickte mich mit

Mißtrauen an, und brachte etwas Gewöhnliches zur Sprache, ein Dritter

sagte wohl gutmüthig: Lassen wir das an seinen Ort gestellt sein, und

leeren die Flasche! Hin und wieder fand ich denn aber doch offnere, und

sehr unterrichtete Männer. Diese ließen das gescheuteste Urtheil, was

man nur erwarten kann, hören. Einen solchen fragte ich denn auch einst:

Worin besteht aber die so gerühmte Weisheit der Gilimerier? Er gab mit

Lachen zur Antwort: Das erörtre im Allgemeinen wer Lust hat, nur in

_Lekria_ und dem ganzen Gebiete des Groß Weliks, besteht die Weisheit

darin, die Weisheit von dem Volke entfernt zu halten, so entgeht es

ihren Gefahren.

Seit einiger Zeit hatte ich bemerkt, daß mir ein nicht eben

übelgekleideter Mensch, folgte. Auf Spatziergängen lustwandelte er in

einer Nebenallee, trat ich in ein Erfrischungshaus, saß er bald an einem

andern Tische, so Ueberall. Dies bewog mich eines Tages an ihn hinan zu

gehn, und zu fragen: Ob er etwa ein Anliegen an mich habe, das er zu

eröffnen zaudre? Sehr höflich verneinte er, und empfahl sich. Am andern

Morgen erhielt ich eine Ladung zur Stadtobrigkeit, wo mir auch sehr

höflich angedeutet wurde, ich hätte binnen vierundzwanzig Stunden die

Stadt, und binnen acht Tagen das Land zu räumen.

Ich mußte gehorchen, und ging nach _Urkundia_, einem räucherichen alten

Neste. Hier brachte ich erst die Staatsverfassung der Gilimerer genau zu

meiner Kenntniß, denn da eine Menge kürzlich brotlos gewordener

Schreiber, um Beschäftigung bei mir anfragte, ließ ich nur den Wunsch,

unterrichtet zu werden, fallen, und sie überschrieen Einander, mir zu

willfahren.

Einer darunter ward erkieset, und gab mir folgenden Unterricht!

Nichts, so weit sie im ungemessenen Kreise umherspähn, nichts weiseres

hellen die Strahlen der Sonne auf, sahen es nicht in den Tagen der

Vorzeit, werden es nicht wieder erblicken, bis der Bau der Dinge

zusammenfällt -- als die Staatsverfassung der Gilimerier. Der ärmsten

Pflüger Rechte sind mit treu republikanischer Waage gewogen, aber die

der Edelbürtigen auch. Nirgends baut der Staat eine so rein symmetrische

Spitzsäule. Der Großwelik thront oben. Drei Druden, zugleich Unterweliks

folgen, dann fünf andere. Diese acht (in neueren Zeiten wurden sie noch

vermehrt) wählen Jenen, und legen ihm Papiere vor, die er feierlich zu

beschwören hat. Wo gäbe es eine weisere Vorsicht bei Besetzung der

höchsten Würde? Dann folgen die anderen Weliks verschiedenen Ranges, mit

Gebieten von weiterem oder geringerem Umfange, die Städte mit eigner

Verfassung, ja die Dörfer. Dreihundert Stäätlein, jedes Einzelne mit

sattsam zugetheiltem Maas von Freiheit, bilden den Gesammtstaat. Ein

immerwährender Bodd (leider vor Kurzem durch gewisse Umstände

unterbrochen, doch wer weiß wie lange?) in Urkundia gehalten,

repräsentirte alle Stände, machte aller Theile urherkömmliche Rechte

gültig. In drei Kammern auf verschiedenen Bänken versammeln sich die

ehrwürdigen Stellvertreter, der weiseste --

Ich unterbrach: Aber guter Freund, wohin hat denn die Weisheit dieser

Einrichtung euch gebracht? Herrschten immer Gemeinsinn und Einigkeit?

Ach, gab der Urkundianer zur Antwort, darum schrieb man ja Papierstöße,

die, würden sie in eine Säule gethürmt, an den Mond reichten. Natürlich

erwiederte ich: Und reichte sie in die Sonne, sie erfüllte nie ihren

Zweck, denn euer Bodd mußte auseinander gehn, manche Gegend eures

Landes, durch die ich kam, ist von fremden Kriegern besetzt.

Ach, fiel der Andre ein, das that Gewalt von Außen.

Und ich entgegnete wieder: Also eure so unendlich weise Staatsordnung

verlieh euch dennoch keine Mittel, der Gewalt von Außen zu widerstehn?

_Der Andre._ O sie wären wohl da gewesen, hätten nicht einzelne Glieder

sich der gemeinen Sache entzogen.

_Ich._ Und das litt euer Oberhaupt?

_Der Andre._ Seine Macht war nicht groß genug, sie zu zwingen.

O tiefe Weisheit! brach ich lachend aus, die weder den Einzelnen Liebe

einzuflößen, noch ihr Urtheil über die Vortheile der unentbehrlichen

Einigkeit aufzuklären vermag, und am Ende dem Haupte nicht Kraft giebt,

das Nothwendige zu erzwingen! Ha ha ha!

Dies nahm mein Mann ergrimmt auf. Bestände nur noch unser

Staatsobergerichtshof, rief er, ich würfe euch einen Prozeß an den Hals,

der dreihundert Jahre währen sollte!

Er spielte mir demungeachtet noch an dem Abend einen Possen. Vermuthlich

mogte er in Bürgergesellschaften davon erzählt haben, daß ich die

Weisheit der Staatsform ein wenig spöttisch in Zweifel gezogen hätte,

und die Urkundianer, in Ehrfurcht gegen das ehrwürdig Gepriesene

aufgesäugt, schlugen mir die Fenster ein. Ich eilte davon, und wandte

mich nach Klinklingia auch Lyrtonia genannt. Unterwegs berührte ich noch

manche Gegenden, wo rechts und links kleine Drudenpalläste standen,

allein sie waren zum Theil den Druden abgenommen worden. Auch dachte man

schon gar sehr auf Reinigung des Crodoismus, dessen Lehren durch die

Druden eigensüchtig und mißbräuchlich verfälscht worden waren. Ich

hörte: vor Jahrhunderten habe man gar blutige und schaudervolle

Bürgerkriege in Gilimerien geführt, indem der Süd und der Nord in

einigen Glaubenspunkten von einander abwichen. Das fand ich nun wieder

nicht der gerühmten Weisheit angemessen, da dergleichen Dinge bei kaltem

Blute, und mit Gründen, nicht aber in Kampfwuth und mit Waffen abgemacht

werden sollten. Noch weniger aber, daß am Ende man auf halbem Wege stehn

geblieben, und alle Metzelei umsonst gewesen war. Denn die Trennung

blieb, und mußte nach so wahnsinniger Erbitterung, in einen geheimen

forterbenden gegenseitigen Haß übergehn. Demungeachtet wurde der Friede,

der diese Trennung befestigte, und stärkte, wie ein Meisterstück der

höchsten Weisheit gerühmt. Doch was ist nicht weise bei den Gilimeriern.

Ich kam nach _Lyrtonia_. Eine kleine unansehnliche Stadt, in der Nähe

zwei oder drei artige Anlagen. Hier, sagen die Gilimerier, sind die

ersten Schöngeister der Nation, ein lebendig Pantheon der Musen, der

Grazien, des guten Geschmacks, und was weiß ich.

Allerlei Bekanntschaften wurden bald gemacht. Man mußte mir auch die

Werke der dortigen Poeten reichen, und ich entsagte für einige Zeit

meinem Italienischen Geschmack, der freilich längst über alle

schulrechten Formen lachte, und sich nur bei den Improvisatoren auf dem

Molo zu Neapel oder Sanct Marco in Venedig ergötzt. -- Der eine davon

gefiel mir ganz ausnehmend, er war so lebendig, mannigfach, anmuthig,

beschäftigte zugleich das Urtheil, wenn er alle Gefühle angenehm

aufregte, und die lieblichsten Gestalten in die Einbildungskraft trug.

Ich wurde zu einem Caffee geladen. Hier fing ich an, über das Gelesene

zu reden, und erklärte: wie ich jenem Dichter vor allen, laut meiner

Empfindung, den Vorzug einräumen müsse. Ich meinte, die Lyrtonianer

würden es nicht allein sehr verbindlich aufnehmen, ihren Mitbürger so

durch meinen Ausspruch geehrt zu sehn, sondern auch alle damit

übereinstimmen.

Plötzlich aber ward auf allen Gesichtern eine Veränderung kund. Hier ein

Paar vergrößerte Augen, dort ein offner Mund, bald ein Zug der Satyre

auf den Wangen, bald eine Hand, die das Lachen versteckte. Einige

schlugen die Hände über den Kopf zusammen, und ich hörte ein: »Aber kann

man so zurück sein?« flüstern. Einige junge Männer zügelten den Blick

der Verachtung gar nicht weiter, und drehten mir naserümpfend den Rücken

hin.

Das nahm ich übel, und fing meine Meinung an zu vertheidigen. Man ließ

mich aber nicht zu Wort. Veraltet sei der Dichter, rief der Eine. Seine

Gedanken da und dort entlehnt, ein Anderer. Er wolle überall mit Umfang

von Gelehrsamkeit prunken, ein Dritter. Dann kamen Alle darauf: ich

müßte durchaus unerfahren in der neuesten Geschmackslehre sein, und

fragten: ob ich denn nimmer eine Vorlesung gehört hätte, bei -- --.

Ungeduldig unterbrach ich sie mit einem Wörtlein des Moliere, aber man

achtete nicht weiter auf meine Rede, sondern verließ das Zimmer,

gleichsam als fürchte man, mit einem so rohen Barbaren in Gemeinschaft

zu bleiben. Die Abgehenden ließen auch wohl ein verächtliches Pfeifen

hören.

Hm, dachte ich, im Schulzwang des Geschmackes liegt doch auch eine so

gediegene Weisheit nicht, und begab mich von dem Oertlein, wo mir die

Ehre widerfahren war, ausgepfiffen zu werden, weg.

Mein Weg ging nun nach einer nahen sehr hohen Schule, in dem Bezirk von

Lyrtonia, und in den engsten Verbindungen mit der Poetenstadt. Hier,

sagten die Weisen, ist der Weisheit Tabernakel. Kaum hatte ich den Fuß

ins Gasthaus gesetzt, als ich nach dem berühmtesten Lehrer der

Philosophie fragte. Da drüben ist sein Hörsaal, war die Antwort. --

»Kann man wohl eintreten?« -- Es steht einem Fremden frei.

Gleich war ich hinüber. Vor eben nicht vielen Zuhörern stand ein Mann,

der so wenig repräsentirte, vielleicht noch weniger wie ich, Signor

Perotti. Aber von viel gewaltigerer Stimme war er, wie ich es besonders

seit einem gewissen Zeitpunkte bin. Der Saal war ohne Schmuck, hatte

sogar ein dürftig Ansehn, das that jedoch der Weisheit keinen Abbruch.

Mein Mann schloß heute seinen Vortrag, da er nach einer andern Lehrstadt

ziehen wollte. Ich hörte nur die letzten Worte noch. Sie klangen

ungefähr: »So hab ich ihnen denn das einzig wahre, nur wahr mögliche,

nothwendig ewige System der Weltweisheit dargestellt. Ich bewies

unumstößlich, daß alles vor mir, den Pfad des Irrthums wandelte, die

Nachwelt kann nur meinen Weg einschlagen. Sie sind geweiht, gehn sie,

und lehren die Menschheit!«

Diese hohen Worte ließen mich bedauern, nicht des Mannes ganzen Vortrag

gehört zu haben. Ich klagte das dem Gastwirth, den ich unter Büchern und

Papieren vergraben fand. Zu meiner nicht geringen Befremdung war er

Mitarbeiter an einem großen kritischen Institut, das alle Werke des

Geistes richtete. Er tröstete mich, und versprach, um ein Geringes, die

geschriebenen Hefte von der Lehre, welche ich wünschte,

herbeizuschaffen. Mich einstweilen zu unterhalten, las er mir eine

Kritik über ein neu erschienenes Buch vor, womit er war beauftragt

worden. Nie hab ich so viel hämischen Witz, Gallsucht, und in stattliche

Worte gekleidete Grobheit gepaart gefunden. Wirklich, ich mußte diesen

Meister loben und verachten. Doch noch nicht ganz war er zu Ende, als

jemand anpochte. Es war ein Bote von _Lyrtonia_, mit einem Briefe an den

Kunstrichter. Ehrerbietig erbrach er ihn. Ach, wandte er sich, nachdem

er hineingeblickt hatte zu mir, das ist ein Anderes, ja ja, das ist ein

Anderes, und stellte sich flugs an das Schreibepult.

Ich verstand ihn nicht, und begab mich auf mein Zimmer.

Unter Andern hatte ich erfahren, daß in einigen Tagen ein neuer Lehrer

der Weltweisheit, an dem Platze des Mannes, welchem ich das Ohr geliehn

hatte, erscheinen würde. Dies wartete ich ab, indem ich mir die Zeit mit

Spaziergängen in den gar anmuthigen Gegenden vertrieb. Der Tag kam

heran. Ich saß vor dem Lehrstuhl. Der Weise trat auf, und hub an: »Alles

was mein Vorgänger gesagt hat, ist nichtig, ich erkläre ihn für einen

grundlosen Schwätzer, noch gab es keine Weltweisheit, hier aber ist

eine:« Nun zählte er eine Art Buchstabenrechnung auf, womit er der

menschlichen Denkkraft Anschaulichkeit zu geben strebte, und vertiefte

sich so in Unverständlichkeit, daß ich gern davon lief. Zu Hause nahm

mich mein kritischer Gastwirth in sein Zimmer. Hören sie nun meine

umgeformte Kritik, sprach er. Mir kam ein Wink von bedeutender Hand zu,

da galt es, in einen andern Ton zu fallen. Jetzt hatte er eine

Lobschrift gefertigt, die nicht preisender, ausschweifender, ja

kriechender sein kann, lachte hoch auf während ihrer Mittheilung, und

erwartete mein Bravo über seine Gefügigkeit, das ich ihm freilich nicht

versagen konnte.

Ich hatte genug, und schlug die Straße nach Zigzig ein. Hier sind die

Haupt-Bücherniederlagen der Gilimerier, auch bringt man auf den

alljährigen Buchmarkt mehrere Tausend neue Werke. Wie mußte ich staunen,

als ich in die weitläuftigen Läden trat! Die Abtheilungen aller

Materien, machte allein eine ziemliche Schrift, die Aufzählung aller

vorhandenen Bücher, ein ungeheures Werk in vielen Bänden. Was giebt es

Gutes unter dem Neuesten, fragt ich: z. B. der Religion? Der Buchhändler

gab mir einige Sachen in die Hand, und ich blätterte. Sie vergriffen

sich, sagt ich, das sind ja Sätze gegen den Crodoismus. Vielleicht

Freigeistereien. -- Nein, nein! -- »Ich habe wenig Zeit. Auch etwas von

neuerer Aufklärung!« -- Eine Menge neuer Schriften lag vor mir. Ich sah

hinein. »Aber mein Herr, ich empfange immer das Entgegengesetzte. Hier

find ich ja nur das Lob der Büsterichs und Druden.« -- Ich versichere,

daß das die neueste philosophische Moral ist.

Nun konnte ich nicht umhin, die Fabrike im Allgemeinen sehr zu loben,

denn Veränderung der Waare ist allerdings ein vortrefflicher

kaufmännischer Grundsatz.

Ich verließ Zigzig, um so früher, als die durch den Ruf der großen Stadt

Plapria oder Martialia entflammte Neugierde mich trieb, und nach wenigen

Tagen, zog ich in ihre langen perspektivischen Straßen.

In der That, überall viel blendende Pracht, und eine so regelvolle

Ordnung der schönen Gebäude, wie ich nirgends sah. Zugleich aber auch

das Bild des Elends. In allen Häusern Sieche. Die Aerzte viel

beschäftigt, eben so viel die Leichenwagen. Die Stadt war schon einige

Jahre in Feindes Händen, und die Truppen der Eroberer kosteten ihr viel,

obschon ihre eigenen Erwerbsquellen versiegt waren. Ich bedauerte die

Einwohner.

Ich ging indessen auch in die zahlreichen Buchläden, und ließ mir die

Neuigkeiten zeigen. Fast nichts wie Schriften über Politik und

Kriegskunst. Hm, merkte ich an, wenn ihr es so gut versteht, wie man

Bündnisse knüpfen, und den Kampf führen soll, warum ging doch euer

meistes Land verloren? Der Buchhändler erwiederte: Ach ein anderes die

Theorie, ein anderes die Ausführung. Ei, das sollte kein anderes sein,

gab ich darauf, Ausführbarkeit ist ja eben die Eigenheit einer guten

Theorie.

Ich ging hierauf nach einem Caffeehause zu frühstücken. Da kam ein Mann

mit freudigem Gesichte hereingesprungen, und rief: Die Feinde verlassen

die Stadt in einer Viertelstunde! Das erweckte große Freude. Ich nahte

ihm gesprächig, und fragte: Um Vergebung, welche Gründe bewegen den

Feind dazu? -- »Gründe? Gründe? was weiß ich!« -- Ohne Gründe ist die

Erscheinung denn doch nicht denkbar. Ihr Wort in Ehren, aber noch glaube

ich es nicht. -- »Sie glauben es nicht, halten es also auch mit dem

Feinde?« -- Wie sollt ich, der Fremde aus ferner Weltgegend, der so

wenig mit dem einen als mit dem andern Theile in Verbindung steht.

Allein ich urtheile nach gesunder Vernunft. Politische Ereignisse können

es allerdings dahin wenden, daß der Sieger ihr Land räumt, von denen muß

aber doch erst die Rede mit Ueberzeugung sein. Sonst meine ich, ist es

gar nicht rathsam, sich mit Gerüchten zu schmeicheln, deren Täuschung

doch bald offenbar wird, denn seit den Vierundzwanzig Stunden, daß ich

in Martialia bin, hat man wohl schon sechsmal den gewünschten Abzug

jener bewaffneten Macht prophezeit, aber falsch. -- »Ei Herr, sie sind

kein Patriot, das geht aus allen ihren Reden hervor!«

Ein Mann, der ein inländischer Krieger von Rang sein sollte, fiel ein:

»Nun, ists denn nicht einmal Zeit, daß die *** zum *** gehen?« Er

bediente sich derber Worte. Ich dachte: Ein Ausbruch des Zorns gegen

die, von welchen man geschlagen und gefangen wurde, erklärt sich leicht.

Allein es war nicht blos der Zorn. Die _Meinung_ des Mannes ward in der

Fortsetzung seines Gespräches offenbar. Denn er ließ sich nun

weitläuftig über die Feinde aus und das bald, indem er mit Gründen zu

beweisen strebte, sie wären ohne Kriegskunst, Ordnung, Mannszucht,

Tapferkeit, bald mit der verächtlichsten Spötterei über ihre Formen, sie

lächerlich zu machen suchte. Man lachte ihm lauten Beifall.

Ich, etwas befremdet, konnte nicht umhin, den Antheil fortzusetzen.

Freilich hätte ich klüger gethan, zu schweigen. Aber mein Herr, rief

ich, in aller Welt, was gewinnen sie, wenn sie ihren Ueberwinder

herabwürdigen? Je mehr ihnen das gelingt, je tiefer müssen sie ja mit

sinken. Ich dächte, ich würde meinen glücklichen Feind auf die stolzeste

Höhe hinauf rühmen, das zöge mich immer ein gut Stück nach. Mindestens

glänzte ich als kluger Würdiger. So gäbe es wenigstens mein Takt mir an.

Hilf Himmel! wie übel erging mirs!

Einer warf mir Injurien an den Kopf, der andre gar das Glas. Da ich mich

neuerdings auf das Vernünftige in meiner Behauptung steifte, kams dahin,

daß ich unter Prügeln zur Thür hinausgeworfen wurde.

So hatt' ich denn auch ein Pröbchen der Weisheit in _Martialia_, und

eilte über Hals und Kopf nach dem großen Handelsorte _Derbia_. Hier

findet man enge schmutzige Gassen, hohe hölzerne Häuser, alte Tempel.

Die Einwohner _scheinen_ nicht so fein, nicht so klug wie die in

Martialia, doch so viel ein flüchtiger Blick, oder die eigne

augenblickliche Erfahrung urtheilen können, möchte ich behaupten: sie

_wären_ mehr, als sie scheinen, denn ich hörte keine ungesunden

Urtheile, und bekam noch weniger Prügel.

Das geschäftige Leben, von welchem man die Zeichen in einem großen

Hafen, weitläuftigen Speichern und andern Dingen sieht, stockte eben

gewaltig, die Schiffe waren meistens abgetakelt, die großen Waarenläger

verschlossen.

Ich fragte nach der Ursache einer so betrübten Lage der Dinge. Seufzend

gab mir ein Kaufmann zur Antwort: Seit vielen Jahren wüthet ein Krieg

zwischen den Carthagern, welche einst vor Scipio dem Römer in die Tiefe

von Afrika flohn, und den Vercingenten, welche Cäsar vertrieb, und deren

ihr fast allenthalben in Gilimerien gesehn habt. Welchen Vorwand man

auch hat gültig machen wollen, so ist doch die Hauptsache immer gewesen,

daß die Carthager _allein_ Vortheil von gewissen köstlichen

Fruchtpflanzungen ärndten wollen, die nur auf einem vor wenigen

Jahrhunderten erst entdeckten Landstrich gedeihn.

Und wem gehört denn dieser Landstrich? fragte ich.

Der Derbianer erwiederte: Als er hinter Gebürgen und Wüsten ausgemittelt

wurde, ging hin wer da wollte, den fast kindisch schwachen Einwohnern

Land zu nehmen und anzubauen. Die Celtiberier, die Vercingenten, die

Carthager und andere.

_Ich._ Die Gilimerier griffen ohne Zweifel doch auch zu?

_Der Derbianer._ Die Gilimerier nicht. Sie kauften die seltene Frucht

von anderen.

_Ich._ O Himmel, warum versäumten sie denn die Gelegenheit, machten sich

abhängig von anderen, verloren im Handelsgleichgewicht -- denn ich ahne

schon, wie es hat kommen müssen.

_Der Derbianer._ Auch fertigen die Carthager viele Waaren besser an, wie

wir. Sonst holte sie Derbia, und gewann dabei sowohl, wie beim Handel

mit den seltenen Früchten.

_Ich._ Warum lassen die Gilimerier irgendwo etwas besser fertigen, als

bei sich? Zeigt ihnen denn hier ihre Weisheit nicht die Mittel an? Warum

nehmen sie vom Ausländer lieber, wie vom Einländer, gesetzt es fehlte

auch die volle Güte?

Der Derbianer wurde etwas hitzig, verbat allen Tadel der Art und führte

mich in seine Bibliothek. Nirgends, rief er, giebt es schätzbarere Werke

über Handel und Kunstfleiß, da sehen sie diese stolze Reihen klassischer

Bände, und verstummen sie!

Ich machte eine tiefe Verbeugung gegen die Bücher, und eine gewöhnliche

gegen den Kaufmann, dann ging ich aus seinem Hause.

Fünftes Kapitel.

Was Perotti unter den Carthagern sah.

Nun dacht ich: so hab ich denn das weise Volk gesehn, das die

vortrefflichste Staatsverfassung ersann, aber nichts an dem alten

ehrwürdigen Bau ausbessern wollte, bis er zusammenstürzte; dessen Väter

sich um Satzungen des Crodoismus erschlugen, aber wo bei den Enkeln, die

Druden aufgeklärt, und die Philosophen orthodox wurden; das seine

Kriegskunst und Tapferkeit mit Glück gegen sich selbst wandte, aber

uneinig dem Auslande unterlag, das, wie über alle Dinge, von Handel und

Kunstfleiß die herrlichsten Theorien kennt und ausgesogen wird.

Eigentlich tragen die Söhne der Väter Schuld, und der Apfel pflegt dann

auch nicht weit vom Stamme zu fallen.

Ich wollte die Carthager sehn, und ließ mich über den Strom zu ihnen

hinübersetzen. Es war eigentlich alle Verbindung aufgehoben, doch fand

ich heimlich Mittel, auf ein koarthagisches Fahrzeug zu kommen, deren

die Menge auf dem Strom umherschwammen.

Der Schiffer der mich fuhr, rief: Verdamm mich Crodo, ihr kommt ins Land

der Freiheit und Großmuth! Nirgends auf Erden gilt der Mensch so viel,

wie bei uns. Wir sind ein Volk von Weliken[4].

Das klingt hoch, erwiederte ich.

Bald waren wir hinüber. Es ging zur Hauptstadt. Die Dörfer unterwegs,

waren sehr nett gebaut, aber außer Knaben und Greisen, selten ein

männlicher Einwohner zu entdecken. Dazu paßten in Büschen und hinter

Hügeln, gewaffnete Männer auf, die, wenn sich eine Mannsperson zeigte,

sogleich auf sie eindrangen, und sie fortführten. Nicht sowohl die Güte

meiner Pässe, sondern, wie es schien, meine Jahre, und mein schwächlich

Ansehn, machten, daß ich, auch schon angepackt, wieder losgelassen

wurde.

Ich hatte einen Mann am Strande getroffen, der wie ich, nach der

Hauptstadt _Nodnol_ wollte, und mit ihm Reisegesellschaft gemacht. Er

war, so wie der Schiffer, von dem Lande der Carthager eingenommen.

Natürlich fragte ich ihn: was es mit der sonderbaren Menschenjagd für

eine Bewandniß habe? und wurde unterrichtet: daß man die aufgegriffenen

Männer auf den Prahmen brauche, die theils Waaren verführten, theils die

Prahmen andrer Völker wegnähmen, die auch Waaren laden wollten.

[Fußnote 4: Königen.]

Ich murmelte das Wort Freiheit zwischen den Zähnen, und erkundigte mich

bei meinem Reisegefährten, der ein Kaufmann war, und Ghlt hieß, welche

Satzungen und Gebräuche denn der Carthager Anspruch auf den Namen des

großmüthigsten Volkes begründeten. Herr Ghlt antwortete:

Erstens hat das Land Gesetze, welche die niedrigsten Tagewerker dem

vornehmsten Mann gleichstellen, Niemand darf ohne Wissenschaft aller

Welt im Kerker gehalten werden, durch seines Gleichen wird der

Verbrecher gerichtet, keine Peinfrage, keine Marterstrafe. Ueber die

Religionen herrscht die vollkommenste Duldung. Die große Hauptstadt, zu

der wir bald kommen, und die wenige Nebenbuhlerinnen auf dem Erdball

hat, zählt nicht allein eine große Menge von Armen- und Waisenanstalten,

die der öffentliche Schatz unterhält, sondern es giebt auch, durch den

Beitritt edelgesinnter Bürger, in allen ihren Theilen, Stiftungen, zu

unentgeltlicher Heilung armer Kranken. Mehr als ein Dutzend

Gesellschaften zu Abhelfung allerlei Noth, Leiden, Gefahr, eine für

unvorsätzliche Schuldner, eine zur Aufmunterung guter Gesinde, eine

gegen Laster und Unsittlichkeit, eine zur Verhütung von Verbrechen und

falschen Spielen, und noch viele andere.

Das läßt sich hören, sagte ich, und wurde eben gewahr, wie große

Geldsummen auf ein Fahrzeug geladen wurden. Man sahe zugleich Bedeckung

von des Weliks Leuten dabei. Welche Bestimmung mögen diese Schätze

haben? fragt ich wieder, und Ghlt antwortete mir: Das ist Geld, welches

wir unseren Bundesgenossen senden, damit sie den Krieg wider unsere

Feinde um so nachdrücklicher führen können. Schon mehr als funfzehn

Jahre erhalten wir einen weitschichtigen furchtbaren Krieg unserer

Bundesgenossen, und die Kosten gehen uns dennoch immer wieder ein. Nicht

nur das großmüthigste, sondern auch das klügste, entwurfreichste, im

Handel Allen überlegene Volk, sind die Carthager. Es gab sonst auf der

Nähe ein kleines aber zum Handel gar bequemes Ländchen, dessen Einwohner

durch Fleiß und Sparsamkeit mehrerer Jahrhunderte, ungeheure Reichthümer

gesammelt hatten. Wir nahmen ihm aber zuletzt seine auswärtigen

Besitzungen, seine Prahmen, sein Gewerbe, und die vielen Gelder, die es

uns geliehn hatte, bekam es nicht zurück. So mußte es verarmen, und wir

triumphirten auf seinem Ruin. Da sind unsre Nachbarn, die Vercingenten.

Einst waren sie auch im Handel geschäftig, und boten uns im Kriege die

Spitze. Sie geriethen aber einmal in innre Noth, da paßten die Carthager

den Zeitpunkt ab, und wurden im Handel ihre Meister. Die Celtiberier

hatten wir Lust zu berauben. Sie ließen eben Prahmen mit Silber von

ihren Bergwerken kommen. Mitten im Frieden nahmen wir sie weg, und

kündigeten dann Krieg an. Jetzt darf sich auf den Strömen, die das

kultivirte Afrika umfließen, kein Prahmen sehen lassen, oder wir nehmen

ihn weg. Unser Handel soll allein gelten, wir finden Mittel, allen

Kunstfleiß der übrigen Völker zu vernichten, und da wir so die Preise

nach Willkühr stellen können, saugen wir nach und nach all ihr Mark aus.

Ich schlug die Hände über den Kopf zusammen. Also gegen einen ins Wasser

Gefallenen, gegen einen Schuldner seid ihr großmüthig, und den Völkern

seid ihr Räuber und Mörder?

Ach, rief Ghlt, das ist vaterländische Tugend!

Wir langten nun bald in Nodnol an. Es ist in der That ein Ungeheuer von

einer Stadt. So viele Schiffe sahe ich nie beisammen, wie auf dem

Strome, der ihren Hafen bildet, die Waarenvorräthe, die

Kaufmannsspeicher, übertrafen an Größe und Weitläuftigkeit, auch die

gespannteste Erwartung, viele ansehnliche Prachtgebäude, Monumente des

Staatsreichthums, viele geschmackvolle Anlagen im Kleinen, Belege des

hohen Wohlstandes der Einzelnen, wurden überall sichtbar. Das

Menschengewühl setzte in Erstaunen. Allein es entdeckte sich auch bald,

daß man weit mehr Waaren besaß, wie man loszuwerden hoffen durfte, viele

Läden waren ohne Beschäftigung; eine unerhörte Menge von Arbeitern aller

Art, mit bleichen verhungerten Gesichtern, fragte vergebens nach Arbeit;

Noth und Elend boten in den entlegenen Winkeln ein gräßlich Schauspiel

dar, und die Unsittlichkeit hatte eine schauderhafte Höhe erreicht.

Aber wo sind denn nun die Reichthümer, welche ihr von allen Seiten

erpreßtet? fragte ich meinen Begleiter. Sind sie in die Hände weniger

Einzelnen gekommen, welch Heil wird dem Volke davon? Er stockte, und

sagte mir, ich sollte in den großen Pallast gehn, wo die Gesetzgebung

und Staatshaushaltung öffentlich gehandhabt würden, da würde ich über

die großen Angelegenheiten Licht empfangen.

Der Rath wurde befolgt. Ich hörte dreierlei verhandeln. Einmal die

Nothwendigkeit neuer Auflagen, wobei die älteren aufgezählt wurden,

deren fast auf allen Lebensbedürfnissen bestanden, so daß ein Einwohner

dieses Landes, die Abgaben zu erschwingen, mehr als die Hälfte seiner

Vermögenseinkünfte geben, oder mehr als die Hälfte seiner Zeit, um

diesen Zweck arbeiten mußte. Leibeigne zur Hälfte, waren also diese

gepriesenen Freien. Eben bewilligte man eine Abgabe auf das Trinkwasser.

Dann wurden die nothwendigen Summen zur Erhaltung der Kriegsprahmen für

das laufende Jahr gefordert. Sie waren so hoch, daß ich wohl begriff,

wie das meiste, was dies Volk von anderen im Handel gewann, auf dem Wege

der Auflagen den Einwohnern wider abgenommen werden mußte, um jene große

Kosten zu bestreiten. Endlich kam die Schuld der Nation zur Sprache. Sie

betrug weit mehr, als den Werth des Landes, mit Allem was darin ist.

Also war man nicht reich, sondern arm, nicht nur arm, noch weniger. Der

Wucher baute eigentlich doch nur das Unglück der Menschen, wie

riesenhaft er auch seine Spekulationen anlegte.

Ich begab mich vor die Stadt hinaus. Da sah ich ein Lager bei dem

anderen, überall Waffenübung. Was bedeutet dies? fragte ich einen

Spaziergänger.

Das sind unsere Freiwilligen, gab er zur Antwort.

»Und wozu versammelt ihr so viel Jugend? Entzieht dem Ackerbau so viele

Hände?«

Aus Furcht vor einem Angriff der Vercingenten, die über den Strom kommen

mögten. Schon Jahre lang sind wir so in Bereitschaft. Noch Jahre lang

werden wir es fortsetzen müssen. Wohl ist es nothwendig. Die

Vercingenten können sechs Mann stellen, wo wir einen stellen, sind

fertig im Landkriege, wir müssen auf unsrer Hut sein, daß wir die Ufer

vertheidigen.

»So viel Angst, Sorge, Mühe, Verbrechen und Gewinn, der am Ende doch

wieder in Nichts zerfließt. Und wenn nun den Vercingenten es dennoch

einmal gelänge, den Fuß siegreich ans Land zu setzen?«

Dann würden die Vornehmsten und Reichsten entfliehen. Mögten die Feinde

das Land hinnehmen.

»Und das Land würde seinem Unheil überlassen, die Schuld wäre quitt? --

Adieu Land der Carthager! Ich habe das Land der Freiheit, Großmuth und

der Handelsherrlichkeit gesehn.«

Siebentes Kapitel.

Was Perotti unter den Vercingenten sah.

Nichts Eiligers hatte ich zu thun, als mich aus dem Lande der Freiheit

und Großmuth zu entfernen. Ein Räuber, der ein stattlich Pferd ritt,

plünderte mich noch unterwegs, und da ich alles hingab, war er in der

That so großmüthig, mir das Leben zu lassen. Gut daß ich mir durch

einige Gaukelkünste Etwas wieder erwarb, sonst wäre ich in die

drückendste Verlegenheit gekommen.

Ich ließ mich zu den Vercingenten übersetzen. Eigentlich sollte es nicht

sein, doch mit Geld läßt sich Vieles möglich machen.

An dem Gestade der Vercingenten sahe ich große Vorkehrungen, um in das

Land der Carthager zu fallen. Es lagerte ein Heer, viele Fahrzeuge waren

bereit, über den breiten Strom zu setzen. Doch sagte mir ein Vercingent

ins Ohr: Wer weiß, ist es Ernst damit, wir richten aber schon genug aus,

wenn die Carthager in Furcht gehalten werden. Sie sind dann genöthigt,

alle Kräfte zur Bereitschaft des Widerstandes anzuspannen.

Ich erfuhr im Lande, daß die Vercingenten vor mehreren Jahren sich

genöthigt gesehen hätten, eine Regierungsveränderung vorzunehmen. Das

ging niemand etwas an, wie ihnen selbst. Allein mehrere auswärtige

Mächte waren mit gewaffneter Hand aufgetreten, und hatten begehrt, sie

sollten die alten Formen herstellen. Das hatte nun Partheiwuth und

innere Noth aufs höchste gebracht. Nichts war mehr zu verlieren, alles

zu gewinnen. Darum stand die Nation in voller Kraft auf, ihr Recht zu

behaupten. Wenn alles auf dem Spiele steht, muß sogar der Muthlose

verwegen sein. Genug, die Kraftsumme, welche jetzt in Thätigkeit kam,

brachte neben einer, dem Kriege günstigen geographischen Lage die

erstaunenswerthesten Wirkungen hervor, und besser stand noch der

Vercingenten Spiel, als ihre Feinde sich schlecht mit einander

vertrugen, und oft ihre Lust daran hatten, wenn der heimlich gehaßte

Bundesgenoß Unfälle erlitt. Wie glorreich sie aber auch kämpften, und

jeden Krieg mit Eroberung krönten, die Carthager (wir wissen schon

warum) bewirkten durch ihr Gold ihnen immer neue Kämpfe. Zuletzt wurden

die Vercingenten der Sache recht gewohnt, der Krieg war ihr Element, und

sie machten sich von einem Lande nach dem anderen Meister.

Eben da ich nach der Hauptstadt reis'te, sah ich auf den Landstraßen

bald Wagen mit erbeuteten Waffen, bald Siegeszeichen aus einer eben

gewonnenen Schlacht, bald lange Reihen Gefangener, die aus der Fremde

gebracht wurden.

Sehr begierig war ich, ihre Hauptstadt zu sehen, und der Wunsch wurde

mir bei den vortrefflichen Wegen und Anstalten zum schnellen Fortbringen

der Reisenden bald gewährt.

Ihr Umfang ist ebenfalls beträchtlich, wenn sie sich gleich durch

Schönheit der Straßen und Wohnhäuser im Allgemeinen nicht empfiehlt.

Kömmt man übrigens nach dieser Stadt, so wird man (mit Ausnahme einiger

Gegenstände, die bald zur Berührung kommen sollen) nichts weniger

meinen, als daß dies der Mittelpunkt eines kriegerischen und immerfort

in Krieg begriffenen Landes sei. Nichts wie üppige Vergnügungen überall.

Schauspiele in allen Gegenden der Stadt, die leckersten Gastereien bei

den Großen, eine Menge Lustgärten, die den raffinirtesten Lebensgenuß

darbieten, Spiel- und Tanzhäuser ohne Zahl. Nicht in Soldatentracht geht

hier der Held, der vielleicht mit Wunden bedeckt ist, und jenseit der

Gränze vor Kurzem vielleicht Wunder der Tapferkeit verrichtete. Im

weichlichen Stutzeranzuge sieht man ihn, von köstlichen Salben duftend,

von Schöne zu Schöne fliegen, Musik, Gesang und Galanterie treibend. Was

die Historie von einem Sybaris, einem Capua spricht, bleibt bei Weitem

gegen das sinnentrunkene Leben zurück, das die Vercingenten in ihrer

Hauptstadt führen, und die Schätze, welche man den Feinden abnahm,

werden hier zu den feinsten Schwelgereien angelegt. Ich fragte in den

Buchläden, welche Werke am meisten Leser fänden, und mir wurde ein

Lehrgedicht über die leckere Kochkunst genannt. Und gleichwohl darf ein

solcher Prasser nur zu den Heeren gerufen werden, so scheut er wieder

keine Mühseligkeit, und theilt Mangel, Noth und Gefahr, mit dem

niedrigsten Krieger auf die geläufigste Weise.

Ich konnte mich nicht genug verwundern, wie das, was sonst die Menschen

zu allem Kräftigen und Muthigen abspannt, hier gar keine nachtheilige

Wirkung äußerte, und sah mich dann ein wenig nach den Mitteln um, welche

die Vercingenten anwendeten, um das Feuer des Kriegsgeistes bei ihren

Bürgern nicht verglimmen zu lassen.

Was ich aber da sahe, lockte mir wieder ein neues Staunen ab. Denn

Gemüth und Einbildungskraft waren hier nach allem, was darin anschlagen,

reizen, begeistern kann, so in Ueberblick und Lenkbarkeit gebracht, als

wären sie sichtbare fühlbare Räder einer Maschine, die man nach Gefallen

in Bewegung bringt. Eine dichterische Spannung war über das gesammte

Soldatenhandwerk gebracht, daß jeder Krieger nichts Edleres, Höheres

fassen konnte, wie die Waffe. Alle Künste strebten, das Herz in den

Banden der Begeisterung fest zu halten, der Feldherr hatte Aussicht, in

großen Marmorstatüen, Untergebieter der Truppen in Büsten und Gemälden,

der Geringste in goldener Namensschrift an Ehrensäulen auf die Nachwelt

zu kommen. Man feierte phantastische, verbrüdernde, ermuthigende Feste,

bei Versammlung der Heere, an Tagen berühmter Siege. Dem Alter der

Hülflosigkeit des Kriegers, winkten bequeme Versorgungen. Der Lohn für

den besondern Muth war ausschweifend. Der Neugeworbene konnte hoffen,

schon im künftigen Jahre eine bedeutende Stufe zu erklimmen, die Krieger

von Rang erlangten neben Ehrenzeichen und Schätzen, oft Land und Leute,

wurden herrschende Grauen, wohl gar Weliks. So viele Aussaat mußte denn

wohl mit Frucht wuchern, und nichts wunderte mich mehr, als wie die

Feinde der Vercingenten, die das System solcher Anreize nicht kannten,

nicht in Ausführung bringen wollten (auch nicht mehr konnten), doch

immer Sieg hofften. Ohne ein Wunder vom Himmel blieb er, alle Umstände

zusammengenommen, denn doch nicht denkbar. Einige waren aber auch klug,

und wandten sich auf die Seite derer, die sie doch einmal nicht zu

bezwingen verstanden.

Uebrigens ist es blos eine gewisse Kürze des Entschlusses, welche die

Vercingenten zu dem Gipfel der Größe erhebt. Was ihnen gut dünkt, thun

sie gleich zur Stelle, haben sie geirrt, ändern sie geschwind wieder

ihren Weg. Liegt ein Stein vor ihnen, dieweil andre ihn messen, und

weitläuftig über die Mittel berathen würden, ihn wegzuschaffen,

sprengten sie lange darüber weg. Wer tiefe Ueberlegung, lange

Berechnungen ihrer Plane, hartnäckige Ausdauer an einem Vorhaben bei

ihnen suchte, würde sehr irren, überall nur kurzer muntrer Entschluß,

das nächste zu thun. Und das führt sie denn um so weiter als ihre

Nachbarn träge im Handeln sind. Außerdem, so viel Abgeschliffenheit

ihnen eigen ist, mag ich nichts mit ihnen zu thun haben, außer bei den

Tafeln der Großen ihrer Hauptstadt.

Ich gerieth bald in armseelige Umstände. Denn indem ich täglich in den

vornehmsten Gasthäusern schmauste, und niedliche Mädchen dazu einlud

(ein Fehler, in den ich wohl nun nicht mehr fallen dürfte) ward mein

Geld bald rein all. So gern ich das lustige Treiben fortgesetzt hätte,

mein Erwerb langte nicht, da es viel feinere und geschicktere Gaukler

gab. Ich sang zuletzt in die Guitarre, gewann aber auch da nichts, und

lief, Schulden nachlassend, davon.

Achtes Kapitel.

Perotti endigt seine Erzählung.

Mit Mühe erreichte ich das Land der Celtiberier. Diese waren einst

arbeitsam, stolz, großherzig, dichterisch gewesen, allein Reichthum

hatte Trägheit über sie gebracht, und der Aberglaube hatte, durch

frühere politische Leitung so dick und dunkel die Geister umnebelt, daß

wer nicht den Druden jedes Mährchen aufs Wort glaubte, verbrannt wurde.

Ich gewann indeß ansehnliche Geschenke, da ich den Crodoismus annahm,

und hielt mich länger nicht auf.

Nun kam ich noch zu manchen anderen Völkern. Unter andern ins Land der

Hinkenden. Hier konnte Niemand grade einhergehn, den Fehler aber zu

verstecken, tanzte man beständig. Die Kapriolen mit gebrechlichen Beinen

nahmen sich sonderbar genug aus, ob man gleich nun die Lähmung nicht

entdeckte. Ich ging natürlicherweise aufrecht, und ohne Sprünge zu

machen, einher, da hättet ihr das Lachen sehen, das Spotten hören

sollen. Es blieb dabei nicht, ich wurde auch mit Steinwürfen abfertigt.

Dies Land der Hinkenden kam mir vor, wie ein gewisses, wo es scheint,

die Menschen wüßten gar nicht das nächste evident klare Urtheil

auszusprechen, sei es nun aus einem wirklichen Hindernisse in der

Gehirnmasse, das den einfachen Gedanken immer unterbricht und

verschiebt, oder aus einem gewissen Dünkel, dem das Grade gemein dünkt,

und die Umschweife vornehm. Genug, um das Uebel zu verstecken, bedienen

sie sich der philosophischen Tanzkunst, und schweben immer zur Höhe

empor. Wehe, wer nun ein gesundes Urtheil, das sich nach Gebühr, auf dem

Erdboden erhält, unter ihnen gültig machen will! Er wird ausgezischt,

gegen ihn geschrieben, man bewirthet ihn mit Schimpf, ja es kann dahin

kommen, daß er in den Kerker wandern muß. Und so schlechte Progressen

auch die philosophischen Hinker machen; so sehr ihre Sprünge sie auf dem

Wege zurückhalten; wie sie ermattet keuchen, wo sie bequem vorwärts

dringen könnten; sie weichen dennoch nicht von der beliebten Methode.

Ich sah auch noch ein Volk von lauter Harlekinen, über die man nicht

lachte, von lauter tragischen Poeten, deren Nüchternheit keine Thräne

rief. Endlich aber ward ich der Streiferei müde, und begab mich nach dem

Gilimerischen Städchen, wo ich zuerst über jenen Gränzstrom setzend,

angelangt war. Ich forderte die Erlaubniß, mich wieder zurückbegeben zu

dürfen. Doch umsonst. Heilig hielt man das Landesgesetz. Die übrige

bewohnte Welt soll nichts von diesen verborgenen Völkern erfahren, und

deshalb wird kein Fremdling von ihnen gelassen. Man sagte mir: ich müsse

mich auf Lebenslang ansiedeln, wo? stände in meiner Willkühr.

Zum Glücke aber ist die Luftschifferei unter ihnen noch unbekannt. Ich

verfertigte ins Geheim einen Ball, wartete günstigen Wind ab, und

flatterte so nach der Wüste. Wie sahn die Bewohner mir nach! Man wird

wie von einem Wunder von meiner Abreise sprechen.

In der Wüste hatte ich meine Schätze verborgen, die, welche ich einst

dir verwahrte, und die mir der ruchlose Musa abnahm, waren dabei. Ich

hatte nur eine mäßige Summe mit über den Strom genommen.

Mein Diener war krank zurück geblieben, und zur Pflege bei einem alten

Neger gelassen worden. Ich fand ihn hergestellt. Wir nahmen die Schätze,

die Kameele, die der Neger auch hatte füttern müssen, und begaben uns

zurück. Mich traf das Unglück, den Spähern des Musa in die Hände zu

fallen, oder vielmehr das Glück, denn nun konnte ich dir, hohe Nene,

treue Dienste leisten. Was mir Armen sonst widerfuhr, ist dir bekannt.

Hier schloß Perotti seine Erzählung, aber Flore maß ihr wenigen Glauben

bei, und äußerte unverholen, sie hielte alles für unverschämte

Erdichtung.

Achtes Kapitel.

Sie kommen in der Hauptstadt des innern

Darkulla an.

Die Schwäne zogen rüstig, der Wind half, und so sahe man denn bald den

Blumenpallast der Hauptstadt liegen. Flore zeigte ihn Gigi von fern,

doch diese blickte nur mit flüchtigem Auge dahin, sie beschäftigte die

holde neugeborne Liebe.

Als das Reiseeiland endlich dem Gestade des Pallastgartens nahe war,

rief Flore den alten Alonzo auf die Seite. Schon während der ganzen

Reise, fing sie an, denk ich darauf, wie ich das Beilager der Liebenden

auf eine neue, noch nicht erhörte Weise feiern lassen will. Alles in

unsern Schicksalen ist außerordentlich, so muß es auch diese Feier sein.

Aber ich bin ohne Erfindung, nur Gewöhnliches fällt mir bei, wissen sie

nichts auszudenken?

Und sie fragen noch? erwiederte der Hispanier. Wir steigen alle vom

Eiland, bis auf das Paar, ich spreche einen eiligen Vater- und

Priestersegen, sie bestätigen ihn obrigkeitlich, und wir stoßen sie

wieder ab. Sie mögen nun drei Tage für sich umherschwimmen. Kann ein

junges Paar seliger sein?

Recht Alter, Recht! entgegnete Flore, nach drei Tagen holen wir sie von

dem Eilande ein, und dann eine große Feier durchs ganze Land.

Man befand sich schon bei der Auffuhrt. Perotti, Imar und die Diener

wurden voran in die Stadt geschickt, Flore hatte einige rosenfarbne

Veilchen in einen Kranz gewunden, und schmückte die rabenschwarze

liebliche Locke Isabellens, unerwartet damit. Alonzo, heiligen Ernst auf

der Stirne, hieß die beiden niederknien. Sie thaten es betroffen, vor

einem Hügel von gediegenem Goldstaub, auf den der Strahl des eben über

das Palmengebüsch emporschwebenden Vollmonds glänzte. Alle Abendviolen

des Eilands hatten eben die duftenden Busen geöffnet.

Seegen vom Himmel auf dies neue Paar, sprach Alonzo mit freudebebender

Stimme, das ich an Priesters Statt hier verbinde.

Seegen! rief Flore, zog den Alten hinüber, und stieß mit einem kleinen

Stabe an die Insel, den Schwanen zugleich ein Zeichen gebend. Die

verständigen Thiere wandten sich um, und ruderten still wieder in den

großen silberklaren mondbeglänzten Teich. Ein leiser Zephyr stieg

zugleich auf, und blies in die breiten Cocosblätter und den Jasmin, die

Seegelstelle vertraten, und ein zahlreiches Heer von Nachtigallen, fing

ein holdes Lied an zu flöten, Isabellen und ihrem Erwählten das

heiligste Epithelam.

In drei Tagen Widersehn, riefen Jene den frohbestürzten, entzückten,

Neuvermählten zu, deren Wonne verstummte.

Alle Trauben an den Thyrsusstäben, verwandelten sich in ätherischen

Nektar, aus jeder Frucht ward Ambrosia Elysiums. Luna umstrahlte mit

Verklärung, im Dufte der Blumen athmeten sie Götterwahn, Philomelens

Gesang hob sie in die Sphären der Unsterblichkeit. Ein Gott und eine

Göttin von lauter Himmel umgeben, schwammen sie auf dem Eiland dahin.

Keine Fabel, denn trugen sie nicht den Götterfunken der Liebe im Busen,

hier von dem entzückend freundlichen Schicksal zur flammenden Apotheose

erzogen?

Ende des siebenten Buchs.

Potpourri.

Erfinderische Träumereien.

Manches Ding auf Erden bringt dem Geschlechte der Sterblichen,

alleinigen Nutzen, es müßte denn offenbarer Mißbrauch im Spiele sein,

manches wird wenigstens eben so oft heilsam wie nachtheilig, die

entschiedenen Schädlichkeiten können meistens unter besonderen Umständen

Vortheile bringen, wie unter andern Gifte, in der Aerzte Hand. So leicht

aber wird keine Sache ein so sichtbares empörendes Uebergewicht des

Bösen zeigen, wie das Schießpulver. Ganz überflüssig wäre es, dieser

Behauptung noch die kleinste Rednerblume anzuflechten, sie überzeugt

genug in vollkommner Einfachheit, denn das versteht sich wohl, der

Gesichtskreis soll hier nicht gelten, in welchen der Widerspruch den

Helden führen könnte, welcher durch die Mönchserfindung seinen Ruhm

erweitert. Auch den oft gehörten Satz: die Kriege sind jetzt weniger

blutig, als da noch mit Lanzen und Pfeilen gestritten wurde, weisen wir

billig zurück. Held und Krieg werden hier nicht bedungen, sondern

Menschenwohl.

Bei dem allen könnte das Pulver, vermöge seiner Gewalt, und bei

schwierigen weitläuftigen Arbeiten, höchst ersprießliche Dienste

leisten, ja auf andern Wegen ganz unerreichbare, unglaubliche romanhafte

Zwecke, ließen sich im Bunde mit dieser Titanenkraft umarmen, wenn wir

mehr Aufmerksamkeit auf diesen hochwichtigen Gegenstand wendeten.

Vor allen Dingen müßte die Materie wohlfeiler dargestellt werden, und

das könnte geschehn, wenn wir den Salpeter, wie in Frankreich, mehr

aufsuchten. Dann ist auch zu gewissen Zwecken gar nicht nöthig, daß es

mühsam und kostspielig auf den Mühlen zubereitet werde, der Zusatz von

Kohle, nothwendig, sobald vom Schießen die Rede ist, kann vielleicht

unter gewissen Umständen, zum Theil, oder ganz wegfallen. Salpeter und

Schwefel verlieren ohnehin durch ihn nur an Stärke. Lavoisier fand

freilich die Explosion ohne den Zusatz zu furchtbar, und die Materie

schwierig und gefährlich zu handhaben, allein das beweiset nicht, daß

sich dazu nicht bequeme Mittel ausfindig machen liessen, und mit der

erhöhten Vorsicht, wird die Gefahr vermindert.

Der Ackerbau, die Bergwerke, der Handel, alles was große mechanische

Kräfte braucht -- wo ein Hauptstoß bedungen wird, da ist doch alle

Mechanik gegen das Pulver wie eine lahme Matrone zu betrachten.

Einem schlechten Acker, den der Landwirth in nutzlose Brachen abtheilen

muß, wäre oft durch eine gänzliche Umwühlung aufzuhelfen, bisweilen

liegt nicht tief unter dem Sande, eine Ton- oder andre fruchtbare Erde,

wüßte man sie hinauf und den Sand hinunterzubringen, beide allenfalls

nur zu mischen, so würde der Acker an Ergiebigkeit, folglich an Werth,

ansehnlich gewinnen.

Das sogenannte Rajolen wird jetzt in Gärten angewendet, auf dem

Kornfelde selten, es ist dem Landmanne zu kostspielig, es fehlt auch

gemeinhin an hinlänglichen Menschenarmen dazu. Vielleicht würde es schon

bei dem gegenwärtigen Preise des Pulvers wuchern, sich seiner zur

Totalumwühlung schlechter Aecker zu bedienen, wie viel mehr, wenn erst

eine gewisse Wohlfeilheit erzielt würde, was, wie wir eben zeigten, gar

wohl möglich ist. Der Prozeß wäre dann folgender. Man baute eine Art

Ramme mit Rädern, die dann auf lange Zeiten, und von einer ganzen

Ortschaft zu benutzen wäre. Mit dieser würde ein spitzer Pfahl in

angemessenem Abstand, sechs oder acht Schuh tief, in schiefer Richtung

in die Erde geschlagen. Dann hätte man von einer eigens dazu bereiteten

schlechten Pappe, mit etwas Holz gegen den Erddruck gesichert,

Schachteln mit Pulver gefüllt. Diese würden nun in das schiefe durch den

Pfahl gebohrte Loch niedergelassen. An den Schachteln befände sich von

derselben harten Pappe eine Röhre, die bis auf den Erdhorizont

hinausginge, und durch welche ein in Schwefel und Salpeter getränkter

Faden lief. Sodann drückte und schüttete man die Erde mit Vorsicht zu.

Die Masse Pulver müßte eben hinreichen, einen Trichter Erde zur Höhe zu

sprengen. Läge sie sechs Fuß tief, so würde der Trichter, laut den

Erfahrungen der Minenlehre, zwölf Fuß im Zirkeldurchschnitt bekommen.

Alle zwölf Fuß müßten also auch Löcher eingesteckt werden. Die in einen

Punkt verbundenen Faden zündete man an, so würde das Feuer zu jeder

Schachtel laufen, und die allgemeine Sprengung von Statten gehen. Die

obere Erde ginge zuerst in die Luft, würde also auch die Steigekraft

zuerst wieder verlieren, und zurückfallen. Die untere, ohnehin

unmittelbar durch den Anstoß getroffen, dränge durch die obere Lage, und

sänke später nieder. Dadurch also bekäme der Landmann diejenige Erde,

welche sechs Fuß tief gelegen, oben, wenigstens mischte sie sich sehr

stark mit der anderen. Wäre sie von besserer Güte, so könnte das

Grundstück nun vielleicht noch einmal so viel werth seyn, wo nicht, so

wäre bei der frischen ausgeruheten Erde, immer einer Brache zu entsagen,

und das gäbe schon einen ansehnlichen Gewinn.

In einem flachen Lande unterstützt nichts so die innere Gemeinschaft,

wie Kanäle, auch von dem Nutzen, den sie als Bewässerungsmittel für das

Land haben, weggesehn. Wie anmuthig wird auch das Leben in Holland durch

sie. Statt in anderen Ländern, bei einer Reise man sich, dem immer doch

unbequemen Wagen, vertrauen, sich zu Pferde setzen, oder den Weg

beschwerlich zu Fuße zurück legen muß, miethet man dort einen Platz in

der Postgondel. Es ist ein wandelndes Haus. Man sitzt im netten, in der

Hitze kühlen, bei rauher Luft erwärmten Zimmerchen, fühlt kein Stuckern,

fürchtet kein Umwerfen, und die Landschaft draußen zieht still vorüber.

Alle niederen Lande könnten mit Kanälen durchschnitten, alle Flüsse von

Belang, mit Hülfe der Schleusen durch sie verbunden sein; bis jetzt

macht das aber ganz unerhörte Kosten, nur sehr wirthliche Regierungen

können von Zeit zu Zeit daran denken. Mehren wir aber erst den

Salpetergewinn, und bereiten eine rohe wohlfeile Sprengemischung, dann

legt man in dichten Abständen Minen, daß ein Zirkel in den andern

greift, und wirft sich so einen Kanal aus der Erde. Die Hauptsache ist

mit dem Wurfe geschehen, die Ungleichheiten des Randes werden mit dem

Spaten gehoben, und nun für die Bewässerung Sorge getragen.

Um viele nahmhafte Städte wird die Gegend der fehlenden Abwechslung

wegen angeklagt. Die Kunst hat durch Jahrhunderte gestrebt, das Schöne

darzustellen, sie prangt in stolzen Monumenten, und lockt des Wanderers

staunende Blicke an; allein die Väter wählten die Lage ohne Geschmack,

eine stiefmütterliche Natur steht mit einem öden Kontrast gegen die

Herrlichkeiten von Menschenhand da, und nur desto freudenlosere

Empfindungen ergreifen das Herz, wenn man vor Thoren eines neuen Athens

lustwandelt, und vielleicht eine unbildliche charakterlose Fläche

anblicken muß! Was haben sich unter andern die Umgebungen von Berlin,

durch den sinnreichen Verfasser der Parallele: _Wien und Berlin_, müssen

Bitteres sagen lassen! Petersburg, Moskau, Warschau, Kopenhagen darben

an Bergen in der Nähe, die eine schöne Landschaft bilden könnten. Was

würden nicht auch Paris und London dadurch gewinnen!

Die alten egyptischen Könige hätten sich nun freilich unter solchen

Umständen bald zu helfen gewußt. Wer Pyramiden erbaute, oder den See

Mäotis ausstechen ließ, bei dem hätte es wohl nur einer Erinnerung

bedurft, und bald würde sich ein kleiner Ossa oder Pelion emporgethürmt

haben. Nur im Geschmack der Neueren liegt so etwas gar nicht, besonders

weil sie so selten etwas für die Nachwelt thun wollen; die Erndte kann

immer nicht rasch genug auf die Saat folgen. Aber freilich, wer denn

auch einmal von der kleinlichen Gemeinregel abweicht, erscheint bald wie

eine Art Wunderthäter, und die Fürsten, welche ihre Regierung nur als

Pfründegenuß ansehn, und das Lob ihrer Ruhe, am liebsten von der

Schmeichelei hören, sinken bald zu Boden, wenn es einem unter ihnen in

gutem Ernste beifällt, das Leben der Unsterblichkeit zu widmen.

Einen Berg, oder eine Bergreihe darzustellen, hat aber so abschreckende

Hindernisse nicht, wie die Einbildungskraft im ersten Augenblicke

träumt, wenn man sich der Salpeter- und Schwefelkräfte bedient, und

daneben (das brauchte freilich keiner Erinnerung) die Kosten nicht

scheut.

Hier folgt die Art der Sprengung, welche Schreiber dieses zu einem

solchen Ende erdacht hat. Er mögte sie gern durch Zeichnungen erläutern,

aber der Verleger spricht achselzückend vom -- Zeitalter.

Man legt neben der Stelle, wo ein Berg entstehen soll, in einer nach

Maasgabe gekrümmten Linie eine Minenreihe an, deren Trichter zur Hälfte

ineinander greifen müssen, ladet und zündet. Nun wird die Erde nach

beiden Seiten zum Theil weit versprengt, zum Theil dicht am Rande des

entstandenen Grabens hingeworfen werden. In diesem aber, der Seite des

projektirten Berges gegenüber, gräbt man (bedient sich des Erdbohrers

vielmehr) dann wieder eine Reihe in den Rand, so daß die kürzeste Linie

nach diesem, nicht nach dem oberen Erdhorizonte geht. Jetzt wird man

Herr über die Sprengung, und kann sie beliebig nach der Stelle des

Berges leiten. Wie die Erde dieser Minenreihe nach ihrer Bestimmung

geworfen ist, fällt der Erdhorizont nach und ein neuer schiefer Gang

wird gebildet. In diesen scheidet man wie zuvor ein, und wirft seine

Hälfte weg, wodurch ein abermaliger neuer Rand sich darbietet. So wird

nun in der Widerholung alle Erde aus der Tiefe der anfänglichen Miene

fort, und nach der Bergstelle geschafft. Die Ladung wird so abgepaßt,

daß vorerst eine neue und niedrige Fläche erzielt wird, welche die

nöthige Unterlage giebt. Gedieh das weit genug, beginnt ein neuer

Hauptgraben, von dem aus eine anderweitige Lage fortgenommen wird. Daß

der Aufwurf schmaler zur Höhe steige, müssen die Verhältnisse der Ladung

bewirken. Das Wasser in der Tiefe wird vorerst durch hydraulische Mittel

entfernt, dann aber noch mit den nächsten Flüssen in Verbindung gesetzt,

daß man nicht nur einen Berg, sondern zur größeren Verschönerung auch

einen See daneben erziele.

Mit Hunderttausend Thalern ließe sich schon viel sprengen. Manches

Prachtgebäude kostet mehr und bringt doch bei weitem den Eindruck eines

Berges an seinem Orte, nicht hervor. Wirthlichkeit muß es aber noch weit

wohlfeiler bewirken können.

Bei Berlin, in der Gegend der sogenannten Jungfernhaide, zum Wedding und

Gesundbrunnen hin, ein großer gekrümmter See, mit Wiesen diesseits, mit

einer stattlichen, bepflanzten, in verschiedenen Kuppen sich endenden

Bergreihe jenseits, ein andrer See zwischen Tempelhof und Schöneberg,

der den Templower Berg, mit seiner Erde spitz erhöht, einige kleinere

Anlagen auf der nordöstlichen Seite -- würde die Landschaft da nicht

bald einen anmuthigen, ja romantischen Charakter empfangen? Und die dann

entstehenden, entzückenden Aussichten, von den Höhen über die große

Stadt!

Ohne diese Theorie hätte dergleichen, wenn gleich nicht so vollkommen,

mit Menschenhänden zu Stande gebracht werden können, wären seit dem

siebenjährigen Kriege die vielen müßigen Soldaten außer dem sogenannten

Dienst auf diese Weise beschäftigt worden. Und welche Kunststraßen

hätten sie in einem solchen Zeitraume anlegen können!

Aber freilich, sie mußten ihre Kraft allein der Waffenübung zuwenden --

um das Vaterland einst mit hohem Nachdruck zu vertheidigen.

Letztes Buch.

Erstes Kapitel.

Wie Flore den Zustand der Dinge vorfand.

Flore hatte ihre Residenz eilig verlassen, und wenig Vorkehrungen wegen

des Regiments während ihrer Abwesenheit gemacht, doch fand sie alles mit

Treue und Gewissenhaftigkeit verwaltet. Der alte Darkullaner hatte viele

Glieder des Divans mit den Einzelgeschäften beauftragt, und so war alles

in der Ordnung gegangen.

Am anderen Morgen nach ihrer Rückkunft ließ sie sich Bericht erstatten.

Es war überhaupt lange nicht geschehn, und die unbeständige Sultanin

etwas nachläßig gewesen. Die vormaligen Divanglieder zeigten mit einigem

Nachdrucke der Stimme an, daß, was sonst nimmer in Darkulla erfolgt war,

viele Bürger Einander um Schuld und Rückstände verklagt hätten.

Gewöhnlich sei der Gegenstand irgend ein gekauftes und noch nicht

bezahltes Kleidungsstück. Ja, es habe sogar ein Darkullaner den andern

erschlagen, um ihm einen köstlichen durch die Caffern gefertigten Mantel

zu nehmen; demnächst wären die Knechte sehr schwierig gegen ihre Herren,

fast täglich liefen da Beschwerden ein. Sie wollten bei großer Dürre

(sonst gabs keine Ackerverrichtungen, als daß man säete und ärndtete)

kein Wasser auf die Gefilde tragen, darüber sei manche Frucht

untergegangen, auch das Gold nicht aus den Flüssen waschen, daß also die

Herren der Sultanin nicht so viel Gold als sie sollten, entrichten

könnten, und also ein Ausfall in den Einkünften vorhanden sey. Sogar

habe es von einem neuen Aufstande gegen die Regierung verlauten wollen,

was aber noch bei guter Zeit unterdrückt worden wäre.

»Ihr wollt mich überzeugen, daß Laster im Gefolge meiner Neuerungen

entstanden sind. Zufolge der menschlichen Natur, ist es schwer zu

vermeiden, die Güte der Gesetze vermag aber viel dagegen. Wartet nur

noch kurze Zeit, ihr werdet euch einer trefflichen Regierung freuen!«

Jetzt traf Flore Anstalten zu dem bevorstehenden hohen Feste. Alonzo und

Perotti mußten alle ihre Erfindung aufbieten. Wie Cäsar das ganze Volk

von Rom speiste, sah man Dürftigkeit, gegen die Fülle, welche hier

herbeigeschafft wurde. Cäsar hatte aber keinem Darkulla zu gebieten.

Auf einem schönen Anger, nahe an der Stadt, wurden in Eile lauter kleine

runde trockne Teiche gegraben, und mit Perlmutter und breiten Muscheln

fest ausgelegt. Dann füllte man sie, entweder mit dem trinkbaren

süßberauschenden Blumenthau von Darkulla, mit dem frischgepreßten Most

der edlen wilden Reben, mit der Milch der Angoraziegen, die auf den

duftenden Hügeln weideten, mit einem Sorbetähnlichen Gemisch, oder dem

ausgedrückten Saft von Himbeeren, oder Ananas.

Zwischen diesen Bassins (auf denen, in der Manier des Lord Russel,

Knäbchen und kleine Mädchen auf großen Muscheln herumruderten, und die

Gäste bedienten) wurden nun Lauben gebaut, aus lauter mit der Wurzel

eingegrabenen Fruchtbäumen und Weinranken, daß Pomonens Ueberfluß auf

die Rasentische niedersänke.

Noch leitete man überall kleine Bäche durch, in welchen Austern, roh und

gebraten, wie alle Arten Fische, auf die leckerste und verschiedenste

Weise zugerichtet, geschwommen kamen.

Gebraten Geflügel aller Art, dem sowohl die Schwingen gelassen, als auch

mit kleinen Bläschen voll brennbarer Luft versehn waren, flatterte

umher; so liefen Haasen, Kaninchen, Rehe völlig zubereitet zwischen die

Lauben, denn die brennbare Luft half ihnen fort.

In der Mitte des Angers steckte an einer Zeder von ungeheurer Länge, ein

weisser Elephant, und wurde bei einem gewaltigen Feuer gedreht. In

seinem Bauch befanden sich drei bis vier Ochsen, die wieder Ziegen oder

Rehe in den Eingeweiden hatten, worauf Lämmer, Spanferkel, Eichhörnchen

folgten, zuletzt kam immer eine kleine weisse Maus, von besonders zartem

Geschmack.

So trugen andre Vorrichtungen Strauße von ausnehmender Größe, denen

Schwan, Pfau, Gans, Fasan, Papagoi, Waldschnepfe, bis zum Zaunkönig

einverleibt waren.

Eine Giraffe lag auf einem Rost von Mastbäumen, und ein kleines Wäldchen

war allein zu dieser Feuerung umgehauen.

So war alles in Bereitschaft gesetzt worden, als die Neuvermählten drei

Nächte, und drei Tage, der Einsamkeit auf ihrer schwimmenden Insel

gehuldigt hatten.

Gegen Abend ließ Flore das Volk berufen, hielt eine innige Rede, und

ließ sich das allgemeine innige Versprechen geben, daß man mit dem, was

sie anordnen würde, zufrieden seyn wolle. Das Volk sah die festlichen

Anstalten, wallte von Liebe über und verhieß.

Nun steuerte Flore nach dem Eilande, das eben nicht weit vom

Pallastgarten schwamm. Das junge Paar wollte gar nicht glauben, daß

schon drei Tage geschwunden waren, stritt, bat um Verlängerung seiner

Einsamkeit, aber Flore willigte in nichts. Das Volk ist zum Feste

versammelt, sprach sie, nun gelte die allgemeine Freude.

Coutances und Isabelle mußten folgen, so schwerfällig ihr Tritt auch

war. Sie wurden vorerst in den Pallast geführt, um sich zu schmücken,

dann ging es in Begleitung des Hofes, der hohen Staatsdiener, der

Garden, und allem was den Glanz des Gefolges mehren konnte, zum Gefilde

hinaus.

Der Mond ging diesen Abend später auf, daher war es dunkle Nacht. Den

Neuvermählten kam es schon sonderbar vor, in die Finsterniß geleitet zu

werden, doch das Zeichen einer Rakete, und ein bewundernswürdiges, jeder

Erwartung spottendes Schauspiel, überraschte ihre befremdeten Blicke.

Nicht weit von der Hauptstadt befand sich nämlich ein hoher spitzer

Berg, dessen Inneres viel Schwefeladern enthielt. Alonzo war darauf

gefallen, einen Vulkan daraus zu machen, der dem Mahle am Feste leuchten

sollte. Mit Hülfe einer großen Menschenmenge, hatte man den Berg also

bis auf den Schwefel gehöhlt, und noch Harz, Pech, Salpeter,

Eisenschlacken u. s. w. in großer Menge hineingeworfen, auch dergleichen

Materien die Fülle daneben unter Schirmdächern aufgehäuft, um immer

wieder Nahrung in den Krater werfen zu können. Damit auch keine

Explosion, sondern eine Strömung erfolgte, wurde ein kleiner Bach hinein

gelenkt, der den schnellen Ausbruch dämpfen konnte.

Da nun die Rakete winkte, zündeten die Männer, deren Obhut der Vulkan

übergeben war, an, und ein dicker Feuerstrom, in allen Farben spielend,

stieg majestätisch gegen den Aether empor, und erhellte die ganze

Gegend. Nicht der Mittag stellt die Dinge klarer dem Auge dar, wie diese

eindruckreiche, magische Beleuchtung.

Isabelle schrie bewundernd auf, Coutances erstarrte. Sie wußten nicht,

sollten sie den Blick nach der Lichtsäule wenden, oder nach dem

unübersehbarem Volke und den Anordnungen der Lust, oder nach der Stadt,

deren Prospekt in dieser Helle etwas Hinreißendes zeigte.

Coutances, rief Flore, die alte Weissagung trifft ein, ihr seid Sultan

von Darkulla. Euch und Isabellen übergebe ich Land und Herrscherstab,

und des Volkes Zusage: meiner Verfügung froh zu begegnen, ward mir. Ihr

kühner, alles hoffender, jedem Hinderniß spottender Geist, Isabelle,

wird in Wonne schwelgen, diesem Volke edlere Bildung zu erziehn, und

viel kann ein so warmer Wille umfassen. Für mich, die Schwächere, paßt

das Riesenwerk nicht, und ich folge dem Zug ins Vaterland.

Isabellens Auge glänzte. Freundin, diese Großmuth -- Coutances rief:

Meine Ahnung!

Nichts von Dank, wo er mir nicht gebührt, fuhr Flore fort, Herolde

verkündet meinen Willen! juble Volk deinen Gruß dem neuen

Herrscherpaare!

Bald ras'te das betäubende Freudengeschrei, denn auch in Afrika fliegen

die Herzen und Erwartungen neuen Regenten zu.

Dann nahm der Hof unter seinen Goldbaldachinen Platz, die Menge

vertheilte sich in die Lauben. Der Schmaus, der stattliche, begann. Dann

durchtönten tausend afrikanische Instrumente die Luft, und die

freudetrunkenen Paare wirbelten im bachantischen Tanz dahin.

Der heiße Neger ist bei solcher Gelegenheit nicht so zu zügeln, wie der

Europäer, besonders der verfeinerte, bei dem oft eigne Schwäche zur

Polizei wird. Vom Mittelalter lesen wir aber, daß auch in unserm

Welttheile bei Trunk und Tanz Gefahr für die Jungfrauen erwachsen sei.

Dort aber ward es ungemein arg damit. Des Hofes Ansehn, die wenigen

Eunuchen richteten nichts aus. Flore mußte sogar, des Aergernisses

halber, zornig gebieten, daß der Vulkan mit seiner Feuerfontaine

einhielt, wodurch die Sache freilich viel schlimmer ward.

Bei dem allen darf man hier nicht an das vom Tigellinus dem Nero

gegebene Gastmahl, denken, wovon Tacitus im funfzehnten Buche der

Annalen ein Gemälde liefert.

Der Hof kehrte auch, früher wie er es gedacht, zurück in den Pallast.

Zweites Kapitel.

Isabellens Entwürfe.

Am andern Morgen sprach Flore: Ich gebe nun alle Regentengeschäfte in

ihre Hand, theure Isabelle, und rüste mich zur Reise. Eine gute

Bedeckung nehme ich mit, das letzte worüber ich noch gebieten will.

Jene komplimentirte viel, Flore mögte doch noch da bleiben, sie mit Rath

unterstützen, ihre ersten Einrichtungen prüfen, es war ihr sogar Ernst

damit, denn Flore hatte sie gewonnen; diese blieb aber fest.

Es bedarf meines Raths nicht, schöne Hispanierin, sie haben den Gemahl

und Vater. Auch ist das Volk eine Tafel von Wachs, die alle Eindrücke

leicht empfängt. Spätestens nach drei Tagen umarme ich sie zum

Letztenmale.

Isabelle weinte ein wenig, dann trocknete sie aber die Augen, und hub

mit allem Feuer einer poetischen Projektantin an: Hören sie wenigstens

an, was ich mit der Religion vorhabe. Ich denke eine _neue_ zu stiften.

Flore versetzte: Das Volk ist noch offen dafür. Es geschah sogar Einiges

die Bahnen zu ebnen.

Hören sie, fuhr Isabelle fort: die Darkullaner sollen den

Unerforschlichen anbeten, dem alle Nationen, wenn schon nach

verschiedenem Cultus, Altäre bauen, doch ohne Simbol, ohne Kirche, nur

unter dem Dom des Sternenhimmels. Selten die hohe, öffentliche, rein

geistige Verehrung, etwa beim neuen Jahr, nach der Erndte, am

Stiftungstag der neuen Weihe. Damit aber die edlere Sinnlichkeit, einen

Spielraum vor sich eröffnet sieht, damit die Künste in einen schönen

Bund mit dieser Religion treten können, nimmt sie geheiligte Heroen auf,

denen Tempel zu bauen, und Gebilde aufzustellen sind. Diese knüpfen das

Erdenleben an das Göttliche, deuten, bestimmen, ordnen die

Menschenpflicht. Christus ist einer der Hochverehrten; die Kindheit, die

Freundschaft, der Brudersinn, die Aufopferung sind sein Gebiet. Heiter

werden seine Tempel erhöht, die rührenden Szenen seiner Legende mag die

Kunst darin abbilden. Das Kind empfängt dort Unterricht, und wird mit

dem Jugendkranz entlassen; Feinde werden dahin geführt, sich zu

versöhnen. Trost und Stärkung schöpfen hier Unglückliche, denn auch die

Unsterblichkeit verbürgt der Heilige. Maria, die schöne, sanfte, milde,

ist die Harmonie der Liebe. Ideale sind ihre Gemälde, die Dichtkunst

legt ihre erhabensten Erfindungen, von Bildners Hand verwirklicht, an

ihren Altären nieder. Jünglinge und Mädchen, deren Herz spricht, mögen

hier flehen. Das Eheband wird hier geknüpft. Moses ist der Heros des

Rechtes. In seinen großen ersten Tempeln werden die Gesetze ausgehängt,

die Richter, seine Priester, halten Gericht. Daß das Recht ein Theil der

Religion werde, scheint mir passend und heilsam. Auch Mahomed ist ein

Heros dieser Religion, denn ich muß ja meinen Darkullanern begegnen. Ihm

gehöre der Krieg. Gilt es das gute Recht, das Vaterland zu vertheidigen,

dann werde sein sonst geschlossener Tempel geöffnet, der Kämpfer heiligt

seine Waffen vor den Bildsäulen des Furchtbaren, und der begeisternde

Streitgesang ertöne.

Was meinen sie, wenn einst Maler, Bildhauer und Dichter in Darkulla

erstehen, wird nicht diese Religion hohe Schönheit gewinnen, kann sie

nicht gute edle Menschen erziehn? Das bürgerliche Gesetz sei innig damit

verwebt, nur Greise die Priester, daß allem Mißbrauch vorgebeugt wird.

Flore war gerührt, umarmte die Freundin, wünschte das herrlichste

Gedeihen, und zog sich dann auf ihr Zimmer zurück.

Hier fing sie heftig an zu weinen. Wie, sprach sie zu sich, mein

Geschick ist so verwickelt, so sonderbar, aber oft komme ich doch mit so

guten Menschen, mit so wichtigen erhabenen Dingen in Beziehung. Was bin

ich gleichwohl? Eine Verworfene!

Aechte Magdalenenthränen, die sie aber ehrten, strömten reichlich von

ihren, aus Rührung bleichen Wangen nieder.

Ja Flore, du warst einst eine Verworfene, aber eine überaus unglückliche

Erziehung, die deine guten Anlagen untergrub, widrige Umstände, böses

Beispiel rissen dich in den Abgrund. Eine andere an deiner Stelle, die

jetzt vielleicht eine freundlichere Fügung, zum achtbaren gerühmten

Weibe machte, hätte auch sinken müssen. Richte dich auf, du hast in

dieser Büßung viel Schmach von der Tafel deiner Erinnerung weggetilgt!

Richte dich auf, du hast auch viel Gutes gewirkt, und der Wille, der

jetzt in deinem Busen lebt, ist fromm und tadellos! Die Reue verdient

Lob, aber sie vergifte nicht die heitre Laune, die in so manchem Sturm

des Lebens dich über den Wogen erhielt.

Nun, zu sehr ist das Letztre auch nicht zu fürchten. Flore ist eine

Pariserin. Schon trocknet sie ihre Thränen.

Drittes Kapitel.

Abreise von Darkulla.

Vierundzwanzig Elephanten ließ Isabelle mit Goldstaub beladen. Wozu so

viel? rief Flore? Ist des Plunders nicht genug in Darkulla? gab die

Sultanin zur Antwort.

Werde ich auch mit den Elephanten durch die Wüste kommen? fragte wieder

die Exsultanin. Alonzo rief: Nehmen sie noch vierundzwanzig. Zwölfe

mögen Fütterung, zwölfe Wasser tragen. Nun wurden dreihundert

Darkullaner, und dreihundert Beduinen, lauter stattliche treubewährte

Männer, zur Bedeckung ausgesucht, ohne die Elephantenknechte. Den

wackern Imar bestimmte Coutances zum Befehlshaber über die Krieger. »Ich

stehe dafür, der Araber wird den Durchzug erzwingen, wo man ihn

verweigern will.«

So wurde nun die Reise angetreten, und der Hof geleitete Floren bis an

den Ausgang der Felsenkette. Hier schied man ohne Sentimentalität, aber

nicht ohne Thränen.

Floren ward sonderbar, wie der Weg sie nun immer weiter führte. Der

Himmel ihrer Hoffnungen war geröthet, und auch nicht, sie verließ

Darkulla gern, und auch ungern, Wehmuth und Zufriedenheit wechselten,

ein fortwährender Streit der Empfindungen. Doch wie sie nach einigen

Tagen beim Zurückblicken keine Felskuppe des verlassenen Landes mehr

sah, da zog es sie entschiedner vorwärts, und sie war beruhigt, daß sie

die schönste Natur des Erdbodens, und die Freunde nicht wieder sehn

würde. --

So war Flore denn vom innern Darkulla entfernt. Der Leser suche aber das

reizende Land auf keiner Karte, er wird es nicht durch Guidotti,

Houghton, Mungo Park, Borheck oder Forster beschrieben finden; es liegt

zu versteckt, und ist den Geographen entgangen. Das große Darkulla

findet er wohl; so gut wie Louisiana, aber nicht die Gegenden, wo

Chateaubriants Atala wandelte.

Es währte jedoch nicht lange, so erwarteten unsere Reisende herbe

Unfälle. Die Häupter des Landes außer den Felsen, erhielten Kundschaft

von ihr, und den Reichthümern, mit denen sie von dannen zog. Sie

meinten: es sei Unrecht, das Köstliche so in die Fremde zu schleppen,

kamen mit gewaffneter Hand, und fielen sie am Wege an. Es gab einen

hartnäckigen Kampf. Imar führte tapfer und kräftig an, hatte aber das

Unglück, tödtlich mit einem Pfeile verwundet zu werden. Flore gerieth

außer sich vor Bestürzung, und theilte nun selbst die Rollen des

Trauerspiels aus. Brav fochten ihre Streiter, aber nach großem Verlust

an Mannschaft, hinderten sie der Feinde Beute doch nur zur Hälfte. Zwölf

goldbeladne Elephanten gingen verloren.

Flore beweinte Imar, waffnete sich des eingebüßten Reichthums wegen aber

mit Philosophie, und zog weiter.

Sie kam ohne neuen Unfall mit den zwölf übrigen Thieren bis Darfur. Auf

der Gränze forderte man Eins als Abgabetribut für den Sultan

Abdelrachman. Die Begleitung war geschwächt, die Forderung nicht zu

verweigern. In der Residenz lud sie aber der Herrscher zum Mahl, und

redete wie ein welker Salomo über die Nichtigkeit der Erdengüter.

Am Ausgang des Reiches Darfur, baten sich die Mauthner abermals einen

Elephanten aus. Fahre hin, dachte Flore, kaufe ich doch mit dem Rest

noch eine ganze Gasse von Paris.

Doch es sollte noch viel schlimmer gehn. In der großen Wüste konnten die

Thiere, bei aller Aufmerksamkeit für sie, und allen reichlichen

Vorräthen, nicht ausdauern. Es sank Eines nach dem Andern zu Boden, die

Ladung war nicht fortzubringen, mußte da im Sande liegen, und was das

ärgste war, so ließ sich auch nicht daran denken, sie ein Andermal mit

Kameelen abzuholen. Denn wenn die Elephanten, die entkräftet, nicht eben

behende sind, hinsanken, gingen meistens die Kisten, worin der Goldstaub

gepackt war, entzwei, der Wirbelwind der Wüste ergriff ihn -- dahin flog

der Welt Herrlichkeit.

Eine starke Seele erschüttern die tückischen Angriffe des Schicksals

wenig, auch der Leichtsinn giebt einen erprobten Balsam gegen seine

Wunden. Flore jubelte, daß sie nur zwei lebendige Elephanten mit ihren

Schätzen ins fruchtbare Land von Oberegypten brachte. Immer trugen sie

noch genug, um in Paris unter den Reichsten zu glänzen.

Die Männer der Bedeckung lagen ihr hier an, entlassen zu werden. Der

Rückweg ist lang und gefahrvoll, sprachen sie, wir werden im äußern

Darkulla ohnehin uns zum Gebürge durchschlagen müssen. Kaufe dir hier

Sklaven, die die Thiere führen, das Land ist bebaut, die Straßen sicher.

Schon seit mehreren Tagen hatte Unzufriedenheit unter ihnen geherrscht,

und das wohl, weil bei dem großen Verlust, den Flore erlitten hatte, sie

geringe Belohnung ihrer Mühseligkeit erwarteten.

Diese war sehr betroffen, doch indem sie am Ende gar Meuterei zu

befürchten hatte, beschloß sie, den Männern zu willfahren, sobald sich

nur etwas mehr Sicherheit auf dem Wege entdecken ließe.

Dieser Fall trat bald ein, denn Flore stieß auf einen Trupp

französischer Soldaten, bei deren Anblick sie in lauten Ausruf des

Entzückens ausbrach. Sie erfuhr, daß man vermuthlich Egypten räumen

werde, da ließ sich denn also noch hoffen, unangefochten bis ans

mittelländische Meer zu gelangen. Hätte Flore aber länger in Darkulla

gezaudert, und wäre nach dem Abmarsch ihrer Landsleute in Egypten

angekommen, würde schwerlich auch die Bedeckung von Negern und Beduinen

sie gegen die wilden Ausbrüche des Hasses gesichert haben.

Sie kaufte, oder miethete sich vielmehr einige Sklaven, denen sie die

beiden Elephanten übergab. Einen französischen Troßknecht nahm sie in

Dienst, ihres Reitpferdes zu warten. Nun wurden einige Edelsteine an

Moggrebinische Kaufleute veräußert, und ein Paar Kameele mit

Lebensmitteln für die Afrikaner beladen, jeder von ihnen empfing ein

reichlich Geschenk, und so wurden sie entlassen.

In dem Briefe an Isabellen, den sie auch mitnehmen mußten, sprach Flore

nichts von ihren Unfällen, die Freundin nicht zu betrüben, wiewohl die

Boten davon keinesweges werden geschwiegen haben, wenn sie glücklich zu

dem Orte ihrer Bestimmung gekommen sind. Der letztere Umstand ist aber

mit Recht zu bezweifeln, denn man hörte kurz darauf von einem

neuausgebrochenen wilden Kriege zwischen vielen Völkerschaften gegen die

Mitte dieses Welttheils. Darfur, Habesch, Bergu, und andre Reiche

sollten Theil daran haben; da werden diese, ohnehin durch jenes Treffen,

und Krankheiten in der Wüste, beträchtlich an der Zahl verminderten

Krieger, wohl unter irgend einen wüthenden Schwarm gerathen, und

umgekommen sein.

Viertes Kapitel.

Flore trifft den guten wohlthätigen Bei.

Die Soldaten, an welche Flore sich nun geschlossen hatte, nahmen den Weg

gegen die Ruinen von Theben. Nach einigen Tagen erreichte man die

bewundernswürdigsten Denkmäler, welche das ganze Alterthum der Gegenwart

nachließ.

Wie staunten die Reisenden! Flore setzte sich zu einem Zeichner, auf ein

Säulenstück. Dieser hatte Sonninis Reisen bei sich, und las der

Gesellschaft folgendes Fragment daraus vor, welches die schon lebendig

erregte Begeisterung noch mehr entflammte:

»Wir langten bald darauf in dem elenden Dorfe Karnack an, dessen Hütten

den Glanz der prächtigen Ruinen, die um sie her liegen, nur desto mehr

erhöhen würden, wenn etwas mit den Ueberresten von Theben, einer

berühmten Stadt aus dem Alterthume, die Homerus besang[5], verglichen

werden könnte. Eine Meile weiter hinauf liegt Luxor, das auch ein Dorf

und auf dem äußersten Südende der Stelle erbaut ist, die diese berühmte

Stadt auf dieser Seite des Flusses einnahm. Man hätte mehr Zeit, als ich

hatte, und mehr Sicherheit haben müssen, als auf diesem Boden herrschte,

der mit Ruinen und Räubern bedeckt war, wenn man die Trümmern, die die

Unsterblichkeit den Anfällen der Zeit, und der Wuth der Barbarei

entrissen hatte, genau und vollständig hätte untersuchen wollen. Nicht

weniger schwer würde es sein, wenn ich die Eindrücke beschreiben wollte,

die der Anblick so großer, so majestätischer Gegenstände in mir

hervorbrachte. Es ergriff mich nicht eine bloße Bewunderung, sondern es

überfiel mich eine Entzückung, die den Gebrauch aller meiner Kräfte

aufhob. Lange blieb ich bewegungslos vor unnennbarer Wonne stehen, und

fühlte mich mehr als einmal bereit, mich zum Zeichen der Ehrfurcht vor

Denkmälern niederzuwerfen, die alle menschliche Erfindung, und alle

menschliche Kräfte zu überschreiten scheinen.«

[Fußnote 5: Der deutsche Uebersetzer des Sonnini führt an: »_Achilles_

sagt beim _Homerus_: Nie werde ich mich vom Agamemnon überreden lassen,

ins Lager der Griechen zurückzukehren:

Böt er sogar die Güter Orchomenos oder was Theben

Hegt, Aegyptos Stadt, wo reich sind die Häuser an Schätzen.

Hundert hat sie der Thor' und es ziehen zweihundert aus jedem

Rüstige Männer zum Streit mit Rossen daher und Geschirren.

Florens Abentheuer in Afrika, und ihre Heimkehr nach Paris. Zweiter Band. · 第 4 / 7 题