Da trat ein Diener ins Zimmer, und meldete Musas Zurückkunft. Dies
unterbrach das Gespräch völlig, denn Florens ganzer Antheil war dem
Neger zugewendet, der auch gleich vorkam.
Zweites Kapitel.
Musas Berichterstattung.
Was sagt Kuku? wackerer Dschelab, rief Flore dem Ankömmling entgegen.
Er erwiederte folgendes:
Da ich zu dem Sultan kam, erhabene Nene, und mich als deinen Gesandten
offenbarte, warf er sich jammernd und winselnd auf den Teppich. Alle
Liebe ist von den Weibern gewichen, rief er, auch diese Nene, die ich
zur Eselin der Eselinnen erhob, wollte nicht sterben.
O der Barbar! fiel Flore ein.
Jener fuhr fort: Nun mußte ich deinen Krieg gegen den Bruder berichten,
und wie Tata fiel. Da zürnte er nicht. Mein Bruder war ein Krieger,
sprach er, rühmlich ist Tata gesunken. Nun erzählte ich, wie du sein
Grab geehrt, sein Denkmal erhöht hast, da weinte er vor Freude.
Edler Rittersinn, rief Flore. Kuku verleugnet sich nicht. Das Gute und
Böse liegt in seiner Seele beieinander. Ich aber mag hier weder tilgen
noch entwickeln. Weiter!
Da ich nun antrug, du wolltest ihm sein Land zurückstellen, wenn er dich
mit sicherem Geleite ziehen ließe, war er halb zufrieden, halb nicht,
doch erklärte er sich endlich: er müsse vor allen Dingen erst Osmanns
Kopf, womit er betrogen worden sei, bekommen, diese Bedingung würde Nene
nicht versagen.
Osmanns Kopf? rief Flore. Osmanns Kopf! Betrogen sagst du? Hat er ihn
nicht? Mit meinem Willen zwar nimmer. Alonzo, was sagt ihr?
Ich weiß nicht anders, stockte dieser.
Musa fuhr fort: Der Sultan behauptet, einen anderen Kopf erhalten zu
haben. Er besteht auf den ächten; dann sollst du ihm auch noch einen
geschickten Caffern zusenden, der ihm das schwarze Pulver bereitet. Er
will es wider Gigi gebrauchen, mit der es immer noch nicht zu der lange
erwarteten entscheidenden Schlacht kam, denn man unterhandelt noch mit
Habesch um die Mittel, jene unfehlbar zu verderben.
Der Caffer soll ihm werden, ich hab ihn schon ersehen. -- Es ist ein
Irrthum. Der Kopf wurde ihr zugeschickt. Doch stände der Franzose auch
lebend vor mir, ich würde nimmer in die Forderung willigen.
Sie ließ hierauf Perotti aus dem Gefängnisse bringen.
Signor, erklärte sie ihm, ihr geht zum Sultan Kuku! Verseht ihn mit
Kunst, mit List, so viel ihr wisset und ihm Noth thut. Wenn ihr das
gehörig ins Werk gerichtet habt, so vollendet meinen Frieden mit ihm.
Der ehrliche Musa wird euch begleiten. Vielleicht ziehen wir am Ende
froh nach Europa.
Nach Europa? rief Perotti. Ich habe es schon vergessen, und darauf
verzichtet.
»Ich nicht, Signor, ich nicht!«
Laßt uns doch in Darkulla bleiben. Zum Paradiese fehlt ihm ja nichts
mehr, als eine Opera buffa, und ein maskirt Carneval. Doch Geduld, ich
richte alles noch ein.
»O meinetwegen künftig bei Sultan Kuku. Genug, ich höre keinen
Widerspruch, keine Bitte.«
Aber mein Amt, mein Amt!
»Werde ich einstweilen schon verwalten lassen, auch mich beim Sultan
einlegen, daß es euch vorbehalten bleibt.«
O keinem Sultan mag ich dienen, einer Monarchin. Wie Essex der
Elisabeth. Das bringt vortrefflich Regiment.
»Dies waren eure Abschiedsworte. Kameele vor. Glück auf die Reise!«
Er mußte gehorchen.
Alonzo wurde wieder allein befragt: Welchen jungen Mann meintet ihr?
Er gerieth in Verlegenheit. Ich bitte um Nachsicht, Sultanin. Ich weiß
keinen. Es war mir nur darum, zu erfahren, wie du einen Antrag der Art
beantworten würdest.
»So? -- Ei! -- Und Osmanns Kopf? Ihr stokt. Ihr bergt mir ein Geheimniß,
auch mag ich es nicht entschleiern. In einem Fall bin ich aber
unzufrieden mit euch. Das sollt ihr einst erfahren. Die Verkettung der
Ereignisse, welche uns treffen, ist sonderbar. Gebe das Schicksal nur
eine endliche freundliche Lösung.«
Alonzo mußte Perottis Geschäfte mit versehn. Flore drängte ihn, da
durfte er seiner Trägheit weniger nachhängen. Ehrlicher wie Perotti,
hing das Volk ihm lebhaft an, wiewohl es bald darauf auch genug an
seinen Einrichtungen zu tadeln fand, denn mit den ersten Eindrücken der
Verfeinerung, hatte sich der Geist des Widerspruchs, der in aller Busen
wohnt, der uns als moralisches Vertheidigungsmittel von der Natur
zugelegt zu sein scheint, auch ziemlich bei den Darkullanern
ausgebreitet. Von ihm sagt Morellet, einer der geistvollsten unter den
neueren französischen Autoren:
^Supposons qu'on appelle au Ministère un génie élevé, d'une probité qui
décourage la calomnie même, plein de la passion du bien public, et de
tous les sentimens qu'on peut desirer et exiger dans un homme en place;
je vais dire ce qui arrivera. S'il regarde autour de lui avant
d'entreprendre; s'il étudie, non pas les principes de l'administration
que l'expérience et de profondes réflexions lui ont rendus familiers,
mais les moyens par lesquels on peut les mettre en pratique et vaincre
les obstacles que la corruption élève de toutes parts; s'il marche avec
cette sage lenteur qui conduit plus sûrement et plus promptement au but,
on dira: _il ne fait rien_; _nous ne voyons rien_; c'est qu'on sera au
desespoir de n'avoir rien à blâmer et à contredire; mais à la première
de ses opérations, des milliers de voix s'élèveront; l'un critiquera la
forme, l'autre le fonds, non pas d'après des principes réfléchis, mais
uniquement par esprit d'opposition. Si le ministre eût fait tout le
contraire, on se fût simplement abstenu de corriger tel abus de faire
telle loi, ces mêmes gens l'auraient désapprouvé avec la même violence.
On eût dit: pourquoi ne réforme-t-il pas ceci ou cela? Pourquoi ne
fait-il ce bien au peuple, cette faveur à l'agriculture? S'il réforme,
s'il change, s'il s'efforce d'améliorer toutes les parties de
l'administration, on s'écriera: pourquoi toucher à ce qui est? Ne
sommes-nous pas bien? L'esprit de système, la constitution de l'Etat,
les privilèges des différens corps, le caractère de la nation, les
dangers d'une liberté, qui deviendrait bientôt licence, seront les mots
de ralliement que se donnera l'esprit de contradiction, et bientôt sera
renversée, la statue au pied de laquelle on avait brûlé quelque encens.^
Dieser Geist des Widerspruchs, tief verfolgt zur Wurzel, und dann wieder
einen vielzweigigen Stamm aus der Tiefe erzogen, lieferte gar wohl den
Stoff einer neuen Erklärung des gesellschaftlichen Lebens. Doch scheint
die Sucht, philosophische Systeme aufzustellen, bei den Deutschen in
Abnahme zu gerathen. Bliebe es dabei! Denn wohin führen sie alle? Den
Mann bis zum Grabe zur Pein des Schülers zu verdammen; denn will er
nicht das sogenannte Hinken nach dem Zeitalter als Vorwurf hören, muß er
immerfort lernen. Und darf man Schätzen einen Werth zuerkennen, von
denen es ausgemacht ist, die Mode wird früher oder später gebieten, sie
wieder wegzuwerfen. Oder soll der Teutone die Weisheit inniger
umschlingen, da die Klugheit sich seinem Arm so viel entwindet?
Drittes Kapitel.
Der Kriegsschauplatz.
Wenden wir den Blick nach dem Kriegesgetümmel.
Immer hatte Gigi Unterhandlungen anknüpfen wollen, doch kein Gehör bei
Kuku gefunden. In seiner festen Stellung trotzte er ihren Angriffen, wie
wir bereits wissen, und übte daneben seine Truppen mit vieler Klugheit.
Eilboten gingen fleißig nach Habesch, und kamen von daher. Der
Entfernung halber, und da es nothwendig war, beträchtliche Umwege zu
nehmen, verliefen aber mehrere Monate, ehe die Unterhandlung am Ziele
stand. Endlich aber sagten die Verbündeten zu, Gigi mit einem großen
Heere in den Rücken zu gehn, und es wurde ein Tag beraumt, wo Kuku seine
Verschanzung meiden, und die Amazone im offenen Felde angreifen sollte.
Der Feldherr der Verbündeten rechnete darauf, um diese Zeit auch nahe zu
sein, so gerieth die Feindin zwischen zwei Angriffe, und um desto eher
hoffte man sie zu verderben.
Eben war man auf das ernsthafteste mit Waffenübungen beschäftigt, da
Perotti in Kukus Lager kam. Aber welche Waffenübungen. Nicht etwa so
bequem wie in Deutschland, wo man die freundliche Jahreszeit, den Tag,
und fein flache Gefilde dazu auswählt, dazu jedermann auf dem Papiere
hat, welche Szenen aufgeführt, welche Truppen vorwärts rücken, und
welche fliehen sollen. Nein, Sturm, Regen, Wolkenbruch, wie sie die
nasse Jahreszeit dort viele im Gebürge gab, tiefe Nacht, hohe Felsen,
Wald und Sümpfe liebte Kuku zu diesem Behuf. Immer wurden zwei Partheien
aufgestellt, deren Führer nach Urtheil handelten. Daß es dabei auf
blutige Köpfe nicht ankam, auf dem Exerzierplatze Todte zu begraben, ins
Spital Verwundete zu bringen waren, versteht sich von selbst.
Perotti kam in der übelsten Laune von der Welt im Lager an. Er hatte so
schöne Träume geträumt, und war so übel davon erwacht. Zwar besaß er
viele Schätze, denn es war ihm vergönnt worden, ein Kameel mit seinen
Habseligkeiten zu beladen, und was er erpreßt, und durch Bestechungen
gewonnen hatte, nahm darauf Platz; gleichwohl aber sah er wenige
Sicherheit für den Reichthum voraus, und dem Kriegsruhm hatte er in
Europa nimmer Geschmack abgewonnen, um wie viel weniger in dieser
Erdgegend. Bei dem allen mußte er der Nothwendigkeit weichen, und es
galt ihm nur, sich in die Gunst des Sultans zu schmeicheln.
Das geschah denn nach aller Kraft, es wurde Pulver verfertigt, auch
Kanonen, ob sie gleich zu nichts taugten, als Schrecken einzujagen, was
freilich schon viel taugen heißt, besonders wenn man schreckhafte Feinde
vor sich hat. Kuku wollte ihm eine Unterbefehlshaberstelle bei den
Truppen anvertrauen, die er aber demüthig verbat, und dafür antrug, die
eines Feldhistoriographen anzuordnen, welche er mit nicht geringem Eifer
zu versehn anfing. Dabei stutzte er Zeitungsschreiber zu, und ließ alle
Tage ein Palmblatt ausgeben, worauf die Kriegsvorfälle geschildert
wurden. Hatte ein Darkullaner einen Fluch oder Schimpf gegen die
Beduinen ausgestoßen, so sprach diese Zeitung von der begeisterten
Stimmung, die das ganze Heer durchglühe. Kriegslieder enthielt sie zu
Dutzenden, sie wurden in der Expedition gut bezahlt, also fand sich
alles damit ein, was nur in der Landessprache reimen konnte. Hatte ein
Krieger in der Nacht _Wer da!_ gerufen, hieß es in Perottis Zeitung: ein
Ueberfall sey mit großem Verlust des Feindes zurückgeschlagen. Eine
ausgeschickte Patroll wurde zum Scharmützel gemacht, und eine größere
Zahl von Beduinen war auf dem Platze geblieben, als ihr Heer stark seyn
konnte. Da sagte Kuku aber: du bist ein Narr mit deiner Zeitung, höre
auf!
Bald darauf fiel des Sultans Geburtstag ein. Perotti machte, daß im
ganzen Lager Gastmahle gehalten wurden, man streute Blumen, Raketen und
Schwärmer stiegen am Abend leuchtend in die Höhe. Ueber dies Fest wurde
eine eigne Schrift herausgegeben, worin man den Patriotismus und die
Unterthanenliebe der Darkullaner bis zu den Wolken erhob. Kuku lachte
aber gar sehr, wie er die Schrift sah, und sagte zu Perotti: also meinst
du, ich soll an dem Darkullaner Tugenden des Unterthans erblicken, wenn
mein Geburtstag ihm einen Anlaß giebt, sich bei Mahl und Fröhligkeit zu
ergötzen? Nein, da will ich andre Beweise, am meisten in der nahen
Schlacht. -- So gescheut war Kuku.
Einmal lag Perotti in seinem Zelte. Schon war es tiefe Nacht. Da nahte
etwas durch die Stränge, womit das Haus von Linnen befestigt war.
Perotti horchte bange, und wollte eben nach der Wache rufen, als eine
Stimme ihm leis zuflisterte: Sei ruhig, es naht ein Freund, der dir
große Schätze nachweisen kann. Dies machte, daß der Italiener die Furcht
überwand. Der Fremde kam ins Zelt. Ich bin von Gigi gesandt, sprach er.
Sie weiß, daß Mehemed beim Sultan gilt. Liefere ihr die beiden Caffern
Mustapha und Osmann lebendig in die Hand.
Mustapha? erwiederte Perotti, das wäre so unmöglich nicht, aber Osmann
ist todt. Der Sultan hat ja sein Haupt abholen lassen.
Glaubst du das Mährchen auch? entgegnete die Stimme. Osmann lebt im
Felsenlande.
Osmann lebt? lebt? fuhr Perotti auf.
»Gewiß.«
Und wie kömmt es, daß Gigi das weiß?
»Man schickte ihr einen Kopf, der Osmann gehören sollte, sie erkannte
ihn aber falsch.«
Falsch? Wenn sah denn diese Gigi Osmann? Fremdling, ist mir doch, als
hätte ich deine Stimme schon einmal gehört.
Das wüßte ich doch nicht, versetzte die Stimme.
Seltsame, seltsame Gedanken stiegen bei Perotti auf. Endlich rief er:
wie weit ist es von hier nach Gigis Lager?
»Nur wenige Tausend Schritt.«
Kannst du mich unbemerkt hinübergeleiten, und wieder zurückbringen?
»Das ginge wohl an, doch aus welchem Grunde?«
Ich muß selbst mit Gigi reden.
»Kannst du mir deinen Willen nicht vertrauen?«
Laß mich zu ihr, dann verständigen wir uns leichter. Verdacht kann sie
nimmer gegen mich bergen, wie wagte ich mich zu ihr, und hier mein
Leben, fühlte ich nicht gegen sie warme Anhänglichkeit. Ich habe so viel
von ihren Thaten gehört, und bin schon lange ihr Bewunderer. Nicht nur
die Caffern sollen ihr werden, sondern wenn sie mir Folge leistet, auch
Sieg über Kuku.
Wohlan, schleiche mir nach, sagte der Fremde. Ich kann unbemerkt durch
die Außenwachen finden.
Nicht ohne Zittern willigte Perotti ein. Aber eine gewisse Ahnung in
seiner Seele bestimmte ihn zur Entschlossenheit.
Man tappte hinaus. Die einzelnen Wächter der Lagerkette sangen, dies
verbarg das leise Rauschen der Fußtritte im Sand. Nicht lange darauf kam
man bei einigen Reutern an, die den unternehmenden Späher erwarteten.
Einer von ihnen mußte sein Pferd an Perotti geben, und so ging es im
schnellen Galopp davon.
Wie man in das fremde Lager angekommen war, mußte Perotti etwas
zurückbleiben, da sein Führer ihn erst anmelden wollte. Jener brauchte
diese Zeit dazu, sich das Gesicht mit Erde zu beschmutzen, und sich
möglich unkenntlich zu machen, denn er meinte: _es sei wohl möglich, daß
er hier gekannt wäre_.
Es währte einige Zeit, bis der Beduin wiederkam. Er trug eine Fackel in
der Hand. Neugierig blickte Perotti nach seinem Gesichte, aber ein tief
in die Stirn gedrückter Turban, und ein bis über die Brust
herabfließender Bart machten, daß nur wenige Züge kenntlich waren.
Die Fürstin ist geweckt, und ihr deine Ankunft berichtet worden, sprach
Jener; folge zu ihrem Zelte.
Er ging mit der Fackel voran. Man kam durch lange Reihen von Pferden,
welche theils schnarchend ausgestreckt lagen, theils wachend ihr Gras
käuten, die Reuter lagen mitten unter ihnen, denn sowohl die Beduinen
wie die Kalmucken halten mit dem edelsten der Hausthiere enge
Freundschaft. Wachen waren in diese Gassen vertheilt, bei denen kleine
Feuer brannten. Die Zelte der Vornehmen erhoben sich geordnet, und
wurden durch Laternen, welche an ihrem Eingang hingen, auch in der Nacht
sichtbar. Endlich gewahrte man der Königin Gezelt. Wie der Dom eines
prachtvollen Tempels, zu einer Festlichkeit erleuchtet, ragte es empor,
denn nicht nur seine Höhe erregte Staunen, sondern überall waren auch
Laternen angebracht, welche rund umher den Platz erhellten, und alle
Schildwachen zu Pferde, welche umhergestellt waren, und die blinkende
Harnische bekleideten, sichtbar machten.
Die Stangen dieses Zeltes waren gerüstartig übereinander gestellt und
gefügt, kunstreich die Thierhäute, welche seine Wände bildeten,
verbunden. Der inwendige Theil bestand aus persischen Tapeten, und
Fußteppiche in Natolien gefertigt, deckten den Boden. Die Anlage eigener
Manufakturen hatte Gigi, wie wir wissen, noch wenig glücken wollen, sie
ließ also die Kostbarkeiten von der Fremde hereinbringen. Einstweilen
aber, bis ihre Städte eine vollendetere Gestalt zeigten, hatte sie
Erfindungsgeist und Geschmack auf die Verfeinerung des nomadischen
Lebens gewendet. Ein wandelnder Pallast war ihr Wohngebäude aus Häuten
und Tapeten; stattlich prangten die ihrer vornehmen Beamten; bequeme und
nette Einrichtung hatten die der Arbeiter; die Soldaten trugen ihre
Kasernen stückweis mit fort, und so die Pferde ihre Stallungen. Nur
jetzt, da man gegen den Feind stand, durfte letztere kein Obdach
enthärten, und auch die Bereitschaft auf Kampf duldete kein Hinderniß.
In der That hat das Nomadisiren für die Einbildungskraft viel
Anziehendes. Wenn man die _Tavernier_, _Niebuhr_, _Savary_, über die
Wanderer in Egypten und Arabien liest, und mehr noch die _Wytsen_,
_Georgi_, _Haygold_, _Reineggs_, _Pallas_ u. s. w. über die am Caucasus,
im kabardinischen und Truchmenen-Lande, Turkestan, der Bucharei, so
gewinnt das Bild einer reisenden Stadt einen wesentlichen Vorzug, gegen
das traurige Einerlei unserer festen dumpfen Wohnplätze. Welch ein
heiteres, gesundes, an mannichfacher Abwechslung reiches Leben, unter
Zelten, auch in der kultivirten Welt! Grade hier könnten die Künste ja
seine Bequemlichkeit so erhöhn. So schützte z. B. das Tränken mit
elastischem Harz die Leinwand gegen Nässe. Im Winter lagerte man
zwischen Bergen, die die rauhe Luft abwehrten, bei Wäldern, um keinen
Mangel an Feuerung zu leiden. Camine lassen sich gar wohl in Zelten
anbringen, oder man gräbt in dieser Jahreszeit sich etwas in die Erde.
Im Frühjahr bezöge man anmuthige Höhen, den Anblick der Naturverjüngung
ins Weite zu genießen, und nicht durch die viele Feuchtigkeit belästigt
zu sein. Der Sommer würde an See- oder Stromufern hingebracht, Kühlung
und Bad in der Nähe zu sehen -- -- doch es tönen so viele Aber entgegen,
daß man gern von dem Traume endet.
Perotti wurde nun in einen Vorsaal des Zeltes geführt, der wohl
erleuchtet war. Die Leibwache der Heldin schimmerte in leuchtenden
Kürassen, denn Gigi hatte zu viel Geschmack, Krieger mit rothen,
weissen, gelben Lappen herauszuputzen, und so unkräftig wenn sie nicht,
wie die Europäer, die feiger gegen die Last einer heilsamen Trutzwaffe
sind, wie gegen den Schuß einer Flinte oder Stich und Hieb der
Seitengewehre.
Nachher gelangte man in das innre Zimmer. Auf einem erhöheten Polster
saß Gigi, angethan mit einem mehr männlichen als weiblichen Nachtkleide,
von ausgewählter Eleganz. Ueber ihr Gesicht hing aber ein dichter
Schleier nieder. Nur ein Helldunkel war verbreitet, also konnte man die
Umrisse der Gestalt nicht deutlich erkennen.
Wie nennest du dich? fragte sie, mit einer Stimme, in der sich eine
erkünstelte Veränderung wahrnahm.
Perotti antwortete mit verstellter Sprache: Ich heiße Mehemed.
»Von welchem Lande der Caffern bist du?«
Von der Halbinsel Morea.
»So -- -- Renegat, oder als Muselmann geboren?«
Als Muselmann geboren.
»Du fandest Gnade bei Sultan Kuku?«
Er vertraut mir Geschäfte.
»Die Sultanin sandte dich zu ihm?«
Sultanin Nene.
»So -- -- werden Kuku und Nene sich versöhnen?«
Sultan Kuku ist grausam und wild, sanft und gut, voll von störrischem
Eigensinn, und gefälliger Nachgiebigkeit. Man kommt ihm schwer und
leicht bei.
»Welche Züge aber wirken hier ein?«
Die freundlicheren. Alles ist ausgeglichen, bis auf ein oder zwei Köpfe
-- --
»Was? -- wie? -- Ein oder zwei -- wie --«
Köpfe von Caffern. Lange hat Nene einen verweigert, und das kostete
Tausend von schwarzen. Nun aber wird sie wohl --
»Wird sie -- was, was?«
Der Klugheit nachgeben, wenigstens einen, wo nicht beide Köpfe senden.
Gigi sank etwas auf ihren Teppich zurück. Der Beduin fuhr heraus: Nein,
nein, das wird sie nicht!
Perotti, der ohne Aufmerksamkeit sichtbar zu machen, alles scharf
wahrnahm, fuhr nachläßig fort: Freilich wird es ihr hart angehen, am
meisten bei Osmann. Dieser liebt sie und liebt beglückt.
Perotti log hier höchst unverschämt, doch hatte er Gründe.
Gigi machte eine abermalige Bewegung des Schreckens; der Beduin rief:
Lüge, Verläumdung! hielt aber bald wieder an, und sagte ruhig und
freundlich: Unsre Sultanin bittet dich, ihr in ihren Absichten
beizustehn. Der Dienst, welchen du ihr leistest, wird das Maas deiner
Belohnungen bestimmen.
Perotti versetzte mit Lebhaftigkeit: Der Thatenruf Gigis hat mir lange
schon Bewunderung auferlegt, ihre Nähe begeistert mich, reißt mein
Gemüth hin in ihre Sklaverei. Sie gebiete.
Ist es dein Ernst, rief die Fürstin, so sinne auf Mittel, Mustapha und
Osmann lebendig in meine Hand zu liefern.
Schnell setzte der Andere hinzu: Gewisse Kunstfertigkeiten, die beide
besitzen, und die sonst in diesen Gegenden nicht zu finden sind, machen
der Sultanin diese Männer so theuer.
Und wo sollen diese Kunstfertigkeiten wuchern? fragte Perotti nach
einigem Bedenken, und fuhr fort: Schon fielen die von Habesch in Gigis
Land. Ein Feind steht hier vor ihr, der sich täglich verstärkt, und die
Kunst der Schlachten übt. Zwischen zwei Angriffe gepreßt, kann sie
leicht Thron und Land einbüßen.
Gigi fiel ein, obgleich nicht ohne Stocken: O dagegen bürgt mein
Schwert.
Der Beduin sagte: Daß du zeitig entdeckest, was uns gefährlich
überraschen soll, beweist Treue an dir. Aber schon sind wir
unterrichtet, daß neue Feinde in unserem Rücken auftreten, und Anstalten
dagegen sind vorgekehrt.
Perotti ging einige Schritte auf und nieder, dann brach er aus:
Sultanin, die Zeit ist kurz, du mußt mich vor Anbruch des Morgens
zurückbringen lassen, oder das Verständniß wird offenbar, dein Getreuer
hole mich aber in der folgenden Nacht wieder ab. Bis dahin werde ich
überlegt haben, was zu deinem Nutzen geschehen kann.
Dies war man zufrieden, und entließ den Italiener, den schnelle Rosse
wieder in Kukus Lager brachten, wo Niemand ihn vermißt hatte.
Gegen die Mitte der folgenden Nacht holte ihn der Beduin auf die vorige
Art ab, und die Heimlichkeit der Ausführung gelang vollkommen. Da er nun
wieder im Gezelt erschien, hub er an:
Sultanin, ohne Zweifel hörtest du von dem inneren felsenumschlossenen
Darkulla.
Es soll das schönste Land der Welt sein, versetzte Gigi.
Dort, fuhr Perotti fort, dort müßte Gigi herrschen, und das Paradies der
Natur würden bald die gewähltesten Zaubereien der Kunst schmücken. Die
Bahn der Verfeinerung ist gebrochen, deine Caffern, noch meistens am
Leben, würden unter deiner Leitung das Wundervolle darstellen, wogegen
Nene zwar hohe Entwürfe faßt, aber auch bald wieder in Ueberdruß sinkt,
und nur ein Gefühl noch im Busen trägt, das Heimweh.
Gigi hörte sehr aufmerksam zu.
Perotti fuhr fort: Und welcher unendliche Vortheil in der festen
Sicherheit des Ländchens. Eine geringe Wache am Paß, und inwendig ist
der ewige Friede nimmer zu stören. Sultan Kuku beging die ärgste
Thorheit, nur einen Fuß über die Klippengränze zu setzen. Suche dich zur
Meisterin des kleinen Paradieses zu machen. Kuku hat Schlimmes um dich
verdient. Nicht werth ist er des Köstlichen, sonst hätte er seinen
Entschluß von damals nicht geändert. Den Tod wollte er dir geben, den
Bruder unterstützte er in seinem Hohn gegen dich, er versagt deinen
billigen Anträgen, Frieden, und Entehrung würde dein Loos, so er dich
gefangen nähme. Deine Getreuen haben meistens Weib und Kind daheim. Gar
wohl nimmt das innere Darkulla diese Bevölkerung noch auf, der harte
Krieg von neulich tödtete große Schaaren, und die Fruchtbarkeit ist
ungemessen.
Die Amazonin sprach: Das innere Darkulla gehört Nene, welche durch
Schönheit, Muth und gewandten Sinn es erwarb. Könnt ich auch, wie dürft
ich sie darum bringen!
O, gab Perotti zur Antwort, Nene tritt dir mit Freuden das Reich ab. Um
ein sicher Geleit nach Egypten, will sie ja alles Kuku zurückgeben.
Vergiß deine Steppen, die wilde Nachbarn unsicher machen, die Krieger
von Habesch jetzt überschwemmen, und richte deine Absichten auf das
innre Darkulla.
Ich gestehe unverhohlen, bekam er zur Antwort, daß dein Rath mir
gefällt. Doch alle Hindernisse, die noch zwischen ihm und der Ausführung
liegen --
Besiegt List, fiel der Italiener ein. Vertraue meinen Planen.
Etwas schnell entgegnete Gigi: O viel wäre auf deine List zu bauen,
könnte man deiner Redlichkeit gewiß sein.
Der Beduin sprach: Zwischen unserm Lager und dem schönen Lande steht
Kukus Heer, in dem wohlvertheidigten Felsenneste, das nicht anzugreifen
ist.
Doch nicht lange mehr, erwiederte der Italiener. Bald wird er zum Kampf
hinausstürmen. Schlägt ihn Gigi, dann ist der Weg offen, und durch den
Paß bringe ich sie.
Wie aber, wenn ich geschlagen werde? fragte die weise Heerführerin.
»Das muß nicht geschehn. Kuku muß fallen. Ich werde machen, daß ein
hohes weisses Fähnlein getragen wird, wo er sich beim Kampfe aufhält.
Dahin mögen deine Schützen unverdrossen zielen. Sind sie demungeachtet
nicht glücklich, denke ich selbst -- im Gedränge -- ein behender
Dolchstich macht kein Aufsehn -- und sank der Führer, ist gemeinlich das
Heer verloren.«
Nein, pfui, nein! schrie Gigi heftig. Nur in guter Schlacht will ich
siegen, nicht durch Verrath und Meuchelmord des Feindes.
Du bist ein Ungeheuer! Weg von mir!
Perotti erwiederte kalt: Wenn mich Bewunderung dir so ergeben machte,
daß ich selbst das Zürnen deines Edelmuthes nicht fürchte, so ist es die
Schuld deines Ruhmes. Und wußte ich ein ander Mittel, die Caffern zu
retten --
Die Caffern! die Caffern! rief Gigi mit Bewegung. Höre Mehemed! Meine
Schlacht mit Kuku laß mich kämpfen, und sein Leben sei dir theuer. Kann
deine List mich aber nach gewonnenem Siege in den Paß führen, nehme ich
sie an und lohne sie reichlich. Erobere, denke ich, man durch List, wenn
der Eroberung, des Landes Heil folgen soll. Tödten aber nimmer. Würde
ich aber geschlagen -- geschlagen --
Dann gieb dich getrost an Kuku gefangen.
»Wie, du hast behauptet, mein Loos würde beklagenswerth seyn.«
Doch meinen Einfluß auf ihn nicht genannt. Ich werde ihm rathen, dich
als Sklavin an Nene zu senden, und du wirst dort eine Freundin finden,
die willig dir ihren Thron räumt. Du findest deine Caffern dort --
»Meine Caffern!«
Ich werde ihm vorstellen, nur so könne er Nenes Liebe gewinnen, sie
vermögen, in Darkulla zu bleiben, an seiner Seite, wenn du ihr als
Sklavin -- doch mit zarter Achtung vor aller Welt Blick behandelt -- zur
Stelle abgeschickt -- -- du magst verstehen --
Gigi eine Sklavin! Wie keck der Caffer mit Einbildungen spielt! Der
Gedanke könnte ihm wo anders das Haupt kosten, rief der Beduin.
Gigi lächelte aber, und beschenkte vorerst den Italiener. Käme das
Schlimmste zum Schlimmen, rief sie, bleibt mir mein Ring mit dem
rettenden Tropfen. Sonst mag die Zeit entscheiden, wie ich von Mehemeds
Hülfe Gebrauch machen kann.
Hier wurde er entlassen, und wie in den vorigen Nächten zurückgebracht.
Der Beduin redete noch Zeichenverständigung mit ihm ab, und sagte beim
Abschiede: Nur Verrath lasse dir nicht einkommen, sonst bin ich es, der
ihn straft.
Viertes Kapitel.
Die gelieferte Hauptschlacht.
Perotti lag Kuku mit Vorstellungen an, in jedem Fall Nene ziehn zu
lassen. Dann, sprach er, bist du deines Landes zwischen den Felsen am
sichersten. Wer stände sonst ein, daß sie dir, wenn du zurückgekehrt
wärest, nicht die Herzen wieder entzieht, denn sie ist eine große
Zauberin. Gieb mir einige hundert Mann, und Briefe an die Herrscher,
deren Land zwischen hier und Egypten liegt, daß sie sicher bis zur
Gränze reisen kann. Ich geleite sie und komme dann wieder. Eben jetzt,
da du der eigentlichen Hauptschlacht entgegen siehst, ist der Gedanke
wichtig. Denn träfe dich Unheil, könntest du ohne Sorge Rettung finden.
Der Sultan that, was die Sultane nicht immer pflegen, er gab Gründen
Gehör. Allein im Lager und unter dem fortwährenden Waffengetöse, hatte
seine Leidenschaft, so heißafrikanisch sie auch ursprünglich war, an
Feuer abgenommen. Ziehe sie hin, hieß die Antwort, ich werde dir die
Krieger geben.
Dann, versetzte Perotti, sendet sie dir auch gewiß aus Dankbarkeit die
Köpfe. Es ist ein eigensinnig Gemüth, aus Zwang will sie nichts, alles
mit Freiheit thun.
Er empfing nun dreihundert wohl gewaffnete und berittene Neger, die die
Weisung hatten, ihm unbedingt Gehorsam zu leisten. Auch die Briefe
fehlten nicht. Sein Plan war nun, Gigi zu bewegen, daß sie ihr Heer
verließ, um eine Reise nach dem innern Darkulla zu machen. Die
Sehnsucht, ihre Caffern zu sehn, meinte er, würde sie leicht den
Entschluß ergreifen lassen. Er theilte dem Beduinen, welcher in einer
der folgenden Nächte wieder bei ihm erschien, den Plan mit. Grade da die
Unterredung statt hatte, nahte auch Musa dem Zelte. Er hörte gedämpfte
Stimmen, verhielt sich ruhig, und lauschte. Nichts Zusammenhängendes
konnte er verstehn, doch aber sahe er ein, wie ein Verständniß mit Gigi
angezettelt war, und so viel war ihm wohl deutlich geworden, daß Gigi
nach dem innern Darkulla kommen sollte. Ha, Mehemeds Rache! dachte er.
Leicht konnte er Lärmen erregen, und den Treulosen wie den fremden
Späher verhaften lassen. Doch urtheilte er, das könne vielleicht noch zu
keinem vollen Lichte führen, da beide Theile hartnäckig läugnen würden.
Er nahm sich daher vor, auch in künftigen Nächten aufmerksam zu sein,
und die Unterredungen näher zu behorchen. Gleich aber schickte er am
Morgen einen Eilboten an Nene, mit der Warnung, ja auf ihrer Hut zu
sein, und den Paß noch zu verstärken. Denn Gigi würde sie vielleicht zu
bekriegen suchen.
Es kam aber zu keiner weitern Unterhandlung zwischen Perotti und Gigi,
denn eine Stunde, nachdem Musas Eilbote weggeeilt war, langte auch einer
bei Kuku an, den der Feldherr von Habesch abgefertigt hatte. Er brachte
die Botschaft, daß man eine Abtheilung der Beduinen geschlagen habe, und
nun dichte im Rücken Gigis stehe. Zugleich erfolgte die Einladung,
sofort anzugreifen, und das Versprechen, kraftvoll und nachdrücklich den
Kampf zu unterstützen.
Kuku gab also seine Befehle, und Perotti blieb mit seinen Negern in der
Nähe, um den Ausgang des Tages abzuwarten.
Allgemein war bald die Schlacht, und hartnäckiger wie je eine in Europa
geliefert wurde. Gigi ließ ihre Reuterei einbrechen, ehe noch Kukus
Truppen gehörig entwickelt waren. Bei jener herrschte aber der Gebrauch,
den Pferden die Ohren zu verstopfen, und die Augen zu verbinden, damit
weder das Getöse der Schlacht, noch der Anblick widerstehender Reihen
und gefährlicher Waffen sie schrecke. Nur das Gefühl blieb ihnen, und je
näher an den Feind, je mehr empfanden sie des muthigen Reuters Sporn,
wogegen in einem gewissen andern Welttheil der antreibende Stachel immer
weniger, und der wuthmäßigende Zügel immer mehr gebraucht werden soll.
Vorgestreckte Lanzen, wenn gleich noch einmal so lang, wie die
Bajonetflinte der Europäer, galten diesen Beduinen ein lächerliches
Hinderniß, denn hart an der Spitze, ließ der vorderste Reuter sein
wohlgeübtes Pferd einen mannhohen Satz machen, und zerbrach beim
Niedersenken die Stangen, indem die Träger zu Boden geworfen wurden,
oder es wurde auch das Thier aufgeopfert, und mit seiner durchbohrten
Brust angerannt, um dann einen unfehlbaren Streich zu führen. Dann
sprang sein Hintermann über ihn. Allein die Neger waren auch gegen
solchen kühnen Angriff bereit. Sie schreckte der Anblick der Vermessenen
nicht, noch weniger kehrten sie um, weil das grade der Reuterei den Sieg
in die Hände geben heißt. Jeder trug zwei Lanzen, was ja auch recht wohl
angeht, da die freigebige Natur den Menschen mit zwei Händen versah.
Eine hielt er niedrig, die andre hoch, eine zum beliebigen Aufspießen
des Pferdes beim graden Anrennen, eine beim Sprung. Daß ihn die Gewalt
des Thieres nicht hinwarf, unterstützten ihn die Kameraden. Sonst war
eine Lanze dem Pferde, die andere dem Reuter zugedacht. Auch wenn
demungeachtet die Linie gebrochen wurde, verzagten diese Neger nicht.
Sie wußten, daß es nur einen leichten Griff nach dem Beine des Reuters
kostet, um ihn über das Pferd zu werfen, ein Griff, den der Mangel an
Fassung sonst so selten wagt. Ein gelenker Mann kann auch schneller aus
dem Wege springen, als das Pferd ihn niederwirft. Des Reuters Stiche und
Hiebe sind ungewisser, als die des Fußgängers. Wie bald ist das Thier
hingestreckt. Die Neger krümmten sich gern unter seinen Bauch, wo sie
vor dem Reuter geschützt waren, und stachen es so mit einem Messer
nieder. Andre sprangen über den Schweif desselben, und warfen den
durchbohrten Feind über den Kopf, wodurch sie das Pferd gleich
behielten. Die neuen Stücke des Kuku taugten gar wenig, der Materie und
dem Bau nach, versagten vielfältig den Dienst, sprangen und verletzten
die eignen Leute, waren schwierig von der Stelle zu bringen, das Pulver
hatte schlechte Kraft, statt der Kugeln wurden auch Steine genommen, bei
denen wenig auf sichern Schuß zu zählen war. Demungeachtet leisteten sie
weit mehr, wie da, wo sie ganz vortrefflich sind, die Kanoniere aber in
großer Entfernung zu schießen beginnen, wo nur sehr selten getroffen
wird, und je näher der Feind kömmt, je ungewisser sie zielen, endlich,
wenn sie ihm das Weiße im Auge sehn, davonlaufen. Im letztern Abstand
fingen die Darkullaner erst zu feuern an, aber so kaltblütig, so ihr
Ziel fassend, daß sie nimmer fehlten. Doch hatten die Beduinen sich
wieder darauf eingerichtet. Sie sprengten in schmalen Kolonnen
pfeilschnell daher. Zuvor wurde das Loos gezogen, welche Reuter die
ersten sein sollten. Diese bekamen denn ein Ehrenzeichen, und die
Zusicherung eines hochrühmlichen Grabes. Dies Loosziehen war darum
Nothwendigkeit, weil Jeder der Vordere, Niemand hinten sein wollte.
Ueber die Gefallenen setzte die Schaar unaufgehalten fort, und in wenig
Minuten befanden sich die Uebriggebliebenen zwischen den Stücken. Die
Beduinen suchten gern ihren Feind in die sogenannten Flanken oder Seiten
der Reihen anzufallen. Leicht führten sie auch vermöge des Eilflugs
ihrer Pferde die Bewegungen aus, die zu einem solchen Zweck leiten
konnten. Aber der Sultan von Darkulla, Kriegern mit eisernem Sinn
gebietend, sah gar keine Gefahr, wo Europäer verzweifeln. Die Truppen
standen immer doppelt dick an den Enden. Wie eine Linie sich zeigte,
gingen sie selbst auf diese los, durchbrachen sie als Colonne, und indem
sie sich zu beiden Seiten wandten, bekämpften sie nun zwei Flanken der
Angreifenden.
Wo so geschlagen wird, glänzen schöne Rückzüge nicht, sondern der
Kämpfer Tod endet nur die Schlacht. Gigi führte Ueberall in die
schlimmste Gefahr. Kuku zeigte sich an der Spitze, wo der Streit am
hitzigsten war. Vielleicht hätte man ohne Entscheidung fortgemordet,
allein die Truppen aus Habesch rissen die Schaale nieder. Gigi hatte
sich ihre Zahl nicht so groß vorgestellt und nur eine geringe Abtheilung
entgegen gesandt.
Diese war durch die Menge überwältigt worden, und zugleich so umzingelt,
daß keine Nachricht von dem üblen Erfolg zu der Gebieterin dringen
konnte. Selbst wurden einige Beduinen Verräther, und berichteten
fälschlich einen günstigen Erfolg. So sahe Gigi endlich eine sehr große
Anzahl neuer Feinde in ihrem Rücken, und da sie nun urtheilte, der
ungleiche Kampf könne nicht mit Vortheil geführt werden, so gebot sie
selbst ihren Haufen, sich zu zerstreuen, und nannte einen Ort an der
Wüste, wo man sich wieder sammeln wollte. Sie selbst spornte ihr Roß, um
diesen Ort so bald wie möglich zu erreichen.
Auf diesem Ritte aber ward ihr Pferd tödlich getroffen, sank, und die
Amazonin fiel einem nacheilenden Negerhaufen in die Hände. Schon riß sie
den Ring vom Finger, um das Leben zu enden, doch fiel ihr in diesem
Augenblicke Perotti ein. Wie, wenn er es treu meinte, dachte sie bei
sich, zum Sterben ist es immer noch Zeit. Sie gab also das Vorhaben auf,
und den Negern ihr Schwert zum Zeichen der Ergebung.
Sie wollten ihr den Ring nehmen, sie sagte aber: ihr seht, er ist ohne
Werth, aber das Andenken einer Zauberin. Ich will ihn euch zehnfach
bezahlen. Das wurde geglaubt, und Gigi nach Kukus Zelt gebracht.
Dort ertönten aber Jammer und Klage. Die Siegsgesänge schwiegen traurig,
und alles lief erschrocken und trostlos umher, denn eben zu Ende der
Schlacht hatte Kuku eine tödtliche Wunde empfangen, an der er ohne
Hoffnung auf dem Teppich lag. Die Generale jubelten indeß auf, da sie
Gigi bringen sahn, auch erhob sich der Sultan ein wenig bei dem Anblick
der überwundenen Feindin, allein Freude und Leid hatten mit ihm ihre
Rechnung gemacht. Kaum hörbar, rief er Perotti, der auch zugegen war.
Mehemed, sprach er, bringe diese Gefangene zu Nene, ihr gehört all mein
Land außen und innen der Gebürge, ich bitte sie es nicht zu meiden, sie
beherrscht es weise.
Hier starb der Sultan. Perotti warf sich mit heissen Thränen auf seinen
Leichnam, und dennoch hatte er selbst den Sultan hinterrücks verwundet.
Der Arme kam um, wie es von Gustav Adolph und Carl XII. vermuthet wird.
Desto eher glaubte Perotti seine Absichten durchzusetzen. Er wollte nun
auch über alles beim Heere gebieten, das ließen aber die alten Männer
nicht zu, sondern errichteten einen Rath, der bis auf Weiteres die
Angelegenheiten leiten sollte. Sie zeigten auch schlechte Lust, Nene zu
gehorchen, welche hier viel getadelt ward, und Perotti ließ das Vorhaben
in ihnen erwachen, selbst einen Sultan zu wählen, welches einer in den
anderen bestärkte.
Der Rath beschloß noch, den Rest der Beduinen aufzureiben, und Sultan
Kukus Leichnam in das Felsenland zu schicken, um dort neben Tata
begraben zu werden; denn den Wunsch hatte der Verstorbene einst
geäußert.
Perotti sah noch bei der ihm anvertraut gewesenen Kasse möglichst zu
seinem Vortheil, dann machte er sich mit den zugetheilten Reutern, und
der schönen Gefangenen auf den Weg. Er hatte sie in dem Zelte des
Sultans nun ohne allen Schleier gesehn, und kein Zweifel bestand mehr,
wer sie sey.
Fünftes Kapitel.
Perottis vernichtete Anschläge.
Zwei Tagereisen ging es dem Felsenlande zu. Er ließ Gigi mit aller
Bequemlichkeit reisen, ihr ein prachtvolles Zelt geben, und hohe Ehre
beweisen. Sich selbst zeigte er aber nicht, doch den Sklavinnen, die ihr
auch zur Aufwartung gegeben waren, schärfte er ein, sie kräftig über ihr
Schicksal zu trösten, und sie zu versichern, Nene würde ihr die
Herrschaft abtreten. Eine aber unter den Sklavinnen hatte er auf seine
Seite gebracht.
Gigi wußte nicht, ob sie den Zusicherungen Glauben beimessen sollte,
schwebte in verlegener Unruhe, und wagte die ersten Nächte keinen
Schlaf. Endlich aber behauptete die Natur ihre Rechte, sie streckte sich
ein wenig auf einen Teppich, und gebot den Frauenzimmern, sie, wenn
irgend Jemand nahte, sogleich zu wecken. Die Verrätherin aber nahm den
Augenblick wahr, entfernte unter einem ersonnenen Vorwande die übrigen,
und zog, wie Perotti ihr aufgetragen hatte, Gigi den Ring leise vom
Finger. Vor großer Ermüdung war ihr Schlummer ungewöhnlich fest, und sie
bemerkte den Raub nicht. Am Morgen, da man schon Anstalten zum Aufbruch
machte, stellte die Sklavin ihre Beute dem erwachten Perotti zu.
Sogleich schrieb dieser einen mit Spott und Bitterkeiten erfüllten Brief
an Nene. »In meiner Gewalt stand es,« sagte er in diesem Briefe, »dich
nach Egypten, nach Europa zu bringen, denn ich gebiete Dreihundert
Reutern unbeschränkt, und besitze Sicherheitsbriefe, allein du hast mich
durch Verbannung von meiner Stelle, durch Kaltsinn gegen meine Liebe
gehöhnt, und nun magst du ewig unter den Negern bleiben. Denn kein
Geleit werden dir die Darkullaner außer dem Gebirge geben, die dich
hassen, und die meine Rache selbst aufmunterte, sich einen andern
Gebieter zu wählen.«
Dem sogenannten Osmann schrieb er Worte, welche ihn auch auf das
bitterste verwunden konnten, und schickte einen der Neger mit den
Briefen ab.
Nun wurde aber sogleich sein Weg verändert, und der nach Egypten
eingeschlagen. Die Reuter wußten von Kukus Befehl, Gigi in das innre
Darkulla zu bringen, nichts, sondern hatten nur Weisung, Mehemed zu
gehorchen, was solche Menschen denn blindlings thun.
Gigi saß auf ihrem Dromedare, noch kein Unheil ahnend, da kam Perotti
lachend herangeritten, und rief: »Nach Egypten zieht die Karavane. Die
stolze Königin der Beduinen schläft diese Nacht in Perottis Zelt.
Endlich werden Recht und Klugheit siegen!« Er sprengte weg.
Sie gerieth außer sich vor Schrecken, wollte den Ring vom Finger reissen
-- er war dahin. Sie wollte sich von dem Dromedar hinabstürzen, man
hielt sie ab, und hinderte jeden Ausbruch ihrer Verzweiflung. --
Der Leser lasse sich gefallen, daß die Szene des Romans wieder in das
innre Darkulla verlegt werde, und wende den Blick einstweilen von
Perotti und Gigi.
Flore hatte unterdessen von Perottis Unterhandlungen vieles gehofft. So
wenig sie auf seinen Charakter baute, meinte sie doch, auch er würde
wohl des Lebens unter den Negern müde sein, und gern nach der Heimath
zurückkehren. Das mußte ihn denn bestimmen, alles zur gemeinschaftlichen
Abreise einzuleiten.
Es währte aber lange, ehe eine befriedigende Nachricht einlief, Flore
theilte sich unterdessen mit Alonzo und jenem treuen Neger in die
Regierungsgeschäfte, deren sie aber mit jedem Tage müder ward, denn mit
jedem Tage drangen mehr Bitten und Gesuche auf sie ein, weil des Volkes
Begriffe so erweitert worden waren. Stolz und Habsucht forderten überall
Ehrenstellen und Reichthümer, und wie konnten sie immer befriedigt
werden. So häuften sich auch die Klagen, da der Verbrechen immer mehr
ins Leben gerufen wurden. Oft gedachte Flore der Worte ihrer alten
Räthe, wenn sie sie damals schon verlacht hatte, und sahe ein, daß: wie
einmal die menschliche Natur angethan ist, Monarchengewalt, verbrüdert
mit der heiligsten Religion des edelsten Willens, dennoch _keine
Glückliche zu erschaffen vermag_. Nein, nein, in der Mansarde des Palais
Royal wäre mirs besser, wie in diesem Pallast, dachte sie, denn es ist
unter andern mit dem Glücke auch, wie mit dem Regenbogen, nur wenn er
vor oder hinter uns steht sehen wir ihn, mitten darin nicht.
Es giebt bei dem allen Gemüther, welche in der Volkserziehung große
Ausdauer zeigen, wie z. B. Numa Pompilius, (nachdem Romulus, den die
Sache etwas zu langweilen begann,) den kühnen Entwurf eines neuen
Reiches geboren, und die Riesenschritte eingeleitet hatte. Flattersinn
geht bald in eine gewisse Philosophie über, die zwar weise Wahrheit
genug in sich trägt, allein der anhaltenden Arbeit nicht frommt.
Genug, Flore war des Regierens müde, und harrte ihrer Erlösung. Da kam
der Eilbote Musas an, durch welchen der Dschelab kund thun ließ, Mehemed
übe Verrätherei, und wolle wie es schien, Gigi in das Innre von Darkulla
führen, um Nene zu bekämpfen, und vom Thron zu werfen. Das letztere
klingt auch dem hart, der freiwillig vom Thron zu steigen gewilligt
wäre. Des Thrones Höhe durchglüht mit einem gar empfindlichen Stolz, und
die Lear, oder Carl V würden gleich ihre volle Gewalt entgegnet haben,
wenn Jemand in dem Augenblicke, da sie das Szepter niederlegen wollten,
es ihnen zu entwinden versucht hätte. So empfing Flore auch kaum jenen
Bericht, als sie Alonzo zu sich rufen ließ, und ihm aufgab, zur
Sicherheit des Landes doppelt zu sehn.
Das geschieht ohnehin, gab er zur Antwort, es ist nicht nur der Paß wie
immer besetzt, sondern es steht auch noch ein Heer nahe an demselben
bereit. Der Treue, welcher es anführt, meint: Kuku könne, auch Friede
heuchelnd, Arges im Schilde führen, und man müsse deshalb unter den
Waffen sein.
Von Kuku fürchte ich nichts, versetzte Flore, doch Gigis wegen seid auf
eurer Hut. Sie könnte jenen schlagen, und dann zu uns eindringen wollen,
und ihre Rache wegen der vorenthaltenen Caffern, die Unschuldigen
empfinden lassen.
So verstrich einige Zeit, bis das Gerücht einlief: Kuku habe in einer
großen Schlacht das Leben verloren. Bald darauf erfuhr man, sein
Leichnam würde nach der Hauptstadt gebracht werden, weil der Verstorbene
ein Grab neben Tata gewünscht hätte. Dem Gerücht folgte eine förmliche
Meldung, denn der Offizier, welcher den Leichnam geleitete, sendete zum
Paß voraus, und begehrte Eingang. Es wurde bei Floren angefragt, und
diese beschloß, mit Alonzo selbst dem Zuge entgegen zu reisen, und begab
sich zur Gränze. Diese Ehrenbezeugung geschah, um das Volk noch mehr zu
gewinnen, denn seine Gunst ist bei allem, was man vorhaben mag, wichtig.
Sechstes Kapitel.
Fortsetzung.
Der Zug hatte mit dem Leichnam einige Tage außerhalb warten müssen, da
Flore ankam. Sie wollte ihm zuerst auf der innern Gränze ein Todtenopfer
darbringen.
Schon in einiger Entfernung kam ihr ein wohlgekannter Beamter entgegen,
der ihr von dem letzten Willen des Sultans Nachricht gab. Die Sultanin
konnte nicht anders, wie sich wahrhaft gerührt dabei zeigen. Der Neger
setzte anhänglich hinzu, das Erbe außerhalb der Felsen mögte dir
vielleicht streitig gemacht werden. Vornehme Krieger, von denen einige
durch Heirathen ihrer Väter mit dem Sultansstamme verwandt sind, zeigen
sich schwierig, und der Caffer Mehemed selbst redete ihnen zu, einen
Rath niederzusetzen, der vermuthlich aus ihrer Mitte ein Oberhaupt
wählt. Doch giebt es auch eine Parthei für dich, und nach der dir so
eigenen Kunst, die Herzen zu gewinnen, wirst du auch da wohl
durchdringen. Floren reizte diese Aussicht wenig, doch empörte sie die
Falschheit des treulosen Perotti, welche sie vernommen hatte. Noch
erfuhr sie, daß Gigis Truppen sämmtlich zerstreut wären, und die Feindin
selbst ihr würde gefangen eingeliefert werden. Du hast die Gelegenheit
deiner Rache bald in der Hand, setzte jener Neger hinzu, denn Mehemed
bringt nach einem Auftrage Kukus die Gefangene.
Alles wünschte Floren Glück zu so vielen günstigen Ereignissen, mit
kluger Politik aber erwiederte sie: das alles tröstet meinen Kummer über
des edlen Kuku Hintritt nicht.
In geringer Entfernung vom Felsenpaß sahe sie das Heer, von dem Alonzo
ihr gemeldet hatte. Darf der Führer sich dir nahen? fragte letzterer.
Und warum nicht, erwiederte sie, schon lange wünscht ich ihn zu sehen,
der sich meinem Anblick entzog, und dem ich den Sieg über Tata verdanke.
Ein Wink Alonzos, und der Führer ritt heran. Froh überrascht rief die
Französin: Coutances! Ihr? ihr lebt? Ich glaubte dir manche Unruhe zu
ersparen, sagte Alonzo, wenn du ihn todt, und seinen Kopf dem Sultan
überliefert wähntest.
O meine Ahnung! versetzte Flore, wohl habe ich ihn unter den Lebenden
vermuthet. Es gab eine Szene großer Freude, von allen Seiten.
Wohlan, nahm Flore wieder das Wort, nachdem sie Coutances herzlich
begrüßt und ihm gerührte Dankbarkeit erwiesen hatte, wohlan meine
Freunde, nun mögen diese Krieger auseinander gehn, denn keinen Feind
fürchten wir mehr.
Viele davon zerstreuten sich auch sogleich; doch einen Theil davon,
behielt Coutances noch beisammen, um die Begleitung des Leichnams zu
machen.
Jetzt gab man am Felsenpaß das Zeichen, dem Zuge den Weg zu öffnen, und
die Wache ließ die Brücken nieder. Doch wurde in der großen Sicherheit,
worin man sich befand, die Masregel versäumt, welche sonst in der
Gewohnheit war, nämlich einen Theil der Ankömmlinge zuvörderst über die
erste Brücke zu lassen, und diese sodann wieder aufzuziehn, ehe die
folgende erhoben ward, und so von einer zur andern. Das Gefolge des
Leichenzuges war bekannt und nicht zahlreich genug, um von ihm, hätte es
auch tückische Absichten genährt, etwas zu fürchten; sonst entdeckte
sich außerhalb der Felsen Niemand, die Brücken sanken also alle nieder,
langsam und feierlich ging der zusammenhängende Kondukt fort.
Flore wartete seiner, in tiefer Trauer, von ihren Höflingen umgeben; in
einiger Entfernung standen Truppen mit gesenkten Waffen und rührten ihr
dumpfes Spiel. Feierlich war die Anordnung.
Alonzo gab auf den Zug wenig Acht, sondern hatte sich während der Zeit
zu Coutances begeben. Was meint ihr, sprach er zu diesem, wird eure
Landsmännin noch daran denken, diesen reizenden Aufenthalt zu verlassen,
nachdem sie hier so sicher, und keine Feinde mehr fürchtend, thronen
kann?
»Vermuthlich dennoch. Ein geheimer Zug ins Vaterland zieht sie
unwiderstehlich an. Und vielleicht kann sie ihm nun um so eher folgen.
Denn was hindert sie nun, eine starke Bedeckung auszuwählen, und mit
dieser ihre Reise anzutreten?«
Hm -- wer weiß, wäre das Volk dabei gleichgültig. Es dürfte die
Regierung nicht gern wieder verändert sehen, weil das nicht ohne
Erschütterungen erfolgt.
»O da helfen Erdichtungen.«
Ich gestehe offen, daß ich gern den übrigen Abend meiner Tage hier
verlebte.
»Auch ich. Jemehr die Spuren der Barbarei ausgetilgt werden, jemehr
verdient dies Land den Namen eines Paradieses.«
Bewerbt euch um die Liebe eurer Landsmännin. Großen Anspruch habt ihr
auf ihren Dank. Das Volk wünscht sie vermählt zu sehn. So ist ihr Sein
an Darkulla zu fesseln. Ich deutete schon oft bei ihr dahin.
»Ich? Ihr wißt -- -- nein, nein!«
Ihr denkt immer noch an Isabellen, und das rührt mich innig. Allein sie
schlummert im Grabe. Ihr seid jung. Denkt an die Prophezeihung, ihr
würdet hier den Thron besteigen.
»Wie, an die Prophezeiung?«
Hier wurden sie durch den Anblick eines Getümmels unterbrochen, das sich
da erhob, wo die Sultanin betend kniete, indem grade der Leichnam an ihr
vorüber kam. Dies Getümmel war mit einem wilden unverständlichen
Geschrei begleitet, und Alonzo und Coutances spornten ihre Thiere an, um
dahin zu eilen.
Die Ursache dieser Bewegungen war folgende:
Langsam war der Kondukt durch den Paß gegangen, und wie das Ende
desselben dem innern Ausgang nahe war, sahen die Wachen mit Schrecken
und Befremdung, daß ein Trupp Beduinen vorwärts sprengte, um sich daran
zu schließen. Man wollte abwehren, zu spät, sie hatten sich dieser
Gelegenheit, einzuschleichen, mit vollem Glück bedient, schon waren die
vorderen über alle Brücken, ein zahlreicherer Schwarm drang nach, die
Wachen sahen sich geworfen, und jene dehnten sich im Innern aus.
Alles flüchtete in einen nahen Wald, Coutances flog zu den Truppen, um
sie heran zu führen. Er war aber zu schwach bei der Gegner Menge, mußte
vorerst auch auf einen Rückzug bedacht seyn, um die jüngst Zerstreuten
in einer vortheilhaften Stellung zu sammeln. Unter dieser Zeit wuchs die
Zahl der Beduinen immer stärker an.
Flore berathete mit Alonzo. Ohne Zweifel meinte dieser, sind diese
Reuter von dem geschlagenen Heere Gigis, und sie treibt wilde
Abentheurerei umher. Es ist großer Unfug von ihnen zu fürchten, wenn
hier nicht kräftig widerstanden wird. Man traf also alle Anstalten, ein
zahlreiches Heer in kurzem beisammen zu haben.
Da die Zerstreuten noch keinen weiten Weg zurückgelegt hatten, so fanden
sie sich, nachdem ihnen Boten nachgeschickt waren, bald wieder ein, und
Coutances konnte daran denken, dem Feinde die Spitze zu bieten. Flore
und Alonzo blieben beim Heere, theils, um die Tapferkeit aufzumuntern,
theils weil der Weg zur Hauptstadt durch die herumschwärmenden Feinde
unsicher gemacht war. Von den Anhöhen, auf welchen nun Coutances die
wieder zusammen gebrachten Truppen ordnete, erblickte man bald darauf
die jetzt auch in regelmäßige Schlachtordnung gestellten Feinde, die
durch die Ebene zum Kampf heranzogen. Coutances rückte ihnen entgegen,
und bald standen die Heereslinien in einer geringen Entfernung von
Einander.
Ein Herold erschien vor der Mitte, und gab das Verlangen nach
Unterhandlung kund. Coutances ritt ihm mit Bedeckung entgegen, und
fragte, was den Haufen so vermessen machte, in dies Land zu dringen?
Der Herold erwiederte: Bist du Feldherr?
»Ich bin es!«
Sultanin Gigi fordert dich auf, die Waffen zu strecken!
»Diese Aufforderung darf mir Niemand thun. Aber deine Sendung, Herold,
beginnt auch noch mit einer Lüge. Gefangen ist deine Sultanin.«
Dorthin wende den Blick. Die hohe Gestalt mit der weissen Feder auf dem
Helm ist Gigi. Willst du kämpfen, so sind wir bereit. Aber noch soll ich
dir vorschlagen, von beiden Theilen die Waffen ruhn zu lassen, bis Gigi
Bothschaft an deine Sultanin geschickt hat.
»Nicht fern ist sie von hier. Sie soll durch mich erfahren, was an sie
zu bestellen ist. Doch ihr Räuber wollt nur Zeit gewinnen. Schon zu
lange hauset ihr hier. Von Kuku schon seit ihr geschlagen. Vor mir
streckt das Schwerdt, oder keiner wird lebend davon kommen.«
Nicht mögt ich wagen, dies an Gigi zu bestellen. Mache aber erst deiner
Sultanin kund, was ihr Gigi sagt: »Ich komme in dies Land, Wohnplätze
für mein Heer zu finden. Es giebt deren noch genug hier. Gieb mir meine
mir lange verweigerten Caffern, vor allen Mustapha und Osmann, von denen
ich weiß, daß sie noch leben, dann wollen wir friedlich zusammen wohnen.
Gleich zum Zeichen des freundlichen Willens muß aber das Heer mir die
Waffen liefern, und dann auseinanderziehn.«
Coutances war nicht wenig verwundert. Der Antrag, erwiederte er, ist
Nene nicht zu machen. Wer würde auch mit treulosen Beduinen einen
thörigten Bund eingehn. Die Caffern, wovon du sprichst, befinden sich
wohl unter dem Szepter ihrer edlen Gebieterin.
Indem kam Flore selbst herzu, und vernahm den Antrag des Herolds mit
Verwunderung. Ich begreife nicht, rief sie, wie mir von Gigi eine
Sendung zukommen kann, die ich gefangen weiß; wäre es aber, so sage ihr:
sie soll ihre Krieger die Waffen niederlegen lassen, und sich selbst mir
als Geissel übergeben, dann sage ich Freundschaft und Wohnplätze zu. Wo
nicht, so entscheide das Schwert.
Der Herold eilte kopfschüttelnd hinweg, und kehrte nach einer Stunde
wieder. So entbietet meine Herrin der Sultanin von Darkulla, sprach er:
Mich jammert des Blutes, das in dieser Fehde strömen soll, doch giebt
mein hoher Sinn nicht nach, und räumen kann ich dies Land nicht mehr,
denn das meinige ging verloren, und überlegene Feinde harren draußen
meiner. Es mag aber der Feldherr des Heeres sich gegen mich in tapferem
Zweikampf stellen, ich bin bereit, in Person das Schwert gegen ihn zu
ziehn. Sinkt er, so gebiete ich im innern Darkulla, trifft mich der Tod,
sind meine Beduinen Nenes Sklaven.
Ich nehme die Ausforderung an, schrie Coutances. Flore wollte abmahnen.
Laßt mich, laßt mich, versetzte er, um so unblutiger wird die
Entscheidung nahen. Er wartete nicht erst ab, was die Sultanin aufs Neue
einwenden wollte, sondern spornte den muthigen Barbarhengst, und flog
vor die Linie hinaus.
Gigi von der andern Seite, ersah ihn kaum, als auch ihr Thier
angetrieben wurde. Kaum schien sein Huf den Staub zu berühren. Der
Reiterin Schwerdt glänzte im Schein der heissen Sonne, hoch wallte der
Federbusch an ihrem Helm empor.
Beide kamen sich näher. Gigi trug einen Wurfspieß in der rechten Hand,
und wußte so fertig damit umzugehn, wie ein Beduin. Da sie nun aber auf
funfzig Schritte heran war, rief sie: Wie? kein Neger, ein Weisser führt
dies Heer? Wohlan, Europäerwaffen! Sie schleuderte den Spieß hin, und
zückte einen breiten Degen. Coutances hatte den Griff des seinigen schon
in der Hand, und hob ihn hoch über den Kopf, einen wüthenden Streich
damit auf die Gegnerin zu führen.
Bis auf wenige Sprünge sind sie sich nah, da blicken sie einander an,
und in plötzlicher Erstarrung reißt jede linke Hand den Zügel zurück,
jede rechte läßt die Waffe sinken. Dennoch stehen die Rosse dichte
zusammen, weil der Sprung sich nicht jähling anhalten läßt. Bald darauf
eilen beide, hinab vom Sattel zu kommen, und sinken sich in die Arme.
Die Heere, in deren Angesicht das vorgeht, staunen, Flore, wenig von den
Kämpfern entfernt, sagte zu Alonzo: Coutances umarmt die Feindin, er ist
ein Verräther, oder -- oder --
Kein Verräther! ruft dieser aus, und flieht bestürzt zu dem Paare. Da
sprengt auch von jener Linie ein Beduin herzu. Auch mir eine Umarmung,
ruft Alonzo, die stattliche, mehr herangewachsene schöner gewordene
Heroin erkennend, auch mir Isabelle, und reißt sie Coutances weg. Da
greift der Beduin in des Franzosen Hand. Erinnerst du dich des Mannes,
Frank, dem du in der Wüste das Leben rettetest? Ich sagte dir Lohn zu,
endlich kann ich zahlen. Coutances fiel ihm an die Brust.
Flore, die von fern die umarmende Gruppe sah, eilte auch hinzu, da
stellte Alonzo die Tochter, Coutances die Geliebte, Gigi Vater und
Geliebten vor, daß jeder Funke der Kriegesflamme erstarb. Daß die
Weiber, welche durch das Gerücht schon lange Antheil aneinander genommen
hatten, auch sich in den Arm fielen, ahnet der Leser schon, aber es
sollte die Gruppe noch dichter werden. Denn von der andern Seite kam
Musa, einen Esel führend, worauf ein sehr gebrechlich scheinender
Kranker saß. Es war Perotti.
An dem Fleck, wo der Zweikampf hatte vor sich gehen sollen, wurde ein
prächtig Zelt aufgeschlagen, worin die Gesellschaft Erfrischungen nahm,
und sich ihre Begebenheiten mittheilte. Beide Heere traten zu einander
über, und wurden köstlich bewirthet.
Siebentes Kapitel.
Erläuterungen.
Wie kam aber Gigi, die Gefangene, zu Freiheit und Heeresmacht? Das sind
wir bereit zu erzählen.
Der Leser entsinnt sich, daß der dankbare Imar zugesagt hatte, des
Franken Edelthat zu lohnen. Er sah wohl ein, daß es nur durch Gigi
geschehn konnte, und verlor sie nicht aus dem Gesicht. Ihr
heldenmüthiger Charakter griff kräftig in die Begebenheit, da er sie
durch die Flucht befreit hatte, und ihre alle Beduinen bezaubernde
Schönheit, gab ihr die Gewalt über die Herzen und den Herrscherstab in
die Hand. Denn die wilden unstäten Krieger hatten das Weib nur verhüllt,
schwach und ängstlich gekannt, die alles für sich gewinnenden Reize, die
kühne unternehmende Natur der trefflichen Spanierin, durch die viel
eingewebte Romantik ihres Schicksals entwickelt, kamen ihnen wie etwas
Zauberisches vor, und sie erblickten eine Seherin, eine Prophetin in
ihr. So viel vermögen Schönheit, Kraft, Verstand!
Da sie nun ihre Plane zur Kultur des eroberten Landstrichs entwarf, die
freilich poetischer empfunden, als genau auf die mögliche Ausführbarkeit
berechnet waren, sollte Imar ihr auch den Vater und Geliebten zur Stelle
schaffen. Daher seine Reise nach Egypten. Doch war ihm strenge
untersagt, ihren europäischen Namen kund zu thun, sie wollte eine Szene
des unerwarteten Erkennens vorbereiten, ob sie schon nicht glaubte, die
Verkettung würde dahin gedeihn, daß sie noch einst dem Geliebten im
Zweikampf gegenüberstände. Dies war auch so ein romantischer Sinn. Wir
wissen nun, warum Imar jederzeit ein Geheimniß barg, selbst mußte er
Isabellens Tod behaupten, so prüften sich auch Treue und Anhänglichkeit.
Uebrigens zog er häufige Nachrichten von den beiden Lieben ein, war auch
selbst im innern Darkulla, wenn es schon, wie wir wissen, nimmer
gelingen wollte, sie zu den Beduinen zu bringen. Imars Vater starb
unterdessen.
Da nun endlich die Unterhandlung mit Perotti angeknüpft, und die
Schlacht verloren war, sollte dieser bekanntlich die Gefangene an Floren
liefern. Imar aber sammelte von den zerstreuten Beduinen einige Tausend
Mann, und zog mit diesen in einiger Entfernung neben Perotti her, der
auf seinem Wege genau beobachtet wurde. Jener hatte sich auch eine
Unterredung mit Musa möglich gemacht, und weil dieser sich unerkannt
unter Perottis Gefolge mischte, gegen den er seinen alten Haß trug, so
empfing Imar von des Italieners Beginnen jede Nacht Kunde. Der
veränderte Weg, und die trotzig rohe Sprache desselben entgingen ihm
also ebenfalls nicht.
Als er nun an jenem Tage, wo er sich seiner ganz werth betragen, den
Marsch vollendet hatte, und die Zelter aufgeschlagen waren, ließ er
Isabellen zu sich bringen, hohnlachte: Du bist, wenn du schon einem
Volke gebotest, meine Sklavin, und endlich will ich afrikanische Rechte
an dir gültig machen. Die Arme wollte verzweifeln, daß sie sich nicht
den Tod geben konnte. Er spottete frech. Eben ging es so weit mit dem
ruchlosen Beginnen, als Waffenlärm und Mordgeschrei draußen ertönten.
Der Himmel erbarmt sich, sendet mir Rettung, rief Isabelle. Rettung
erwiederte Imar, der eben mit Musa ins Zelt stürzte. Die Beduinen hatten
die Neger überfallen, und sich zu Meistern der Dinge gemacht.
Man trug Sorge für die schwer Geängstete, aber Perotti kam diesmal nicht
mit so gelinder Strafe davon, wie er es bei anderen Unthaten gewohnt
war. Der Araber behandelte ihn im Geschmack des Landes. Die böse Lust
soll dir vertilgt werden, rief er. Eine Art Chirurgus begleitete ihn,
der auf dem Fleck, und mit rascher Geschicklichkeit eine Operation an
dem Italiener vollzog, wie man sie in seinem Vaterlande zum Behuf der
Musik, und in den muselmännischen Reichen, der Haremssicherheit wegen
kennt. Es versteht sich aber, daß Isabelle damals das Zelt schon
verlassen hatte.
Ihr alter Muth kehrte ihr bald zurück, und der Rath, sich nach dem
innern Darkulla zu wenden, fand Gehör. Musa wußte, daß Sultan Kukus
Leichnam durch den Felsenweg würde gebracht werden, und Imar baute
darauf den listigen Anschlag, mit hineinzudringen.
Der Bote, den Perotti abgeschickt hatte, war unterwegs von Beduinen
aufgefangen worden, und langte darum nicht bei Floren an, wenn seine
Briefe schon destomehr Licht über des Italieners Vorsatz warfen.
Isabelle hätte nach dem inneren Darkulla eilen müssen, auch, wenn sie
das Herz nicht dahin zog, denn Uebermacht hatte schon die Beduinen
ausgemittelt, und verfolgte sie. Doch einmal durch den Weg, zog man die
Brücken auf, und wachte so sorgsam, daß nichts weiter zu befürchten
stand. Das Uebrige wissen wir.
Achtes Kapitel.
Die neuen Freundinnen.
Isabelle bat Floren jetzt dringend um Vergebung, daß sie mit listiger
Gewalt in ihr Reich gedrungen war.
Diese lehnte die Höflichkeit auf das artigste ab, entschuldigte den
Schritt durch den Zug des Herzens und den Drang der Umstände.
Isabelle machte das Kompliment: Wie Flore nur befehlen sollte, und sie
wäre bereit, gleich wieder hinauszuziehn.
Flore machte das Gegenkompliment: wie sie ihr unendlich vielen Dank zu
sagen hätte, denn ihre Ankunft gewähre ihr das Glück, einer lange
sehnlich gewünschten Bekanntschaft.
Isabelle dankte für ihre Güte, und sprach: wenn ich bleiben darf, werde
ich mich und meine Beduinen ganz unter eure Befehle stellen. Ihr seid
Herrin!
Flore antwortete: Seid es mit mir! Wohnplätze giebt es genug, und die
reizendsten von der Welt. Noch um eine zwiefache Zahl kann das innre
Darkulla bevölkert werden, seitdem die letzten Kriege so viel Leben
raubten. Nun blühe der Oelzweig immer. Tragen wir nur Sorge, daß
Harmonie unter den beiden Nationen besteht. Ist irgendwo der schöne
Traum des Abt St. Pierre zu verwirklichen, so laden die Dinge hier dazu
ein.
Diese sinnigen Gegenartigkeiten führten zum Wechselvertrauen, und dies
bald zu großmüthiger feuriger Freundschaft. Flore redete davon, wie sie
es bald bei den schwarzen Machthabern im äußeren Darkulla dahin bringen
wolle, daß alle Beduinenhaufen, welche noch zerstreut umherschwärmten,
ungehindert in das Felsenland gelassen würden, wie auch die Weiber und
Kinder in den noch übrigen Lägern. Das erweckte allgemeine Freude unter
den Arabern. Dann schlug sie vor, bald nach der anmuthigen Hauptstadt zu
eilen, womit Isabelle sehr zufrieden war. Von dort, sprach Flore, leitet
sich alles wegen der Ansiedlungen am besten, ich kann euch auch
anständiger bewirthen, und dann -- vor allen Dingen -- ein Geschäft, bei
welchem ich auch die Sorge mit Niemand theilen werde -- vor allen Dingen
muß ich Anstalt zu einem hohen zärtlichen Feste treffen, das doch wohl
bald gefeiert werden wird. Nicht wahr, schöne Isabelle?
Isabelle lächelte hoch erröthend. Coutances schlug die Augen nieder,
eine Bewegung, welche ein Franzos nicht leicht macht, er müßte denn
wahrhaft verliebt seyn.
Da das innre schöne Darkulla von vielen Teichen und kleinen Seen
durchschnitten war, die durch Ströme und Kanäle verbunden wurden, so
bediente sich das Sultanshaus zu Reisen, die eben keine Eile hatten,
einer schwimmenden Insel, wie es deren auf den Gewässern viele gab. Sie
waren nicht, wie in China, künstlich verfertigt worden, sondern die
Natur selbst hatte Stücken Torfmoor vom Lande getrennt, durch Winde war
nach und nach mehr Erde hinauf geweht, wie auch Saamenpflanzungen. Wer
sich ein so liebliches Eiland zugeeignet hatte, machte es durch
schattige Bäume, edle Früchte, Lauben von Blumen und Trauben noch
lieblicher. Eine inländische Gattung von Schwänen, sehr empfänglich für
Unterricht, wurde erzogen, diese kleine Inseln, an die man sie mit
Guirlanden von Lotosranken band, gemächlich fortzurudern.
Nichts entzückender wie so eine Reise. Man schifft sich ohne alle Sorge
für Unterhalt ein, von Bäumen aller Farbe, mit Blumenduft jeder Art
bewillkommt. Am Fuße dieser Bäume verflechten sich erquickende Melonen,
Bignonias, saftige Trauben ranken von Zweig zu Zweig hinauf, und bieten
dem Pilger freundliche Labe dar. Grotten, Wölbungen und Hallen, bildeten
Gesträuche mit Blumengewölken überhangen. An den Zweigen, die sich
liebkosend zu den Wellen beugen, zieht man köstliche Meerspinnen,
Austern, und andre buntfarbige Schaalthiere hinauf, in dem dichteren
Geflechte fanden die Reisenden ohne Mühe die erlesensten Gattungen der
Fische. Auf den balsamhauchenden Wipfeln der Bäume setzt sich Geflügel
aller Art, das der Gefahren nicht gewohnt, kaum nachlässig weghüpft,
wenn eine menschliche Hand ihm naht, man würde also auch thierische
Nahrung nach Bedarf finden. Allein die ganze Empfindung ist den
Wanderern zu harmlos gestimmt, als daß sie tödten könnten. Frommen
Braminen gleich, dienen nur Früchte zu ihrer Nahrung, und so gewürzhaft,
so in Fülle des reinsten Nahrungsstoffes, wie diese sind, würde auch ein
Lukull, wenn er von den Schatten wiederkehrte, hier vergnügt sein, für
seine Pfauenzungenragouts entschädigte ihn eine Cocosnuß mit einem
Gemisch aller öhligten balsamischen Fruchtkerne und edler Würzen, das
hier sogleich anzufertigen ist, und seinen Falerner, unter Consul
Torquat gepreßt, würde er vergessen, wenn er hier eine nektarische
Traube in eine Muschel drückte.
Das Eiland, welches Flore hier zur Reise bestimmte, glich ungefähr an
Umfang und Gestalt der Remusinsel in Rheinsberg, nur daß die südlichen
Früchte dort prangten. Wer also zu Rheinsberg war, kann sich ein desto
vollkommneres Bild von jener entwerfen, und urtheile, ob Flore,
Isabelle, Alonzo, Coutances, und die treuen Diener bequemen Platz darauf
fanden. Der Untreue sollte im Anfange nicht mit, fand aber hernach
Milde, wie der Verfolg darthun wird.
Ende des sechsten Buches.
Potpourri.
Glossen über eine Weisung des Jesuiten
Balthasar Gracian.
»Elegante Gelahrtheit, diese vor allen Dingen suche der ächte Weltmann
sich anzueignen. Kunde von den Gegenständen der Zeit, Witz im gültigen
Augenblick, angenehme Wendungen; sie vollenden, zeichnen aus vor der
Menge, Alltagsform. Bisweilen bringt eine hingeworfene Deutung, eine
leichte feine Geberde mehr Eindruck zu Wege, als der tiefe Unterricht
weiser Lehre. Die Kunst der Unterhaltung wucherte Vielen reichlicher,
wie die gesammte Ausbeute der sieben freien Künste.
Alcid errang mehr Triumphe durch sein Betragen, wie durch den
Heldenmuth. Der Kraft, welche seinen Lippen entfloh, wich jene, womit er
die furchtbare Keule schwang. Hier tilgte er rohe Ungeheuer, dort schlug
er edle Geister in Banden. Es giebt eine gewisse freundliche Hofmanier,
eine gewisse trauliche glückliche Kennerschaft, welche allenthalben
beliebt, allenthalben gesucht machen. Doch nicht das Buch, nicht die
Schule erziehen dir diese Bildung. Sie muß im Tempel des guten
Geschmacks, auf der Bühne des höheren verfeinerten Lebens geärndtet
werden. Ihre lieblichen Geistesblüthen sind -- Allgemeine Vertrautheit
mit den Weltereignissen -- mit dem Ton des Tages -- die Gabe fein zu
beobachten, bei den Großthaten der Fürsten, den seltsamen Verkettungen
des Geschicks, dem Unbegreiflichen in der Natur. Ein Register sammelt
sie von der reinsten Poesie in den Dichtungen, des Antheilwürdigsten im
Neuen, des Gedachtesten in der Philosophie, des Treffendsten in der
Satyre. Sie kennt die moralische Angeln, um welche sich das Leben dreht,
die Tiefen der Vernunft, der Leidenschaften Gewalt und Schwäche des
Willens, am gründlichsten aber die Individualität derjenigen, welche
eben in dem Trauerlustspiele der Welt die Hauptrollen geben. Jeden ihrer
Charakterzüge verzeichnet ihr aufmerksamer Fleiß. So unterrichtet sie
sich von der räthselhaften Eigenheit dieses Monarchen, von dem
befremdenden Widerspruch, in welchem jener Große mit sich selbst steht,
von Schwäche des andern; mittelst dieser prüfenden seelenkundigen
Zergliederung, lernt sie den Schleier von der Wahrheit, und ihr Urtheil
über die Dinge heben. Ganz besonders aber halte sie ein Kabinet von
kernhaften Aussprüchen, sinnigen Anekdoten, schneidenden Einfällen,
Witz, Scherz und Laune. Man kann sich das alles, man kann sich die
Sentenzen eines Philipp II, die Apophthegmen eines Carl V, so
haushälterisch einspeichern, daß die Geistesgegenwart jede Unterhaltung
kräftig zu würzen vermag. Doch bei dem Gebrauch des fremden Geistes
wache Vorsicht. Nicht immer gefällt noch, was einst gefiel. Die
Ansichten sind verrückt, oder auch die Grazie ging in der Zeit unter.
Dem Reize der Neuheit seine Huldigung. Wer alt Silber losschlägt, muß
den Arbeitslohn einbüssen. Nicht genug, daß der Diamant strahle, die
Mode darf auch nichts gegen seine Fassung einwenden. Pedanten und Orbile
bemächtigen sich der verjährten Schöngeisterei.«
So weit _Gracian_. Man fühlt wohl, daß er ein Ideal zeichnet, denn
wirklich dürfte ihm kein Künstler im Weltton vorgekommen sein, der diese
Forderungen sämmtlich erfüllt hätte. Ueberhaupt bedienen sie alles oder
nichts. Mehr wie ein Menschenleben, das anhaltendste Zeitopfer,
gänzliche Abgeschiedenheit mögten nöthig sein, ihnen im vollen Sinn
nachzukommen. Und wo bliebe denn die Praktik des Umgangs, wo wäre
anzuwenden, was der Forscher erbeutet hätte. Aber einen, da -- wo die
Kritik nicht fühlbar ist -- glänzenden Schimmer ins Leben zu rufen, wird
hier eher gelehrt. Geschieht alles so obenhin, daß der Glaube für sich
gewonnen wird, so ist die ganze Weisung auch das Reskript zu einem
ächten ^Ex omnibus aliquid, ex toto nihil^.
Und so ist es gewiß von Hundert Weltmännern gebraucht, und mit Erfolg
gebraucht worden. _Gracian_ wurde besonders in Frankreich oft aufgelegt
und beliebt, denn in Spanien mogte die Zeit, für welche solche Regeln
taugen, ziemlich vorüber sein. In Frankreich waren sie aber unter Ludwig
XIV, dem Regenten, und Ludwig XV. recht an ihrer Stelle.
Doch mit Ludwig XVI. veränderte sich die Szene. Das Hofleben, und der
Ton der französischen Residenz, nahmen, bis auf wenigen geheimen
Intriguengeist, einen einfacheren Charakter an. Die ernsthafter
gewordene Literatur trug das ihrige dazu reichlich bei. Wie die
Montesquieu, J. J. Rousseau, Rainal gelesen wurden, galt das _Wissen_
bei Männern, nicht mehr sein Schein, so wie um diese Zeit der
flatterhafte Stutzer in den solideren Elegant überging. Es ist
merkwürdig, daß Mercier in dem _alten_ Gemälde von Paris, über die
letzte Anwesenheit Voltair's in der Hauptstadt sagt: Er hätte während
der dreißig Jahre, wo er Paris nicht gesehn, den Ton der Gesellschaft
verlernt, die Sucht: ^de paroître ingenieux à chaque instant^ habe
Befremdung erregt. Allerdings hatte sich die Würdigung des Menschen
gewaltig verändert, und eine so armselige Weisheit konnte nicht mehr
gefallen. Und Voltaire hatte sie selbst kräftig verdrängt.
In der Revolution schrie die Noth um Kraft, und fand sie. Ihr Impuls zum
schnellen bedachten Handeln, zur Selbstbeherrschung, zur Ergebung in die
Nothwendigkeit, zum eiligen epikurischen Erfassen der Freude, wenn sie
sich einmal darbeut, und zur stoischen Geduld im Leiden, ist sichtbar
auf jeden Franzosen abgeprägt, er ist durchaus der Mann der That
geworden, der Mann des Schimmers kann nicht mehr gedeihn, er hat
wahrlich mehr Melancholie im Charakter aufgenommen, wie der Britte, und
jene angenehm faselnden mit Epigrammen glänzenden Marquis, mit der
bunten Außenseite einer Erudition, wie Gracian sie will, finden sich
schon lange nicht mehr in Frankreich.
Aber der Deutsche, gern und verspätet den Nachbarn jenseit des Rheines
nachäffend, hat manches von jenem alten Ideal gerettet, da es dort schon
untergegangen war. An deutschen Höfen sahe man genug, wenn gleich
verunglückte Kopieen jenes Originals, und da mit dem Haß der
französischen Staatsumwälzung, dort und hie Deutschheit affektirt wurde,
zeigte man Vorliebe für vaterländische Geisteswerke, und das Zeichen der
Vielbelesenheit kam in Gebrauch. Elegants und Damen mußten gelehrt
scheinen, wenn sie Anspruch auf den Ton des Geschmacks machen wollten.
So haben wir denn nun den Schimmer des Wortes von den Franzosen
eingetauscht, und die That von Ehedem dafür hingegeben.
Aphorismen.
Wo Geniemangel fühlbar wird -- es gilt von Fürsten, Völkern, Individuen
-- suche man dagegen Wahrheit zu erkennen. Nur auf diesem Wege ist
einiger Ersatz für die Entbehrung zu finden.
* * * * *
In der Familie lieben Eltern die Kinder ohne Ursach, diese, welche
Ursach hätten, jene wenig. Umgekehrt lieben im Staatsverein die Kinder
das Vaterland, und werden nicht geliebt.
Der Großstädter, den sein Luxus ermüdete, kann das Köstliche im
Landleben nicht mehr umarmen, seine Kraft ist dahin, so wie der
Landmann, der spät in die Residenz kömmt, seine Kraft nicht mehr so
zerstören kann, bis er diejenigen Freuden der Verfeinerung, deren Genuß
Schwäche bedingt, in sich aufzunehmen vermögte.
* * * * *
Liebe für alte Gewohnheiten, ist meistens nur Trägheit, sich in neue zu
fügen.
* * * * *
Den Beinamen: Groß, verdient ein König, der mit einem Volke von geringen
Fähigkeiten kühne Unternehmungen vollbringt; er kömmt einem Volke zu,
wenn trotz der Mittelmäßigkeit seines Regenten die Angelegenheiten
vortheilhaft gehn.
* * * * *
Willst du Ehre -- ehre!
Siebentes Buch.
Erstes Kapitel.
Beginn der Reise.
Schon am Ende des sechsten Buches war die Rede von dem schwimmenden
Reiseeiland, das unsre Europäer in Afrika tragen sollte. Sie begaben
sich nach dem Ufer, da saß Perotti bleich und matt, er war bereits
vorangegangen. Flore und Isabelle, da sie an ihm vorüber schritten,
errötheten und sahen weg, Coutances warf einen Blick des höchsten Zornes
auf ihn, und Alonzo fragte finster: was er da wolle?
Mich mit einschiffen, gab er zur Antwort. Das Gefolge legt den Weg auf
Eseln zurück. Mein Zustand fordert Bequemlichkeit.
Wie frech seid ihr aber, euch hier noch vor den Fürstinnen zu zeigen. Zu
viel Mitleid und Großmuth, daß sie nicht die Todesstrafe über euch
verhängten. Verbergt euch, daß man euch gar nicht bemerkt, der Gedanke
an immerwährenden Kerker dürfte doch ganz nahe liegen.
»Man kann mich nicht ungehört verdammen. Wir treiben hier alle
Abentheurerei. Das Geschick erhebt, wie es eben fällt. Den Mangel an
Recht muß die Klugheit ersetzen, und klug handelte ich immer, nur nicht
mit dem Glücke im Bund. Nach dem Recht ist Isabelle meine Sklavin, ich
fordere Todesstrafe für Imar und Musa wegen der Gewaltthat, und gewiß
vergebens, denn es wird jenen freundlich geschmeichelt. So ungerecht ist
man, und will mir Haß aufbürden. Flore hat mir für alles, was sie wurde,
Verbindlichkeiten. Wenn ich sie damals von Musa nicht loskaufte, war es
nur eine billige Rache für ihren leichtsinnigen empfindlich verwundenden
Spott. Dadurch bestieg sie den Thron. Ich rettete ihr Leben, und wurde
meines Amtes entsetzt. Wars nicht recht, daß ich ohne sie nach Europa
entfliehen wollte?«
Coutances fing an Mitleid zu fühlen, Flore hatte etwas von seiner
Rechtfertigung gehört, Imar und Musa baten vor, man war überall heiter
gestimmt, und so durfte er denn das Eiland mit besteigen, und die Männer
sorgten für seine Pflege.
Coutances sprach: Dankt dem Himmel für das, was Imar an euch thut. Nun
ist mein Zorn entwaffnet, sonst hättet ihr den Dolch längst im Busen
gefühlt.
Hm -- erwiederte Perotti -- es ist damit auch so gar übel nicht. Wem die
Liebe entrissen wird, dem geht ein Kelch vorüber, der oben mit holdem
Nektar, unten mit dem herbesten Gallentrank gefüllt ist. Wer unter euch
berühmt sich, nicht eine Rechnung mit Amor schließen zu können, wo Wonne
und Verdruß rein aufgehen. Und die sind noch die Glücklichsten, viele
haben für eine Minute der Extase, Jahre von Pein und Reue zu zählen.
Alonzo, Imar und Musa schwiegen, aber der feurige hoffende Coutances
übernahm sehr beredt Amors Vertheidigung. Eine reine, treue Liebe,
triumphirend in Hymens Tempelhallen, wird doch mit Entzücken schwer die
Waage heben.
Ha ha ha ha! lachte der Italiener, als ob sich das nicht auch berechnen
ließ. Tausend Meilen hoch in den Aether hinauf, reiche die Leiter, auf
deren höchsten Stufe du jetzt stehst, so wirst du doch nach Tausend
Genüssen, wenn nicht ehe, wieder auf der platten breiten Erde stehn.
Also hast du jeden Genuß mit einer Meile schmerzlichem Verlust bezahlt.
Erfahre, erfahre nur zuvor!
Nun, sagte Alonzo, so haben wir dir mindestens eben so viel Glück zu
wünschen, als wie dich beklagen, und solltest du nicht minder Minister
werden, ist dein Anspruch auf die Oberhauptstelle der Eunuchen
vollkommen gerecht.
Zweites Kapitel.
Fortsetzung.
Man war eingeschifft, die Schwäne zogen. An der einen Seite stand eine
wunderschöne Laube, von tausend Blumenzweigen geflochten. Hier nahmen
Isabelle und Coutances Platz, und waren gar nicht da wegzubringen, so
viel hatten sie sich zu sagen, so wenig kümmerte sie, was weiter um sie
vorging, so ganz gnügten sie sich nach Art der Liebenden. Bald erzählten
sie einander von der traurigen bangen innigen Sehnsucht, die sie
gefühlt, wie sie vom Wiederverein wachend und schlummernd geträumt, wie
sie unter den Sternen des Nachthimmels Zeichen der Liebe gesucht, aus
den Mondstrahlen, die durch die Cocospalme winkten, Hieroglyphen der
Liebe geflochten, im Liede der Luftsänger Gruß der Liebe vernommen
hätten; dann schwuren sie sich wieder, daß die Phantasie, welche die
reitzendsten Gottheiten der Griechen erfand, die Heiligen, welche den
Himmel offen gesehn, nicht die Wollust empfunden hätten, welche sie nun
empfänden, wieder beisammen zu sein. Ein Theil freute sich über den
leicht gefundenen schönen Ausdruck des andern, und seine hochfliegende
poetische Uebertreibung, die aber den Funken der Beredsamkeit wieder aus
dem eignen Herzen schlug, daß die Hyperbeln zu Schaaren Leben traten[3].
So daß ältliche Männer, die es angehört, tödliche Langeweile empfunden
hätten, nicht aber ältliche Frauen, denn in Weibes Brust sterben die
Erinnerungen an die schöne Liebe nicht, und wecken die Theilnahme.
[Fußnote 3: Ein gewisser deutscher an Bildern vorzüglich reicher Dichter
heirathete, mit Fülle der Liebe. Doch nach kurzer Zeit -- kam es zur
Scheidung. In seinem Namen wurde folgende Elegie gefertigt:
Eh noch des Torus heilige Fakkel mir glühte,
Wehte Zephirs Athem im Blumenthale _Ciane_,
Blüthen des Schleedorns Lenzgesträuche _Ciane_,
Rankten Veilchen die zarten Gewebe _Ciane_,
Flöteten Amsel und Prognens Schwester _Ciane_,
Zitterte Luna durch dunkle Platanen _Ciane_,
Plätscherte Seeschaum an Promentous Vorland _Ciane_,
Rauschten Wogen an Lemans Gestade _Ciane_,
Flochten die Moose auf Bevais Felsen _Ciane_,
Tönte Echo in Klosterruinen _Ciane_,
Lächelten Sterne im Aetherplane _Ciane_.
Ach! da aber des Torus Fakkel entglühet,
Hymen verstrickt die rosenumdufteten Bande,
Da die Sympathie verkettet das Lichtpaar der Psychen,
Die mit Hohn der Gräber die stolzen Busen erfüllten,
Und er floh, der schönste elisischer Träume,
Ach! da braus'te der Seesturm um schroffe Klippen _Ciane_,
Heulte Orkan in nächtlichen Oeden _Ciane_,
Wimmerte Uhu aus Warteklüften _Ciane_,
Krächzten Raben um bange Kerker _Ciane_,
Flüsterten schaurig an Gräbern Cypressen _Ciane_,
Aechzten Geister im Nebelthale _Ciane_,
Sangen der Tiefe Gnomen im Hohngelächter _Ciane_,
Zürnten Bären auf Grönlands Eisflur _Ciane_,
Glimmten Lampen in Todtengrüften _Ciane_,
Thürmten Lavinen aus Schnee den Namen _Ciane_,
Flammten Schlakken im Krater Aetnas _Ciane_,
Grinzten Schädel in Murtens Beinhaus _Ciane_,
Klirrten mit Kettengeräusch Verbrecher _Ciane_,
Wanden sich Schlangen der Eumeniden _Ciane_,
Bellte Cerberus Mund mit dreien Zungen _Ciane_!]
Flore unterdessen nahm mit Alonzo mancherlei Abrede über die
Feierlichkeiten, die sie veranstalten und die Ausführung eines
Entschlusses, der den Feierlichkeiten folgen sollte. Mit Imar und Musa
wurden die Masregeln überlegt, wie die Weiber und Kinder der Beduinen
sicher hereinzuschaffen, und denn die bräunlichen und schwarzen
Einwohner so zu befreunden, und zu verbrüdern wären, daß Abneigung und
Eifersucht keinen Raum gewönnen. Musa brachte eine Sendung an die
Machthaber draußen in Vorschlag, welche eine Entsagung Florens auf die
Länder außer den Felsen kund thäte, worauf jene denn wohl zur
Willfahrung ihres Verlangens geneigt sein würden. Flore war vollkommen
damit zufrieden. Imar meinte: eine ähnliche Botschaft müsse von Seiten
der noch immer gefürchteten Gigi geschehn, und dem Reiche Habesch ohne
Vorbehalt auf andre Zeiten abgetreten werden, was ihr Schwert einst
erobert hätte, so würde man die Weiber und Kinder, welche in ihren
Händen wären, gern ziehn lassen. Flore konnte zusagen, daß Isabelle
freudig einwilligen werde, Musa und Imar erboten sich aus eignem
Antriebe, die Rollen der Abgesandten zu übernehmen, womit Flore auch
Ursache hatte, einverständig zu sein.
So verstrich die Zeit, und die blühende und fruchttragende Barke glitt
weiter auf der klaren Silberfluth. Unterhielt man sich nicht, so labten
die köstlichen Genüsse, welche das wandelnde Paradies darbot. War man da
ersättigt, schweiften die Blicke nach den Ufern umher, und einer machte
den andern aufmerksam, auf die immer erneute Abwechslung der Aussichten,
auf die Verschönerung der Gegenden, je näher es zur Hauptstadt hinging,
auf die zauberische Wirkung bald der Morgenröthe, bald der Abendsonne,
bald des traulichen Mondlichts, bald der hellstrahlenden Planeten und
großen Fixsterne, deren Licht, wegen der südlichen Klarheit der Luft,
weit verklärter leuchtete, wie im gemäßigten Erdgürtel. Und das alles
wurde von Menschen genossen, denen von Außen Freude des Schicksals
lächelte, und in deren innerer Welt die Harmonie der Zufriedenheit
tönte. Glückselige Tage!
Indessen besuchte Kaiser Joseph II. einst eine Abtei an der Donau. Das
Kloster, oder vielmehr der Klosterpallast, ist auf einer Erhöhung
gebaut, die hart an die Donau reicht. Der katholische Clerus hat
bekanntlich von jeher viel Geschmack in Anlage seiner Niederlassungen
offenbart. Aus den Wohnzimmern entdeckt das Auge eine Pracht der
Aussicht, welche jeden fühlbaren Ankömmling hinreißen muß. Joseph,
entzückt und begeistert, sagte dem Abte: Ich beneide sie! Was befremden
konnte, da es ja nur bei dem Kaiser stand, die geistlichen Herrn wo
anders zu siedeln, und ein Lustschloß aus dem Kloster zu machen. Der Abt
antwortete ziemlich trocken: man wird es gewohnt, Ew. Majestät.
So erging es, mit Ausnahme der Verliebten, auch unserer
Reisegesellschaft. Paradies, immer Paradies, ^toujours perdrix^, das
frommt endlich der menschlichen Natur nicht, und es ist daher sehr
ersprießlich, daß die Hoffnung einer himmlischen Wonne, die vermuthlich
dauernder ist, uns winkt, wenn wir einst die seligen Gefilde beziehen
sollen. Sie sahen sich also nach anderem Vertreib desjenigen, was der
Mensch widersprüchlich so heiß liebt, der Zeit, um. Besonders Flore, sie
war ohnehin derjenige Theil unter allen, den die Gegenwart am wenigsten
kettete, und der die meisten Wünsche in die Ferne trug.
Da wurde denn also Signor Perotti, der keck und unverschämt ihr wieder
nahte, mit Schwänken beliebt, und bat nicht umsonst, um die Stelle des
Reisespasmachers. Man entdeckte sogar noch manche unbekannte Talente bei
ihm, so konnte er aus der Tasche spielen, und wußte von dem, was ihm aus
der Physik bekannt war, einen so erlustigenden Gebrauch zu machen, wie
sein berühmter Landsmann, der sehr in Eifer gerieth, da ein Professor in
Berlin seine Wunder erklärte.
Unter andern mußte er denn auch Fragmente aus seiner Lebensgeschichte
erzählen, die bunt genug ausfielen. Auch mahnte ihn Flore, daß er ihr
einst habe von der Reise Nachricht geben wollen, die er in die
unbekannteste Tiefe von Afrika gethan, nach dem Abentheuer in Darfur,
Isabellen suchend. Er entgegnete: Es wurde zeither immer vergessen, da
aber die gegenwärtige Muße besonders einladet, so mögt ihr vernehmen.
Drittes Kapitel.
Perottis Erzählung.