Dem Tata schickte sie eine Botschaft hinaus, welche ihm sagen sollte:

Ihr sey es nicht zu verargen, wenn sie sich gegen Schande und

schmachvollen Tod zur Wehr setzte. Er mögte abziehn, damit kein Blut

mehr flösse, und Kuku melden, was er gesehn hätte. Wenn Kuku aber selbst

käme, dann wolle sie unbewaffnet ihm entgegen gehn, sein Herz würde sie

dann hören.

Tata ließ aber den Darkullaner, welcher die Botschaft brachte, sogleich

aufknüpfen, und erfuhr sogar nicht, was die Sultanin ihm wollte. Zu

ergrimmt war er ohnehin über den Verlust beim Sturm und sein Mißlingen,

und willigte auch bei andern Versuchen in keine Unterhandlung. Dagegen

ließ er immer wieder des Großpriesters Bericht ablesen, und immer wurde

hinzugesetzt: Darkullaner, eine höllische Gaukelei betrog euch, laßt

euch die heilige Eselin zeigen, und ihr werdet sehn, welche Missethat

die Cafferin verübte.

Das verfehlte denn doch nicht allen Eindruck, nachdem der erste

Schrecken über die Elektrizität gewichen war. Wo ist der Großpriester?

diese Frage wurde öfters gehört, man wünschte allgemeine Gebete um

Waffenglück, wo die heilige Eselin in Prozession umhergeführt, und in

die Mitte gestellt wurde.

Es erschien dieserhalb eine Bittschrift bei der Sultanin. Sie

erwiederte: Wie schon Tag und Nacht im Tempel gebetet würde, und deshalb

auch kein Priester ihn verlassen dürfe, (sie waren aber in Gewahrsam,

denn sie hatten nun doch den Zustand des Thieres gesehn, und konnten dem

Volke schlimme Dinge ins Ohr sagen) da aber die öffentliche Andacht

gewünscht werde, so könnte sie in einigen Tagen statt haben.

Bald darauf mußten die Herolde ankündigen: Die Hälfte der Bewaffneten

sollte sich einfinden, die andere auf dem Walle bleiben. Flore hatte

rund um den Eselstempel die nahen Gebäude wegreissen, und in der

Entfernung von einigen hundert Schritten einen Verschlag anbringen

lassen. Gegen Abend sammelte sich die Hälfte der Krieger, strömten alle

Weiber und Kinder aus der Stadt zu. Ein langes stummes Gebet machte den

Anfang der Feierlichkeit, dann trat Flore auf und hielt eine noch

längere Rede, indem sie bald nach dieser, bald nach jener Seite der

Schranken ging, überall ihre Worte zu wiederholen. Hauptsächlich trug

sie vor: Darkullaner, die Würde der Religion Mahomeds hat eure Herzen

gerührt, doch noch ruht des Propheten Zorn auf euch, da ihr das Joch

alter Abgötterei noch nicht abzuwerfen vermögt. Zweierlei Andacht ist

frevelhaft. Eine tadelt die Andere. Manche Noth, die seit kurzem dies

reizende Land heimsuchte, mag eine Strafe der Untreue seyn, die immer

einer Gottheit widerfahren muß. Weit entfernt sey es von mir,

entscheiden zu wollen, welche die allein wahre ist, die ältere oder die

neuere? Aber die Zeit ist gekommen, wo sich die allein wahre, durch ein

Wunder der Allmacht offenbaren will. Das sagte mir ein heiliger Traum.

Wohlan, so vereint denn eure Gebete brünstig mit dem meinigen. Wie eure

Sultanin, sinkt aufs Knie, und fleht, daß dies Wunder heute vor euren

staunenden Blicken erscheinen möge. Seht, hier steht der Tempel der

heiligen Eselin! Aus seinem Fenster glänzt der Opferlampe Schein durch

die Nacht. Dort auf der andern Seite prangt die Moschee, stattlich

aufgeführt, durch die Gefühle der Gläubigen geweiht, um dort den

Gottesdienst zu feiern, den des Propheten Coran auferlegt. Fleht, daß an

den Tempeln noch in dieser Nacht kund werde, welcher von ihnen dem

Himmel der gefälligste ist!

Alles warf sich nieder. Die feierliche Erwartung, der Fanatismus aufs

höchste gespannt. Leises Beten der Einzelnen, halblautes Seufzen, aber

in der Vielheit in der nächtlichen andächtigen Stille, schon ein

wesentliches Geräusch. Einige Zeit vergeht, dumpfe Pause folgt der auf

den Lippen und von den Busen hörbaren Inbrunst, dann tönt Florens Stimme

wieder, und die andern fallen neuerdings ein. Dicke Nacht umgiebt die

Knieenden und der Himmel ist umwölkt. Selbst die Opferflamme im Tempel

glimmt düster.

Plötzlich wird ein dumpfer unterirdischer Donner vernommen, und die

Erde, worauf die Andacht sich niederschmiegte, bebt. Dieser Donner löst

sich in ein hohles Knarren, ein gellendes Krachen, zuletzt in einen

orkanhaften Knall auf, bei dem alles aus Schrecken aufs Antlitz sinkt.

Ein helles Umleuchten. Ueberraschung mahnt aber in demselben Momente,

alle Blicke, sich wieder emporzurichten. Halbgeblendet, staunen, starren

sie nach dem Götzentempel hin, der in Trümmern zerschellt in einer hohen

Feuersäule in die Wolken steigt. Dampf, Rauch und dicker Staub

verschlingen bald wieder die Blitzeshelle, die zerrissenen Mauern sinken

aber brennend und rauchend auf den Boden zurück, Erde fällt weit

umhergeschleudert auf die Beter nieder.

_Mahomed ist Gottes Prophet!_ tönt nun eine Stimme aus der Höhe, nach

der Moschee richten sich alle Augen. Sie ist von lauter feurigen

Lichtern umgeben, kleine Flammen, Sternen gleich, steigen aus den

Minarets empor, und oben zeichnet Feuerschrift mit großen Charakteren

den Namen des arabischen Religionsstifters. Die Empfindungen der Menge

ergeben sich von selbst.

Siebentes Kapitel.

Tatas Unglaube.

Daß eine Mine den Götzentempel in die Luft gesprengt hatte, sieht

jedermann ein. Wo so leicht gebaut wird, wie in Darkulla, ließ sich in

ihrer Nähe aushalten, bei dicken Steinmauern wären wohl manche der Beter

zertrümmert worden.

Die Priester machten die Reise mit, obgleich Flore gewollt hatte, man

sollte sie retten, und irgendwo verbergen. Perotti meinte: besser sey

besser, und erklärte, als er Florens Vorwürfe hörte, er wolle alle die

Priesterseelen auf sein Gewissen nehmen.

Auch die heilige Eselin ohne Ohren ward bei dieser Gelegenheit

zerrissen, und man war der schlimmen Untersuchung überhoben. Alonzo und

Perotti tappten noch in der Nacht mit kleinen Blendlaternen umher, und

brachten die Stücke der Körper zusammen, die etwa oben auf den Trümmern

lagen, um sie zu verscharren. Der Glaube sollte meinen, alles Leben sei

hier völlig vernichtet worden.

Die Moschee erleuchtete ein Feuerwerk, von dem alle verrätherische

Ueberbleibsel auch weggenommen wurden, und damit das alles destomehr

ohne Beobachtung geschehen konnte, ließ Flore beim Sonnenaufgang, diesen

Tag dem Fasten und Gebeten widmen, denen, mit Ausnahme der Krieger auf

der Verschanzung, Jedermann daheim im Hause obliegen sollte.

Vielleicht wundert man sich, wie es Alonzo und Perotti möglich wurde, so

mancherlei Geheimes ins Werk zu richten, und die Arbeiter in der

Werkstatt zu bewachen. Aber es ist auch oben erinnert worden, wie

letztere dabei mit Leben und Wohlfahrt interessirt waren. Bei dem allen

hatte Perotti von den entlassenen stummen Kammerherrn gehört, meinte,

hier ständen sie an ihrem Platz, und berief sie ein. Sie mußten Aufsicht

über die Künstler führen, Neugierige abhalten, und wo es sonst nöthig

wurde, Hülfe leisten.

Zum Unglück aber konnte einer von ihnen schreiben, sogar etwas denken.

Er sah von den Arbeiten ab, was ihm möglich war, und überlegte, daß er

dem Bruder des Sultans mit Nachrichten über diese Gegenstände,

willkommen sein dürfte. Wenigstens lächelte er ihn an, und versicherte

ihn seiner Gnade, ein Genuß, welcher ihn, so lange er vom Hofe entfernt

war, nicht gelabt hatte.

In Tatas Lager sah man den Aufflug der Mine und die Verklärung des

islamitischen Tempels gar wohl, und die Krieger fanden sich wunderbar

durch die Erscheinungen bewegt. Ein Wispern und Flistern durchlief die

Reihen: man führe schlimmen Krieg, Gott stände dem Feinde bei. Tata

erschrack darüber nicht wenig, und wußte doch nicht, wie er den bösen

Eindruck bei seinen, und den guten bei Nenes Kriegern, den diese

unerhörte Dinge ins Leben gerufen hatten, tilgen sollte.

Da kam in der Nacht jener stumme Höfling, dem es gelungen war, aus der

Stadt zu schleichen. Die widerrechtlich eingeschlummerten Schildwachen

mußten dazu einen Todtenschlaf gehabt haben, da der Parfüm des

Vorüberschleichenden sie nicht weckte. Genug der Höfling war da.

Man reichte ihm einige Palmblätter, darauf niederzuschreiben, was er

anzubringen hatte. Einige wurden mit Artigkeiten angefüllt, dann ging es

zur Sache über, wo dem Fürsten Tata versichert wurde, wenn es ihm

Vergnügen mache, werde er, der Ankömmling, die Ehre haben, auch feurige

Erscheinungen und entsetzliche Donnerwetter hervorzubringen.

Ich dachte es, rief Tata, ich dachte es, Gaukelei liege zum Grunde, oft

habe ich gehört, daß die Caffern im Ländchen Europa mit ihrem schwarzen

Staub, Blitz und Donner machten; den Feuerschlund, welchen unsere

Krieger einst eroberten, würden wir auch laden und losbrennen können,

wenn uns der Staub nicht fehlte.

Jener klopfte der weisen Rede mit seinen Händen Beifall, und schrieb

wieder: er habe das Geheimniß abgemerkt.

Sogleich wurden ihm Handlanger in Menge zugesellt, die Gegend war an

Salpeter und Schwefel reich, man half sich mit den Kohlen so gut es gehn

wollte, und nach einigen Wochen besaß Tata einen großen Vorrath an

Schießpulver. Stand es gleich um die Mischung und Körnung desselben

fehlerhaft, war es immer geeignet, Staunen und Schreckniß unter die

Darkullaner zu verbreiten, und Florens Triumph zu stören.

In der Stadt vermuthete man gar wohl, daß den Belagerern eine solche

Kunde zugekommen sei. Denn es wurde der Flüchtling vermißt und Tata ließ

auch vor den Wällen ausrufen: er werde nächstens auch solche feurige

Erscheinungen hervorbringen, wie die Gauklerin Nene, welche die

Darkullaner schändlich betröge, und sich frevelhaft rühme, der Gottheit

Wunder erfleht zu haben. Das machte allerdings, daß die erste Stimmung

nach jener Nacht, die Floren vollkommen günstig gewesen wäre, wie eine

neue Religionsstifterin in Darkulla aufzutreten, in eine gewisse Kälte,

eine mißtrauische Bedenklichkeit, und eine gespannte Erwartung, was im

Lager vorgehn werde, überging.

Das Kleeblatt, Flore, Alonzo, und Perotti, berathete also, wie, wenn

auch Tata Explosionen mit Schießpulver zu Stande brächte, doch Vorliebe,

Bewunderung und Ehrfurcht auf dieser Seite zu erhalten, und noch

siegender als zuvor dahin zu lenken wären.

Tata ließ unterdessen einen ungeheuren Esel anfertigen. Es geschah in

einem Verschlag, daß die Ansicht der zunehmenden Arbeit nicht dem

Eindruck der Vollendung schaden sollte. Daneben war der Plan sehr klug,

einen Theil des Walles zu untergraben, und in die Luft zu sprengen. Das

sollte in der Nacht geschehen und dann der Esel mit Feuerwerksmaterie

behende auf Rollen durch die Bresche in die Stadt geschoben werden.

Alonzo, der gern etwas Genaueres wissen wollte, redete mit jenem

Darkullaner, der zuerst die treue Nachricht überbracht hatte, und bewog

ihn, im Finstern durch den Graben zu schwimmen und sich einen Tag im

Lager aufzuhalten, wo man, ihn für einen Krieger Tatas haltend, keinen

Verdacht schöpfen würde. Dann sollte er alles erspähn, und zurückkehren.

Der Neger, fest in seiner Anhänglichkeit, richtete den Auftrag zur

Zufriedenheit seiner Sender aus, und diese erfuhren Tatas Absicht

vollkommen, waren mithin auch im Stande, Gegenmittel vorzukehren.

Die Stelle des Walles, an welcher die Kluft ausgehöhlt ward, (eine

Arbeit, welche die Belagerer immer in der Nacht vollzogen, nachdem die

Arbeiter über den Graben geschwommen waren) blieb nun nicht unbekannt,

und es wäre ein leichtes gewesen, die Höhlung wieder auszufüllen, und

keinen Gräber mehr hereinzulassen. Das wollte man aber nicht, der

Triumph wäre nicht glänzend genug gewesen. Es wurde vielmehr hinter

jener Stelle ein neuer Abschnitt von einem Wall und Graben gemacht, weit

genug, daß die Kraft des im Hauptwalle entzündeten Pulvers ihn nicht

treffen konnte. Dazu legte man in der Mitte dieses Abschnittes noch eine

kleine Mine an. Zu welchem Behuf, werden wir hören.

Jetzt gedieh auch die chemische Beschäftigung mit dem Vitriol, und dem

kleingehackten Eisen mehr, und es wurde so viel brennbares Gas gewonnen,

als zu den vorgesetzten Zwecken erforderlich war.

Aus feinem gewächsten Seidenzeuge fertigten die Männer eine Hülle, die

aufgebläht die Gestalt eines Engels mit ausgebreiteten Fittigen

nachahmte. Das brennbare Gas füllte diesen seidenen Körper, und

wohlverschlossen wurde er in der Nacht an einem sehr langen dünnen

seidenen Strange in die Luft gelassen. Das Ende des Stranges war in

einem Zimmer angeknüpft, dem kein Ungeweihter nahen durfte.

Am Tage sahe niemand den Strang, weil er zu dünn war, und in einer

beträchtlichen Höhe aus dem Pallaste stieg; der Cherub hatte sich

vollends allen Augen entzogen, und schwebte hoch im Aether.

Nun kündigte die Sultanin abermals eine öffentliche Gebetfeier an, die

aber diesmal auf den frühen Morgen bestimmt war. Wie neulich mußte sich

das Volk versammeln, aber Flore zeigte sich nur von einer Zinne des

Pallastes, auf welcher sie frei stand. Hier wurde das Volk wieder ernst

aufgerufen. Die Rednerin sprach über die Tücke und Ruchlosigkeit der

Feinde, welche sie verderben wollten, wie sichtbar auch der Schutz

höherer Mächte sei; wie sie sich bemühten, sogar den Glauben wankend zu

machen, ja wie die Sultanin in Erfahrung gebracht, daß sie Teufelskünste

bereiteten, um die hohe Erscheinung verspottend nachzuahmen. So fleht

denn alle, setzte sie hinzu, daß der Herrscherin Geist von Oben

erleuchtet werde, daß sie stark und weise genug sei, des Gegners Bosheit

zu vereiteln.

Sie kniete oben, unten sank die Menge nieder. Ein langes stummes

inbrünstiges Gebet, bald von einzelnen Seufzern unterbrochen, dann ein

gemeinsamer lauter Chorus, der aus tiefen Herzen die Bitte tönen ließ.

Plötzlich vernahm man einige liebliche Akkorde, die aus den himmlischen

Gefilden herabzusteigen schienen. Alles ward still, kein Athem mehr

hörbar, denn jedes Ohr wollte die wundersüßen fremden Wohllaute trinken.

Die Blicke staunten empor in die Region des Liedes, wußten aber nicht,

wie es ins Leben gerufen wurde. Doch ein Pünktlein ward bald darauf in

der Höhe sichtbar. Ein Gestirn im reinen Blau des Morgenschimmers, wenn

schon die Sonne hoch über dem Horizonte prangt -- dies hatte noch keines

Darkullaners Auge gesehn. Doch der Punkt ward heller, größer, schien

sich herzuneigen aus den stillen Lüften. Die andächtigste Erwartung,

frommes wollüstiges Beben in jeder glühenden Brust. Doch bald kein

Punkt, kein Stern, kein Mond mehr. Ein glänzender schöner Knabe, vom

Schimmer der Verklärung umflossen, getragen durch ein leichtes

Goldgefieder, eine Harfe in der Hand. Daher tönten also die entzückenden

Melodien. Auf den Rücken warf sich alles, die Hände zur Anbetung

emporgestreckt. Keinen Augenblick wollte man im Anschauen des

himmlischen Boten versäumen.

Endlich senkt sich die Engelsgestalt auf die Zinne des Pallastes nieder,

wo Flore kniete. Sie berührt den Boden nicht, umschwebt nur der Sultanin

Haupt, und scheint ihr himmlische Kunde zu vertrauen. Bald darauf erhebt

sie sich wieder, unter der alten Göttermusik, verkleinert sich, und dann

bleibt nichts mehr den Sinnen wahrzunehmen, als ein süßer Duft, der,

seitdem die Gestalt näher kam, die Athemzüge mit balsamischem magischen

Hauche labte.

Der Leser weiß, wie die ästhetischen Gaukler verfuhren. Ein Aufrollen

des Fadens, und das Abrollen nachher, bewirkten das ganze Wunder,

nachdem die ärostatische Figur einmal in die Höhe gelassen war. Eine

Aeolsharfe, die die Gestalt trug, und einige andre auf der Zinne

angebracht, sangen mit Zephirs Beistand die wonnigen Harmonien, und

eine, aus den erwähltesten Blumen gezogene Essenz wurde reichlich

verschwendet, um mehr als einen Sinn zu bezaubern.

In der folgenden Nacht mußte aber der Engel herunter, und ward sehr

sorgsam versteckt, denn ein besonders scharfes Auge, das immer auf die

Zinne geblickt hätte, könnte doch wohl den Faden entdeckt haben. Und

_scharfsinnig_ sind die Neger, wobei man das Wort nicht in dem Verstande

zu nehmen braucht, welchen ihm eine verschobene Sprachmanier unter uns

gab.

Achtes Kapitel.

Tatas großer Plan scheitert.

Wir schweigen davon, was Flore nun den Kriegern in der Stadt war, und

wie es ein Spiel wurde, sie überall nach ihrem Willen zu lenken.

In Tatas Lager hatte man übrigens auch die Lichterscheinung

wahrgenommen, und sie dem Heerführer angezeigt. Dieser tritt aus seinem

Zelte, und erblickt im Luftraum den ungewöhnlichen strahlenden

Gegenstand. Begreifen konnte er nicht, was er sah, doch ermangelte ihm

die Fassung nicht, den Schluß zu ziehn: Wer einmal Blendwerkskünste

treibt, ist geneigt, öfter dazu seine Zuflucht zu nehmen, und was man

bei ihm Nicht Erklärbares findet, berechtigt immer, auf neuen Trug der

Art zu schließen. Sogleich ließ er den Befehl rund um die Linie ergehn:

es sollte sich alles platt aufs Gesicht niederwerfen, und nicht wieder

erheben, bis die Trommel ein gewisses Zeichen gäbe. Klüglich wollte er

hierdurch ausweichen, daß seine Leute der Anblick irre machte.

Sein Ueberläufer konnte keine Auskunft geben; nur die Bereitung des

Pulvers, nicht das chemische Laboratorium hatte er gesehn. Doch wurde

gleich beschlossen, er sollte in die Stadt zurückschleichen, um auch die

unbegreifliche Kunst abzusehn, woran er freilich nicht gern wollte.

Doch war auch für die folgende Nacht etwas Anderes vorbereitet, und Tata

hoffte um so mehr davon, als es seit einigen Wochen seine ganze

Anstrengung aufgeboten hatte. Die Höhlung im Walle war fertig, und schon

mit Pulver geladen.

Nun brachte man den mit Feuerwerksmaterien behangenen und entzündeten

Esel aus dem Verschlage. Unter dem Ruf: Mahomed ist der wahre Prophet,

aber auch der Väter Götter thronen im Himmel! ward er gegen den Wall

geschafft. Auf ein vom Feldherrn gegebenes Zeichen ward die Mine

angebrannt, und ein Stück Wall flog krachend zur Höhe, deckte auch, wie

man erwartet hatte mit der niedersinkenden Erde einen Theil des Grabens.

Noch etwas Strauchwerk zur Aushöhung, und der Esel konnte hinüber, und

hielt einen Einzug, dem des Rosses von Ilion ähnlich, wenn schon mit

minderem Glück. Zugleich mußte ein dicker Haufe mit vordringen, um den

Sturm auf die Stadt zu bestehn, während der Esel schon psychologisch

alles überwunden hätte. So hohe Aussichten eröffnete sich die Erwartung

von dem Thierlein, das freilich oft mehr gilt, wie man glauben sollte.

Darf man Kleines mit Großem vergleichen, so ist hier die Anekdote in

Erinnerung zu bringen, wie einst ein berühmter deutscher General sagte:

Meine Regimentsmusikanten taugten nicht, ich ließ sie aber fleißig auf

einem Esel reiten, und nun blasen sie vortrefflich. Ein anwesender

witziger Prinz bemerkte: _Was doch ein Esel vermag!_

Gleichwohl ging es dem Esel Tatas, wie seinen Kriegern überaus schlimm.

Diese fanden im Vordringen einen neuen Graben. Neger durchschwimmen den

wohl bald, aber ein neuer Wall mit spitzen Pfählen ausgesteckt, täuschte

die Hoffnung, weiter zu kommen, grausam. Der Raum füllte sich um so

schneller, als laut dem entworfenen Plan, die Krieger hinten dichte

aufrückten. Da nun der Raum angefüllt war, gab Alonzo das Zeichen,

_seine_ Mine zu sprengen, und es flogen Esel und Mannschaft in die Luft,

wogegen die Belagerten, die zeitig den neuen Wall mieden, nicht einen

Krieger verloren.

Der Morgen enthüllte einen Anblick voll Grausen. Mehr als Tausend von

Tatas Leuten waren dahin, zerrissenes Gebein überall herumverstreut. Der

Abschnitt spottete eines abermaligen Angriffes.

Tata beweinte die Verlornen, doch sein Muth wuchs mit dem Widerstande.

Der Ueberläufer sollte und mußte in die Stadt. Allein die Unfälle folgen

sich gern. Er wurde ergriffen und gehängt, aber an einen Galgen von

Mahagoniholz und einem parfumirten Strick. Man war auch so artig, auf

einer mit einem Pfeil hinübergeschossenen Visitencharte das traurige

Ableben zu melden.

Wohlan, rief Tata, seine Truppen anredend, an loser Kunst ist uns die

rebellische Cafferin überlegen. Laßt uns aber sehn, ob sie auch Mittel

finden wird, samt ihren treubrüchigen Soldaten, dem Hunger zu entgehn.

Wir sind zahlreich genug, jeden Eingang zu bewachen. Auch kein Reiskorn

darf in die Mauern der Stadt. Daß der Mangel bereits wüthet, ist mir

bekannt. Laßt uns hier liegen, entweder die Noth reibt sie auf, oder sie

müssen sich uns ergeben.

Neuntes Kapitel.

Vorkehrungen gegen den Mangel in der

Stadt.

Freilich sahen sowohl Flore, wie ihre Räthe, die ängstliche Lage ein,

worin sie die Entbehrung aller Zufuhr brachte.

Die Niedergeschlagenheit wegen dieses traurigen Umstandes verminderte

die Freude über die letzten Siege gar sehr.

Man hatte zwar schöne Gärten, die neben den trefflichsten anderen

Obstarten, Brotbäume, Sagopalmen, Oelpalmen, Ananas und Pisangpflanzen

trugen; auf den Teichen schwammen der Albatros, der Anhinga, der

Papagoientaucher und Pelikan; aus ihren klaren Wogen fischte man den

Zitteraal, den Paru, den Chätodon, Cephalus, den Cobitis, Polynemus, und

andre leckre Wasserthiere, wie auch die Ufer dieser Teiche, so artig

gestaltete, als fein nahrhafte Schildkröten, Muscheln und Schnecken

lieferten; aber wie mäßig auch verfahren wurde, wie enthaltsam der

Mensch im heissen Erdgürtel an sich ist, die Zahl derer, welche Anspruch

auf die Lebensvorräthe machten, stand mit diesen in keinem Verhältnisse.

Gärten und Teiche zeigten bereits merkliche Abnahme, und es wurde sogar

beschlossen, die Menagerie des Pallastes anzugreifen, die ohnehin aus

Futtermangel nicht mehr zu unterhalten war, aber freilich auch für

einige Zeit noch aushelfen konnte, denn es fanden sich ganze Ställe voll

Giraffen und Heerden von Straußen da.

Der treue Darkullaner aber sagte zur Sultanin: Wie ich zu dir kam,

berichtete ich dir, daß ein Haufe von dir ergebenen Knechten sich im

großen Dattelwalde gesammelt habe.

Alonzo fiel ein: daß ihnen ein Anführer mangele. Der hat sich gefunden.

O fuhr jener fort, dann sind sie auch wohl schon stark genug, etwas im

offenen Felde wider Tata zu unternehmen. Laß mich noch einmal

entschleichen, Sultanin, ich suche die Männer auf, melde die Bedrängniß,

und können sie Tata nicht ganz überwältigen, so wird doch während eines

nächtlichen Kampfes, der von der Stadt unterstützt werden muß, es

möglich werden, Hundert beladene Kameele in ein Thor zu treiben.

Flore rief aus: Ich verdanke der Erfindung Perottis in jenem Aufruhr das

Leben; Alonzos kühne Einfälle haben mich in der Gunst des Volkes

befestigt, und Tatas Angriffe bis jetzt vereitelt; wer nun noch Mittel

erdenkt, diese Schaaren dem Hungertode zu entziehn, hat einen gleichen

Anspruch auf meinen Dank.

Alonzo sprach: So viel der Europäer sonst möglich machen kann, hier will

mir nichts beifallen. Und die Hoffnung, welche der Neger hegt, scheint

sehr unsicher, es wäre denn, der Haufe von Getreuen hätte sich über die

Erwartung beträchtlich gemehrt. Dann steh ich für den Anführer ein.

Aber wer ist denn dieser Anführer? Davon weiß ich ja noch nichts, sagte

Flore.

Alonzo erwiederte lächelnd: Einer unserer Caffern, der viel Talent zum

Kriege offenbarte.

Perotti kratzte den Kopf, und nahm das Wort: Ich habe schon an so

vielerlei gedacht. Wären nur Tauben abzurichten, die in ganzen Schaaren

zu unsern Freunden flögen, und denen diese kleine Fläschchen mit Wein,

oder Ananas an den Hals hingen, oder wenn unsre Anhänger eine Batterie

von großen Mörsern zu errichten wüßten, und uns daraus Melonen,

Pfauenschinken und Korbflaschen mit Maraskinoliqueuren zuwürfen.

Ein kühner Ausfall, nahm Alonzo wieder das Wort, muß uns Proviant

erkämpfen. Wir bemächtigen uns der Vorräthe, welche der Feind häufte,

mit Gewalt.

Flore war in Traurigkeit versunken. Und wohin führte es am Ende, fragte

sie, wenn auch das noch gelänge?

Sei getrost, sprach der Darkullaner. Dieser Mehemed sprach von Tauben.

Es war eine Art Ahnung. Wisse, daß ich schon seit einigen Wochen mit

unsern Freunden durch Tauben Briefe wechsle. Was ich vorhin sagte,

geschah, dich nach und nach auf eine höchst freudige Botschaft

vorzubereiten. Ich brauche nicht von dannen zu schleichen, denn in

dieser Nacht kömmt Hülfe.

Alle schrien froh auf.

Zum Heer ist das Häuflein im Dattelwalde herangewachsen. Alle Caffern

vom Lande und begnadigte Beduinen schlugen sich zu ihm. Besser wurde es

schon eingeübt, wie Tatas Krieger. Auch sie haben sich den schwarzen

Staub bereitet, der im Kampfe so furchtbar ist. Doch fertigten sie auch

Röhre aus Giraffengebeinen mit seidnen Strängen, Leder und Eisenwerk

überzogen, an, und schleudern geglättete Steine. Genug, die Rettung ist

nahe. Wir müssen uns nur bereit halten, einen kräftigen Ausfall durch

das Thor zu thun, während Tatas Krieger von rückwärts angegriffen

werden, und alles wird gut gehn. Sind wir Ueberwinder, fällt auch Tatas

Anhang der Sultanin zu. Alle die noch zaudern, und um der Sicherheit

willen, partheilos gelten wollen, schließen sich dann an unsere Sache,

Nene ist Meisterin des inneren Darkulla und indem sie den Eingang

versperrt, wird Kuku auf immer von der Herrschaft ausgeschlossen.

»Das würde nimmer geschehn, wie mir auch das Waffenglück lächelte. Dem

Sultan darf ich sein Land nicht vorenthalten, nur muß er sich mit mir

verständigen, und einen guten Frieden eingehn, dessen Hauptpunkt mein

Abzug zu den Meinen ist.«

So Flore. Alonzo und Perotti dagegen meinten: wenn die Herrschaft

befestigt wäre, müsse es sich doch ganz artig in Darkulla leben lassen.

Zehntes Kapitel.

Entsatz.

Der Neger hatte keine Unwahrheit gesagt. Gegen die Tiefe der Nacht erhob

sich in Tatas Lager jähling ein wildes Geschrei: Zu den Waffen! Wir sind

verrathen! In demselben Augenblicke vernahm man auch Artillerieschüsse,

Sausen der Wurflanzen, Schwirren der Pfeile, Säbelklang, Wehklage der

Sterbenden und Verwundeten, und was der Ripienstimmen noch mehr sind,

welche ein Schlachtkonzert zusammensetzen, und die nachzuahmen, doch

keinem andern Tondichter gelingen will.

In der Stadt waren Tausend Mann schon am Abend bereit gestellt worden,

um in diesem Fall durch ein Thor auszubrechen, Alonzo bat sich nun die

Ehre aus, sie anführen zu dürfen, und lud Perotti ein, die Rolle seines

Lieutenants dabei zu übernehmen.

Gern, recht gern, rief dieser, und nahm einen langen Spieß in die Hand.

Aber ^Cospetto di baco!^ brach er mit einemmale aus, können wir auch den

Ausfall wohl sicher wagen? Kann Tata nicht den Darkullaner gewonnen

haben, all das Getöse Kriegslist seyn, und man nur eine Falle legen?

Der Darkullaner überlieferte sich sogleich der Leibwache Florens, und

bedeutete sie, ihm den ärgsten Martertod zu geben, falls er gelogen

hätte.

Bei dem allen, meinte Perotti, sei es doch besser, er bliebe innerhalb,

im schlimmen Fall dem Spanier einen gesicherten Rückzug zu bereiten.

Dieser lächelte. Ich merke, Signor Perotti, ihr seid ein besserer

Meister in List, wie in Tapferkeit.

Kann sein, war die Antwort, verschieden theilte die Natur ihre Gaben

aus.

Nun wurden die Balken, womit man die Thore verrammelt hatte, von einem

derselben weggeschafft, mit einem Flosse der Weg über den Graben

gebahnt, und Alonzos Trupp, durchglüht von Kampfgier und Verwegenheit,

trat den Marsch an.

Tatas Krieger waren schon in die übelste Verlegenheit gerathen. Nicht in

den Rücken erwarteten sie einen Angriff, die Wachen standen alle gegen

die Stadt, hinterwärts Zelte, Hütten, Vieh, die Behältnisse der

Vorräthe. Um nun gleich etwas entgegen werfen zu können, mußten die

Wachen, durchs Lager nach hinten eilen. Da Alonzo aber eintraf, fand er

keinen offnen Widerstand, und drang gleich bis ins Lager, wo die aus dem

Schlaf erwachten Krieger erst gestellt wurden, und von der Stadt aus

keinen Anfall ahnend, den Rücken dahin wendeten. Leicht ward es so, im

Gemetzel Herr zu werden, und die Feinde zu Schaaren hinzustrecken.

Bald war eine große Lücke durchbrochen, und die Bündner, durch ein

Loosungswort einander kenntlich, das in des Darkullaners Briefwechsel

verabredet war, stießen zusammen. Alles vom Feinde Uebrige wurde in die

Seite genommen, und das ist bekanntlich die Schaam des Kriegers, die ja

bedeckt gehalten werden muß. Man rollte rund um die Stadt auf. Gnade

nahm keiner der Belagerer an, obgleich das zur Wehr stellen, ganz

zwecklos war, da gegen die überaus schmale Vertheidigung eine so breite

Säule herandrang. Der aufdämmernde Morgen zeigte den Siegern den

freudigen Gräuelanblick erst ganz, die Stadt war gleichsam mit einem

Gürtel von schwarzen Leichnamen umgeben. Tata war gleich anfangs

getödtet worden.

Wie der Seefahrer, den die ganze gewitterschwere Nacht hindurch, die

Furcht vor Klippen und Sandbänken ängstete, am Morgen froh aufathmet,

wenn Titans erste Strahlen die Einfahrt des freundlichen Hafens

beleuchten, so fühlte Nene den Busen erleichtert, da, nachdem die

Finsterniß geendet hatte, ein Bote auf den andern mit Siegesnachrichten

erschien. Endlich kam Alonzo selbst und legte Tatas Schwert vor ihr

nieder. Er war verwundet, doch nicht schwer. Flore umarmte den kühnen

Greis dankbar.

Nun traf ein Caffer ein. Ihm folgten Hundert Kameele mit

Lebensvorräthen, zudem alle dem Feinde abgenommene Waffen und

Kostbarkeiten, welche andere Lastthiere trugen. Der Caffer fragte: wohin

die Sultanin beföhle, daß alles das gebracht würde?

Flore überließ es Alonzo, Sorge zu tragen, riß ihre Diamanten vom Halse,

sie dem Caffer zu schenken, und rief: Aber wo ist der Anführer des

Heeres, dem wir Rettung verdanken? Warum seh ich den Helden nicht, ihm

in meinen Freudenthränen die Fülle der Erkenntlichkeit zu weinen? Jener

antwortete: Schon zieht er mit den Truppen ab, die hier nicht mehr

nöthig sind, da nicht einer von deinen Feinden noch lebt. Er wird den

Felsenpaß besetzen, damit kein neuer Widersacher eindringe.

Und ich soll ihn nicht sehn? Nimmermehr, eile ihn zurückzurufen!

Er wird sich nur zeigen, Sultanin, wenn dein Streit mit Kuku endete.

Nun, fiel Alonzo lächelnd ein, da müssen ihn doch wichtige Gründe

bestimmen. Wärs auch nur die zarte Bescheidenheit, die keinen Dank

ärndten will, gebührt es sich, sie zu ehren.

O, rief Flore in Feuer, hier ist nicht bloß von meinem Dank die Rede.

Die Sultanin muß ihm die Stirn mit einem Lorbeer schmücken. Und den hat

ja, wie ich hörte, Cäsar getragen, und er soll doch auch bescheiden

gewesen seyn.

Cäsar, gab der Spanier zur Antwort, hatte ein kahles Haupt; dies

Gebrechen zu verbergen, diente ihm die Zweigkrone. Laß deinen Helden

ziehn, nöthig ist es, den Felsenpaß zu besetzen.

Flore mußte es sich gefallen lassen, so gern sie auch dem Anführer der

entsetzenden Truppen Dank und Lohn ertheilt hätte. In der Stadt dagegen

ordnete man glänzende Feierlichkeiten an, alle Herzen neigten sich

wärmer zu Nene hin; bald kamen zahlreiche Sendungen vom Lande, die ihr

im Namen des ganzen Volkes den Wunsch darbrachten, ihr allein als

Herrscherin von Darkulla huldigen zu dürfen.

Sie hielt da, wie es sich von selbst versteht, Reden, und wie es sich

gar nicht von selbst versteht, sie machte sie selbst.

Elftes Kapitel.

Erste Gesandtschaft an Kuku.

Machten ihr aber die Triumphe Freude, so schauderte sie bei dem Gedanken

an das vergeudete Blut. Denn nicht nur bei der Hauptstadt, auch in der

Provinz hatte des Krieges Flamme während dessen gelodert, aber ihre

Parthei nach und nach allenthalben die Oberhand behalten. Aber der

Erbitterung wegen, mit welcher afrikanische Krieger fechten, war die

Summe der in all den Gefechten Erschlagenen groß, ja sie hatte einen gar

merklichen Theil der Bevölkerung verschlungen. Sie floh deshalb den

Anblick der Menschen und sann im einsamen Gemach nach, was hier weiter

zu thun sei.

Bald darauf ließ sie Musa zu sich rufen. Er hatte sich immer noch in der

Stadt aufgehalten, und ob Perotti ihm schon übel wollte, und ihn gern

verdächtig gemacht hätte, so gab Flore nichts darauf. Höre, Dschelab,

sagte sie zu ihm, hast du Lust eine Sendung zu übernehmen? Ich

verspreche dir Gewinn.

_Musa._ Und warum nicht, erhabene Sultanin?

_Flore._ An Sultan Kuku?

_Musa._ Hm -- wenn er des Bruders Tod erfährt, wird er übel zu sprechen

sein, und der Kopf des Gesandten die böse Laune erfahren.

_Flore._ Ich hoffe, der Sendung Inhalt soll ihn versöhnen.

_Musa._ Der wäre?

_Flore._ Du magst ihm entbieten: Sultan Kuku! Du gabst Verläumdungen

Gehör, und begehrtest der treuen Nene Leben. Wohl der Wurm erwehrt sich

des Todesstreiches, so auch Nene. Oft ließ sie Tata Unterhandlung

anbieten, er lieh ihr kein Ohr. Endlich fiel er durch das Schwert der

Tapfern, welche unaufgefordert der Stadt zu Hülfe eilten, und Nene

konnte nichts mehr als ihn beweinen, und ihm ein ehrenvolles Grab

erhöhn.

Nene ist jetzt Herrin des innern Darkulla, und mit Mühe wird ein fremdes

Schwert das Land ihr streitig machen. Wohl aber gedenkt sie, wie deine

erste Liebe, dein erstes Vertrauen ihr die Macht in die Hände gaben. Um

dieser schönen Zeit, will sie die traurige Verirrung aus dem

Gedächtnisse tilgen, wo deine Grausamkeit sie zwang, sich kriegend gegen

dich zu vertheidigen. Bereit ist sie, dir dein Land mit allen

Reichthümern zurückzugeben, so du schwörst, sie mit sicherem Geleit nach

Egypten ziehn, und dem Volk, das für sie stritt, alle Rache zu erlassen.

_Musa._ Ein freundlich Anerbieten. Ich richte die Sendung aus.

_Flore._ Und was meinst du, daß der Sultan beschließen werde?

_Musa._ Aufrichtig, daß er dich ziehn läßt, glaube ich nicht. Seine

Liebe --

_Flore._ O die haben Zeit und Abwesenheit getilgt, wie hätte er sonst

meinen Kopf fordern lassen.

_Musa._ Aber kann man denn nicht demungeachtet heiß, recht heiß lieben?

_Flore._ Eine ächt afrikanische Frage! Freilich ließ er seine vorigen

Weiber einst morden. Gigi sollte auch die heisse Liebe empfinden, lehnte

aber die Ehre ab. Es heißt: der Krieg wider Gigi nähme jetzt

glücklichere Wendungen. Ich wollte, Gigi würde Kukus Gefangene, er

versöhnte sich mit ihr, und entbehrte desto lieber mich. Doch was rede

ich. Nicht Liebe, Haß wirst du bekämpfen müssen! Und ich denke, das

schöne Land soll alles gleich machen. Biete alle Kunst der Ueberredung

auf! --

Musa sahe noch das prachtvolle Leichenbegängniß, das Flore dem Bruder

des Sultans hielt, und die Errichtung seines kostbaren Denkmals im

Pallasthofe. Dann reiste er auf der Stelle ab.

Daheim traf Flore nun viele Veränderungen. Der Senat wurde in den

Ruhestand versetzt. Eben so die älteren Minister. Dagegen errichtete sie

drei hohe Rathsstellen, und theilte sie dem treuen Darkullaner, Alonzo

und Perotti zu. Gleichviel verdanke ich euch Dreien, sagte sie, billig,

daß euch mit demselben Danke gelohnt werde.

Jeder bekam einen Zweig in der Landesverwaltung, den er pflegen sollte.

Es ging aber dabei so erwünscht nicht, wie die Sultanin hoffte. Der

Spanier, im Drange der Noth einst so thätig, war jetzt abgespannt, und

überließ sich seinem alten Gram um Isabellen wieder. Was zu seiner

Erheiterung geschah, war fruchtlos.

Der Darkullaner, so treu, wie er sich immer schon bewiesen hatte, war

aber unfähig, Geschäften vorzustehn. Leidenschaften mußten bei ihm die

Stelle der Vernunft einnehmen. Dazu ward er sehr stolz, und prunkte

unmäßig.

Perotti hingegen, nahm nicht nur seiner zugetheilten Arbeit wahr,

sondern riß auch die fremde an sich, daß Flore über seine Thätigkeit

staunte. Immer wußte er ihr etwas Angenehmes zu berichten. Allein sie

wurde meistens getäuscht. Der Schein, nicht die That. Perotti ladete die

Arbeit Unterbeamten auf, und verfuhr selbst mit Oberflächlichkeit, und

einer Kürze, welche eigentlich den Zeitgeitz zum Grunde hatte, den

Zeitgeitz, der den Vergnügungen keine Frist rauben will. Bestechen ließ

er sich unerhört, doch mußte es mit Dekoration geschehn. Da aber die

Unterdiener denn doch hinter die Koulissen blickten, so machten sie es

ihrerseits kein Haar besser, und der Italiener sah ihnen großmuthsvoll

nach, ausgenommen es hatte einer es zu arg gemacht. Dann mußte er die

Kunst verstehn, die Hälfte des Raubes der Exzellenz zuzuwenden, wenn er

nicht verfolgt seyn wollte. Die Forderung erfüllte ein solcher getrost,

denn um so offner und sicherer waren nun die Wege, die geopferte Hälfte

doppelt zu gewinnen. Genug, Perotti hätte wohl in andern Ländern

Minister seyn können, als in Darkulla.

Die drei Minister fingen auch bald an, gegen einander zu kabaliren.

Jeder wollte die vorzüglichste Aufmerksamkeit der Monarchin für sich,

jeder erinnerte an das, was er geleistet hatte, mit dem erheblichsten

Anspruch.

Alonzo, der trotz seiner düstern Stimmung doch den Stolz nicht

aufgegeben hatte, gab zu verstehen: Nur Volksgunst erhielt die Sultanin.

Und wer hat diese durch erhabene, ja poetische Politik, wieder geweckt,

höher entflammt, mächtig erhalten?

Der Darkullaner äußerte unverhohlen: Ohne ihn würde die Parthei in der

Provinz nicht so angewachsen, Hunger endlich eine alles zu Boden

werfende Empörung aufgereitzt haben, wenn er nicht durch seine

Verbindungen es dahin gebracht hätte, daß das Heer zum Entsatz

herangenaht sei.

Perotti hingegen spielte oft, als geschähe es aus aufgeklärtem Spott

über das Alterthum, auf Eselsohren an, im Grunde aber wollte er immer

mahnen: _Mein_ damaliger Einfall rettete im Aufruhr Nenes Leben.

Sie sagte ihnen bisweilen: Ihr Herren, ich verdanke euch alles, aber ihr

mir doch auch. Und wieder eben so viel bin ich dem Manne schuldig, der

Tata schlug, und der bescheidener als wir Viere sich gar nicht einmal

zeigt.

Ende des fünften Buches.

Potpourri.

Basil, Sohn des Boguslav.

Beliebte altrussische Legende.

Boguslav, Fürst von Novogrod, starb im achtzigsten Jahre. Sechzig davon

waren unter seiner glücklichen Regierung verstrichen. Sein einziger

Sohn, ein Jüngling, kaum dem Knabenalter entflohn, fürchtete nun keine

Vaterstrenge mehr. Die Vormundschaft einer zärtlichen Mutter hielt ihn

nicht ab, seinem wilden Ungestüm Raum zu geben, und die Stadt erfuhr

davon viel Unheil. Bewundernswerth konnte man die Leibeskraft des jungen

Prinzen nennen. Tage lang ergötzte er sich in den Straßen mit Jung und

Alt bei gymnastischen Spielen. Wehe aber den Theilnehmern. Wen Prinz

Basil an der Hand ergriff, der war um die Hand, wessen Kopf er packte,

der war um den Kopf.

Den Bewohnern Novogrods mißbehagte der Fürstensohn, mit seiner seltsamen

Knabenlust. Die _Posadniks_ (Herren vom Rath) versammelten sich,

beriethen. Dann erschienen sie vor des Prinzen Mutter, und redeten also:

_Amelpha, Timophejewna!_ Edle Fürstin! Wir flehen um strengere Obhut

über dein geliebtes Kind, Basil, Sohn des Boguslav. Untersage ihm die

wilde Kurzweil, denn unsere große Stadt ermangelt der Bevölkerung.

Die gute Dame ward gerührt, sagte den Posadniks die Gewährung ihrer

Bitte zu, verneigte sich dann, und entließ sie freundlich. Gleich ließ

sie den Prinzen rufen, und ermahnte ihn mütterlich: »Um Gottes Willen,

mein lieber Sohn, treib es nicht mehr mit Alt und Jung auf den Gassen

von Novogrod. Dir ward die Kraft eines Ritters, aber nicht guten Brauch

weißt du davon zu machen, denn der, dem du die Hand angreifest, ist um

seine Hand, der, dessen Kopf du erpackest, ist um seinen Kopf. Das Volk

murrt, und die Posadniks kamen zu mir, Klage zu führen. Empörten sie

sich wider uns, was vermögten wir doch? Du hast keinen Vater mehr, ich

bin eine schwache Wittwe. Würde deine Leibeskraft es mit Tausenden

wagen? Wer zählte die Bürger in Novogrod? Darum mein lieber Sohn,

empfange treuen Rath, und gehorche der liebenden Mutter!«

Basil, Sohn des Boguslav, horchte unterwürfig, und da Amelpha

Timophejewna geendet hatte, beugte er sich tief und antwortete

bescheidentlich: »Meine gute Mutter! Wenig kümmern mich die Posadniks,

wenig die Bürger von Novogrod, aber viel deine wackre Ermahnung, und

dein mütterlicher Rath. Ich verheisse dir, nimmer in den Straßen

Kurzweil zu pflegen; wie aber üb' ich künftig meinen starken Arm? Hast

du mich geboren, daß ich nur am Ofen mich wärme? Wozu empfing ich diese

ritterliche Mannhaftigkeit? O die Zeit wird kommen, wo die Posadniks

erbeben, das ganze Land der Reussen mir das Knie beugen soll. Doch jetzt

leiste ich dir noch Gehorsam. Vergönne nur, daß ich mir einige Kameraden

auswähle, mit denen ich mich herumtummeln, und Ritterspiel üben mag.

Gieb mir Hypokras[2] und Bier, daß ich die Stärksten und Kräftigsten

lade, und Kampfgenossen finde, die meiner werth sind.«

Die Bitte fand Gehör. Amelpha Timophejewna ließ vor die Burgpforte

Tonnen mit Hypokras und Bier stellen. Humpen aus gediegnem Gold,

befanden sich daneben, und Herolde riefen durch Novogrod: »So jemand in

Lust und Ueberfluß zu leben gedenkt, und sich schmücken mag mit reichen

Kleidern, der zeige sich vor dem Pallaste Basils, Sohn des Boguslav.

Doch zuvor prüfe er der Gebeine festen Bau, denn nur die Kühnen und

Markigten liebt Basil, Sohn des Boguslav.« So riefen die Herolde vom

Morgen zum Abend, doch niemand erschien. Auch blickte der Prinz

neugierig durch sein Gitterfenster nach Ankömmlingen aus, aber Niemand

wagte die Tonnen zu berühren.

[Fußnote 2: Ein Getränk, mit Würzen und Süßigkeiten zubereitet.]

Endlich gegen die Nacht ließ _Fomuschka der Lange_ sich an der Pforte

sehn. Er nahte einem der eichenen Gefäße, ergriff einen gewaltigen

goldenen Humpen, füllte ihn mit Hipokras bis zum Rand und schlürfte ihn

in einem Athemzuge. Wie Basil dies gewahrte, stieg er eilig in den Hof

nieder, wo _Fomuschka der Lange_ sich befand, und versetzte ihm mit

seiner schweren Keule einen tölpischen Schlag hinter das rechte Ohr.

Fomuschka bemerkte den Schlag wenig, kaum wich die struppigte Locke

seines schwarzen stieren Haares der Keule. Da hüpfte dem jungen Prinzen

das Herz freudig. Er nahm Fomuschka bei der Hand, zog ihn die Treppe

hinauf, brachte ihn in sein vergoldet Gemach. Hier umhalsete er ihn, und

beide schwuren sich den Rittereid, als Brüder und Waffengefährten treu

an einander zu halten, zusammen zu leben und zu sterben, zu trinken aus

einem Humpen, zu speisen von einem Gericht. Endlich mußte sich Fomuschka

an die eichene Tafel setzen, Zuckerwerk und Wein wurden aufgetragen, und

man ließ sichs wohl seyn, in Jubel und Lust.

Zur andern Frühe, da Basil wieder durch das Gitterfenster spähte, ob

niemand käme, an seinen Tonnen zu trinken, erschien _Bogdanuschka der

Kleine_. Dieser trat an das Bier, warf den goldnen Humpen zur Erde, hob

eine große Tonne an den Mund, und leerte sie, ohne daß er einhielt, bis

zum letzten Tröpflein. Basil rief den Gefährten. Sie nahmen zwei starke

eiserne Lanzen der Rüstkammer, eilten hinab, und schlugen mit

Leibeskraft auf des kleinen Trinkers Schädel. Doch Sieheda! in tausend

Splittern brachen die Spieße, Bogdanuschka ward es kaum gewahr. Diese

Probe entzückte Jene, sie nahmen ihn in die Mitte, geleiteten ihn durch

den weiten Hof, über die schöne Treppe hinauf in das vergoldete Gemach.

Hier Umarmung und Schwur der Treue und Bruderschaft bis zum Tod.

Bald verkündete ein Gerücht: Basil, Sohn des Boguslav wählte die

riesenstärksten Jünglinge zu Gefährten, und schloß mit ihnen

brüderlichen Verein. Die Posadniks schöpften Besorgniß, und beratheten

wieder. Nachdem jeder seinen Platz eingenommen, trat _Tschoudin_ der

erfahrne Greis, in des Saales Mitte, neigte sich nach allen vier Seiten,

zog wiederholt den weißen langen Bart durch die Hand, und sprach also:

»Höret mich, Posadniks von Novogrod, und ihr alle, Männer des Volkes der

Slaven die hier versammelt sind, höret mich! Bekannt ist es euch, wie

unser Reich des Herrschers ermangelt, denn minderjährig ist der Sohn des

Boguslav, und bis er das Mannesalter wird erreichen, sind wir Herren von

Novogrod, und von den Landen im Umkreis.

Doch der fürstliche Jüngling, bestimmt, einst über uns zu gebieten,

verheisset keine freundliche Hoffnung. Kaum den Knabenspielen entflohn,

zeiget er bösartigen hochfahrenden Sinn, Grausamkeit ist seine Kurzweil.

Waisen und Wittwen rufen schon in großer Zahl Wehe über seine

Ergötzungen. Nun treibt er es mit den wildartigsten Burschen des Landes.

Und warum? In guter Absicht? Dies lasset uns erforschen. Geben wir ein

festlich Mahl, den jungen Prinzen zu laden. Hier mag sich enthüllen,

welche Gesinnungen für das Oeffentliche seine Brust verschließt. Einen

großen Humpen starken Weines wollen wir ihm darreichen. Schlägt er ihn

aus, sehn wir ein übel Zeichen, Bedenkliches führt dann der Sohn des

Boguslav im Schilde. Trinkt er, wird die Verstellung aus dem

muthwilligen Geiste weichen, wir entdecken, was er in Herzens Tiefen

birgt, denn _Wahrheit ist im Wein_! Gewahren wir nun tückisches

Vorhaben, schlagen wir ihm ohne Zaudern sein Haupt ab, denn wohl leben

andre Fürsten in Rußland, unter denen die Auswahl zu treffen ist, und

gäbe es deren nicht, nun so könnten wir ihrer auch entrathen.«

Hier erhuben sich alle Posadniks, und machten dem weisen Tschoudin ihre

Verbeugung; dann rief es rund umher, wie von einer Stimme: »Ehre deiner

Weisheit! Es geschehe was du willst!«

Schon mit dem Anbruch des folgenden Tages begannen die Vorbereitungen

zum Feste. Im großen Saale des Rathhauses wurden lange Tafeln von

Eichenholz hingereiht, bedeckt mit weißen Tüchern. Reichlich trug man

Backwerk und Confekt auf, sauber geordnet in den Schüsseln. An den

Wänden entlang prangten stattliche Tonnen mit Wein und Bier, über ihnen

hing köstliches Trinkgeschirr aus Gold, Silber und theurem Holz. Da

alles bereit stand, wurden etliche Posadniks nach der Burg entsendet,

die Fürstin zu laden, und den Sohn. Nachdem sie ihren Auftrag

ehrerbietig vollendet hatten, gab die gute Amelpha Timophejewna ihnen

diesen Bescheid: »Spiele und Tänze sind für mich dahin, die Tage der

Freude vorüber. Wie meines Lebens Sonnenstrahl noch glänzte, da mir der

Gemahl, euer Gebieter, noch zur Seite stand, hab auch ich des Frohsinns

Wonne gekostet, aber nun, da meines Lebens Sonnenstrahl entfloh, weil'

ich traurig im einsamen Gemache. Geht indessen zu meinem Sohne Basil,

vielleicht schmückt seine Jugend eure Feier, so ihr ihn bittend

begrüßt.« Nach diesen Worten eilten die Posadniks, den jungen Prinzen zu

sehn, und baten unterwürfig: zu schmücken ihr Fest durch seine Jugend.

Basil verhieß zu erscheinen, wenn anders Amelpha Timophejewna

einwilligte, und begab sich zu ihr. Darf ich dem Mahle der Bürger von

Novogrod beiwohnen? fragte er. Die gute Mutter war es zufrieden, und

ertheilte dem Sohne manchen belehrenden Wink, über das Betragen, welches

er unter den heuchelnden Posadniks anzunehmen hätte, die sie gar wohl

kannte. Trinke, mein Sohn, warnte sie, aber trinke nicht zu viel, listig

sind die Posadniks, durchblicken wollen sie dich. Sei wacker auf deiner

Hut, und so sie prahlen mit ihrer Kraft, ihrer Weisheit, ihren

Reichthümern, so mögen sie prahlen. Schweige, und prahle nicht. Vor

allen Dingen sei artig und herablassend, kränke Niemand durch unhöfliche

Manier! -- Nach dieser Rede schloß sie den Prinzen in ihre Arme, und

dieser begab sich in den festlichen Kreis.

Die Posadniks empfingen ihn an den untersten Stufen der Treppe, und

geleiteten den Prinzen in den Festsaal. Sie wiesen ihm gebückt den

Ehrenplatz an, doch Basil verbat ihn, und ließ sich am Ende der Tafel

nieder. Nun faßten sie ihn artig unter den Arm, führten ihn oben hin und

sprachen: »Hier gebührt es dir, dich zu setzen, Sohn des Boguslav, dies

ist dein Platz! Oft hat ihn der Fürst, dein Vater, eingenommen.« Hierauf

reichten sie ihm einen Humpen süßen Weins, und Basil trank, aß auch von

dem Backwerk und Confekt, womit er bewirthet wurde. Doch trinkend und

speisend saß er da, wie eine züchtige Jungfrau, und kein Wort entfloh

seiner Lippe.

Indessen begannen die Posadniks zu scherzen und zu plaudern, bald ließ

sich auch eitle Prahlsucht vernehmen. Einer rühmte sich dies, der andre

das. Der lobte sein schönes Pferd, jener seine junge Frau. Hier wurde

mit Reichthum, dort mit Leibesstärke groß gethan. Wieder einer prunkte

mit Klugheit. Sie schrien alle auf Einmal. Doch Basil, Sohn des

Boguslav, ließ sich durch solch Beispiel nicht anlocken. Er brach sein

Schweigen nicht, mogten sie prahlen nach Herzenslust. Endlich redeten

der weise Tschoudin, und der reiche Satka ihn also an: »Warum bleibst du

allein stumm, fürstlicher Jüngling? Wohl könntest du deine Vorzüge

rühmen!« Und der junge Prinz gab bescheidentlich zur Antwort:

»Posadniks, ihr seid Männer hoher Achtung werth. Euch ziemt es frei und

kühn zu reden. Wie aber sollte ich mich vor euch preisen, ich ein

Jüngling noch, und verwaist? Wohl besitze ich einiges Gold, Silber,

Edelgestein, doch bin ich es nicht, der die Schätze zu erwerben wußte.

Auch ich werde einst zur Reife gedeihen, und dann sei es mir auch

vergönnt, mich den andern gleich zu stellen.« Die Posadniks waren

verwundert, ob der bescheidnen und verständigen Rede, flüsterten

einander zu, und pflogen ferneren heimlichen Rath. Da ihr Entschluß

genommen war, füllte Tschoudin einen großen Humpen mit starkem Wein, und

brachte ihn dem Prinzen mit den Worten: »Wer liebt der Slaven Lande, und

das große Novogrod, leeret den Humpen!« Nun konnte Basil sich nicht

weigern, er faßte das Geschirr, und trank bis zum letzten Tropfen. Aber

da nun die Posadniks in der vorigen Weise fortfuhren, erhitzte der Geist

des Trankes des jungen Prinzen Gehirn, und nicht weiter vermogte er an

sich zu halten.

»Ihr Gecken, rief er aus, wisset wer Basil ist, der Sohn des Boguslav,

und schweigt! Basil ist Herr über Reussen, alle Lande der Slaven sind

ihm unterthan. Novogrod soll ihm Tribut zahlen, und die Posadniks in

seiner Gegenwart knien.«

Bei diesen Worten fuhren die Posadniks zornig auf. Sie erhoben sich von

den Sitzen und schrien allzumal: »Nein, nicht gebieten wirst du über der

Slaven Lande, nicht beugen wollen wir uns vor dir. Tirannensinn brütet

dein bösartig wildes Gemüth, und es thut uns kein Herrscher Noth. Darum

räume unsere Stadt, das Reich, und das morgen wie der Tag beginnt. Und

wirst du nicht im Guten dich fügen, soll Gewalt dich zwingen.«

»Ich fürchte weder euch noch jemand auf Erden,« antwortete der Prinz.

»Waffnet ganz Novogrod gegen mich, ich werde euch die Spitze bieten, und

fragen, wer mich zwingen will, mein Reich zu meiden? Denn Novogrod

gehört mir, ihr alle seid meine Unterthanen.« Hier stand er auf, schritt

durch den erboßten Haufen, der ihm Platz öffnete, und verließ den

Festsaal und das Rathhaus.

Da er entfernt war, lachten die Posadniks seiner Drohungen. Was will

dies Kind, riefen sie, denn so hieß man den Prinzen in der Versammlung.

Demungeachtet beschloß man zur Stelle alle Truppen von Novogrod unter

die Waffen zu sammeln, daß man den Prinzen zur Entfernung zwänge.

»Sein junges Gebein, rief Satka, soll auf der Haide bleichen, blos dem

Regen und Schnee, denn wie leistet der Knabe uns Widerstand?«

Von allen Thürmen brüllte die Sturmglocke, wer das Schwert führen

konnte, traf eilig auf dem Sammelplatze ein. Wie die gute Dame Amelpha

Timophejewna es vernahm, forschte sie nach der Ursache, und da sie

erfuhr, des Sohnes verwegene Rede habe der Posadniks Wuth entflammt,

eilte sie in sein Gemach, ihn ernst zu schelten. Da ihr aber sein

Zustand sichtbar ward, nahm sie ihn bei der Hand und führte ihn in ein

Kellergewölbe, wo er weilen sollte, bis die Dünste der Trunkenheit durch

den Schlaf zerstreut wären.

Hierauf begab sich Amelpha Timophejewna in die Kammern, welche ihre

Schätze bewahrten. Sie ersah einen goldenen Kelch, den sie mit

mancherlei edlen Steinen füllte, mit Rubinen, Smaragden, und Diamanten.

Nun erschien sie, von ihren Frauen begleitet, im Rathhause, wo die

Posadniks anwesend waren. Indem sie den Saal betrat, neigte sie sich

tief, dann wurde der reiche Kelch auf die Tafel gestellt, und süße Worte

schmeichelten den Männern. »Verzeihet seinem Leichtsinn, flehte sie,

verzeiht der unbesonnenen Drohung in der Lust des Weins entflohn.

Gedenkt seiner Jugend, und wollt ihr das nicht, vergesset aus Liebe für

den verstorbenen Fürsten Boguslav, der sich verdient machte, um euch und

Novogrod die große!«

Doch Bitte und Herablassung vermehrten nur der Posadniks Stolz, und

frech antworteten sie ihrer Fürstin: »Hinweg von hier, betagte Frau!

Nichts haben wir mit dir zu schaffen, und nicht thun uns Noth deine

Steine und dein Gold. Wir wollen nur den Kopf deines verwegenen Kindes.«

So schrien sie allzumal.

Bittre Thränen vergießend, kehrte die gute Dame nach ihrer Burg zurück.

Sie befahl alle Pforten zu schließen, und harrte ungeduldig auf den

Ausgang der widrigen Begebenheit.

Am andern Tage, mit dem Erwachen der Sonne, griffen die Posadniks mit

der ganzen Macht von Novogrod die Burg an. Die Pforten wurden erstürmt,

und in den weiten Hof stürzten Soldaten, den Wogen gleich auf dem Bette

des empörten Stroms.

Vom Waffenlärm, vom Geschrei der Menge auf den Gassen von Novogrod,

erwachte in seinem Gewölbe, Basil, Sohn des Boguslav. Leicht raffte er

sich auf, eilte nach der Thür, sprengte das feste Schloß mit einem

Handschlag, und stand nach zwei Sprüngen mitten im Hofe. Die von

Novogrod warfen sich auf ihn. Doch er gewahrte zu seinen Füßen einen

Balken aus Eichenholz, den die Axt der Zimmerer noch nicht beschält

hatte. Diesen packt er eilig, und wirft ihn nun wieder auf die von

Novogrod. Bald nehmen diese Reißaus, Basil treibt sie vom Hofe weg,

folgt ihnen auf der Ferse, und erlegt sie hundertweis. Die entsetzliche

Waffe in der Faust, läßt er sie bald rechts bald links niederprasseln,

und macht die dicken Haufen der Flüchtigen licht. Umsonst schreien sie

Erbarmung, umsonst verheißen sie Gehorsam, Treue. Das junge Blut des

Prinzen siedet, sein Grimm ist nicht zu erweichen, er treibt die Empörer

der ungestümen Wolchova zu.

Nun meiden die Posadniks die Wahlstatt, rennen zum Rathhause, füllen

einen großen Goldpokal mit Juwelen, und bringen ihn angstvoll der guten

Dame Amelpha Timophejewna. Vor ihre Fenster, auf der Gasse stellen sie

sich hin, denn sie wagten sich nimmer in den Hof, und ihre stolzen

Schädel an den Boden drückend, wimmern sie kläglich: »Ach Fürstin! Ach

Mutter! Dein Mitleid wende sich nicht von uns! Wir erzürnten deinen

Sohn, unsern Herrn, Basil, Sohn des Boguslav, und sein Grimm macht eine

Wüste aus Novogrod. Verlasse unser Schrecken nicht, lege dich ein für

die Bangen, daß sein gewaltiger Zorn ende!« Wohl vernahm die gute Dame

das Geschrei, doch zeigte sie sich nicht, sondern ließ durch eine

Dienerin herabsagen: »Ihr begannt, ihr mögt enden. Was gehn die betagte

Frau eure Händel an?«

Mit gesenktem Ohr schlichen die Posadniks zurück, unterwarfen in einer

Urkunde, sich, Novogrod und das Land dem jungen Fürsten, und boten ihm

unbeschränkte Gewalt über Leben und Tod, Gut und Blut, in ganz Rußland.

Mit dieser Schrift nahten sie demüthig _Fomuschka dem Langen_, und

_Bogdanuschka dem Kleinen_. »Wir sind sein, hier unsre Unterwerfung«

sprachen sie.

Die Ritter wurden erweicht, und warfen die zum kräftigen Beistand des

Waffenbruders erhobenen gewaltigen Keulen nieder, hielten das Blatt

empor, und riefen: »Heil Basil, Sohn des Boguslav! Morde nicht länger

den Unterthan, denn alles ward dir gegeben. Heil dir Fürst von Novogrod

und Rußland!« Hier warfen sie sich mit den Posadniks nieder, die Menge

folgte.

Nun hielt der junge kräftige Prinz ein, empfing Urkunde und Huldigung,

und vergaß, was geschehen war. Froh kehrte alles zur Burg. Glücklich

herrschte Basil, Sohn des Boguslav. Kein innrer Zwiespalt, kein Krieg

von außen, störten seine Regierung, denn alle Welt fürchtete Basil, Sohn

des Boguslav, Fomuschka den Langen, und Bogdanuschka den Kleinen.

Die ^Archives litteraires de l'Europe^ erheben diese Legende, wegen

mancher Züge von Einfalt, doch giebt sie auch einen Maasstab, wie rohe

Einbildungskraft Monarchenwerth in Anschlag bringt. Unserm Roman wurde

sie als Beilage verliehn, um den Leser zu der Betrachtung aufzufordern:

Es ist im Nord und Süd sich manches ähnlich, Bös und Gut überall gleich

gemengt, Demokrit und Heraklit vermissen nirgend ihren Stoff, und nach

Belieben, oder Lebensalter und Gemüthsstimmung ist Schillers Wort

anzuwenden:

Thor, wo du siehst die Noth und die Plag,

Erblick ich des Lebens hellen Tag.

Sechstes Buch.

Erstes Kapitel.

Flore und ihre Räthe.

Wir sahen, daß die Räthe der Sultanin in Darkulla fleißig einander den

Platz streitig machten, woraus für das Ganze nicht viel Segen zu keimen

pflegt. Man kann die Staatsführung allenfalls mit einem Wagen

vergleichen. Die vorgespannten Rosse sind die oberen Diener, der

Souverain lenkt ihre Zügel, achtet auf des rechten Weges Geleis. Gut,

wenn die Rosse stark sind, muthig schnaubend vorwärts dringen, daß es

eher nöthig wird, den Zaum aufzuhalten, als ihn bei anderweitiger

Antreibung zu lockern; mögen sie auch ein wenig eigenwillig, wiewohl dem

obern Willen gehorchend, lenkbar seyn, denn Shakespear sagt sinnreich

genug: verdrießlich ein Roß, das nicht in den Zügel beißt. Herrlich geht

alles von Statten, wenn die ausgreifenden Kräfte vorne _Talent_, und die

Lenkenden hinten _Genie_ genannt werden können. Es mangelte sogar nicht

an Beispielen eines gar lobenswerthen Fortgangs unter so angethanen

Umständen. Auch darf man nur in den bunten Gukkasten der Geschichte

blicken, wo die Tragikomödie der Vergangenheit aufgeführt wird, und man

wird da manchen Zügler gewahr, dem das Lenken unbequem wird, und der

sich also einen Stellvertreter anordnet, dem er nur bisweilen auf die

Hände sieht. Auch kann es gedeihlich ergehn, ermangelt diesem nur nicht

Kunde des Wegs und Kraft der Fäuste, schlimm aber wenn der Zügel

nachgelassen wird, eines der Thiere springt im wilden Gallop an, das

Zweite will sich im trägen Trott schonen, auch gelegentlich Gras an der

Seite des Weges rupfen. Am Kreuzpfad biegt eins rechts, das andre links.

Oder dem eigentlichen Bilde, worauf es hier angesehen ist, näher zu

kommen: ein Hochbeamter will rüstig fort ins Gebiet der Neuerung, wird

entzückt von den Phrasen der Projektenmacher, freuet sich der Zahlen

eines Law, hofft für jede papierne Saat Goldärndten, und der andre

gleichet solchen, wovon Herr von Held ein meisterhaft possierliches

Gemälde lieferte:

Wohl mancher läßt an der Geschäfte Spitze,

Von dem erhabenen Ministersitze,

Die Staatsmaschine leiernd gehn,

Das Schnarrwerk tanzt, und endlich lohnen

Den invaliden Leirer, Pensionen,

Dann mag ein Andrer weiter drehn.

Wie geht es da? Man gelangt auf Irrwege. Bald bricht etwas am Wagen,

bald kömmt er nicht von der Stelle, man wirft um u. s. w. u. s. w.

Floren machte es gewaltigen Verdruß, da sie sah, daß Alonzo, Perotti und

der Darkullaner ungleich und gegen einander wirkten. Und das Lenken

selbst nun so schwieriger, gewährte ihr um so weniger Vergnügen, als die

Blutszene ihr das sonst reitzende Land verhaßt gemacht hatten, und die

Sehnsucht den Blick nur ins Vaterland rief. Mit heißer Ungeduld

erwartete sie Musa zurück, und schöneren Traum konnte sie nicht träumen,

als Kukus Einwilligung in ihre Vorschläge.

Unterdessen kam Alonzo öfters, und stellte ihr vor: für die Arme einer

Dame wären die Zügel des Regiments zu beschwerlich. Ein Premierminister

würde ihre Sorge am freundlichsten erleichtern. Dann hatte er diesen

oder jenen glänzenden ausschweifenden Entwurf, welchen er zur Stelle

vollzogen wissen wollte. Denn obschon unthätig im Tagewerk, lebte ihm

doch eine rege Phantasie, er hielt den Charakter des Hispaniers fest.

Allein Flore fand die Entwürfe selten nach ihrem Geschmack, und der Alte

ward dann murrlaunig.

Perotti erschien noch häufiger, immer festlich geschmückt, die ziemlich

greisen Haare mit einer Farbe geschwärzt. Wenn er Floren nun eine Menge

angenehmer Dinge, und süßer Lügen vorgebracht hatte, stellte er ihr vor,

wie nöthig ihr in dem dermaligen Verhältnisse ein Gatte sei, ein Gatte,

nicht zu jung, um noch ein Sklave der Unbesonnenheiten zu sein, nicht zu

alt, um noch das Feuer der Liebe empfinden zu können. Dann gab er die

Rolle des Zerstreuten, Nachsinnenden, Unglücklichen.

Flore lachte in sich, da sie seine Plane ahnte.

Nicht lange, so erschien auch ein Brieflein voll der zärtlichsten

Wendungen. Flore lachte noch mehr, und beantwortete es nicht.

Doch wenige Tage nachher spielten ihre Frauen auf eine Verheirathung der

Sultanin an, die Stadt war plötzlich eines Abends erleuchtet, und Alonzo

erschien noch ganz spät, warf sich Floren zu Füßen, und warnte mit den

dringendsten Gründen, gegen den neuen Vorsatz. Flore war vor Erstaunen

außer sich.

»Nein, ehe du dem arglistigen gauklerischen Italiener die Hand reichst,

weiß ich einen Gemahl für dich, edelmüthig, tapfer, jung, liebenswerth,

und dem du eben so viel verdankest --«

Aber ums Himmels Willen, wurde er unterbrochen, wer hat euch gesagt, daß

mir so ein Gedanke einkam?

»Wer? Jedermann. Die gesammte Stadt ist voll davon. Darum die

Erleuchtung. Morgen werden Abgeordnete dir im Namen des Volkes Glück

wünschen.«

Hieraus ergab sich, daß Perotti die Neuigkeit selbst verbreitet hatte,

Floren desto eher für die Ausführung zu stimmen. So läßt man in den

Zeitungen verkündigen, man habe ein gewisses Geschenk, eine Stelle, eine

Ehrenbezeugung erhalten, und Einigemal hat das die Wirklichkeit zur

Folge gehabt.

Nicht so bei Floren. Sie ließ den Wälschen rufen, und sagte ihm

gemessen: Signor Perotti, war ich euch Dank schuldig, so bedenkt, daß

ich ihn durch Vertrauen, und durch Vergessen eurer ehemaligen Untreue,

entrichtet habe. Spielt ihr jemals auf diese eure thörigte Absicht

wieder an, geht ihr eures Amtes verlustig.

Perotti versetzte: Sultanin, wohin führt Liebe!

»Wie, in eurem Alter?«

Medea verjüngte den Greis Aeson, ihr, eine größere Zauberin, werdet doch

den Mann aus den Mitteljahren ins Jünglingsalter zurückführen --

»O erlaßt mir das! Ich meinte, jene Isabelle sei eure Geliebte. Schlecht

lös't ihr euer Wort, sie bis ans Ende der Welt zu suchen.«

Im Wetteifer mit Coutances gab ich dies Wort. Er ist todt, was brauche

ich es nun zu lösen.

»Also Eitelkeit, elende Eitelkeit, der Listigste gelten zu wollen, nicht

kräftige Leidenschaft spornte euch?«

Flore gab ihm noch manchen ernsthaften Verweis, dann trat auf ein

gegebenes Zeichen der Wachtoffizier herein, und Perotti wurde verhaftet.

Nur auf vier Wochen, sprach Flore. Jener mußte alles Sträubens

ungeachtet mit fort.

Diesen Abend war die Stadt noch weit heller erleuchtet. Das hatte Alonzo

besorgt. Flore, die ihn rufen ließ, erhielt auf ihre Frage folgenden

Bescheid:

»Das Volk ist doppelt froh. Einmal, daß Perottis Sage unwahr ist, ferner

daß ein Minister, der seinen vollen Haß trägt, hat ins Gefängniß wandern

müssen.«

Das sind, erwiederte Flore, alles Dinge, wovon dies gute Volk nichts

wußte, ehe wir die Hand an seine Verfeinerung legten. Ich sehe gar wohl,

daß jede Unze des Guten, die es durch mich empfing, reichlich durch eine

Unze Uebel aufgewogen wird, und das ist es, was mir die ganze

Beherrschung höchst zuwider, mit jedem Tage mehr zuwider macht. An all

das geflossene Blut darf ich vollends nicht denken, oder mich befallen

Gram und Trübsinn.

O, fiel der andre ein, ein Gemahl, ein Gemahl, nur Perotti nicht.

Schweigt, ich besitze schon einen! -- Doch Apropos! Ihr erwähntet vor

Kurzem eines rühmlichen jungen Mannes. -- Faßt ja keinen unrichtigen

Gedanken, wenn ich frage. Es hieß, ich verdankte ihm viel, und das mag

ich nicht schuldig bleiben.

Alonzo fing eben lächelnd an:

Florens Abentheuer in Afrika, und ihre Heimkehr nach Paris. Zweiter Band. · 第 2 / 7 题