Der Bote, welcher den Kürbis trug, hub a

Florens Abentheuer

in Afrika,

und ihre Heimkehr nach Paris.

Romantisches Seitenstück

zu den

Begebenheiten des Herrn von Jalonsky,

von

Julius von Voß.

Zweiter Band.

Mit Kupfern und Vignetten.

Berlin, 1809.

Bei Johann Wilhelm Schmidt.

Fünftes Buch.

Erstes Kapitel.

Blick nach dem Heere.

Wir wissen, daß Kuku und Tata geschlagen wurden, aber in einem Gebirge

eine neue gute Stellung bezogen. Daran thaten sie besser als wären sie

vorübergeflohen, und hätten dem Feinde eine große Landesstrecke zum

beliebigen Nießbrauch überliefert. Nun wurde das Heer wieder ermuthigt,

die Verstärkungen aus den Provinzen beeilt, und vor allen Dingen die

Fechtart in Gigis Heer, und die Bewegungen, wodurch das diesseitige bei

den schwachen Punkten angegriffen worden war, fleißig geübt. Kuku war

die Thätigkeit selbst, er hielt sogar Reden. Darkullaner, hieß es unter

andern darin, ihr seid ein Volk von Löwenkraft, von Tygergrimm, von

Felsenhärte, am Feinde erblickt man nur die Stärke des Schakal, die Wuth

der Zibethkatze, die Dauer der Cocosnuß. Dennoch erschlug er unsre

Brüder, und zwang uns zur Flucht. Das macht, ein Geist stand ihm bei.

Können wir den Geist auch beschwören, dann sind wir Ueberwinder. Und

eine Zauberin hat mir schon den Kreis gezeigt, worin er zu bannen ist.

Uebt nur recht fleissig die neue Kampfart, dadurch wird uns der Geist

zugethan, und hört unser Rufen.

Die Darkullaner glaubten, es sei ein Gespenstergeist gemeint, Kuku

verstand aber blos den im Kreise des Schädels. Flore war die Zauberin.

Liebe hatte ihn gelehrig für ihre Winke gemacht, denn sie gebietet der

rohesten Barbarei, und zwar in einer Regel mit wenigern Ausnahmen, wie

bei der zartesten Verfeinerung. Nur noch ein Paar muthige fröhliche

Schritte weiter, und dieser Sultan konnte der Manco Capac seines Volkes

werden, und zum Erzieher einer wilden Menge eignete er sich darum schon,

weil er von selbst darauf fiel, einigen moralischen Hokuspokus

anzubringen, und dennoch nicht dabei Gefahr lief, von der Weisheit

verlacht zu werden. So lernte Jetros Schäfer Gutes und Wahres in

Egypten, wollte es einem Haufen verächtlicher Sklaven mittheilen,

zündete bald einen Busch an, bald stieg er, ein majestätisch Ungewitter

merkend, auf den Sinai. Manches Jahrtausend nachher hielten die Genies

Rousseau und Schiller diesen edlen Betrügereien noch Lobreden. So wurde

Romulus von einer heftigen Tendenz des Willens getrieben, ein großes

Reich zu stiften, bei der Nachwelt vergöttert zu sein, und nur ein

Häuflein Lumpengesindel konnte er um sich sammeln. Er log ihnen die

Inspiration der Nymphe Egeria vor, (wobei, wenn man Lust fühlt, poetisch

zu ahnen, sich immer eine begeisternde Geliebte denken läßt) und noch

steht das Quiritenvolk als das Maaß des Größten da, wenn wir die

Erscheinungen der Geschichte prüfen. So spürte ein morgenländischer

Kameeltreiber dasjenige Krafttalent in seinem Innern, das das Große

leicht fühlt, und die Zeit, die einen Völkerverein wollte, da

anarchische Gräuel wütheten:

Die ungestüme Presserin, die Noth,

Der nicht mit hohlen Namen, Figuranten

Gedient ist, die die That will, nicht das _Zeichen_,

Den Größten immer aufsucht und den Besten,

Ihn an das Ruder stellt, und müßte sie ihn

Aufgreifen aus dem Pöbel selbst -- die setzte ihn

In dieses Amt und schrieb ihm die Bestallung.

Er fütterte Tauben aus dem Ohr, und ließ den Brunnen zuwerfen, in

welchem ein versteckter Sklave Gottes Stimme nachahmte. Gleichwohl wird,

wenn einst die turcomannische Aufklärung hereinbricht, (unter Sultan

Selim wollte ihr Morgen schon ein wenig dämmern) und Spötter lange genug

den Witz eines voltairischen Stachels an dem Araber übten, doch

späterhin ein Fichte im Turban auftreten, welcher beweist: nur in

solcher Form hätte einst der Islamismus auftreten können, und daß besser

wie alles Wissen sey, die _Tauben_ auf _Glauben_ für den heiligen Geist

zu nehmen.

Doch unser Kuku sollte bald fallen.

Wenn aber bei aller Gelenkigkeit zum moralischen Fortschreiten, noch

dann und wann ein Bleiklumpen seinen Fuß zurückhielt, darf uns das nicht

befremden. So konnte er auch den Gedanken an Osmanns Kopf nicht tilgen.

Gesetzt auch, er hätte es über sich vermogt, die trotzige Rache wider

Gigi aufzugeben, so ging die Prophezeiung ihm zu nahe an, und daran noch

nicht zu glauben, war für Kuku zu früh. Man kann also einen Strauß von

Blumen, die der Geliebten Hand pflanzte, oder eine Locke ihres seidnen

Haares, nicht sehnsüchtiger erwarten, wie Kuku das von der Sultanin

erflehte Geschenk. Daß sie es ihm verweigern würde, glaubte er nicht.

Es muß hier nachgeholt werden, daß vor einiger Zeit Lolo, der die

auswärtigen Angelegenheiten besorgende Minister, ins Lager gerufen ward.

Er sollte wo möglich, mit Habesch (in unsern Geographien meistens

Abyssinien genannt) einen Schirm- und Angriffsbund schließen. Er hatte

in einer geheimen Unterredung aber dem Sultan gesagt, das Verfahren der

Nene könnte viele Uebel über das Land bringen, selbst den Zunder innerer

Kriege in Brand stecken. Viel reine Wahrheit lag darin wohl. Allein

reine Wahrheit von geliebten Personen berichten, heißt bei den Liebenden

sie anschwärzen. Kuku verstand, wo Nene im Spiele war, keinen Spas, und

ließ seinen Minister entzungen. Daß er nun so leicht keinen

Wahrheitsager wieder fand, versteht sich. Uebrigens sollte auch dabei an

Lolo ein Exempel von Belang gelten, denn schon zuvor hatte sich eine

Stimme gegen Nene vernehmen lassen, wenn die, welche sie erhoben, schon

nicht so kühn waren, wie der Minister, und mehr zu errathen

aufforderten, als sie selbst aussprachen.

Endlich wurde der langeersehnte Kürbis überbracht. Diese ausgehohlte

Frucht vertrat nämlich in Darkulla die Stelle der Kisten.

Der Bote, welcher den Kürbis trug, hub an: Esel aller Esel, Sohn --

Weg mit dem Titel, unterbrach ihn Kuku, Nene liebt ihn nicht, er mag

wegfallen. Nenne mich Sultan Kuku.

Wohlan, Sultan Kuku, ich bringe dir des Caffern Osmanns Kopf.

Kuku sprang so lustig umher, bei der Nachricht, wie einst der Feldherr

Suwarow, wenn er ein Belobungsschreiben seiner Kaiserinn empfing. Dann

riß (grelle Wildheit, die noch in dem Barbaren hauste) er den Kürbis

auf, nahm den Kopf heraus, tanzte wieder und küßte ihn sogar. Woher die

Hiebe auf dem Gesichte, fragte er den Mann. Der Caffer wollte sich nicht

geben, setzte sich kräftig zur Wehr, und konnte nur von Wunden

zerfleischt, niedergeworfen werden, hieß die Antwort.

Wenn schon, rief Kuku, ist der Kopf nun doch in meiner Gewalt. Und

gleich will ich ihn auch der tückischen Feindinn hinübersenden. Ein

Offizier wurde auch sogleich befehligt, ihn an die nächste Vorpost der

Beduinen abzuliefern.

Als der Offizier bald seinen Weg vollendet hatte, sahe er die Königinn

mit einem zahlreichen Gefolge daher reiten. Sie untersuchte die Ordnung

der Wachenkette. Da für das gegenwärtige Geschenk eben keine goldene

Dose, oder Diamantenaigrette zu erwarten stand, so eilte der Darkullaner

um so mehr, den nächsten Soldaten zu erreichen, warf den Kopf in den

Sand, und rief ihm blos zu: das deiner Königin vom Sultan Kuku. Sie darf

der Geschenke mehrere hoffen. Nun wendete er sein Pferd, und trieb es

schnell davon.

Gigi hatte aber den Offizier bemerkt, und da sie ohnehin an Kuku etwas

sagen lassen wollte, so schickte sie einige Adjudanten ab, wie sie ihn

umkehren sah, ihn wieder zu rufen. Jener spornte desto mehr, hatte aber

den Unfall, mit dem Pferde über eine Vertiefung zu stürzen. Nun hielt

man ihn an, sagte aber: er hätte nichts zu fürchten, solle nur eine

Bothschaft an seinen Herrn mitnehmen.

Der Darkullaner fürchtete nur zu viel, denn in dem Augenblicke ging

jener Soldat auch zu Gigi heran, den Kopf zu überbringen.

Gigi war so von Ahnung, Entsetzen und Abscheu durchdrungen, daß sie bei

dem Anblick unvermögend war, im Sattel zu bleiben. Ohne Unterstützung

wäre sie zu Boden gesunken. Sie winkte stumm gegen den Soldaten hin,

noch zurückzubleiben, sie wollte erst Fassung sammeln, denn ihren ganzen

zerrissenen Zustand im Gemüthe, sollte das Gefolge nicht sehn.

Doch wenn der große Charakter im Kampf mit seinem Schmerz unterläge,

wäre ihm ja der gewöhnliche ganz gleich. Wenigstens muß er die harte

Kunst verstehn, den Schein zu verbergen. Nach einigen Sekunden schon,

fragte Gigi: wessen Kopf brachtest du, Darkullaner? -- Des Caffern

Osmann, gab er bebend zur Antwort.

Ein Ausruf des Schreckens, ein neues Wanken, Gigi wandte das Auge hinweg

-- doch auch das wollte die Königin sich nur zwei Augenblicke gestatten.

Dann rief sie: es ist geschehn! Edelstein an Edelstein fügt zu einem

Becher. Darin setzt ihn in meinem neuen Marmortempel bei. Ich gebe dir

den Tod nicht, Bote, aber melde deinem Herrn, noch könne er der Rache

entfliehn, wenn mir wenigstens Mustapha lebend gesandt würde.

Der Darkullaner schwang sich eilig wieder auf sein Roß. Kaum glaubte er

dem eignen Munde der Sultanin, Gnade.

Diese blickte hin auf das Haupt, schauderte, rief aber plötzlich wieder:

holt den Darkullaner zurück!

Der arme Teufel spornte aus Leibeskraft, war aber dennoch bald

eingehohlt, und mußte abermals vor Gigi. Aber statt er Widerruf der

Milde, und unerhörte Foltern erwartete, hatte sich das Antlitz der

Siegerin freundlich geröthet. Dein Sultan, rief sie, wollte mir nur

einen Schrecken bereiten. Es ist Osmanns Haupt nicht. Wunden sollten es

entstellen, daß ich getäuscht würde. Kuku ist nicht so grausam, seine

Drohung zu vollziehen. Entbiete ihm tausend Dank. Entbiete ihm aufs Neue

Friede, und Erstattung aller Uebel, die dieser Krieg über seine Länder

brachte.

Mit diesem Bescheid mußte der Bote zurück, dem die Brust mächtig leicht

wurde, als er das Lager der Beduinen nicht mehr sah.

Der Becher aus Juwelen wurde nicht verfertigt, und der Kopf fand ein

einfaches Grab im Sande.

Wenn sich der ästhetische Sinn des Lesers, zu sehr daran stößt, daß hier

so viel von einem Kopfe geredet wird, so hat der Verfasser zwei

Entschuldigungen. Einmal ist die Szene Afrika, und der Verstoß gegen das

Kostüm könnte vom Kunstrichter mit Fug gerügt werden, wenn nur Köpfe auf

Rümpfen hier die Bühne zierten. Ferner ist man immer noch gegen das

Wiener Theater der Kaiserstadt Deutschlands diskret. Denn dort wird gar

eine Oper, _Lisaura_ betitelt, dargestellt, worin ein Kopf Cavatinen

singt.

Zweites Kapitel.

Kukus zorniger Eifer.

Ein Europäer ist gar keiner Vorstellung von der Freude fähig, welche

Kuku empfand, nachdem ihm jener Kopf übergeben und dann an Gigi

gefördert ward, selbst nicht einer aus den Geringeren, wo man sich noch

in der Lust und im starken Getränk berauschen kann. Von vornehmen

Männern aus diesem Welttheil ist nun gar nicht die Rede. Die wissen nur

zu lächeln, zu versichern, sie waren _enchantirt_, bei frohen

Ereignissen, und im Champagner trinken sie bloß sich krank. Kuku ließ

nicht nur alle Vorräthe von dem berauschenden Thau ausspenden,

unbekümmert, ob man hernach Mangel leiden würde, sondern auch

Lustgefechte im Heere anstellen, wobei wohl tausend Mann blieben. Seine

Klugheit rechtfertigte noch dazu diese Ergötzlichkeiten, wie eine

bewährte Uebung der Tapferkeit. So hatte ein preußischer (alt-)Oberst

ein Freibataillon geworben, und stand zum erstenmale damit gegen den

Feind. Man hatte ihm hinter einer Anhöhe seinen Posten angewiesen, oben

wurden nur beobachtende Wachen hinbefehligt, die hinter Sträuchern auf

dem Bauche lagen, um zu sehn, ohne gesehen zu sein. Allein der Oberst

änderte die Weisung des Feldherrn, und stellte seine Leute am Rande der

Anhöhe frei auf. Der Feind, welcher Kanonen in der Nähe hatte, wußte gar

nicht, warum er die gute Gelegenheit, seine Artilleristen zu üben,

ungenützt lassen sollte? Sie zeigten auch gar bald, daß ihre Schulen

gemacht wären, und das Freibataillon bekam manche Lücke. Nun schickte

der General, der das seltsame Schauspiel von ferne gewahrte, im vollen

Sprung einen Adjudanten ab, der anfragen mußte: was denn das bedeute?

Nichts, gab der Oberst zur Antwort, ich gewöhne sie nur ein wenig ans

Feuer. --

Genug, Kuku feierte Lustschlachten und Bankette, hatte sich selbst kaum

wieder von einem der wildesten Jubelräusche, die jemals getrunken worden

sind, ernüchtert, als sein Bote zurückkam.

Die Erzählung befremdete ihn, daß Jener die Sultanin selbst gesprochen

habe, das Ende des Berichtes setzte ihn in eine desto heftigere Wuth,

als erst seine Genugthuung ungemessen war.

Wie, Nene hätte mich betrogen? Soll ichs glauben? Könnte die liebliche

Schlange -- -- und Gigi spricht: ich wäre zu gut, einen Caffernkopf

abzuschneiden? O den Hohn soll sie mir bezahlen, diese Beschimpfung,

dieses Vergessen, was sie dem Sultan von Darkulla schuldig ist. O meine

Truppen mehren sich täglich, und lernen die neue Kriegerkunst. Habesch

nährt meine Hoffnung auf einen Bund. Bald werde ich das Felsennest

meiden, und im freien Gefilde den Kampf erneuen. Vielleicht tanz ich am

Siegestage mit Gigis Kopf in der Hand, -- -- -- --

Er vollendete nicht. Tata trat eben in sein Zelt. Schon hatte dieser des

Boten Meldung gehört. Wirklich Bruder, hub er an, schien es mir Osmanns

Kopf gleich nicht zu sein. Ich sah den Caffern zu oft, um die Gestalt

nicht in der Erinnerung aufzubewahren. Heller ist die Farbe des

Gesichtes und schwärzer der Bart. Dich nicht zu kränken, schwieg ich.

O Mahomed! O ihr goldnen Esel des Paradieses! Was soll ich beginnen?

rief Kuku.

Tata erwiederte: Ritze dir vor allen Dingen mit deinem Dolche eine Ader

auf, daß der Zorn dir ausströmt.

Kuku that es auf der Stelle, denn er fand den Rath gut, und er ist es

auch wirklich bei Wilden, bei deren Constitution es ohnehin auf ein

zwölf Unzen Blut mehr oder weniger nicht ankommt.

Während der Lebensquell im Fließen war, fuhr Tata fort: Nun glaub ich

auch, du wirst einem Sultan anständig von der treulosen Cafferin reden

können. Sonst müßte selbst dein Bruder für seine Zunge fürchten.

Wie, und du erfrechest dich, die Cafferin treulos zu nennen? rief Kuku

noch sehr empört.

Tata zog sich etwas zurück, und erwiederte: Es floß noch zu wenig, nur

noch einer Kokosnuß voll, du wirst einsehn, daß die treulos sein müsse,

die den nicht enthaupten mag, von welchem geweissagt ist, er würde, wenn

er lebte, deinen Thron besteigen.

Kuku rief weinend: Freilich, freilich, freilich scheint es so, aber ist

es nicht, diese Sonne sendet nur reinen Strahl nieder. --

Tata sagte manches was zur Sache gehörte, wich dabei dem Sultan aus, und

nahm den Dolch vom Boden, fürchtend, jener nähme ihn auf, ihn nach des

Bruders Herzen zu werfen.

Der Fußteppich des Zeltes war schon ziemlich gefärbt, da rief Kuku:

diesen Mond kann keine Finsterniß verdunkeln.

Tata schöpfte Hoffnungen, und raffte seine Beredsamkeit zusammen.

Schon waren alle Tygerhäute, woraus der Teppich verfertigt war, roth, da

rief Kuku: dieser Stern kann sich nicht in die frostige Erde tauchen.

Tata war sehr froh und antwortete: Die Sonne sengt oft die Blüthen des

Mandelbaums, wird bisweilen finster, wie es der Mond auch wird, in jeder

Nacht fahren Gestirne zur Grube.

Ach das ist wahr, gab ihm Kuku zu.

Und jener erneute fest seinen Ausspruch: Die Cafferin ist eine Treulose.

Verbinde mir die Ader, ächzte der Sultan, ich werde schwach.

Tata riß ein Stück von der Eselshaut des Thrones, und wand es um Kukus

Arm.

Der Sultan begehrte Wasser.

Reichlich tränkte ihn der Bruder und legte ihn auf ein erhöhtes Kissen

nieder.

Was soll ich thun? fragte der Sultan.

Dreister antwortete der Bruder: Sultan von Darkulla, einst gebotest du,

alle deine Weiber, selbst die geliebte Gigi zu morden, damit sie denen

von Habesch nicht in die Hände geriethen. Jetzt gilt es mehr. Deinen

Thron, dein Leben. Argwohnt deine Klugheit nicht, was im festen Lande

geschehen soll? O ich hörte viel, fürchtete mehr, und nun erst reicht

mein Verdacht bis in die Hölle. Dieser Osmann hat das Herz der Sultanin

zu beschleichen gefrevelt.

»Das ist nicht wahr, Verläumder! Ein Sklave, ein Sklave! Kann er meinen,

daß die Sultanin ein Weib ist?«

O diese Caffern meinen frech! Gutwilliger, unvorsichtiger König! Warum

hat die Weisheit der Väter die Eunuchen bestellt, aus deren Mitte die

Weiber der Gebieter nicht weichen sollten, in deren Mitte keinem andern

Mann zu dringen vergönnt war? Du gabst Nene das oberste Regiment, und

alle Schranken der Freiheit, nach der dem glühenden Herzen dürstete,

konnte sie sich eröffnen. Warum würde sie einen elenden Kopf verweigern,

wenn nicht -- --

»Höre auf, höre auf! nur einen Dolch senkte ich in meine Ader, du bohrst

Tausende in mein Leben.«

Treue, Bruderliebe, Pflicht gebieten, dir alles zu sagen. Es ist darauf

angesehn, dich beim Volke gehaßt zu machen, empören will sie sich mit

gewaffneter Hand, dich vom Thron werfen, und den Caffern hinaufsetzen.

Folgst du nicht Bruderrath, bist du verloren.

»Mahomed, Mahomed! zu welchem Leiden bin ich gespart! O der Thron ist

nichts, Alles Nene! Meine Länder mag mir der Caffer rauben, nur nicht

Nene.«

O schon ist sie dir geraubt!

»Ist sie, ist sie? Klagt dein Mund sie auch nicht fälschlich an?«

Zeugen sollen beschwören, daß Osmann allein in ihrem Zimmer war. Wache,

Frauen, alles mußte sich entfernen.

»In die Hölle, in die Hölle mit Nene.« --

Endlich fühlst du, wie es dem Sultan ziemt. Gern schont ich deiner

Liebe, und rieth, noch einmal Osmanns Kopf fordern zu lassen. Aber die

schändlich dich betrog, wird neue Ausflüchte finden. Es ist zu spät.

Eine Botschaft an den Senat ist nöthig, gemessener Befehl, Nene den

Gehorsam aufzusagen, und Osmann zu ergreifen.

»O Nene -- Nene!«

Immer noch?

»Aber wer wird den Befehl überbringen, wenn ich ihn erlasse? -- Freilich

muß ich ihn erlassen!«

Ich würde sagen, du selbst, wenn du nicht an Heeres Spitze ständest. So

laß mich ziehn. Ich nehme einige Truppen auf den Nothfall mit.

»Du hast mich überredet. Aber was soll aus Nene werden?«

Giebt sie sich in Gutem, führe ich sie unversehrt in dein Lager; sonst

muß der Sultan aber auch nicht zürnen, wenn ich ihren -- -- --

»Kopf bringe, willst du sagen!«

Das ist nicht des Sultans Stimme, der brausende Jüngling fuhr auf: Rufe

den Stolz der Väter! Laß den Sultan reden.

»Bringe ihren Kopf, so bin ich all der Verwirrung frei!«

Es lebe der edle weise Sultan von Darkulla!

Drittes Kapitel.

Coutances und Nene.

Welch gehässig Unrecht der armen Sultanin in Tatas Anklage widerfuhr,

liegt am Tage; aber die Anklagen übertreiben meistens, und wer hoch

steht, folglich viel gesehen wird, muß auch herberen Tadel dulden; wie

auf der anderen Seite, das süße erhabene Lob, was ihn trifft, sich

vervielfältigt. Nicht auf die entfernteste Weise ließ sich an die

Entspinnung eines Liebeshandels unter Coutances und Floren denken. Er,

ob ihm schon ein Theil seiner alten Munterkeit zurückgekommen war,

fühlte immer noch für Isabellen (und zwar seit einiger Zeit wieder mehr

wie sonst,) und ihr war Rings Andenken heißer aufgeregt worden, seitdem

sein Freund ihr Nachrichten von ihm überbracht hatte. Auch stellte sie

manche, gar nicht unmoralische, Betrachtung über die Dankbarkeit an,

welche dem Sultan von Darkulla für so viel Liebe, Güte und Vertrauen

gebührte, und wenn sie Ring vergessen mußte, so hatte Kuku die

allergegründeten Ansprüche auf Gegenliebe, er mogte schwarz sein oder

nicht.

Zudem waren Beide von bedenklichen Umständen angefeindet, mußten gegen

die Fremdheit, gegen das Vorurtheil und andere Hindernisse kämpfen,

wobei man denn nicht leicht an Etwas denkt, woran man sich sonst

allenfalls würde erinnert haben. --

Daß die Sultanin beim Volke eine Mehrheit für sich gewann, daß der

Franzos und der Spanier werkthätig für die Landeskultur waren,

berichtete das Ende des ersten Theils. Flore hoffte um so mehr Gutes,

als Kuku zeither so viel Billigung geäußert so viel Empfänglichkeit für

den Geist des Weiterstrebens in stummen Zeichen an den Tag gelegt hatte.

Endlich dachte sie, erleuchte ich des Schwarzen innere Dunkelheit ganz,

und dann muß das Licht nothwendig schon mit Edelsinn und Zartgefühl in

Bund treten. Dann läßt mich Kuku ziehn, und giebt mir eine Bedeckung

nach Egypten. Mein Name wird dann in Darkulla von Enkel zu Enkel

gefeiert werden. Wäre aber Ring todt, dann blieb ich wohl, ob es schon

meine Muhme in Paris[1] sehr bekümmern würde.

Vollkommen unschuldig standen die Sachen zwar, als schon jener Befehl,

welcher am Ende des ersten Theils gemeldet wurde, eintraf; gleichwohl

hatten der Antheil, den Flore schon früher an Coutances nahm, die

Freundschaft desselben mit Ring, der Nutzen, welchen er ihr schon in

Darkulla leistete, und fernerhin leisten konnte, ihn ihr theuer gemacht.

Nun sollte sie, so lautete Kukus Flehen, (denn damals flehte er noch)

sein Haupt einschicken. Fürchterlicher Auftrag!

Es nicht thun, Kukus Flehn verspotten, reizte den Zorn des Mächtigen,

und an die Erfüllung seiner Bitte konnte sie gar nicht denken. Was ihr

vollends die Möglichkeit einer solchen Einwilligung raubte, war der

Umstand, daß Coutances, von allem unterrichtet, in ihr Zimmer trat, und

sie beschwor, Folge zu leisten. Ihre Herrschaft, ihr Leben vielleicht

stehn auf dem Spiel, das bin ich nicht werth, theure Landsmännin, rief

er, mein Kopf mag ihre Sicherheit erkaufen. Schweigen sie, gab sie zur

Antwort, und kommen sie nie wieder zu mir, wenn sie einer solchen

Anmuthung fähig sind.

[Fußnote 1: Siehe Begebenheiten des Ignaz von Jalonsky. Berlin, bei

Schmidt 1806, wo der Leser überhaupt Ring und Floren näher kennen lernen

wird.]

Coutances eilte zum Spanier. Diesem war eben angezeigt worden, einer der

Caffern liege außerhalb der Stadt erschlagen. Dem Franzosen stieg ein

verschlagener Gedanke auf. Er eilte hinaus, den Leichnam zu sehen. Haar

und Bart waren den seinigen ähnlich. Starke Wunden entstellten das

Gesicht. Es wurde aus der Noth eine Tugend gemacht, und des Erschlagenen

Haupt ins Geheim dem Spanier überliefert. Coutances sagte ihm: Bringen

sie es der Sultanin, geben sie vor, ich sei der Getödtete, so ist der

Sultan zu befriedigen. Es muß etwas für die Sicherheit Florens geschehn.

Ich verberge mich einstweilen.

Alonzo fand den Anschlag gut ersonnen, und richtete ihn ins Werk. Flore

sank fast ohnmächtig nieder. Sie hatte eben ein Schreiben an Kuku

angefangen, als der Spanier erschien, und nach einigen vorsichtigen

Umschweifen berichtete, Coutances sei ein Opfer der öffentlichen Rache

geworden. Kein Wunder, setzte er hinzu, im Volke wußte man Kukus

Begehren, man konnte unsern Freund als geächtet ansehn. Wehmüthig traure

ich um ihn, da das Schreckliche aber nun geschehen ist, so darf sie auch

nichts abhalten, das Haupt zu übersenden. Schicken sie keinen Brief mit,

so mag der Sultan einstweilen glauben, seine Bitte sei durch sie selbst

erfüllt worden; was sie um so mehr in seiner Gunst befestigt, und den

Verläumdungen ein Ziel setzt, wovon sein Brief meldete. Erfährt er ja

auf anderm Wege, unser Freund sei durch den Pöbel umgebracht, so bleibt

die Behauptung immer übrig, man sei ihnen zuvorgekommen. In andrer Zeit

mögen sie allenfalls die Wahrheit offen bekennen, so stehn sie um so

reiner von einer Uebelthat da.

Sie konnte sich nicht beruhigen, nicht entschließen, Alonzos Vorschlag

einzugehn. Nein, ich will meine Getreuen aufrufen, ihre Zahl ist nicht

mehr klein, die Thäter des Frevels ausmitteln, fürchterlich bestrafen,

und dann Coutances mit dem Leichenpomp eines Sultans bestatten. Der

grausame Kuku soll mindestens seinen Blick nicht am Gräßlichen weiden.

Es gab eine Menge Gründe wider alles das, und Alonzo bot sie auf. Erst

gab es Vorwürfe, er habe den Freund nicht geliebt daß er so schauderhaft

kalter Besonnenheit fähig sei, daß er die ehrwürdigen Reste entweihen

wollte. Alonzo konnte sich leicht mit Geduld waffnen, schwieg endlich am

ersten Tage, nachdem er wenigstens Floren das Versprechen abgefleht

hatte, noch nichts weiter zu thun. Auch am folgenden blieb alles ein

Geheimniß. Am dritten drang er so weit durch, daß Flore ihm überließ,

nach seinem Gutdünken zu handeln. Nun empfing der Bote sogleich den mit

Specereien verpackten Caffernkopf, und Alonzo sagte einem Kammerherrn

leise: Die Sultanin habe in der Stille ihrer innern Kammern, Osmann

tödten lassen. Zugleich bat er ihn, gegen Niemand davon zu reden.

Allerdings erzählten es nun bald Stadt und Land. Coutances verbarg sich

eine Zeitlang bei Alonzo, dann bräunte er sich das Gesicht, um den

Egyptern ähnlich zu sein, von welchen viele unter den Künstlern und

Werkleuten waren, und ging aufs Land. Es rührte ihn innig, wenn er hier

durch Alonzos Briefe erfuhr, daß Flore ihn täglich beweinte. Dies ist

die Lösung der Räthsel in den vorigen Kapiteln.

Viertes Kapitel.

Ein alter Bekannter tritt wieder auf.

Flore weinte also, aber denn doch mit Philosophie, das heißt, sie hörte

nach einiger Zeit auf. Die Genugthuung behielt sie sich vor, einst dem

Sultan zu erklären, sie habe keinen Theil an dem, was mit Osmann

vorgegangen sei, und darauf zu bestehn, daß dem Unglücklichen ein

stolzes Monument errichtet werde.

So vergingen mehrere Wochen, in deren Verlauf sich die Zeichen der

Volksgunst abermals erweiterten. Von dem Ungewitter, das ihr vom Lager

her drohte, fürchtete die arme Unwissende nichts.

Sie sollte zuvor aber noch mannichfach überrascht werden. Früher als sie

es hatte erwarten können, wurde ihr ein schwarzer Sklavenhändler

gemeldet. Sie ließ ihn vor, und es war der ehrliche Musa. Er hatte

treulich Florens Auftrag vollzogen, und in Cairo Ring gesucht. Doch war

dieser schon seit einiger Zeit von dort entfernt, denn er hatte nach

seinem Beruf, den Truppen, die Syrien besuchten, folgen müssen. Und die

Nachrichten, welche den Verlust bei dieser Gelegenheit aufzählten, waren

noch bei Musas Anwesenheit in Cairo bekannt geworden -- dort hatte er

das Unglück gehabt, von den Türken gefangen zu werden. Durch einen

Griechen, der im Umgang mit vielen Franzosen stand, war es dem Neger

möglich geworden, über das alles Kundschaft einzuziehn.

Flore erschrack gar sehr, da die Gefangenschaft bei den Türken, wie man

erfuhr, drückend genug sein sollte, indessen tröstete sie Musa, und

sagte: Es findet sich doch auch mancher wackere Muselmann, und wenn man

sich auf weitere Kundschaft legt, und Nachricht einzieht, wo er

hingekommen ist, so wird er wohl loszukaufen sein. Ich verspreche meiner

Bekannten Beistand, denn für mich selbst ist Syrien zu entlegen.

Jetzt zog der Neger noch einen Brief aus der Tasche. Diesen, sagte er,

hat dein Frank in seiner Wohnung zurückgelassen. Er war für dich

bestimmt, wenn du etwa nach Cairo zurückkämest, und weil ich davon

hörte, mußte ihn mir der Grieche verschaffen.

Flore griff hastig zu, und ihr Herz erbebte, da sie die wohlbekannte

Hand der Aufschrift sah. Mit frohem Zittern erbrach sie das Siegel. Ring

schrieb:

Ich folge den Truppen, welche nach Syrien gehn, und theile ihre

vielseitige Gefahr. Sollte das Glück wollen, daß du Verlorne während

meiner Abwesenheit in Cairo einträfest, so wäre es dir lieb und

nützlich, einen Brief von mir zu finden. Darum schreibe ich diese Zeilen

nieder, so geringe auch die Hoffnung ist, daß sie in deine Hand

gelangen. Den Schmerz dir zu malen, den ich empfand, da ich von den

Pyramiden heimkehrte, und erfahren mußte, dich hätten Mamelukken

geraubt, erlasse mir, ich würde nur meine Wunden aufreißen. Glaube auch,

daß ich nichts unversucht ließ, deinen Aufenthalt zu erspähn. Doch

Kosten, Briefe, da und dorthin, gefährliche Reisen, alles blieb

unbelohnt. Kömmst du bei dem allen aber nach der Hauptstadt Egyptens, so

erwarte mich aus Syrien. Hörst du von meinem Tode, so weine nach Gebühr,

versage aber einem braven Franzosen, der um die Wittwe wirbt, deine Hand

nicht, daß dir kein Beschützer mangle, dich ins Vaterland zu führen.

Erfährst du etwa, ich sei gefangen, wird wohl nur Paris der Ort sein, wo

wir uns wieder treffen. Sorge dann nicht um die Härte meines Schicksals,

du weißt, ich habe den Kampf gegen das Leben bestehen gelernt, und es

giebt keine Lage, in die ich mich nicht muthig und heiter zu fügen

wüßte. Ich werde schon meine Masregeln treffen, daß es mir gelingt,

Frankreich wieder zu erreichen. Schließe dich dann an meine Freunde, und

suche mit dem ersten Schiffe, das nach Europa segelt, abzugehn. Hier

hast du also Weisungen für mehr als einen Fall. Doch ist noch ein

anderer übrig. Du könntest, niedlich, angenehm und verständig, Glück in

eines vornehmen Muselmannes Harem finden, und dies Glück dir durch die

Vorwürfe des Pflichtgefühls, die Erinnerungen der Treue gestört werden.

Nein, dringt etwa dennoch dieser Brief zu dir, so glaube, daß ich dich

um jeden Preis beruhigt wissen mögte. Der Nothwendigkeit muß man

gehorchen. Bist du in einen Harem gesperrt, so verseufze das Leben

nicht. Genieße, und denke nicht weiter an mich als an einen Freund, den

man doch nie hoffen darf, wieder zu sehen. Ich dagegen liebe sicher

keine andre, wenn ich dich nicht wieder finde. Das ist keine Tugend,

kein Heroismus von Liebe und Treue, sondern beruht auf einer winzigen

Kleinigkeit, mir gefällt keine wie du. Es ist weniger ein Wollen, wie

ein Müssen, daß ich, sei es in Afrika, Asia oder Europa, ewig bin

der Deine.

Ring.

Groß-Cairo.

Flore war von diesem Briefe innig gerührt, noch stärker ward der Zug des

Herzens nach ihm, noch lebendiger erwachte Rings Andenken in ihrer

Brust. Weit entfernt, aus der einen Wendung des Briefes, eine Befugniß

in Darkulla zu bleiben, für ihre Ueberzeugungen zu schmieden, sah sie in

der Liebe, von welcher die Wendung ausging, nur ein heiliges Gebot, nach

Befreiung zu streben. Wie wenig stand aber da in ihrer Macht? Sie

herrschte in dem Inneren von Darkulla. Aber hätte sie es zu fliehen, zu

verlassen gesucht, würde der erste Schritt aus dem engen Passe sie

entdeckt haben, denn vor demselben lagerten Truppen, die auf alles was

aus und einging, genaue Obacht führten. Zu einem solchen Vorhaben,

hätten es auch die anderweitigen Schwierigkeiten und Gefahren ausführbar

gemacht, konnte immer die gegenwärtige Zeit nicht gewählt werden.

Sie belohnte unterdessen Musa reichlich, und fragte gleich: in wie fern

er würde ausmitteln können, wo Ring gefangen säße? Er antwortete: Schon

dachte ich diesen Auftrag zu bekommen, und ließ meine Bekannten in Cairo

nach Aleppo Damaskus und Smirna schreiben, denn die Sklaven werden

bisweilen weit verführt. Ich denke, wenn ich mit der Caravane nach

Fezzan komme, wohin ich bald abgehe, einen Brief dort vorzufinden, der

mich benachrichtiget, was die Bekannten erfahren haben.

»Thue alles was du kannst, ihn loszukaufen, ich gebe dir das nöthige

Gold gleich mit, und mehr wie du bedarfst, denn ich kann deiner

Redlichkeit trauen.«

Musa nahm wieder das Wort: Sultanin, auch meine Knechte waren in dieser

Zeit nicht müßig, ja noch glücklicher wie ich! Sie haben Mehemeds Fährte

so rastlos verfolgt, bis sie ihn selbst erreichten. Eben da er über den

Niger kam, denn er ist auch jenseit dieses Stromes gewesen, fingen sie

ihn, und trafen mich auf der Reise hieher, da sie ihn zu mir brachten.

Noch alle deine Kostbarkeiten fand ich auf seinen Kameelen, diese aber,

gehören mir, wie du wohl einsiehst. Nichts veruntreue ich, doch das

meinige lasse ich auch nicht gern fahren.

Behalte alles, rief Flore, ich bedarf dessen jetzt nicht, und kann ich

einst Darkulla meiden, gebührt mir für das seinem Volke erwiesene Gute,

auch nicht mit leerer Hand zu ziehn. Aber wo ist der betrügerische

Mehemed?

Musa rief nach außerhalb, und zwei Neger brachten Perotti geführt. Hier,

redete ihn Musa an, ist die Sultanin, sie wird die Strafe über dich

verhängen.

Perotti blickte auf Floren, ließ einen Ausruf der Verwunderung hören,

faßte sich aber schnell, und stimmte Frohlocken an. So hab ichs

gewünscht, vorausgesehn, den Plan legte ich an, schrie er, und warf sich

vor der Sultanin nieder.

Sie war sehr befremdet über diese unverschämte Herzhaftigkeit, der

Italiener ließ sich aber nicht irre machen, sondern fuhr fort: Bei

deiner Liebenswürdigkeit mußte dir in Afrika hohes Glück lächeln, darum

kauft ich dich nicht los. Dein Vermögen wollt' ich dir bewahren, da es

ja doch der Sklavenhändler genommen hätte; sieh so ein redlicher Mann

bin ich! Auch ist kein Rubin, kein Smaragd abhänden gekommen, was willst

du mehr? Daß mich des Musa Knechte festhielten, dafür konnt ich nicht,

aber ich wollte eben nach Darkulla kommen, dir deine Schätze

auszuhändigen, denn so gebot es meine Gewissenhaftigkeit. Du darfst sie

dem Neger nur abnehmen, und kömmst zu deinem Eigenthum. Hast du je eine

bewährtere Treue gefunden?

Flore fiel ein: Buben fehlt es selten an Gegenwart des Verstandes. Du

meinst doch nicht, ich soll deinen Worten glauben?

Perotti betheuerte von Neuem, und setzte noch hinzu: Wäre auch meine

fürwahr engelreine Absicht, schwarz wie die Hölle gewesen, jetzt hättest

du Grund, sie zu lieben, sie erhob dich auf den Thron von Darkulla.

»O dieser unglückliche Thron! Hättest du mich von Musa erstanden,

vielleicht wäre es mir gelungen, nach Cairo zu kommen!«

Nimmer, nimmer, erhabene Sultanin! Zu keiner Zeit waren die Gegenden

mehr mit Räubervolk überschwemmt!

»Mein Freund, dein Feind, fand hier schmähligen Tod. Das macht mir dies

Negerland, so reizend es die Natur ausstattete, doppelt verhaßt.«

Dein Freund? mein Feind? Wer wäre das? Ich kenne Niemand, der mein Feind

wäre. Ich zum wenigsten liebe die ganze Welt.

»Kennst du den Franzosen Coutances?«

Coutances, er war in Darkulla? Ohne Zweifel Isabellen zu suchen? Und den

nennst du meinen Feind? Wir wetteiferten blos um den Besitz der

Schönheit. Nie konnt ich ihn hassen. Mich freute vielmehr sein Witz,

mich entzückte der verschlagene Sinn, und indem er ihn übte, erhöhte er

auch mein Talent!

»Du bist ein Meister der Verstellung.«

Und dieser brave feurige Coutances wäre dahin? Verzeihe meiner Thräne!

Sie muß ihm fließen.

Perotti weinte so natürlich, daß Flore beinahe getäuscht wurde.

Wenigstens freuten sie die Thränen, welche Coutances geweiht waren. Der

Augenblick ihrer Bewegung traf ein, und sie sprach: Sey ein Verräther,

ein Heuchler, oder nicht, es ist dir verziehn! Was frommte mir deine

Bestrafung? Geh frei aus!

Perotti warf sich von Neuem auf die Erde. Ich bin nicht strafwürdig,

dabei blieb er, also kannst du mich auch nicht strafen. Aber was soll

mir jetzt die Freiheit? Die Schwarzen raubten mir alles. Nimm mich in

deinen Dienst, große Sultanin!

»Dich? ha ha ha!«

Keinen ergebneren, keinen treueren Knecht findest du.

»Ha ha ha!«

Fürwahr, ich kann dir brauchbar seyn. Auf meiner Reise habe ich die

Sitten der Völker dieses Welttheils geprüft, und da ich tiefer in den

Süden drang, wie noch nie ein Europäer, lernt ich auch klüger mich in

den Menschen finden.

»O daran zweifelt bei Signor Perotti Niemand. Und wie fingst du es an,

überall ungestört durchdringen zu können, da so mancher Andere früh

umkehren mußte, oder seinen Tod fand?«

Auch ich machte den Arzt, wie es andre gethan haben, bediente mich aber

lauter kräftiger flüchtiger Reize, die allenfalls im Stande waren, die

Lebenskraft des Hinscheidenden noch für eine Stunde zurückzurufen. So

machte meine Heilkunde oft Glück, so lange ich anwesend war, was nach

meiner Abreise geschah, kümmerte mich nicht!

»O pfui!«

Was thut der Europäer nicht um die Weisheit! Nächstdem hatte ich einige

chemische Apparate, einige Instrumente der Naturkundigen auf meinen

Thieren. Ich hatte vorausgesehn, daß ich mir so den Ruf eines großen

Zauberers und Furcht erwerben könne. Und es gelang mir damit.

Wirklich mögte man glauben, daß wenn ins Große getrieben würde, was

Perotti wohl nur mit weniger Bedeutung that, die Naturwissenschaften

einen unternehmenden Abentheurer gar wohl in Stand setzten, sich unter

den Völkern in Afrika, vielleicht selbst in Asien, zum Religionsstifter

zu erheben; das höchste was bis jetzt unter den Menschen erreicht worden

ist, da die Namen Moses, Confutsee, Zoroaster, Fot, Mahomed u. s. w. die

der großen Eroberer überdauern. Welche für solche Menschen

unbegreifliche Erscheinungen könnte sie nicht hervorbringen, die ihnen

unfehlbar Himmelswunder gölten, und göttliche Sendung urkundeten.

Chemische Prozesse, Elektrizität, Luftschifferei, welche Hülfsmittel zu

diesem Zweck. Vielleicht fällt noch ein ruhmsüchtiger Wagehals darauf.

Noch interessanter ist aber der Gedanke an eine so hohe Stufe der

Naturkunde, die selbst Völkern, wie die gegenwärtig gelehrtesten,

Wunderglauben auferlegen könnte. Und doch wird sie gewiß einst erreicht,

und muß wieder winzig dastehn, gegen das, was die von ihr weiter gehende

Entwicklung offenbaren kann.

O, fuhr Perotti fort, wenn einige ruhige Stunden dazu günstig sind, dann

werde ich erzählen, was ich alles unter diesen Völkern sah, und that.

Aber am meisten werden meine Hörer staunen, wenn ich berichte, was mir

jenseits der Gebürge zu Gesicht kam, die das Auge erst in blauer Ferne

entdeckt, wenn der Pilger hundert Meilen über den Niger hinausdrang.

Wisse, daß hier Nationen hausen, bei denen tiefe Wissenschaft und Künste

mancher Art gar nicht fremde sind. Weiße wohlgebildete Nationen.

Nachkommen der von den Römern vertriebenen Carthager, der vor Belisarius

fliehenden Vandalen und Andere.

Darauf wäre ich wohl begierig, versetzte Flore.

Es wird sich Zeit dazu finden. Wohlan, bleibe in meinem Dienst, wenn du

schon mein Vertrauen nimmer gewinnen kannst.

Jetzt trat auch Alonzo ins Zimmer, der sich nicht wenig über den

Ankömmling verwunderte. Es erhub sich gleich ein Streit unter den

Beiden. Des Spaniers alter Kummer erwachte, und er maaß dem Italiener

Isabellens Verlust bei. Dieser erwiederte: Deine Schuld, daß du mich dem

Franzosen nachsetztest. Flore sagte: Dem sei wie ihm wolle, jetzt müßt

ihr euch versöhnen. Und wie steht es denn um die Nachrichten von

Isabellen, Perotti?

Auf meinem Wege fand ich keine weitere Spur.

Ach sie ist längst hinüber, seufzte Alonzo.

Wir hörten, nahm Flore wieder das Wort, sie sei umgekommen.

Das glaube ich demungeachtet nicht, erwiederte Perotti.

Auch ich nicht, war Florens Bemerkung.

Fünftes Kapitel.

Die schlimme Gefahr naht.

Eben wollte man weiter reden, als ein Darkullaner athemlos

hereingestürzt kam. Sultanin, rief er, ich bin dir treu, und will, wie

Tausend andere, mein Leben in deiner Vertheidigung opfern. -- Du sollst

deiner Macht entsetzt, getödtet werden. So will es der Sultan.

Alles rief bestürzt: der Sultan?

Ja, fuhr der Darkullaner fort, und schon ist sein Bruder Tata zum

Felsenweg herein. Allen die in den Dörfern wohnen, verkündigt er Kukus

Befehl. Hoher Lohn erwartet den, der dich lebend oder todt liefert.

Viele Mächtigen jubeln, aber die Knechte weinen, und berathen, ob sie

sich dir zur Seite stellen sollen? Denn du warst ihnen mild, und sahen

sie es nicht gleich ein, daß sie in dir ihre Beschützerin lieben mußten,

so sind sie nun von ihrem Irrthum zurückgekommen. Viele haben sich im

großen Dattelwald gesammelt. Schicke ihnen einen Anführer, und ihr

Entschluß wird genommen sein. Noch weiß Niemand in der Stadt davon, denn

ich ritt das schnellfüßigste Dromedar todt, um dir noch zu guter Zeit

die Kunde zu bringen.

Mir ziemt Ergebung, sprach Flore gefaßt, der Sultan gab mir diese Macht,

er nehme sie wieder hin, er ist Herr über mein Leben, mir bleibt nichts,

als mit Ruhe zu sterben. Schändliche Verläumdung hat seinen Zorn

entflammt, vielleicht werde ich gehört, kann meine Unschuld darthun.

Hören wird man dich nicht, rief der Darkullaner.

Dies fordert das Recht, versetzte die Sultanin, und ich kenne Kuku.

Aufbrausen kann er, aber leicht erwacht neue Großmuth in seinem Busen.

Perotti wimmerte: Gewiß läßt der Sultan erst deinen Kopf holen, der

verwünschte Gebrauch in Afrika, dann wird man einen Prozeß anstellen.

Sinne auf List, auf Trug, auf Ränke, hintergehe die Gegner.

Greife zum Schwerdt mit deinen Getreuen, rief Alonzo.

Wie, ich sollte das Schwerdt gegen meinen Wohlthäter erheben?

»Ist er es denn auch noch, wenn er elender Afterrede Gehör giebt, und

dich, die Unschuldige, zu verderben denkt. Unter den Waffen laß die

Gründe gegen deine Anklage hören, sonst bist du verloren.«

Flore war tief erschüttert. Wohl bin ichs mir schuldig, sprach sie, auf

meine Rettung zu sinnen, aber wie viele werden mir beistehn, wenn sie

des Sultans Gebot hören?

Durch Gaukelkünste muß das Volk an dich gekettet werden, fiel Perotti

ein.

»Freilich ist alles hier recht, was die Klugheit empfiehlt, doch wollen

wir edle Mittel gebrauchen. Der Sultanin Schönheit, die Anmuth ihrer

Rede, werden, müssen ihr die Herzen gewinnen, wenn sie sich öffentlich

zeigt.«

Perotti billigte diesen Ausspruch, doch setzte er hinzu, ich werde dann

sorgen, daß ihr Eindruck alle Gegenpartheien zermalmet.

Musa wurde gefragt, was er meinte, daß jetzt anzufangen sei? Er gab zur

Antwort: Ich trete nicht auf eine, noch auf die andere Seite, und

entfernte sich.

Flore rief den Obersten der Leibwache. Einen Eid, sprach sie, fordre ich

von dir und deinen Leuten, daß ihr in einer nahen Gefahr, die mich

bedrohen wird, mir beisteht, ohne zu fragen von wannen sie naht.

Was ist da ein Eid nöthig, sagte der Offizier. Das müssen wir ja so, da

wir schon schwuren, dich mit unserm Leben zu vertheidigen.

Wohlan, versetzte Flore, befiehl, daß alles Volk der Stadt sich vor dem

Pallaste sammle. -- Der Eunuche ging ab.

Alonzo entfernte sich einige Minuten. Während dessen trug Perotti einen

Plan nach dem andern vor. Die Soldaten werden dir nicht ergeben bleiben,

sprach er unter andern, wenn des Sultans Gebot ihnen zu Ohren kömmt;

wäre ich wie du, ich ließ ihre Gehörwerkzeuge mit erhitzten Eisen

zerstören, so vernähmen sie nicht, was ausgerufen oder vorgelesen wird.

Die Kammerherrn erschienen. Sie hatten erfahren, daß Nene Sorge

umschwebe. Welche? wußten sie aber nicht, und waren doch unsäglich

neugierig. Zugleich versicherten sie, wie sie außer sich vor Verdruß

wären, nicht jeder Zehntausend Leben und Zwanzigtausend Arme zu

besitzen, um sie in Nenes Vertheidigung lächelnd hinzuopfern. Gleich

aber folgte die Frage wieder: welche Gefahr doch die Sultanin umschwebe?

Da sie mit der Antwort zauderte, fiel Perotti darauf, ihnen gleichsam im

Vertrauen zu eröffnen, daß Sultan Kuku mit der Ergebung, welche das Volk

der Sultanin bezeigte, nicht zufrieden genug sei. Er wolle durchaus, ihr

solle unterwürfiger wie ihm selbst gehorcht werden, sogar gegen sein

Gebot solle man ihr treu bleiben. Um zu prüfen, ob auch dieser strenge

Wille befolgt sei, würde Tata mit Kriegern erscheinen, und das Volk

aufrufen, der Sultanin nicht mehr gehorsam zu sein, ja sie gefangen

auszuliefern; wer nun gehorchte, dessen Kopf würde in Kukus Lager

gebracht.

Die Kammerherren eilten was sie konnten, das auszustreuen, und von Mund

zu Mund lief die Warnung, ja nicht nach Tata zu hören.

Alonzo kam zurück. Heitrer wie zuvor suchte er Nene Muth einzusprechen,

und setzte hinzu: Es wird jemand, von dem du es gar nicht hoffest, zu

deiner Hülfe eilen.

Das Volk fing jetzt an, sich in dem Pallasthofe zu sammeln. Man hörte

sein dumpfes Murmeln, sahe die Bewegungen, welche den lebendigsten

Antheil, und verschiedne Partheinahme ausdrückten. Der treue Schwarze

mußte hinunter, und die Gespräche näher hören. Er kam bald zurück, und

berichtete: wie das listige Vorgeben wenig Glauben gewinne, vielmehr

sagte man sich: wenn Kuku seinen Bruder schicke, die Sultanin

abzusetzen, geschehe es, weil sie so manche ehrwürdige Einrichtung über

den Haufen geworfen habe.

So weiß ich noch eine andere List, rief Perotti, und diese wird

gelingen. Er rannte bei diesen Worten hinaus.

Welche List steht uns zu Gebote? sprach Alonzo. Ja, hätten wir

mancherlei Gegenstände aus Europa, so sollte sich Nene wie eine

Wunderthäterin, wie eine Gottgesandte zeigen. Eine große

Elektrisirmaschiene im Pallast verborgen, einen Draht unbemerkt

hinausgeführt, und so dem ganzen zusammengedrängten Volke einen Schlag

versetzt, während auch noch ein künstlicher Donner ertönte; eine

Engelgestalt aus Wachstaffent mit ärostatischem Gas gefüllt, in der

Nacht an einem dünnen Faden zur Höhe gelassen, und dann vor dem

Angesichte des Volks majestätisch in den Pallast herabgezogen, daß jeder

wähnte, ein Himmelsbote brächte der Sultanin Gottes Befehl, das könnte

mächtig wirken. Aber woher nähmen wir das alles?

Man sieht, daß ihr ein Spanier seid, versetzte Flore, auch eure List

trägt den poetischen Stempel. Mag es seyn wie es wolle, ich muß

versuchen, was mein Anblick, meine Rede auf den rohen Haufen wirken.

Sie trat nach diesen Worten auf eine Art Balkon hinaus, machte eine

grüßende Bewegung, und hub dann an mit Würde zu sprechen.

Doch ein geringer Theil empfing sie nur mit Freudengeschrei, ein anderer

mißbilligte das Stille gebietend, so entstand ein unordentliches

doppeltes Geräusch, das Florens Rede ungehört machte. Die unzufriedene

Parthei unterhielt den Lärmen absichtlich, und verletzte die

Ehrerbietung mit Frechheit. Flore eilte endlich zurück in den Saal, rief

erzürnt ihre Wache, und befahl ihr, muthig die Unverschämtheit zu

strafen.

Indem hörte man die Ankunft eines Herolds, der sich auf einem

darkullanischen Instrumente hören ließ. Vielleicht kömmt er zu mir,

dachte Flore, allein er hielt im Hofe, gebot Aufmerksamkeit, und rief

das Volk auf.

Die eben hinausgestürzten Eunuchen hörten auch auf den Herold, der nun

in Tatas Namen verkündigte: das Volk solle der Cafferin Nene Kopf, die

nicht mehr Eselin der Eselinnen sey, an Tata liefern. Weigerte man sich,

so würde er, schon nach zwei Tagen hier, die Stadt in Brand setzen, und

alles ermorden lassen.

Unentschlossen zauderte das Volk, doch einige Glieder des Divan, die

sonst immer noch treulich auf Nenes Seite gestanden hatten, riefen

furchtbar: Wir müssen gehorsamen!

Sogleich wälzte sich der rebellische Haufe dem Pallaste zu, selbst die

Eunuchen widerstanden nicht.

Jetzt war Perotti wieder ins Zimmer der Sultanin gekommen, die in der

That an ihrer Sache verzweifelte. Hinaus, rief er, noch einmal hinaus,

in diesem Augenblicke wird es gelten. Dabei änderte er einiges an ihrem

Haarschmuck, was sie kaum bemerkte.

Sie trat wieder auf den Balkon, und mußte den letzten Rest ihres Muthes

aufrufen, um nicht vor Schrecken über die unbändige auf ihr Leben

herandringende Masse niederzusinken.

Aber o Wunder! Plötzlich stand die Menge, das Wuthgeheul schwieg, die

mordlustigen Blicke waren erheitert. Ein kurzer Freudenruf, dann

allgemeines Verstummen.

Flore begriff diese schnelle Veränderung durchaus nicht, nützte sie aber

mit voller Geistesgegenwart, und hielt eine Rede voll Hoheit und

Rührung. Jedes Wort drang ein, alles rief: wir haben unsere Eselin

wieder! Heil der Eselin aller Eselinnen!

Der Divan rief am lautesten, die Eunuchen der Wache drohten

niederzubohren, was noch einen Schritt gegen den Pallast wagte.

Schwört mir, rief Flore, bei dem Propheten, neue Treue! -- Sie schwuren

alle. So nur könnt ihr eurem Sultan gefallen, setzte sie hinzu. Ich weiß

besser wie ich mit ihm stehe, wie selbst sein Bruder. Und nun

auseinander, zu euren Wohnungen!

Alles zerstreute sich sogleich, und Flore kehrte zurück.

Seht ihr, rief Perotti aus, indem er den Angstschweis von der Stirn

tilgte, seht ihr, es war wohlgethan, mich in euren Dienst zu nehmen.

Euer Leben rettete ich. Er faßte hierauf wieder nach ihrem Haupte, und

nahm die zwei Ohren der Leibeselin herunter, die er vorhin ihr unbemerkt

aufgesteckt hatte.

Nicht wahr, ein gescheuter Einfall, daß ich vorhin in den Marstall

schlich, und die Ohren holte? Sie haben das ganze Wunderwerk vollbracht.

Floren mischte sich Verdruß in die Freude, doch hatte sie einmal mit den

Eselsohren dagestanden.

Ich rathe, sprach nun Alonzo, die Stadt in Vertheidigungsstand zu

setzen. Tata und seine Krieger dürften nicht so bald zu umwandeln seyn.

Flore war das zufrieden. Das Volk mußte einen Wall und einen Graben

aufwerfen, spitze Pfähle erschwerten den Zugang. Alonzo leitete diese

Arbeiten, und als Tata erschien, war man schon zu einer Belagerung

vorbereitet.

Der treue Schwarze war auch thätig, und versicherte Floren, nun die

Städter ihr bei Mahomeds Namen Treue geschworen hätten, könne sie auch

darauf bauen, daß sie ihr Leben für sie wagten, und nichts sie

erschüttere.

Wohin soll das aber führen? rief Flore. Ich will keinen inneren Krieg,

Blut soll um mich nicht strömen. Alonzo entgegnete: und doch wird es

nicht mehr zu vermeiden seyn, es wäre denn, Tata ließe mit sich

unterhandeln, und berichtete an den Sultan zurück. Unter den Waffen aber

unterhandelt es sich am nachdrücklichsten.

Flore erließ Proklamationen an das Volk, die Alonzo aufgesetzt hatte,

und prächtig klangen. Neben aller Würde, vergaß man doch nicht, der

Menge darin zu schmeicheln. So gering auch die Portion ist, die bei

solcher Gelegenheit auf den Einzelnen fällt, so wachsen doch die kleinen

Theile von Erkenntlichkeit wieder zu einem namhaften Ganzen an.

Tata dagegen, wie er mit seinen Kriegern, und dem an sich gezogenen

Landvolk die Verschanzung umzingelt hatte, sprach in wüthenden

Manifesten, die bei furchtsamen Nationen vortrefflich seyn mögen, bei

andern aber, wohin hier unsre Darkullaner gezählt werden können, ganz an

der unrechten Stelle sind.

Doch nahm beinahe ein gewisser Umstand eine günstige Wendung für Kukus

Bruder. Die Eselin nämlich, welche durch Perotti um ihre wohlgeformte

Ohren gekommen war, die Leibeselin in den Hofmarställen, hatte in

Darkulla eine gewisse Weihe, einen Mysticismus aus den Zeiten der

Abgötterei her, und noch hatte der Islamismus, wie wir schon oben

bemerkten, diese Spuren nicht verdrängen können. Ueberhaupt ist die

Ideenmengung bei den Religionen so gar ungewöhnlich nicht, und es dürfte

keine einzige geben, die nicht mehrere Grundzüge einer anderen in sich

aufnähme. Darüber ließe sich hier der Schein tiefer Gelehrsamkeit

annehmen, wenn man berühmte aber dennoch nicht sehr gekannte

Schriftsteller ausschreiben wollte. Ohne aber mit einem Bailli oder

Volnei zu untersuchen: ob der Esel von Darkulla, mit einem äthiopischen

Mythos zusammenhängen mögte, sei es genug, zu melden, daß sein Stall

eine Art Tempel war, und daß dieser nach Ahnen, Tugend und Anmuth

gewählte Erzesel, sogar Priester zu seinem Cultus hatte. Nur an hohen

Festen durfte ihn der Sultan besteigen. Krankheit und Tod dieses Thieres

galten unglückliche Zeichen dem Lande; sein Wohlsein, muntrer Appetit,

sein muthiges Hintenausschlagen frohe Verkündigung.

Wenn nun unser Italiener im Augenblicke der Noth auf den Einfall kam,

der Sultanin des Landes edles Simbol in das Haar zu pflanzen, so

enthielt er die Genialität glücklicher Erfindung, denn der Gradsinn sah

reuiges Hinwenden zu dem Ehrwürdigen, der Aberglaube vielleicht gar den

Arm des Himmels in dieser Erscheinung. Allein Florens Unstern führte den

Italiener grade zu dem heiligen Thiere, ein unerhört schrecklicher

Umstand. Der Stall war eben ledig, und so wurden die Ohren schnell genug

und unbemerkt abgelöst. Nach einer Stunde etwa sprach Perotti mit dem

Spanier über die vollbrachte List, und dieser fragte: wie er doch so

geschwind zu den Ohren gekommen sei? Jener zeigte auf den Stall.

Alonzo schlug die Hände über dem Haupte zusammen. Wir sind alle

verloren, wenn das kein Geheimniß bleibt, rief er aus, und erklärte dem

Italiener, was er, bei längerem Aufenthalt in Darkulla, genauer, wie

dieser kannte.

Dieser lief in der Angst mit den Ohren wieder hinunter, bediente sich

eines Baumharzes aus dem Pallastgarten, und klebte sie so gut wieder an,

als es sich im ersten Augenblicke thun ließ. Zum Glück waren die

Priester und Knechte, des Auflaufs wegen, nicht in der Nähe.

Unentdeckt konnte aber die Sache nicht bleiben, und es war höchst

gefährlich, irgend jemand in die Mitwissenschaft zu ziehn. Es wurden

daher die gewöhnlichen Knechte des Esels entfernt und Perotti fütterte

und putzte ihn an ihrer Stelle, wodurch man der Entdeckung auswich. Auch

mußte Flore vorgeben, ein besonderes Gefühl der Verehrung des heiligen

Esels sei über sie gekommen, und sie wollte ihn huldigend mit einer

köstlichen Krone schmücken. Diese wurde in Eile aus Gefieder und

Juweelen gemacht, und sie bedeckte den Oberkopf so, daß weder ein Organ

daran vermißt wurde, noch sein defekter Zustand in die Augen fiel.

Perotti ließ sich sogar die priesterliche Würde geben, um bei Aufzügen

das Thier zu führen. So wurde jedermann davon entfernt.

Das alles aber reizte die Neugier eines andern Priesters, der gleich

vermuthete, es müsse hier eine Heimlichkeit verborgen sein, die man zu

offenbaren fürchtete. Er versteckte sich also eine Nacht hindurch in dem

Tempel, untersuchte das Thier, und fand die Verstümmlung auf.

Er war außer sich vor Freude, und das aus folgenden Gründen: Die

Eselspriester hatten ewige Controversen mit den Mahomedspriestern zu

bestehn, denn diese wollten jene, wie die ganze Eselsverehrung, als

unrein und unerlaubt austilgen. Bei den Controversen übt sich der

Verstand und nimmt einen ungewöhnlichen Flug, während die Vorurtheile

sinken. Der Mann, von welchem wir gegenwärtig reden, war jung, feurig,

der Priesterschaft gram, und hatte sich in Floren, die er oft sah,

heftig verliebt. Augenblicklich durchschaute er den Plan mit jenen

Ohren, und baute darauf einen Plan für das Glück seiner Liebe, oder noch

wohl höherer Wünsche. Er ließ sich kurz nach seinem Auffund bei Floren

melden.

Sie nahm ihn, umringt von einigen Staatsbeamten, an. Er bat um Gehör

unter vier Augen. Dem Priester versagte sich das nicht wohl. Nun warf er

sich nieder, und bekannte unverschämt und ohne Hehl seine Leidenschaft.

Flore fühlte sich heftig entrüstet. Schon der Akt an und für sich mußte

sie empören, und ihr war auch bekannt, daß die Eselspriester zum

ehelosen Stand, zur strengsten Enthaltsamkeit der Liebe verbunden waren.

Und du erfrechst dich -- hub sie mit strafendem Eifer an, aber der Neger

ließ sie nicht weiter reden, sondern fiel ein:

Erhabne weise Sultanin, oder vielmehr schönste der Weiber im

Menschengeschlecht, du herrschest hier durch die Kraft der Gesetze, auch

meine Macht ist nicht geringe, sie ward auf die Gewalt des Wahnes

gegründet, und diese überbietet oft sogar jene.

»Und du erdreistest dich, die Religion Wahn zu nennen?«

Schöne Königin, du glaubst an die Göttlichkeit der Esel nicht, nur das

Volk sichrer zu lenken, erzeigst du ihnen Verehrung. Noch mehr wie du,

lache ich, der Priester, über die Gaukelei. Aber wenn wir uns im

Zutrauen begegneten, welche Ketten, dauernd, und fest, würde unser

Verein den vornehmen und niederen Sklaven schmieden können. Die, woran

du das Volk lenkest, droht zu brechen, weil du die meinige zertrümmern

willst. Ich kann dir ersprießlicher als irgend ein Darkullaner oder

Caffer sein. Ich will die Herzen gewinnen, die Ueberzeugung fesseln.

Nicht nur gemeinschaftlicher Vortheil, auch Liebe, die heißeste, die je

im heißen Afrika einen Busen durchglühte, Liebe, Liebe betet dich an.

Verwirf sie nicht, und ich lehre dir, dem Zorn des Sultans Trotz zu

bieten.

Verruchter, rief Flore, ich höre auf, deinen Stand zu achten, und strafe

nur den Frevel.

Stolz erwiederte jener: Das würdest du vor dem Volke verantworten

müssen.

»Für niemand wird es sich einlegen, der seine hohe Würde entheiligte.

Ich rede schon zuviel mit dir. Wache!«

Noch Eins! Ich kann dich verderben. Das Geheimniß ist mir bekannt, wie

neulich die wüthende Menge beruhigt wurde.

Flore erschrack.

Der Priester bemerkte es schadenfroh, und setzte hinzu: Verwirfst du

mich, schreie ich der mich verhaftenden Wache zu: die heilige Eselin ist

der Ohren beraubt, geschändet, Weh über Darkulla, wenn sie nicht gerächt

wird! Preise dein Geschick, daß ich über die Eselin lache, daß Liebe mir

höher gilt, wie Possen, sonst wärst du schon verloren.

Flore sah den Abgrund, der vor ihr gähnte, sie dachte: Besonnenheit

allein kann mich retten, zog einen unter dem Kleide verborgenen Dolch

hervor, und stieß ihn dem Priester in die Brust. Eine That, welche die

grausam dringende Nothwendigkeit, und das nichtswürdige Betragen des

Bonzen ihr erleichterten.

Er sank hin, sagte aber sterbend: Es wird dich reuen, schöne Tyrannin.

Kein Eingeborner durfte ins Zimmer. Alonzo und Perotti wurden schnell

gerufen. Verbergt den Leichnam, schnell, schnell!

Die Beiden erschracken heftig.

»Es mußte sein, das Weitere ein Andermal.«

Sechstes Kapitel.

Fortsetzung.

Wo man den Meister spielt, läßt sich viel ins Werk setzen, darum wurde

die heimliche Beerdigung des Priesters bald zu Stande gebracht. Alonzo

sagte aber: Wir müssen mehr als je mit dem Volke auf unsrer Hut sein.

Perottis Einfall rettete für den Augenblick, aber späterhin kann er uns

verderben.

Ei, rief Perotti, ich machte schon ein ander Thier ausfindig, das dem

vorigen ähnlich ist. Bei Nacht schaff ich es in den Tempel, und das

verstümmelte wird in einen Teich versenkt.

Wie gefährlich aber ist das alles, versetzte der Spanier. Laßt uns auf

Mittel sinnen, dem Volke ein Blendwerk im höheren Styl zu bereiten.

Selbsterhaltung legt es uns auf. Wir sind Europäer. Unsre

Naturwissenschaft muß uns dazu in Stand setzen. Laßt uns einige der

geschicktesten Caffern gebrauchen. Auch über sie schwebt die Gefahr.

Feuergewehr ist selten in diesem Reiche, wenn es schon nicht den

Schrecken verbreitet, wie bei ganz wilden neuentdeckten Völkern. Wir

wollen aber dennoch Salpeter suchen und Pulver in so großer Menge

verfertigen, als es immer möglich ist.

Gut, gut, rief Perotti, fehlt es uns an Flinten oder Stücken, so machen

wir Feuerwerke, hier ein ungesehen Schauspiel, mit dem manches

auszurichten ist. Das Volk muß uns schon der Kurzweil halber lieben.

»Auch denke ich Minen unter den Wall zu legen, oder -- noch etwas anders

fällt mir bei, wovon ich nachher reden werde.«

Mir auch, warlich in dem nämlichen Augenblick, sprach der Italiener, und

ich wette, wir fielen auf einen Gedanken.

»Sollte es uns nicht möglich werden, eine elektrische Vorrichtung zu

erbauen. Es fehlt uns zwar manches dazu, aber Noth ist erfinderisch.«

Wohl! Die Theorie davon ist mir wenigstens bekannt. Doch vor allen

Dingen mögte ich leichtes Gas und einen Wachstaffent bereiten können.

Ich glaube, einer unserer geschickten Zeugmacher hat einen feinen

dichten seidenen Stoff fertig.

»Mit Wachs überzieh ich ihn.«

Vitriol, Eisen, besitzen wir. Warum sollte sich nicht ein leichtes Gas

bereiten lassen.

»Unter dem Pallast sind tiefe Kellergewölbe. Da leg ich eine Werkstatt

an. Die Caffern, welche mir helfen, kommen nicht mehr ans Tageslicht,

bis das Volk von Darkulla uns unbedingt huldigt.«

Flore rief: Ihr Herren denkt auf alles. Beim Ausführen des Wunderbaren

will ich schon an meiner Stelle stehn. Warlich, nichts Geringes lastet

auf uns. Eigentlich müssen wir ja gegen das innere Volk der Stadt, und

wider das Belagerungsheer zugleich kämpfen. Fast ist unser Sieg nicht

abzusehn. Doch fallen wir, kann es die Feinde nicht ehren.

Doch unser Triumph wird unerhört sein. Und die hohe Stufe europäischer

Kultur muß gebieten! schwärmte der Spanier, der viel Elastizität hatte,

welche nur des äußern Drucks bedurfte, um wirksam zu sein. Daneben

fehlte es ihm gar nicht an dem poetischen Schwung, der ja nach

Isabellens Zeiten, wie neuere deutsche Autoren behaupten, ein Grundzug

des hispanischen Charakters geworden sein soll.

Genug, sechs Arbeiter wurden im Geheim angestellt, Perotti leitete die

Technik, die Ideen gab Alonzo, Flore übte die Rollen des Ausführens ein.

Weiter unten wird das Warum, Wie und Wo, näher berichtet.

Wenden wir den Blick zu Tata hin. Er stand vor der Stadt, und

besichtigte die Vertheidigungslinie. Anfangs glaubte er, seine Befehle

würden ohne Weiteres Unterwürfigkeit erzielen, da er aber die Hauptstadt

Nene anhängen, und sich zur Wehre stellen sah, wurde er heftig

erbittert. Zwar meinte er gleich, das Volk sei durch Verführungskünste

geblendet worden, und zauderte deshalb, um nicht Blut von Darkulla durch

Darkullaner zu vergießen, allein fest stand auch der Beschluß: wenn man

nicht bald sich gäbe, die ausgesprochenen Schreckensdrohungen nach ihrem

ganzen Umfange zu erfüllen.

Während er nun auf Aenderung des Sinnes hoffte, und die schwächste

Stelle der Verschanzung ausgesucht ward, um sie, wenn es sein müsse, zu

erstürmen, langte ein Knabe bei ihm an, der in der Nacht über den Wall

gestiegen war, und den Graben durchschwommen hatte. Er brachte ein

Palmblatt, auf welchem diese Worte standen:

Ruchlose Gaukelei hat das Volk der Stadt betrogen. Kein Zeichen vom

Himmel war es, daß die Sultanin der Menge mit den Ohren der heiligen

Eselin erschien, tempelräuberisch haben ihre Caffern das Thier

verstümmelt, und frech hat Nene die Ohren entweiht. Daß nicht Tausend

Donner den Frevel straften, ist des Himmels Langmuth, und seine Gnade

gegen dich, o Tata, weil er dir die Rache übergiebt. Ich sterbe für

meine Aussage, und bin nicht mehr, wenn der Bote deinem Lager naht.

Der Großpriester der heiligen Eselin.

* * * * *

Diesem im Tempel dienenden Knaben, der des Lesens unkundig war, hatte

der Verräther das Blatt überliefert, ehe er zu Nene ging. Niemand, bei

Strafe des Feuertodes, lautete seine Weisung, zeige das Blatt. Warte

drei Tage auf mich, bin ich dann nicht wieder bei dir, so lebe ich nicht

mehr, und die Esel des Paradieses wollen, daß du in Tatas Lager

schleichest, ihm das Blatt in seine Hände zu liefern.

Der Knabe hatte am Altar schwören müssen. Allein nicht gleich war es ihm

möglich geworden, das Gebot zu erfüllen. Zu genau wachten die Krieger

auf dem Walle. So waren acht Tage vergangen, endlich aber doch die

Aufsicht betrogen worden.

Tata schauderte, da ihm doch noch einige Landesvorurtheile anhingen,

schäumte vor Wuth gegen die Sultanin, war aber bei dem allen auch froh,

nun ein Mittel gefunden zu haben, wodurch die Feindin unfehlbar zu

verderben sei.

Das Blatt wurde sogleich vervielfältigt, und rund um die Stadt durch

angestellte Getreuen laut abgelesen. Die Darkullaner auf dem Walle

vernahmen jedes Wort, Fanatismus, Jähzorn und Rachsucht loderten

furchtbar in allen Busen auf.

Ein Strom von Empörern brauste in zügelloser Erbitterung auf den Pallast

los. Schon sind sie an seiner Eisenpforte, wollen sie aufreissen, das

Haupt, das Herz der Sultanin holen, um das beleidigte Göttliche zu

sühnen -- da trifft den vordersten Mann, der das Thor berührt hat, ein

Schlag von unsichtbarer Hand, und diesen nämlichen Schlag fühlt die

ganze gedrängt nachstürzende Menge. Alle Nerven wurden den Männern durch

den entsetzlichen Schlag erschüttert. Kaum konnten sie über das Ereigniß

nachsinnen, als die Sultanin auf dem Balkon erschien, und ausrief:

Unverletzlich ist das Thor der Sultanin. Der Himmel beschützt sie, und

wer das geringe Zeichen seines Unwillens noch nicht achtet, dem wird es

sich wiederholen, bis er todt zu Boden stürzt, und die Seele der

Verdammniß sendet. Fort auf den Wall, die Stadt zu vertheidigen!

Starr weilte die Menge. Niemand wagte sich mehr vorwärts, Niemand wagte

auch den Befehl zu erfüllen. Plötzlich fühlte jeder einen neuen Schlag,

viel stärker als der vorige. Alles stürzte zu Boden.

Erfüllt das Gebot, oder des Himmels neues Zeichen stürzt euch alle ins

Grab.

Behend sprang hier Jeder auf, nach seinem Platze auf der Verschanzung zu

eilen. Tata hatte doppelt sicher gehen wollen, und während der Zeit, wo

der Wall von seinen Vertheidigern leer war, einen Sturm anbefohlen. An

vielen Stellen hatte man den Graben bereits durchschwommen, und

beträchtliche Haufen kletterten schon an dem Walle hinauf, doch nun

stürzte die erschrockene, durch eine höhere Furcht, als die vor dem

feindlichen Angriff, entflamme Menge hinzu, ein wüthend Gemetzel

entstand, die Stürmer wurden in den Graben zurückgeworfen, und die

Felsstücke, welche Alonzo an seinem Rande hinreihen ließ, auf sie

niedergerollt, daß fast keiner zurück ins Lager kam.

Nach dem vorhin Angedeuteten begreift der Leser wohl, wie elektrische

Vorrichtungen das hervorgebracht hatten, was Unkunde und Empfänglichkeit

für Aberglauben, Wunder nennen mußten. Den ersten Schlag empfingen die

Aufrührer durch das eiserne Thor selbst, den andern durch einen aus dem

Keller emporgeleiteten Draht, womit Perotti einen in der Menge berührte.

Bald sahe Flore Abgesendete aus dem Volke, welche im Staube flehten, den

tapferen Kampf gegen Tatas Sturm, der Unbesonnenheit des verführten

Volkes, zur Entschuldigung gelten zu lassen. Sie verzieh auf die

Bedingung künftiger Unerschütterlichkeit.

Sie zeigte sich oft den Kriegern, sorgte reichlich für sie, munterte

durch Belohnungen auf und gewann sich die Herzen aufs Neue.

Florens Abentheuer in Afrika, und ihre Heimkehr nach Paris. Zweiter Band. · 第 1 / 7 题