Vorgänge, erhabene Gesänge und magische Geschehnisse erwartete, als
der Diakon darauf rief: »Katechumenen, ihr seid entlassen!« Ehe er
recht zum Bewußtsein kam, stand er wieder im Freien und befand sich mit
seinem Lehrer auf dem Heimwege. Wie viel hatte er zu fragen, wie mußte
er sich mühen, seine Enttäuschung zu verbergen, ja seinen Unwillen zu
verhehlen! Wiederholt rief er aus: »Das hat mir nicht gefallen! ...
Ist das euer ganzes Opferfest?« Aber der Lehrer wies auf die drängende
Volksschar, legte den Finger auf die Lippen und sprach nur: »Warte!« So
drängte der Knabe denn nach Hause, um sein erregtes Gemüt entfesseln
zu können. Aber als sie in das Atrium kamen, traten zwei Soldaten
hervor und nahmen Ptolomäus im Auftrage des Stadtpräfekten fest. Die
Sklaven standen in erregten Gruppen umher, es war ein Rennen und Summen
durch das ganze Haus wie in einem aufgestörten Bienenstock; nur die
Worte »Christianer« und »Magier« schrillten bisweilen lauter aus dem
dumpfen Chor. Theonas schrie laut auf und widersetzte sich zornig der
Ergreifung seines verehrten Meisters. Aber als Ptolomäus ihm zusprach:
»Du bist ein Römer -- vergiß das nicht!« da verstummte er, neigte sich
gegen eine Säule und verbarg sein schmerzvolles Antlitz an ihrer kalten
Glätte, während der Lehrer im Dunkel des Hausflurs verschwand. Dann
ging er in seine Gemächer, ließ sich von Mulus bedienen wie sonst,
zeigte den Sklavinnen ein herbes Gesicht, lenkte ihre Aufmerksamkeit
von sich ab und benützte die erste Gelegenheit, um in das Mühlgewölbe
zu kommen. Aber -- auch Kaor und Skopas waren weg. Fremde Gestalten,
wild und trotzig, bewegten ihre gewaltigen Leiber in dem dämmerigen
Raum. Tyche, die listige, die ihm nachgeschlichen war, zupfte ihn
von hinten am Rock und flüsterte: »Die Götter seien gelobt, die
Menschenfresser sind entdeckt ... sie werden von den Löwen gefressen.
Was sucht mein Herr? Ach es ist so öde im Haus, seitdem die Herrin
in Bajä weilt! ... Der Fisch-Hofmeister ist weg ... wollen wir Ball
spielen? Nicht? Dann ... Morra! Ach ja, Morra!«
Theonas sah zu ihr auf. Sie hatte wieder ganz jenes leichtsinnige,
verschlagene Bubenmädchengesicht, das ihn immer zu Ohrfeigen reizte.
Aber er mäßigte sich, ließ sie stehen, schickte sie, als sie ihm wie
eine schmeichelnde Katze nachschlich, schroff an ihre Arbeit und schloß
sich in sein Gemach ein, um sich so recht satt weinen zu können. Das
schien für ihn vorläufig der einzig mögliche Trost.
An den folgenden Tagen war es ihm nicht möglich, ein Zeichen von
Ptolomäus zu erhalten. Das Haus war wieder öde und langweilig,
wie in den früheren Tagen. Theonas tummelte seine Phantasie in
Rettungsgedanken müde. Dann erinnerte er sich, daß Ptolomäus das
Ende der Zeiten vorausgesagt hatte, und machte den Versuch, etwas
zur Vermehrung des Reiches Gottes zu schaffen und -- hielt vor Mulus
die Angel seiner Lehre. Mulus schluckte sie willig. Er nickte innig
beistimmend, wenn ihm der Herr von dem Gottmenschen von Nazareth,
von dem einen wahren Gott und von der Torheit der Götzen sprach. Nie
zeigte sich Widerspruch, nie Überraschung, nie Verlegenheit oder Leid.
Mit allem, was der Knabe ihm vortrug, so einverstanden, als wäre er
von Jugend an ein Bekenner des neuen Glaubens, widersprach er auch
nicht dem Ansinnen, sich taufen zu lassen, und schien sich durchaus
nicht vor dem Los des Ptolomäus zu fürchten. Anfangs freute sich der
Knabe über die Willfährigkeit seines Pädagogen; aber schließlich wurde
er unsicher. Er fühlte, daß ihm nie eine eigene Regung des Alten
entgegenkam, und begann zu mißtrauen. Er lehrte am folgenden Morgen,
um seinen Jünger auf die Probe zu stellen, er habe erkannt, daß der
Himmel eitel Luft und Dunst sei. Nie habe es einen Gott gegeben, nie
auch eine unsterbliche Seele, und recht hätte die Grabschrift seines
Großvaters, die bekenne: Niemand ist unsterblich. Mulus nickte heute
in ebenso freudiger Zustimmung und bekannte sich ohne Zaudern zu
dem Gesinnungswechsel seines Herrn. Da mußte Theonas in all seiner
Traurigkeit lachen: »Mulus, nun sage mir doch, was denkst du selbst,
aus deinem eigenen, über diese Dinge?« Mulus sah erstaunt auf: »Ich?
Nichts anderes, als was unser Herr denkt. Ich habe nie etwas anderes
gedacht! Ich lebe und sterbe in dem Bekenntnis meines Herrn. Er möge
mir befehlen, daß es einen Gott oder eine Seele gibt, und sie sind da!«
Von Stund an gab es Theonas auf, diesen Sklaven in die Freiheit zu
setzen, die ihm selbst noch mangelte. Er hatte von der aufgewendeten
Mühe die eine Frucht geerntet, daß er lehrend über manchen Punkt klarer
geworden war als hörend. Als er zwei Tage darauf, von Mulus durch das
Gedränge der Straßen geleitet, zu dem Haus an dem esquilinischen Hügel
eilte, um dem Gottesdienste beizuwohnen, fand er es geschlossen, mit
kaiserlichen Siegeln verwahrt und von einem Soldaten bewacht. So hatte
also auch hier der Drache seine Fänge ausgestreckt und das Gottesreich
weggeraubt! In tiefer Mutlosigkeit wanderte er zurück. Seine Gedanken
suchten nach einem Tröster. Er hatte alles, was er liebte, verloren,
und es kam ihm vor, er sitze im Gefängnis, Ptolomäus aber, Kaor und
die andern müßten in der Freude über ihre Gemeinschaft die dunklen
Mauern vergessen. Saßen sie nicht zusammen wie die Bienen im Stock,
und war Ptolomäus nicht wie die Königin in einem solchen Stock, deren
Nähe Friede und Harmonie schafft, so daß die vielen wie ~ein~
Leib zusammenhängen? Er sehnte sich nach dem Leben des Kerkers und
schauderte vor dem Tod, der seine Freiheit umgähnte. Da plötzlich stand
jener flinke Knabe vom Dioskurentempel vor ihm, schob ihm einen Zettel
in die Hand, verbeugte sich, warf ihm eine Kußhand zu und eilte davon
wie einer, der ein Rennen zu gewinnen hat. Theonas öffnete das Papier,
an dessen oberem Rand ein Milcheimer mit angelehntem Stab und ein Fisch
mit einem Brotkorb auf dem Rücken mit flüchtigen Zügen hingekritzelt
war, und las: »An die Heiligen in der Zerstreuung. Das Weizenkorn
muß gemahlen werden, daß es Brot werde. Das Blut der Märtyrer muß
fließen, daß es Same neuer Heiligen werde. Die zerstreuten Schäflein
sammeln sich an der Ardeatinischen Straße im Hypogäum der Domitilla,
an der Nomentana beim Quell. Dort warten Milcheimer und Honig auf
sie, dort das Mahl des Fisches. Die entschlafenen Heiligen der Tiefe
schützen uns. Vergesset nicht der Schwachen und Verschüchterten, nicht
der Armen, nicht der Eingekerkerten! Stark ist die Gewalt des Todes,
stärker die der Liebe. Weh dem, der allein steht! Alle Katechumenen,
die Kraft fühlen, Bekenner zu sein, sind zu den Geheimnissen geladen.
Wasser fließt in dem Kerker und unter der Erde. Brot und Fisch und
Heiliger Geist in Fülle erleuchten die Räume des Elends. Kommt ohne
Säumen, daß keinen der Tod ohne das Leben ereile!«
Theonas hüpfte vor Freude, als er diese Zeilen las. Die Heimat strahlte
in seine Fremde hinein. Er lachte und schnippte mit den Fingern, so daß
Mulus die Warnungsformel hervorholen mußte: »Den Kopf senken! Nicht an
erwachsene Männer anrennen! Bescheiden ausweichen! Dort der Mann in der
Toga ist ein Bekannter des Hauses, grüßen!«
Zu Hause lag ein Brief des Vaters: »Den Göttern sei Dank gesagt, daß
sie dem Menschenfeind zur rechten Zeit die Verkleidung des Weltweisen
weggerissen haben. Ich habe ihnen den fettesten Stier geopfert für
die Rettung aus großer Gefahr. Solltest du wissen, welch ein Drache
dieser Ptolomäus gewesen ist, dann vergiß sein Andenken und reinige
Leib und Seele von seinem Anhauch. Natürlich, deine Mutter hatte mit
Schminke und Schönheitsmitteln zu tun, sie konnte den bösen Dämon nicht
entlarven. Ich höre, sie hat eben eine neue Ehe eingegangen. O wie bin
ich betrogen! Für dich habe ich einen neuen Hofmeister gekauft. Er hat
mir geschworen, von der Pest der Christianer nichts zu wissen. Du bist
jetzt ohne Leitung, nachdem du so lange mißleitet warst. Aber jetzt
wirst du in gute Hände kommen. Das wollen die Götter gewähren, wenn
Götter sind. Ich für meine Person habe mich hier der Verehrung der
Cybele und des Attis übergeben. Dein neuer Hofmeister ist ein Myste der
Isis. Beiliegende Geschenke mögen dich über meine Abwesenheit trösten.«
Der Knabe beachtete an diesem ganzen Brief nur die Stellen, die von
der baldigen Ankunft des neuen Hofmeisters sprachen. Diese Nachricht
mußte ihn drängen, die wenigen Stunden der Freiheit, die ihm vielleicht
noch blieben, zu benutzen. Er rief Mulus herbei, klopfte ihm auf die
Schulter und sprach bald herrisch bald kindlich hilflos bettelnd auf
ihn ein: »Mulus, höre, ich habe dir einen strengsten Auftrag! Bitte,
Mulus, wenn du das zustande bringst, was ich dir jetzt sage, so ändere
ich deinen Namen, und du sollst künftig Aquila oder Leo heißen oder wie
du willst! Nämlich du hast jetzt auf der Stelle Ptolomäus aufzusuchen.
Und -- höre! -- du mußt zu ihm kommen, ob er gleich hinter zehn Mauern
und zwanzig Wachen liegt, das hält einen Leo nicht ab. Mit List,
Gewalt, kluger Überredung und goldener Hand -- ja wohl, hier hast du
zwanzig Goldstücke --, so fallen die Wachen und Mauern nieder wie Dunst
und Rauch. Mein lieber Mulus, denke jetzt nicht daran, wie ich dich
kränkte und mißhandelte, sondern wie ich mit dir Morra spielte und dich
beschenkte! Auch hast du heute ein Christ zu sein, hast Seele und einen
strengen Gott! Ich befehle es! Und du grüßest Ptolomäus, überreichst
ihm diesen Brief und sagst, du seiest jeglichen Vertrauens würdig! Und
ich müsse ihn sprechen. Ich verlange das Geheimnis -- nein, sage, ich
flehe darum. Und ich sei ein Römer!«
Mulus warf sich, als der Knabe geendet hatte, in die Brust: »Ich bin
auch ein Römer«, sagte er dann unter vielen Verbeugungen, »und ich
zähle mich zu den Christianern und werde dich zu Ptolomäus bringen. Ich
weiß ein Mittelchen, daß es gelinge. Dem Merkurius opfere ich einen
Hahn; wenn ich an dem Herkulesbild vorbeigehe, so huste ich siebenmal
und sage ein ephesinisches Wort. Kurz und gut -- mit oder ohne goldene
Hand: Du bekommst Audienz im Kerker.«
Am andern Tag, um die Zeit der römischen Nachmittagsstarre, stand
Theonas wirklich im Gefängnis bei Ptolomäus. Er schmiegte sich an
ihn, wie Kinder sich an die endlich heimgekehrte Mutter zu schmiegen
pflegen, und genoß die Nähe des verehrten Meisters wie einen
erquickenden Trank. Kaum vermochte er zu reden. So sehr sich auch
sein Römerstolz gegen jede Furcht auflehnte, so vermochte er doch
ein eigentümlich drückendes Gefühl nicht zu verscheuchen. Kam diese
Pressung von den harten Soldaten am Eingang oder von den scharf
beobachtenden Gefängniswärtern im Vorraum? Von dem Schlagen der
schweren eisernen Tore und vom Klirren der vielen krausen Schlüssel?
Doch all das lag ja hinter ihm. Die Wärter waren an dem Tor geblieben;
er war mit Ptolomäus und seinen Mitgefangenen allein. Wer aber waren
diese Menschen in Ketten und Fußschellen? Seine großen, glänzenden
Augen glitten von einem zum andern und spähten ihre traurige Kleidung
und ihre Gesichter ab, soweit das im Dämmern der Zelle, die nur ein
in doppelter Manneshöhe über dem Fußboden steil in die breite Mauer
eingeschrägte Fensteröffnung erleuchtete, möglich war.
»Fürchte dich nicht«, sagte jetzt Ptolomäus. »Was diese hier auch immer
gewesen sein mögen, jetzt sind alle gut: Einige, wie du, Katechumenen,
andere aber Brüder seit langem, und mehr, sie sind Bekenner und werden
morgen Märtyrer sein. Ihr Urteil ist schon gesprochen!«
»+Deo gratias!+« klang es freudig aus einer Nische. Als Theonas
hinblickte, sah er dort Männer mit erhobenen Händen und mit einem
Ausdruck, wie er auf Gesichtern zu liegen pflegt, die eben etwas
Übermenschliches erlebt haben. Theonas ward von diesem Überschwang der
Züge so betroffen, daß er aufs neue von Scheu und Bangen ergriffen
wurde. Der Schweiß perlte ihm von der Stirne. Es war hier so schwül und
trübdunstig, daß alle Gesichter in fahlgelben Tönen schwammen. Die Luft
beschwerte die Brust, die unter der Last geistigen und körperlichen
Druckes schwer arbeitete, während das Herz heftig pochte.
Doch nun faßte Ptolomäus den Knaben bei der Hand, und seine tiefe,
beruhigende Stimme zog den Knaben sehr rasch von den düstern äußeren
Eindrücken weg in den Bann seines Geistes.
»Der Herr ist nahe und rückt eilig heran. Was wir heute beendigen
können, dürfen wir nicht auf morgen schieben. Nahe ist die Nacht, die
allem Wirken ein Ziel setzt. Übermorgen ist mein Gerichtstag -- wenn
Gottes Gerichtstag nicht eiliger anbricht. So will ich denn keine
Arbeit zurücklassen. Bist du bereit, morgen die drei Mysterien: Taufe,
Mahl und Besiegelung zu empfangen?«
»Ich darf? Du öffnest das Tor? Und ob ich bereit bin?«
»Noch ist dir das Geheimnis des Ichthys nicht ganz offenbar. Du sollst
jetzt inne werden, was die Eingeweihten keinem Heiden offenbaren,
in keinem Buche beschreiben, ja in keinem Bilde darstellen dürfen.
Die draußen stehen, wissen nur so, daß sie nicht wissen, sehen nur
Sinnbilder, die aufzeigen und verbergen.«
»Kaor, sing, ehe ich beginne, den Hymnus des Bechers.« Und Kaor, der in
einer Nische bei den Märtyrern saß, trat aus den tiefen Schatten vor
und sang: »In jener Stunde lagen die Fischer am Ozean der Liebe ....«
Als er geendet hatte und ohne ein Zeichen des Erkennens, ganz wie ein
Ehrfürchtiger, der Angehörigen im Heiligtum, in der Nähe der Gottheit
begegnet, in das Dunkel zurückgekehrt war, erzählte Ptolomäus in den
schlichten Worten der Evangelien das letzte Ostermahl des Herrn und
das Vermächtnis der Stunde, ehe er sein Leiden auf dem Ölberg begann;
und er deutete aus, wie die Gemeinden beim Gottesdienste, wenn die
Katechumenen und Büßer entlassen sind, das Gedächtnis des Leidens, die
Erneuerung des Herrenopfers und schließlich die mystische Gemeinschaft
mit ihm durch Genuß des gesegneten Brotes und des gesegneten Kelches
feiern. Und er schloß: »So ist immer ~er~ unter uns, wenn wir zur
Eucharistie zusammenkommen. Nichts geschieht ohne ~ihn~. ~Er~ mit uns,
~er~ in unserem Leib und Geist! ~Er~ in jedem Glied der Gemeinde. Darum
sind wir alle eins, Reiche und Arme, weil sein Blut und seine Kraft
in uns strömt. Wir trinken in ihm das Leben in uns hinein. Die Arznei
gegen Sterblichkeit, die uns die Zauberer betrügerisch -- nein, als
unbewußte Wahrsager -- anbieten, hier wird sie dargereicht. Göttliches
essen wir, und darum Unsterblichkeit. Die Liebe wird unser Anteil,
und darum jegliche Kraft. Die Verklärung, und darum Erhabenheit über
Tod und Schmerz. Das ist das Geheimnis des Ichthys. Und morgen sollst
du es erfahren. Denn andere Geheimnisse sind entfaltet, wenn man den
Schleier von ihnen hebt. Das Geheimnis des Ichthys aber erfreut nicht
so sehr dadurch, daß wir es wissen, als dadurch, daß wir es wirken.«
Theonas weinte vor innerer Erschütterung, als Ptolomäus nach einer
Pause ehrfürchtigen Schweigens hinzufügte: »All das geschah nicht
Olim, sondern unter Pontius Pilatus. Ich erzähle es dir nicht, als ob
es geschehen wäre, wie ein schöner Mythos, sondern weil ich glaube
und weiß, daß es geschehen ist. Zeugen sind die Apostel gewesen --
im Blut. Mein Bluttag wird morgen oder am folgenden Tage anbrechen.
Da baut man nicht mehr auf Träume, als ob ..., da zeugt man für
die Lebenswahrheiten, die auch im Untergang der eigenen Welt noch
feststehen. Lieber Theonas, das Himmelreich wankt nicht, da die Sterne
meines Lebens erbleichen und aus dem Blauen fallen.«
Nachdem er auch dieses Zeugnis langsam und fast verschämt vorgebracht
hatte, schien es ihm, er habe dem Knaben zuviel des Erhabenen und
Abgründigen zugemutet; er strich ihm darum über den Kopf, fragte nach
Tyche und den andern Mägden, wie es ihren Zöpfen gehe, und ob die
Siegelfinger in ihren Wangen schon alle erloschen seien. Endlich zeigte
er auf Mulus, der Angst, Feierlichkeit, Tränen und Ergriffenheit seines
Herrn treulich in seinem Antlitz gespiegelt hatte: Es scheine, Mulus
sei auch bereit, den Glauben der Christen zu bekennen.
Mulus nickte eifrig.
Aber Theonas schüttelte den Kopf. »Er ist Sklave geworden an Leib und
Seele. Für ihn gibt es keinen Weg zur Freiheit. Er kann nur ja und
nein sagen. Aber nicht ja und nein bekennen. Die Christen sind heute
eine Todeslegion. Laßt die alle draußen, die nicht aus der hohlen Hand
trinken.«
»Du bist in Stunden gereift wie andere in Jahren«, sagte Ptolomäus
darauf und unterließ es, den Ernst dieser Lehrstunde weiter durch
Scherze aufzuhellen. Ja er gestand dem Knaben: »Morgen nach
Sonnenaufgang werden wir alle, diese hier und ich, in der Gerichtshalle
am Forum zum letztenmal verhört und darauf -- ohne Zweifel verurteilt:
Die Starken zum Bergwerk, die Lehrer und Schwachen zum Tode. Beginne
du den Tag des dreifachen Mysteriums, indem du Zeuge bist, wie man für
den alles hingibt, der alles für uns hingegeben hat. Wenn wir alle ja
und nein bekannt haben, dann feiern wir in Jubel und Frohlocken als
glückseligen Lohn dein Fest. Wenn wir aber verleugnen, dann geh in dein
Haus zurück und sage, die Christen seien so elend ... nein, dann suche
die Mysterien, wo du sie findest, denn nicht Christus ist schwach,
nur wir armseligen Menschen. Nicht seine Gnade wankt, sondern ihr
Werkzeug. Du bist jung -- das Himmelreich ist auch jung. Und nie wird
es alt werden. Gott ist auch jung und altert nicht, jung und stark; und
wer in ihm ist, der ist jung und stark.«
Als Ptolomäus diese Worte sprach, ging seine gesetzte Ruhe in die
Bewegung begeisterter Sänger über, die Bekenner und Märtyrer kamen aus
den Nischen und Schatten hervor und drängten sich ehrfürchtig herbei,
indem sie flüsterten: Der Geist ist über ihn gekommen, er redet in
Zungen. Ihm ist das Prophetencharisma geworden.
Und wirklich stieg die Rede des Lehrmeisters in ätherische Höhen.
Theonas verstand nur noch erhabene Worte. Sein kindlicher Geist folgte
der Rede, wie das Auge gewaltige Berggipfel anblickt, um deren Gestein
silberne Nebel, flutende Sonnenstrahlen und blaue Düfte ringen.
Als Theonas wieder im Freien stand, wurde er von Gruppen umdrängt, die
dastanden, um eine Botschaft von den Bekennern zu erhaschen oder ihnen
Gaben zur Erleichterung ihrer traurigen Lage zukommen zu lassen. Eine
Frau küßte Theonas auf die Stirne; in ihrem Gesicht lag eine warme
Zärtlichkeit, als sie sagte: »Den Hauch der Märtyrer habe ich auf
deiner Stirne geküßt. Glückselig deine Augen, die ihre Leiden sehen
durften!« Ein Mädchen aber zupfte einen mürben, graulichen Strohhalm
aus seinem Gewande, hielt ihn lächelnd empor und schmeichelte: »Willst
du mir das schenken? Ich möchte es bewahren zum Gedächtnis an die
Heiligen und zum Pfand ihrer Fürbitte.« Als ihr diese Bitte gewährt
worden war, leuchtete ihr Auge auf, als hätte sie eine schöne, goldene
Spange erhalten. Die andern drängten sich um sie und waren glücklich,
den armen Halm berühren zu dürfen.
Zu Hause lag wieder ein Eilbrief des Vaters: »Tyche hat mir zu meinem
großen Kummer geschrieben, daß du eine gefährliche Dosis Gift von
diesem Ptolomäus aufgenommen habest, aber zugleich zu meinem großen
Trost, daß der Henker diesen Schwefelpfuhl ein für allemal ausbrennen
wird. Ich schicke dir den neuen, vortrefflichen Hofmeister auf einem
Eilschiffe. Es ist wunderbar, wie er über Mysterien spricht. Ich habe
mich nun auch in den Isisdienst -- jener war mir Führer und Hierophant
-- einweihen lassen. O Theonas, ich kann mich jetzt den Freuden dieser
Stadt ohne stilles Bangen hingeben. Denn wenn der Becher dieser
irdischen Lust von meinen Lippen sinkt, dann reichen mir Isis oder
die große Mutter den Becher ihres ewigen Reiches! Ich schicke dir die
süßesten Datteln. Von deiner Mutter rede ich nie mehr, und ich will
auch nicht, daß du ihren Namen nennest. Sie ist es nicht wert. Ich
schwöre dir bei allen Heiligtümern: Sie ist es nicht wert!«
Am andern Morgen, als das ganze Haus noch schlief, und auch Tyche,
die dem Knaben gedroht hatte, sie werde sich ihm den ganzen Tag an
die Fersen heften wie Merkur den Schatten, von den Nachwehen eines
Bacchusfestes in bleiernem Schlafe festgehalten wurde, begab sich
Theonas, von seinem treuen Mulus begleitet, auf das Forum. Eine
erregte Menge umstand das Gerichtsgebäude. Der Prokonsul wurde mit
Händeklatschen, der Zug der Christen mit Steinwürfen, Zischen und
Schmähreden empfangen. Das Verhör war kurz. Die Angeklagten bekannten
sich als Christen, stellten in Abrede, Feinde des Staatswesens zu sein,
und leugneten insbesondere, irgend etwas von den dunklen Verbrechen
zu wissen, deren sie die öffentliche Meinung beschuldigte. Sie wurden
zu den Bergwerken verurteilt und beantworteten das Urteil mit: +Deo
gratias+.
Zuletzt trat Ptolomäus vor. Die liebe Stimme des Lehrers, der ihn einst
aus dumpfer Hilflosigkeit zu frischem Leben geweckt hatte, berührte den
Knaben so, daß sich jedes Wort unverwischbar in seine Seele einschrieb.
Der Stadtpräfekt Urbicus sprach: »Du bist zwar als ein Vorsteher und
Priester dieser Sekte erfunden worden und hast mehr verschuldet als
diese hier. Aber auch du kannst Nachsicht erhalten, wenn du den Göttern
opferst und Vernunft annimmst.«
»Ich habe niemand Böses getan. Meine Religion lehrt Gutes tun.«
»Laß von diesem Wahnsinn!«
»Von der Weisheit kann ich nicht lassen. Darum muß ich bleiben, was ich
bin.«
»Willst du noch eine weitere Frist zur Besinnung?«
»In einer so klaren Sache braucht es keine Besinnung.«
»Wenn du versprichst, reiflich nachzudenken, so sollst du eine
Bedenkzeit von dreißig Tagen bekommen.«
»Ich bin unwiderruflich Christ.«
Darauf verurteilte ihn der Präfekt zum Tode. Auch Ptolomäus antwortete:
»Ich danke Gott.«
Alle Verurteilten wurden noch einmal in das Gefängnis zurückgeführt.
Die zu den Bergwerken Verurteilten sollten nach Sonnenuntergang in
Ostia verladen und nach Sardinien geschifft werden. Die zur Hinrichtung
Bestimmten waren über den Tag und den Ort ihres Schicksals noch im
ungewissen.
Dem Knaben Theonas, der mitten in einer Schar von christlichen
Zuschauern stand, hatte sich nach anfänglichem Schrecken das
Triumphgefühl der Umgebung mitgeteilt. Denn so oft einer tapfer
bekannte und so oft einer das Urteil freudig mit einem »Ich danke Gott«
bestätigte, murmelten diese, sich heimlich die Hände drückend und
bedeutsam zuwinkend: +Deo gratias+. Der Ausgang der Verhandlung,
der allen die Verurteilung brachte, erschien ihnen als glücklicher Tag.
Denn keiner hatte verleugnet. Die Macht des Glaubens und der Gnade
war vor ganz Rom sichtbar geworden. Aufs neue waren sie erfüllt von
der Zuversicht auf den Sieg ihrer Sache. Denn sie waren sicher, daß
fallende Helden die Saat neuer Helden seien. So war denn Theonas stolz
auf seinen Lehrer. Immer hatte er ihn als die Wahrheit inmitten der
Lüge und Verstellung angesehen. Nun war er ihm die verklärte Wahrheit
und erschien ihm wie ein Triumphator, der siegreich aus dem Felde
zurückkehrt.
Die goldene Hand seines Mulus und -- wie er behauptete -- mehr noch
sein goldener Mund öffneten dem Knaben ohne jede Schwierigkeit die
Pforten des Gefängnisses. Der Wärter sagte zu dem Eintretenden: »Sie
sind wahnsinnig geworden; denn sie singen wie Bacchanten!« Und wirklich
hörte Theonas schon auf dem finstern Gang zu der Zelle und ganz
deutlich vor ihrem Eingang hymnische Lieder. Und jetzt war wohl über
Ptolomäus wieder das Charisma der Prophetie gekommen. Er sang allein
mit tiefer Stimme:
Fürst heiliger Schar,
Allwaltendes Wort
Vom Vater der Höhn,
Du, der Weisheit Born,
Im Leiden ein Fels,
Der Unsterblichkeit Herr,
Und des Menschengeschlechts
Heiland, Jesus,
Hirt und Vater zugleich,
Du Steuer und Zaum,
Schwungfittich der hoch
Aufstrebenden Schar.
Du Fischer am Meer
Des Lebensgewühls,
Der aus Wogen der Schuld
Mit der Angel des Worts
Die Seelen voll Huld
Emporzieht zum lieblichen Leben.