Priester hatten ihre Messer gezogen und verwundeten sich so, daß die
zunächststehenden Gaffer vor dem spritzenden Blut unwillig auswichen.
Da erwachte der Römer, erwachten Vater und Mutter und Ahnen und alle
Vorfahren, deren höchster Genuß die Gladiatorenspiele und Tierkämpfe
des Zirkus gewesen waren, in dem Knaben. Er schwang sich auf die
Schulter des Pädagogen, ergriff die Marmorsäule, die neben ihnen zum
Gebälke aufragte, und sah so, hoch aufgerichtet, auf die Prozession
nieder. Für ihn war sie kein religiöser Umzug mehr, nur noch ein
Schauspiel, das die grausamen Schauer aus den dämmrigen Tiefen des
Herzens hervorrief. Mit dem gleichen wilden Behagen war er vor Wochen
an der Seite des fluchenden Skopas und des erzählenden Kaor gestanden.
Trotz aller Gier aber hatte der flinke Geist des Knaben noch
Aufmerksamkeit für die Kleidung und die Gebärden der Galli. Er
verspottete den Obergallus, der seine Geißel mit einer gewissen
Schonung auf den armen Leib niedersausen ließ, und weidete sich an den
majestätischen Bewegungen eines schwarzen Zimbelschlägers. Plötzlich
aber verlor er das blutige Schauspiel aus den Augen. Er sah einen
flinken Knaben durch die gedrängte Schar der Umstehenden gleiten und
jedem auf geschickte Weise einen Zettel zustecken. Selbst zu den
verzückten und in närrischer Lust ihre Gesichter aufwärts reckenden
Galli drängte er sich durch und drückte dem einen oder andern das
zusammengerollte Papier in die eingekrampfte Hand. Vielleicht wäre
Theonas' Aufmerksamkeit rasch wieder von dem geschäftigen Knaben auf
das blutige Schauspiel zurückgeglitten, wenn ihn nicht das merkwürdige
Gebaren der Empfänger in Erstaunen gesetzt hätte. Da gab es solche,
die das Papier wie ein übelriechendes Tier mit allen Gebärden des
Abscheus von sich warfen und sich nach reinigendem Wasser umsahen.
Andere lasen, schüttelten den Kopf, zeigten es den Genossen und
berieten sich, die Orientalen vergessend, über den Inhalt. Aber was
sollte er von denen denken, die glücklich lächelnd das enträtselte
Papier wieder zusammenrollten, es küßten und sorgsam in ihrem Gürtel
bargen? Kaum hatte Theonas ein paar von diesen beobachtet, als er dem
Knaben zuwinkte und durch Gebärden und Worte um einen Zettel bat. Doch
dieser winkte ihm schelmisch entgegen, warf ihm eine Kußhand zu, rief:
»Das Saattuch ist leer, -- wer Perlen will, muß sich das Fischen nicht
verdrießen lassen!« und verschwand in der Menge.
Aber Mulus hatte inzwischen mit seinem Krückenstocke einen von den
verunreinigten und zertretenen Zetteln hervorgeangelt und seinem
Herrn übergeben. Dieser sprang von seinem hohen Standpunkt auf die
Fliesen nieder, entfaltete das Papier und las: »Himmlischen Fisches
göttlich Geschlecht, heilige dein Herz, indem du unter Sterblichen am
unsterblichen Quell göttlicher Wasser dich labst! Erquicke, Lieber,
deine Seele an den stets fließenden Wassern bereichernder Weisheit!
Nimm des Erlösers honigsüße Speise der Heiligen: iß und nähre dich,
den FISCH in Händen haltend! Es sitzen die Brüder beim heiligen Mahl
und harren auf euch. Jene sind es, die der Fischer gezogen hat aus dem
Meer der Welt. Ihr Blut fließt im Bekenntnisse, weil sie den Unreinen
nicht unrein dienen. Aber sie leben in Ewigkeit, wenn sie standhaft im
Zeugnis gewesen sind. Denn der FISCH ist das Licht der Sterbenden.«
Vier-, fünfmal las Theonas den Zettel. Ihm war, als wäre in demselben
Augenblick, als er las: »Himmlischen Fisches göttlich Geschlecht«, jede
Flöte und menschliche Kehle um ihn her in wesenlosen Äther aufgelöst.
Er vernahm keinen Laut mehr und sah keine Gestalt. Er hatte wieder eine
der geheimnisvollen Adern aufgeschürft, in denen sein Rätsel durch Rom
lief. War er heute zu seinem Schlüssel gekommen? ... Sooft er wieder
las, verwirrte sich der Text noch mehr. Nein, das Geheimnis ist heute
nicht mit klaren Augen zu ihm gekommen. Es ist nur weiter aus seinen
Wolken hervorgetreten, aber jedes weitere Wort der Enthüllung ist ein
Rätsel mehr.
Als er aufschaute, war der Platz vor dem Tempel menschenleer. Nur
fernes Schreien und das Schmettern der Tamburins erinnerten noch an den
Umzug.
»Mulus«, sagte der Knabe erwachend, »ich bin jetzt auch ein Mulus
geworden; denn ich trage eine große Last.«
Mulus nickte, indem er die traurige Miene seines kleinen Herrn
nachahmte, und sagte willfährig: »Mein Herr trägt eine große Last.«
Als Theonas am Abend seinen Lehrer gefunden hatte, sagte er ihm zuerst
von dem Zettel nichts, sondern forschte ihn nach den Mysterien der
Cybele aus.
»Einer von den Tempeldienern, der sich ärger schlug als die andern und
so orgiastisch schrie, daß ihm der Schaum auf die Lippen trat, begann
gerade vor mir -- ich konnte ihm alle Zähne zählen -- zu singen, zu
heulen:
›Gegessen hab' ich aus dem Tymbanon,
Getrunken hab' ich aus dem Zimbalon,
Getragen habe ich die heilige Lade,
Ein Eingeweihter des Attis bin ich geworden.‹
Sage mir, was das bedeutet! Was hat er aus den Schallbecken gegessen
und getrunken? Was liegt in der heiligen Lade verborgen? Was wissen die
Eingeweihten des Attis?«
Ptolomäus erwiderte: »Die vielen essen beim heiligen Mahl den Wahn,
einige die Ahnung, andere die Sehnsucht. Ein Vorbild ist dieses Mahl;
ich kenne die Erfüllung. Wir, die wir in das Geheimnis des Fisches
eingeweiht sind, essen und werden satt, trinken und werden erquickt,
hören Geheimnisse und werden erleuchtet.«
»Ich weiß, wer die Flugzettel geschrieben hat«, rief jetzt der Knabe
lebhaft. »Denn hier ist vom gleichen Fisch die Rede« -- er zog das
Papier hervor --, »den du den Sklaven gezeigt und geschenkt hast.
Und ich weiß jetzt auch, was die Eingeweihten des Fisches bei ihrem
heiligen Mahl essen: ›Iß und nähre dich, den Fisch in Händen haltend.‹
Siehst du, ich habe den Schlüssel gefunden. Ich bin ein Eingeweihter!«
»Du bist es noch nicht. Wer ist der Fisch?«
»Zeige ihn! Gib mir zu essen!«
»Geschrieben steht: ›Wer unwürdig dieses Mahl genießt, der versündigt
sich an der Gottheit, der ißt und trinkt das Gericht in sich hinein.‹«
»So mache mich würdig, weihe mich ein!«
»Kannst du ein Gesetz auf dich nehmen, das dir Leiden und Tod bringen
kann? Denn wer dieses Gesetz kennt, muß es über alles lieben und ihm
bis in den Tod nachfolgen. Er lernt die Gottheit kennen. Aber sie
verlangt von ihren Eingeweihten das gleiche, was der Feldherr von dem
Krieger verlangt: Treue bis in den Tod.«
»Ich bin ein Römer!« rief Theonas mit blitzenden Augen und stolzer
Gebärde.
Da neigte sich Ptolomäus, der in einer Laube des Gartens saß, tief
nieder und schrieb seiner Gewohnheit gemäß mit einem Stab die Umrisse
von Fischen in den Sand. Dabei sprach er leise, aber in großer
Bewegung: »Du bist der Pfirsich gleich, wenn sie schon gerötet ist und
weich zu werden beginnt. Dann ist die Stunde der Reife nahegekommen.
Ich will dir von Ihm erzählen -- dann magst du dich prüfen, ob du Sein
werden willst. Denn auch Er feiert in wenigen Wochen seinen Bluttag.
Wenn du dein Abendmahl eingenommen hast, so komm wieder zu dieser
Laube. Ich erwarte dich!«
Als die Sonne über die Vatikanischen Hügel ein Gebirge von Purpurgluten
aufschichtete, ehe sie sich gänzlich im Meere barg, begann Ptolomäus zu
dem nach Schülerart vor ihm stehenden Theonas: »Im Anfang erschuf Gott
den Himmel und die Erde. Aber die Erde war wüst und leer .... Und Gott
sprach: ›Es werde Licht!‹ ....« Dann erzählte er in großen Linien vom
Paradies und der ersten Sünde, von den Urvätern und vom auserwählten
Volk, von David und den Propheten, von der Verheißung des Messias und
der großen Sehnsucht der Völker nach dem Erlöser.
Unwillkürlich wandte sich der Knabe allmählich von dem Erzähler ab.
Von der Laube aus hatte man einen Blick auf das Kolosseum und die
Palatinischen Paläste, auf das Kapitol und seinen gewaltigen Tempel.
Rom wurde dem Lauschenden zu Jerusalem. Wie er einst Cäsar und Augustus
in die übermenschlich gewaltigen Bauten gedacht hatte, so sah er jetzt
die Propheten auf den Mauern sitzen, und als eine Sternschnuppe über
den Himmel glitt, barg er sein Antlitz in den Falten seiner Tunika.
Denn die Macht der inneren Gesichte erfüllte ihn mit solcher Weihe,
daß er nicht einmal das Dreinreden der ewigen Roma ertragen konnte.
Sosehr er am Anfang stoffhungrig nach einem raschen Vorübergleiten der
Geschehnisse gedrängt hatte, so froh war er, als Ptolomäus endlich
bei Prophetenworten verweilte, gedanken- und ahnungsreiche Sinnbilder
deutete und zuletzt den Faden der Erzählung ganz abriß. Er war
übersättigt, überwältigt und fühlte, daß er eine weitere Spannung nicht
mehr ertrug. Kaum hatte der Hofmeister seinen Bericht unterbrochen,
als er seine Bälle hervorsuchte und mit kindlicher Hingabe Urania, das
Himmelspiel, übte, so, als hätte ihn nie etwas anderes begeistert und
als wollte er die Bälle durch die ganze Nacht hintanzen lassen wie der
Himmel seine Sterne.
Am folgenden Abend führte Ptolomäus seinen Jünger nach den Stätten
der evangelischen Geschichte. Er schuf ihm in leuchtenden Worten das
Bild des Wundertäters am See Genesareth, und in klagloser Ruhe, mit
heimlich-bewegten Worten zog er den Tiefergriffenen mit sich auf
die Höhe der Schädelstätte, wo er ihn das sonnverdunkelnde Leid des
Bluttags und das welterhellende Wunder des Ostermorgens erleben ließ.
Theonas weinte diesmal Tränen des Erbarmens und der Begeisterung. Er
kam in ein heißes Hassen und Lieben. Plötzlich aber nahm er die Hände
von dem in zarter Scham verborgenen Gesicht, lächelte leichtsinnig
und pfiffig, wie einer, der ein Rätsel durchschaut hat, und fragte
Ptolomäus, genau wie vor zwei Tagen den Mulus:
»Und ist denn dieser ... ~wirklich~ gestorben?«
»Er ist wahrhaft gestorben!«
»Wahrhaft? Nein, ihr nehmt an, er sei ...«
»Er ist wahrhaft gestorben!«
»Und wann? Ha, ich weiß es: +olim+! Es war einmal ...«
»Du irrst: Als Pontius Pilatus Landpfleger von Judäa war und zu Rom
Kaiser Tiberius regierte!«
»Und weißt du auch, wann dieser Gott Attis, den sie auch begraben und
auferstehen lassen, seinen unseligen Tod fand?«
»+Olim!+ Ich will sagen: nie. Oder besser sage ich: Jahr um Jahr.
Denn Attis ist keine Person, sondern ein Name, ein Sinnbild für die
Natur. Sie stirbt im Winter hin und ersteht wieder im Frühling. Sie
ist Attis, Mithra, Osiris, und wie die Götter alle heißen, in deren
Geheimnisse sich Römer und Barbar einweihen kann. Hinfort aber werden
diese Namen wieder verschwinden. Die Natur wird von den Menschen
empfangen, was ihr gebührt: die Ehre eines Meisterwerkes. Hingebung
jedoch und letzte Ehrfurcht wird wieder aufsteigen zum Meister und
seinem Eingebornen. Nicht an einen Mythos hängen wir unsere Lehre,
sondern an eine Person. Darin liegt die Gewißheit unseres Sieges. Wir
klagen und jauchzen nicht, als ob ..., wir klagen und freuen uns, weil
..., weil das Wort Fleisch geworden, sich für uns hingegeben und uns
erlöst hat. Ich habe dir noch vieles verschwiegen, insbesondere die
Erzählung von dem heiligen Mahle, bei dem uns der Fisch in die Hände
gelegt wird. Das kannst du noch nicht tragen. Doch das eine sollst
du sicher haben: Attis ist von Menschen geschaffen, wie spielende
Kinder einen Holzstock ihr Pferd heißen. Der Heilige von Nazareth
aber ist wahrhaft in die Welt getreten und ist nicht nur ein Name für
Schicksale, sondern hat wirklich Leiden, Verfolgungen und Tod gelitten.
Morgen führe ich dich in das Staatsarchiv auf dem Kapitol. Ohne
Mühe werden wir die Rolle empfangen, in welcher Pontius Pilatus den
amtlichen Bericht über den unglücklichen Gerichtstag gibt.«
* * * * *
Nachdem sie den wohlerhaltenen Akt zusammen entziffert hatten,
war Theonas voll Fröhlichkeit und drängte seinen Lehrer, ihn zum
Eingeweihten Christi zu machen.
Es war das in jenen Tagen, als die Leidenschaft des zynischen
Philosophen Kreszenz, die Härte des Stadtpräfekten Rustikus und die
Nachgiebigkeit des Kaisers Mark Aurel eine neue Verfolgung der Christen
entzündeten. In den Gymnasien und Ringplätzen, in den Frauengemächern
und den Räumen, wo unbeschäftigte Sklaven standen, wuchsen die
Gerüchte über die Verbrechen der Christen wie unheimliche Schatten im
Zwielicht der Dämmerzeit. Theonas hörte aus dem Munde seines Lehrers
den Ruhm des Kreuzes, aus dem Munde seiner Mutter und ihrer Sklavinnen
seine Schmach. Ptolomäus erzählte ihm, wie Jesus als Wohltäter durch
die Gaue wanderte und sich im Wohltun erschöpfte; die Philosophen,
die den Spielen der Jugend in den Ringschulen zuschauten, nannten
Ihn einen Hasser des menschlichen Geschlechtes. Auf den Straßen und
Plätzen schrie das aufgeregte Volk: »Nieder mit den lichtscheuen
Naturverkehrern! Sie essen Menschenfleisch, sie schlachten Kinder,
sie beten einen Esel an!« In der Laube vernahm der Knabe in geweihten
Abendstunden, wie die Christen nach dem Ebenbild ihres Meisters heilig
leben und die Bruderliebe im Wohltun beweisen müßten. Aber seine Seele
litt unter dem Zwiespalt seiner Umgebung nicht. Denn sein Herz gehörte
dem Gottmenschen des Ptolomäus ganz und schlug ihm in jugendlichem
Feuer ohne Wanken.
Als nun die ersten blutigen Opfer dieser Verfolgung, zwei eifervolle
Sklaven, fielen, schien Ptolomäus heftig zu erschrecken. Er wurde
vorsichtig, ja zurückhaltend und kam nicht mehr zur Katechese in die
Laube. Aber Theonas nahm ihn bei der Hand, blickte ihn fest an und
sagte mit stolzer Stimme: »Ich bin ein Römer!«
Ptolomäus aber hatte nicht aus Furchtsamkeit gezögert, den Knaben
weiter in die Heilsgeschichte einzuführen, sondern weil er seinen
Schüler jetzt noch nicht fähig hielt, seinen Glauben auch im Sturme
festzuhalten. Er sah, wie die Natur des Knaben so beschaffen war, daß
er ganz vom Augenblick bestimmt wurde. Er konnte jetzt »den Herrn, der
Himmel und Erde und alles, was darin lebt, erschaffen hat«, mit der
Inbrunst eines im göttlichen Dienst Ergrauten anbeten und im nächsten
Augenblick mit seinem Mulus rücksichtslos wie mit einem Strohmann
spielen. Es gab Tage, wo er nur Homer aufsagte, und Tage, wo er auf den
Händen ging, sich auf Stelzen tummelte, mit den Sklavinnen Schabernack
trieb oder gar mit hartnäckiger Leidenschaft Morra spielte. Nicht
selten geriet er in Wut, schlug seinen Pädagogen und ohrfeigte die
Mägde. In der Ringschule hatte er einmal folgenden Vexiersyllogismus
gehört: »Ein Mann wird gefragt, ob er seinen Vater kenne. ›Das sollte
ich denken!‹ antwortet er. Aber der Frager fährt weiter: ›Wenn ich dir
nun einen verhüllten Menschen vorführte und dich fragte: Kennst du
den? -- was wolltest du antworten?‹ -- ›Daß ich ihn nicht kenne!‹ --
›Ausgelacht! Der Verhüllte war eben dein Vater; da du ihn nun nicht
kanntest, so ist klar, daß du deinen eigenen Vater nicht kennst.‹«
Theonas grübelte Tag und Nacht über eine befriedigende Antwort auf die
böse Frage nach und vergaß darüber das Geheimnis des Fisches, ja, wie
es schien, sogar die Bücher der Frohbotschaft. All das verlief nach
dem alten Satz: +Sunt pueri, pueri puerilia tractant+[3]. Aber war nun
wirklich auch Tiefe in dem Knaben?
[3] Kinder sind's, Kinder treiben Kindisches.
War sein Eifer für die religiösen Geheimnisse nichts anderes als
Hunger nach Erlebnissen, Drang nach Abenteuern? Oder waren diese
Äußerungen einer geistig regen Jugendkraft wirklich aufsprossende
Keime einer religiösen Natur?
Ptolomäus rief den Knaben nie zu einem Gespräch über religiöse Fragen.
Ja er wich ihm aus, ließ sich nötigen und antwortete auf sein Drängen
nach Offenbarung der christlichen Lehren standhaft: »Wenn du sie
kennst, so verpflichten sie dich. Denn wer das Wort hört, aber nicht
aufnimmt und befolgt, verfällt dem Gericht. Wer einmal eingeweiht ist,
empfängt die Gnaden und die Erkenntnisse ganz, aber auch ganz die
Pflicht zum Bekenntnis und zur Nachfolge.«
Theonas' Mutter war in das Bad nach Bajä, der Vater nach Alexandrien
gegangen. Sosehr der Knabe beide liebte, so freute er sich doch, daß
sie weggereist waren. Denn die Eltern standen im Scheidungsprozeß, und
wenn das Söhnchen zum Vater kam, so schmähte dieser auf die Mutter,
und diese benutzte jede Gelegenheit, um Haß und Verachtung gegen den
Vater in des Knaben Herz zu säen. Beide aber waren im übrigen mit ihren
Angelegenheiten so beschäftigt, daß sie den Sohn völlig dem Gesinde
überließen und ihm nur von Zeit zu Zeit Leckereien und Spielsachen in
sinnlosen Mengen zusandten.
Ptolomäus war ganz von dem Gedanken beseelt, daß das Ende der Welt nahe
sei. Die neuausbrechende Verfolgung, die täglichen Hinschlachtungen der
Heiligen, das Harren und Bangen der noch Unverklagten, die seltsamen
gnostischen weltfeindlichen Lehren, welche im Schoße des Christentums
selbst emporwuchsen, brachten ihn in eine Stimmung, daß er den Sohn
des Menschen Tag für Tag in den Wolken des Himmels erwartete. Er
fragte darum nicht, ob er durch seine Unterweisungen in die Rechte
der Eltern eingriff. Es handelte sich für ihn um die Rechte Gottes.
Das Himmelreich leidet Gewalt -- Gewalt wollte er brauchen. Wenn das
Ende nahe war, so mußte das Evangelium in der kostbaren Frist, die der
Verkündigung gesteckt war, so weit als möglich getragen werden. Er trat
in seinem Kreise offener mit seinem Bekenntnisse hervor und wirkte
unter den Sklaven, Freigelassenen und Klienten kühn für die geheimen
und verbotenen Lehren. Schließlich überwand er auch seine Bedenken
in betreff seines Zöglings und entschloß sich, ihn als Katechumene
aufnehmen zu lassen. Denn er bemerkte, daß Theonas auch ohne seine
Führung in der heiligen Erkenntnis weiterschritt. Es war also nicht
mehr sein Einfluß allein, der diese Seele zu den christlichen Lehren
hinzog, sondern diese arbeiteten sich bereits aus eigener Kraft oder
durch gelegentliche Hilfe an das Licht. Wenn aber dem Knaben das
Christentum nicht mehr Ptolomäus war, sondern ein Gut, das an keine
lebendige Persönlichkeit gebunden war, so konnte er seinen Weg auch
ohne ihn finden.
Theonas liebte außer Ptolomäus am allermeisten Kaor, den Erzähler. Zu
ihm ging er, als der Lehrer unter dem ersten Eindruck der Verfolgung
stockte. Er tippte ihn an, lächelte ihm zu und bat: »Erzähle!« Und
wie das Wasser der Erde aus dem Munde besonderer Quellen eine eigene
Kraft und Frische hat, so quoll das Wasser des Lebens aus Kaors
Herz und Mund in ganz wundersamem Geschmacke hervor. Er berichtete
wie Ptolomäus. Aber wie formte sich der Bericht in seinem Geist! Er
erzählte mit erhobenen Händen und zurückgeworfenem Kopf; das ganze
Evangelium wurde in seinem Munde zum Hymnus, und die Kraft gewaltiger
Worte verklärte die schlichten Geschehnisse. Von ihm erfuhr der Knabe
zum erstenmal und in einer Sprache, die zu erhaben war, um deutlich
zu berichten, von jenem wundersamen Mahle: »In jener Stunde lagen
die Fischer am Ozean der Liebe, die Tauben waren um den göttlichen
Adler herum in glückseliger Stille. Und siehe: Es erhob sich unser
Herr wie ein Held, stellte sich auf wie ein Gewaltiger, betete zu
seinem Vater, blickte auf zum Himmel und eröffnete die Schätze wie
ein Mächtiger. Sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, seine Glieder
glichen den Lichtstrahlen, seine Gedanken brannten gleich Lampen. Er
stand da und trug im heiligsten Geheimnisse sich selbst aus Liebe und
hielt seinen eigenen Leib hoch in seinen Händen. Seine Rechte war
ein heiliger Altar, seine erhabene Hand ein Tisch des Erbarmens. Er
sprach: ›Kommet und empfanget mich, denn ich will es; esset mich, denn
ich bitte darum. Dies ist der Leib, welchen die Engel wegen seines
Glanzes nicht anzuschauen vermögen. Dies ist das Brot der Gottheit.
Kommet, empfanget mich, zerteilt und kostet mich unter den Gestalten
verhüllt. Kommet, meine Jünger, ich will mich in eure Hände legen. Ich
verbrenne nicht den, welcher mich ißt, aber den, der mir fernbleibt.
Kommet, meine Lieben, trinket auch mein Blut. Trinket den Becher der
Flamme, das Blut, welches alle, die es trinken, entflammt. Dies ist der
Becher, durch welchen das Blut der Opfertiere ersetzt wird, der eine
Erquickung ist in aller Mühe. Dies ist das Blut, durch welches Friede
und Eintracht zwischen Himmel und Erde hergestellt werden. Dies ist der
Becher, in welchem verborgen liegen Barmherzigkeit und Gericht, Leben
und Tod.‹«
Gegen Ende erzählte Kaor nicht mehr. Er sang vielmehr den Lobpreis
des Geheimnisses. Lautlos verrichteten die Genossen an seiner Seite
ihre harte Arbeit, so hurtig und geschäftig, als reichten sie sich
Trinkbecher herum. Ihr ödes und freudloses Geschick schien vergessen.
Der Knabe lauschte auf die dunklen Worte hin wie auf eine wundersame
Musik, die man nicht verstehen kann, die aber die Seele im Innersten
bewegt.
Ein andermal goß Kaor eben eine Schütte Weizen in goldener Flut in die
Mahltrichter; dabei sang er: »Er ist das Weizenkorn, ist Himmelskraft
und Erdenfrucht. Er wird zermalmt und zertreten. Aber er ist Speise --
er der Fisch.« Und er zeichnete mit seinen Fingern einen Fisch in die
Körner. Darüber schrieb er die Buchstaben Ι·Χ·Θ·Υ·Σ, was auf griechisch
»Fisch« heißt. Theonas entging es nicht, daß er nach jedem Buchstaben
einen Punkt machte. Und auf einmal blitzte ein Verstehen in ihm auf.
»Ich kenne das Geheimnis des Fisches«, rief er und rannte zu Ptolomäus.
»Jeder Buchstabe ist der Anfang eines eigenen Wortes«, jubelte er
seinem Meister zu. »Ich ergänze die fehlenden Buchstaben und habe nun:
Jesus Christus Gottes Sohn Erlöser. Es trifft sich wundersam, daß die
Anfangsbuchstaben dieser fünf Wörter zusammen gelesen das Wort Fisch
geben.«
Ptolomäus beugte sich liebevoll zu seinem Schüler nieder: »Siehst du
jetzt, daß mein Fisch kein Fisch ist?« -- »Ja«, rief Theonas entzückt
über seine Entdeckung, »und ich weiß auch, warum man ihn das Weizenkorn
nennt. Die Juden haben ihn ja zermalmt wie die Mühle das Korn. Alles,
alles weiß ich jetzt. Auch daß er der alles sehende Hirt ist und der
Eckstein. Ich weiß, wer das Volk mit dem strahlenden Siegel ist: das
sind die getauften Christen. Und die königliche Frau mit dem goldenen
Gewande, das ist die Gemeinde, der du angehörst.«
Eilig holte er den sorgfältig verborgenen Zettel hervor, der ihm am
Blutfest durch jenen Jungen zugekommen war, und las ihn triumphierend
durch. Auf einmal aber stockte er: »Genieße reinen Herzens vom
himmlischen Fisch .... Iß, trink, der du in Händen hältst den Fisch.
Was ist das?« fragte er bedächtig, den Finger am Munde, angestrengt
nachdenkend. Ptolomäus sprach: »Das ist das letzte Geheimnis, das
erhabenste. Nur Eingeweihten dürfen wir das Mysterium kundtun. Komm nun
-- und werde auch ein Schüler der Frau mit dem goldenen Gewande.«
An dem darauffolgenden Sonntag nahm Ptolomäus den Knaben zum erstenmal
in die gottesdienstliche Versammlung seines Bezirkes mit. Sie fand
im Hause eines wohlhabenden Römers am esquilinischen Hügel statt.
Der Türhüter öffnete auf ein bestimmtes Zeichen. Ptolomäus schritt
darauf mit dem Knaben durch den offenen Hof in den Raum, in welchem
in andern vornehmen Häusern die Speisesofas zu stehen pflegten. Auch
hier erinnerten Wandgemälde daran, daß dieses Zimmer bis in die
letzte Zeit als Speisezimmer gedient hatte. Heute aber stand darin
nur ein einziger mit Broten und Kelchen besetzter Tisch. Dieser war
nahe an die eine Schmalwand gerückt. Ein Priester in weißem, nach Art
eines Philosophenmantels gefaltetem Gewand ordnete ihn, während zwei
Diener mit Fächern aus Pfauenfedern bereitstanden, andrängende Mücken
abzuwehren.
Die Versammelten knieten alsbald auf ein Zeichen des Priesters
nieder, und einer seiner Helfer betete zu Beginn der Feier über die
Katechumenen, daß Gott ihre Sehnsucht erfülle, ihnen enthülle das
heilige Evangelium seines Christus, sie mit Erkenntnis erleuchte und
sie würdige des Bades der Wiedergeburt. Jede Bitte bekräftigte die
Gemeinde mit einem lauten: »Herr, erbarme dich!«
Danach mußten die Katechumenen in die Nähe des Priesters treten. Der
Diakon rief ihnen zu: »Neiget euch und empfanget den Segen!« Als sie
tiefgebeugt am Boden knieten, streckte der schwarzbärtige Priester über
sie die Hand und sprach: »Allmächtiger Gott, sieh nun herab auf deine
Diener, gib ihnen ein neues Herz und erneuere in ihnen den guten Geist.
Würdige sie der Einweihung und mache sie der Geheimnisse teilhaftig,
durch Christus, unsere Hoffnung!«