Gefangenen kein Grab um lebende Menschen wie gestern, sondern eine
heilige, von vielen Lampen erhellte Grotte fand. Auch Blumen quollen
aus Wasserkrügen und Brotladen. Zwar war das Gewölbe grau und feucht
wie gestern, aber die schweren Tropfen, die gestern wie Tränen
niedergefallen waren, hingen heute wie Tau in Farben aufleuchtend an
der Decke. Das Stroh, das gestern einen moderigen Geruch ausgeatmet
hatte, war von feinen Decken überbreitet und nur die Blumen ergossen
ihre Düfte in den Raum. Theonas wollte auf Ptolomäus zueilen. Aber
dieser stand in dem weißen Philosophenmantel, der die eine Schulter
freiließ, ganz wie der Priester in dem Hause des Esquilin. Da hielt
ihn ehrfürchtige Scheu zurück. Als er sich nach Kaor und den andern
bekannten Gesichtern umsah, erblickte er auf einmal jenen flinken
Knaben, der ihm kürzlich den Zettel zugesteckt hatte. Dieser trat auf
ihn zu: »Ich darf bei den Mysterien dein Diener sein. Lache, Bruder,
denn jetzt beginnt deine erste Himmelfahrt, die im Geiste! Du wirst
erhoben über Sonne und Sterne.« Theonas wurde sich erst bei diesen
Worten ganz bewußt, was ihm bevorstand. Zwar hatte er sich seit der
gestrigen Unterweisung nach der Vorschrift der Apostel durch Fasten und
inniges Gebet auf die Heiligtümer vorbereitet, aber er war so sehr in
dem, was den Bekennern geschehen war, aufgegangen, daß das Große, das
ihm selbst bevorstand, für eine Weile in den Schatten zurückgetreten
war. Jetzt glühte es in ihm auf. Und seltsamerweise überkam ihn zuerst
eine heiße Sehnsucht nach Vater und Mutter. Nie soll ich an die Mutter
denken! Aber ich werde immer an sie denken. Cybele und Attis, Isis und
Serapis haben den Vater angezogen, warum nicht ~Er~? Weil er den
~einen~ Becher für Gift erklärt? Und warum darf die Feier nicht in
meinem Hause statthaben? Wozu bin ich reich, als daß heute alle Sklaven
rennen, um Teppiche und reines Gold aus den Truhen zu holen? Warum habe
ich ein prachtvolles Haus, als daß es den Herrn der Herren empfange?
Doch nun sangen die Gefangenen. Der fremde Knabe führte nach einiger
Zeit Theonas an ein Wasserbecken. Die Sänger schwiegen; die lautlose
Stille ward nur von den Schweißtropfen der Decke, die mit hellem Klang
in das Taufwasser fielen, unterbrochen. Jetzt betete Theonas die zwölf
Sätze des Bekenntnisses. Und er gelobte, den Weg des Lebens zu gehen,
und verschwor sich gegen den Weg des Todes. Dann ward er getauft, und
alsbald warf ihm der dienende Knabe ein weißes Gewand über, das ihm
bis zu den Sohlen herabfiel und aus dem der schlanke Hals und der
zartgebaute, schwarze Kopf so anmutig aufragte, daß die Nahestehenden
sich zuwinkten: Das Bild eines Engels! Danach legte Ptolomäus dem
Neugetauften die Hände auf und prägte ihm das Siegel Christi ein.
Nun trat Ptolomäus vor den Tisch, auf welchem Brot und Wein in Körben
stand. Ptolomäus betete zuerst in feierlich-ekstatischen Worten, dann
neigte er sich über den Tisch, fast so wie der Prophet sich über den
Jüngling neigte, als er ihn zum Leben auferweckte. Dann erhob er sich
und rief: »Das Heilige den Heiligen!« Und mit diesen Worten legte er
zuerst Theonas gesegnetes Brot in die Hände und erquickte ihn darauf
mit dem heiligen Wein. Als Theonas einen Augenblick lang in Schauer
und Ergriffenheit zögerte, das heilige Mahl zu genießen und noch
einmal prüfend die Festigkeit seines Mutes wog, da flüsterte Ptolomäus
ihm gütig zu: »Nimm des Erlösers honigsüße Speise; iß und nähre dich,
denn du hast den Ichthys in den Händen.« Da rief der beseligte Knabe:
»Jesus Christus, Gottessohn, Erlöser!« genoß die Geheimnisse und sah
und hörte im Danksagen und Lobpreisen nicht, wie all die Bekenner und
Märtyrer vor dem Gang nach ihrem Golgatha sich mit dem Mahl des Herrn
erquickten, und wie Ptolomäus danach laut die Danksagung der Liturgie
verrichtete. Erst als dieser mit der Gewalt, die ihm seine tiefste
Überzeugung lieh, betete: »Es komme die Gnade und vergehe diese Welt!
Hosanna dem Gott Davids! Ihm eile entgegen, wer heilig ist. Wer es
nicht ist, bereite sich auf seine Ankunft durch Buße. Maranatha! Amen!«
-- richtete sich Theonas auf.
Und jetzt zupfte es von hinten an seinem Gewande. Theonas sah auf,
und da beugte sich Mulus zu seinem Ohr: »Warum bekomme ich keinen
weißen Mantel? Und warum nicht Brot und Wein? Bin ich denn nicht auch
Christianer wie du?«
Mulus war von der Feier ausgeschlossen worden. Aber der goldene Weg
hatte ihn doch hereingeführt. So mochte er denn nun bleiben, da die
Feier der Geheimnisse zu Ende war. Theonas tröstete ihn kurz, aber
wirksam: »Du bekommst heute das schönste Wollengewand und vom besten
Wein!«
Schon drängte der Wärter, daß sich die nach Sardinien Bestimmten
bereithielten. Da wandte sich Ptolomäus, um ihnen den Scheidegruß
zu geben. Aber sein volles Herz strömte in gewaltiger Rede über:
»Glückseligste und geliebteste Brüder! Ihr geht nun von uns und
wisset nur eines, daß ihr in Elend und Darben wie in ein tiefes Meer
hinabsteigt. Aber der den Jonas vernahm, als er ihn rief im Innern des
Ungetüms, hört auch euch. Alles verlasset ihr, was euch lieb war, nur
nicht den Trost Christi. Ketten und Bande harren auf euch. Schon sind
eure Füße in Fesseln gelegt und die glückseligen Glieder und Tempel
Gottes in schmähliche Bande geschlagen. Aber mit dem ~Körper~
kann man euern ~Geist~ nicht binden. Er wird immer frei sein für
Christus. ~Zierden~ sind eure Fesseln und nicht ~Schmach~. O
glückselig gefesselte Füße, die nicht von einem Schmiede, sondern von
dem Herrn aufgelöst worden! O glückselig gefesselte Füße, die hurtig
eilen auf dem Wege des Heiles und das Paradies erreichen wie früh ans
Ziel gelangende Wettläufer! O Füße, in der Welt für den Augenblick
gebunden, um immerdar beim Herrn frei zu sein! Nicht wird in den
Bergwerken der Körper durch Bett und Polster erquickt, aber durch die
Gnade und den Trost Christi wird er aufgerichtet. Auf dem Boden liegt
der von der Arbeit erschöpfte Leib; aber bei Christus wird er einst in
Herrlichkeit ruhen. Von Schmutz und Unrat werden eure Glieder entstellt
sein; aber eure Seelen werden leuchten vor Gottes Augen. An Brot wird
es euch fehlen, aber Manna vom Himmel wird euch gegeben, und ihr werdet
essen, den Fisch in den Händen haltend.«
Während er sprach, erloschen die Lampen nach und nach und nur hier und
dort zog ein goldener Lichtfaden durch die wachsende Finsternis. Die
Decken wurden von der grämlichen Frau des Gefängniswärters gierig und
mißtrauisch weggeschafft; sie stellten neben andern Werten den Lohn für
das Stillschweigen ihres Mannes dar. Das faulende Stroh kam wieder zum
Vorschein und mahnte aufdringlich daran, daß hier ein Gefängnis sei.
Ptolomäus verabschiedete den Knaben kurz: »Als ich an dir zweifelte,
hieltest du mir entgegen: ›ich bin ein Römer!‹ Ein stolzerer Titel ist
nun dein: Du bist ein Christ. Sei ein Christ!«
Darauf segnete er ihn und mahnte ihn, das Gefängnis zu verlassen. Die
letzte Lampe erlosch. Kaor rief: »+Lumen Christi!+« Die andern
antworteten: »+Deo gratias!+« Darauf waren sie sehr heiter und
sprachen vom Licht.
»Geh nun, geh im Frieden! Halte dich an die Brüder, denn: Wehe dem
Alleinstehenden!« drängte Ptolomäus wiederholt. Theonas rief weinend:
»Wohin, Vater, soll ich gehen ohne dich?«
»Den Weg des Lebens!« sagte der Meister. Da umarmte ihn Theonas innig
und zärtlich, rief immer wieder: »Vater, Vater!« verabschiedete sich
auch von Kaor und den Übrigen und verließ endlich, mehr geschoben als
freiwillig, das Gefängnis.
Als er auf der breiten Straße dahinschritt, war es ihm, als hätte er
einen Ort blendender Helle und goldener Fülle zurückgelassen, und
schon jetzt erfaßte ihn das Heimweh. Es war noch schlimmer als in den
Oktobertagen, da er früher regelmäßig das Landgut mit seinen jungen
Tieren, seinen Wasserfällen und tausend Spielgelegenheiten verlassen
hatte. Immerhin hielt er sich tapfer empor. Denn heute hatte er ja den
Fahneneid geleistet, war des siegreichsten Feldherrn Streiter, war bei
ihm zu Gast gewesen, mit seinem Siegel besiegelt und mit seinem Kusse
gesegnet worden!
Am folgenden Tage wartete er auf die Nachricht von dem Zeugentod seines
»Vaters«. Er verbrachte die Stunden in einer gewissen Bangigkeit, so
wie man in der Heimat an einem Schlachttag auf die Siegesbotschaft
harrt, die man sicher erwartet, aber um die man gleichwohl in Sorge
lebt. Plötzlich stand der scheue, flinke Knabe, sein Diener vom
Einweihungstage her, vor ihm: »+Deo gratias!+« rief er, lächelte,
warf ihm eine Kußhand zu und verschwand. Da sagte auch Theonas +Deo
gratias+, aber Tränen perlten über seine Wangen. Denn er wußte, daß
ein Vater verloren, aber ein Märtyrer gewonnen war.
Durch des treuen Mulus Vermittlung konnte er die Überreste des grausam
zerfleischten Ptolomäus bergen und in einem schönen Hypogäum beisetzen
lassen. Auf die Grabplatte wurde eine Palme und ein Fisch geritzt.
Dazwischen fanden die Worte der Flugschrift, die Theonas am Blutfeste
zugeflogen war, Raum. Er fügte ihnen nur noch bei: »Sättige uns mit dem
Fische, Herr und Retter! Im Frieden ruhe Ptolomäus, so flehe ich dich
an, Licht der Sterbenden! Beim Mahle des Fisches gedenke des Knaben
Theonas.«
Als er das alles in Eile angeordnet hatte, kam der Vater mit dem neuen
Hofmeister zurück. In ruhiger Zuversicht begegnete ihnen der Knabe.
»Isis und Attis -- Olim«, tröstete er sich, »Christus gestern und heute
und in Ewigkeit!«
[Illustration]
Bücher von Peter Dörfler
Im Verlag von ~Herder~ in ~Freiburg~:
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_M_ 3.20; geb. _M_ 4.-- (21.-25. Tausend im Druck.)
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