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Das
Geheimnis des Fisches
Eine frühchristliche Erzählung
von
Peter Dörfler
1. bis 15. Tausend
Freiburg im Breisgau 1918
Herdersche Verlagshandlung
Berlin, Karlsruhe, Köln, München, Straßburg und Wien
A. G. 14
Alle Rechte vorbehalten
Buchdruck der ~Herder~schen Verlagshandlung in Freiburg i. Br.
Dem Andenken
des Rektors am deutschen Campo Santo zu Rom
Anton de Waal
gewidmet
von seinem getreuen Schüler
In den großen Lichthof des reichen Mehlhändlers Theon, der aus Ägypten
nach Rom gekommen war, strahlte die Frühsonne eines Junitages. Sie
strahlte von dem rosenüberwucherten Garten quer durch das Tor des
Hinterhauses und schoß einige glückliche Strahlen bis zum Atrium vor,
denn auch die Mitteltüre stand offen; nicht der Sonne wegen, denn unter
ihrer Übermacht begann man bereits zu leiden, sondern aus Sehnsucht
nach Morgenkühle, die nun den ganzen schwülen Palast durchstrich.
Frühsonne und Morgenkühle ergötzten aber mit ihrer vollen Würze nur
~einen~ Mann in den vielen Räumen. Er saß hinter den Säulen des
Lichthofes, hatte würdevoll einen Krückstock in der Rechten, strich
den stattlichen schwarzen Bart, zupfte den Mantel zurecht und hatte
ganz das Aussehen eines Thronenden, der bereit ist, seine Beamten und
Untertanen zu empfangen. Von Zeit zu Zeit drehte er sein schmales,
dunkles Haupt horchend gegen den Vorhang, vor dem er saß und der ein
Zimmer nur halb verhüllte und nur schwach die Stimmen eines Knaben und
seines Lehrers dämpfte, die hier bisweilen hart und laut gegeneinander
stritten.
Der Mann mit dem würdigen Äußern und dem Krückstock war der »Pädagoge«
dieses Knaben, des einzigen Sohnes des Mehlhändlers Theon. Während dem
Lehrer und Hofmeister oblag, den Herrensohn, den man mit dem Kosenamen
Theonas zu rufen pflegte, zu unterrichten, war der Pädagoge nichts
weiter als der Knabenführer. Er hatte den Auftrag, ihn zu bedienen,
ihn durch die Straßen zu geleiten und ihm über verkehrreiche Plätze
den Weg zu bahnen. Die einzige Unterweisung, die ihm zustand, war,
den kecken Knaben bisweilen zu mahnen, daß der Anstand ihm gebiete,
gesenkten Hauptes einherzugehen, und daß er nicht versäume, Bekannte
seines Vaters und angesehene Männer zu grüßen. Diese Mahnungen waren
auch die einzigen Auflagen, die ihm beschwerlich fielen. Denn sie
erforderten einen gewissen Mut, einen Entschluß und den Aufwand eigenen
Willens, während es ihm durchaus unbeschwerlich schien, Befehle, die
andere erdacht hatten, auszuführen und sogar Schimpfworte und Schläge
von seinem Schüler hinzunehmen. Er war tief überzeugt, daß der Herr
ausschließlich die tätige, der Sklave die leidende Form des Lebens
darstelle, und fand es ganz in der Ordnung, daß der kleine Theonas ihn
Mulus nannte. Denn sein Beruf war wirklich der eines Maulesels, eines
Lasttieres.
Jetzt bewegte sich der schwere, golddurchwirkte Teppich zur Seite.
Theonas, ein gertenschlanker Knabe mit einem mädchenhaft zarten, aber
von einer scharfen Nase und kraftsprühenden dunklen Augen belebten
Gesichte, neigte sich rasch, spitzbübisch lächelnd, aber energisch
gegen Mulus und flüsterte ihm zu: »Bring einen Krug Wein, Falerner ...,
bring zur Vorsicht zwei Krüge, vom alten!«
Er verschwand, und Mulus erhob sich sofort, um den Befehl auszuführen.
Zwar Theon, der Herr, hatte es ihm verboten, für den Knaben Wein aus
dem Keller zu holen; der Speisemeister pflegte ihn zu prügeln, wenn
er ihn erwischte; Philota, die Lieblingssklavin seines Herrn, fauchte
ihn wie eine Katze an; Tyche, die Lieblingszofe seiner Herrin, hieß
ihn einen Hund, weil er längst nicht mehr esels-, sondern hundemäßig
dienerisch sei. Aber, was ging ihn das an? War er nicht zur Bedienung
des ~Theonas~ bestellt worden? Und hatte ihm dieser nicht einen
Befehl gegeben?
Inzwischen ging der Unterricht hinter dem Vorhang weiter. Der Schüler
hatte dem Hofmeister vorgeschlagen, lieber in den Garten zu gehen
und Morgenkühle und Rosenduft zu atmen. Apollonios aber, der dicke
griechische Hofmeister, fand das wider die Ordnung und wider seine
Bequemlichkeit. Weil sich nun der Knabe für unnötig gequält hielt,
spielte er den Tollen, um Apollonios die Qual heimzubezahlen.
»Dieses Zeitwort ist unregelmäßig, Theonas«, lehrte der kluge Grieche
und zog unzählige Falten auf die hohe Stirn.
Theonchen machte ein schlaues Gesicht und sagte: »Apollonios, ich
stehle einen Krug Wein für dich, wenn du sagst, daß es regelmäßig ist.«
Zu den unzähligen Falten gesellte sich noch eine krauslinige, dann
zürnte Apollonios: »Mach doch keine Possen, ernst ist das Leben!«
Theonas zwinkerte: »Heiter ist die Kunst und heiter ein Symposion bei
Falerner. Ich verschaffe dir zwei Krüge, wenn du mir den Willen tust.
Also, wenn ich schreibe: +dokeso+ und +edokesa+, so rechnest
du mir das nicht als Fehler an!«
Der arme Erzieher warf einen verzweifelten Blick gegen die Decke,
spürte plötzlich eine schmerzliche Trockenheit im Halse und gab nach:
»Schreibe, wie du willst.«
Der Knabe ritzte +dokeso+ mit tiefen Furchen in die Wachstafel
und jubelte: »Heil und Sieg, die unregelmäßigen Zeitwörter sind
abgeschafft! Dafür werden die kommenden Schülergeschlechter den
Apollonios unter die Heroen versetzen und als Soter[1] verehren.«
[1] Erlöser.
Und Theonas warf seinen Eisenstift auf den hellklingenden
Marmorestrich, schlug die Beine übereinander, wie einer, der
Feierabend machen will, griff in eine Schale, die mit östlichen roten
Kirschen gefüllt war, und ließ eine Frucht zwischen seinen zierlichen
Zähnen verschwinden. Als aber der Lehrer sich tief auf die Tafel beugte
und dabei die große leuchtende Fläche seines kahlen Scheitels gegen den
Schüler wendete, da flog der blanke Kern der entfleischten Frucht wie
ein Wurfgeschoß mitten auf die runde Scheibe des Kahlkopfs, und Theonas
jauchzte: »Applaudiere, Sklave, denn wir beide haben in dieser Stunde
für alle Schüler der Hellenen das goldene Zeitalter heraufbeschworen!
Applaudiere, daß ich dir zu unsterblichem Ruhm verhalf!« Und er ließ
nicht nach, bis der Alte die aufgequollenen Hände zusammenklatschte und
grinsend rief: »Ich applaudiere, du hast's gut gemacht, insbesondere
mit dem Wein!«
»Bravo«, lachte Theonas, »nun will ich laufen, dir das Trankopfer
für Bacchus zu verschaffen.« Und er eilte an die Türe, wo ihm Mulus,
glückselig über die hindernislose Erbeutung, die zwei Krüge Falerner
überreichte.
Theonas schenkte dem Hofmeister einen Becher ein, ohne den
schweren Trank mit Wasser zu mischen, kredenzte ihn und rief: »Der
Symposionkönig reicht keinen Froschwein. Trinke ohne Atem aus! Trinke
und sei fröhlich! Morgen bekommst du von meinem Vater die Peitsche,
weil du träge bist und ich von dir nichts lernen kann!«
»Du willst ja nichts lernen«, seufzte der Hofmeister, als er den Becher
geleert hatte, in gespieltem Verdruß.
»Und dafür sollst du deine Prügel haben«, lachte der Knabe. »Du
kannst mir bei Zeus nichts zeigen, was eine kleine Mühe lohnt, du
Erzschaumschläger! Ich komme hinter all deine feinen Lügen, Griechlein.
Gestern hast du mich angelogen, du hättest keinen Schluck Wein
getrunken -- und warst betrunken wie der Ziegenbock des Bacchus.
Gestern hast du geschworen, du wollest nicht mehr zu dem Zauberer
Mystarion gehen, um ein Sprüchlein gegen die Wassersucht zu kaufen:
Hingegangen bist du. O du Erzschelm! Du sagst mir, es gebe Götter
und man müsse sie fürchten. Ich habe dich belauscht, als du mit dem
Philosophen Glaukos über die Götter sprachst; da hast du über sie
gelacht wie ein Spitzbube. Wenn du mit mir im Homer liest oder im
Vergil, dann sagst du: ›Sieh, Theon, was Großes es um die Tugend ist!‹
Warum übst du sie selber nicht? Oder ist lügen, Wein schlemmen, die
Morgenstunden verschlafen, bei den Sklavinnen herumlungern, Neuigkeiten
klatschen, etwa Tugend? Niemand ist tugendhaft! Ich aber soll es sein,
daß ihr eure Ruhe vor mir habt.«
»Höre auf zu schwatzen«, sagte jetzt der aufgedunsene Lehrmeister, »wir
wollen die Fabeln des Äsop lesen.«
Aus den roten Lippen des Knaben flog ein Kirschenstein hervor und
traf mitten in Apollonios' Gesicht. Gleich darauf kam ebenso flink
die rote Zunge zum Vorschein, darauf eine bübische Grimasse, die das
feingeschnittene Gesicht des Knaben häßlich verzerrte; darauf sprudelte
sein Mund zornige Worte hervor: »Ich ~mag~ keine Fabeln. Lügen
kann ich selbst. Ich habe genug an den Fabeln, die du mir vormachst,
um mich zu betrügen. Die Mutter fabelt auch, der Vater ist darin ein
Meister, und erst die Zofen! Nur die Sklaven an der Mühle fabeln
nicht. Da erfahre ich allein die ungebrochene Wahrheit. Darum geh' ich
zu ihnen, wenn es mir beifällt. Es nützt dir nichts zu greinen: ›Sie
verderben dich!‹ Mögen sie! Vielleicht pass' ich dann besser zu euch!
Zur Unterwelt mit euren Fabeln! Ich habe satt davon.«
Darauf sprang Theonas auf und eilte aus dem Lernzimmer. Apollonios
atmete noch schwerer als sonst. Die Wassersucht bedrängte bereits sein
Herz. Aber ein Schluck aus dem Weinkrug verscheuchte all seine Sorgen.
»Morgen wird der Junge wieder lernbegieriger sein, wenn es die Götter
wollen«, brummte er. »Und wenn sie's nicht wollen, so wird hoffentlich
einmal der Stock nachhelfen! Ach, der Stock, dürfte ich den Stock
über dem Teufelchen schwingen! ... Andere Mütter haben zierliche
Pantöffelchen für ihre Söhne -- Frau Photis gebraucht sie nur für ihre
Klienten! Ach und oh!« Und er träumte noch lange, nachdem er sich in
einen heimlichen Winkel zurückgezogen hatte, wie herrlich es wäre, wenn
er prügeln dürfte, statt Prügel zu empfangen.
Theonas war inzwischen, um seine Erzieher zu ärgern, in das Mühlgewölbe
hinabgestiegen, wo die gequältesten und verzweifeltsten Sklaven schwere
Steintrichter rundumdrehten. Sie waren entweder ganz Muskel und Kraft
geworden und glichen den ans Joch gewöhnten Tieren, oder wenn sie
regen Geistes waren, hatte sich ihr Gemüt mehr und mehr vergiftet.
Und diese suchten den Rest ihres Verstandes durch die Bosheiten, mit
denen sie sich gegenseitig quälten, und die wilden Reden, mit denen
sie sich unterhielten, vor völliger Verödung zu bewahren. Es waren da
dunkle Mohren und stumpfnasige Skythen, breitschultrige Ägypter und
hochgewachsene Liburner vereinigt. Aber die Unterschiede der Herkunft
und Rasse waren durch den jahrelangen schweren Druck der Sklaverei fast
völlig aufgehoben worden, die nur den schlimmen Eigenschaften Wachstum
gewährte.
Der Herrensohn schaute ihnen eine Zeitlang zu, wie man den Tigern im
Käfig zuschaut, lächelnd, bewundernd und doch mit einem Gefühl des
Abscheus. Dann ging er auf Skopas, einen gewaltigen Afrikaner, zu,
tippte ihn auf die Schulter und sagte: »Du, Skopas, fluch einmal!« Der
Mann warf seinen eckigen, grobknochigen Kopf herum und schaute den
schönen Knaben mit seinen fahlen, tiefliegenden Augen grinsend an.
Auch die Mitsklaven zeigten in Mienen und Gesten etwas von tierischem
Vergnügen. Skopas setzte sich auf seine Fersen, hob die Hände so vor
sich hin, daß die Flächen auswärts gekehrt waren, bog den braunen
Stiernacken zurück und verfluchte mit gefletschten Zähnen Gott und die
Menschen. Man glaubte Beelzebub selber fluchen zu hören. Der Sklave
jauchzte seine Verwünschungen förmlich hinaus.
»Genug«, sagte endlich der Knabe zu dem wilderregten Mann, nachdem
er ihm eine Zeitlang mehr zugeschaut als zugehorcht und sich an der
naturhaften Gewalt der ausbrechenden Wut geweidet hatte.
Darauf wandte er sich an einen geschmeidigen Armenier mit klugem
Fuchsgesicht und befahl: »Kaor, erzähle!«
Und Kaor, lispelnd und lächelnd, seine Rede mit reichem Gebärdenspiel
würzend, erzählte Schmutz und Häßlichkeit. Er erzählte von den
Schandtaten der Götter, von den Diebstählen Merkurs, den Verirrungen
Jupiters und den Zänkereien Junos. Er spottete grausam über ihre
Hilflosigkeit gegen ihre Leugner und die Allmacht des Schicksals und
spottete über die Skandale der römischen Gesellschaft. Theonas stand
dabei, die Arme auf dem Rücken verschränkt, und lauschte mit tiefem
Ernst. Wenn die schwarzen Sklaven vor Wonne ihre blühenden Zähne
zeigten, dann umwölkte sich seine Stirn. Er hatte offenbar Widerwillen
vor dem Unrat, der da trüb und eklig wie Sumpfblasen emporstieg, aber
er zwang sich in trotzigem Auflehnen gegen sein Zartgefühl zum Zuhören,
wie einer hart an dem Abgrund hinwandelt, dessen schwarze Nacht lockt
und schreckt. Theonas wurde zuletzt traurig und wußte nicht warum.
Er kämpfte gegen Tränen an, so sehr wurde er von geheimnisvollem Weh
gequält. War das wegen der Götter, die gelästert wurden? Kann man
lästern, was nicht ist? Und wenn sie sind -- verdienen solche Götter
nicht Schmach und Lästerung? -- War das wegen der Anspielungen auf
das Leben seiner Eltern? Warum haderten auch Vater und Mutter? Warum
gaben sie sich Abenteuern hin? Hatten sie denn ein Herz für ihn? Wann
opferten sie ihm eine Krume Zeit? Sie verdienen Schmähung! Und doch!
Diese wenigstens, diese ... Ware, diese Sklaven sollen es nicht wagen,
Vater und Mutter, auch nicht Götter anzutasten. Verachtung umspielte
seine feinen Lippen; noch kämpfte er gegen den aufsteigenden dunklen
Zorn. Er wandte sich von dem »ekelhaften Menschengewürm« ab und schaute
mit dem gleichen Interesse, mit dem er vorhin in das Antlitz des
Sklaven geschaut hatte, den Mühlsteinen zu. Wie hart und grausam sie
waren, wie roh sie die lebenden und wie in Todesangst sich sträubenden
Körner zermalmten!
Die Sklaven blinzelten sich zu: »Der wird recht!« Kaor knirschte: »Wär'
ich Mundschenk, ich mischte ihm ein feines Giftchen .... Aber er muß
sich selber den Becher kredenzen. Er wehrt sich noch, doch schon liebt
er das Gift.« All diese Sklaven haßten den schönen Knaben, nur weil er
der Sohn ihres Herrn war, weil er zu den Vornehmen zählte, und weil sie
ein trostloses Dasein führen mußten, damit diese Kaste wie die Götter
leben könnte. Sie dachten wie die Teufel: »Wir sind zur Qual verdammt,
also sollen die auch leiden müssen.« Darum war es ihre Lust, den
Unbehüteten mit schlimmer Rede zu verderben.
Plötzlich sprang Theonas auf, fiel den häßlichen Skopas an, raufte ihm
sein krauses Haar, schlug ihn und stampfte mit den Füßen gegen ihn. Der
Sklave, die Peitsche des Aufsehers fürchtend, ließ es sich in stumpfer
Wut gefallen. Er wand seinen massigen Riesenleib unter den Füßen des
feinen Knaben wie der niedergesunkene Goliath sich unter Davids Füßen
krümmte. Theonas ging aus dem Raum wie einer, der in den Schmutz
gefallen ist und nun von Kot am ganzen Körper trieft. Er wäre gern
irgendwohin geflohen. Aber das verwöhnte Söhnchen eines reichen Hauses
hatte in der Tat niemand, zu dem es in seinen Nöten fliehen konnte. Sie
liebkosten ihn alle, und alle hatten ein leeres Herz für ihn.
Zuerst sprang er dem Frauengemach zu, um die Mutter zu suchen. Im
Vorraum traf er zwei junge Sklavinnen. Es waren die Zofen seiner
Mutter, zwei zarte Kätzchen mit rabenschwarzem Haar und leuchtenden
Tollkirschenaugen, die immer beisammen waren, aber sich heimlich
stets belauerten. Tyche horchte Philota über den Herrn, diese ihre
Rivalin über die Geheimnisse der Frau aus. Sie trieben das Ränkespiel
mit ausgesuchten, angeborenen und angelernten Künsten, jedoch immer
unter der Decke liebenswürdiger Formen und in gewissem Sinne vornehm.
Natürlich waren es Griechinnen. Denn diese verstanden es ja, sich in
alle feinen Dienste einzuschmeicheln. Tyche, die Ältere, umfaßte den
Knaben und küßte ihm die Hände. Philota, die kleine, zierliche, kniete
sich zu seinen Füßen nieder und küßte den Saum seines Kleides. Als sie
auch seine Hände küssen wollte, schlug er sie auf das zudringliche
Mündchen. Aber sie lachte und rief mit begeistertem Augenaufschlag:
»Theonas, wie schön bist du!«
»Du kleiner Göttersohn!« schmeichelte Tyche.
»Seh' ich dich, so muß ich an Eros denken und glaube schon den Pfeil
schwirren zu hören«, suchte die andere sie zu übertrumpfen. Da ward er
zornig, schleuderte die zwei schönen Katzen von sich, schlug nach ihnen
und schrie: »Da -- spürst du den Pfeil? Gib acht, ich habe noch mehr im
Köcher!«
»Wie geistreich!« staunten sie um die Wette.
»Platz da, ich will zur Mutter!«
Da zog Philota die Augenbrauen hoch, spitzte den Mund und sagte in
dem Tone einer Märchenerzählerin: »Du stehst vor einem verschlossenen
Heiligtum, vor einem unzugänglichen Garten. Leichter kommst du in den
Garten der Hesperiden als jetzt durch diese Pforte. Begehre nichts
wider die Götter! Deine Mutter ist beschäftigt.«
Theonas kräuselte die Lippen und rief: »Habt ihr's schon gehört? Ich
will zur Mutter!«
»Unmöglich«, hauchten die zwei Türhüterinnen.
»Wenn ich will, ist es nicht unmöglich«, trotzte Theonas, stampfte
mit den Füßen und schrie: »Und ich will, bei Styx und dem Hadeshund,
ich will!« Da erschraken die zwei Wächterinnen. Wenigstens rissen sie
ihre großen Augen wie in tiefem Entsetzen auf und hielten sich die
Ohren zu. Die abergläubische Philota klopfte, um die bösen Worte durch
Gegenzauber zu lösen, dreimal auf die Erde: »Frevle nicht! Wenn Götter
sind, soll man sie nicht reizen. Höre, du kleiner Titan!«
Tyche aber gestand die Wahrheit: »Theonas, kluger, schöner Theonas,
bedenke, jener Künstler ist in dem Gemach, der deiner Mutter die
Augenbrauen bringt und den Glanz der Haare und die roten Lippen.«
Da zog Theonas ab. Denn wenn der Künstler mit den neuen Augenbrauen,
der Haarfarbe und den roten Lippen bei der Mutter war, dann heischte
er stets vergeblich. O diese ewigen Schönheitskünstler! Diese
verwünschten Menschen jeglicher Art, die der Mutter zu jeder Stunde
des Tages zusetzten und die alle wichtigere Angelegenheiten hatten
als er und ihn tagelang von ihrem Angesichte verbannten! Wäre man
doch endlich wieder auf dem Lande, weg aus dieser menschengedrängten,
geschäftereichen und gesellschaftspflichtigen Stadt! Wofür hat der
Vater eine Villa in Antium am Meere und eine zu Sublacu im Gebirge?
Dort gibt es keine Langeweile! Dort ist er kein Waise wie hier! Er
dachte nun darüber nach, was ihm denn Freude machen könnte. Er fand
im ganzen Hause alles widerwärtig und öde. Ja, es ekelte ihn sogar
der Gedanke an die Mutter; denn er mußte immer an die gefärbten
Lippen und Brauen denken. Gelangweilt streifte er im Atrium umher, wo
die schönen Statuen standen, marmorne Blüten, lauter große Männer
und erhabene Götter: Homer, Sophokles, Mars und Juno, Venus und der
»Erlöser« Asklepios. Theonas wandelte unter ihnen, und da er wieder
Kirschen zu essen begonnen hatte, schleuderte er auch den Göttern
und Halbgöttern wohlgezielte Kerne in die hoheitsvollen, erhabenen
Gesichter. Er dachte: »Schöne Götter seid ihr! Was kann man von euch
alles hören! Könnten diese Büsten lebendig werden, -- ihr würdet auch
lügen, heimlich trinken, schmeicheln, die Haare färben und häßliche
Reden führen! Ich käme euch schon darauf, daß ihr gemein seid. Mein
Lehrmeister Apollonios hat auch zuerst den Großartigen gespielt, bis
ich ihm hinter die Larve geguckt habe, da ist er klein geworden.«
Auf einmal hüpfte er vor Freude auf wie ein losgeschnellter Bogen.
»Vater hat mir versprochen, er gehe in acht Tagen nach Bajä ins Bad,
und er nehme mich mit! Er ~muß~ mich mitnehmen. Evoe[2], das
Meer, das Meer, das blaue Meer, und dort soll der Weg in die Unterwelt
hinabführen, wie die Dichter sagen. Ich will versuchen, ob ich diesen
Weg finde! Und finde ich ihn, so steige ich hinab. Wer sagt, daß dieser
Odysseus mutiger war als ein echter Römerknabe? Will doch sehen, was
Wahres an diesem Homer ist! Evoe, evoe, es lebe der Höllenhund samt
allen seinen Rachen und Schwänzen!«
[2] Evoe, griechischer Jubelruf = Juchhe!
Da kam ein Bote auf ihn zu, brachte ein Päckchen und einen Brief und
ging sich stumm verneigend auf seinen weichen Sandalen davon. Das
Päckchen enthielt eine Auslese feinster Früchte, dazu Korallen und
Muscheln. Theonas zog die Augenbrauen zusammen. Wenn der Vater ihm
Geschenke schickt, so pflegt er kein gutes Gewissen gegen ihn zu haben.
Das Schreiben enthält also kaum eine freudige Post. Der Knabe öffnete
und las. Der Brief war kurz und lautete: »Theon an seinen Sohn Theonas!
Sei nicht böse, daß ich ohne Dich abgereist bin. Es war unmöglich, Dich
nach Bajä mitzunehmen. Ein andermal dann. Bitte, sei vernünftig. Lebe
wohl! Dein Vater Theon.«
Die feinen roten Wangen des Knaben waren beim Lesen blaß geworden.
Er ließ den Brief auf den Boden fallen und starrte verloren wie ein
Trostloser vor sich hin. Also auch der Vater wieder einmal! Warum
logen sie denn alle? Warum tat denn heute niemand seinen Willen?
Sollte er wirklich nicht mehr herrschen? Apollonios kam schleppenden
Schrittes und ein wenig angetrunken auf ihn zu. Sein Anblick reizte
die Wut des ungebändigten Knaben. Er geriet außer sich, nahm die
Früchte und warf sie auf seinen Hofmeister, daß der Saft gegen die
Säulen spritzte. Dann schleuderte er ebenso die Korallen und Muscheln
gegen den Hilflosen, dabei schrie er: »Lügner, Mörder!« Er zitterte,
halb wahnsinnig vor Erregung. Tyche und Philota kamen angerannt. Er
bombardierte auch sie mit Muscheln und Früchten, und als sie auswichen,
schlug er Mulus, der alles gelassen mit angesehen hatte und nun die
Streiche des Knaben geduldig auf sich niederrasseln ließ. Dann rüttelte
er an der Basis einer Statue, und als Tyche das unschätzbare Kunstwerk
schützte, da richtete sich sein Grimm ganz auf sie. Er riß ihr das
kunstvoll geordnete Haar auseinander und schlug sie in das Gesicht.
Andere Sklaven eilten hinzu. Als Theonas seine Kräfte erschöpft hatte,
da reckte er seine Zunge gegen die Zeugen seiner Schwäche und spuckte
sie an.
In diesem Augenblick erschien die Mutter an der Türe. Sie war offenbar
durch den Ruf: »Mörder!« erschreckt worden. Noch hatte sie den
Metallspiegel in der Hand, und auch die eine, ungefärbte Augenbraue
zeigte, in welch wichtigem Geschäfte sie gestört worden war. Hinter ihr
erschien ein ängstlich blickender Grieche mit rauchender Brennschere.
Sie hatte eben Gelegenheit, zu sehen, wie groß und rot die Zunge ihres
Sprößlings sei. Das setzte ihrem Gemüte so zu, daß die Sklavinnen sie
stützen mußten. Der Kleine ließ sich nicht beirren, er schrie: »Lüge,
Lüge, erlogene Götter, erlogener Vater, erlogene ..., ja auch du,
Mutter!«
Darüber faßte sich die gepuderte Frau, die erst so entsetzt mit den
schönen großen Augen um sich geblickt hatte; sie richtete sich mit
Würde auf und hielt dem Söhnchen entgegen: »So magst du auch lügen,
wenn du klug genug bist. Was liegt daran! Aber Grimassen schneiden, das
ist ungöttlich. Auch die Götter stellen die Worte nach ihrem Nutzen
oder nach dem Gesetze der Kunst, aber sie schneiden keine Grimassen,
sie sind nie häßlich. Sie sind schön. Und schön sollst auch du alles
tun, was du tust, Theon! Das ist Tugend! Du aber bist soeben häßlich
gewesen. Pfui, Theonas! Schafft ihn fort, er macht mich verrückt!«
Darauf wandte sie sich an den knienden und händereibenden Hofmeister
und sprach zürnend: »Ich lasse dich zu Tode peitschen, wenn du ihn
nicht nach meinen Grundsätzen erziehst. Lies ihm Dichter vor und ...
für heute, damit er zur Erkenntnis seines Fehlers komme, sperre ihn in
ein Gemach und stelle das Bildnis der hold lächelnden Aphrodite in den
gleichen Raum; das soll er eine halbe Stunde lang anschauen, dann wird
er sich vor der Schönheit schämen und Liebe zur Tugend bekommen.« Einen
Augenblick lang warf sie noch vernichtende Blicke auf den erblaßten
Hofmeister, dann machte sie gegen Theonas eine Bewegung des Unwillens,
winkte endlich mit gnädigem Lächeln dem Mann mit der Brennschere und
verfügte sich wieder in ihr Gemach.
Zehn starke Sklavenhände griffen nach Theonas, um ihn in das Zimmer der
Schönheitsgöttin zu schleppen. Aber er sprang auf und rief: »Ich geh'
selbst, ich lass' mich nicht von euch anrühren!«
Vor die Statue der süß lächelnden Göttin schoben sie ihm einen Schemel.
Theonas setzte sich darauf und schaute scheinbar andächtig zu dem
feinen Marmorbild empor. Plötzlich aber erschien zwischen seinen
Lippen ein roter Blitz. Philota und Tyche, die ihm schmeichelnd zur
Seite saßen, riefen in geheucheltem Schreck, aber innerlich belustigt:
»Theonas, das ist nicht schön!« Aber der Knabe drehte der Göttin Nasen
und trieb die Sklavinnen in neu erwachter Wut davon.
Darauf begab er sich zu seinem Studierzimmer, setzte sich und schrieb
zornbebend folgenden Brief an seinen Vater: »Theonas an Theon, seinen
Vater, Gruß! Das hast Du schön gemacht, hast mich angeschwindelt. Deine
Geschenke habe ich den Sklaven an den Kopf geworfen. Dazu mochten sie
taugen. Wenn Du nicht schleunigst nach mir schickst, werde ich das
ganze Haus auf den Kopf stellen. Und mit Dir sprech' ich nimmer und
wünsch' Dir nimmer ›guten Tag‹. Ich gebe Dir die Hand nimmer, und
vieles andere wird noch passieren, was ich Dir gar nicht schreiben mag.
Die Mutter sagt: ›Fort mit ihm, er macht mich verrückt!‹ Dem Apollonios
mache ich das Leben zu Essig. So gut also kannst Du lügen; wart nur,
ich glaube Dir den Atem nicht mehr! Und lüge Dich einmal recht herzlich
an. Für Deine Korallen dank' ich nicht, hast mich ja beschwindelt. Also
schick nach mir, sonst ess' ich nicht mehr und trinke nicht. Dann hast
Du's! Möge es Dir wohlergehen, das wünsche ich, Theonas.«
Am andern Morgen sollte ein Bote dieses Schreiben nach Bajä bringen.
Allein er bekam noch einen andern Brief von größerer Wichtigkeit mit.
Es geschah nämlich, daß der Hofmeister Apollonios in jener Nacht
plötzlich starb. Sein durch die Wassersucht längst geschwächtes Herz
erlag den beiden Krügen Falerner und vielleicht auch der Erregung über
die Unart seines Schülers und den ungnädigen, Schlimmes verheißenden
Blick der Herrin. Das bedeutete nun freilich kein allzu großes Unglück
für das Haus. Aber es war doch nötig, für einen Ersatz zu sorgen. Die
Mutter legte also einen zweiten Brief bei, in welchem sie ihren Gatten
anflehte, dafür zu sorgen, daß Theonas künftig ein tiefer Haß gegen
das Grimassenschneiden eingeflößt werde. »Unser Söhnchen«, fügte sie
bei, »hat sonst nur glänzende Anlagen. Wir können stolz auf ihn sein.
Ich wüßte nichts an ihm zu tadeln; aber die lange Zunge beleidigt mein
Feingefühl.«
Theonchen sollte der Anblick des toten Lehrers erspart werden. Es
gruselte ihm auch bei dem Gedanken, daß der Mann, dem er noch gestern
so viel Possen gespielt hatte, irgendwo als Leiche liegen sollte, und
dieser Gedanke war ihm ähnlich widerwärtig wie die Häßlichkeit der
fluchenden und grinsenden Sklaven. Aber gerade darum schlich er sich
in die Totenkammer ein und deckte das übel riechende Tuch auf, mit dem
der Gestorbene notdürftig und verächtlich zugedeckt war. Er hatte den
Toten nie geliebt, nicht einmal geachtet. Obwohl der Junge kaum einen
Begriff von Gut und Böse hatte, wußte er, daß der Sklave an ihm schwer
gesündigt habe. Nichts hatte er ihm tatkräftig verwehrt, und jeder
Bestechung war der Säufer zugänglich gewesen. Dennoch war er jetzt von
herzlichem Mitleid bewegt; Tränen strömten ihm über die Wangen, und er
wünschte lebhaft, dem Ärmsten weniger Verdruß gemacht zu haben. Die
Augen des Toten standen so bange suchend offen. Er glich einem weglos
Verirrten, der im Sterben noch umsonst nach einem Ziele späht. Als
Theonas aus dem Zimmer trat, schluchzte er noch und wischte sich die
beharrlich andrängenden Tränen weg. Tyche begegnete ihm und sah es.
»Armes Theonchen«, flüsterte sie, »sei nicht traurig. Freue dich, daß
du lebst und daß du jung bist. O welch ein Leben steht vor dir! Pflücke
es!« Da schämte sich der Knabe seiner weichen Stimmung. Er wollte nicht
getröstet sein, und die Worte der Sklavin waren ihm ganz widerwärtig,
denn er konnte jetzt nichts von Freude hören. Am liebsten wäre er weit
von allen Menschen weggelaufen. Er verscheuchte die Zofe, indem er die
Hand drohend gegen ihre Wange erhob. Dann ging er stolzen Schrittes
durch den Flur und suchte einen Winkel im Garten. In einer Laube, deren
Hinterwand eine Nische mit zierlichem Brunnenwerk schmückte, ließ er
sich nieder, schickte Mulus, der ihm gefolgt war, weg und warf sogar
gegen seinen eigenen Schatten Steinchen und zerpflückte Rosen. Er
begann wieder in sich hineinzutrotzen. Warum ist der Vater heimlich von
ihm weggereist? Philota hat ihm vor der Venus mit sehr bösem Kichern
gesagt: »In Bajä kann der Vater niemand brauchen, am wenigsten dich
und die Mutter. Diese kann er eigentlich nirgends brauchen. Aber sie
ihn noch weniger.« Der Vater kauft sich einen neuen Lehrmeister. Wie
kann ich diesen klein bekommen? Entweder ist er ein Weinsäufer oder ein
Kriecher; auf alle Fälle wird er Hörner haben, an denen ich ihn fassen
kann. Schließlich träumte er sich in die Sommerfrische. Im Sabinum gibt
es junge Füllen, junge Gänse, junge Esel. Im Sabinum hätte die Mutter
ein klein wenig Zeit für ihn.
* * * * *
Der Vater kam und brachte den neuen Erzieher mit. Er sei ein großer
Gelehrter und habe ihn viel Geld gekostet, keine Adelsfamilie könne
sich kostspieligere Sklaven leisten. Die Mutter hatte schon am zweiten
Tag nach der Ankunft des Griechen, der sich Ptolomäus nannte, Zeit,
mit ihm über die Erziehung des Sohnes zu sprechen. »Mein Sohn«, sagte
sie, »ist ohne Fehl. Nur in den Fragen des Anstandes ist er noch nicht
ganz sicher. Er soll aber alles Häßliche verachten. Zeige ihm nur
fleißig schöne Gemälde und Bildsäulen. Das wird ihm Liebe zu Tugend und
Schönheit entzünden. Durch den Anblick des Schönen wird alles Gute, was
in der Seele schlummert, hervorgelockt wie Blüten von der Sonne.« Sie
war glücklich, daß sie sich über ihren Lieblingsgedanken, die Erziehung
zur Schönheit durch Schönheit, auslassen konnte.
Der Sklave verbeugte sich. Selbst die hochmütige Frau mußte sich Mühe
geben, nicht zu vergessen, daß Ptolomäus nur ein Sklave sei. So hoch
und majestätisch war seine Erscheinung, so edel und klangvoll war seine
Stimme, so bedeutend das von schwarzem Bart und Haar umlockte Haupt,
und mit solcher Würde verbeugte er sich vor seiner Herrin.
Auch Theonas hatte auf den ersten Blick erkannt, daß diesem Manne kaum
mit Weinkrügen beizukommen war. Das brachte ihn so in Harnisch, daß er
am liebsten die Zunge gegen den Würdevollen herausgestreckt hätte. Aber
er dachte: »Warte nur, ich bringe schon heraus, was an dir nicht echt
ist.«
Als sie im Studierzimmer zusammensaßen, setzte Theonchen seine
hochmütigste Miene auf, ließ sich mit übergeschlagenen Füßen vor seinem
Erzieher nieder, stützte das Köpfchen in seine Rechte und musterte den
ernsten Mann, wie man eine verdächtige Ware prüft. Ptolomäus wollte
eben beginnen: »Und nun, mein lieber Schüler, wolle die Gottheit uns
beiden Segen und ...«, da unterbrach ihn Theonas und stellte ein
wohlüberlegtes Verhör mit dem Lehrmeister an: »Was hast du gelernt?«
war die erste Frage. Ptolomäus erwiderte: »Die Gottheit ehren und den
Menschen nützen.« Theonas verdroß diese Antwort, denn er hatte gehofft,
daß der Sklave in aufgeblasenem Rühmen all die Sprachen aufzähle,
die er gelernt hatte, und all die Bücher, die er gelesen habe. Darum
herrschte er ihn an: »Und wenn du alle Sprachen der Welt verstehst und
alle Bibliotheken auswendig kennst, so bin ich doch gescheiter als du.
Sage mir aber eins: Kannst du lügen?«
»Nein«, erwiderte Ptolomäus. Theonchen lächelte verschmitzt: »Ich
glaube, das ist ein großer Mangel für dich. Denn in diesem Punkte bin
ich dir überlegen, und alle im Hause, Mulus vielleicht ausgenommen,
sind dir überlegen. Wollen wir aber gleich eine Probe machen! Glaubst
du an die Götter?« Ptolomäus sagte: »Ich glaube an die Gottheit.«
Theonchen sah mißtrauisch auf, runzelte die Stirn und drohte: »Weich
mir nicht aus! Sage mir, ob du an Asklepios Soter und ›die große
Mutter‹ glaubst.«
Ptolomäus sprach ruhig: »Nein!« Da sprang Theonas in die Höhe: »Du
willst also wirklich nicht lügen?« und er schaute in das ruhige und
feste Gesicht seines Lehrers in stummer Verwunderung und tiefem
Mißtrauen. Aber er fühlte immer mehr, daß er keinen Apollonios vor sich
habe. Endlich sagte er: »Mich betrügst du nicht. Ich bin zehn Jahre alt
und weiß mehr, als ihr glaubt. Mir kannst du keine neue Wahrheit sagen,
nur neue Märchen.«
»Die Gottheit gebe«, erwiderte Ptolomäus ernst, »daß ich dir auch eine
neue Wahrheit aufschließen kann.«
Am andern Tage wehte Scirocco in Rom. Es war schwül, und die Luft lag
wie Blei auf allem Leben. Darum wollte Theonas in der Stunde schlafen.
Er hatte die Nase des Hofmeisters so genau geprüft, daß er es gar
nicht versuchte, ihn mit Wein zu bestechen. Darum zog er eine goldene
Münze hervor, zeigte sie dem Sklaven und sagte: »Sieh das Bild unseres
Herrn und Kaisers, des göttlichen Mark Aurel. Nimm das Geld und laß
mich schlafen!« Ptolomäus sagte: »Behalte dein Gold! Ich verkaufe meine
Seele nicht!« Theonchen war wie vor den Kopf geschlagen. Er schaute
den Lehrmeister wieder mit dem langen, mißtrauisch forschenden und
bewundernden Blick an, dann fragte er:
»Was hat dann in deinen Augen Wert?«
»Die Weisheit«, entgegnete Ptolomäus.
»Was ist die Weisheit?« forschte der Knabe.
»Die Gottheit fürchten und ihren Willen tun.«
»Was ist der Wille der Gottheit?«
»Seine Pflicht zu erfüllen, die Gesetze zu ehren, für das Wohl der
Menschen zu sorgen.«
Spöttisch rief der Knabe: »Und hat die Gottheit dir das selbst gesagt?«
»Ihr Sohn«, sagte Ptolomäus.
Theonchen lächelte: »Nun aber fabelst du doch.«
»Ich fable nicht«, erwiderte Ptolomäus mit seiner warmen Stimme. »Denn
dieser Sohn hat sein Leben für seine Worte hingegeben, und auch ich bin
bereit, es zu tun.«
Noch nie hatte Theonchen mit jemand in so heilig-ernster Weise
gesprochen. Er stand auf, lehnte sich über den Tisch, das Gesicht ganz
nahe seinem Lehrer, und blickte ihn mit seinen klugen Augen forschend
und begierig an. Er sprach: »Erzähle mir von diesem Göttersohn!«
Allein Ptolomäus wehrte ab und sagte: »Noch kann und darf ich nicht.
Denn du bist noch nicht würdig, seinen Namen zu hören und seine
Geschichte zu erfahren. Das ist das große Geheimnis der Eingeweihten.
Wer ihn erkennen will, der muß erst die Wahrheit lieben und Sehnsucht
nach der Weisheit haben. Er muß Arbeit und Pflicht lieben und keine
Mühe scheuen.«
»Laßt uns also lernen«, rief Theonchen eifervoll. Und siehe da, Homer
und Äsop waren nicht mehr langweilig. Ptolomäus spottete weder über
die redenden Tiere oder über die Götter der Griechen, noch goß er die
Salbe pathetischer Reden über sie. Was wußte der Mann nicht alles über
das Gelesene zu sagen! Und manchmal schweifte er ab; jedoch nicht um
törichten, müßigen Einfällen nachzujagen, sondern offensichtlich, weil
ihm das Herz von einer Sache voll war, weil er spürte, daß der Knabe
Feuer gefangen hatte und aus innerstem Hungern und Bedürfen heraus
zuhörte. Oft traf er ein lange umsonst umworbenes Rätsel, und immer
hatte der Schüler das Gefühl, bereichert worden zu sein. Wie sonnig
und fruchtbar waren gerade die Stunden, wo der Schüler aus dem Herzen
heraus Fragen stellte und der Lehrer aus dem Herzen heraus lehrte! Zu
seiner Mutter sagte Theonas: »Ptolomäus ist wahrhaft gelehrt!« Danach
fand er, daß dies nicht das rechte Wort sei. »Er ist weise!« sagte
er im Selbstgespräch. »Nein, mehr ... er ist ein echter -- Vater.
Er hat Zeit .... Man kann ihm einfach keine Possen spielen! Und er
treibt keine Possen!« Doch beobachtete er Ptolomäus immer noch mit
Mißtrauen, jedoch nicht mehr in der Hoffnung, ihn bei einer schlechten
Tat zu ertappen, sondern in großer Furcht, er möchte den einzigen, der
wirklich tugendhaft war, auch verachten müssen. Er lernte begierig
und empfand zum erstenmal die selige Lust treu erfüllter Pflicht.
Dabei war es ihm aber auch wichtig, möglichst bald die Geschichte von
dem Göttersohn zu verdienen. Als er wieder danach fragte, erwiderte
Ptolomäus: »Ich darf dir nur geheimnisvolle Worte von ihm sagen.«
Dann war es, als ginge über sein Gesicht ein Scheinen, und er sprach
langsam wie in einem Gebete: »Er ist der Fisch des lebenden Wassers;
er das Weizenbrot, das auf den Bergen gesammelt wurde; er das Licht
der Sterbenden; er der Hirt und das Lamm; er Tür und Weg, Richter und
Bruder, Wahrheit und Wort. In ihm leben und weben und sind wir. Er
war und ist und wird sein. Er, das Wort.« Theonchen wurde durch diese
Worte verwirrt. Hätte sie Apollonios gesagt, so hätte er ihm den
Kopf mit Kirschensteinen gespickt. Aber vor Ptolomäus empfand er eine
unbezwingliche Ehrfurcht. Die Worte ließen fast alle einen tiefen Sinn
zu. Am wenigsten verstand er, was der Göttersohn mit einem Fisch zu tun
habe. Plötzlich sah er an Ptolomäus' Hals ein zierliches elfenbeinernes
Fischlein hängen, das er noch nie bemerkt hatte. Er zeigte darauf hin,
und Ptolomäus nahm sofort das kleine Zeichen in die Hand und küßte es.
»Lebt dein Göttersohn im Wasser, wie Poseidon oder wie Nereus und seine
Töchter?« Ptolomäus lächelte und schüttelte den Kopf: »Er hat nichts
mit dem Fisch gemein. Mein Fisch ist kein Fisch.«
Theonas begann über die dunkeln Worte zu grübeln; er fragte Bücher,
fragte seine Mutter und Tyche. Die Mutter sagte ihm, daß die Phönizier
ihren Gott Dagon mit einem Fischleib darstellten. Und er gab sich
zunächst mit dieser Auskunft zufrieden. Ptolomäus wußte ihn beim
Unterricht täglich aufs neue zu fesseln, und er brachte es durch Lob
und Tadel sogar dahin, daß Theonas mit Hingebung an der Veredlung
seiner geradezu trunkenen Buchstaben arbeitete. Schon spottete Tyche:
»Ptolomäus ist dein neuer Gott, das dritte Wort jeder Rede; Ptolomäus
muß ein eigenes Zaubermittel haben. Zauberern muß man mißtrauen,
Theonas; gib acht, der Fisch wandelt dich in einen Fisch!«
»~Hexen~ muß man mißtrauen!« antwortete der Knabe verächtlich.
»Der Zauber des Ptolomäus ist sein Geist -- der geht dir ab.«
Einmal aber sah er Ptolomäus in die Mühle eintreten. Siedend heiß stieg
es in ihm auf: »Er geht zu den Sklaven, er hat Langeweile, treibt doch
Possen und hat auch zwei Seelen. Was hat er bei den Mühlsklaven zu
suchen? Sklavenzoten! O er ist eben auch ein Sklave! Was reden, was
belachen sie in den Ruhepausen? Ich weiß es! ... Auch mich und meine
Dummheit! Possenreißer, Schaumschläger, Grieche!« Feindselig blickte
er ihn danach an und war während des Unterrichtes verdrossen und
zerstreut. Er beobachtete den schönen und ernsten Mund des Ptolomäus
und stellte sich vor, wie dieser sich bei den groben und schmutzigen
Reden der Sklaven zu einem widerlichen Lachen verzerrte. Und er konnte
es nicht glauben. Die Mutter kam in den Studierraum und ließ sich
ermüdet wie eine Lohnarbeiterin auf ein Polster nieder. Sie hatte aber
die Locken frisch gebrannt und die Lippen blutrot aufgefrischt. Sie
seufzte: »Theonas, lange schon wollte ich kommen, aber ich habe keine
Zeit. Ach, ich bin so viel mit Lektüre und Gesellschaft beschäftigt!
Wie bist du mit deinem Hofmeister zufrieden? Es wundert mich nicht,
daß er entspricht, denn er hat ein gutes Stück Geld gekostet. Das
allerdings wundert mich, daß dein Vater so viel Geschmack entwickelte
.... Die Beschäftigung mit dem Schönen tut mehr als alle Belehrung.
Ich sehe es an dir, denn du bist sichtlich in dieser kurzen Zeit um
vieles gesitteter geworden. Ptolomäus, fahre so fort, und ich werde
dich freilassen, sobald Theon erwachsen ist. Ach, heute abend werden
sich die Epikureer und Platoniker über die Seele streiten. Was hältst
du davon, Ptolomäus? ... Bajä wäre für meine Gesundheit notwendig.
Hier, wenn man Seele hat, muß sie im Lärm taub werden, zerrissen von
... Kennst du das Märchen von Amor und Psyche? Also, ich bin zufrieden
und freue mich, daß wenigstens die Sorge um den Knaben unnötig geworden
ist.« Theonas aber schaute immerfort in das Antlitz seines Lehrers, um
die geschminkten Wangen der Mutter nicht sehen zu müssen. Und er war
froh, daß die weggegangen war, nach der sich doch sein Herz immerfort
sehnte.
Aber wieder kam Ptolomäus eines Tages aus der Mühle. Der Knabe war nahe
daran, auf ihn zuzustürmen und ihn zu beschimpfen. Ein Zorn faßte ihn,
ähnlich jenem, als er die Lüge seines Vaters erfahren hatte. Er hatte
Lust, seinem Lehrmeister in den schönen schwarzen Bart zu fahren. Aber
Ptolomäus schaute ihn mit solch festen und abgründigen Augen an, daß er
die Sicherheit verlor und beschämt seine Augen senkte.
Lange war er nun nicht mehr zu den Sklaven gekommen. Jetzt wollte er
zum Trotz wieder in die Herde tierhafter Menschen eintreten. Ptolomäus
hatte ihm gesagt, daß der Verlust der Tugend selbst den Königssohn zum
Bettler mache. Wenn aber Ptolomäus ein heimlicher Freund des Bösen war,
was war ihm dann die Tugend? Als er eintrat, merkte er wohl, wie ein
Schrecken durch die Reihen lief statt des erhofften Jubels. Er ging
auf Skopas zu, klopfte ihm auf die Schulter und sagte in der gewohnten
Weise: »Skopas, fluche!« Und Skopas zauderte einen Augenblick, dann
warf er sich auf die Knie, hob, wie er immer getan hatte, seine Hände
und sprach: »Gepriesen sei der Herr, der heimgesucht hat sein Volk,
Erlösung ihm verschafft, daß wir furchtlos, aus Feindeshand befreit,
ihm dienen in Heiligkeit und in Gerechtigkeit vor ihm all unsere Tage!
Preiset den Herrn, alle Werke des Herrn, lobet und erhebet über alles
ihn in Ewigkeit! Preiset, ihr Menschenkinder, den Herrn!«
Theonas staunte. Er hatte sich schon auf die gräßlichen Worte gefaßt,
so wie man sich auf den Donner gefaßt macht, um nicht zusammenzuzucken,
wenn der Strahl niederschmettert. Und nun diese jubelnden Worte! Dieser
Ausbruch von Glückseligkeit!
Er ging zu Kaor. »Kaor, erzähle!« Und Kaor erzählte. Güte und Friede
strahlte über sein scharfes, hageres Gesicht, und zitternd vor innerem
Jubel klang seine Stimme: »Ich bin Schüler des heiligen Hirten, der
Schafherden weidet auf Bergen und Fluren. Große, alles sehende Augen
hat der gute Hirt. Er lehrte mich verläßliche Weisheit. Er zeigte
mir die mit goldenem Gewande und mit goldenen Sandalen bekleidete
königliche Frau, auch das Volk mit dem strahlenden Siegel. Und sie
reichen mir den Fisch zur Speise, den reinen, welchen die heilige
Jungfrau fing. Heiligen Wein trinken wir gemischt mit Brot. O wahres
Brot und du, Fisch des lebendigen Wassers, rettet mich zum Leben!«
Ein unbeschreibliches Gefühl überkam Theonas. Er merkte, daß Ptolomäus
ihnen diese Worte in den Mund gelegt hatte, und er wurde eifersüchtig
auf die Sklaven, denn diesen hatte er offenbar das Geheimnis von dem
Fische schon anvertraut.
»Sind dir die Sklaven lieber als ich?« sagte er trotzig zu seinem
Lehrer.
Ptolomäus antwortete: »Wer ist unglücklicher, du oder die Sklaven?«
»Die Sklaven«, warf Theonas schnippisch hin.
»Und wer hat mehr zu leiden?«
»Warum sollen denn Sklaven nicht mehr leiden?« trotzte der Knabe
ungeduldig.
»Wer am meisten gelitten hat, ist am geschwindesten reif für den
Gottessohn«, sagte nun Ptolomäus in großem, feierlichem Ernst, »denn
er kennt die große Sehnsucht nach dem Heil. Und in der Sehnsucht eilt
er dem Lichte entgegen.«
»Aber ich leide ja, ich habe große Sehnsucht nach ... dem Landgut und
nach meiner Mutter und nach der Weisheit, die in dir wohnt. Und ich
möchte wissen, was denn ohne Lüge und Schein gut ist. O so vieles
ersehne ich!« rief mit Leidenschaft der Knabe. Da legte Ptolomäus seine
gute Hand auf des Kindes Scheitel und sagte mit weicher Stimme: »Selig
sind, die hungern und dürsten, denn sie werden gesättigt werden! Bald
bist du reif für den Fisch, bald siehst du den Hirten, bald trinkst du
von den Wassern des Lebens!«
Gerade um diese Zeit wurde Rom durch ein großes Fest der »Mutter
Cybele«, deren Heiligtum auf dem Palatin lag und von orientalischen
Priestern, Galli genannt, bedient wurde, in Atem gehalten. Die Feier
begann am 21. März und erreichte am dritten, dem sogenannten Bluttage
ihren Höhepunkt. Theonas war in Begleitung seines Pädagogen auf das
Forum gegangen, um von den Stufen des Dioskurentempels herab die
berüchtigte Prozession der Orientalen anzusehen. Als von ferne ein
verworrenes Getöse wie von dumpf schallenden Musikinstrumenten und
klagenden Weibern herdrang, sagte Theonas: »Ich kann das nicht anhören.
Laß uns weitergehen!« Natürlich echote Mulus: »Laßt uns weitergehen!«
Aber nun erklang aus dem Gewirr schrill hervorspringend eine Trompete
und zugleich ein markerschütternder, wie in Todesnot gellender Schrei,
und eine Gruppe in eigentümlicher Ermüdung tanzender, wie Puppen
ihre schlaffen Arme und Beine um ihren Körper werfender Männer, die
Gesichter barbarisch bemalt, erschien an der Straßenbiegung. Da sagte
Theonas rasch, aber in übler Laune: »Torheit; wer wird davonlaufen!«
»Gut, so bleiben wir«, nickte Mulus und kaute seelenruhig an einem
dürren Halm. Während nun die Leute ringsumher auf den Stufen die Hälse
reckten und ihre Gespräche unterbrachen, um ja nichts von dem sich
aufrollenden Schauspiel zu versäumen, steckte sich Theonas hinter
Mulus, immer noch mit Verlangen und Abscheu ringend. »Ist das nicht
Totenklage?« fragte er den Alten, als die phrygische Flöte in dem Lärm
der Zimbeln und Klappern immer mehr die Führung bekam und das Weinen
der Priester in ein erregendes Heulen ausartete.
»Ja, das ist Totenklage.«
»Um wen?«
»Um Attis.«
»Wer ist Attis?«
»Er ist entweder der Vater oder der Sohn oder der Bräutigam der großen
Mutter Cybele, was weiß ich!«
Ein weiteres Gespräch war zunächst unmöglich. Jegliches der
Musikinstrumente schien zum wilden Tier geworden zu sein. Sie
schrillten, schmetterten und tobten, die einen wie in Wut, die
andern wie in Verzückung. Die Galli schritten nicht mehr in
Tanzbewegungen umher, sondern glichen alle von kataleptischen Anfällen
ergriffenen Menschen, die nur durch eine unbegreifliche Zufälligkeit
aufrechterhalten wurden. Sie hatten ihr langes Haupthaar aufgelöst und
schüttelten ihre Köpfe, daß man glauben mußte, sie wollten sich die
Augen aus den Höhlen schleudern. Ihre Gesichter waren voll Schweiß
und Staub; aber die Augen glühten und die geöffneten Lippen zeigten
blühende Zähne.
»Und liebt die große Mutter solchen Orgiasmus?«
»Ich denke, sie wird ihn lieben.«
Theonas und Mulus mußten schreien, um sich verständlich zu machen.
»Ist denn dieser Attis wirklich gestorben?«
»Er ist, glaube ich, nicht gestorben.«
»Dummkopf -- sieh doch, wie sie heulen!«
»Sie stellen sich vor, er sei wirklich gestorben.«
»Mulus, +nomen et omen+! Wegen einer bewußten Einbildung wird man
so etwas tun, sieh her!«
Einer der Galli hatte eine scharfe Astragalengeißel aus dem Gürtel
gezogen und zerpeitschte damit unter Heulen und Jauchzen den entblößten
Oberkörper.
Mulus betrachtete das alles mit seinen zufriedenen, gleichmütig
glänzenden Augen, kaute an seinem Halme und rief dem erregten Knaben
mit pfiffigen Mienen in das Ohr: »Und hat Theonas nie gespielt? Ein
Würfelknochen war der Schädel. Theonas hat ihm geopfert, ihn als Heros
erklärt ... begraben!«