Der Tod, der Befreier

Mein bleicher Freund, der Tod, der Befreier, kam im August, als die

Nächte bleich vom Mondschein waren, zu Hauptmann Ugglas Heim. Aber er

wagte es nicht, geradeswegs in das gastfreie Haus zu treten; denn derer,

die ihn lieben, sind nur gar wenige.

Mein bleicher Freund, der Tod, der Befreier, hat ein mutiges Herz. Es

ist seine Lust, von glühenden Kanonenkugeln getragen durch die Luft zu

reiten. Er nimmt die pfeifende Granate auf den Nacken und lacht, wenn

sie springt und die Splitter umherfliegen. Er schwingt sich im

Gespenstertanz auf den Kirchhöfen und scheut nicht die Pestsäle der

Hospitäler, aber er zittert an der Schwelle des Redlichen, an der Tür

des Guten. Denn er will nicht mit Tränen, sondern mit Freuden begrüßt

werden, er, der die Geister aus den Banden des Schmerzes befreit, der

sie von dem bedrückenden Staub befreit, der sie das freie, herrliche

Leben im Weltenraum erproben läßt.

In den alten Hain hinter dem Wohnhause, wo noch heutzutage schlanke,

weißstämmige Birken wetteifern, den dünnen Laubbüscheln an ihren Wipfeln

das Licht des Himmels zu verschaffen, dort schlich der Tod sich ein. In

diesem Hain, der damals jung und voll verbergenden Grüns war, versteckte

mein bleicher Freund sich, während die Sonne am Himmel stand; in der

Nacht aber stand er am Waldesrande, weiß und bleich, mit seiner Sense,

in der der Mond sich spiegelte.

O Eros! Du warst der Gott, dem damals der Hain gehörte. Die Alten wissen

davon zu erzählen, wie ehedem die liebenden Paare seine Ruhe aufsuchten.

Und noch heutzutage, wenn ich an Berga vorübergehe, ärgerlich über die

lästigen Hügel und den erstickenden Staub, so freue ich mich über den

Anblick des Hains mit den jetzt spärlichen weißen Stämmen, der von der

Erinnerung an die Liebe junger, schöner Menschen widerstrahlt.

Nun aber war es der Tod, der dort stand, und die Tiere der Nacht sahen

ihn. Abend für Abend hörten die Bewohner von Berga, wie der Wolf heulte,

um sein Kommen zu melden. Die Natter schlängelte sich auf den Kieswegen

bis an das Wohnhaus hinan. Sie konnte nicht sprechen, aber sie

verstanden wohl, daß sie kam als Vorbote des Gewaltigen. Und im

Apfelbaum unter Frau Ugglas Fenster ließ die Eule ihr Geschrei ertönen.

Denn alles in der Natur kennt den Tod und erbebt.

So geschah es denn, daß der Amtmann und seine Frau aus Munkerud, die im

Broer Pfarrhof zum Gastmahl gewesen waren, gegen zwei Uhr in der Nacht

an Berga vorüberkamen und ein Licht im Fenster des Fremdenzimmers

stehen und brennen sahen. Sie sahen ganz deutlich die gelbe Flamme und

das weiße Licht und erzählten später voller Verwunderung von dem Licht,

das in der Sommernacht gebrannt hatte.

Da lachten die fröhlichen jungen Damen auf Berga und sagten, Amtmanns

hätten Gespenster gesehen, denn die Talglichter daheim bei ihnen seien

schon seit dem März aufgebraucht; und der Hauptmann schwur heilig und

teuer, daß seit Wochen und Tagen niemand im Fremdenzimmer gewohnt habe;

aber die Frau des Hauptmanns schwieg und erbleichte, denn dies weiße

Licht mit der klaren Flamme pflegte sich stets zu zeigen, wenn jemand in

ihrer Familie von dem Tode, dem Befreier, erlöst werden sollte.

Bald darauf, eines Tages im strahlenden August, kam Ferdinand von seinem

Vermessungsdienst in den nördlichen Wäldern heim. Er kam bleich und

krank zurück mit einem unheilbaren Lungenleiden, und sobald seine Mutter

ihn sah, wußte sie, daß er sterben müsse.

So sollte er denn von hinnen gehen, dieser gute Sohn, der seinen Eltern

niemals den geringsten Kummer bereitet hatte. Der Jüngling sollte die

Luft und die Freude dieser Welt verlassen und seine schöne, geliebte

Braut, die seiner harrte, und die reichen Besitzungen, die dröhnenden

Eisenwerke, die sein Eigentum hatten werden sollen.

Endlich, als mein bleicher Freund einen Mondwechsel gewartet hatte,

faßte er Mut und begab sich eines Nachts nach dem Wohnhause. Er wußte,

daß die Bewohner dort dem Hunger und der Not fröhlich ins Auge sahen,

weshalb sollten sie ihn denn nicht mit Freuden empfangen?

Leise ging er den Kiesweg hinauf und warf einen dunklen Schatten über

den Rasenplatz, wo die Tauperlen im Mondschein glitzerten. Er kam nicht

als fröhlicher Schnitter mit Blumen um den Hut und den Arm um die Taille

eines jungen Mädchens geschlungen. Er ging gebeugt und sah abgezehrt aus

und hielt die Sense in den Falten des Mantels verborgen, während Eulen

und Fledermäuse ihn umflatterten.

In jener Nacht hörte Frau Uggla, die wach lag, daß jemand ans Fenster

pochte, und sie richtete sich im Bett auf und fragte: »Wer klopft da?«

Gösta Berling: Erzählungen aus dem alten Wermland · 第 38 / 56 题