Da stand sie auf und öffnete das Fenster und sah Fledermäuse und Eulen
im Mondlicht flattern, den Tod aber sah sie nicht.
»Komm«, sagte sie halblaut; »Freund und Befreier, weshalb hast du so
lange gezögert? Ich habe gewartet, ich habe gerufen. Komm und erlöse
meinen Sohn.«
Da glitt der Tod ins Haus, froh wie ein entthronter König, der in seinem
Greisenalter seine Krone zurückerhält, froh wie ein Kind, das zum
Spielen gerufen wird.
Am nächsten Tage setzte Frau Uggla sich an das Krankenbett ihres Sohnes
und sprach mit ihm über die Seligkeit der befreiten Geister und über ihr
herrliches Leben.
»Sie arbeiten«, sagte sie, »sie wirken. Welche Künstler, mein Sohn,
welche Künstler! Wenn du zu ihnen hinaufgelangst, so sage mir, was du
dann werden willst? Einer der Bildhauer ohne Meißel, die Rosen und
Lilien bilden, einer der Meister des Abendrots? Und wenn die Sonne in
all ihrer Schönheit untergeht, will ich dasitzen und denken: das ist
Ferdinands Werk!
»Mein teurer Sohn, bedenke, wie viel da zu sehen, wie viel da zu tun
ist! Denke an alle die Samenkörner, die im Frühling zum Leben erweckt
werden sollen, an alle die Stürme, die gelenkt werden, an die Träume,
die entsendet werden sollen! Und denke an die langen Reisen durch den
Himmelsraum, von Welt zu Welt!
»Denke an mich, mein teurer Junge, wenn du so viel Schönes zu sehen
bekommst! Deine arme Mutter bekommt niemals etwas anderes zu sehen als
Wermland.
»Aber eines Tages gehst du zum lieben Gott hinein und bittest ihn, ob er
dir nicht eine der kleinen Welten geben will, die im Himmelsraum
umherrollen, und er wird sie dir geben. Wenn du sie erhältst, so ist sie
finster und kalt, voller Abgründe und Felsblöcke, und es wachsen dort
keine Blumen, es leben dort keine Tiere. Aber du arbeitest auf dem
Stern, den Gott dir gegeben hat. Du schaffst ihm Licht und Wärme und
Luft, du bringst Pflanzen und Nachtigallen und helläugige Gazellen
dahin, du läßt Gießbäche in die Abgründe strömen, du türmst Berge auf
und besäest die Ebenen mit den schönsten roten Rosen.
»Und wenn ich einst sterbe, Ferdinand, wenn meine Seele vor der langen
Reise erbebt und sich vor dem Abschied von den bekannten Gegenden
fürchtet, da sitzest du und wartest vor dem Fenster in einem mit
Paradiesvögeln bespannten Wagen, in einem Wagen aus schimmerndem Gold,
mein Ferdinand.
»Und meine arme, unruhige Seele wird in deinen Wagen aufgenommen und
sitzet nun neben dir, geehrt wie eine Königin. Und dann fahren wir durch
den Himmelsraum, vorbei an den strahlenden Welten, und wenn wir in die
Nähe dieser Himmelswohnungen kommen und sie immer herrlicher werden, da
frage ich, die ich es nicht besser weiß: Wollen wir nicht hier oder dort
bleiben?
»Aber du lachst still für dich und treibst das Vogelgespann an. Endlich
kommen wir zu dem kleinsten von allen Weltkörpern, aber zu dem
schönsten, den ich je gesehen habe, und dort halten wir vor einem
goldenen Schloß, und du läßt mich eintreten in das ewige Heim der
Freude.
»Dort sind die Vorratskammern gefüllt und die Bücherschränke. Der
Tannenwald steht dort nicht wie hier auf Berga und beschattet die ganze
schöne Welt, sondern ich schaue hinaus über große Meere und
sonnenbeschienene Ebenen, und tausend Jahre sind wie ein Tag.«
Und dann starb Ferdinand, schwelgend in lichten Bildern, der künftigen
Herrlichkeit entgegenlächelnd.
Mein bleicher Freund, der Tod, der Befreier, hatte nie etwas so Schönes
erlebt. Denn wohl war Ferdinand Ugglas Todeslager von weinenden Menschen
umstanden, der Kranke selber aber lächelte dem Manne mit der Sense zu,
als er sich auf den Rand seines Bettes setzte, und seine Mutter lauschte
seinem Todesröcheln wie einer süßen Musik. Sie zitterte, daß der Tod
nicht imstande sein würde, sein Werk zu vollenden, und als alles vorbei
war, traten ihr Tränen in die Augen, aber es waren Freudentränen, die
auf die erstarrten Züge ihres Sohnes fielen.
Niemals ward meinem bleichen Freund so viel Ehre erzeigt wie bei
Ferdinand Ugglas Begräbnis. Hätte er es gewagt, sich zu zeigen, da wäre
er in federgeschmücktem Barett und mit goldgesticktem Mantel erschienen
und hätte vor dem Leichenzug her den Kirchhofsgang entlang getanzt, nun
aber saß er, der Alte, Einsame, in seinem verschlissenen schwarzen
Mantel zusammengekauert auf der Kirchhofsmauer und sah den Zug kommen.
O, es war ein wunderliches Leichenbegängnis! Sonne und lichte Wolken
machten den Tag strahlend, lange Reihen von Roggenhocken schmückten die
Felder. Die Sommeräpfel im Garten des Propsthofes schimmerten
durchsichtig und klar, und im Garten des Küsters strahlten Nelken und
Georginen.
Es war ein wunderlicher Leichenzug, der die Lindenallee hinabging. Vor
dem blumengeschmückten Sarge schritten schöne Kinder einher und streuten
Blumen. Da waren keine Trauerkleider, keine Kreppflore, keine
Schneppenhauben zu erblicken, denn die Mutter hatte es so gewollt, daß
er, der heiter gestorben, nicht von einem traurigen Leichenzuge, sondern
von einem glänzenden Hochzeitszuge nach der guten Freistätte geleitet
werden sollte.
Dem Sarge zunächst ging Anna Stjärnhök, die schöne, strahlende Braut des
Verstorbenen. Sie hatte den Brautkranz auf ihr Haupt gesetzt, sich in
den Brautschleier gehüllt und ein Brautgewand von weißer, schimmernder
Seide mit langer Schleppe angelegt. So geschmückt ging sie, um dem
Grabe, um einem dahingeschiedenen Bräutigam geweiht zu werden.
Und nach ihr kam Paar auf Paar, stattliche alte Damen und Herren. Die
schönen, vornehmen Frauen kamen mit schimmernden Spangen und Broschen,
mit milchweißen Perlhalsgeschmeiden und Armbändern aus Gold. Die Federn
in ihren Turbanen ragten hoch auf zwischen dem Seidenstoff und den
Spitzen, und von ihren Schultern wogten die dünnen seidenen Schals, die
sie einst als Brautgeschenk erhalten hatten, über bunte, seidene Kleider
hinab. Und die Männer kamen in ihrem schönsten Staat mit bauschenden
Jabots, in Leibröcken mit hohen Kragen und vergoldeten Knöpfen und mit
Westen aus steifem Brokat oder reich gesticktem Samt. Es war ein
Hochzeitszug: die Herrin von Berga hatte es so gewollt.
Sie selber ging dicht hinter Anna Stjärnhök am Arme ihres Gatten. Hätte
sie ein Kleid aus schimmerndem Brokat besessen, sie würde es angelegt
haben, hätte sie Geschmeide und einen prachtvollen Turban ihr eigen
genannt, sie würde sie getragen haben an dem Ehrentage ihres Sohnes. Nun
aber hatte sie nichts als dies schwarzseidene Kleid und diese gelben
Spitzen, die sie auf so vielen Festen getragen hatte, und die trug sie
auch auf diesem Fest.
Obwohl die Gäste mit Pomp und Pracht zum Begräbnis kamen, blieb doch
kein Auge trocken, während sie bei leisem Glockengeläute zum Grabe
hinauswanderten. Männer und Frauen weinten, nicht so sehr über den Toten
wie über sich selbst. Siehe, da ging die Braut, dort trug man den
Bräutigam, da wanderten sie selber festlich geschmückt -- wo ist der
Mensch, der auf Gottes grüner Erde wandelt und nicht weiß, daß er dem
Kummer, der Sorge, dem Unglück, dem Tode anheimgefallen ist? Sie gingen
einher und weinten bei dem Gedanken, daß nichts in der Welt imstande
sei, sie zu beschützen.
Die Mutter weinte nicht, sie war aber auch die einzige, deren Augen
trocken blieben.
Als das Ritual verlesen und das Grab zugeschüttet war, kehrten alle zu
den Wagen zurück. Nur Frau Uggla und Anna Stjärnhök blieben am Grabe
zurück, um dem Toten ein letztes Lebewohl zu sagen. Die Alte hockte sich
auf den Grabhügel, und Anna setzte sich neben sie.
»Siehe,« meinte Frau Uggla, »ich habe zu Gott gesagt: Laß den Tod, den
Befreier, kommen und meinen Sohn holen, laß ihn den, den ich am
heißesten geliebt habe, mit sich in die stillen Wohnungen des Friedens
nehmen, es sollen nur Freudentränen in meine Augen kommen; mit
Hochzeitsgepränge will ich ihn zu Grabe geleiten, und meinen roten
Rosenbusch, den reichblühenden, der vor meinem Schlafstubenfenster
steht, will ich ihm auf den Friedhof pflanzen! Und nun ist es geschehen,
mein Sohn ist tot. Ich habe den Tod wie einen Freund begrüßt, habe ihn
bei den zärtlichsten Namen gerufen, ich habe Freudentränen über das
erstarrte Antlitz meines Sohnes geweint, und im Herbst, wenn die Blätter
fallen, pflanze ich ihm meinen roten Rosenbusch aufs Grab. Aber du, die
du hier an meiner Seite sitzest, weißt du, weshalb ich solche Gebete zu
Gott emporgesandt habe?«
Sie sah Anna Stjärnhök an, das junge Mädchen aber saß still und bleich
an ihrer Seite. Vielleicht kämpfte sie, um die innere Stimme zur Ruhe zu
bringen, die schon dort, auf dem frischen Grabe des Toten, ihr
zuzuflüstern begann, daß sie nun endlich frei sei.
»Du trägst schuld daran«, sagte Frau Uggla.
Da sank das junge Mädchen zusammen wie unter einem Keulenschlag. Sie
erwiderte kein Wort.
»Anna Stjärnhök, du warst einstmals stolz und eigensinnig, da spieltest
du mit meinem Sohn, nahmst ihn und verstießest ihn. Was war dazu zu
sagen? Er mußte sich dareinfinden so gut wie alle die andern.
Vielleicht haben auch wir so wie er dein Geld ebensosehr geliebt wie
dich. Aber du kamst wieder zurück, du kamst mit reichem Segen in unser
Heim, du warst milde und sanftmütig, stark und gut, als du wiederkamst.
Du umgabst uns mit Liebe, du machtest uns so glücklich, Anna Stjärnhök,
und wir armen Menschen lagen dir zu Füßen.
»Und doch, und doch habe ich gewünscht, daß du nicht gekommen wärest. Da
hätt ich Gott nicht zu bitten brauchen, daß er das Leben meines Sohnes
verkürzen möge. Um die Weihnachtszeit hätte er deinen Verlust überwinden
können, aber nachdem er dich kennen gelernt hatte, so wie du nun bist,
hatte er nicht die Kraft dazu.
»Du mußt wissen, Anna Stjärnhök, du, die du heute dein Brautgewand
angelegt hast, um meinem Sohn das Geleite zu geben, du würdest niemals
in dem Gewande mit ihm vor dem Traualtar gestanden haben, denn du
liebtest ihn nicht.
»Ich sah es, du kamst nur aus Barmherzigkeit, denn du wolltest unser
hartes Schicksal mildern. Du liebtest ihn nicht. Glaubst du nicht, daß
ich die Liebe kenne, daß ich sie sehe, wo sie vorhanden ist, daß ich es
fühle, wenn sie fehlt? Da dachte ich: Möge Gott meinen Sohn zu sich
nehmen, ehe ihm die Augen geöffnet sind!
»Ach, hättest du ihn doch geliebt! Wärest du doch niemals zu uns
gekommen, um unser Leben zu versüßen, wenn du ihn nicht liebtest! Ich
kannte meine Pflicht: wenn er nicht gestorben wäre, hätte ich ihm sagen
müssen, daß du ihn nicht liebtest, daß du dich mit ihm verheiraten
wolltest, weil du die Barmherzigkeit selbst bist. Ich hätte ihn zwingen
müssen, dich freizugeben, und dann wäre sein Lebensglück vernichtet
gewesen. Siehst du, deswegen bat ich Gott, daß er sterben möge, damit
ich den Frieden seines Herzens nicht zu zerstören brauchte. Und ich habe
mich über seine eingefallenen Wangen gefreut, habe mich über seine
schweren Atemzüge gefreut, habe gezittert, daß der Tod sein Werk nicht
vollenden würde.«
Sie schwieg und wartete auf Antwort; aber Anna Stjärnhök konnte noch
nicht sprechen, sie lauschte noch zu vielen Stimmen in der Tiefe der
Seele.
Da rief Frau Uggla ganz verzweifelt aus: »O, wie glücklich sind doch
die, die über ihre Toten trauern, die Ströme von Tränen vergießen
können. Ich muß mit trocknen Augen am Grabe meines Sohnes stehen, ich
muß mich über seinen Tod freuen. Wie unglücklich bin ich doch!«
Da preßte Anna Stjärnhök die Hände hart gegen ihre Brust. Sie gedachte
jener Winternacht, da sie bei ihrer jungen Liebe geschworen hatte,
diesen armen Menschen ein Trost und eine Stütze zu sein, und sie
erbebte. War denn alles vergebens gewesen, war ihr Opfer eines von
denen, das Gott nicht wohlgefällig ist? Sollte sich alles zum Fluch
wenden?
Aber wenn sie alles opferte, würde Gott da nicht dem Werke seinen Segen
geben und sie zur Glücksspenderin, zur Stütze, zur Hilfe für Menschen
machen?
»Was ist denn erforderlich, damit du über deinen Sohn trauern kannst?«
fragte sie.
»Es ist erforderlich, daß ich meinen Augen nicht mehr glaube. Wenn ich
glaubte, daß du meinen Sohn liebtest, da würde ich über seinen Tod
trauern.«
Da erhob sich das junge Mädchen mit von Begeisterung strahlenden Augen.
Sie riß ihren Brautschleier ab und breitete ihn über das Grab, sie nahm
Kranz und Krone ab und legte beides auf den Schleier.
»Sieh jetzt, wie ich ihn liebe!« rief sie aus. »Ich schenke ihm meinen
Kranz und meine Krone. Ich weihe mich ihm! Niemals will ich einem andern
angehören!«
Da erhob sich auch Frau Uggla. Sie stand eine Weile schweigend da; ihr
ganzer Körper bebte, ihr Antlitz verzog sich, aber schließlich kamen die
Tränen, die Tränen des Schmerzes.
Doch mein bleicher Freund, der Tod, der Befreier, schauderte, als er
diese Tränen erblickte; so war er denn auch hier nicht mit Freude
begrüßt, nicht einmal hier hatte man sich von Herzen über ihn gefreut.
Er zog die Kapuze tief über das Gesicht, glitt leise von der
Kirchhofsmauer herunter und verschwand zwischen den Kornhocken auf dem
Felde.