Frau Gustava erfaßte sie beim Handgelenk. »Marianne!«

»Was hast du nur, Mutter?«

»Marianne, du sahest so entsetzlich aus. Mir wurde ganz bange.«

Marianne sah sie lange an. Sie war eine kleine, eingeschrumpelte Frau

mit grauem Haar und vielen Runzeln, obwohl sie erst fünfzig Jahre

zählte. Sie liebte wie ein Hund, ohne sich an Hiebe und Schläge zu

kehren. Sie war fast immer guter Laune und machte trotzdem einen

traurigen Eindruck. Sie glich einem sturmgepeitschten Baum am Strande --

sie hatte niemals Ruhe zum Wachsen gehabt. Sie hatte es gelernt, krumme

Wege zu gehen, sie log, wenn es nötig war, und stellte sich oft dümmer

als sie war, um Vorwürfen zu entgehen. Sie war ganz und gar das Werk

ihres Mannes.

»Würdest du sehr trauern, Mutter, wenn der Vater stürbe?« fragte

Marianne.

»Marianne, du zürnst deinem Vater, du zürnst ihm noch immer. Warum kann

denn nicht alles wieder gut werden, jetzt, wo du einen neuen Bräutigam

hast?«

»Ach, Mutter, ich kann nichts dafür. Was kann ich dafür, daß mir vor ihm

graut! Weißt denn nicht auch du, wie er ist? Wie kann ich ihn wohl

liebhaben? Er ist heftig, er ist roh, er hat dich gequält, so daß du vor

der Zeit alt geworden bist. Weshalb soll er unser Herr sein? Er benimmt

sich ja wie ein Verrückter. Weshalb soll ich ihn ehren und achten? Er

ist nicht gut, er ist nicht barmherzig. Ich weiß, daß er stark ist, er

kann uns jeden beliebigen Tag totschlagen. Er kann uns aus dem Hause

werfen, wann er will. Soll ich ihn deswegen lieben?«

Da aber war Frau Gustava plötzlich wie umgewandelt. Sie hatte Kraft und

Mut und sprach mit großer Bestimmtheit: »Nimm dich in acht, Marianne,

ich glaube fast, dein Vater hatte recht, als er dich im Winter

ausschloß. Du sollst sehen, du wirst hierfür gestraft werden. Du mußt es

lernen zu dulden, ohne zu hassen, Marianne, zu leiden, ohne dich zu

rächen!«

»Ach, Mutter, ich bin so unglücklich!«

Gleich darauf kam die Entscheidung. Von der Diele her vernahmen sie

einen schweren Fall.

Sie erfuhren niemals, ob Melchior Sinclaire auf der Treppe gestanden und

durch das geöffnete Eßstubenfenster Mariannens Worte gehört hatte, oder

ob nur die körperliche Anstrengung den Schlaganfall herbeigeführt hatte.

Als sie hinauskamen, lag er besinnungslos da. Sie wagten niemals, nach

der Veranlassung zu fragen. Er selbst ließ sich niemals etwas darüber

merken. Marianne wagte es nicht, den Gedanken zu Ende zu denken, daß sie

sich unfreiwillig gerächt hatte. Aber der Anblick des Vaters, der dort

auf derselben Treppe lag, wo sie gelernt hatte ihn zu hassen, nahm auf

einmal die Bitterkeit aus ihrem Herzen.

Er kam bald wieder zum Bewußtsein, und als er sich ein paar Tage ruhig

verhalten hatte, war er wieder der Alte -- und doch ein ganz anderer.

Marianne sah die Eltern Arm in Arm im Garten lustwandeln. Das taten sie

jetzt immer. Er ging nie mehr allein und verreiste niemals. Wenn Besuch

kam, so ward er verstimmt, wie über alles, was ihn von seiner Frau

trennte. Das Alter war plötzlich über ihn gekommen. Er konnte sich nicht

dazu entschließen, einen Brief zu schreiben. Seine Frau mußte es tun. Er

entschied nicht das geringste auf eigene Hand, sondern fragte sie nach

allem und ließ alles so geschehen, wie sie selber es bestimmte. Und er

war stets sanft und freundlich. Er fühlte selber, wie sehr er sich

verändert hatte und wie glücklich seine Frau darüber war. »Sie hat jetzt

gute Tage«, sagte er eines Tages zu Marianne und zeigte auf Frau

Gustava.

»Ach, lieber Melchior,« rief sie aus, »du weißt, ich sähe es weit

lieber, daß du wieder gesund würdest!«

Und das wünschte sie sicher. Es war ihre größte Freude, von dem starken

Gutsherrn zu erzählen, wie er in den Tagen seiner Kraft gewesen war. Sie

erzählte, wie er es vertragen konnte, in ewigem Saus und Braus zu leben,

besser als irgendeiner der Ekebyer Kavaliere, wie er Geschäfte abschloß

und viel Geld verdiente gerade dann, wenn sie glaubte, daß er sie in

seiner Wildheit um Haus und Hof bringen würde. Marianne aber wußte, daß

sie trotz all ihrer Klagen glücklich war. Ihrem Manne alles sein zu

dürfen, das genügte ihr. Sie sahen beide alt aus, gebrochen vor der

Zeit. Marianne meinte sehen zu können, wie sich ihr Leben mit der Zeit

gestalten würde. Er würde nach und nach schwächer und schwächer werden,

ein Schlaganfall nach dem andern würde ihn immer hilfloser machen, und

sie würde um ihn sein und ihn pflegen, bis der Tod sie schied. Das Ende

konnte ja aber in weiter Ferne liegen; Frau Gustava konnte ihr Glück

noch eine Zeitlang behalten. So mußte es sein, meinte Marianne, das

Leben schuldete ihr noch so viel.

Auch mit ihr selber war es besser geworden. Es war keine hoffnungslose

Verzweiflung, die sie zwang, sich zu verheiraten, um einen andern Herrn

zu finden. Ihr wundes Herz hatte Ruhe gefunden. Der Haß hatte es

durchsaust wie die Liebe, aber sie dachte nicht mehr an die Qualen, die

sie dadurch erlitten hatte. Sie mußte erkennen, daß sie ein wahrerer,

größerer, reicherer Mensch geworden war als ehemals; weshalb sollte sie

da das Geschehene ungeschehen wünschen? Führte vielleicht jedes Leiden

zu etwas Gutem? Konnte sich noch alles zum Glück wenden? Sie hatte

angefangen, alles das zum Guten zu rechnen, was dazu beitragen konnte,

sie zu einem höheren Grad der Menschlichkeit zu entwickeln. Die alten

Lieder hatten nicht recht. Der Kummer war nicht das einzige, was von

Bestand war. Sie wollte nun fortreisen und versuchen, einen Platz zu

finden, wo sie Nutzen schaffen konnte. Wäre ihr Vater noch so gewesen

wie früher, so würde er ihr niemals gestattet haben, ihre Verlobung

aufzuheben. Jetzt hatte Frau Gustava mit milder Hand die Sache geordnet.

Marianne hatte sogar die Erlaubnis erhalten, Baron Adrian das Geld zu

geben, dessen er bedurfte.

Auch seiner konnte sie mit Freude gedenken -- jetzt war sie ja frei! Er

hatte sie mit seiner Lebenslust und Kühnheit stets an Gösta erinnert,

jetzt wollte sie ihn wieder fröhlich sehen. Er sollte wieder der Ritter

Sonnenschein sein, der in seinem ganzen Glanz auf den Hof ihres Vaters

gekommen war. Sie wollte ihm Erde verschaffen, in der er pflügen und

säen konnte, soviel sein Herz begehrte, sie wollte es erleben, daß er

eine schöne Braut an den Traualtar führte.

Unter solchen Gedanken setzt sie sich hin und schreibt, um ihm seine

Freiheit zurückzugeben. Sie schreibt sanfte, eindringliche Worte,

Vernunft in Scherz gehüllt und dabei doch so, daß er verstehen kann, wie

ernst sie es meint.

Während sie noch schreibt, ertönt Hufschlag auf der Landstraße.

»Mein lieber Ritter Sonnenschein,« denkt sie, »das ist das letztemal!«

Gleich darauf tritt der Baron bei ihr ein.

»Aber Adrian, kommst du hier herein!« Und sie sieht entsetzt all die

Unordnung an.

Er wird ganz verlegen und stammelt einige Worte der Entschuldigung.

»Ich bin gerade im Begriff, dir zu schreiben«, sagt sie. »Schau her, du

kannst es ja gleich lesen.«

Er nimmt den Brief, und sie beobachtet ihn, während er liest. Sie sehnt

sich danach, sein Antlitz vor Freude aufleuchten zu sehen. Aber er hat

nicht lange gelesen, als Purpurröte sein Antlitz übergießt; er wirft den

Brief auf den Boden, stampft darauf und flucht, als solle der Himmel

einstürzen.

Da geht ein leises Beben durch Marianne. Sie ist kein Anfänger im

Studium der Liebe, aber bisher hat sie diesen unerfahrenen Knaben, dies

große Kind nicht verstanden.

»Adrian, lieber Adrian,« sagt sie, »was für eine Komödie hast du mir

vorgespielt? Komm und erzähle mir die Wahrheit!«

Er kam und war nahe daran, sie mit seinen Liebkosungen zu ersticken.

Armer Junge! Wie hatte er sich gesehnt, wie hatte er gelitten!

Nach einer Weile schaute sie aus dem Fenster. Da ging Frau Gustava noch

immer und redete mit dem großen Gutsherrn über Blumen und Vögel, und

hier saß sie und sprach von Liebe. »Das Leben hat uns beide seinen

harten Ernst fühlen lassen!« dachte sie und lächelte wehmütig. »Es wird

uns trösten, daß wir jeder unser großes Kind bekommen, mit dem wir

spielen können.«

Es war doch gut, daß sie geliebt werden konnte. Es tat doch wohl, ihn

von der Zauberkraft flüstern zu hören, die von ihr ausging, und wie er

sich über das schämte, was er in seiner ersten Unterredung mit ihr

gesagt hatte. Er ahnte damals nicht, welche Macht sie besaß. Ach, kein

Mann konnte in ihrer Nähe weilen, ohne sie zu lieben, aber sie habe ihn

eingeschüchtert, er sei sich so wunderlich nichtig vorgekommen.

Dies war kein Glück und auch kein Unglück, aber sie wollte versuchen,

das Leben mit diesem Manne zusammen zu leben.

Sie fing an, sich selbst zu verstehen und dachte an die Worte des alten

Liedes von der Turteltaube, dem Vogel der Sehnsucht: »Sie trinkt niemals

das klare Wasser, sie macht es erst trübe mit ihrem Fuß ...«, damit es

besser zu ihrem traurigen Sinn passen möge. So sollte auch sie nicht an

die Quelle des Lebens kommen und das klare, unvermischte Glück trinken.

Von Wehmut getrübt -- so war das Leben am besten für sie.

Gösta Berling: Erzählungen aus dem alten Wermland · 第 37 / 56 题