Die Auktion auf Björne

Oft mußten wir Jungen uns über die Erzählungen der Alten wundern. »War

denn jeden Tag Ball, solange eure strahlende Jugend währte?« fragten wir

sie. »War denn das Leben ein einziges langes Märchen? Waren zu jener

Zeit alle jungen Damen schön und liebenswürdig? Endete denn jedes Fest

damit, daß Gösta Berling eine von ihnen entführte?«

Da schüttelten die Alten ihre ehrwürdigen Häupter und fingen an zu

erzählen von dem Schnurren der Spindel, dem Klappern des Webstuhls, von

der Geschäftigkeit in der Küche, von dem Schlag des Dreschflegels auf

der Tenne und dem Klang der Axt im Walde. Aber es währte nie lange, bis

sie wieder in den alten Ton verfallen waren. Da hielten die Schlitten

vor der Freitreppe, da eilten die Pferde mit den fröhlichen jungen

Menschenkindern durch die dunklen Wälder dahin, da wirbelte der Tanz, da

sprangen die Saiten der Geige. Mit Lärm und Peitschengeknall sauste die

wilde Jagd aus dem Märchen um den Löfsee. In weiter Ferne hörte man das

Getöse, die Bäume des Waldes schwankten und fielen, alle Mächte der

Zerstörung wurden losgelassen: die Feuersbrunst flammte, der Gießbach

trat über seine Ufer, heulend umschlichen die hungrigen Wölfe die

Gehöfte. Die Hufe der achtfüßigen Pferde traten alles stille Glück in

den Staub. Wo die Jagd vorübersauste, da entflammten die Herzen der

Männer in Wildheit, und die Frauen mußten in bleichem Entsetzen von Haus

und Hof fliehen.

Und wir Jungen saßen staunend, schweigend, grausend und doch glückselig

da. »Welche Menschen!« dachten wir. »Ihresgleichen werden wir nimmer

sehen.«

»_Dachten_ denn die Menschen jener Zeit niemals über das nach, was sie

taten?« fragten wir.

»Freilich _dachten_ sie, Kinder«, erwiderten die Alten.

»Aber nicht so wie wir denken«, behaupteten wir. Und dann verstanden die

Alten nicht, was wir meinten.

_Wir_ aber dachten an den wunderlichen Geist der Selbstkritik, der seinen

Einzug schon in unsere Herzen gehalten hatte. Wir dachten an ihn mit den

Eisaugen und den langen, knöcherigen Fingern, an ihn, der im

finstersten Winkel unserer Seele sitzt und unser Wesen in Fasern

zerpflückt, so wie alte Frauen Flicken aus Wolle oder Seide zerzupfen.

Stück für Stück hatten die langen, knöcherigen Finger zerpflückt, bis

unser ganzes Ich wie ein Haufe alter Lumpen dalag, und dann waren unsere

besten Gefühle, unsere unmittelbarsten Gedanken, alles, was wir getan

und gesagt hatten, gründlich untersucht, durchforscht, zerpflückt, und

die Eisaugen hatten zugeschaut, und der zahnlose Mund hatte höhnisch

gelacht und geflüstert: »Seht, es sind Lumpen -- nichts als Lumpen!«

Unter den Menschen jener Zeiten waren auch wohl einige, die ihre Seele

dem Geist mit den Eisaugen erschlossen hatten. Bei dem einen saß er

beobachtend an der Quelle der Handlungen, hohnlachend über Gutes und

Böses, alles verstehend, nichts verurteilend, untersuchend, leitend,

zerpflückend, die Regungen des Herzens und die Kraft des Gedankens durch

sein unablässiges Hohnlachen lähmend.

Die schöne Marianne trug diesen Geist der Selbstkritik in sich. Sie

fühlte, daß sein Eisblick, sein Hohnlächeln jedes Wort, jeden Schritt

begleiteten. Ihr Leben war zu einem Schauspiel geworden, bei dem er der

einzige Zuschauer war. Sie war kein Mensch mehr, sie litt nicht, freute

sich nicht, liebte nicht; sie führte die Rolle der schönen Marianne

Sinclaire aus, und die Selbstkritik saß mit starrenden Eisaugen und

fleißig zupfenden Fingern da und sah zu, wie sie auftrat.

Sie war in zwei Hälften geteilt. Bleich, unsympathisch, höhnisch saß die

eine Hälfte ihres Ichs da und schaute spöttisch zu, wie die andere

handelte, und niemals hatte der wunderliche Geist, der ihr Wesen

zerpflückte, auch nur ein einziges mitfühlendes Wort.

Wo aber war dieser bleiche Wächter der Quelle der Handlungen denn in

jener Nacht gewesen, als sie die Fülle des Lebens kennen lernte? Wo war

er, als sie, die kluge Marianne, Gösta Berling vor Hunderten von

Augenpaaren küßte, als sie sich in ihrer Verzweiflung in den Schnee

geworfen hatte, um zu sterben? Da waren die Eisaugen geblendet, da war

das Hohnlächeln gelähmt, denn die Leidenschaft hatte ihre Seele mit

Sturm erfüllt. Das Getöse der wilden Jagd aus dem Märchen hatte ihr vor

den Ohren gesaust. Sie war in jener entsetzlichen Nacht ein ganzer

Mensch gewesen.

O du Gott der Selbstverhöhnung! Als es Marianne nach unendlicher

Anstrengung gelang, ihre erstarrten Arme zu erheben und sie um Gösta

Berlings Hals zu schlingen, da mußtest du in der Gestalt des alten

Beerencreutz deine Augen von der Erde ab- und den Sternen zuwenden. In

jener Nacht besaßest du keine Macht. Tot warst du, während sie ihre

Liebeshymnen dichtete, die schöne Marianne -- tot, während sie nach Sjö

eilte, um den Major zu holen, tot, als sie die Flammen den Himmel über

den Wipfeln der Wälder röten sah.

Siehe, sie waren gekommen, die mächtigen Sturmvögel, die Adler

dämonischer Leidenschaften. Mit Feuerschwingen und Stahlklauen waren sie

sausend über dich herabgekommen, du Geist mit den Eisaugen; sie hatten

ihre Klauen in deinen Nacken geschlagen und dich in das Unbekannte

hinweggeschleudert. Tot und zerschmettert warst du. Nun aber waren sie

weiter gefahren, die Stolzen, die Gewaltigen, sie, deren Weg keine

Berechnung kennt, denen noch kein Beobachter zu folgen vermochte; und

aus der Tiefe des Unbekannten war der wunderliche Geist der Selbstkritik

wiedererstanden und hatte sich wieder in der Seele der stolzen Marianne

niedergelassen. -- -- --

Den ganzen Februar hindurch lag Marianne krank auf Ekeby. Auf Sjö war

sie von den Blattern angesteckt worden. Die entsetzliche Krankheit hat

sich mit ihrer ganzen Gewalt auf sie geworfen, erkältet, erschöpft, wie

sie war; sie war dem Tode nahe gewesen; gegen Ende des Monats aber fing

sie an, sich zu erholen. Schwach war sie aber noch und sehr entstellt.

Nie wieder würde sie die schöne Marianne genannt werden.

Dieser Verlust, der Trauer über ganz Wermland bringen sollte, als sei

einer der köstlichsten Schätze des Landes verloren, war bisher jedoch

nur Marianne und ihrer Pflegerin bekannt. Nicht einmal die Kavaliere

wußten es. Das Krankenzimmer, in dem die Blattern herrschten, stand

nicht einem jeden offen.

Wann aber ist die Selbstkritik stärker als in den langen Stunden der

Genesung? Da sitzt sie und starrt und starrt mit ihren Eisaugen und

zupft und pflückt mit ihren harten, knöcherigen Fingern. Und sieht man

recht zu, so sitzt dahinter ein anderes, gelblich blasses Wesen, das mit

seinem Hohnlächeln starrt und lähmt, und dahinter noch eins und noch

eins -- alle hohnlachend über einander und über die ganze Welt.

Und während Marianne dalag und sich mit allen den starren Eisaugen

betrachtete, erstarben alle ursprünglichen Gefühle in ihr.

Sie lag da und spielte die Kranke, sie lag da und spielte die

Unglückliche, spielte die Verliebte, spielte die Rachelustige. Sie war

dies alles, und doch war es nur Spiel.

Unter dem Blick der Eisaugen wurde alles Spiel und Unwirklichkeit, sie

bewachten sie und wurden selber von einem andern Augenpaar bewacht, das

wiederum von einem andern bewacht wurde -- in endloser Perspektive.

Alle starken Kräfte des Lebens lagen im Zauberschlaf. Sie hatte die

Fähigkeit zu glühendem Haß, zu hingebender Liebe nur eine einzige Nacht

besessen -- nicht länger. Sie wußte nicht einmal, ob sie Gösta Berling

liebte. Sie sehnte sich danach ihn zu sehen, um zu versuchen, ob er

imstande sei, sie sich selbst vergessen zu machen.

Solange die Macht der Krankheit währte, hatte sie nur _einen_ klaren

Gedanken gehabt: sie hatte Sorge getragen, daß ihre Krankheit nicht

bekannt wurde. Sie wollte ihre Eltern nicht sehen, sie wollte keine

Versöhnung mit ihrem Vater, sie wußte, daß er bereuen würde, was er

getan, sobald er erfuhr, wie krank sie war. Deswegen befahl sie, daß

ihren Eltern und allen andern gesagt werden soll, daß dies Augenleiden,

das sie häufig befiel, wenn sie sich auf Björne aufhielt, sie zwänge,

hinter herabgelassenen Rouleaus zu sitzen. Sie verbot ihrer Pflegerin zu

sagen, wie krank sie sei; sie verbot den Kavalieren, einen Arzt aus

Karlstad zu holen. Sie habe ja die Blattern, aber nur sehr leicht, und

die Hausapotheke zu Ekeby enthalte genug, um ihr Leben zu fristen.

Sie dachte nie daran, daß sie sterben könne; sie lag nur da und wartete

auf ihre Genesung, um mit Gösta zu dem Pfarrer zu fahren und das

Aufgebot zu bestellen.

Nun aber waren die Krankheit und das Fieber überstanden. Sie war wieder

kühl und klug. Es war ihr, als sei sie in dieser ganzen Welt von Toren

die einzig Vernünftige. Sie haßte nicht und liebte nicht. Sie verstand

ihren Vater, sie verstand sie alle. Wer versteht, der haßt nicht.

Sie hatte erfahren, daß Melchior Sinclaire die Absicht habe, eine

Auktion auf Björne abzuhalten und alles zu zerstören, was er besaß,

damit sie nichts von ihm erben könne. Man sagte, er wolle die Zerstörung

so gründlich wie nur möglich machen; erst wollte er alle Möbel und allen

Hausrat verkaufen, dann das Vieh und die Ackergerätschaften und zuletzt

den ganzen Hof; und alles Geld wollte er in einen Sack stecken und in

den Löfsee versenken. Zerstörung, Vernichtung sollte ihr Erbe sein.

Marianne lächelte beifällig, als sie das hörte: so war sein Charakter,

so mußte er handeln.

Sonderbar erschien es ihr, daß sie jemals das Lob der Liebe gesungen

hatte. Sie hatte von einer Hütte und von seinem Herzen geträumt; jetzt

konnte sie nicht verstehen, daß sie jemals einen solchen Traum gehabt

hatte.

Sie seufzte nach Natur. Sie war dieses ewigen Spiels müde. Nie hatte sie

ein starkes Gefühl. Sie trauerte kaum um ihre Schönheit, aber ihr graute

vor fremdem Mitleid.

O, nur eine Sekunde Selbstvergessenheit! Ein Wort, eine Handlung, eine

Bewegung, die nicht berechnet war!

Eines Tages, als das Zimmer gelüftet und von der Aufdeckung gereinigt

war und sie angekleidet auf einem Sofa lag, ließ sie Gösta Berling

rufen. Man antwortete ihr, er sei zur Auktion nach Björne gefahren.

Wahrlich, das war eine große Auktion auf Björne! Es war ein altes,

reiches Haus. Meilenweit waren die Leute gereist, um zu bieten.

Der große Melchior Sinclaire hatte alles, was das Haus besaß, in dem

großen Saal aufeinander gehäuft. Tausende von Dingen lagen bunt

durcheinander in hohen Bergen, die vom Fußboden bis an die Decke

reichten. Er selber war wie der Engel der Zerstörung am Tage des

Gerichts im Hause umhergegangen und hatte alles zusammengeschleppt, was

er verkaufen wollte. Die schwarzen Kochtöpfe, hölzernen Stühle,

zinnernen Krüge, die Kupfergeräte, das alles hatte Ruhe vor ihm, denn

daran war ja nichts, was an Marianne erinnerte; aber das war auch das

Einzige, was seinem Zorn entging.

Er brach in Mariannens Zimmer ein und zerstörte alles. Dort stand ihr

Puppenschrank und ihr Bücherbord, der kleine Stuhl, den er für sie hatte

machen lassen; ihre Schmucksachen und ihre Kleider, ihr Sofa und ihr

Bett, das alles mußte fort.

Dann ging er von einem Zimmer ins andere. Er riß alles an sich, was ihm

mißfiel, und trug große Lasten in den Auktionssaal hinab. Er stöhnte

unter den schweren Sofas und Marmortischen, aber er hielt stand. Und er

warf alles in einem entsetzlichen Wirrwarr bunt durcheinander. Er

zerschlug die Schränke und nahm das kostbare Familiensilber heraus. Weg

damit! Marianne hatte es berührt. Er nahm die Arme voll von schneeweißem

Damast, solide, eigengemachte Arbeit, die Früchte jahrelangen Fleißes,

und warf das Ganze auf den Haufen. Weg damit! Marianne war nicht wert,

es zu besitzen! Er stürmte mit Stapeln von Porzellan durch die Zimmer,

ohne sich daran zu kehren, daß er die Teller zu Dutzenden zerbrach, und

er ergriff die alten Sèvrestassen, auf denen das Familienwappen

eingebrannt war. Weg damit! Nehme sie, wer da will! Er warf Berge von

Betten vom Boden herab: Kissen und Daunendecken so weich, daß man darin

versank wie in einer Welle. Weg damit! Marianne hatte darauf geschlafen.

Er warf wütende Blicke auf die alten, wohlbekannten Möbel. Gab es wohl

einen Stuhl, ein Sofa, auf dem sie nicht gesessen, ein Gemälde, das sie

nicht betrachtet, einen Kronleuchter, der ihr nicht gestrahlt, einen

Spiegel, der ihre Züge nicht wiedergegeben hätte? Finster ballte er

seine Faust gegen diese Welt von Erinnerungen. Am liebsten wäre er mit

einer Keule auf sie losgefahren und hätte das Ganze in Splitter

zerschlagen.

Doch fand er, daß die Rache noch gründlicher war, wenn er das Ganze auf

die Auktion brachte. Zu Fremden hinaus sollte es! Sollte in

Tagelöhnerwohnungen beschmutzt werden, unter den Händen gleichgültiger,

fremder Menschen verfallen. Kannte er nicht zur Genüge diese

abgestoßenen Auktionsmöbel in den Bauernstuben, verachtet, entehrt,

geradeso wie seine schöne Tochter! Weg damit! Mochten sie dastehen mit

zerrissenem Polster, aus dem das Krollhaar herausguckte, mit

verschlissener Vergoldung, mit zerbrochenen Beinen und geborstenen

Tischplatten, mochten sie sich nach ihrem alten Heim sehnen! Weg damit

in alle Ecken der Welt, daß kein Auge sie wiederfinden, keine Hand sie

wiedersammeln konnte!

Als die Auktion begann, hatte er den halben Saal mit einem unglaublichen

Wirrwarr von aufgestapeltem Hausgerät angefüllt.

Quer durch den Saal hatte er einen langen Tisch aufgestellt. Dahinter

stand der Auktionshalter und rief auf, dort saßen die Schreiber und

schrieben auf, und dort hatte Melchior Sinclaire ein Branntweinfäßchen

stehen.

Im andern Teil des Saales, auf der Diele und auf dem Hofe befanden sich

die Käufer.

Da waren viele Menschen, viel Lärm und Munterkeit. Die Gebote fielen

schnell, und die Auktion ging lebhaft vonstatten. Aber an dem

Branntweinfäßchen, seinen ganzen Besitz in grenzenlosen Wirrwarr hinter

sich, saß Melchior Sinclaire, halb betrunken und halb verrückt. Das Haar

umrahmte in wilden Büscheln sein rotes Gesicht, die blutunterlaufenen,

wilden Augen rollten. Er rief und lachte, als sei er in bester Laune,

und jedesmal, wenn jemand ein gutes Gebot machte, rief er ihn zu sich

heran und schenkte ihm einen Schnaps ein.

Unter denen, die ihn dort sahen, befand sich auch Gösta Berling, der

sich zwischen die Käufer gemischt hatte, es aber vermied, Melchior

Sinclaire vor die Augen zu kommen. Ihm ward unheimlich zumute bei dem,

was er sah, und sein Herz schnürte sich zusammen wie im Vorgefühl eines

Unglücks.

Er wunderte sich, wo wohl Mariannens Mutter nur sein mochte. Und

schließlich ging er, halb wider Willen, aber vom Schicksal getrieben,

hin, um Frau Gustava Sinclaire zu suchen.

Er ging durch viele Türen, ehe er sie fand. Der große Gutsherr hatte

nicht viel Geduld und war kein Freund von Klagen und Weibertränen. Er

hatte es satt, ihre Tränen fließen zu sehen bei dem Geschick, das über

die Schätze ihres Hauses hereingebrochen war. Er ward wütend, daß sie

über Leinenzeug und Betten weinen konnte, wo doch das, was weit mehr

war, seine schöne Tochter selbst, verloren war, und da hatte er sie mit

geballten Fäusten vor sich her durch das ganze Haus getrieben, in die

Küche hinaus, bis in die Speisekammer.

Weiter konnte er nicht kommen, und er hatte sich damit begnügt, sie dort

zusammengekauert hinter der Treppe sitzen zu sehen, harte Schläge, ja

vielleicht gar den Tod erwartend. Dort ließ er sie sitzen, die Tür aber

schloß er ab und steckte den Schlüssel in die Tasche. Da konnte sie

bleiben, bis die Auktion vorüber war. Verhungern konnte sie nicht, und

seine Ohren hatten Ruhe vor ihren Klagen.

Da saß sie nun als Gefangene in ihrer eigenen Speisekammer, als Gösta

durch den Gang in die Küche kam. Dort erblickte er Frau Gustavas Gesicht

an einem kleinen Fenster ganz oben an der Wand; sie war da

hinaufgekrochen und guckte aus ihrem Gefängnis heraus.

»Was macht Tante Gustava[1] da droben?« fragte Gösta.

[1] In Schweden, wo es kein eigentliches »Sie« gibt, ist es Sitte, daß

jüngere Leute ältere Freunde »Tante« und »Onkel« nennen.

»Er hat mich hier eingesperrt«, antwortete sie.

»Der Gutsherr?«

»Ja -- ich glaubte, er würde mich ganz totschlagen. Ach, Gösta, hole doch

den Schlüssel, der in der Saaltür steckt, und schließe die

Speisekammertür auf, damit ich hinauskommen kann. Der Schlüssel schließt

hier.«

Gösta tat, wie ihm geheißen, und wenige Minuten später stand die kleine

Frau in der Küche, die ganz menschenleer war.

»Tante hätte eins der Mädchen mit dem Saalschlüssel aufschließen lassen

sollen«, sagte Gösta.

»Glaubst du, daß ich die den Kniff lehren will? Dann hätte ich ja nie

mehr Frieden in meiner Speisekammer. Und übrigens habe ich die Zeit

benutzt, um die oberen Borde aufzuräumen. Das tat groß not! Ich begreife

nicht, wie ich es so habe ansammeln lassen können.«

»Tante hat so viel zu tun«, sagte Gösta entschuldigend.

»Ja, das kannst du glauben. Wenn ich selber nicht überall mit dabei bin,

so kommt weder die Spindel noch der Rocken ordentlich in Gang. Und

wenn ...«

Hier hielt sie plötzlich inne und trocknete eine Träne aus dem Auge.

»Ach, du lieber Gott,« seufzte sie, »hier stehe ich und rede und bekomme

wohl nie wieder etwas, wofür ich sorgen kann. Er verkauft ja alles, was

wir besitzen und haben.«

»Ja, das ist ein großer Jammer«, sagte Gösta.

»Du weißt, der große Spiegel unten im Saal. Das war so ein Prachtstück,

denn das ganze Glas war aus einem Stück, und an der Vergoldung war auch

nicht ein Fleck. Ich habe ihn von meiner Mutter bekommen, und nun will

er ihn verkaufen.«

»Er ist ja verrückt!«

»Ja, das kannst du wohl sagen. Verrückt ist er. Er hört wahrhaftig nicht

eher auf, als bis wir auf die Landstraße geworfen sind und betteln

müssen, so wie die Majorin.«

»So weit wird es wohl nicht kommen«, meinte Gösta.

»Ja, Gösta! Als die Majorin von Ekeby fortging, prophezeite sie uns

Unglück, und nun kommt es. Sie würde es nie zugegeben haben, daß er

Björne verkaufte. Und stell dir nur vor, sein eigenes Porzellan, die

alten Tassen aus seiner eigenen Familie, die verkauft er. Darin hätte

sich die Majorin nie gefunden.«

»Aber was hat er nur einmal?« fragte Gösta.

»Ach, es ist nichts weiter, als daß Marianne nicht wieder nach Hause

gekommen ist. Er hat darauf gewartet und gewartet. Die ganzen Tage ist

er in der Allee auf und nieder gegangen und hat auf sie gewartet. Er

sehnt sich so nach ihr, daß ich glaube, er hat den Verstand darüber

verloren; aber ich darf ja nichts sagen.«

»Marianne glaubt, daß er ihr zürnt.«

»Das glaubt sie nicht. Sie kennt ihn; aber sie ist stolz und will den

ersten Schritt nicht tun. Sie sind störrisch und hart -- alle beide, und

über mich geht es her, ich sitze zwischen zwei harten Steinen.«

»Tante weiß wohl, daß Marianne sich mit mir verheiraten will?«

»Ach, Gösta, das tut sie niemals. Sie sagt das nur, um dich zu necken.

Sie ist viel zu sehr verwöhnt, um sich mit einem armen Mann zu

verheiraten, und auch viel zu stolz. Geh du nach Hause und sage ihr,

wenn sie nicht bald kommt, so geht ihr ganzes Erbe vor die Hunde. Er

läßt das Ganze fort, ohne das Geringste dafür zu bekommen.«

Gösta ward böse auf sie. Dort saß sie auf einem großen Küchentisch und

hatte für nichts Sinn als für ihre Spiegel und ihr Porzellan.

»Tante sollte sich schämen!« rief er aus. »Erst stoßt Ihr Eure Tochter

in den Schnee hinaus, und dann glaubt Ihr, daß sie nur aus lauter

Schlechtigkeit nicht wiederkommt. Und Ihr traut ihr zu, daß sie den

verläßt, den sie liebhat, nur um nicht erblos gemacht zu werden!«

»Lieber Gösta! Werde du nun nicht auch noch böse. Ich weiß ja gar nicht,

was ich sage. Ich versuchte, Mariannen die Tür zu öffnen, er aber zerrte

mich fort. Hier im Hause heißt es stets, daß ich nichts verstehe. Ich

gönne dir Marianne von Herzen, wenn du sie glücklich machen kannst. Es

ist kein leichtes Ding, eine Frau glücklich zu machen, Gösta.«

Gösta sah sie an. Wie konnte er böse mit einem Menschen wie Frau Gustava

sprechen! Eingeschüchtert und abgehetzt war sie, aber sie hatte ein so

gutes Herz.

»Tante fragt nicht, wie es Mariannen geht«, sagte er leise.

Da brach sie in Tränen aus. »Wirst du nicht böse, wenn ich dich frage?«

sagte sie. »Ich habe mich die ganze Zeit danach gesehnt, dich zu fragen.

Ich weiß ja nichts weiter von ihr, als daß sie lebt. Nicht einen Gruß

habe ich die ganze Zeit hindurch von ihr bekommen, nicht einmal, als ich

ihr ihre Sachen sandte, und da dachte ich, du und sie, ihr wolltet mich

nichts von ihr hören lassen.«

Gösta konnte es nicht länger aushalten. Er war ein wilder, toller Mensch

-- zuweilen mußte der Herr seine Wölfe hinter ihm drein senden, um ihn

zum Gehorsam zu zwingen -- aber die Tränen dieser alten Frau waren für

ihn schlimmer als das Geheul der Wölfe. Er erzählte ihr die ganze

Wahrheit.

»Marianne ist die ganze Zeit hindurch krank gewesen«, sagte er. »Sie hat

die Pocken gehabt. Heute sollte sie zum erstenmal auf das Sofa gebettet

werden. Ich habe sie seit jener ersten Nacht nicht gesehen.«

Mit einem Sprung stand Frau Gustava auf ihren Füßen. Sie ließ Gösta

stehen und lief, ohne ein Wort zu sagen, zu ihrem Mann hinein.

Die Leute im Auktionssaal sahen sie erregt auf ihn zu laufen und ihm

etwas ins Ohr flüstern. Sie sahen, daß sein Gesicht noch röter wurde und

daß die Hand, die auf dem Hahn ruhte, diesen herumdrehte, so daß der

Branntwein auf den Boden floß.

Das sahen alle -- Frau Gustava war mit so wichtigen Nachrichten gekommen,

daß die Auktion eine Stockung erlitt. Der Hammer des Auktionators fiel

nicht, die Federn der Schreiber kratzten nicht mehr auf dem Papier, kein

Gebot ward hörbar.

Melchior Sinclaire fuhr aus seinen Grübeleien auf.

»Nun,« rief er, »wirds bald?«

Und die Auktion war wieder im vollen Gange.

Gösta saß und wartete in der Küche, und Frau Gustava kam weinend zu ihm

hinaus.

»Es half nichts«, sagte sie. »Ich dachte, er würde innehalten, wenn er

erführe, daß Marianne krank gewesen ist, aber nun läßt er sie

fortfahren. Er würde schon aufhören, wenn er sich nicht schämte.«

Gösta zuckte die Achseln und verabschiedete sich von ihr. Auf der Diele

begegnete er Sintram.

»Eine verteufelt amüsante Geschichte!« rief Sintram und rieb sich die

Hände. »Du bist ein Meister, Gösta! Was du doch alles zustande bringen

kannst!«

»Es wird bald noch viel amüsanter!« flüsterte Gösta. »Der Pfarrer aus

Broby ist hier mit einem ganzen Schlitten voll Geld; man sagte, er will

ganz Björne kaufen und kontant bezahlen. Da will ich doch sehen, was für

ein Gesicht der große Gutsherr aufsetzt.«

Sintram zog den Kopf ganz zwischen die Schultern und lachte ein langes,

inwendiges Lachen. Dann ging er in den Auktionssaal und trat dicht an

Melchior Sinclaire heran.

»Willst du einen Schnaps haben, Sintram, so mußt du, hol mich der

Teufel! erst bieten.«

»Du hast doch auch stets Glück, Bruder«, sagte Sintram. »Hier kommt

einer mit einem ganzen Schlitten voll Geld gefahren. Er will Björne mit

Inventar, Besatzung und allem kaufen. Er hat mit andern die Verabredung

getroffen, daß sie für ihn bieten sollen. Er selber will sich solange

gar nicht zeigen.«

»Du kannst mir wohl sagen, wer es ist, wenn ich dir einen Schnaps für

die Mühe gebe?«

Sintram nahm den Schnaps und trat ein paar Schritte zurück, ehe er

antwortete.

»Es soll der Pfarrer von Broby sein, Bruder Melchior!«

Melchior Sinclaire hatte bessere Freunde als den Pfarrer von Broby. Es

hatten jahrelange Feindseligkeiten zwischen ihnen bestanden. Die Sage

ging, daß der große Gutsherr in dunklen Nächten auf den Wegen, die der

Pfarrer zurücklegen mußte, auf der Lauer gelegen und ihm manche Tracht

Prügel verabreicht hatte, diesem Bauernschinder, diesem Geizkragen!

Wohl hatte sich Sintram einige Schritte zurückgezogen, doch entging er

nicht ganz dem Zorn des großen Mannes. Er bekam ein Schnapsglas an die

Stirn und das ganze Branntweinfäßchen vor die Füße gesegelt. Dann aber

folgte auch eine Szene, die sein Herz noch für lange Zeiten erfreute.

»Will der Pfarrer von Broby mein Gut haben?« brüllte Sinclaire. »Steht

ihr da und schlagt dem Pfarrer von Broby meinen Besitz zu? Wie die Hunde

solltet ihr euch schämen!« -- Er nahm einen Leuchter und ein Tintenfaß

und schleuderte beides in die Volksmenge. Alle die Bitterkeit seines

armen Herzens machte sich endlich Luft. Brüllend wie ein wildes Tier,

ballte er die Faust gegen die Umherstehenden und schleuderte alles, was

ihm in die Hand kam, als Wurfgeschosse gegen sie. Schnapsflaschen und

Gläser sausten durch den Saal. Er wußte selber nicht, was er tat. »Die

Auktion ist beendet!« brüllte er. »Hinaus mit euch! Solange ich lebe,

soll der Pfarrer von Broby nun und nimmer Herr auf Björne werden. Hinaus

mit euch! Ich will euch lehren, für den Pfarrer von Broby zu bieten.«

Er ging auf den Auktionshalter und die Schreiber los. Sie sprangen zur

Seite. In der Verwirrung rissen sie den Tisch um, und der Gutsherr fuhr

wie ein Rasender unter die große Schar friedlicher Menschen.

Es entstand Flucht und wilde Verwirrung. Ein paar hundert Menschen

drängten nach der Tür aus Furcht vor einem einzigen Manne. Und er stand

still, sein »Hinaus mit euch!« brüllend. Er sandte ihnen laute

Verwünschungen nach, indem er einen Stuhl wie eine Keule über seinem

Haupte schwang.

Er verfolgte sie bis auf die Diele hinaus, aber nicht weiter. Als der

letzte Fremde die Treppe hinab war, ging er in den Saal zurück und

schloß die Tür hinter sich ab. Dann zog er eine Matratze und ein paar

Kissen aus dem Haufen heraus, legte sich darauf nieder und schlief

mitten in der Zerstörung ein, um erst am andern Tage wieder zu

erwachen. -- --

Als Gösta nach Hause kam, erfuhr er, daß Marianne mit ihm sprechen

wolle. Das traf sich günstig, er hatte gerade darüber nachgedacht, wie

er sie zur Sprache bekommen könne.

Als er in das dunkle Zimmer trat, in dem sie lag, blieb er einen

Augenblick an der Tür stehen. Er konnte nicht sehen, wo sie war.

»Bleibe, wo du bist, Gösta«, sagte Marianne. »Es kann gefährlich sein,

mir nahezukommen.«

Aber Gösta war die Treppen in ein paar Sprüngen hinangeeilt, bebend vor

Eifer und Sehnsucht. Was kümmerte er sich um die Ansteckung. Er wollte

die Seligkeit genießen, sie zu sehen.

Denn sie war schön, die Geliebte seines Herzens. Niemand hatte so

weiches Haar, eine so klare, strahlende Stirn. Ihr ganzes Gesicht war

ein Spiel schön geschwungener Linien.

Er dachte an die Augenbrauen, die sich so scharf und klar abhoben wie

die Honiggrübchen einer Lilie, an die keck geschwungene Linie der Nase,

an die Lippen, die sich fein kräuselten wie eine rollende Woge, an das

Oval der Wangen und die ausgesucht feine Form des Kinns. Er dachte an

die zarte Farbe ihrer Haut, an die nachtschwarzen Brauen unter dem

blonden Haar, an die blauen Augäpfel in dem klaren Weiß, an den Schimmer

in den Augenwinkeln.

Schön war sie, seine Geliebte! Er dachte daran, welch ein warmes Herz

sie unter dem stolzen Äußern verbarg. Sie hatte die Kraft, sich

hinzugeben, sich zu opfern, verbarg sie aber sorgsam unter dem eleganten

Wesen, unter den stolzen Worten. Es war Seligkeit, sie zu sehen.

In zwei Sprüngen war er die Treppe hinaufgekommen, und dann glaubte sie,

daß er an der Tür stehenbleiben wolle! Er stürmte durch das Zimmer und

sank neben ihrem Lager auf die Knie.

Er wollte sie sehen, sie küssen, Abschied von ihr nehmen. Er liebte sie,

er würde niemals aufhören, sie zu lieben, aber sein Herz war daran

gewöhnt, in den Staub getreten zu werden.

O, wo sollte er sie finden, diese Rose ohne Stütze, ohne Wurzel, die er

zu sich nehmen und die Seine nennen durfte? Nicht einmal sie, die er

verworfen und halbtot am Wegesrande gefunden hatte, durfte er behalten.

Wann würde wohl seine Liebe ihren Gesang anstimmen, so hoch und rein,

daß kein Mißklang hindurchtönte? Wann würde sein Glück auf einem Grund

erbaut werden, nach dem sich kein anderes Herz mit Unruhe und Verlangen

sehnte?

Er dachte darüber nach, wie er Abschied von ihr nehmen sollte.

»Es herrscht großer Jammer daheim bei dir«, wollte er sagen. »Mein Herz

blutet, wenn ich daran denke. Du mußt nach Hause gehen und deinem Vater

seinen Verstand wiedergeben. Deine Mutter schwebt in beständiger

Lebensgefahr. Du mußt nach Hause, Geliebte!«

Seht, solche Worte der Entsagung hatte er auf den Lippen, aber sie

wurden nicht ausgesprochen.

Er fiel an ihrem Lager auf die Knie, nahm ihren Kopf zwischen beide

Hände und küßte sie. Dann aber fand er keine Worte. Sein Herz begann so

heftig zu schlagen als wollte es seine Brust zersprengen.

Die Blattern hatten das schöne Gesicht zerstört, die Haut war grob und

narbig geworden. Nie wieder sollte das rote Blut durch die Wangen

schimmern oder in den feinen blauen Adern an der Stirn sichtbar werden.

Die Augen lagen matt unter den geschwollenen Lidern. Die Brauen waren

verschwunden, und die weiße Emaille in den Augen hatte einen gelblichen

Schimmer.

Alles war zerstört. Die kecken Linien waren grob und schwerfällig

geworden.

Es waren ihrer nicht wenige, die später Marianne Sinclaires

entschwundene Schönheit beweinten. Aber der erste Mann, der sie sah,

nachdem sie ihre Schönheit verloren hatte, gab sich nicht dem Schmerz

hin. Unsagbare Gefühle erfüllten seine Seele. Je länger er sie ansah, um

so wärmer wurde es in ihm. Die Liebe schwoll und schwoll wie ein Fluß im

Frühling. Gleich Feuerwogen entströmte sie seinem Herzen, sie erfüllte

sein ganzes Wesen, sie stieg ihm als Tränen in die Augen, seufzte auf

seinen Lippen, zitterte in seinen Händen, in seinem ganzen Körper.

O, sie zu lieben, sie zu verteidigen, sie schadlos zu halten, schadlos!

Ihr Sklave zu sein, ihr Schutzgeist!

Stark ist die Liebe, wenn sie die Feuertaufe des Schmerzes erhalten hat.

Er konnte nicht mit Marianne von Trennung und Entsagung reden. Er konnte

sie nicht verlassen. Er schuldete ihr sein Leben. Er hätte um

ihretwillen Todsünden begehen können.

Er sprach kein vernünftiges Wort; er weinte nur und küßte sie, bis die

alte Pflegerin meinte, daß es jetzt für ihn an der Zeit sei zu gehen.

Nachdem er gegangen war, lag Marianne da und dachte an ihn und an seine

Erregung.

»Es ist gut, so geliebt zu werden«, dachte sie.

Ja, es war gut, geliebt zu werden; wie aber stand es mit ihr selber? Was

fühlte sie? Ach, nichts! Weniger als nichts!

War sie tot, ihre Liebe, oder wohin war sie entflohen? Wo verbarg es

sich, das Kind ihres Herzens? Lebte es noch, hatte es sich in den

innersten Winkel ihres Herzens verkrochen und saß dort und fror unter

den Eisblicken, eingeschüchtert durch das Hohngelächter, halberstickt

von den knöcherigen Fingern?

»Ach, meine Liebe,« seufzte sie, »mein Herzenskind! Lebst du oder bist

du tot, tot wie meine Schönheit?«

* * * * *

In der Frühe des nächsten Morgens kam der große Gutsherr zu seiner Frau

herein.

»Sieh zu, daß du wieder Ordnung im Hause schaffest, Gustava«, sagte er.

»Ich fahre hinüber, um Marianne zu holen.«

»Ja, lieber Melchior, es soll alles wieder in Ordnung gebracht werden«,

erwiderte sie.

Damit war alles zwischen ihnen klar. Eine Stunde später befand sich der

große Gutsherr auf dem Wege nach Ekeby.

Man konnte keinen stattlicheren und freundlicheren Herrn sehen als Herrn

Melchior Sinclaire, wie er dort in dem zurückgeschlagenen

Kaleschenschlitten saß, in seinem besten Pelz und mit seinem besten

Halstuch. Jetzt lag sein Haar glattgekämmt über dem Scheitel, das

Gesicht aber war bleich, und die Augen lagen tief in ihren Höhlen.

Und unbeschreiblich war auch der Glanz, der von dem wolkenlosen Himmel

über den Februartag herabströmte. Der Schnee funkelte, wie die Augen der

jungen Mädchen, wenn zum ersten Tanz aufgespielt wird. Die Birken

streckten ihr Spitzengewebe von feinen rotbraunen Zweigen zum Himmel

empor, und an einigen saß noch eine Franse von kleinen, funkelnden

Eiszapfen.

Es lag Festglanz über dem Tage. Die Pferde warfen tanzend die

Vorderbeine in die Höhe, und der Kutscher mußte vor lauter Vergnügen mit

der Peitsche knallen.

Nach einer kurzen Fahrt hielt der Schlitten des großen Gutsherrn vor der

Treppe zu Ekeby. Der Diener kam heraus.

»Wo ist deine Herrschaft?« fragte Melchior Sinclaire.

»Sie sind auf Jagd nach dem großen Bären in den Gurlita-Bergen.«

»Alle zusammen?«

»Alle zusammen, Herr. Wer nicht um des Bären willen mitgeht, der geht

des Fouragesacks wegen mit.«

Der Gutsherr lachte, so daß es über den stillen Hof schallte. Er gab dem

Diener einen Taler für die Antwort.

»Sage meiner Tochter, daß ich hier bin, um sie zu holen. Sie soll nicht

bange sein, daß sie frieren wird. Ich habe einen Kaleschenschlitten, und

einen Wolfspelz habe ich auch mitgebracht, um sie einzuhüllen.«

»Wollen der gnädige Herr nicht eintreten?«

»Nein, ich sitze gut, wo ich sitze.«

Der Diener verschwand, und der Gutsherr schickte sich an zu warten. Er

war an jenem Tage in so strahlender Laune, daß ihn nichts zu stören

vermochte. Er hatte es sich wohl gedacht, daß er auf Marianne würde

warten müssen; vielleicht war sie noch nicht einmal aufgestanden. Er

konnte sich indessen die Zeit vertreiben, indem er ein wenig um sich

blickte.

Dort am Dachfirst hing ein langer Eiszapfen, mit dem die Sonne große

Mühe hatte. Sie fing von oben damit an, schmolz einen Tropfen los und

wollte nun, daß er an dem Eiszapfen entlang laufen und herabfallen

sollte. Ehe aber der Tropfen den halben Weg zurückgelegt hatte, war er

schon wieder erstarrt. Die Sonne machte beständig neue Versuche, hatte

aber niemals Glück damit. Endlich aber war da ein eigenmächtiger Strahl,

der sich an die Spitze des Eiszapfens festhängte, ein ganz winzig

kleiner, der vor Tatendrang blitzte, und ehe man sichs versah, hatte er

sein Ziel erreicht: ein Tropfen fiel klatschend zur Erde.

Der Gutsherr sah das und lachte. »Du warst nicht dumm, du!« sagte er zum

Sonnenstrahl.

Der Hof war still und leer. Aus dem großen Haus drang kein Laut bis zu

ihm heraus. Aber er wurde nicht ungeduldig. Er wußte, daß die Damen viel

Zeit gebrauchen, bis sie fertig sind.

Er saß da und betrachtete den Taubenschlag. Der war vergittert. Die

Tauben waren eingeschlossen, solange der Winter währte, damit der

Habicht sie nicht rauben sollte. Von Zeit zu Zeit kam eine Taube und

steckte ihren weißen Kopf durch das Drahtnetz.

»Die wartet auf den Frühling!« sagte Melchior Sinclaire; »aber da muß

sie Geduld haben.«

Die Taube kam so regelmäßig, daß er seine Uhr herauszog und achtgab.

Präzise jede dritte Minute steckte sie den Kopf heraus.

»Nein, mein Herzchen,« sagte er, »glaubst du, daß der Frühling in drei

Minuten fertig wird? Du mußt es lernen zu warten!«

Und er selber mußte warten, aber er hatte Zeit genug.

Die Pferde scharrten anfangs ungeduldig im Schnee, dann aber wurden sie

müde vom Stehen und von der Sonne, die ihnen in die Augen schien. Sie

steckten die Köpfe zusammen und schliefen. Der Kutscher saß steif auf

dem Bock, Peitsche und Zügel in der Hand, das Gesicht der Sonne

zugewandt, und schlief, so daß er schnarchte.

Aber der Gutsherr schlief nicht. Er war niemals weniger zum Schlafen

aufgelegt als jetzt. Selten hatte er sich wohler gefühlt als in dieser

frohen Wartezeit. Marianne war krank gewesen. Sie hatte nicht früher

kommen können, jetzt aber kam sie sicher. Ja natürlich kam sie. Und

alles sollte wieder gut werden.

Jetzt mußte sie ja sehen können, daß er ihr nicht mehr zürnte. Er war ja

selber gekommen, mit der Kalesche und mit zwei Pferden!

Auf dem Brett, das vor dem Flugloch des Bienenkorbes angebracht war,

hatte sich eine Meise eine wahrhaft satanische List ersonnen. Sie wollte

ihr Mittagessen haben, deswegen pochte sie mit ihrem kleinen, scharfen

Schnabel gegen das Brett. Drinnen im Bienenkorb aber hingen die Bienen

in einem großen schwarzen Klumpen, alles ist in der strengsten Ordnung;

die Schaffner teilen die Rationen aus, der Mundschenk läuft mit Nektar

und Ambrosia von Mund zu Mund. Die, welche ganz nach innen hinein

hängen, tauschen in einem ewigen Gewimmel ihren Platz mit den außen

hängenden Genossen, so daß Wärme und Bequemlichkeit gleichmäßig verteilt

sind.

Da hören sie das Pochen der Meise, und der ganze Bienenkorb ist ein

Gesumme von Neugier. Ist es Freund oder Feind? Droht Gefahr für den

Staat? Die Königin hat ein schlechtes Gewissen; sie kann nicht in Ruhe

warten. Ist es der Geist der ermordeten Drohnen, der da draußen spukt?

»Geh hinaus und sieh nach, wer da ist!« befiehlt sie der Pförtnerin.

Diese geht. Mit einem: »Es lebe die Königin!« stürzt sie hinaus, und

schwapp! fällt die Meise über sie her. Mit vorgestrecktem Hals und

Flügeln, die vor Eifer zittern, fängt sie sie, zermalmt sie, verzehrt

sie -- und niemand bringt der Herrscherin Kunde von ihrem Tode. Aber die

Meise klopft nochmals, und die Königin fährt fort, ihre Türhüterinnen

auszusenden, und sie verschwinden alle. Nicht eine kehrt mit der Meldung

zurück, wer es gewesen, der da pochte. Hu! es wird unheimlich in dem

dunklen Bienenkorb. Es sind die Rachegeister, die da draußen ihr Spiel

treiben. Wer nur keine Ohren hätte! Wer nur seine Neugier unterdrücken

könnte! Wer nur ruhig warten könnte!

Der große Gutsherr lachte, so daß ihm die Tränen in die Augen traten,

über die dummen Frauenzimmer im Bienenkorbe und über den schlauen

Kavalier da draußen auf dem Brett.

Es ist keine Kunst, zu warten, wenn man seiner Sache sicher ist und wenn

man so vielerlei hat, womit man seine Gedanken ablenken kann.

Die Sonne begann, sich den Bergen im Westen zuzuneigen. Melchior

Sinclaire sah nach seiner Uhr. Es war drei, und die Mutter hatte das

Mittagessen zu zwölf Uhr bereithalten wollen.

Im selben Augenblick kam der Diener und meldete, daß Fräulein Marianne

mit ihm zu sprechen wünsche. Der Gutsherr hängte den Wolfspelz über den

Arm und stieg in strahlender Laune die Treppe hinan.

Als Marianne seine schweren Schritte auf der Treppe vernahm, wußte sie

noch nicht, ob sie mit ihm heimkehren wolle oder nicht. Sie wußte nur,

daß diese lange Wartezeit ein Ende haben müsse.

Sie hatte gehofft, daß die Kavaliere nach Hause kommen würden; aber sie

kamen nicht. So mußte sie denn selber dafür sorgen, daß diese Sache ein

Ende nahm. Sie konnte es nicht länger ertragen.

Sie hatte gedacht, daß er voller Zorn wieder fortfahren würde, sobald er

zehn Minuten gewartet hatte, daß er die Türen einschlagen oder das Haus

in Brand stecken würde.

Aber da saß er ganz ruhig und lächelte und wartete. Sie empfand weder

Haß noch Liebe für ihn. Eine innere Stimme aber warnte sie, sich wieder

in seine Macht zu geben. Auch wollte sie ihr Gösta gegebenes Wort

halten.

Wäre er nur eingeschlafen oder unruhig geworden, hätte er eine Spur von

Zweifel verraten oder den Schlitten in den Schatten fahren lassen! Aber

er war lauter Geduld und Sicherheit. So sicher war er, so ansteckend

sicher, daß sie schon kommen würde, wenn er nur wartete!

Ihr Kopf schmerzte, ein jeder Nerv in ihr erbebte. Sie konnte keine Ruhe

finden, solange sie wußte, daß er dasaß. Es war, als wenn sein Wille sie

gebunden die Treppe hinabschleifte.

Sie wollte wenigstens mit ihm sprechen.

Ehe er kam, ließ sie die Rouleaus aufziehen und legte sich so hin, daß

ihr das Tageslicht voll ins Gesicht schien. Es war ihre Absicht gewesen,

ihn damit gewissermaßen auf die Probe zu stellen. Aber Melchior

Sinclaire war an jenem Tag ein eigentümlicher Mann.

Als er sie sah, veränderte er keine Miene, tat keinen Ausruf. Es war,

als könne er keine Veränderung an ihr wahrnehmen. Sie wußte, wie stolz

er auf ihre Schönheit gewesen war. Aber er ließ es sie nicht merken, daß

er Kummer empfand. Er beherrschte sein ganzes Wesen, um sie nicht zu

betrüben. Dies ergriff sie tief. Sie fing an zu verstehen, daß ihre

Mutter fortfuhr, ihn liebzuhaben.

Er verriet keinen Zweifel. Er kam weder mit Vorwürfen noch mit

Entschuldigungen.

»Ich hülle dich in den Wolfspelz, Marianne. Der ist nicht kalt. Er hat

die ganze Zeit auf meinem Schoß gelegen.«

Und trotzdem ging er an den Kamin und wärmte ihn. Dann half er ihr vom

Sofa auf, hüllte sie in den Pelz, schlang einen Schal um ihren Kopf,

legte ihn ihr kreuzweise über der Brust zusammen und knüpfte ihn auf dem

Rücken zu.

Sie ließ es geschehen. Sie war willenlos. Es tat so gut, gehegt und

gepflegt zu werden. Es war schön, selber nicht wollen zu brauchen. Es

tat gut für jemand, der so angegriffen war wie sie, für jemand, der

nicht einen einzigen Gedanken, nicht ein Gefühl besaß, das er sein eigen

nennen konnte.

Sie schloß die Augen und seufzte, teils aus Wohlbehagen, teils aus

Wehmut. Sie nahm Abschied von dem Leben, dem wirklichen Leben; aber das

konnte ja auch einerlei für sie sein, die sie ja doch nicht leben,

sondern nur Komödie spielen konnte.

* * * * *

Ein paar Tage später sorgte ihre Mutter dafür, daß sie Gelegenheit

hatte, mit Gösta zu sprechen. Sie schickte einen Boten nach Ekeby,

während der Gutsherr von Hause abwesend war, und führte ihn zu Marianne

hinein.

Gösta trat ein, aber er grüßte nicht und sprach auch nicht. Er blieb an

der Tür stehen und starrte vor sich nieder wie ein trotziger Junge.

»Aber Gösta!« rief Marianne aus, die in einem Lehnstuhl saß.

»Ja, so heiße ich!«

»Komm doch hierher, ganz her zu mir, Gösta!«

Er näherte sich ihr still, erhob aber den Blick nicht.

»Komm näher heran! Knie hier nieder.«

»Aber mein Gott, was soll das alles nur?« rief er aus, gehorchte aber

dennoch.

»Gösta, ich will dir nur sagen, daß ich glaube, es war richtig, daß ich

wieder nach Hause kam.«

»Hoffen wir, daß man Fräulein Marianne nicht wieder in den Schnee

hinauswerfen wird.«

»Ach, Gösta! Hast du mich denn nicht mehr lieb? Findest du, daß ich zu

häßlich bin?«

Er zog ihren Kopf zu sich herab und küßte sie, sah aber noch immer so

kalt aus.

Er amüsierte sie im Grunde. Wenn er es für gut befand, eifersüchtig auf

ihre Eltern zu sein, was dann? Es würde wohl wieder vorübergehen. Jetzt

amüsierte es sie, ihn zurückzuerobern. Sie wußte nicht recht, weshalb

sie ihn festhalten wollte, aber sie wollte es nun einmal. Sie dachte

daran, daß es ihm doch einmal gelungen war, sie von sich selbst zu

befreien. Er war sicher der einzige, der es noch einmal zu tun

vermochte.

Und nun begann sie zu reden, entschlossen, ihn zurückzugewinnen. Sie

sagte, es sei nicht ihre Absicht gewesen, ihn für beständig zu

verlassen, eine Zeitlang aber müßten sie des Scheines halber ihre

Verbindung aufheben. Er habe ja selber gesehen, daß ihr Vater an der

Schwelle des Wahnsinns gestanden und daß ihre Mutter in steter

Lebensgefahr schwebte. Er müsse ja einsehen können, daß sie gezwungen

sei, heimzukehren.

Da machte sich sein Zorn in Worten Luft. Sie brauche keine Komödie zu

spielen. Er wolle nicht länger ihr Popanz sein. Sie habe ihn verlassen,

sobald ihr das Elternhaus wieder offen gestanden, er könne sie nicht

mehr lieben. Als er vorgestern von der Jagd heimgekehrt war und gehört

hatte, daß sie verschwunden sei, ohne einen Gruß, ein Wort für ihn zu

hinterlassen, da sei ihm das Blut in den Adern erstarrt; er sei nahe

daran gewesen, vor Kummer zu sterben. Aber er könne diejenige nicht mehr

lieben, die ihm einen solchen Schmerz zugefügt habe. Sie habe ihn

übrigens niemals geliebt. Sie sei eine Kokette, die auch hier in der

Gegend jemand haben wolle, der sie küssen und herzen könne, das sei das

Ganze.

Ob er denn glaubte, daß es ihre Gewohnheit sei, sich von jungen Herren

herzen und küssen zu lassen?

Natürlich glaubte er das. Die Frauen waren keine solche Heilige, wie sie

sich den Anschein gaben. Eigenliebe und Koketterie von Anfang bis zu

Ende! Sie sollte nur ahnen, was er empfunden hatte, als er von der Jagd

heimkehrte. Es sei ihm gewesen, als wate er in Eiswasser. Den Schmerz

würde er nie wieder verwinden. Der würde ihn durch das ganze Leben

begleiten. Er würde nie wieder Mensch werden.

Sie suchte ihm zu erklären, wie das Ganze sich zugetragen hatte. Sie

suchte ihm zu beweisen, daß sie ihm noch immer treu sei.

Ja, das war einerlei, denn jetzt liebe er sie nicht mehr. Jetzt habe er

sie durchschaut. Sie sei eine Egoistin. Sie habe ihn nie geliebt. Ohne

ein Wort, ohne einen Gruß sei sie von ihm gegangen.

Darauf kam er wieder und wieder zurück. Sie amüsierte sich beinahe

darüber. Zürnen konnte sie ihm nicht. Sie verstand seinen Zorn nur zu

gut. Einen wirklichen Bruch befürchtete sie auch nicht. Schließlich

wurde sie doch unruhig. War denn wirklich ein solcher Umschlag bei ihm

eingetreten, daß er sie nicht mehr liebhaben konnte?

»Gösta, war ich egoistisch, als ich nach Sjö ging, um den Major zu

holen? Ich wußte sehr wohl, daß die Blattern dort waren. Es ist auch

gerade nicht angenehm, in Schnee und Kälte auf dünnen Tanzschuhen zu

gehen.«

»Die Liebe lebt von Liebe allein und nicht von Dienstleistungen und

Wohltaten«, sagte Gösta.

»Du willst also, daß wir einander in Zukunft fremd sein sollen, Gösta?«

»Ja, das will ich.«

»Gösta Berling ist sehr launenhaft.«

»Das sagt man mir nach.«

Er war kalt wie Eis und nicht aufzutauen, und im Grunde war sie selber

noch kälter. Die Selbstkritik lachte höhnisch über ihre Bemühungen, die

Verliebte zu spielen.

»Gösta,« sagte sie, eine letzte Anstrengung machend, »ich habe dir

niemals absichtlich wehe getan, wenn es auch den Anschein haben mag. Ich

bitte dich, verzeih mir!«

»Ich kann dir nicht verzeihen.«

Sie wußte, daß sie ihn hätte zurückgewinnen können, wenn sie nur ein

einziges ungeteiltes Gefühl besessen hätte. Und sie versuchte, die

Leidenschaftliche zu spielen. Die Eisaugen verhöhnten sie, aber sie

versuchte es auf alle Fälle. Sie wollte ihn nicht verlieren.

»Geh nicht, Gösta, geh nicht im Zorn von mir! Bedenke, wie häßlich ich

geworden bin. Mich kann niemand mehr lieben.«

»Auch ich liebe dich nicht mehr«, sagte er. »Du mußt dich dareinfinden,

daß man auf dein Herz tritt, wie du auf das andere getreten hast.«

»Gösta, ich habe niemals jemand lieben können außer dir! Verzeih mir!

Verlaß mich nicht! Du bist der einzige, der mich vor mir selbst zu

erretten vermag.«

Er stieß sie von sich. »Du redest nicht die Wahrheit«, sagte er mit

eiskalter Ruhe. »Was du von mir willst, weiß ich nicht, aber ich sehe,

daß du lügst. Weshalb willst du mich festhalten? Du bist so reich, dir

wird es niemals an Freiern fehlen!«

Damit ging er.

Und kaum hatte er die Tür geschlossen, als die Sehnsucht und der Schmerz

in ihrer ganzen Majestät Einzug in Mariannens Herz hielten.

Die Liebe, ihr eigenes Herzenskind, kam aus dem Winkel hervor, in den

die Eisaugen es verbannt hatten. Jetzt kam sie, die sehnlichst

Erwartete, jetzt, wo es zu spät war. Jetzt trat sie hervor, ernsthaft

und allmächtig -- und der Schmerz und die Sehnsucht trugen die Schleppe

ihres Königsmantels.

Als Marianne sich mit Bestimmtheit sagen konnte, daß Gösta Berling sie

verlassen hatte, empfand sie einen förmlich körperlichen Schmerz, so

heftig, daß sie fast davon betäubt wurde. Sie preßte die Hände gegen

das Herz und blieb stundenlang auf demselben Fleck sitzen, mit

tränenlosem Kummer ringend.

Und sie selber litt, nicht eine Fremde, nicht eine Schauspielerin --

nein, sie selber war es.

Weshalb war ihr Vater gekommen und hatte sie getrennt? Ihre Liebe war ja

noch nicht tot; nur in ihrem Schwächezustand nach der Krankheit konnte

sie ihre Macht nicht empfinden.

Ach Gott! ach Gott! Daß sie ihn verloren hatte! Ach Gott, daß sie zu

spät erwacht war!

Ach, er war der Einzige, er war der Herr ihres Herzens! Von ihm konnte

sie alles erdulden. Härte und böse Worte von ihm beugten sie nur zu

demütiger Liebe. Hätte er sie geschlagen, so würde sie wie ein Hund zu

ihm hingekrochen sein, um seine Hand zu küssen.

Sie wußte nicht, was sie tun sollte, um sich Linderung in diesem

entsetzlichen Schmerz zu verschaffen.

Sie ergriff Feder und Papier und schrieb mit fieberhafter Hast. Erst

schrieb sie von ihrer Liebe, von ihrem Verlust; dann flehte sie um seine

Liebe, nur um seine Barmherzigkeit. Es war eine Art Poesie, die sie

schrieb.

Als sie fertig war, dachte sie, daß er, wenn ihm dies zu Augen kam, doch

glauben müßte, daß sie ihn geliebt hatte. Und weshalb sollte sie ihm

nicht senden, was sie geschrieben hatte? Sie wollte es am nächsten Tage

tun, und sie glaubte sicher, daß es ihn zu ihr zurückführen werde.

Am nächsten Tage rang und kämpfte sie mit sich. Was sie geschrieben,

erschien ihr so unbedeutend, so dumm. Da war weder Reim noch Rhythmus.

Es war die reine, schiere Prosa. Er würde sicher nur lachen über solche

Verse. Auch ihr Stolz erwachte. Liebte er sie nicht mehr, so war es

eine entsetzliche Entwürdigung, um seine Liebe zu betteln.

Auch die Klugheit meldete sich und sagte, sie könne froh sein, daß sie

dieser Verbindung mit Gösta entronnen sei -- es würden nur traurige

Verhältnisse daraus entsprossen sein.

Aber die Qual ihres Herzens war doch so heftig, daß das Gefühl

schließlich die Oberhand gewann. Drei Tage, nachdem sie sich ihrer Liebe

bewußt geworden war, wurden die Verse in einen Briefumschlag gelegt und

dieser mit Gösta Berlings Namen versehen. Aber sie wurden niemals

abgesandt. Denn ehe sie einen passenden Boten gefunden hatte, hörte sie

derartige Neuigkeiten von Gösta, daß sie einsah, daß es schon zu spät

sei, ihn zurückzugewinnen.

Es ward der Kummer ihres Lebens, daß sie die Verse nicht rechtzeitig

abgesandt hatte, solange es noch in ihrer Macht lag, ihn zu gewinnen.

All ihr Schmerz gipfelte in diesem Punkt: »Hätte ich nur nicht so lange

gewartet, hätte ich nur nicht so viele Tage gewartet!«

Das Glück des Lebens oder doch wenigstens die Wirklichkeit des Lebens

hatten diese geschriebenen Worte ihr erobern sollen. Sie war fest

überzeugt, daß sie ihn ihr zurückgeführt haben würden.

Doch der Kummer leistete ihr denselben Dienst wie die Liebe. Er machte

sie zu einem ganzen Menschen mit der Fähigkeit, sich im Guten wie im

Bösen hinzugeben. Brennende Gefühle strömten frei durch ihre Seele, ohne

von der eisigen Kälte der Selbstkritik gehemmt zu werden.

Und so kam es denn, daß sie trotz ihrer Entstelltheit dennoch von vielen

geliebt ward.

Man sagt aber, daß sie Gösta Berling nie ganz vergessen konnte. Sie

trauerte um ihn, wie man um ein vergeudetes Leben trauert.

Und ihre armen Verse, die eine Zeitlang viel gelesen wurden, sind längst

vergessen. Doch liegt etwas wunderlich Rührendes über ihnen, wie ich sie

hier vor mir sehe, auf vergilbtem Papier und mit verblaßter Tinte, mit

einer feinen, zierlichen Handschrift geschrieben. Die ganze Entbehrung

eines Lebens ist in diesen armseligen Worten enthalten, und ich schreibe

sie mit einem gewissen heimlichen Beben ab, als wohnten mystische Kräfte

in ihnen.

Ich bitte euch, sie zu lesen und an sie zu denken. Wer weiß, welche

Macht sie hätten haben können, wenn sie abgeschickt wären? Sie sind doch

leidenschaftlich genug, um von einem wahren Gefühl zu zeugen. Vielleicht

hätten sie ihn zu ihr zurückführen können.

Sie sind ergreifend genug, zärtlich genug in ihrer unbeholfenen

Formlosigkeit. Niemand kann sie anders wünschen. Niemand kann den Wunsch

hegen, sie in die Ketten des Reimes und der Rhythmen gezwängt zu sehen.

Und doch ist es so wehmütig zu denken, daß gerade diese Unvollkommenheit

sie daran gehindert hat, sie rechtzeitig abzuschicken.

Ich bitte euch, leset sie und habt sie lieb! Ein Mensch, der in großer

Not war, hat sie geschrieben.

Geliebt hast du, Kind, doch nimmermehr

Sollst die Wonne der Liebe du kosten.

Stürme der Leidenschaft schüttelten dich,

Freu dich, o Seele, nun fandst du Ruh!

Hebst nicht mehr die Schwingen zu himmlischer Wonn.

Freu dich, o Seele, nun fandst du Ruh!

Sinkst nicht hinab mehr in Schmerzensnacht,

Ach, nimmermehr!

Geliebt hast du, Kind, doch nimmermehr

Loht deine Seele in Flammenglut.

Gleich einer Flur mit versengtem Gras

Füllten dich Gluten eine flüchtige Stund!

Erstickende Wolken aus Rauch, Wolken aus Feuer

Scheuchten die Vöglein des Himmels, die schreiend entflohen.

Kehrten sie heim doch! Du brennst nicht mehr,

Kannst nicht mehr brennen!

Geliebt hast du, Kind, doch nimmermehr

Sollst du hören der Liebe Stimme.

Des Herzens Kräfte gleich müden Kindern,

Auf der Schule harter Bank sie sitzen,

Sich sehnend nach Freiheit und Spielen,

Doch niemand rufet sie mehr!

Sie sitzen wie der Wachtposten, den man vergessen,

Niemand rufet sie mehr!

Kind, er ist fort nun

Und mit ihm all Liebe und Liebeswonne,

Er, den du liebtest, wie er dichs gelehrt

Zu fliegen mit Flügeln im Himmelsraum.

Er, den du liebtest, als hätt er dir gewiesen

Den einzig sichren Platz in der überschwemmten Stadt:

Er ging von dannen, er, der allein

Die Tür deines Herzens zu öffnen verstand.

Um Eins nur will ich dich bitten, Geliebter:

»Ach, wälze nimmer die Last des Hasses auf mich!«

Das Schwächste von allem, was schwach, ists nicht ein Menschenherz?

Wie könnt es leben unter der nagenden Pein,

Daß einem andern zur Qual es gereicht?

O mein Geliebter, willst du mich töten,

Da schaff dir keinen Dolch, kaufe kein Gift, keinen Strick.

Laß mich nur wissen, daß du wünschst, ich entschwände

Von der Erde blühender Flur, aus des Lebens Reich --

Und ins Grab will ich sinken.

Du gabst mir des Lebens Leben. Du gabst mir die Liebe.

Und du nimmst deine Gabe zurück. Ach, ich weiß es --

Doch gib mir nicht Haß stattdessen!

Ich liebe ja dennoch das Leben. O, denke daran!

Doch ich weiß, daß des Hasses Last mich tötet.

Gösta Berling: Erzählungen aus dem alten Wermland · 第 16 / 56 题