Der große Bär auf dem Gurlita-Berge

In der Dunkelheit des Waldes wohnen friedlose Tiere, deren Kiefer mit

unheimlich schimmernden Zähnen bewaffnet sind, und deren Füße scharfe

Klauen tragen, die sich danach sehnen, sich in einem blutgefüllten Hals

festzubeißen, und deren Augen vor Mordlust leuchten.

Da wohnen die Wölfe, die des Nachts zum Vorschein kommen und hinter dem

Schlitten des Bauern herjagen, bis die Mutter das kleine Kind nehmen

muß, das sie auf dem Schoße hält, und es ihnen hinwirft, um ihr eigenes

und ihres Mannes Leben zu retten.

Da wohnt der Luchs, den der Bauer »Göpa« nennt; denn im Walde ist es

gefährlich, ihn bei seinem rechten Namen zu nennen. Wer ihn am Tage

genannt hat, muß am Abend gut nachsehen, ob die Türen und die Luken des

Schafstalls versichert sind, denn sonst kommt er. Er klettert an der

steilen Wand herauf, denn seine Krallen sind wie scharfe Stahlhaken,

schleicht sich durch den engsten Gang und stürzt sich über die Schafe.

Und der Göpa hängt sich an ihre Kehle und trinkt Blut aus der Halsader

und mordet und zerreißt, bis das letzte Schaf getötet ist. Er hält nicht

inne in seinem wilden Totentanz unter den eingeschüchterten Tieren,

solange noch ein einziges von ihnen ein Lebenszeichen von sich gibt. Und

am Morgen findet der Bauer alle Schafe tot, mit zerrissenen Kehlen

daliegen, denn der Göpa hinterläßt nichts Lebendes, wo er haust.

Da wohnt die Eule, die in der Dämmerung schreit. Schreit man dann

wieder, so kommt sie auf ihren breiten Flügeln über einen herabgesaust

und hackt einem die Augen aus, denn sie ist kein wirklicher Vogel,

sondern ein verhexter Geist.

Und da wohnt der schrecklichste von ihnen allen, der Bär, der eine

Stärke von zwölf Männern hat und der, wenn er ein »Mannbär« geworden

ist, nur mit einer silbernen Kugel getötet werden kann. Kann wohl irgend

etwas ein Tier in dem Maße mit dem Nimbus des Schreckens umgeben, wie

dies, daß er nur mit einer silbernen Kugel getötet werden kann? Was für

furchtbare verborgene Kräfte wohnen in ihm und machen ihn so hart, daß

gewöhnliches Blei nichts ausrichtet? Müssen nicht die Kinder viele

Stunden wach liegen und sich vor diesem grauenhaften Tier ängstigen, das

die bösen Mächte beschützen?

Und sollte man einmal dem Mannbären im Walde begegnen, groß und hoch wie

ein wandernder Held, da soll man nicht laufen und sich auch nicht

verteidigen, sondern sich glatt an die Erde werfen und so tun, als sei

man tot. Viele kleine Kinder haben in Gedanken an der Erde gelegen und

den Bären über sich gehabt. Er hat sie aber mit seiner Tatze

herumgerollt, und sie haben seinen heißen, fauchenden Atem in ihrem

Gesicht gefühlt; aber sie haben still gelegen, bis er weggegangen ist,

um ein Loch zu graben und sie darin zu verbergen. Da sind sie leise

aufgestanden und haben sich weggeschlichen, zuerst ganz sachte, dann

aber in atemloser Hast.

Aber denkt, denkt doch, wenn der Bär nun meinen sollte, daß sie nicht

richtig tot waren, wenn er versuchte, in sie hineinzubeißen, oder wenn

er sehr hungrig wäre, oder wenn er sähe, daß sie sich rührten, und

hinter ihnen drein liefe! Ach Gott!

Das Grauen ist eine Hexe, die in der Dunkelheit des Waldes sitzt und das

Ohr der Menschen mit Zauberliedern erfüllt und ihre Herzen mit

unheimlichen Gedanken. Daher kommt die lähmende Furcht, die das Leben

bedrückt und die Schönheit lächelnder Gefilde verfinstert. Die Natur ist

böse und grausam, hinterlistig wie eine schlafende Schlange, nichts kann

man glauben. Da liegt der Löfsee in prahlender Schöne, trau ihm aber

nicht, er lauert auf Beute: jedes Jahr fordert er seinen Zoll an

Ertrunkenen! Da liegt der Wald friedlich lockend, trau ihm aber nicht!

Der Wald ist voll von friedlosen Tieren, die von den Seelen böser Hexen

und mordlustiger Räuber besessen sind.

Trau nicht dem Bach mit seinem rieselnden Wasser! Es bringt Krankheit

und Tod, wenn man nach Sonnenuntergang in ihm watet. Trau nicht dem

Kuckuck! Gar lustig ruft er im Frühling. Wenn der Sommer vorüber ist,

wird er zum Habicht mit scharfen Augen und fürchterlichen Krallen! Trau

nicht dem Moos, nicht dem Heidekraut, nicht dem Berge! Die Natur ist

böse, von unheimlichen Mächten besessen, die die Menschen hassen. Es

gibt keine Stätte, wohin du mit Sicherheit deinen Fuß setzen kannst, es

ist unbegreiflich, wie das schwache Menschengeschlecht all diesen

Verfolgungen entrinnen kann.

Das Grauen ist eine Hexe. Sitzt sie noch in der Finsternis der

wermländischen Wälder und singt Zauberlieder? Verdunkelt sie noch die

Schönheit lächelnder Gefilde? Lähmt sie noch die Freude am Leben? Ihre

Macht ist groß gewesen, das weiß ich, in deren Wiege Stahl und in deren

Badewasser glühende Kohlen gelegen haben; ich weiß es, ich, die ich ihre

eiserne Hand um mein Herz gefühlt habe.

Im übrigen aber soll niemand glauben, daß ich jetzt von etwas

Unheimlichem und Schrecklichem erzählen will.

Es ist nur eine alte Geschichte von dem großen Bären auf dem

Gurlita-Berge, die ich jetzt erzählen will, und es soll einem jeden

freistehen, sie zu glauben oder sie nicht zu glauben, so wie es bei

allen richtigen Jagdgeschichten sein soll.

* * * * *

Der große Bär haust auf dem prächtigen Berggipfel, den man den

Gurlita-Felsen nennt und der sich steil und unzugänglich am Ufer des

oberen Löfsees erhebt. Die Wurzel einer umgewehten Tanne, an der noch

die Grassoden hängen, bildet die Wand und das Dach seiner Behausung; die

Zweige und das Gestrüpp beschützen sie, der Schnee macht sie dicht. Er

kann dadrinnen liegen und einen guten, ruhigen Schlaf von einem Sommer

zum andern halten.

Ist er denn ein Poet, ein krankhafter Träumer, dieser zottige König des

Waldes, dieser schiefäugige Räuber? Will er die kalten Nächte und die

farblosen Tage des Winters verschlafen, um von brausenden Bächen und

Vogelgesang geweckt zu werden? Will er daliegen und von wartenden

Erdbeerhügeln träumen und von Ameisenhaufen, voll von leckern braunen

kleinen Wesen, und von den weißen Lämmern, die an den Abhängen grasen?

Will er dem Winter des Lebens aus dem Wege gehen, der Glückliche?

Der Wind weht und stiebt hinein zwischen die Föhren da draußen; da

draußen streifen Wolf und Fuchs umher, wahnsinnig vor Hunger. Warum soll

der Bär allein Erlaubnis haben zu schlafen? Mag er aufstehen und fühlen,

wie die Kälte beißt, wie schwer es ist, in dem tiefen Schnee zu waten.

Er soll herauskommen!

Er hat sich gut gebettet, er gleicht der schlafenden Prinzessin im

Märchen: so wie sie von dem Prinzen geweckt wurde, so will er von dem

Frühling geweckt werden. Von einem Sonnenstrahl, der sich durch das

Gestrüpp stiehlt und ihm die Schnauze wärmt, von einigen Tropfen des

schmelzenden Schnees, die durch seinen Pelz dringen, will er geweckt

werden. Wehe dem, der ihn zur Unzeit weckt!

Aber den Fall gesetzt, daß niemand fragt, was der König des Waldes

wünscht! Den Fall gesetzt, daß jetzt plötzlich ein ganzer Schwarm von

Hagelkörnern hereingesaust kommt und ihn sticht wie boshafte Mücken!

Er hört plötzlich Rufe, Lärm und Schüsse. Er schüttelt den Schlaf aus

seinen Gliedern und schiebt das Gestrüpp zur Seite, um zu sehen, was es

ist. Hier gibt es Arbeit für den alten Raufbold. Es ist nicht der

Frühling, der da draußen vor seiner Höhle lärmt und poltert, es ist

nicht der Wind, der die Tannen umwirft und den Schnee aufwirbelt, es

sind die Kavaliere -- die Kavaliere aus Ekeby.

Sie sind alte Bekannte von dem König des Waldes. Er entsinnt sich gar

wohl der Nacht, als Beerencreutz und Fuchs in der Scheune eines Bauern,

wo man seinen Besuch erwartete, auf der Lauer lagen. Sie waren gerade

über dem Schnapsglas eingeschlafen, als er sich durch das Grassodendach

hereinschwang; aber sie erwachten, als er die getötete Kuh aus dem Stand

herausheben wollte, und fielen mit Büchse und Messer über ihn her. Die

Kuh nahmen sie ihm weg und das eine Auge auch, aber das Leben rettete er

doch.

Ja -- er und die Kavaliere sind alte Bekannte. Der König des Waldes

entsinnt sich gar wohl eines andern Males, als sie über ihn herfielen,

gerade als er und seine hohe Gemahlin sich hier in der alten Königsburg

auf dem Gurlita-Felsen mit ihren Jungen zur Winterruhe niedergelassen

hatten. Er entsinnt sich noch, wie unerwartet sie über ihn herfielen.

Wohl entwischte er ihnen, er fegte alles zur Seite, was ihn hinderte,

und sauste dahin, ohne auf die Kugeln zu achten; aber lahm ward er fürs

Leben durch einen Schuß, den er in den Schenkel bekam. Und als er des

Nachts in seine Königsburg zurückkehrte, war der Schnee rot gefärbt von

dem Blut seiner hohen Gemahlin, und die königlichen Kinder waren

weggeführt nach der Wohnung der Menschen, um dort aufzuwachsen und

Diener und Freunde der Menschen zu werden.

Ja, jetzt erbebt die Erde, jetzt wird die Schneewehe zerteilt, die die

Höhle verdeckt, jetzt bricht er heraus, der große Bär, der alte Feind

der Kavaliere. Gib jetzt acht, Fuchs, alter Bärenjäger, gib jetzt acht,

Beerencreutz, Oberst und Rabougespieler, gib jetzt acht, Gösta Berling,

du Held von hundert Abenteuern!

Wehe über alle Poeten, alle Träumer, alle Liebeshelden! Da steht jetzt

Gösta Berling, den Finger am Hahn der Büchse, und der Bär kommt ihm

gerade entgegen. Warum schießt er nicht? Woran denkt er? Warum schickt

er ihm nicht gleich eine Kugel in die breite Brust? Er steht gerade auf

dem rechten Fleck, um das zu tun. Die andern können nicht im rechten

Augenblick zum Schuß kommen. Glaubt er vielleicht, daß er vor der

Majestät des Waldes Parade stehen soll?

Gösta hat natürlich dagestanden und von der schönen Marianne geträumt,

die in diesen Tagen ernstlich krank auf Ekeby liegt, krank von der

Nacht, in der sie im Schnee geschlafen hat. Er denkt an sie, die nun

auch ein Opfer von dem Fluch des Hasses geworden ist, der auf der Erde

ruht, und er schaudert vor sich selbst, daß er ausgegangen ist, um zu

verfolgen und zu töten.

Und da kommt der große Bär gerade auf ihn zu. Blind auf dem einen Auge

infolge eines Stiches von dem Messer eines der Kavaliere, lahm auf dem

einen Bein infolge einer Kugel aus der Büchse eines der Kavaliere.

Grausig und struppig, einsam seit der Zeit, als sie seine Gattin töteten

und seine Kinder entführten. Und Gösta sieht ihn so, wie er ist: ein

armes, verhetztes Tier, das er nicht des Lebens berauben will, des

letzten, was ihm noch geblieben, nachdem ihm die Menschen alles andere

genommen haben.

»Mag er mich töten,« denkt Gösta, »aber ich schieße ihn nicht tot.«

Und während der Bär auf ihn losstürzt, steht er still wie zur Parade,

und als der König des Waldes ihm gerade gegenübersteht, tut er einen

Schritt zur Seite und schultert das Gewehr.

Da setzt der Bär seinen Weg fort, wohl wissend, daß er keine Zeit zu

verlieren hat, bricht in den Wald ein, bahnt sich einen Weg durch

mannshohe Schneeschanzen, rollt an jähen Abhängen herab und ist dann

hoffnungslos verschwunden, während alle die, die mit gespannten Hähnen

dagestanden und auf Göstas Schuß gewartet haben, ihre Büchsen hinter ihm

drein abschießen.

Aber es ist vergebens, der Ring ist gebrochen, und der Bär ist weg.

Fuchs schimpft, und Beerencreutz flucht; aber Gösta lacht nur. Wie

können sie doch nur verlangen, daß ein Mensch, der so unglücklich ist

wie er, einem Geschöpf Gottes ein Leid antun soll?

Der große Bär auf dem Gurlita-Berge entkam also mit dem Leben, und aus

dem Winterschlaf aufgeweckt ist er, das sollen die Bauern fühlen. Kein

Bär hat eine größere Geschicklichkeit, das Dach auf ihren niedrigen,

kellerartigen Viehhäusern zu zerreißen, keiner versteht es besser, aus

einem Hinterhalt herauszuschleichen.

Die Leute da oben am oberen Löfsee wußten sich bald nicht vor ihm zu

bergen. Einmal über das andere wurde nach den Kavalieren geschickt, sie

möchten doch herauskommen und den Bären töten.

Tag für Tag, Nacht für Nacht, den ganzen Februar hindurch ziehen jetzt

die Kavaliere nach dem oberen Löfsee hinauf, um den Bären zu finden;

aber er entweicht ihnen. Hat er Schlauheit vom Fuchs und Geschwindigkeit

von dem Wolf gelernt? Liegen sie auf der Lauer in dem einen Gehöft, so

verheert er das andere. Suchen sie ihn im Walde, dann verfolgt er den

Bauern, der über das Eis gefahren kommt. Er ist der frechste Räuber

geworden: er kriecht auf den Boden hinauf und leert Mutters Honigkruke.

Er schlägt das Pferd vor Vaters Schlitten tot.

Aber dann, nach und nach fängt man an zu verstehen, was für ein Bär es

ist und warum Gösta nicht auf ihn schießen konnte. Es ist unheimlich,

davon zu sprechen, schrecklich, es zu glauben; aber es ist kein

gewöhnlicher Bär. Niemand kann daran denken, ihn zu erlegen, falls er

nicht eine silberne Kugel in der Büchse hat. Eine Kugel aus Silber und

Glockenerz, an einem Donnerstag-Abend bei Neumond im Kirchturm gegossen,

ohne daß Pfarrer oder Küster oder irgendein Mensch davon weiß, die würde

ihn töten können; aber eine solche Kugel ist nicht leicht zu beschaffen.

* * * * *

Auf Ekeby wohnt ein Mann, der sich mehr als sonst jemand über dies alles

grämen muß. Das ist, wie man sich wohl denken kann, Anders Fuchs, der

Bärenjäger. Er verliert die Lust am Essen, er verliert seinen Schlaf aus

Groll darüber, daß er den großen Bären auf dem Gurlita-Berge nicht

erlegen kann. Schließlich sieht auch er ein, daß der Bär nur mit einer

silbernen Kugel erlegt werden kann.

Der barsche Major Fuchs war kein schöner Mann. Er hatte einen

schwerfälligen, ungeschickten Körper und ein breites, rotes Gesicht mit

schlaffen Wangen und einem vielfachen Doppelkinn. Steif wie Borsten saß

der kleine schwarze Schnurrbart über seinen dicken Lippen, und das

schwarze Haar stand starr und dicht vom Kopf ab. Dazu war er ein Mann

von wenig Worten, aber von mächtigem Appetit. Er gehörte nicht zu denen,

die die Frauen mit sonnigem Lächeln grüßen, auch sandte er ihnen keine

sanften Blicke zu. Er glaubte, daß er niemals eine Frau finden könne, an

der er Gefallen fand, und alles, was mit Liebe und Schwärmerei zu tun

hatte, lag ihm fern. Wenn er also im Mondschein umherging und wartete,

so muß man nicht glauben, daß er die gute Frau Luna zur Vertrauten in

seinen Herzensangelegenheiten machen wollte. Nein, er dachte nur an die

silberne Kugel, die bei Neumond gegossen werden mußte.

Und dann kommt ein Donnerstag-Abend, an dem der Mond gerade zwei Finger

breit ist und ein paar Stunden, nachdem die Sonne untergegangen ist,

über dem Horizont verweilt; da begibt sich Major Fuchs von Ekeby fort,

ohne etwas davon zu sagen, was er vorhat. Er hat Feuerstahl und

Kugelform in der Jagdtasche und die Büchse auf dem Rücken und geht auf

die Broer Kirche zu, um zu sehen, was das Glück für einen ehrlichen Mann

tun wird.

Die Kirche liegt an dem östlichen Ufer des schmalen Sunds zwischen dem

oberen und dem unteren Löfsee, und Major Fuchs muß über die Brücke

gehen, um dahin zu gelangen. Also geht er auf die Brücke zu, in tiefen

Gedanken und ohne nach den Brobyer Hügeln hinüberzusehen, wo sich die

Häuser scharf von dem klaren Abendhimmel abheben, oder nach dem

Gurlita-Felsen, dessen runder Scheitel im Abendschein aufragt. Er sieht

nur zu Boden und grübelt darüber nach, wie er des Kirchenschlüssels

habhaft werden soll, ohne daß es jemand bemerkt.

Als er an die Brücke hinabkommt, hört er jemand so verzweifelt schreien,

daß er gezwungen ist, die Augen vom Erdboden zu erheben.

Zu jener Zeit war Faber, der kleine Deutsche, Organist in Broby. Er war

ein kleiner, schmächtiger Bursche, gering auf die eine wie auf die

andere Weise. Küster war Jan Larsen, ein tüchtiger Bauer, aber arm, denn

der Brobyer Pfarrer hatte ihn um sein väterliches Erbe, um ganze

fünfhundert Reichstaler betrogen.

Der Küster wollte sich gern mit der Schwester des Organisten, der

kleinen feinen Jungfer Faber, verheiraten, aber der Organist wollte sie

ihm nicht geben; daher waren die beiden keine guten Freunde. An diesem

Abend begegnete der Küster dem Organisten unten auf der Brücke und fuhr

auf ihn los. Er packt ihn bei der Brust und hält ihn mit steifem Arm

über das Geländer der Brücke, während er hoch und heilig schwört, daß er

ihn ins Wasser werfen will, wenn er die kleine feine Jungfer nicht

bekommen soll. Aber der kleine Deutsche will sich nicht ergeben, er

zappelt und schreit, sagt aber in einem fort nein, obwohl er tief unter

sich die schwarze Furche des offenen Wassers zwischen weißen Eiskanten

hervorbrausen sieht.

»Nein, nein,« schreit er, »nein, nein!«

Es ist nicht zu wissen, ob der Küster in seiner Wut ihn nicht zuletzt

doch noch in das kalte schwarze Wasser hätte hineinplumpsen lassen, wenn

nicht Major Fuchs gerade über die Brücke gekommen wäre. Nun wird dem

Küster bange, er setzt Faber wieder auf die Brücke nieder und läuft

davon, so schnell er kann.

Der kleine Faber fällt nun dem Major um den Hals und dankt ihm für sein

Leben; aber der Major schüttelt ihn ab und sagt, da sei gar kein Grund

zu danken. Der Major hatte nichts für Deutsche übrig, seit der Zeit,

als er in Putbus auf Rügen während des pommerschen Kriegs in Quartier

gelegen hatte. Er war nie in seinem Leben so nahe daran gewesen zu

verhungern wie dazumal.

Nun will der kleine Faber zum Amtmann Scharling hinauflaufen und den

Küster wegen Mordversuchs verklagen; aber der Major teilt ihm mit, daß

sich das nicht der Mühe verlohnt, denn hierzulande kostet es nichts,

einen Deutschen totzuschlagen, keinen roten Heller. Und um die Wahrheit

seiner Worte zu beweisen, erbietet er sich selbst, ihn in den Strom

hinabzuwerfen.

Da beruhigt sich denn der kleine Faber und ladet den Major ein, mit nach

Hause zu kommen und Schmorwurst zu essen und altes Bier zu trinken.

Der Major begleitet ihn, denn ihm ist eingefallen, daß der Organist

sicher daheim einen Kirchenschlüssel haben muß, und so gehen sie denn

den Hügel hinan, auf dem die Broer Kirche mitsamt dem Propsthause, dem

Küsterhause und der Organistenwohnung liegt.

»Entschuldigen Sie, entschuldigen Sie,« sagt der kleine Faber, als er

und der Major in sein Haus eintreten. »Es ist hier heute gar nicht recht

fein. Wir haben heute so viel zu tun gehabt, meine Schwester und ich;

wir haben einen Hahn geschlachtet.«

»Ei der Tausend!« rief der Major aus.

Und dann kam die kleine feine Jungfer Faber mit altem Bier in großen

Tonkrügen herein. Nun weiß ja ein jeder, daß der Major Frauen nicht mit

milden Augen ansah, aber die kleine Jungfrau Faber mußte er doch mit

einem gewissen Wohlwollen ansehen, so allerliebst wie sie dastand in

Leibchen und Mütze. Das blonde Haar war glatt in die Stirn gestrichen,

das selbstgewebte Kleid war so zierlich und so blendend rein; ihre

kleinen Hände waren so geschäftig und geschwind, und ihr kleines Gesicht

war so rosenrot und rund, daß er es nicht lassen konnte, zu denken, daß,

wenn er so ein niedliches Frauenzimmerchen vor fünfundzwanzig Jahren

gesehen hätte, er sicher Anstalten gemacht hätte, um sie zu freien. Aber

so nett und rotwangig und behende sie auch war, ihre Augen sind doch

ganz verweint. Und gerade das flößt ihm so milde Gedanken über sie ein.

Während die Männer essen und trinken, geht sie in der Stube ein und aus.

Einmal tritt sie an ihren Bruder heran, macht einen Knix und sagt: »Wie

befiehlt mein Bruder, daß wir die Kühe im Schuppen aufstellen sollen?«

»Stelle zwölf zur Rechten und elf zur Linken, dann können sie sich nicht

stoßen«, sagte der kleine Faber.

»Das ist doch des Teufels! Hat Faber so viele Kühe?« sagt der Major.

Die Sache hing aber so zusammen, daß der Organist nur zwei Kühe hatte,

aber er nannte die eine Elf und die andere Zwölf, damit es großartig

klingen sollte, wenn er von ihnen sprach. Und dann erfährt der Major,

daß Faber im Begriff ist, seine Scheune umzubauen, so daß die Kühe des

Tags draußen gehen und des Nachts im Wetterschuppen stehen.

Die kleine Jungfer Faber geht in der Stube ein und aus. Sie tritt wieder

an ihren Bruder heran und macht ihm einen Knix und sagt, daß der

Zimmermann fragt, wie hoch die Scheune sein soll.

»Miß die Kuh,« sagt der Organist, »miß die Kuh!«

Major Fuchs findet, daß das eine gute Antwort ist.

Wie sie so dasitzen, fängt der Major an, den Organisten zu fragen, warum

die Augen seiner Schwester so rot sind; und da erfährt er denn, daß sie

weint, weil er ihr nicht erlauben will, sich mit dem armen Küster zu

verheiraten, verschuldet und erblos, wie der ist.

Bei alledem verfällt Major Fuchs mehr und mehr in Sinnen. Er leert die

eine Kanne Bier nach der andern und ißt eine Wurst nach der andern, ohne

darüber nachzudenken. Der kleine Faber ist ganz entsetzt über einen

solchen Appetit und einen solchen Durst; aber je mehr der Major ißt und

trinkt, um so klarer wird sein Gehirn, um so entschlossener wird sein

Herz. Um so fester wird auch sein Vorsatz, etwas für die kleine Jungfer

Faber zu tun.

Es war derselbe Major Fuchs, der merkwürdige Mann, der an einem Abend

der Lehnsmannsfrau in Munkerud einen ganzen Preßkopf aufaß, von dem sie

gedacht hatte, daß er die Weihnachtszeit über vorhalten sollte.

Ihm ward so fröhlich zumute, wenn er daran dachte, was für eine

herrliche Schmorwurst dies doch war. Er, er wollte wahrhaftig dafür

sorgen, daß Jungfer Fabers Augen nicht mehr zu weinen brauchten.

Er hat währenddessen die Augen auf den großen Schlüssel mit dem krausen

Bart gerichtet, der an einem Haken an der Tür hing, und kaum hat der

kleine Faber, der dem Major in dem alten Bier Bescheid tun muß, den Kopf

auf den Tisch gelegt und angefangen zu schnarchen, als auch Major Fuchs

sich schon des Schlüssels bemächtigt hat, nach der Mütze greift und von

dannen eilt.

Eine Minute später tastet er sich die Turmtreppe hinauf. Beim Schein

seiner kleinen Hornlaterne gelangt er endlich in den Glockenraum hinauf,

wo die Glocken ihre mächtigen Rachen über ihm aufsperren. Da oben schabt

er erst mit einer Feile ein wenig Glockenerz ab und will gerade die

Kugelform und das Feuerzeug aus der Jagdtasche nehmen, als er merkt, daß

ihm das Allerwichtigste fehlt: er hat kein Silber bei sich. Soll Kraft

bei der Kugel sein, so muß sie ja dort im Turm gegossen werden. Alles

ist in Ordnung: es ist Donnerstag-Abend und Neumond, und niemand hat

eine Ahnung davon, daß er da ist, und nun kann er nichts machen. In der

Stille der Nacht stößt er einen Fluch aus, und zwar mit einer solchen

Wucht, daß die Glocken dröhnen.

Gleich darauf hört er ein leises Geräusch unten aus der Kirche und es

ist ihm, als höre er Schritte auf der Treppe. Ja, wahrhaftig, schwere

Schritte kommen die Treppe hinauf!

Major Fuchs, der da oben steht und flucht, daß die Glocken widerhallen,

wird ein wenig bedenklich. Er kann nicht umhin, daran zu denken, wer es

wohl ist, der da herauf kommt, um ihm beim Kugelgießen zu helfen. Die

Schritte kommen näher und näher. Der Betreffende will offenbar ganz in

den Glockenturm hinauf.

Der Major schleicht beiseite, ganz zwischen die Balken und Sparren

hinein, und löscht die Hornlaterne aus. Bange ist er ja gerade nicht,

aber die ganze Geschichte würde ja verdorben sein, wenn ihn jemand da

oben erblickte. Kaum hat er sich verkrochen, als der Ankömmling den Kopf

durch das Treppenloch steckt.

Der Major erkennt ihn sofort: es ist der geizige Pfarrer aus Broby. Er,

der fast wahnsinnig ist vor Geiz, pflegt seine Schätze an den

wunderlichsten Stellen zu verstecken. Er kommt jetzt mit einem Päckchen

Papiergeld, das er im Turm verbergen will. Da er nicht weiß, daß ihn

jemand sieht, hebt er eine Diele im Fußboden auf, legt das Geld darunter

und entfernt sich sofort wieder.

Aber der Major ist nicht faul, er hebt dieselbe Diele auf. Nein, welch

eine Menge Geld! Ein Bündel Papiergeld neben dem andern, und dazwischen

braune Lederbeutel voll Silbergeld. Der Major nimmt genau so viel

Silber, wie zu einer Kugel nötig ist; das übrige läßt er liegen.

Als er wieder unten anlangt, hat er die silberne Kugel in der Büchse. Er

geht und denkt darüber nach, ob ihm das Glück in dieser Nacht wohl noch

mehr gute Dinge zugedacht hat; in den Donnerstagnächten können ja die

wunderlichsten Dinge geschehen. Erst macht er einen Gang nach der

Organistenwohnung. Ob der verteufelte Bär wohl weiß, daß Fabers Kühe in

einem elenden Schuppen stehen, so gut wie unter freiem Himmel?

Ja, wahrhaftig! Sieht er nicht etwas Großes, Schwarzes über das Feld auf

den Bretterschuppen zukommen? Das muß der Bär sein!

Er legt die Büchse an die Wange und will schon losdrücken, besinnt sich

aber wieder.

Jungfer Fabers verweinte Augen erscheinen ihm in der Dunkelheit; er

denkt daran, daß er ihr und dem Küster helfen will, aber es kostet ihn

eine große Überwindung, nicht selbst den großen Gurlita-Bären töten zu

sollen. Er sagte selbst hinterher, daß ihn nichts in der Welt so große

Überwindung gekostet habe, aber da die kleine Jungfer eine so feine

kleine Person war, mußte er es tun.

Er geht nach dem Küsterhaus, weckt den Küster, zieht ihn halb

angekleidet und halb nackend heraus und sagt, er solle auf den Bären

schießen, der Fabers Bretterschuppen umschleicht.

»Wenn du den Bären erschießest, so gibt er dir sicher seine Schwester,«

sagt er, »denn dann wirst du auf einmal ein geachteter Mann. Es ist kein

gewöhnlicher Bär, und die besten Männer des Landes würden sich eine Ehre

daraus machen, ihn erlegt zu haben.«

Und er drückt ihm seine eigene Büchse in die Hand, mit der Kugel aus

Silber und Glockenerz geladen und in einem Kirchturm an einem

Donnerstagabend bei Neumond gegossen; aber er zittert vor Neid bei dem

Gedanken, daß ein anderer als er selbst den König des Waldes, den alten

Bären vom Gurlita-Berge, erlegen soll.

Der Küster zielt -- ja, Gott steh uns bei, er zielt, als wolle er den

Großen Bären erschießen, der hoch oben am Himmel sitzt und sich im Kreis

um den Polarstern dreht, nicht aber einen Bären, der auf den Brobyer

Feldern umherspaziert; und der Schuß geht mit einem Knall los, den man

bis oben hinauf auf dem Gurlita-Felsen hören kann.

Aber wie er nun auch gezielt haben mag, der Bär fällt. So ist es, wenn

man mit silbernen Kugeln schießt. Man trifft den Bären ins Herz, selbst

wenn man auf das Himmelsgestirn gezielt hat.

Aus allen Gehöften und Häusern kommen sogleich die Leute herbeigestürzt

und fragen, was da los ist, denn nie hat ein Schuß ärger geknallt und

mehr schlafende Eichhörnchen geweckt als dieser; und der Küster wird

höchlich belobt, denn der Bär ist eine wahre Landplage gewesen.

Auch der kleine Faber kommt heraus, aber nun wird Major Fuchs arg

genarrt. Da steht der Küster, gerühmt und geehrt, und obendrein hat er

Fabers Kühe gerettet, aber der kleine Organist ist weder gerührt noch

dankbar. Er öffnet ihm nicht seine Arme und begrüßt ihn nicht als Held

und Schwager.

Der Major runzelt die Stirn und stampft mit den Füßen vor Zorn über eine

solche Schändlichkeit. Er will reden und dem kleinen geizigen,

engherzigen Kerl erklären, welch eine Heldentat dies ist, aber da fängt

er an zu stottern, so daß er kein Wort herausbringen kann. Und er wird

immer ergrimmter bei dem Gedanken, daß er ohne allen Zweck auf die Ehre

verzichtet hat, den großen Bären zu fällen. Es ist ihm unmöglich, zu

begreifen, daß derjenige, der eine solche Tat vollführt hat, nicht

würdig sein sollte, die stolzeste Braut zu gewinnen.

Der Küster und einige junge Burschen wollen sich daran machen, dem Bären

das Fell abzuziehen; sie gehen an den Schleifstein, um ihre Messer zu

wetzen, die andern gehen nach Hause zu Bett, und der Major bleibt allein

bei dem toten Bären zurück.

Da geht er noch einmal nach der Kirche hinauf, steckt den

Kirchenschlüssel in das Schloß, klettert die schmale Treppe und die

steilen Stiegen hinauf, weckt die schlafenden Tauben und gelangt wieder

in den Glockenraum.

Nach einer Weile, als man dem Bären unter der persönlichen Aufsicht des

Majors das Fell abzieht, findet man in seinem Rachen ein Bündel

Papiergeld -- fünfhundert Reichstaler. Es ist unmöglich zu sagen, wie

das dahin gekommen ist, aber es ist ja ein merkwürdiger Bär, und da der

Küster den Bären erschossen hat, so gehört ihm das Geld, das ist ja ganz

klar.

Als dies bekannt wird, begreift auch der kleine Faber, welche ehrenvolle

Tat der Küster ausgeführt hat, und er erklärt, daß er stolz darauf sein

wird, ihn seinen Schwager zu nennen.

Freitag abend kehrt Major Fuchs nach Ekeby zurück, nachdem er das

Bärenfest im Küsterhaus und den Verlobungsschmaus in der

Organistenwohnung mitgemacht hat. Schweren Herzens wandert er von

dannen, keine Freude empfindet er darüber, daß der Feind gefallen ist,

und keinen Stolz über das prächtige Bärenfell, das ihm der Küster

geschenkt hat.

Vielleicht wird nun mancher denken, er traure darüber, daß die kleine

feine Jungfer einem andern gehören soll. Ach nein, das verursacht ihm

keinen Kummer. Aber was ihm zu Herzen geht, ist, daß der alte einäugige

König des Waldes gefallen ist, ohne daß er Gelegenheit gehabt hat, eine

Kugel auf ihn abzuschießen.

Und dann kommt er in den Kavalierflügel hinauf, wo die Kavaliere um das

Feuer sitzen, und wirft, ohne ein Wort zu sagen, das Bärenfell mitten

unter sie. Niemand muß nun glauben, daß er etwas von seinem Abenteuer

erzählt hat; erst lange nachher gelang es ihnen, ihm den richtigen

Zusammenhang zu entlocken. Auch verriet er nicht das Versteck des

Brobyer Pfarrers, und der hat vielleicht niemals den Diebstahl entdeckt.

Die Kavaliere untersuchten das Fell.

»Ein prächtiger Balg«, sagte Beerencreutz. »Ich möchte wohl wissen, wie

der Bursche aus seinem Winterschlaf herausgekommen ist, oder hast du ihn

vielleicht in der Höhle erschossen?«

Er wurde in Bro erlegt.

»Ja, so groß wie der Gurlita-Bär ist er aber doch nicht«, sagte Gösta.

»Ein mächtiges Tier ist es freilich gewesen.«

»Wäre er einäugig gewesen,« sagt Kevenhüller, »so hätte ich geglaubt, du

hättest den Alten selbst erlegt, so groß ist er; aber dieser hat weder

eine Wunde noch eine Narbe an dem einen Auge, folglich kann er es nicht

sein.«

Fuchs fängt an, über seine Dummheit zu fluchen und zu schwören; nach

einer Weile aber erhellt sich sein Gesicht so, daß er förmlich schön

wird. Dann ist der große Bär also doch nicht von eines andern Mannes

Schuß gefallen!

»Herr Gott, wie bist du gut!« sagt er und faltet die Hände.

Gösta Berling: Erzählungen aus dem alten Wermland · 第 15 / 56 题