Die alten Gefährte

Freunde, Menschenkinder! Sollte der Zufall es so fügen, daß ihr dieses

in später Nacht leset, so wie ich es jetzt in den stillen Nachtstunden

niederschreibe, da sollt ihr nicht erleichtert aufseufzen und denken,

daß die guten Herren Kavaliere sich eines ungestörten Schlafes erfreuen

durften, nachdem sie mit Mariannen nach Hause gekommen und sie in ein

gutes Bett in dem besten Fremdenzimmer neben dem großen Saal zur Ruhe

hatten bringen lassen.

Zu Bett gingen sie freilich und in Schlaf fielen sie auch, aber es

sollte ihnen nicht vergönnt sein, bis zum Mittag ruhig zu schlafen.

Denn man darf nicht vergessen, daß die alte Majorin inzwischen mit dem

Bettelsack und Stab das Land durchschweifte und daß es nie ihre Art

gewesen war, Rücksicht auf die Bequemlichkeit müder Sünder zu nehmen.

Jetzt konnte sie das um so weniger tun, als sie beschlossen hatte, in

dieser Nacht die Kavaliere aus Ekeby zu vertreiben.

Die Zeit, wo sie in Glanz und Herrlichkeit auf Ekeby gesessen und Freude

über die Welt ausgestreut hatte, wie Gott Sterne über den Himmel

ausstreut, die war dahin. Und während sie heimatlos im Lande umherzog,

waren die Macht und die Ehre der großen Besitztümer den Händen der

Kavaliere überlassen, um von ihnen gehütet zu werden, wie der Wind die

Asche hütet, wie die Lenzsonne den Schnee hütet.

Zuweilen geschah es, daß die Kavaliere in einem langen Schlitten mit

fröhlichem Schellengeläute ausfuhren. Begegnete ihnen dann die Majorin,

die gleich einer Bettlerin auf der Landstraße einherwankte, so schlugen

sie die Augen nicht nieder. Die lärmende Schar streckte ihr die

geballten Fäuste entgegen. Durch eine schnelle Wendung des Schlittens

zwangen sie sie in die hohen Schneeschanzen hinein, und Major Fuchs,

der Bärenjäger, versäumte es niemals, dreimal auszuspucken, damit eine

solche Begegnung keine böse Folgen habe.

Sie hatten kein Mitleid mit ihr, sie betrachteten sie wie eine böse

Hexe. Wäre ihr ein Unglück zugestoßen, sie würden sich deswegen nicht

mehr gegrämt haben wie jemand, der in der Walpurgisnacht eine mit

Messingknöpfen geladene Büchse abfeuert, sich darüber grämt, wenn er

zufällig eine vorbeifliegende alte Hexe trifft. Es war für die armen

Kavaliere, als hinge ihrer Seelen Seligkeit davon ab, daß sie die

Majorin verfolgten. Die Menschen haben einander oft auf das grausamste

gepeinigt, wo es sich um ihrer Seelen Seligkeit handelte.

Wenn die Kavaliere spät in der Nacht vom Trinktische nach dem Fenster

schwankten, um zu sehen, ob die Nacht ruhig und sternenklar war, sahen

sie oft einen dunklen Schatten über den Hofplatz gleiten, dann wußten

sie, daß die Majorin gekommen war, um sich nach ihrem geliebten Heim

umzusehen. In solchen Augenblicken hallte der Kavalierflügel wider von

dem Hohngelächter der alten Sünder, und spöttische Bemerkungen flogen

durch die geöffneten Fenster bis zu ihr hinab.

Wahrlich -- Herzlosigkeit und Hochmut hatten angefangen, ihren Einzug bei

den armen Abenteurern zu halten. Sintram hatte Haß in ihre Herzen gesät.

Wenn die Majorin ruhig in Ekeby geblieben wäre, hätten ihre Seelen nicht

in größere Gefahr geraten können. Es fallen mehr Krieger auf der Flucht

als in der Schlacht.

Die Majorin hegte keinen weiteren Zorn gegen die Kavaliere. Hätte sie

ihre alte Macht noch gehabt, so würde sie ihnen die Rute gegeben haben

wie ungezogenen Knaben, um ihnen dann hinterher wieder gut zu sein.

Jetzt aber war sie in Sorge um ihr geliebtes Besitztum, das den

Kavalieren preisgegeben war, um von ihnen gehütet zu werden, wie der

Wolf die Schafe hütet.

Gar mancher hat denselben Kummer durchmachen müssen. Sie ist nicht die

einzige, die es mit angesehen hat, wie sich der Verfall über ein

geliebtes Heim ausbreitet, die fühlt, was es heißt, wenn uns das Heim

unserer Kindheit anschaut wie ein verwundetes Wild. Manch einer fühlt

sich wie ein Verbrecher, wenn er sieht, wie die Bäume von Flechten

überwuchert, wie die Kiesgänge mit Gras bewachsen sind. Er möchte sich

auf die Knie werfen auf diesen Feldern, die einstmals im reichen

Saatenschmucke prangten, und sie bitten, ihm die Schmach nicht

anzurechnen, die man ihnen angetan hat. Er wendet sich ab von den armen

Pferden, es fehlt ihm an Mut, ihrem Blick zu begegnen. Er wagt es nicht,

am Zauntor zu stehen, wenn die Herde von der Weide heimkehrt. Kein Fleck

auf der Welt erweckt so viel bittere Regungen wie ein verfallendes Heim.

Ach, ich bitte euch alle, die ihr Felder und Wiesen und freudespendende

Blumengärten habt, Sorge dafür zu tragen, sie wohl zu pflegen. Pflegt

sie mit Liebe, mit Arbeit! Es ist nicht gut, wenn die Natur über die

Menschen trauern muß.

Wenn ich daran denke, was das stolze Ekeby unter dem Regiment der

Kavaliere leiden mußte, da wünsche ich, daß die Majorin ihr Ziel

erreicht hätte, daß Ekeby den Kavalieren entrissen wäre.

Es war nicht ihre Absicht, selber wieder zur Macht zu gelangen. Sie

hatte nur ein Ziel, ihr Heim von diesen Tollen zu befreien, von diesen

Heuschrecken, diesen Räubern, unter deren Schritten kein Gras wächst.

Während sie bettelnd das Land durchstreifte und von Almosen lebte, mußte

sie unausgesetzt an ihre Mutter denken, und in ihrem Herzen faßte der

Gedanke Wurzel, daß niemals bessere Zeiten für sie kommen würden, ehe

nicht ihre Mutter das Joch des Fluches von ihren Schultern genommen

hatte. Niemand hatte ihr bisher den Tod der Alten vermeldet, folglich

mußte sie noch da oben in den Wäldern leben. Trotz ihrer neunzig Jahre

lebte sie noch in unablässiger Arbeit, sorgte im Winter für ihre

Milchschüsseln und im Sommer für ihre Kohlenmeiler, bis zur Ermüdung

arbeitend, sehnsuchtsvoll den Tag erwartend, an dem ihr Lebensberuf

erfüllt sein würde.

Und die Majorin dachte, wenn die Alte so lange lebe, so habe das sicher

den Zweck, daß sie den Fluch wieder von ihr nehmen solle. Die Mutter,

die ein solches Elend über ihr Kind gebracht hatte, konnte unmöglich

sterben.

So beschloß denn die Majorin, zu der Alten zu gehen, damit sie beide

Ruhe finden könnten. Sie wollte durch die finsteren Wälder wandern, an

dem langen Fluß entlang, bis sie das Heim ihrer Kindheit erreicht hatte.

Eher konnte sie keine Ruhe finden. Gar viele boten ihr in diesen Tagen

ein trautes Obdach und die Gaben einer treuen Freundschaft an, sie aber

hatte keine bleibende Stätte. Barsch und zornig ging sie von Gehöft zu

Gehöft, denn der Fluch bedrückte sie.

Sie wollte zu ihrer Mutter ziehen, vorerst aber wollte sie für ihr

geliebtes Ekeby sorgen. Sie wollte es nicht in den Händen leichtsinniger

Taugenichtse, untüchtiger Zechbrüder, gleichgültiger Verschwender der

Gaben Gottes lassen. Sollte sie gehen und wiederkommen, um ihr Erbe

vergeudet, ihre Schmieden leer, ihre Pferde ausgehungert und ihre

Dienstboten fern zu finden? Nein, noch einmal wollte sie alle ihre Kraft

zusammenraffen und die Kavaliere vertreiben!

Wohl wußte sie, daß es ihrem Gatten eine Freude war, zu sehen, wie ihr

Erbe vergeudet wurde. Aber sie kannte ihn hinreichend, um zu wissen, daß

er, falls sie seine Heuschrecken vertrieb, zu träge sein würde, um für

andere zu sorgen. Waren die Kavaliere erst einmal fort, da würde ihr

alter Verwalter und Vogt die Leitung des ganzen Betriebes übernehmen und

es wieder in die gewohnten Spuren lenken.

Deswegen war ihr finsterer Schatten viele Nächte lang auf den schwarzen

Wegen, die die Eisenwerke umgaben, umhergeschlichen. Sie war bei den

Häuslern ein und aus gegangen, sie hatte unten im untersten Raum der

großen Mühle mit dem Müller und seinen Gesellen geflüstert sie hatte in

dem dunklen Kohlenschuppen mit den Schmieden Rat gepflogen.

Und alle hatten geschworen, ihr zu helfen. Die Ehre und das Ansehen des

großen Besitzes sollte nicht länger den Händen ruchloser Kavaliere

überlassen werden, um von ihnen gehütet zu werden, wie der Wind die

Asche hütet, wie der Wolf die Schafe hütet.

Und in dieser Nacht, in der die munteren Herren getanzt und getrunken

haben, bis sie in todesmüdem Schlaf auf ihre Betten gesunken sind -- in

dieser Nacht sollen sie fort. Sie hat das Maß ihres Übermutes voll

werden lassen. Finsteren Blickes hat sie in der Schmiede gesessen und

gewartet, bis das Fest vorüber war. Sie hat noch länger gewartet, bis

die Kavaliere von ihrer nächtlichen Fahrt zurückkamen, sie hat

schweigend gewartet, bis man ihr vermeldete, daß das letzte Licht im

Kavalierflügel erloschen sei, daß der große Hof schlummernd daliege. Da

erhob sie sich und ging hinaus. Es war bereits fünf Uhr des Morgens,

noch aber wölbte die dunkle, strahlende Februarnacht sich über der Erde.

Die Majorin hieß alle Leute sich am Kavalierflügel versammeln; sie

selber betrat zuerst den Hof. Sie näherte sich dem Hauptgebäude, klopfte

an die Tür und ward eingelassen. Die Tochter des Pfarrers von Broby, die

sie zu einem tüchtigen Dienstmädchen erzogen hatte, nahm sie in Empfang.

»Die gnädige Frau sind herzlich willkommen«, sagte sie, ihr die Hand

küssend.

»Lösche das Licht!« sagte die Majorin. »Glaubst du, daß ich hier den Weg

nicht ohne Licht finden kann?«

Und dann begann sie ihre Wanderung durch das stille Haus. Sie ging vom

Keller bis zum Boden, um Abschied zu nehmen. Leisen Schrittes schlich

sie von einem Zimmer in das andere.

Die Majorin sprach mit ihren Erinnerungen. Das Mädchen seufzte und

schluchzte nicht, doch Träne auf Träne rollte ihr von den Wangen herab,

während sie ihrer Herrin folgte. Die Majorin ließ sie den Leinenschrank

und den Silberschrank öffnen und strich mit der Hand über die feinen

Damastgedecke und über die prächtigen silbernen Kannen. Auf der

Bettenkammer ließ sie die Hand über die hochaufgetürmten Daunenbetten

gleiten. Alles Hausgerät -- Webstühle, Spinnrocken, Garnwinden mußte sie

berühren. Prüfend steckte sie die Hand in die Gewürzlade und befühlte

die Reihen von Talglichten, die unter der Decke hingen.

»Die Lichte sind trocken«, sagte sie. »Sie können herabgenommen und

verwahrt werden.«

In den Keller ging sie, klopfte an die Fässer und ließ die Hand über die

Borde mit den Weinflaschen gleiten. Sie war in Speisekammer und Küche,

sie befühlte, sie untersuchte alles. Sie streckte ihre Hand aus und nahm

von allem in ihrem Hause Abschied.

Schließlich ging sie in die Zimmer. Im Speisesaal ließ sie die Hand über

den großen Klapptisch gleiten.

»Gar mancher hat sich hier an diesem Tisch sattgegessen«, sagte sie.

Sie schritt durch alle Zimmer. Sie fand die langen, breiten Sofas an

ihrem alten Platz, sie streichelte den kalten Marmor der Konsolen, die,

von vergoldeten Greifen getragen, die kostbaren Spiegel stützten.

»Ein reiches Haus«, sagte sie. »Ein herrlicher Mann war der, der mich

zur Herrin über dies alles setzte.«

In dem großen Saal, wo der Tanz noch soeben gewirbelt hatte, standen

schon die hochlehnigen Armstühle wieder in steifer Ordnung an den

Wänden.

Sie trat an das Klavier und schlug leise einen Ton an.

»Auch zu meiner Zeit gebrach es hier nicht an Freude und Frohsinn«,

sagte sie.

Auch in das Fremdenzimmer hinter dem großen Saal ging die Majorin. Es

war stockfinster. Sie tastete mit der Hand vor sich hin und berührte

dabei das Gesicht des Mädchens.

»Weinst du?« fragte sie, denn ihre Hand wurde naß von Tränen.

Da schluchzte das junge Mädchen laut. »Ach, Herrin, teure Herrin,« rief

sie aus, »sie zerstören alles! Weshalb ginget Ihr von uns und ließet die

Kavaliere das ganze Haus zerstören?«

Die Majorin zog die Gardine zur Seite und zeigte in den Hof hinaus.

»Habe ich dich gelehrt, zu weinen und zu jammern?« fragte sie. »Siehe,

der Hof ist voll von Menschen; morgen wird sich nicht ein einziger

Kavalier mehr in Ekeby befinden.«

»Kommt Ihr dann wieder?« fragte das Mädchen.

»Meine Zeit ist noch nicht gekommen«, sagte die Majorin. »Die Landstraße

ist meine Heimat, der Graben mein Bett. Aber du sollst an meiner Statt

über Ekeby wachen, während ich fort bin, Mädchen.«

Und sie gingen weiter. Keins von beiden wußte oder dachte daran, daß

Marianne gerade in diesem Zimmer schlief.

Sie schlief auch nicht. Sie war ganz wach, hörte alles und verstand

alles. Sie hatte in ihrem Bett gelegen und eine Hymne auf die Liebe

gedichtet.

»Du Herrliche, die du mich über mich selber erhoben hast«, sagte sie.

»Ich lag in grenzenlosem Elend, und du hast es in ein Paradies

verwandelt. An dem eisernen Schloß der verriegelten Tür hingen meine

Hände fest, wurden sie mir wund gerissen; auf der Schwelle meines Hauses

liegen meine Tränen zu Perlen von Eis gefroren. Die Kälte des Zornes

durchschauerte mein Herz, als ich die Schläge auf den Rücken meiner

Mutter hörte. In der kalten Schneeschanze wollte ich meinen Zorn

verschlafen; aber da kamst du! O Liebe, du Kind des Feuers, du kamst --

zu der von Kälte Durchschauerten kamst du. Wenn ich mein Elend mit der

Herrlichkeit vergleiche, die mir daraus ersprossen ist, so erscheint es

mir wie nichts. Losgelöst von allen Banden bin ich, habe weder Vater

noch Mutter noch ein Heim mehr. Die Menschen werden alles mögliche

Schlechte von mir glauben und sich von mir abwenden. Wohlan, so geschehe

dein Wille, o Liebe, denn weshalb sollte ich höher stehen als mein

Geliebter? Hand in Hand wollen wir in die Welt hinauswandern. Arm ist

Gösta Berlings Braut. In der Schneeschanze hat er sie gefunden. So laß

uns denn ein Heim zusammen gründen, nicht in den hohen Sälen, sondern in

der Bauernhütte am Waldesrande. Ich will ihm helfen, den Meiler zu

besorgen, ich will ihm helfen, dem Hasen und dem Birkhuhn Schlingen zu

legen, ich will seine Speisen bereiten, seine Kleider flicken. O mein

Geliebter, glaubst du wohl, daß ich trauern und mich sehnen werde, wenn

ich allein am Waldesrande sitze und deiner harre? Das werde ich tun!

Doch nicht nach den Tagen des Reichtums werde ich mich sehnen, nur nach

dir will ich spähen und verlangen, nach deinen Schritten auf dem

Waldpfade, nach deinem frohen Gesang, wenn du mit der Axt über dem

Nacken daherkommst. O mein Geliebter, mein Geliebter! Solange mein Leben

währt, könnte ich sitzen und deiner harren.« -- --

So hatte sie dagelegen und Hymnen an den allmächtigen Gott des Herzens

gedichtet, sie hatte ihre Augen noch nicht geschlossen, als die Majorin

eintrat.

Nachdem sie gegangen war, stand Marianne auf und kleidete sich an. Noch

einmal mußte sie das schwarze Sammetkleid und die dünnen Ballschuhe

anlegen. Sie hüllte sich in ihre Decke wie in einen Schal und eilte noch

einmal in die schreckliche Nacht hinaus.

Ruhig, sternenklar und beißend kalt ruhte die Februarnacht noch über der

Erde; es war, als solle sie niemals ein Ende nehmen. Und die Finsternis

und die Kälte, die diese lange Nacht verbreitete, ruhte noch lange,

lange, nachdem die Sonne aufgegangen war, über der Erde, noch lange,

lange, nachdem die Schneeschanzen, die die schöne Marianne durchwandert

hatte, zu Wasser geworden waren. -- --

Marianne eilte von Ekeby fort, um Hilfe zu schaffen. Sie konnte es nicht

geschehen lassen, daß die Männer, die sie aus dem Schnee aufgehoben und

ihr Haus und Herz geöffnet hatten, vertrieben werden sollten. Sie wollte

nach Sjö hinabgehen, zu Major Samzelius. Sie mußte sich beeilen. Erst in

einer Stunde konnte sie wieder zurück sein.

Als die Majorin von ihrem Heim Abschied genommen hatte, ging sie auf den

Hofplatz hinaus, wo die Leute sie erwarteten, und der Kampf um den

Kavalierflügel begann.

Die Majorin stellte die Leute rings um das hohe, schmale Gebäude auf,

dessen oberes Stockwerk das berüchtigte Heim der Kavaliere ist. In dem

großen Zimmer da oben mit den getünchten Wänden, den rotgemalten Kisten

und dem großen Klapptisch, auf dem die Rabougekarten in dem

verschütteten Branntwein schwimmen, wo die breiten Betten von

gelbgewürfelten Vorhängen verhüllt sind, da schlafen die Kavaliere. Die

Sorglosen!

Und im Stall, vor gefüllten Krippen, schlafen die Kavalierpferde und

träumen von den Fahrten ihrer Jugend. Es ist schön, in Tagen der Ruhe

von den wilden Taten der Jugend zu träumen, von Jahrmarktreisen, wo sie

Tage und Nächte unter offnem Himmel stehen mußten, von Wettfahrten

heimwärts von der Frühmesse am Weihnachtsmorgen, von der Probefahrt vor

dem Pferdetausch, wenn tolle Kavaliere, die losen Zügel in der Hand,

sich über den Wagen hinausbogen, über ihre Rücken und ihnen Flüche in

die Ohren brüllten. Es ist schön zu träumen, wenn sie wissen, daß sie

nie mehr Ekebys volle Krippen verlassen werden. Die Sorglosen!

In einem alten, verfallenen Wagenschuppen, wo unbrauchbare Wagen und

abgedankte Schlitten hineingeworfen werden, befindet sich eine drollige

Sammlung alter Gefährte.

Da stehen grünbemalte Korbschlitten und rot und gelb bemalte

Lattenwagen. Da steht das erste Karriol, das man in Wermland gesehen

hat, das Beerencreutz im Jahre 1814 als Kriegsbeute gewann. Da stehen

alle erdenklichen Arten von Einspännerwagen, Giggs auf schaukelnden

Schwanenhalsfedern, und da stehen Postkarren, lächerliche

Martergerätschaften, deren Bock auf hölzernen Federn ruht. Da findet man

sie, alle die rumpelnden Karren und Kutschen und Gefährte, mit denen

unsere Großeltern auf den Landstraßen durchgerüttelt wurden. Und da

steht der lange Schlitten, der zwölf Kavaliere faßt, und der

Kaleschenschlitten des verfrorenen Vetters Kristoffers, und Örneclous

alter Familienschlitten mit dem mottenzerfressenen Bärenfell und dem

verschlissenen Familienwappen auf dem Schlag, sowie Spitzschlitten. Eine

wahre Unendlichkeit von Spitzschlitten!

Groß ist die Zahl der Kavaliere, die auf Ekeby gelebt haben und dort

gestorben sind. Ihre Namen hat die Welt vergessen; und sie haben keinen

Platz mehr in den Herzen der Menschen, aber die Majorin hat die Gefährte

aufbewahrt, in denen sie auf den Hof kamen. Sie hat sie alle in dem

alten Wagenschuppen gesammelt.

Und da drinnen stehen sie und schlafen und lassen den Staub in dichten

Schichten auf sich fallen. Schrauben und Nägel verlieren ihren Halt in

dem vermoderten Holz. Die Farbe schilpert ab, das Krollhaar in der

Rücklehne und in den Polstern guckt aus den Löchern heraus, die die

Motten gefressen haben. »Laßt uns ruhen, laßt uns auseinanderfallen!«

sagen die alten Gefährte. »Wir haben lange genug auf den Wegen

gehumpelt, und wir haben Feuchtigkeit genug aus Regen und Schnee in uns

eingesogen. Laßt uns ruhen! Lange ist es her, seit wir mit den jungen

Herren zu ihrem ersten Ball ausfuhren, lange ist es her, als wir

frischgewaschen und schimmernd auf die herrlichen Abenteuer der

Schlittenfahrt auszogen, als wir muntere Helden auf aufgeweichten Wegen

in das Lager von Trosnäs trugen. Sie schlafen, die meisten von ihnen,

aber die letzten und besten werden Ekeby nie mehr verlassen, nie mehr!«

Und dann platzt das Oberleder, und dann lösen sich die Ringe von den

Rädern, dann verfaulen Speichen und Radschrauben; die alten Gefährte

machen sich nichts mehr daraus, zu leben; sie wollen sterben. Der Staub

liegt schon auf ihnen wie ein Leichentuch, und unter seinem Schutz

lassen sie das Alter Macht über sich gewinnen. In einem ungestörten

Faulenzerleben stehen sie da und verfallen. Niemand benutzt sie, und

doch werden sie zerstört. Einmal im Jahr tut sich die Tür des

Wagenschuppens auf, wenn ein neuer Kamerad gekommen ist, der sich auf

Ekeby niederlassen will, und sobald sich die Tür wieder geschlossen

hat, legt sich Müdigkeit, Schlaf, Altersschwäche auch über den

Neuangekommenen. Mäuse und Motten und Holzwürmer und wie sie alle heißen

mögen, die Raublustigen, beugen sich über ihn, und er rostet und

zerfällt in stiller, traumloser Ruhe.

Aber jetzt in der Februarnacht läßt die Majorin die Tür weit öffnen.

Beim Schein von Laternen und Lichtern läßt sie die Gefährte

herausführen, die den jetzigen Kavalieren von Ekeby gehören:

Beerencreutz' altes Karriol und Örneclous wappengeschmückten Schlitten,

und die schmale Kalesche, in der Vetter Kristoffer zusammenkroch. Ob es

Winter- oder Sommergefährte sind, daran kehrt sie sich nicht. Sie sorgt

nur dafür, daß jeder das seine bekommt.

Und im Stall werden sie nun geweckt, alle die alten Kavalierpferde, die

eben noch vor den gefüllten Krippen träumten. Einmal noch soll der Traum

Wahrheit werden, ihr Sorglosen! Ihr sollt wieder das muffige Heu in den

Reiseställen der Wirtshäuser fressen, sollt zittern vor der

Knutenpeitsche der betrunkenen Pferdehändler und den wahnsinnigen

Wettfahrten auf dem schimmernden Eis, das so glatt ist, daß ihr davor

bebt, es zu betreten.

Jetzt kommt der rechte Schick über die alten Gefährte, wenn die kleinen

grauen Gebirgspferde vor einen hohen, gerippeartigen Gigg gespannt

werden, oder wenn die langbeinigen, knochigen Reiterpferde vor die

niedrigen Spitzschlitten geschirrt werden. Die alten Tiere schnauben und

wiehern, wenn ihnen der Stangenzaum in das zahnlose Maul gelegt wird,

die alten Gefährte knarren und kreischen. Jammervolle Gebrechlichkeit,

die Erlaubnis hätte haben sollen, bis ans Ende der Welt in Ruhe zu

schlafen, wird jetzt an das Tageslicht gezerrt; steife Knie, lahme

Vorderbeine, Spat und Kropf kommen zum Vorschein.

Den Stallknechten gelingt es aber doch, sie alle vorzuspannen. Dann

gehen sie zu der Majorin und fragen, welch Fuhrwerk Gösta Berling haben

soll, denn wie Gott und jedermann weiß, kam er in der Kohlenkarre der

Majorin nach Ekeby gefahren.

»Spannt Don Juan vor unsern besten Schlitten,« sagt die Majorin, »und

breitet das Bärenfell und die silbernen Glocken darüber.« Und als der

Stallknecht murrt, sagt sie: »Es steht kein Pferd in meinem Stall, das

ich nicht hergeben würde, um den Kerl loszuwerden, müßt ihr wissen!«

So, jetzt sind die Gefährte geweckt und die Pferde, aber die Kavaliere

schlafen noch. Jetzt ist die Reihe an ihnen, in die Winternacht

hinausgeführt zu werden. Aber es ist eine gewagtere Tat, sie in ihren

Betten anzugreifen, als steifbeinige Pferde und alte, verfallene Wagen

herauszuziehen. Sie sind kühne, starke, gefährliche Männer, abgehärtet

durch Hunderte von Abenteuern. Sie sind bereit, sich bis auf den letzten

Blutstropfen zu verteidigen; es ist keine leichte Sache, sie gegen ihren

Willen aus ihren Betten zu holen, hinab in die Wagen, die sie von dannen

führen sollen.

Dann läßt die Majorin eine Strohmiete anzünden, die so nahe am Hofe

steht, daß der Schein zu den schlafenden Kavalieren hineinleuchten muß.

»Die Strohmiete gehört mir, ganz Ekeby gehört mir!« sagt sie. Und als

die Miete in hellen Flammen steht, ruft sie: »Jetzt weckt sie!«

Aber die Kavaliere schlafen hinter wohlverriegelten Türen. Die

Volksschar draußen stößt diesen fürchterlichen, schreckeinflößenden Ruf:

»Feuer! Feuer!« aus. Aber die Kavaliere schlafen.

Der schwere Hammer des Schmieds donnert gegen die Tür, aber die

Kavaliere schlafen.

Ein hartgepreßter Schneeball zertrümmert die Fensterscheibe, fährt in

das Zimmer und prallt gegen den Bettvorhang, aber die Kavaliere

schlafen.

Sie träumen, daß ein schönes Mädchen ihnen ihr Taschentuch zuwirft, sie

träumen von Beifallssalven hinter dem herabgelassenen Vorhang, sie

träumen von munterem Lachen und dem polternden Lärm mitternächtlicher

Gelage. Ein Kanonenschuß vor ihrem Ohr, ein Meer von eiskaltem Wasser

gehört dazu, um sie zu wecken. Sie haben getanzt, musiziert, gesungen

und Komödie gespielt. Sie sind schwer von Wein, todmüde, und sie

schlafen einen Traum so tief wie den Schlaf des Todes.

Dieser gesegnete Schlaf wäre fast ihre Rettung geworden. Die Knechte

fangen an zu glauben, daß diese Stille eine Fahrt in sich birgt. Wie,

wenn es bedeutete, daß sie, die Hand am Gewehr, auf der Wache hinter

Fenster und Türen stehen, bereit, den ersten, der eintritt,

niederzuschießen! Sie sind schlau und streitbar, diese Männer; etwas

müssen sie mit ihrem Schweigen beabsichtigen. Wer kann von ihnen

glauben, daß sie sich überrumpeln lassen wollen wie ein Bär in seiner

Höhle?

Die Leute brüllen: »Feuer! Feuer!« Einmal über das andere, aber es hilft

nichts.

Da, als alle andern zittern, ergreift die Majorin selbst eine Axt und

sprengt die Außentür. Dann läuft sie allein die Treppe hinauf, reißt

die Tür zum Kavalierflügel auf und brüllt: »Feuer!«

Das ist eine Stimme, die besseren Widerklang in den Ohren der Kavaliere

findet als das Gebrüll der Knechte. Gewohnt, dieser Stimme zu gehorchen,

stürzen auf einmal zwölf Männer aus den Betten, sehen den Schein des

Feuers, reißen die Kleider an sich und stürzen die Treppe hinab, hinaus

auf den Hof.

Aber am Tor stehen der große Schmied des Gutes und zwei handfeste

Müllerknechte, und nun kommt eine große Schande über die Kavaliere. Nach

und nach, so wie sie herunterkommen, werden sie gepackt, niedergeworfen,

an Händen und Füßen gebunden und dann ohne weiteres ein jeder nach dem

Gefährt getragen, das für ihn bestimmt war. Niemand entkam. Sie wurden

alle gefangen. Beerencreutz, der barsche Oberst, ward gebunden und

abgeführt, ebenso Kristian Bergh, der starke Hauptmann, und Onkel

Eberhard, der Philosoph. Selbst der unüberwindliche Gösta Berling ward

gefangen. Der Anschlag der Majorin war geglückt, sie ist doch größer als

alle Kavaliere.

Jammervoll sind sie anzusehen, wie sie da mit gebundenen Gliedern in den

alten, wackligen Gefährten sitzen. Mit hängenden Köpfen und schielenden

Blicken sitzen sie da, und der Schloßhof hallt wider von Flüchen und

wilden Ausbrüchen ohnmächtigen Zornes.

Aber die Majorin geht von dem einen zu dem andern. »Schwöre,« sagt sie,

»daß du niemals nach Ekeby zurückkehren willst!«

»Reite du nach dem Blocksberg, du Hexe!«

»Schwöre!« sagt sie, »oder ich werfe dich wieder in den Kavalierflügel,

gebunden, wie du bist, dann kannst du mit ihm zusammen verbrennen, denn

über Nacht brenne ich den Kavalierflügel ab, daß du das nur weißt!«

»Das darf Frau Majorin nicht!«

»Ich es nicht dürfen? Gehört Ekeby nicht mir? Du Schurke! Glaubst du,

ich wüßte es nicht mehr, wie du auf der Landstraße nach mir gespien

hast? Wenn dir recht geschähe, so ließe ich dich und euch alle gleich

verbrennen! Hast du deine Hand zu meiner Verteidigung erhoben, als ich

aus meinem Heim vertrieben wurde? Schwöre!«

Und die Majorin steht da so schreckeinflößend, obwohl sie sich

vielleicht zorniger anstellt, als sie ist, und da stehen so viele Männer

mit großen Äxten um sie herum, daß sie gezwungen sind, zu schwören,

damit nicht ein noch größeres Unglück geschieht.

Aber während dies alles vor sich gegangen, ist die Zeit verstrichen, und

Marianne hat Sjö erreicht. Der Major war ein Frühaufsteher, sie traf ihn

im Hofe, wo er seinen Bären das Frühmahl gereicht hatte. Er machte nicht

viele Worte, legte aber seinen Bären sofort Maulkörbe an, führte sie

hinaus und eilte nach Ekeby.

Marianne folgte ihm. Sie war nahe daran, vor Erschöpfung umzusinken; da

aber sah sie einen Feuerschein am Himmel, und eine namenlose Angst

ergriff sie.

Was für eine Nacht war doch dies! Ein Mann schlägt seine Frau und läßt

sein Kind vor der Tür erfrieren. Wollte nun eine Frau ihre Feinde

einbrennen, und wollte der alte Major seine Bären auf seine eigenen

Leute hetzen?

Sie überwand ihre Ermattung, eilte dem Major voraus und kam zuerst nach

Ekeby, wo die Majorin inmitten ihrer Leute die Gefährte der gebundenen

Kavaliere umstand. Atemlos rief sie: »Der Major! Der Major kommt mit den

Bären!«

Es entstand eine große Bestürzung. Aller Blicke waren auf die Majorin

gerichtet.

»Du hast ihn geholt«, sagte sie zu Marianne.

»Fliehe um Gottes willen!« rief diese noch eifriger. »Ich weiß nicht,

was der Major im Schilde führt, aber er hat seine Bären mitgenommen.«

Alle standen still, die Augen auf die Majorin gerichtet.

»Habt Dank für die Hilfe, liebe Kinder!« sagte sie ruhig zu ihren

Leuten. »Alles, was über Nacht geschehen ist, war so geordnet, daß

niemand von euch deswegen ins Unglück kommen kann. Geht jetzt nach

Hause! Ich will nicht sehen, wie einer von meinen Leuten tötet oder

getötet wird. Geht jetzt!«

Aber die Leute blieben stehen.

Die Majorin wandte sich an Marianne. »Ich weiß, daß du liebst,« sagte

sie, »du handelst im Wahnsinn der Liebe. Möge nie der Tag kommen, an dem

du machtlos zusehen mußt, wie dein Heim zerstört wird! Möchtest du stets

die Herrschaft über deine Zunge und deine Hand behalten, wenn Zorn deine

Seele anfüllt!«

»Aber kommt jetzt, liebe Kinder, kommt jetzt!« fuhr sie zu den Leuten

gewendet fort. »Jetzt muß Gott Ekeby beschützen, ich gehe zu meiner

Mutter. Ach, Marianne, wenn du deinen Verstand wiederbekommst und Ekeby

zerstört ist und das Land in Not seufzt, dann denke an das, was du über

Nacht angerichtet hast, und nimm dich der armen Menschen an!«

Und dann ging sie, und die Leute gaben ihr das Geleit.

Als der Major auf den Hof kam, fand er keine lebende Seele vor außer

Marianne und einer langen Reihe von Wagen und Pferden, eine lange,

betrübliche Reihe, wo Wagen und Pferd und Besitzer alle gleich gering,

alle gleich mitgenommen vom Leben waren.

Marianne ging umher und löste die Gebundenen. Sie bissen die Lippen

zusammen und sahen nach der Seite. Sie schämten sich wie nie zuvor. Ein

größerer Schimpf war ihnen niemals angetan.

»Mir erging es nicht besser, als ich vor ein paar Stunden auf der Treppe

auf den Knien lag«, sagte Marianne.

Und dann, lieber Leser, was sich in jener Nacht weiter zutrug, wie die

alten Gefährte wieder in den Schuppen, die Pferde in den Stall und die

Kavaliere in den Kavalierflügel kamen, das zu erzählen, darauf will ich

mich nicht einlassen. Die Morgenröte begann sich über den Bergen im

Osten zu zeigen, und der Tag brach mit Klarheit und Frieden an. Wieviel

friedlicher sind nicht die hellen, sonnigen Tage als die dunklen Nächte,

unter deren beschützenden Schwingen die Raubtiere jagen und die Eulen

schreien.

Nur das will ich sagen, daß, als die Kavaliere wieder hineingekommen

waren und in der Punschbowle noch einige Tropfen gefunden hatten, die

sie in ihre Gläser füllen konnten, sie eine plötzliche Begeisterung

überkam.

»Die Majorin soll leben, hurrah hoch!« riefen sie.

Sie war doch ein Weib ohnegleichen! Was konnten sie wohl Besseres

verlangen, als ihr zu dienen und sie anzubeten.

War es nicht traurig, daß der Teufel Macht über sie gewonnen hatte, und

daß all ihr Trachten darauf ausging, die Seelen der Kavaliere in die

Hölle zu schicken!

Gösta Berling: Erzählungen aus dem alten Wermland · 第 14 / 56 题