Der Ball auf Ekeby

O, ihr Frauen entschwundener Zeiten! Wenn man von euch spricht, das ist,

als spräche man vom Himmelreich: eitel Schönheit waret ihr, eitel Licht!

Ewig jung, ewig schön waret ihr, milde wie die Augen einer Mutter, wenn

sie ihr Kind anschaut. Weich wie die jungen Eichhörnchen hinget ihr am

Halse des Gatten. Niemals machte der Zorn eure Stimme erbeben, niemals

legte sich eure Stirn in Falten, eure weiche Hand ward niemals rauh oder

hart. Ihr sanften Heiligen! Gleich geschmückten Bildsäulen standet ihr

im Tempel des Hauses. Räucherwerk und Gebete wurden euch geopfert, durch

euch verrichtete die Liebe ihre Wunder, und um euren Scheitel wand die

Poesie ihren goldigstrahlenden Glorienschein.

O, ihr Frauen entschwundener Zeiten, diese Erzählung soll jetzt

berichten, wie eine von euch Gösta Berling ihre Liebe schenkte.

* * * * *

Vierzehn Tage nach dem Balle auf Borg fand ein Fest auf Ekeby statt. Es

war das herrlichste Fest von der Welt. Alte Frauen und Männer konnten

wieder jung werden, konnten lachen und sich freuen, wenn sie nur davon

sprachen.

Aber die Kavaliere waren zu jener Zeit auch Alleinherrscher auf Ekeby.

Die Majorin wanderte mit Bettelsack und Stab im Lande umher, und der

Major wohnte auf Sjö. Er konnte nicht einmal teilnehmen an dem Fest,

denn auf Sjö waren die Blattern ausgebrochen, und er fürchtete die böse

Krankheit weiter zu verbreiten.

Welch eine Fülle von Genuß umschlossen nicht diese zwölf Stunden vom

Knall des ersten Flaschenkorkes bei Tische bis zu dem letzten

Bogenstrich, als die Mitternachtsstunde längst geschlagen hatte. Hinab

in den Abgrund der Zeit sanken sie, diese gekrönten Stunden, angeregt

von feurigem Wein, von den leckersten Speisen, von der herrlichsten

Musik, von den geistreichsten Ausführungen, von den schönsten lebenden

Bildern. Hinab sanken sie, schwindelig von dem wildesten Tanz. Wo gab es

auch wohl so glatte Fußböden, so galante Kavaliere, so schöne Frauen!

Ja, ihr Frauen entschwundener Zeiten! Ekebys Säle wimmeln von den

schönsten aus eurer schönen Schar. Da ist die junge Gräfin Dohna in

ihrer ausgelassenen Fröhlichkeit, stets aufgelegt zu Spiel und Tanz, wie

es sich für ihre zwanzig Jahre ziemt, da sind die drei schönen Töchter

des Landrichters aus Munkerud und die munteren Fräulein aus Berga, da

ist Anna Stjärnhök, tausendmal schöner als früher, in der sanften

Schwermut, die seit jener Nacht, als sie von den Wölfen verfolgt wurde,

über sie gekommen war; da sind noch weit mehr, die wohl noch nicht

vergessen sind, die es aber bald sein werden, und da ist auch die schöne

Marianne Sinclaire.

Sie, die Weitberühmte, die am Hofe des Königs geglänzt, die in

Grafenschlössern gestrahlt hat, die Königin der Schönheit, die durch das

Land gezogen ist und überall Huldigungen in Empfang genommen hat, sie,

die den Funken der Liebe entzündete, wo sie sich zeigte, sie hatte sich

herabgelassen, zu dem Fest der Kavaliere zu erscheinen.

Wermlands Ehre strahlte hell in jenen Zeiten, aufrechterhalten von manch

stolzem Namen. Die fröhlichen Kinder des schönen Landes hatten vieles,

worauf sie stolz sein konnten, wenn sie aber ihre Schätze nannten, so

unterließen sie es niemals, Marianne Sinclaires Namen zu nennen.

Der Ruf von ihren Siegen erfüllte das ganze Land. Man sprach von den

Grafenkronen, die über ihrem Haupt geschwebt hatten, von den Millionen,

die ihr zu Füßen gelegt waren, von den Kriegerschwertern und

Dichterkränzen, deren Glanz ihr gewinkt hatte.

Und sie war nicht allein schön, sie war auch geistreich und belesen. Die

besten Männer der Zeit unterhielten sich gern mit ihr. Eine

Schriftstellerin war sie selber nicht, aber viele ihrer Gedanken, die

sie in die Seelen ihrer dichtenden Freunde gelegt hatte, lebten in

Liedern auf.

In Wermland, im Bärenlande, hielt sie sich nur selten auf. Sie brachte

ihr Leben auf Reisen zu. Ihr Vater, der reiche Melchior Sinclaire, saß

mit seiner Frau daheim auf Björne und ließ Mariannen zu ihren vornehmen

Freunden in die großen Städte oder auf die prächtigen Schlösser reisen.

Er hatte seine Freude daran, von all dem Geld zu erzählen, das sie

verbrauchte, und die beiden Alten lebten glücklich im Glanze von

Mariannens strahlendem Dasein.

Ihr Leben war ein Leben voller Vergnügungen und Huldigungen. Die Luft um

sie her war Liebe, Liebe war ihr Licht, ihre Leuchte, Liebe ihr täglich

Brot.

Oft, gar oft hatte sie selber geliebt, niemals aber hatte eine solche

Flamme lange genug gewährt, daß man in ihr die Fesseln hätte schmieden

können, die fürs Leben binden.

»Ich warte auf die Liebe, die da kommt wie ein Eroberer«, pflegte sie zu

sagen. »Bisher ist sie über keinen Wall geklettert und durch keinen

Graben geschwommen. Ich warte auf die gewaltige Liebe, die mich über

mich selber erhebt; so stark will ich die Liebe in mir fühlen, daß ich

vor ihr erbeben muß; jetzt kenne ich nur die Liebe, über die mein

Verstand lacht.«

Ihre Nähe verlieh dem Worte Feuer und dem Wein Leben. Ihre glühende

Seele beschleunigte den Bogenstrich, der Tanz schwebte leichter,

berauschender über den Boden dahin, sobald sie ihn mit ihrem schmalen

Fuß berührte. Sie strahlte in den lebenden Bildern, sie flößte den

Lustspielen Geist ein, ihre schönen Lippen -- --

Ach, stille, es war nicht ihre Schuld, es war niemals ihre Absicht

gewesen! Der Balkon, der Mondschein, der Spitzenschleier, die

Ritterkleidung, der Gesang waren schuld daran. Die armen jungen Leute

waren ganz unschuldig.

Alles dies, was so viel Unheil anstiften sollte, war doch in der besten

Absicht geplant. Patron Julius, der sich auf alles verstand, hatte ein

lebendes Bild arrangiert, nur damit Marianne in ihrem vollen Glanze

strahlen könne.

Vor der Bühne, die in dem großen Saal zu Ekeby errichtet war, saßen über

hundert Gäste und sahen, wie Spaniens gelber Mond an dem dunklen,

nächtlichen Himmel dahinzog. Ein Don Juan schlich sich über die Straßen

Sevillas und machte halt unter einem efeuumkränzten Balkon. Er war als

Mönch verkleidet, doch sah man eine geflickte Manschette aus dem Ärmel

hervorgucken und eine blanke Schwertspitze unter der Kutte zum Vorschein

kommen.

Der Vermummte stimmte ein Lied an:

»Ich trinke keinen Becher Wein,

Auf keinem roten Mädchenmund

Hat meine Lipp geruht.

Ein Antlitz noch so zart und fein,

Entfacht von meinem Aug in Glut,

Ein Blick, der fleht: 'Ach, sei mir gut!'

Dringt nicht auf meines Herzens Grund.

Kommt nicht in Eurer Schöne Glanz,

Señora, an das Gittertor.

Ich scheue Euren Blick!

Ich trage Kutt und Rosenkranz,

Madonna ists, die ich erkor,

Dem Wein zieh ich den Quelltrunk vor,

Der ist mein Trost, mein Glück!«

Sobald der letzte Ton verklang, trat Marianne in schwarzem

Sammetgewande, in einen Spitzenschleier gehüllt, auf den Balkon. Sie

beugte sich über das Gitter und sang langsam und ironisch:

»Weshalb denn weilst du, frommer Mann,

Um Mitternacht vor dem Altan,

Flehst für mein Seelenheil du bang?«

Plötzlich aber fuhr sie schneller und mit Wärme fort:

»Ach flieh, ach flieh, es geht nicht an!

Dein Degen guckt hervor gar lang,

Man hört durch deinen frommen Sang

Der Silbersporen hellen Klang!«

Bei diesen Worten warf der Mönch seine Vermummung ab, und Gösta Berling

stand in einer Rittertracht aus Gold und Seide unter dem Balkon. Er

kehrte sich nicht an die Warnung der Schönen, sondern kletterte an einer

der Säulen, die den Balkon trugen, hinauf, schwang sich über das Gitter

und fiel -- wie Patron Julius es arrangiert hatte -- der schönen Marianne

zu Füßen.

Sie lächelte ihm holdselig zu, ihm ihre Hand zum Kusse reichend, und

während die beiden jungen Leute einander, von Liebe bezaubert,

betrachteten, fiel der Vorhang.

Und vor ihr lag Gösta Berling mit einem Antlitz, sanft wie das eines

Dichters und keck wie das eines Feldherrn, mit tiefen Augen, die von

Schelmerei und Geist strahlten, die flehten und drohten. Geschmeidig und

kräftig war er, feurig, berückend.

Während der Vorhang aufgerollt und wieder herabgelassen wurde, verharrte

das junge Paar regungslos in derselben Stellung. Göstas Augen sahen

unverwandt die schöne Marianne an, sie flehten und drohten.

Dann verstummte der Beifall. Der Vorhang ward nicht wieder aufgezogen,

niemand sah die beiden.

Da beugte die schöne Marianne sich hinab und küßte Gösta Berling. Sie

wußte nicht, weshalb sie es tat, sie mußte es tun. Er schlang den Arm

um ihren Hals und preßte sie an sich. Sie küßte ihn wieder und wieder.

Aber der Balkon, der Mondschein, der Spitzenschleier, die Rittertracht,

der Gesang, der Beifall waren schuld daran; die armen jungen

Menschenkinder waren ganz unschuldig. Sie hatten es nicht gewollt. Sie

hatte die Grafenkronen nicht von sich gestoßen, die über ihrem Haupte

schwebten, war nicht an den Millionen vorübergeschritten, die zu ihren

Füßen lagen, weil sie sich nach Gösta Berling sehnte, und er hatte Anna

Stjärnhök noch nicht vergessen. Nein, sie hatten keine Schuld daran,

keiner von ihnen hatte es gewollt.

Der sanfte Löwenberg, dem die Träne im Auge und das Lächeln auf den

Lippen schwebte, zog an jenem Tage den Vorhang auf. Bedrückt von der

Erinnerung vieler kummervoller Ereignisse, schenkte er den Dingen dieser

Welt nur wenig Aufmerksamkeit, hatte er es nie gelernt, sie gebührend zu

beachten. Als er nun sah, daß Marianne und Gösta eine neue Stellung

eingenommen hatten, meinte er, daß dies mit zu der Aufführung gehöre,

und zog den Vorhang nochmals wieder auf.

Das junge Paar auf dem Balkon merkte nichts, ehe der Beifallssturm sie

abermals umbrauste.

Marianne schreckte auf, sie wollte entfliehen, Gösta aber hielt sie

zurück und flüsterte ihr zu: »Stehe still, man glaubt, daß dies mit zu

den lebenden Bildern gehört.«

Er fühlte ihren Körper vor Angst erbeben, und die Glut der Küsse erlosch

auf ihren Lippen.

»Fürchte dich nicht,« flüsterte er, »schöne Lippen haben ein Recht zu

küssen.«

Sie mußten stillstehen, während der Vorhang fiel und wieder aufging und

Hunderte von Augen sie jedesmal anstarrten, Hunderte von Händen ihnen

stürmischen Beifall zuklatschten.

Denn es ist erhebend, zwei schöne junge Menschen eine Darstellung von

dem Glück der Liebe geben zu sehen. Niemand kam auf den Gedanken, daß

die Küsse etwas anderes sein könnten als Theaterblendwerk, niemand

ahnte, daß die Señora vor Scham errötete, daß der Ritter vor Unruhe

bebte. Sie alle glaubten, daß das mit zur Aufführung gehöre.

Endlich standen Marianne und Gösta hinter der Bühne Sie strich sich mit

der Hand das Haar aus der Stirn. »Ich verstehe mich selber nicht«, sagte

sie.

»Pfui Kuckuck, Fräulein Marianne,« sagte er, machte eine Grimasse und

eine abwehrende Bewegung mit den Händen, »Gösta Berling zu küssen! Pfui

Kuckuck!«

Marianne mußte lachen.

»Alle Welt weiß ja, daß Gösta Berling unwiderstehlich ist. Mein Vergehen

ist nicht größer als das anderer.«

Und sie kamen überein, daß sie gute Miene dazu machen wollten, damit

niemand Verdacht über den wahren Sachverhalt schöpfen solle.

»Kann ich mich darauf verlassen, daß die Wahrheit nie ans Licht kommt,

Herr Gösta?« fragte sie, ehe sie sich unter die Zuschauer begaben.

»Darauf kann Fräulein Marianne sich verlassen. Die Kavaliere wissen zu

schweigen, für die stehe ich ein.«

Sie schlug die Augen nieder, und ein eigentümliches Lächeln kräuselte

ihre Lippen.

»Wenn nun die Wahrheit trotzdem ans Licht kommen sollte, was werden die

Leute dann nur einmal von mir denken, Herr Gösta?«

»Sie werden nichts denken; sie werden wissen, daß die Sache nichts zu

bedeuten hat. Sie werden meinen, daß wir in der Rolle gewesen sind und

weiter gespielt haben.«

Noch eine Frage schlich sich unter dem gesenkten Blick, unter dem

erzwungenen Lächeln hervor: »Was aber denkt Herr Gösta selber davon?«

»Ich denke, daß Fräulein Marianne in mich verliebt ist«, lachte er.

»So etwas sollte Herr Gösta nicht glauben,« erwiderte sie lächelnd, »da

müßte ich Herrn Gösta mit diesem spanischen Dolch durchbohren, um ihm zu

beweisen, daß er unrecht hat.«

»Teuer sind Frauenküsse«, sagte Gösta. »Kostet es das Leben, von

Fräulein Marianne geküßt zu werden?«

Da traf ihn ein Blick aus Mariannens Augen, der war so scharf, daß er

ihn wie einen Dolchstoß empfand.

»Ich möchte Ihn tot vor mir sehen, Gösta Berling, tot, tot!«

Diese Worte erweckten aufs neue ein altes Sehnen in der Brust des

Poeten.

»Ach,« sagte er, »wären doch diese Worte mehr als Worte. Wären sie

Pfeile, die aus dem finstern Dickicht herausflögen, wären sie ein Dolch

oder Gift -- hätten sie doch die Macht, diesem elenden Körper ein Ende zu

machen, meiner Seele die Freiheit zu geben!«

Sie hatte ihre Ruhe wiedergewonnen und lächelte. »Torheiten«, sagte sie,

seinen Arm ergreifend, um sich zu den Gästen zu begeben.

Sie behielten ihre Kostüme an, und ihr Triumph wiederholte sich, sobald

sie sich im Publikum zeigten. Alle waren des Lobes voll, niemand hegte

den geringsten Verdacht.

Der Ball nahm seinen Fortgang, Gösta aber floh aus dem Tanzsaal. Sein

Herz krümmte sich unter Mariannens Blick, als habe es ein scharfer

Strahl getroffen. Er verstand sehr wohl den Sinn ihrer Worte. Eine

Schande war es, ihn zu lieben, eine Schande, von ihm geliebt zu werden,

eine Schande, schlimmer als der Tod. Er wollte nie wieder tanzen, wollte

sie nicht wiedersehen, die schönen Frauen. Er wußte es nur zu gut: diese

schönen Augen, diese roten Wangen strahlten nicht für ihn. Für ihn

schwebten diese leichten Füße nicht, für ihn erklang nicht dies

gedämpfte Lachen. Ja, mit ihm tanzen, mit ihm schwärmen, das konnten

sie, keine von ihnen aber wollte im Ernst die Seine werden.

Der Poet begab sich zu den alten Herren ins Rauchzimmer und nahm Platz

an einem der Spieltische. Zufälligerweise kam er an denselben Tisch, an

dem der mächtige Herr von Björne saß; bald spielte er, bald hielt er

Bank und häufte eine ganze Menge von Sechs- und Zwölfschillingstücken

vor sich auf.

Man spielte bereits hoch, Gösta aber brachte noch mehr Fahrt hinein. Die

grünen Scheine kamen zum Vorschein, und der Geldhaufen vor dem mächtigen

Melchior Sinclaire wuchs von Minute zu Minute.

Aber auch vor Gösta häufte sich das Kupfer- und Papiergeld an, und bald

war er der einzige, der den Kampf mit dem Besitzer von Björne aushielt.

Es währte denn auch nicht lange, bis der große Geldhaufen von Melchior

Sinclaire zu Gösta Berling hinüberwanderte.

»Nun, Gösta,« rief der Gutsherr lachend, als er alles verspielt hatte,

was sich in seiner Börse und in seinem Taschenbuch befand, »was sollen

wir jetzt anfangen? Ich bin völlig ausgeplündert, und mit geliehenem

Gelde spiele ich niemals, das habe ich meiner Mutter versprochen.«

Er fand aber einen Ausweg. Er verspielte seine Uhr und seinen Biberpelz

und war gerade im Begriff, sein Pferd und seinen Schlitten aufs Spiel zu

setzen, als Sintram ihn davon zurückhielt.

»Setze doch lieber gleich etwas ein, was sich verlohnt«, rief der böse

Besitzer von Fors. »Nimm etwas, was den Unglücksbann brechen kann!«

»Der Teufel mag wissen, was ich aussetzen soll!«

»Spiel um dein rotestes Herzblut, Melchior, spiel um deine Tochter!«

»Das kann der Herr Sinclaire getrost wagen«, lachte Gösta. »Den Preis

bekomme ich nimmer unter mein Dach!«

Der mächtige Melchior konnte ebenfalls nicht umhin zu lachen. Er duldete

es nur ungern, daß Mariannens Name am Spieltisch genannt wurde, aber

diese Idee war zu toll, um darüber böse zu werden. Mariannen an Gösta zu

verspielen -- ja, das konnte er getrost wagen.

»Das heißt, Gösta,« erklärte er, »unter der Bedingung, daß, wenn du ihr

Jawort erringen kannst, so setze ich meinen väterlichen Segen auf diese

Karte.«

Gösta setzte seinen ganzen Gewinn dagegen, und das Spiel begann. Er

gewann, und der Gutsherr Melchior Sinclaire hielt mit dem Spielen inne.

Gegen das Unglück konnte er nicht ankämpfen, das sah er ein. -- --

Nun, Gösta Berling, pocht nicht dein Herz bei alledem! Begreifst du

nicht, was dein Schicksal will? Was bedeuteten Mariannens Küsse, was

bedeutete Mariannens Zorn? Verstehst du dich denn nicht mehr auf

Weiberherzen? Und nun dies gewonnene Spiel! Siehst du denn nicht, daß

das Schicksal will, was die Liebe will? Auf, Gösta Berling!

Nein, an diesem Abend ist Gösta Berling nicht in Erobererlaune. Er murrt

über die Unbeugsamkeit des Schicksals. Warum wird Liebe nur von Liebe

gestillt? Er weiß, wie alle diese schönen Lieder enden. Liebe kann er

bekommen, aber keine Gattin. Es kann nicht nützen, das zu versuchen. --

Die Nacht verstrich, es war bereits über Mitternacht. Die Wangen der

schönen Damen fingen an zu erbleichen, die Locken fielen aus, die

Spitzengarnituren waren zerdrückt. Die alten Damen erhoben sich aus

ihren Sofaecken und sagten, das Fest habe nun volle zwölf Stunden

gedauert, da sei es Zeit, aufzubrechen.

Und das schöne Fest sollte wirklich ein Ende haben, da aber griff

Liliencrona selber zur Fiedel und spielte die letzte Polka. Die

Schlitten hielten vor den Türen, die alten Damen hüllten sich in ihre

Pelze und Kapuzen, die alten Herren knoteten die Schals um den Hals und

knöpften die Pelzstiefel zu.

Die Jungen aber konnten sich nicht vom Tanz losreißen. Sie tanzten in

ihren warmen Hüllen, es war ein wildes, wahnsinniges Tanzen. Sobald ein

Kavalier eine Dame zu Platz führte, kam ein anderer und riß sie mit sich

fort.

Selbst der schwermütige Gösta Berling wurde mit hineingezogen in diesen

Wirbel. Er wollte den Kummer und die Demütigung forttanzen, er wollte

sich brausende Lebenslust ins Blut tanzen, er wollte fröhlich sein wie

die andern. Und er tanzte, so daß die Wände im Saal sich drehten und

seine Gedanken schwindelten.

Aber was für eine Dame war es denn, die er aus der Menge mit sich

fortgerissen hatte? Sie war leicht und geschmeidig, und es war ihm, als

wenn Feuerströme zwischen ihm und ihr hin und her zuckten. Ach,

Marianne!

Während Gösta mit Marianne tanzte, saß Sintram bereits unten im Hof in

seinem Schlitten, und neben ihm stand Melchior Sinclaire. Der mächtige

Gutsherr war ungeduldig, weil er auf Marianne warten mußte. Er stampfte

mit den großen Pelzstiefeln in den Schnee und machte sich Bewegung mit

den Armen, denn es war bitter kalt.

»Du solltest doch nicht am Ende Marianne an Gösta verspielt haben,

Sinclaire?« sagte Sintram.

»Wie beliebt?«

Sintram ordnete die Zügel und hob die Peitsche in die Höhe, dann

erwiderte er: »Diese Küsserei vorhin gehörte nicht mit zu den lebenden

Bildern.«

Der mächtige Gutsherr erhob den Arm zu einem vernichtenden Schlage, aber

Sintram war bereits fort. Er fuhr dahin, hieb auf die Pferde ein, so daß

sie in wilder Flucht von dannen jagten, und wagte es nicht, sich

umzusehen; denn Melchior Sinclaire hatte eine schwere Hand und eine

kurze Geduld.

Der Besitzer von Björne begab sich nun in den Tanzsaal, um seine Tochter

zu holen, und da sah er denn, wie Gösta und Marianne tanzten.

Wild und stürmisch war die letzte Polka. Einige Paare waren bleich,

andere glühendrot; der Staub lag gleich einer Rauchwolke über dem Saal,

die Wachskerzen flackerten tief herabgebrannt in den Leuchtern, und

inmitten all dieser ungemütlichen Zerstörung flogen sie dahin -- Gösta

und Marianne, königlich in ihrer unerschöpflichen Kraft, ohne Makel an

ihrer Schönheit, glücklich in dem Gefühl, sich dieser herrlichen

Bewegung ganz hingeben zu können.

Als Marianne aufhörte zu tanzen und nach ihren Eltern fragte, waren

diese nach Hause gefahren. Sie ließ sich jedoch ihre Überraschung nicht

merken, sondern kleidete sich ruhig an und ging hinaus. Die Damen im

Toilettenzimmer glaubten, daß sie im eigenen Schlitten fahre.

Sie aber eilte in ihren dünnen, seidenen Schuhen den Weg entlang, ohne

jemand ihre Not zu klagen. In der Finsternis erkannte keiner der Gäste

sie, wie sie dort am Rande des Weges ging, niemand würde geglaubt haben,

daß diese nächtliche Wanderin, die von den vorübereilenden Schlitten in

die hohen Schneeschanzen gedrängt wurde, die schöne Marianne sei. Sobald

sie ungestört in der Mitte des Weges gehen konnte, fing sie an zu

laufen. Sie lief, solange sie konnte, ging dann eine Strecke und lief

darauf wieder. Eine unheimliche, qualvolle Angst trieb sie vorwärts.

Von Ekeby bis Björne ist nur eine Viertelmeile. Marianne war bald zu

Hause, aber sie glaubte beinahe, daß sie sich verirrt habe. Als sie auf

den Hof kam, waren alle Türen verschlossen, alle Lichter ausgelöscht,

sie glaubte anfänglich, daß ihre Eltern noch nicht nach Hause gekommen

seien.

Sie ging an die Haustür und klopfte mit einigen schweren Schlägen an.

Sie faßte an das Schloß und rüttelte daran, daß es im ganzen Hause

widerhallte. Niemand kam und öffnete; als sie aber die eiserne Türklinke

loslassen wollte, die sie mit den bloßen Händen erfaßt hatte, riß sie

sich die an dem Metall festgefrorene Haut von den Händen.

Der mächtige Gutsherr Melchior Sinclaire war nach Hause gefahren, um

seinem einzigen Kinde die Tür zu verschließen. Er war berauscht von

Getränken, wild vor Zorn. Er haßte seine Tochter, weil sie Gösta Berling

liebte. Jetzt sperrte er die Dienstboten in die Küche und seine Frau in

die Schlafstube. Mit kräftigen Eiden gelobte er, denjenigen

totzuschlagen, der es wagen würde, Marianne einzulassen. Und man wußte,

daß er Wort halten würde.

So erzürnt hatte ihn noch niemand gesehen. Ein größerer Kummer war ihm

noch niemals widerfahren. Wäre ihm seine Tochter vor die Augen gekommen,

so würde er sie vielleicht getötet haben.

Er hatte ihr goldenes Geschmeide und seidene Kleider geschenkt; er hatte

ihr eine feine Bildung und eine wissenschaftliche Erziehung zuteil

werden lassen. Sie war sein Stolz gewesen, seine Ehre. Er hatte zu ihr

aufgesehen, als trüge sie eine Krone. Ach! seine Königin, seine Göttin,

seine angebetete, schöne, stolze Marianne! Hatte er jemals gespart, wo

es sich um sie gehandelt hatte? Hatte er sich nicht zu niedrig gefühlt,

um ihr Vater sein zu können? Ach, Marianne, Marianne!

Mußte er sie nicht hassen, wenn sie in Gösta Berling verliebt war und

ihn küßte! Mußte er sie nicht verstoßen, ihr seine Tür verschließen,

wenn sie seine Hoheit kränkte, indem sie einen solchen Mann liebte! Laßt

sie auf Ekeby bleiben, laßt sie zu den Nachbarn laufen, um Nachtquartier

zu begehren, laßt sie im Schnee schlafen, das ist einerlei, sie ist doch

schon durch den Schmutz geschleift, die schöne Marianne. Der Glanz von

ihr ist fort. Der Glanz von seinem Leben ist dahin!

Er liegt in seinem Bett und hört sie an die Haustür klopfen. Was geht

das ihn an! Er schläft! Da draußen steht die Dirne, die sich mit einem

abgesetzten Pfarrer verheiraten will -- für die hat er kein Heim. Hätte

er sie weniger geliebt, wäre er weniger stolz auf sie gewesen, so hätte

er sie hereinlassen können.

Ja, seinen Segen kann er ihnen nicht verweigern. Den hatte er verspielt.

Ihr aber seine Tür öffnen, das wollte er nicht. Ach, Marianne!

Das schöne junge Mädchen stand noch immer vor der Tür des Hauses. Bald

rüttelte sie in ohnmächtigem Zorn an dem Schloß, bald fiel sie auf die

Knie, faltete ihre zerfleischten Hände und flehte um Vergebung.

Niemand aber hörte sie, niemand antwortete, niemand öffnete ihr.

Ach, war dies nicht schrecklich! Entsetzen erfaßt mich, während ich dies

erzähle. Sie kam von einem Ball, dessen Königin sie gewesen war. Sie war

stolz, reich, glücklich gewesen, und einen Augenblick später war sie in

ein so bodenloses Elend gestürzt. Aus ihrem Hause ausgeschlossen, der

Kälte preisgegeben, nicht verhöhnt, nicht geschlagen, nicht verflucht,

nur mit kalter, mitleidsloser Härte ausgeschlossen.

Ich denke an die kalte, sternklare Nacht, die sie umgab, diese große,

weiße Nacht mit den leeren, öden Schneefeldern, mit den stillen Wäldern.

Alles schlief, alles war in schmerzlosen Schlummer versenkt; nur einen

einzigen lebenden Punkt gab es in diesem schlafenden Weiß. Aller Kummer,

alle Angst, alle Sorgen, die sonst über die ganze Welt verteilt sind,

schlichen an diesen einen Punkt heran. Ach Gott! so allein mitten in der

schlafenden, steifgefrorenen Welt leiden zu müssen!

Zum erstenmal in ihrem Leben trat ihr Unbarmherzigkeit und Härte

entgegen. Ihre Mutter wollte nicht einmal aus ihrem Bette aufstehen, um

sie zu erretten. Alte, treue Diener, die ihre ersten Schritte geleitet

hatten, hörten sie und rührten keine Hand für sie.

Für welch ein Verbrechen wurde sie denn gestraft? Wo durfte sie auf

Barmherzigkeit hoffen, wenn nicht an dieser Tür? Wenn sie einen Menschen

gemordet hätte, würde sie dennoch angepocht haben im festen Glauben, daß

die da drinnen ihr verzeihen würden. Wenn sie zu dem erbärmlichsten von

allen Wesen herabgesunken und elend in Lumpen verkommen wäre, so würde

sie dennoch an diese Tür geklopft und einen liebevollen Empfang erwartet

haben. Diese Tür war der Eingang zu ihrem Heim -- hinter dieser Tür

konnte ihrer nur Liebe harren.

Hatte ihr Vater sie denn jetzt nicht genugsam geprüft? Würde er ihr

nicht bald öffnen?

»Vater, Vater!« rief sie. »Laß mich ein! Mich friert, ich zittere vor

Kälte. Es ist entsetzlich hier draußen!«

»Mutter, Mutter! Die du so viele Schritte mir zuliebe getan, die du so

viele Nächte meinetwillen gewacht hast, weshalb schläfst du jetzt?

Mutter, Mutter, so wache doch noch diese eine Nacht, und ich will dir

nie wieder Kummer bereiten.«

Sie ruft und versinkt dann in atemloses Schweigen, um einer Antwort zu

lauschen. Niemand aber hörte sie, niemand gehorchte ihr, niemand

antwortete.

Da ringt sie die Hände in wilder Angst, aber ihre Augen haben keine

Tränen.

Das lange dunkle Haus mit seinen verschlossenen Türen und schwarzen

Fenstern liegt unheimlich, unbeweglich da in der Nacht. Was sollte jetzt

nur aus ihr werden, heimatlos wie sie war? Gebrandmarkt, entehrt war

sie, solange der Himmel dieser Erde sich über ihr wölbte. Und ihr Vater

selber drückte ihr dies glühende Eisen auf die Schulter!

»Vater!« rief sie noch einmal, »was soll aus mir werden? Die Menschen

werden das Schlimmste von mir glauben.«

Sie weinte und jammerte, ihr Körper war starr vor Kälte.

Ach, daß ein solcher Jammer über einen Menschen hereinbrechen kann, der

eben noch so hoch stand! Ach, es gehört nicht viel dazu, um in das

tiefste Elend gestürzt zu werden! Muß uns nicht bange werden vor dem

Leben? Wer sitzt in einem sicheren Fahrzeug? Rings um uns her wogt die

Sorge gleich einem stürmischen Meer; begehrlich lecken die Wogen an den

Seiten des Schiffleins herauf, siehe, sie brausen auf, um es zu

überwältigen. Kein sicherer Halt, kein fester Boden, kein zuverlässiges

Fahrzeug, soweit das Auge reicht, nur ein unbekannter Himmel über einem

Meer von Kummer. -- --

Aber horch! endlich, endlich! Über die Diele nahen leichte Schritte.

»Bist du es, Mutter?« fragt Marianne.

»Ja, mein Kind.«

»Kann ich jetzt hineinkommen?«

»Der Vater will dich nicht einlassen.«

»Ich bin in meinen dünnen Schuhen von Ekeby bis hierher durch den Schnee

gelaufen. Ich habe hier eine Stunde gestanden und gerufen. Ich friere

tot hier draußen. Weshalb seid ihr mir fortgefahren?«

»Mein Kind, mein Kind, weshalb küßtest du Gösta Berling?«

»Aber so sage dem Vater doch, daß ich ihn deswegen nicht liebe. Es war

ja ein Spiel. Glaubt er, daß ich Gösta heiraten will?«

»Geh auf den Pachthof hinab, Marianne, und bitte, daß sie dich dort für

die Nacht aufnehmen. Der Vater ist trunken. Er will keine Vernunft

annehmen. Er hat mich oben gefangen gehalten. Ich schlich hinaus, als

ich glaubte, daß er schliefe. Er schlägt dich tot, wenn du ins Haus

kommst.«

»Mutter, Mutter, soll ich zu Fremden gehen, wenn ich ein Heim habe? Ist

denn meine Mutter ebenso hart wie mein Vater? Wie kannst du es nur

zugeben, daß ich ausgeschlossen werde? Ich lege mich hier draußen in den

Schnee, wenn du mich nicht einläßt!«

Da legte Mariannens Mutter die Hand auf das Schloß, um zu öffnen. Im

selben Augenblick aber wurden schwere Tritte auf der Treppe hörbar, und

eine scharfe Stimme rief nach ihr.

Marianne lauschte, ihre Mutter eilte von dannen, die scharfe Stimme

schalt sie aus -- und dann -- --

Marianne hörte etwas Entsetzliches -- sie konnte jeden Ton hören in dem

stillen Haus.

Sie hörte den Schall eines Schlages, eines Stockschlages oder einer

Ohrfeige, dann vernahm sie ein schwaches Geräusch und dann abermals

einen Schlag.

Er schlug ihre Mutter, der schreckliche, der riesenhafte Melchior

Sinclaire schlug seine Frau!

Und in bleichem Entsetzen warf sich Marianne auf die Türschwelle nieder

und wand sich in ihrer Angst. Jetzt weinte sie und ihre Tränen gefroren

zu Eis auf der heimatlichen Schwelle.

Gnade und Erbarmen! Öffnet, öffnet, damit sie hineinkommen und ihren

Rücken unter den Schlägen beugen kann! Ach, daß er ihre Mutter schlagen

kann, weil sie ihre Tochter nicht im Schnee erfrieren lassen will, weil

sie ihr Kind trösten wollte!

Tief erniedrigt ward Marianne in jener Nacht. Sie hatte geträumt, daß

sie eine Königin sei, und lag nun dort, nicht viel besser als eine

gepeitschte Sklavin.

Aber sie erhob sich in kaltem Zorn. Noch einmal schlug sie ihre blutige

Hand gegen die Tür und rief: »Höre, was ich dir sage, du, der du meine

Mutter schlägst. Du sollst weinen, Melchior Sinclaire, weinen sollst

du!«

Dann ging die schöne Marianne hin und legte sich in den Schnee zur Ruhe.

Sie warf den Pelz ab und lag dort in ihrem schwarzen Sammetkleide, das

sich von dem weißen Schnee grell abhob. Sie lag da und malte es sich

aus, wie ihr Vater am nächsten Tage bei seiner frühen Morgenwanderung

herauskommen und sie dort finden würde. Sie hatte nur den _einen_ Wunsch,

daß er selber sie finden möge.

O Tod, bleicher Freund, ist es denn ebenso wahr, wie es tröstlich ist,

daß ich nie umhin kann, dir zu begegnen. Auch zu mir, dem saumseligsten

von den Arbeitern der Erde, kommst du einmal, ziehst den verschlissenen

Lederschuh von meinem Fuß, reißest mir den Breilöffel und die Mehltonne

aus der Hand, nimmst mir die Arbeitskleider vom Leibe. Mit sanfter Hand

streckst du mich auf das spitzenverzierte Lager und schmückst mich mit

langen, gestickten Linnenkleidern.

Meine Füße bedürfen der Schuhe nicht mehr, aber meine Hände werden mit

schneeweißen Handschuhen bedeckt, die keine Arbeit beschmutzen soll. Von

dir der süßen Ruhe geweiht, schlafe ich einen tausendjährigen Schlaf.

O Erlöser! der saumseligste von den Arbeitern der Erde bin ich, und ich

träume mit einem Schaudern von Wollust von dem Augenblick, in dem ich in

dein Reich aufgenommen werden soll.

Bleicher Freund, an mir kannst du gern deine Kraft üben, aber ich sage

dir, härter war der Kampf gegen die Frauen entschwundener Zeiten! Die

Lebenskräfte waren stark in ihren schlanken Körpern, keine Kälte konnte

ihr warmes Blut kühlen.

Du hattest die schöne Marianne auf dein Lager gelegt, o Tod, und du

saßest an ihrer Seite, wie ein altes Kindermädchen an der Wiege sitzet,

um das Kind in Schlaf zu lullen. Du treue alte Amme, die du weißt, was

gut ist für die Kinder der Menschen, wie muß es dich nicht erbosen, wenn

die Spielgefährten mit Lärm und Getöse kommen und dein halbschlummerndes

Kind aufwecken. Wie konntest du anders als zürnen, als die Kavaliere die

schöne Marianne von dem Lager aufhoben, als ein Mann sie an seine Brust

preßte und warme Tränen aus seinen Augen auf ihr Antlitz fielen.

Auf Ekeby waren alle Lichter gelöscht, alle Gäste hatten sich

verabschiedet. Die Kavaliere standen oben im Kavalierflügel allein um

die letzte, halbgeleerte Punschbowle.

Da schlug Gösta an die Bowle und hielt eine Rede auf euch, ihr Frauen

entschwundener Zeiten. Von euch zu reden, sagte er, sei, als rede man

vom Himmelreich, eitel Schönheit wäret ihr, eitel Licht. Ewig jung, ewig

schön wäret ihr und milde wie die Augen einer Mutter wenn sie ihr Kind

anschaut. Weich wie die jungen Eichhörnchen hinget ihr an dem Halse des

Gatten. Niemals hörte man eure Stimme im Zorn erbeben, niemals legte

sich eure Stirn in Falten, eure weiche Hand wurde niemals rauh und hart.

Sanfte Heilige wäret ihr, geschmückte Bildsäulen im Tempel des Hauses.

Die Männer lägen euch zu Füßen, opferten euch Räucherwerk und Gebete.

Durch euch verrichte die Liebe ihre Wunder, um eure Stirn schlänge die

Poesie ihren goldstrahlenden Glorienschein.

Und die Kavaliere sprangen auf, wirr vom Wein, wirr von seinen Worten,

ihr Blut wallte auf vor Festesfreude. Der alte Onkel Eberhard und der

träge Vetter Kristoffer hielten sich nicht zurück von dem Scherz. In

fliegender Eile spannten die Kavaliere Pferde vor die Schlitten und

eilten hinaus in die kalte Nacht, um denen noch eine Huldigung zu

bringen, denen man niemals genügend huldigen kann, um einer jeden von

denen, deren rote Wangen und helle Augen vor wenigen Stunden in Ekebys

großen Sälen gestrahlt hatten, eine Serenade zu bringen.

Aber die Kavaliere kamen nicht weit auf diesem Zuge, denn gleich, als

sie nach Björne kamen, fanden sie die schöne Marianne an der Türe ihres

Heims im Schnee liegen.

Sie schauderten und ergrimmten, als sie sie daliegen sahen. Es war, als

hätten sie ein angebetetes Heiligenbild zertrümmert und beraubt vor der

Kirchentür gefunden, es war, als habe ein Missetäter den Bogen einer

Stradivarius-Geige zerbrochen und die Saiten zerrissen.

Gösta drohte mit geballter Faust in der Richtung nach dem dunklen Hause

zu. »Ihr Kinder des Hasses!« rief er; »ihr Hagelschauer, ihr Nordwinde,

ihr Zerstörer von Gottes Paradies!«

Beerencreutz zündete seine Hornlaterne an und beleuchtete das

totenbleiche Antlitz. Da sahen die Kavaliere Mariannens zerfleischte

Hände und die Tränen, die in ihren Wimpern gefroren waren, und sie

jammerten wie die Weiber; denn sie war doch nicht nur ein Heiligenbild

und ein Saitenspiel, sondern eine schöne Frau, die ihrem alten Herzen

eine Freude gewesen war.

Gösta Berling warf sich neben sie auf die Knie.

»Hier liegt sie nun, meine Braut!« sagte er. »Vor wenigen Stunden gab

sie mir den Brautkuß, und ihr Vater hat mir seinen Segen versprochen.

Sie liegt und wartet, daß ich kommen und ihr weißes Bette teilen soll.«

Und Gösta hob die Leblose auf seine starken Arme.

»Heim, mit ihr nach Ekeby!« rief er. »Jetzt ist sie die Meine! Im Schnee

habe ich sie gefunden, jetzt soll niemand sie mir wieder nehmen. Die da

drinnen wollen wir nicht wecken. Was hat sie hinter den Türen zu tun,

gegen die sie ihre Hände blutig geschlagen hat?«

Und sie willfahrteten ihm. Er legte Mariannen in den ersten Schlitten

und setzte sich neben sie. Beerencreutz stellte sich hinten auf und

ergriff die Zügel.

»Nimm Schnee und reibe sie damit, Gösta!« befahl er.

Die Kälte hatte ihre Glieder gelähmt, das war alles. Das wilde,

unbändige Herz schlug noch. Sie hatte nicht einmal das Bewußtsein

verloren, sie war sich ganz klar darüber, wie die Kavaliere sie gefunden

hatten, aber sie konnte sich nicht rühren. So lag sie steif und

unbeweglich im Schlitten, während Gösta Berling sie mit Schnee rieb und

abwechselnd weinte und sie küßte. Sie empfand ein unsagbares Verlangen,

nur eine Hand so weit erheben zu können, um seine Liebkosung zu

erwidern.

Sie erinnerte sich alles dessen, was geschehen war, lag starr und

unbeweglich da und dachte so klar wie nie zuvor. Liebte sie Gösta

Berling? Ja, das tat sie. War es nur eine Laune, die mit dem heutigen

Abend gekommen war und ebenso schnell wieder schwinden würde? Nein, sie

hatte ihn schon lange geliebt -- seit vielen Jahren.

Sie verglich sich selber mit ihm und mit den andern Menschen in

Wermland. Sie waren alle unmittelbar wie die Kinder. Jedem Gelüst, das

sie ankam, gaben sie nach. Sie lebten nur ein äußerliches Leben, hatten

nie die Tiefen ihrer Seele erforscht. Sie aber war so geworden, wie man

zu werden pflegt, wenn man sich in der Fremde unter Menschen bewegt; sie

konnte sich nie ganz hingeben. Wenn sie liebte -- ja, sie mochte sich

noch so sehr bemühen --, so stand die eine Hälfte ihres Ich gleichsam da

und schaute mit einem kalten, höhnischen Lächeln zu. Sie hatte sich nach

einer Leidenschaft gesehnt, die kommen und sie in wilder

Besinnungslosigkeit mit fortreißen würde. Und nun war er, der

Gewaltige, gekommen. Als sie Gösta Berling auf dem Balkon küßte, da

hatte sie sich selbst zum erstenmal vergessen.

Und jetzt überkam sie die Leidenschaft von neuem, ihr Herz arbeitete, so

daß sie sein Pochen hören konnte. Erhielt sie denn noch immer nicht die

Herrschaft über ihre Glieder zurück? Sie empfand eine wilde Freude bei

dem Gedanken, aus ihrem Heim verstoßen zu sein. Jetzt wollte sie ohne

Bedenken Göstas Gattin werden. Wie dumm war sie doch gewesen, wie viele

Jahre hatte sie nicht ihre Liebe bekämpft. Ach, herrlich, herrlich ist

es, der Liebe nachzugeben, das Brausen des Blutes zu fühlen! Würde sie

denn aber nimmer, nimmer die Eisfesseln abschütteln! Bisher war sie im

Innern Eis gewesen, und Feuer nach außen hin, jetzt war das Gegenteil

eingetreten -- in einem Eiskörper brannte eine Feuerseele.

Da fühlte Gösta, wie sich zwei Arme um seinen Hals legten, er empfand

einen schwachen, kraftlosen Druck.

Er konnte ihn nur eben empfinden, Marianne aber glaubte, daß sie der in

ihrem Innern eingeengten Leidenschaft in einer heftigen Umarmung Luft

gemacht habe.

Als aber Beerencreutz dies sah, ließ er das Pferd auf dem wohlbekannten

Wege laufen, wie es wollte. Er erhob den Blick und starrte hartnäckig

und unverwandt zu dem Siebengestirn empor.

Gösta Berling: Erzählungen aus dem alten Wermland · 第 13 / 56 题