Gösta Berling, der Poet

Es war Weihnachten, und auf Borg sollte ein Ball stattfinden.

Um diese Zeit wohnte ein junger Graf Dohna auf Borg; er war neuvermählt

und hatte eine junge, schöne Gemahlin. Es sollte schon lustig hergehen

in dem alten Grafenschloß!

Auch nach Ekeby war eine Einladung gelangt, aber es stellte sich heraus,

daß von allen denen, die in diesem Jahr dort Weihnachten feierten, Gösta

Berling, »der Poet«, wie man ihn nannte, der einzige war, der Lust

hatte, sich nach Borg zu begeben.

Borg und Ekeby liegen beide an dem langen Löfsee, aber jedes an seinem

Ufer. Wenn der See nicht zugefroren ist, so ist es eine Reise von zwei

Meilen von Ekeby bis nach Borg.

Der arme Gösta Berling wurde zu diesem Fest von den alten Herren

ausgerüstet, als sei er ein Königssohn, der die Ehre eines Königreichs

zu vertreten hat. Neu war der Frack mit den blanken Knöpfen, steif das

Jabot, und glänzend waren die Lacklederschuhe. Er bekam einen Pelz vom

feinsten Biberfell und eine Zobelmütze auf sein blondes, lockiges Haar.

Sie breiteten ein Bärenfell mit silbernen Klauen über den

Einspännerschlitten und spannten den schwarzen Don Juan, den Stolz des

Stalles, davor. Er pfiff seinem weißen Tankred und ergriff die

geflochtenen Zügel. Jubelnd fuhr er von dannen, umgeben vom Glanz des

Reichtums und der Pracht, er, der schon ohnedem hinreichend strahlte in

der körperlichen Schöne und den großen, glänzenden Geistesgaben.

Er fuhr am frühen Vormittag. Es war Sonntag, und er hörte den Gesang aus

der Broer Kirche erschallen, als er daran vorüberfuhr. Dann schlug er

den einsamen Waldweg ein, der nach Berga führte, wo Hauptmann Uggla

damals wohnte, und wo er zu Mittag zu bleiben gedachte.

Berga war nicht eines reichen Mannes Heim. Der Hunger kannte den Weg zu

des Hauptmanns grassodengedecktem Hause, aber er ward mit Scherzen

empfangen, mit Gesang und Spiel unterhalten wie andere Gäste und ging

ungern wie sie.

Die alte Mamsell Ulrika Dillner, die der Küche und der Webstube auf

Berga vorstand, hieß Gösta Berling auf der Treppe willkommen. Sie

knickste, und die falschen Locken, die ihr in das braune Gesicht mit den

tausend Runzeln hingen, tanzten vor Freude. Sie führte ihn in den Saal

hinein und fing an, von den Bewohnern des Gutes und den unsicheren

Verhältnissen zu sprechen.

Kummer und Sorge stünden vor der Tür, sagte sie; harte Zeiten herrschten

auf Berga. Sie hätten nicht einmal Meerrettich zu dem gesalzenen Fleisch

am Mittag; aber Ferdinand und die Mädchen hätten Disa vor einen

Schlitten gespannt und seien nach Munkerud gefahren, um ein wenig zu

leihen. Der Hauptmann sei wieder in den Wald gegangen und käme

vermutlich mit einem zähen Hasen heim, der mehr Butter zum Braten

erfordere, als er selber wert sei. Das nenne er Essen fürs Haus

schaffen. Das ginge aber noch allenfalls, wenn er nur nicht mit einem

jämmerlichen Fuchs käme, dem elendesten Tier, das der liebe Gott

erschaffen, gleich unbrauchbar, mag er nun tot oder lebendig sein!

Und die gnädige Frau -- ja, die war noch nicht aufgestanden. Sie lag im

Bett und las Romane, wie sie es jeden Tag zu tun pflegte. Sie war nicht

zum Arbeiten geschaffen, diese Engelsunschuld!

Nein, das überließ man den Alten, im Dienst Ergrauten, so wie sie es

war. Tag und Nacht war man auf den Beinen, um nur die Brocken

zusammenzuhalten. Und das war nicht so ganz leicht. Einen ganzen Winter

hindurch hatten sie wahrhaftig keine andern Fleischspeisen im Hause

gehabt, als einen einzigen Bärenschinken. Und einen großen Lohn

erwartete sie nicht; bisher hatte sie noch nicht das geringste davon

gesehen, aber man würde sie wohl auch nicht auf die Landstraße

hinauswerfen, wenn sie einmal nicht mehr fürs tägliche Brot arbeiten

könne. Hier im Hause betrachtete man die Wirtschafterin wie einen

Menschen und würde der alten Ulrika schon ein ehrliches Begräbnis

gönnen, falls Geld genug da sei, um einen Sarg zu kaufen.

»Denn wer weiß, wie es werden soll?« rief sie, sich mit der Schürze über

die Augen fahrend, die stets so leicht übergingen. »Wir schulden dem

bösen Gutsherrn Sintram Geld, und er kann uns alles nehmen. Nun ist ja

Ferdinand mit der reichen Anna Stjärnhök verlobt, aber sie wird seiner

überdrüssig, sie wird seiner überdrüssig. Und was soll nun aus uns

werden mit unsern drei Kühen und unsern neun Pferden, mit unsern

fröhlichen jungen Fräulein, die von einem Ball zum andern fahren wollen,

mit unsern dürren Äckern, wo nichts wächst, mit unserm guten Ferdinand,

aus dem nie im Leben ein Mann wird! Was soll aus diesem ganzen Hause

werden, wo alles gedeiht, die Arbeit ausgenommen!«

Aber es wurde Mittag, und die Hausbewohner versammelten sich. Der gute

Ferdinand, der sanfte Sohn des Hauses und die munteren Töchter kamen mit

dem geborgten Meerrettich heim. Der Hauptmann kam, erfrischt durch ein

Bad in einer Wake des Sees und durch die Jagd im Walde. Er riß das

Fenster auf, um frische Luft zu bekommen, und reichte Gösta die Hand mit

warmem Druck. Und die gnädige Frau kam in seidenem Kleide mit breiten

Spitzen über den weißen Händen, die sie Gösta gnädigst zum Kuß reichte.

Alle begrüßten Gösta mit Jubel, Scherz und Lachen kam in den Kreis

hineingeflogen. Fröhlich fragte man: »Wie lebt ihr denn auf Ekeby, wie

sieht es aus in dem Gelobten Lande?«

»Dort fließt Milch und Honig«, erwiderte er. »Wir entleeren die Berge

allen Eisens und füllen unsere Keller mit Wein. Die Äcker tragen Gold;

damit vergolden wir das Elend des Lebens, und unsere Wälder fällen wir,

um Kegelbahnen und Lusthäuser zu bauen.«

Frau Uggla aber seufzte und lächelte über die Antwort, ihren Lippen

entschwebte ein einziges Wort: »Poet!«

»Viele Sünden habe ich auf dem Gewissen,« erwiderte Gösta, »nie aber

habe ich eine Zeile Poesie geschrieben.«

»Du bist trotzdem ein Poet, Gösta, den Spitznamen hast du nun einmal

weg. Du hast mehr Gedichte erlebt, als unsere Dichter geschrieben

haben.«

Später sprach Frau Uggla sanft wie eine Mutter zu ihm über sein

vergeudetes Leben. »Ich werde es sicher noch erleben, dich zum Manne

heranreifen zu sehn«, sagte sie. Und es erschien ihm süß, sich von

dieser milden Frau vorwärtstreiben zu lassen, die eine so treue Freundin

war und deren starkes, schwärmerisches Herz vor Liebe zu großen Taten

entbrannte.

Als sie aber die muntere Mahlzeit beendet und das Meerrettichfleisch und

den Kohl und die Waffeln verzehrt und das Weihnachtsbier getrunken

hatten, als Gösta sie durch seine Erzählungen von dem Major und der

Majorin und dem Pfarrer zu Broby zum Weinen und Lachen gebracht hatte,

vernahm man plötzlich Schellengeläute im Hofe, und gleich darauf trat

der böse Sintram bei ihnen ein.

Er strahlte vor Vergnügen von seinem kahlen Scheitel bis hinab zu den

langen, breiten Füßen.

Er schlenkerte mit seinen langen Armen und schnitt Grimassen; man sah es

ihm auf den ersten Blick an, daß er als Träger schlechter Nachrichten

kam.

»Habt ihr es gehört?« fragte der Böse, »habt ihr es schon gehört, daß

Anna Stjärnhök und der reiche Dahlberg heute zum erstenmal in der

Svartsjöer Kirche aufgeboten sind? Sie muß es vergessen haben, daß sie

mit Ferdinand verlobt ist.«

Sie hatten kein Wort davon gehört. Sie waren erschrocken und traurig.

Sie sahen im Geiste schon ihr Heim geplündert, damit ihre Schulden an

den bösen Mann bezahlt werden konnten; sie sahen ihre geliebten Pferde

verkauft und ebenso die alten Möbel, ein Erbe aus dem Kindheitsheim der

Mutter. Sie sahen das Ende des fröhlichen Lebens mit Festen und Fahrten

von Ball zu Ball. Der Bärenschinken würde wieder auf ihrem Tische

stehen, und die Jungen mußten zu fremden Leuten in den Dienst gehen. Die

Mutter streichelte ihren Sohn zärtlich und ließ ihn eine nie versiegende

Liebe empfinden.

Doch -- da saß Gösta Berling mitten zwischen ihnen, und dem

Unüberwindlichen gingen tausenderlei Pläne durch den Kopf.

»Ei was!« rief er, »noch ist es keine Zeit zum Jammern. Die Pfarrerin in

Svartsjö hat die ganze Sache gemacht. Sie hat Anna ganz in ihrer Gewalt,

seit sie bei ihr auf dem Pfarrhof wohnt. Sie hat sie dazu gebracht,

Ferdinand im Stich zu lassen und den alten Dahlberg zu nehmen; aber noch

sind sie nicht getraut, und es soll auch nichts daraus werden. Jetzt

fahre ich nach Borg, und dort treffe ich Anna. Ich will mit ihr reden,

ich will sie den Pfarrersleuten, dem Bräutigam schon abspenstig machen.

Ich bringe sie über Nacht hierher; dann soll der alte Dahlberg keine

Freude mehr an ihr haben.«

Und so geschah es. Gösta fuhr allein nach Borg, ohne eins der munteren

Fräulein, aber geleitet von den heißen Wünschen der Zurückbleibenden.

Und Sintram, der frohlockte, daß der alte Dahlberg angeführt werden

sollte, beschloß, auf Berga zu bleiben, um Göstas Rückkehr mit der

Treulosen abzuwarten. In einem Anfall von Wohlwollen hüllte er ihn sogar

in seinen grünen Reiseschal -- ein Geschenk von Mamsell Ulrika selber.

Frau Uggla aber kam mit drei rot eingebundenen Büchern auf die Treppe

hinaus.

»Nimm die,« sagte sie zu Gösta, der schon im Schlitten saß, »nimm die

und behalte sie, wenn du kein Glück haben solltest. Es ist Corinna,

Madame de Staëls Corinna; ich möchte nicht gern, daß die Bücher unter

den Hammer kämen.«

»Ich habe stets Glück!«

»Ach, Gösta, Gösta,« sagte sie und strich mit der Hand über sein

entblößtes Haupt, »du Stärkster und Schwächster unter den Menschen! Wie

lange wirst du daran denken, daß das Glück von uns armen Menschen in

deiner Hand ruht!«

Abermals flog Gösta über die Landstraße dahin, gezogen von dem schwarzen

Don Juan, gefolgt von dem weißen Tankred, und das Bewußtsein des

bevorstehenden Abenteuers erfüllte seine Seele mit Jubel.

Er fühlte sich wie ein junger Eroberer; der Geist war über ihm. Sein Weg

führte ihn am Pfarrhofe zu Svartsjö vorüber. Er fuhr dort vor und

fragte, ob er Anna Stjärnhök nicht zum Balle fahren dürfe. Ja, das dürfe

er. Ein schönes, eigensinniges Mädchen stieg zu ihm in den Schlitten.

Wer wäre nicht gern mit dem schwarzen Don Juan gefahren!

Anfangs waren die Jungen schweigsam, dann aber begann die Unterhaltung,

trotzig wie nur der Übermut sie eingibt.

»Hast du gehört, Gösta, was der Pfarrer heute von der Kanzel verlesen

hat?«

»Hat er gesagt, daß du das schönste Mädchen zwischen dem Löfsee und dem

Klar-Elf seiest?«

»Du bist dumm, Gösta. Das wissen die Leute auch ohnedem. Nein, er hat

mich und den alten Dahlberg aufgeboten.«

»Weiß Gott, hätte ich das gewußt, so würde ich dich nicht aufgefordert

haben, dich zu mir in den Schlitten zu setzen! Darauf kannst du dich

verlassen!«

Und die stolze Erbin antwortete: »Ich wäre auch wohl ohne Gösta Berling

nach Borg gekommen.«

»Es ist doch eigentlich schade um dich, Anna,« sagte Gösta nachdenklich,

»daß du weder Vater noch Mutter hast. Nun bist du, wie du bist, und man

darf es nicht so genau mit dir nehmen.«

»Es ist weit mehr schade, daß du das nicht früher gesagt hast, dann

hätte mich ein anderer fahren können.«

»Die Pfarrerin denkt wie ich, daß du eines Mannes bedarfst, der dir

zugleich den Vater ersetzen kann, sonst hätte sie dich wohl nicht mit so

einer alten Kracke eingespannt.«

»Die Pfarrerin hat nichts damit zu tun.«

»Großer Gott, hast du selber dir den schönen Mann ausgesucht?«

»Der nimmt mich wenigstens nicht des Geldes wegen.«

»Nein, die alten sehen nur auf blaue Augen und rote Wangen, und Narren

sind sie, daß sie das tun.«

»Ach, Gösta, du solltest dich schämen!«

»Bedenke aber, daß du fortan nicht mehr mit den jungen Männern spielen

darfst. Mit Tanz und Spiel ists nun vorbei. Du gehörst in die Sofaecke --

oder vielleicht ziehst du es vor, eine Partie Rabouge mit dem alten

Dahlberg zu spielen?«

Dann saßen sie stumm da, bis sie die steilen Hügel bei Borg hinanfuhren.

»Ich danke dir für die gütige Beförderung. Es soll nicht sobald wieder

geschehen, daß ich mit Gösta Berling fahre!«

»Danke bestens! Ich kenne mehr als einen, der es bereut hat, mit dir zum

Fest gefahren zu sein.«

Ein wenig milder als sonst trat die trotzige Schöne in den Tanzsaal und

überschaute die versammelten Gäste.

Zu allererst erblickte sie den kleinen, kahlköpfigen Dahlberg neben dem

hohen, schlanken, blondlockigen Gösta Berling. Sie hatte die größte

Lust, sie beide zur Tür hinauszujagen. Ihr Verlobter kam, um sie zum

Tanz aufzufordern, aber sie empfing ihn mit höhnischem Staunen.

»Willst du tanzen? Seit wann pflegst du zu tanzen?«

Und die jungen Mädchen kamen, um sie zu beglückwünschen.

»Verstellt euch doch nicht, Kinder! Ihr glaubt doch unmöglich, daß man

sich in den alten Dahlberg verlieben kann? Aber er ist reich, und ich

bin reich, deswegen passen wir zueinander.«

Die alten Damen kamen auf sie zu, drückten ihr die weiße Hand und

sprachen von dem höchsten Glück des Lebens.

»Gratuliert der Pfarrerin,« erwiderte sie, »die freut sich mehr darüber

als ich.«

Aber dort stand Gösta Berling, der muntere Kavalier, mit Jubel begrüßt

ob seines frischen Lachens und seiner schönen Worte, die Goldstaub über

das graue Einerlei des Lebens streuten. Nie zuvor hatte sie ihn so

gesehen wie an diesem Abend. Er war kein Verstoßener, kein Verworfener,

kein heimatloser Spaßmacher, nein, ein König war er unter Männern, ein

geborener König.

Er und die andern jungen Männer verschworen sich gegen sie. Sie sollte

Muße haben, darüber nachzudenken, wie übel sie daran getan, daß sie sich

mit ihrem schönen Gesicht und ihrem großen Reichtum an einen alten Mann

weggeworfen hatte. Und sie ließen sie zehn Tänze hindurch sitzen.

Ihr Blut kochte vor Zorn.

Als der elfte Tanz begann, kam ein Mann, der Geringste unter den

Geringen, einer, mit dem niemand tanzen wollte, und forderte sie auf.

»Das Bier ist getrunken, jetzt kommt die Bärme«, sagte sie.

Dann spielte man Pfänderspiele. Blondlockige junge Mädchen steckten die

Köpfe zusammen und verurteilten sie, den zu küssen, der ihr der liebste

sei. Und lächelnden Mundes warteten sie auf das Schauspiel, wie die

stolze Schöne den alten Dahlberg küssen würde. Sie aber erhob sich stolz

in ihrem Zorn und sagte: »Darf ich nicht lieber demjenigen eine Ohrfeige

geben, den ich am wenigsten leiden kann?«

Einen Augenblick später brannte Göstas Wange unter ihrer festen Hand. Er

wurde dunkelrot, ergriff ihre Hand, hielt sie eine Sekunde fest und

flüsterte: »Warte in einer halben Stunde im roten Saal unten auf mich!«

Seine blauen Augen strahlten auf sie herab und umschlossen sie mit

magischen Banden. Sie fühlte, daß sie gehorchen mußte.

Dort unten empfing sie ihn mit Stolz und bösen Worten.

»Was geht es Gösta Berling an, mit wem ich mich verheirate?«

Er hatte noch keine freundlichen Worte auf der Zunge, auch erschien es

ihm noch nicht ratsam, gleich von Ferdinand zu reden.

»Ich meine nicht, daß die Strafe, dich zehn Tänze über sitzen zu lassen,

zu groß war. Aber du willst die Freiheit haben, ungestraft Eidschwüre

und Versprechungen zu brechen. Hätte ein besserer Mann als ich das

Strafgericht in die Hand genommen, so hätte er es härter handhaben

können.«

»Was habe ich dir und euch allen getan, daß ihr mich nicht in Frieden

lassen könnt? Nur des Geldes wegen verfolgt ihr mich. Ich will es in den

Löfsee werfen, mag es da auffischen, wer Lust hat.«

Sie barg ihr Antlitz in den Händen und weinte vor Zorn.

Da ward das Herz des Poeten gerührt. Er schämte sich seiner Härte. Seine

Stimme ward zärtlich.

»Ach, Kind, Kind, verzeih mir! Verzeih dem armen Gösta Berling! Niemand

kehrt sich daran, was so ein Lump sagt oder tut, das weißt du ja.

Niemand weint über seinen Zorn; man könnte ebensowohl über den Stich

einer Mücke weinen. Es war Wahnsinn -- aber ich wollte es verhindern, daß

sich unser schönstes und reichstes Mädchen mit dem Alten verheiratete.

Und nun habe ich nichts erreicht, als dich zu betrüben.«

Er setzte sich neben sie ins Sofa. Leise legte er seinen Arm um ihre

Taille, um sie mit zärtlicher Fürsorge zu stützen und aufzurichten. Sie

entzog sich ihm nicht. Sie schmiegte sich an ihn, schlang ihre Arme um

seinen Hals und weinte, ihr schönes Haupt an seine Schulter gelehnt.

Ach, Poet, du Stärkster und Schwächster unter den Menschen! Nicht an

deinem Halse sollten diese weißen Arme ruhen!

»Wenn ich dies gewußt hätte, so würde ich niemals den Alten genommen

haben, heute abend erst habe ich dich kennen gelernt, niemand ist wie

du!«

Zwischen bleichen Lippen aber drängte Gösta ein Wort hervor:

»Ferdinand!«

Sie brachte ihn mit einem Kuß zum Schweigen.

»Er ist nichts! Niemand außer dir ist etwas. Dir will ich treu sein!«

»Ich bin Gösta Berling,« erwiderte er finster, »mit mir kannst du dich

nicht verheiraten.«

»Dich liebe ich, dich, den ersten unter allen Männern! Du brauchst

nichts zu tun, nichts zu sein. Du bist ein geborener König.«

Da wallte das Blut des Poeten auf. Sie war schön und liebreizend in

ihrer Liebe. Er schloß sie in seine Arme.

»Wenn du die Meine werden willst, kannst du nicht auf dem Pfarrhof

bleiben. Laß mich dich diese Nacht nach Ekeby fahren, dort werde ich

dich schon zu verteidigen wissen, bis wir Hochzeit halten können.«

* * * * *

Es ward eine berauschende Fahrt in jener Nacht. Sie beugten sich dem

Gebot der Liebe und ließen sich von Don Juan entführen. Es war, als wenn

das Knirschen des Schnees unter den Schlittenkufen die Klage des

Betrogenen sei. Was kehrten sie sich daran? Sie hing an seinem Halse,

und er beugte sich zu ihr hinab und flüsterte ihr ins Ohr: »Kann sich

eine Seligkeit mit gestohlenem Glück vergleichen?«

Das Aufgebot -- was hatte das zu bedeuten? Sie hatten Liebe. Und der Zorn

der Menschen? Gösta Berling glaubte an das Schicksal. Das Schicksal

hatte sie bezwungen, gegen das Schicksal kann niemand streiten. Wären

die Sterne Hochzeitslichter gewesen, die zu ihrer Hochzeit angezündet

waren, wären Don Juans Schellen Kirchenglocken gewesen, die die Leute zu

ihrer Hochzeit mit dem alten Dahlberg zusammenriefen -- sie hätte dennoch

mit Gösta Berling fliehen müssen. So mächtig ist das Schicksal! -- -- --

Sie waren glücklich und wohlbehalten am Pfarrhof zu Munkerud

vorübergekommen. Sie hatten noch eine halbe Meile bis Berga und eine

zweite halbe Meile bis Ekeby zurückzulegen. Der Weg führte am

Waldesrande entlang, rechts von ihnen lagen dunkle Berge, links ein

langes, weißes Tal.

Da kam Tankred herangestürzt. Er lief, als läge er der Länge nach am

Boden. Heulend vor Angst sprang er in den Schlitten und verkroch sich zu

Annas Füßen.

Don Juan zog mit einem Ruck an und sprang im Galopp dahin.

»Wölfe!« sagte Gösta Berling.

Sie sahen einen langen grauen Strich, der sich am Waldessaum entlang

bewegte. Es waren mindestens ein Dutzend.

Anna erschrak nicht. Der Tag war reich an Abenteuern gewesen, und die

Nacht versprach, ihm darin nicht nachzustehen. Das war Leben! So über

die schimmernde Schneefläche dahinzusausen, den wilden Tieren und den

Menschen trotzend.

Gösta stieß einen Fluch aus, beugte sich vornüber und versetzte Don Juan

einen scharfen Schlag mit der Peitsche.

»Fürchtest du dich?« fragte er. »Sie schlagen einen Richtweg ein und

werden uns da hinten, wo die Landstraße eine Biegung macht, einholen.«

Don Juan sprang und lief um die Wette mit den wilden Tieren des Waldes,

und Tankred heulte vor Wut und Angst. Sie erreichten die Krümmung des

Weges gleichzeitig mit den Wölfen, und Gösta trieb den ersten mit der

Peitsche zurück.

»Ach, Don Juan, mein Junge, wie leicht könntest du zwölf Wölfen

entfliehen, wenn du uns Menschen nicht zu schleppen hättest!«

Sie banden den grünen Reiseschal hinten am Schlitten fest. Die Wölfe

wurden davor bange und hielten sich eine Zeitlang in einiger Entfernung.

Als sie aber ihre Furcht überwunden hatten, sprang einer von ihnen mit

lang heraushängender Zunge und mit geöffnetem Rachen auf den Schlitten

zu. Da nahm Gösta Madame de Staëls Corinna und warf es ihm ins Maul.

Abermals hatten sie eine kleine Ruhepause, während die Tiere ihre Beute

zerrissen, und abermals fühlten sie die Rucke, wenn die Wölfe an dem

grünen Reiseschal zerrten, und der kurze, hastige Atemzug der wilden

Tiere drang an ihr Ohr. Sie wußten, daß sie vor Berga an keiner

menschlichen Wohnung vorüberkamen; aber es erschien Gösta weit schlimmer

als der Tod, denen ins Auge sehen zu sollen, die er betrogen hatte. Er

sah auch ein, daß das Pferd ermüden würde, und was sollte dann nur aus

ihnen werden?

Da ward das Bergaer Haus am Waldesrande sichtbar. In den Fenstern

brannten Lichter. Gösta wußte sehr wohl, wem die galten.

Doch nun flüchteten die Wölfe, bange vor der Nähe der Menschen, und

Gösta fuhr an Berga vorüber. Er kam aber trotzdem nicht weiter als bis

zu der Stelle, wo der Weg sich wieder in den Wald verliert; da erblickte

er eine dunkle Gruppe vor sich -- die Wölfe warteten auf ihn.

»Laß uns nach dem Pfarrhof umwenden, wir können ja sagen, daß wir eine

kleine Spazierfahrt im Sternenschein gemacht haben. Dies geht nun und

nimmer gut.«

Sie wandten um, aber im nächsten Augenblick war der Schlitten von Wölfen

umringt. Graue Gestalten glitten an ihnen vorüber, die weißen Zähne

schimmerten in den weit aufgerissenen Rachen, die funkelnden Augen

leuchteten. Sie heulten vor Hunger und Blutdurst. Die schimmernden Zähne

waren bereit, sich in das weiche Menschenfleisch zu hauen. Die Wölfe

sprangen an Don Juan in die Höhe und hängten sich in dem Geschirr fest.

Anna dachte darüber nach, ob die Bestien sie mit Haut und Haar verzehren

oder ob sie wohl ein wenig von ihnen übriglassen würden, und ob wohl die

Leute am nächsten Morgen zernagte Gebeine in dem niedergetretenen,

blutigen Schnee finden würden.

»Jetzt gilt es unser Leben«, sagte sie, beugte sich herab und ergriff

Tankred beim Nacken.

»Laß das, es nützt nichts! Nicht des Hundes wegen sind die Wölfe über

Nacht unterwegs.«

Damit fuhr Gösta auf den Bergaer Hof ein, aber die Wölfe verfolgten ihn

bis an die Treppe. Er mußte sich ihrer mit der Peitsche erwehren.

»Anna,« sagte er, als er an der Treppe hielt, »Gott wollte es nicht.

Mach nun eine gute Miene dazu, wenn du das Mädchen bist, für das ich

dich halte, hörst du!«

Drinnen hatten sie das Schellengeklingel gehört und kamen heraus.

»Er hat sie!« riefen sie. »Er hat sie! Gösta Berling soll leben!« Und

die Gäste taumelten aus einer Umarmung in die andere.

Es wurden nicht viele Fragen gestellt. Die Nacht war weit

vorgeschritten, die Reisenden waren überwältigt von ihrer gefährlichen

Fahrt und bedurften der Ruhe. Es genügte ja, daß Anna da war.

Alles war gut. Nur Corinna und der grüne Reiseschal, Mamsell Ulrikas

wertvolles Geschenk, waren vernichtet.

* * * * *

Das ganze Haus schlief. Da stand Gösta Berling auf, kleidete sich an und

schlich hinaus. Unbemerkt zog er Don Juan aus dem Stall, spannte ihn vor

den Schlitten und wollte sich davonmachen. Da kam Anna Stjärnhök aus dem

Hause.

»Ich hörte dich fortgehen«, sagte sie. »Da stand ich auf. Ich bin

bereit, mit dir zu fahren.«

Er trat an sie heran und ergriff ihre Hand.

»Verstehst du es denn noch nicht? Es kann nicht sein! Gott will es

nicht! Hör mich an und versuche, mich zu verstehen! Ich war heute mittag

hier und sah, wie sie über deine Treulosigkeit jammerten. Da fuhr ich

nach Borg, um dich zu Ferdinand zurückzuführen. Aber ich bin stets ein

erbärmlicher Wicht gewesen und werde nie mehr etwas anderes. Ich verriet

ihn und behielt dich für mich. Hier ist eine alte Frau, die glaubt, daß

noch einmal ein Mann aus mir werden kann. An ihr habe ich ehrlos

gehandelt. Und eine andere arme Alte will hier frieren und hungern, nur

um zwischen Freunden sterben zu können, ich aber war kurz davor, sie vom

bösen Sintram heimführen zu lassen. Du warst schön, und die Sünde war

süß. Gösta Berling ist so leicht zu verlocken.

»Ach, was für ein armseliger Schuft bin ich doch! Ich weiß, wie sehr die

da drinnen ihr Heim lieben, und doch war ich kurz davor, es der

Plünderung preiszugeben. Ich vergaß alles um deinetwillen. Du warst so

entzückend in deiner Liebe. Aber jetzt, Anna, jetzt, wo ich Zeuge ihrer

Freude gewesen bin, will ich dich nicht behalten. O, du meine Geliebte!

Der dort oben spielt mit unserm Willen. Jetzt ist es Zeit, daß wir uns

unter seine züchtigende Hand beugen. Sag mir, daß du von heute an deine

Last auf dich nehmen willst! Alle da drinnen verlassen sich auf dich.

Sag, daß du bei ihnen bleiben und ihnen eine Stütze, eine Hilfe sein

willst! Wenn du mich liebst, wenn du meinen bittern Kummer erleichtern

willst, so versprich mir dies! Meine Geliebte, ist dein Herz so groß,

daß es sich selbst überwinden und dabei lächeln kann?«

Sie nahm voller Begeisterung das Gebot des Entsagens hin.

»Ich will tun, wie du willst -- mich opfern und dazu lächeln.«

Sie lächelte wehmütig.

»Solange ich dich liebe, werde ich die da drinnen lieben.«

»Jetzt erst weiß ich, welch ein Mädchen du bist. Es ist schwer, von dir

zu lassen.«

»Lebe wohl, Gösta! Geh mit Gott! Meine Liebe soll dich nicht zur Sünde

verleiten.«

Sie wandte sich ab, um hineinzugehen. Er gab ihr das Geleite.

»Wirst du mich bald vergessen?«

»Fahre jetzt, Gösta. Wir sind nur Menschen.«

Er sprang in den Schlitten, da aber kehrte sie zurück.

»Denkst du nicht an die Wölfe?«

»Freilich denke ich an die. Aber die haben ihren Nutzen getan. Mit mir

haben sie diese Nacht nichts mehr zu schaffen.«

Noch einmal streckte er die Arme nach ihr aus, Don Juan aber ward

ungeduldig und zog an. Er griff nicht nach den Zügeln. Er saß

hintenübergelehnt und schaute zurück. Dann beugte er sich über den Rand

des Schlittens und schluchzte wie ein Verzweifelter.

»Ich habe das Glück besessen und es von mir gestoßen. Weswegen hielt ich

es nicht fest?«

Ach, Gösta Berling! Du Stärkster und Schwächster unter den Menschen!

=La cachucha=

Streitroß, Streitroß! Du altes, das jetzt auf dem Felde grast. Gedenkst

du deiner Jugend?

Gedenkst du des Schlachtentages, mutiges Roß? Du sprengtest voran, als

trügen dich Flügel, deine Mähne flatterte über dir gleich wehenden

Gluten, Blut und Schaum bedeckten deine schwarzen Flanken. In

goldverziertem Zaum sprangst du dahin, das Feld erdröhnte unter deinem

Hufschlag. Du zittertest vor Wonne, du mutiges Roß. Ach, wie schön du

warst!

* * * * *

Über dem Kavalierflügel liegt graue Dämmerung. In dem großen Zimmer

stehen die rot angestrichenen Kisten der Kavaliere an den Wänden, und

ihre Sonntagskleider hängen in der Ecke. Der Schein aus dem Kamin fällt

auf die weißgetünchten Wände und die gelb gewürfelten Gardinen, die die

Alkoven in der Wand verbergen. Der Kavalierflügel ist kein königliches

Gemach, kein Serail.

Aber Liliencronas Violine ertönt dort. Er spielt =la cachucha= in der

Dämmerstunde.

Wieder und wieder spielt er sie.

Zerschneidet die Saiten, zertrümmert den Bogen! Weshalb spielt er diesen

verdammten Tanz? Weshalb spielt er ihn gerade jetzt, wo Örneclou, der

Fähnrich, im Bett liegt, von den heftigsten Gichtschmerzen geplagt, so

daß er sich nicht rühren kann? Nein, entreißt ihm die Violine, werft sie

gegen die Wand, wenn er nicht aufhören will!

=La cachucha=, soll die für uns sein, Maestro? Kann die auf den

schwankenden Brettern des Kavalierflügels, zwischen den engen, von Rauch

geschwärzten und mit Schmutz bedeckten Wänden, unter diesem niederen

Dach getanzt werden? Wehe dir, wie du spielst!

=La cachucha=, soll die für uns Kavaliere sein? Draußen heult der

Schneesturm. Willst du die Schneeflocken lehren, im Takt zu tanzen?

Spielst du den leichtfüßigen Kindern des Schneekönigs zum Tanze auf?

Frauenkörper, die unter dem Pulsschlag des heißen Blutes zittern, kleine

rußige Hände, die den Kochtopf beiseite schieben und zu den

Kastagnetten greifen, nackte Füße unter hochgeschürzten Röcken, ein Hof

mit Marmorfliesen, Zigeuner, die mit Sackpfeife und Tamburin am Boden

kauern, maurische Bogengänge, Mondschein und schwarze Augen, hast du

das, Maestro? Sonst laß deinen Bogen ruhen!

Die Kavaliere trocknen ihre nassen Kleider am Feuer. Können sie sich in

hohen, eisenbeschlagenen Stiefeln mit fingerdicken Sohlen im Tanze

schwingen? Den ganzen Tag sind sie durch ellenhohen Schnee gewatet, um

dem Bären auf die Spur zu kommen. Glaubst du, daß sie in feuchten,

dampfenden Frieskleidern tanzen mögen, mit dem zottigen Petz als Dame?

Sternenübersäter Abendhimmel, rote Rosen in dunklem Frauenhaar,

berauschende Wärme in der Abendluft, angeborene Plastik in den

Bewegungen, Liebe, von der Erde aufsteigend, vom Himmel herabregnend, in

der Luft schwebend, hast du das, Maestro? Weshalb uns sonst dazu

zwingen, uns nach alledem zu sehnen?

Du Grausamer, bläst du das Kompagniesignal für das angebundene

Streitroß? Rutger von Örneclou liegt von Gichtschmerzen gefesselt in

seinem Bett. Erspar ihm die Qual der schönen Erinnerungen! Auch er hat

den Sombrero und das bunte Haarnetz getragen, auch er hat die

Sammetjacke getragen und den Dolch im Gürtel. Schone den alten Örneclou,

Maestro!

Aber Liliencrona spielt =la cachucha=, wieder und wieder =la cachucha=. Und

Örneclou leidet wie der Liebende, der die Schwalbe den Weg zu der fernen

Wohnung der Geliebten nehmen sieht, wie der lechzende Hirsch, der von

den Verfolgern an der Quelle vorübergetrieben wird.

Liliencrona nimmt einen Augenblick die Violine unter dem Kinn fort.

»Fähnrich, entsinnst du dich der schönen Rosalie von Berger?«

Örneclou stößt einen gewaltigen Fluch aus.

»Sie war leicht wie eine Flamme. Sie glitzerte und tanzte wie der

Diamant an der Spitze des Violinbogens. Du entsinnst dich ihrer wohl

noch vom Theater in Karlstad? Wir sahen sie damals, als wir jung waren,

entsinnst du dich dessen noch, Fähnrich?«

Ob sich der Fähnrich dessen entsinnt! Sie war klein und wild und

sprühend wie Feuer. Sie konnte =la cachucha= tanzen! Sie lehrte alle die

jungen Herren in Karlstad =la cachucha= tanzen und Kastagnetten schlagen.

Auf dem Balle des Landrats tanzten der Fähnrich und Fräulein von Berger

in spanischer Tracht =la cachucha=. Und er hatte so getanzt, wie man unter

Feigenbäumen und Platanen tanzt -- wie ein echter Spanier.

Niemand in ganz Wermland konnte die Cachucha tanzen wie er. Niemand

außer ihm konnte sie so tanzen, daß es sich verlohnte, davon zu reden.

Welchen Kavalier verlor nicht Wermland, als die Gicht seine Glieder

steif machte und sich über den Gelenken große Knoten bildeten! Welch ein

Kavalier war er, so schlank, so schön, so ritterlich! »Den schönen

Örneclou« nannten ihn diese jungen Mädchen, die sich seinetwegen auf

Lebenszeit verfeinden konnten.

Und Liliencrona stimmt abermals =la cachucha= an, wieder und wieder =la

cachucha=, und Örneclou wird zurückversetzt in die alten Zeiten.

Da steht er, und da steht sie -- Rosalie von Berger! Sie sind soeben

allein im Toilettenzimmer gewesen. Sie war Spanierin, er Spanier. Er

durfte sie küssen, aber vorsichtig, denn sie fürchtete seinen gewichsten

Bart. Jetzt tanzen sie. Ach, wie man unter Feigenbäumen und Platanen

tanzt! Sie weicht zurück, er folgt ihr, er wird kühn, sie stolz, er

beleidigt, sie versöhnlich. Als er schließlich aufs Knie fällt und sie

in den ausgebreiteten Armen auffängt, geht ein Seufzer durch den Saal,

ein Seufzer des Entzückens.

Er war ein Spanier gewesen, ein echter Spanier!

Gerade bei dem Bogenstrich hatte er sich so herabgebeugt, die Arme so

ausgestreckt, den Fuß vorgereckt, um auf den Zehenspitzen zu schweben.

Welche Grazie! Man hätte ihn in Marmor aushauen können.

Er weiß nicht, wie es zugeht, aber er hat den Fuß über den Rand des

Bettes gesetzt, er steht aufrecht da, er beugt sich herab, er breitet

die Arme aus, knipst mit den Fingern und will über den Fußboden

dahinschweben wie in alten Tagen, als er so enge Schuhe trug, daß man

die Füßlinge von den Strümpfen abschneiden mußte.

»Bravo, Örneclou! Bravo, Liliencrona! Spiel Leben in ihn hinein!«

Der Fuß versagt ihm, er kann nicht auf die Zehenspitze kommen. Er

zappelt ein paarmal mit dem einen Bein, mehr kann er nicht, dann fällt

er wieder aufs Bett zurück.

Schöner Señor, Ihr seid alt geworden. Die Señorita vielleicht ebenfalls?

Nur unter Granadas Platanen wird =la cachucha= von ewig jungen Gitanos

getanzt. Ewig jung sind sie wie die Rosen, denn jeder Lenz bringt neue.

So ist denn die Zeit gekommen, wo die Saiten der Violine zerschnitten

werden müssen?

Nein, spiel, Liliencrona, spiel =la cachucha=, wieder und wieder =la

cachucha=! Lehr uns, daß wir hier im Kavalierflügel, selbst wenn wir

schwere Körper und steife Glieder haben, im Herzen doch stets dieselben

bleiben -- stets Spanier!

Streitroß, Streitroß! Sage, daß du die Trompetenstöße liebst, die dich

zum Galopp verleiten, wenn du dir auch das Bein blutig reißt an dem

Strick, der dich bindet!

Gösta Berling: Erzählungen aus dem alten Wermland · 第 12 / 56 题