XV.

Wir haben uns bereits im III. Abschnitt unseres Resumés bemüht zu

zeigen, in welcher Blüthe die Industrien in einzelnen Städten und

Ländern von Italien standen und arbeiteten. Diese letzte Behauptung

belegt nun Leonardo noch ganz besonders durch die zahlreichen Dessins

und Skizzen, welche er bezüglich des Maschinenwesens hinterlassen hat.

Es würde lächerlich klingen, wollten wir behaupten, alle diese Skizzen

seien Inventionen des großen Mannes, -- es wäre aber ebenso lächerlich,

wenn wir ihm nicht zuerkennen wollten, daß er für die bessere

Gestaltung und den Gang der Maschinen und Apparate ~viel~ gethan habe,

-- ebenso wie es absurd erscheinen müßte, wenn wir die maschinelle

Arbeit in jener Zeit nicht anerkennen wollten! Mit den geschichtlichen

Daten vielmehr stimmen die Leonardo’schen Skizzen vorzüglich überein!

Wir haben gesehen, welchen Ruf die Florentiner für ihre ~Appretur~

hatten -- und wir finden bei Leonardo trefflich ausgeführte Zeichnungen

von ~Scheermaschinen~, ~Waschmaschinen~, ~Pressen~ und ~Calander~.

Wir wissen, daß Bologna durch seine ~Spinnerei~ dominirte, und wir

finden bei Leonardo schön durchdachte Spinnapparate, welche das

später erfundene Jürgens’sche Spinnrad weit hinter sich lassen an

Vollkommenheit. Die Bauten in Mailand und Florenz stiegen mächtig

empor -- und wir finden bei Leonardo Steinsägen und Instrumente, die

Steine zu bearbeiten. Ist dies alles so ganz zufällig? Gewiß nicht!

Die Blüthe der Industrie mußte den Leonardo anregen zur Theilnahme

an dem wissenschaftlichen Theil, ihn den geschickten und aufmerksamen

Mann, -- und andererseits konnte es nicht fehlen, daß die Industrie

sich bei diesem talentvollen und zugleich menschenfreundlichen Manne

Raths einholte, ihn anging, ihre Maschinen zu verbessern und neue zu

erfinden. Das bedeutendste Argument aber, daß eine gewisse Entwickelung

des Maschinenwesens mit Leonardo’s Talent dafür zusammentraf, finden

wir in der Gestalt, Form und in den Details der Maschinenskizzen des

Leonardo. Da ist nichts von der Plumpheit der Formen, wie bei allen

späteren Illustrationen Jahrhunderte lang noch vorwaltete, nichts

von verwickelten und albern erscheinenden Kombinationen, -- alles

ist proportionirt und richtig berechnet, ja oft von einer gewissen

eleganten Form, und die Details zeigen eine Fülle von Mechanismen,

die dem Leonardo das Abc der Maschinenkonstruktion scheinen. -- Für

uns, die wir die Manuskripte Leonardo’s durchstudirt haben, die wir

die Geschichte der Industrie seiner Zeit prüften, die wir das Leben

und die Stellung des Mannes zu durchschauen uns bemühten, die wir die

Thätigkeit seines Geistes, die Solidität seines Schaffens und Denkens,

seine Abneigung gegen unfruchtbare Spekulationen und Spielereien

kennen, -- für uns steht fest, daß Leonardo da Vinci seine Zeichnungen

~nach den~ und ~für die~ Maschinen seiner Zeit gemacht hat, daß er

ebenso von ihnen gelernt und sie verbessert, vielleicht manche neue

erfunden hat.

Grothe hat sich über die Art und Weise, wie wohl Leonardo arbeitete,

folgender maßen verbreitet (Polyt. Zeit. 1873 No. 10):

„Bevor ich auf die vielen Maschinenkonstruktionen des Leonardo eingehe,

muß ich zunächst den Eindruck bezeichnen, den man bei dem Studium der

zahlreichen Manuskripte gewinnt über die Art und Weise, mit welcher

Leonardo da Vinci an den Entwurf, resp. die Konstruktion einer Maschine

herangegangen ist und dabei zu Werke gegangen ist. Natürlich rede ich

hierbei nur von dem ~Eindruck~; aber die Zahl seiner Studien zu solchen

Zwecken ist so groß, und stets zeigt sich dabei eigentlich dieselbe

Methode, -- so daß man wohl den hieraus gewonnenen Eindruck als einen

der Thatsache nahe verwandten erachten kann. -- Ist dem Leonardo

eine Aufgabe gestellt gewesen, so hat er sich eine allgemeine Idee

der Lösung gebildet und meistens diese flüchtig skizzirt, und dann

beginnt er die Details zu durchdenken und alle Momente ins Auge zu

fassen. Dies zeigen die zahlreichen Details und Variationen derselben,

von denen die meisten seiner Hauptblätter entourirt sind, ferner

mathematische Figuren und Rechnungen und eingeschriebene Bemerkungen,

zuweilen speziellere Erklärungen der Figuren. War er dann mit seiner

Konstruktion zu Ende gelangt, war sie in allen Theilen fertig, so nahm

Leonardo ein frisches Blatt, und in sicheren Strichen steht dann die

Zeichnung da. Hat ihm die Lösung nicht gefallen oder ist ihm die ganze

Sache langweilig geworden, so zeichnet er mitten zwischen diese Details

wohl eine Fratze oder eine Arabeske. -- Für die Rein-Zeichnungen muß

man rühmend erwähnen, daß sie sich gegen die späteren Zeichnungen,

wie sie Vegetius Renatus, Salomon de Caus, Besson, Ramelli, Reimondus

Montus, Zeising, Verantius, Branca, Nicolai Zucchio, Paulo Casato,

Jungenickel, Kircher, Furttenbach, Böckler, Leupold, Gallon u. s. w.

geben, vortheilhaft auszeichnen durch Richtigkeit der Perspektive und

Wirksamkeit der Schattenprojektion, sowie durch proportionirte Formen

der Gestelle, Getriebstheile u. s. w. Als Beispiel hierfür führe

ich die in dem Codex Atlanticus in Mailand auf Blatt 195 (No. II)

dargestellte Maschine zum Zersägen der Steine resp. des Marmors an.

Leonardo gibt hiervon auf der Mitte des Blattes eine kleine flüchtige

Skizze, nebenher und darunter noch mehrere, dann beschäftigt ihn die

Befestigung der beiden Sägeblätter in einem Rahmen speziell, sodann

die Bewegung dieses Rahmens. In einigen Sätzen, die er zwischen diese

Details schrieb, setzt er seine Ideen über die Balance der Säge

auseinander und über die gleichmäßige Einführung der Smirgelmaterien in

die Schnittlöcher. Er kommt zu der Ueberzeugung, daß die Sägenblätter

doppelt so lang sein müßten als der Stein selbst, wenn der Zug der

Säge die Steineslänge betragen solle, und daß die Zugstangen auf

festen, aber je nach der vorgerückten Tiefe des Schnittes versetzbaren

Unterlagen sich bewegen müßten, die auch nach der Seite hin die

Bewegung normalisiren. Durch solche eingehende Betrachtungen, von ca.

32 Detailszeichnungen und Skizzen begleitet, gelangte dann Leonardo

zu der Schlußkonstruktion, die er uns in einer perspektivischen

Ansichtszeichnung, mit Sepia schattirt, so vorführt, daß sie einmal

zeigt, wie Leonardo’s Konstruktion mit der heutigen in Carrara u. s. w.

gebrauchten Marmorsäge identisch ist, sodann aber daß sie sicherlich

für die Praxis bestimmt war. Ganz ähnlich könnte ich hundert Beispiele

aus Leonardo’s Manuskripten beibringen.“ Wir geben hier die ganze Tafel

des Leonardo autographirt wieder.

Die ~allgemeine Maschinenlehre~, wie sie Leonardo in seinen

Manuskripten in der That aufbewahrt hat, ist überraschend umfangreich.

Beginnen wir mit den ~Motoren~, so finden wir bei ihm das ~Wasser~

als den ersten und hauptsächlichsten Motor benutzt, daneben aber die

Menschenkraft am ~Tretrad~ in vielerlei Gestalt und an der ~Kurbel~.

Die ~heiße Luft~ wendet er bei einem Bratspieß an zur Bewegung

desselben, und mit ~Dampf~ bewegte er eine Pumpe und eine Barke. Wir

wollen die letzten Beispiele als Kuriositäten und Zufälligkeiten

hinnehmen und wollen die Treträder nicht weiter speziell betrachten,

trotz der reichen Fülle der Variationen ihrer Konstruktion bei

Leonardo, sondern wollen seine Ideen für die Konstruktion der

Wassermotoren näher beleuchten.

Daß Leonardo die gewöhnlichen, seiner Zeit bekannten

Wasserradkonstruktionen wiedergibt, ist ja natürlich. So gibt er die

alten Löffelräder,[21] in verschiedenen Variationen, sowie mittel-

und oberschlächtige und unterschlächtige Räder, die nur wenig von den

Konstruktionen derjenigen abweichen, die allerdings erst nach Leonardo

zuerst durch Druck und Illustration bekannt wurden. Dagegen finden

wir auch eine Zahl anderer Ideen und Skizzen bei Leonardo, welche uns

lehren, daß der große Ingenieur bestrebt war, eine bessere Ausnutzung

der Wasserkraft zu erzielen. Er wurde hierauf wohl durch seine

Beobachtungen über die Bewegung des Wassers in Flüssen und Kanälen

hingeführt.

[Illustration: Fig. 40.]

[Illustration: Fig. 40a.]

[Illustration: Fig. 41.]

Wir bringen in folgenden Abbildungen z. B. Fig. 40a. Ideen des Leonardo

zur Anschauung, die Beachtung verdienen und die Konstruktionen hier

und der darauf folgenden Zeit übertreffen. In Fig. 40 finden wir

zunächst das oberschlächtige Rad _c_ mit einer Schaufelstellung, die

bereits rationeller gedacht ist und bei welcher der wasserhaltende

Bogen sehr vergrößert ist. Die Anordnung bei _a_ aber läßt darauf

schließen, daß Leonardo eine Art Spannschützen im Auge hatte. _a_ ist

deutlich skizzirt als ein verschiebbarer, ausziehbarer Boden. Ob nun

das Rad in den Armen hing, die von _a_ ausgingen, ist zweifelhaft;

vielmehr scheint es, als ob dieser Arm eine Art Regulirung des

Zuflusses mittelst eines am Rade vorhandenen Mechanismus vollführen

sollte. -- In Fig. 41 ist eine Umänderung eines Löffelrades, aber in

wesentlich verbesserter Gestalt gegeben. Hier schließt eine volle

Scheibe zunächst das ganze horizontale Rad. Um einen Radkern auf der

stehenden Welle sind dann die stehenden Schaufeln radial aufgesetzt,

so daß dieselben förmliche Kasten mit Kernmantel und Scheiben bilden.

Das Wasser wird in einem stehenden Rohre zugeleitet und strömt durch

eine rechtwinklige Umbiegung desselben direkt in die Zellen ein. Der

Gedanke der Aufsammlung des Wassers in stehenden Röhren und Zuleitung

durch Wassersäulen in freier Ausströmung auf diese Räder ist höchst

bemerkenswerth. -- In Fig. 42 finden wir eine andere Lösung derselben

Idee; hierbei ist das horizontale Rad mit Kurvenschaufeln versehen.

Leider ist die Skizze desselben undeutlich; vielleicht drückte sie

viel mehr aus, als jetzt ersichtlich ist. In Fig. 43 aber führen wir

eine Skizze vor, welche dem unbefangenen Beobachter selbst als eine

Idee zu einer Turbine (à la Fourneyron) erscheinen möchte. Dieselbe

steht auf einem Blatte des Codex Atlanticus, welches fast nur Skizzen

hydraulischen Karakters enthält, unter Anderem mehrere Skizzen von

Wässerrädern, fol. 283. Wir enthalten uns, wie gesagt, jeder positiven

Behauptung hierüber, -- da ein Aufschluß gebender Text in dem

Manuskript fehlt.

[Illustration: Fig. 42.]

[Illustration: Fig. 43.]

[Illustration: Fig. 44.]

[Illustration: Fig. 45.]

[Illustration: Fig. 46.]

[Illustration: Fig. 47.]

[Illustration: Fig. 48.]

Zu den Arbeits-Maschinen selbst übergehend, führen wir zunächst

folgende Einleitung aus der Polyt. Zeitung (Grothe) hier an:

Wenn Reuleaux in der Einleitung zur Kinematik Leupold in der ersten

Hälfte des 18. Jahrhunderts als den ersten Mechaniker nennt, der in

seinem Werke Theatrum machinarum die Maschine in einzelne Theile

zu zerlegen begann und diese für sich betrachtete, -- so bedauern

wir, daß dem geistvollen Förderer der Kinematik eine Einsicht in

die Werke Leonardo’s nicht vergönnt war [-- wie es ja leider seit

Leonardo’s Tode nur 8-10 Männer gegeben hat, die diese Manuskripte

studirten, und auch von diesen thaten wieder mehrere dies nur zum

Amüsement und betrachteten Leonardo’s Leistungen auf diesem Gebiete

nur als Curiosa, wie z. B. der Artiste 1841 nur eine ausführliche

Wiedergabe der Leonardo’schen Dampfkanone brachte, die in Förster’s

Bauzeitung von 1855 p. 143 übergegangen ist. Und doch schreibt auch

hier der Publizist: „So wunderbar die Sache ist, so ist sie nichts

destoweniger wahr; die Dampfkanone wird von dem unsterblichen Maler

des heiligen Abendmahls und zwar mit einer Genauigkeit beschrieben

und skizzirt, welche nicht den geringsten Zweifel gestattet.“] Die

größere Veröffentlichung von Venturi enthält nur die Gedanken des

Leonardo über Prinzipien der Physik und Mechanik, nichts (wenigstens

nichts von seinen Zeichnungen, die hierfür Hauptsache sind) über seine

maschinellen Konstruktionen und mechanisch-praktischen Studien. Wenn

Leupold nun die Maschinen zu zerlegen anfing und eine Betrachtung der

Details folgen ließ, -- so betrachtete Leonardo mit Rücksicht auf einen

vorgesetzten Zweck zuerst die ihm zu Gebote stehenden oder möglichen

Maschinentheile und setzte daraus eine Maschine zusammen. Dabei spielte

die Art der Bewegung der einzelnen Theile eine Hauptrolle. -- Unter

den Mitteln und Anordnungen, seinen Zweck zu erreichen, beweist

Leonardo einen klaren Blick und ein umfassendes Genie, neue Mittel zu

erfinden, die seinem Vorsatz zu Hülfe kommen sollen. Dies wird uns aus

vielen seiner Entwürfe ganz einleuchtend. Wir wollen hier nun eine

Reihe von Bewegungsmechanismen mittheilen, die Leonardo kannte und

bei Gelegenheit anwendete oder auch auf Anwendbarkeit betrachtete und

prüfte. In dem Ambrosianischen Codex Fol. 364 ist eine Betrachtung

Leonardo’s dieser Art aufbewahrt. In Fig. 44 geben wir danach

Leonardo’s Skizze wieder für eine Bewegungsübertragung mittelst eines

Rades, dessen Mantel mit spirallinigen Nuthen versehen ist, in welche

die Stäbe des getriebenen Speichenrades eingreifen und dieses somit

in eine gleichförmige Umdrehung versetzt wird. Bei der Einrichtung

in Fig. 45 sind die Nuthen in wellenförmigen Kurven am Mantel

herumgelegt. Figur 46 zeigt dagegen eine Zickzacknuth, die in einem

Gange um den Mantel gelegt ist. Das getriebene Rad erhält dadurch eine

fortschreitende Bewegung mit kleinen Ruhe- und Rückgangsintervallen.

-- Bei Figur 47 und 48 will Leonardo durch das Rad direkt ein Werkzeug

bewegen, und zwar versieht er die obere und untere Kante des Mantels

3 in Fig. 47 mit scharf absetzenden Zähnen, deren Gipfelpunkte in der

Parallelen zur Treibaxe und in einer Linie liegen. Diese Zähne werden

berührt unten und oben von den Armen einer Zange, deren Maul und

Arbeitsbacken nach außen gestellt sind. Federn drücken die Hebelarme

mit dem Maul zusammen und wirken dadurch auf die Griffe der Zange

und bewirken, daß dieselben stets auf der Kante der Mantelzähne

schleifen. Befinden sie sich auf den Höhen der korrespondirenden Zähne,

so erfolgt ein Oeffnen der Zange, gleiten sie zum Fuß der Zähne, so

erfolgt durch Wirkung der Federn plötzlicher Schluß der Backen. In

der Figur 48 ist bloß ein Zahnausschnittskranz des Rades vorgesehen

zur direkten Bewegung eines schweren Schmiedehammers. -- Alle diese

Räder muß man sich vorstellen als auf einer Turbinenachse aufgesetzt;

Leonardo zeichnet ein horizontales Wasserrad unter Fig. 48 unmittelbar

darunter. -- In Fig. 49 begegnen wir der allerdings interessantesten

Idee. Leonardo denkt hier an ein hyperbolisches Schraubenrad oder

eine von Nuthen in Spiralkurven umzogene Hyperboloide als Radform.

Die Kurve der Hyperboloide ist hierbei durch den Kreis bestimmt,

welchen die Umdrehung des getriebenen, vierarmigen Rades zur Umdrehung

verlangt, während der Gedanke des Leonardo den unteren ankommenden

Flügel von dem Anfang der Nuth erfassen läßt, in demselben Moment,

wo der obere Flügel die Kurvennuth verläßt. Mir scheint, daß Leonardo

die unmmittelbar unter Fig. 49 folgende Fig. 50 nur angegeben hat zur

näheren Berechnung der Kurven auf den Flächen des Hyperboloids; es

stimmen die Gänge und die Lage derselben überein. -- In Fig. 51 ist ein

Eingriff eines Zahnrades in ein Drehlingsrad auch als kegelförmiges

Stabrad gedacht, während der Drehling ebenfalls Kegelrad ist. In

der kleinen Skizze Fig. 52 denkt Leonardo zunächst an ein Zahnrad,

mit welchem ein in schräger Ebene dazu wirkendes getriebenes Rad

zusammenarbeitet. Augenscheinlich beschäftigt Leonardo in dieser Skizze

der Gedanke an eine schräge Verzahnung, die er dann in den folgenden

Figuren 53 u. 54 zur Bewegung einer Schnecke ausführt, in einer Art von

Hyperbelrädern.

[Illustration: Fig. 49.]

[Illustration: Fig. 50.]

[Illustration: Fig. 51.]

[Illustration: Fig. 52.]

[Illustration: Fig. 53.]

[Illustration: Fig. 54.]

[Illustration: Fig. 55.]

In Fig. 55 gibt Leonardo seine Idee über die Benutzung des

Friktionskegelbetriebesgetriebes.

Er denkt in einer andern ähnlichen Skizze an den Betrieb von drei

stehenden Kegelrädern, welche zusammen mit einem hängenden arbeiten.

Die folgende Gruppe (Fig. 56, siehe umstehend) von Mechanismen zeigt

die ersten Anfänge und Studien zu den ~Kegelrädern~ in Figur 7 und

8. Fig. 8 ist offenbar nur eine Untersuchungsfigur, um etwa die

Umgangsverhältnisse der in Fig. 7 dargestellten drei Scheiben des

Kegelrades klar zu machen. Ein sonderbares aber zu den flachkonischen

Rädern gehöriges Räderpaar ist in Fig. 5 dargestellt. Die Zähne haben

dabei im Durchschnitt die Gestalt eines rechtwinkligen Dreiecks, dessen

größere Kathete in die Ebene des Rades fällt. Außerordentlich vertraut

ist Leonardo mit den Schraubenrädern. Auf der angeführten Tafel 364

behandelt er die durch Schraube ohne Ende getriebenen Zahnräder

unter rechtwinklig geschränkten Achsen wie ein ganz geläufiges

Konstruktionsmittel, und so auf einer großen Anzahl anderer Blätter und

in vielen Maschinenkonstruktionen. So benutzt er eine Anordnung, wie

Fig. 1 zeigt, ziemlich oft, sogar bei dem Bewegungsmechanismus eines

Flugapparates.

[Illustration: Fig. 56.]

Bei einer Maschine zur Streckung des Eisens benutzt Leonardo

Schraubenräder zur Uebertragung, bei welchen die Schraube ohne Ende

dreimal eingeschaltet ist. Bei derselben ist auch ein getriebenes

Zahnrad mit Schraubenmutter im Zentrum versehen, welche die mit

Schrauben ganz versehene Zugstange voranzieht. Bei dieser Gelegenheit

gibt Leonardo zugleich eine Berechnung der Bewegungsübersetzung bis auf

die Walzscheibe vom Wasserrade her.

Die intermittirende, ~aussetzende~ Bewegung sucht Leonardo häufig und

auf verschiedene Weise zu erreichen. Hierzu dienen ihm Daumenwalzen

vorzugsweise, sodann Mechanismen, wie bereits oben abgebildet. Auf

vorstehender Gruppe in Fig. 11 gibt Leonardo noch eine andere Anordnung.

Die ~Zahnräder~ behandelt Leonardo ebenfalls sorgfältig, und daß er

nach Zahnformen gesucht hat, davon zeugen die Skizzen 2, 3, 4 und

andere. Höchst interessant sind seine Räder mit schräger Verzahnung,

sowohl bei konischer, als cylindrischer Grundform (Fig. 57). Es

sind dies auch die ersten Beispiele von Hyperbelrädern. Leonardo

hat dieselben rechtwinklig zur Uebertragung von Bewegung benutzt

und dabei den Trieb selbst mit schräger Verzahnung versehen. -- Die

Zahnformen haben im allgemeinen bei Leonardo eine viel gefälligere und

zweckmässigere Form, als bei den späteren Illustrationen hervortritt.

[Illustration: Fig. 57.]

~Hin-~ und ~hergehende~ Bewegungen erzeugt Leonardo theils mittelst

~Kurbeln~ und ~Zugstangen~, theils durch ~Nuthen~ und ~Stifte~. Eine

solche gleitende, alternierende Bewegung eines Pumpenkolbens ist durch

eine Kurvennuth in Fig. 9 dargestellt, zugleich ein sehr interessantes

Beispiel für Pumpenkonstruktion. Eine größere Anwendung der Nuth zeigt

auf dem Mantel einer großen cylindrischen Scheibe acht Zickzackkurven,

in welche der Gleitstift eines Mechanismus einragt.

[Illustration: Fig. 58.]

[Illustration: Fig. 59.]

In Fig. 58 und 59 sind die Stell- oder Klinkräder dargestellt, deren

sich Leonardo bei der Bewegung der Seilwinden bediente, theilweise um

direkt Seile auf die Achse dieser Räder aufzuwinden, theilweise, um

durch die Bewegung der mit Schraubengängen versehenen Achse eine Mutter

heranzuziehen, an welcher mittelst Ring und Tauen die Lasten befestigt

sind. Sehr zweckdienlich sind hierbei die mit innerem Zahnkranz

versehenen, eine volle Scheibe auf der Achse mit zwei diametral

gegenüberstehenden Eingriffklinken umfassenden Bügelscheiben mit Hebel.

In einer Zeichnung des Räderwerkes einer Uhr wendet Leonardo zwei

Steigräder an, deren Zähne um ½ verstellt sind, eine oszillirende

Hemmung greift in diese Zähne ein. (Die Uhr ist übrigens mit

Doppelwerk.) Die Anwendung von Riemen und Riemenscheiben findet sich

in Leonardo’s Entwürfen seltener vor. -- Bewegungsübertragung durch

Zahnstangen finden sich ebenfalls vor, zumal bei Uhrwerken.

[Illustration: Fig. 60.]

Sehr interessant ist Leonardo’s Bekanntschaft mit dem

~Universalgelenk~, für das bisher Cardanus als früheste Quelle

angegeben wurde. Wir geben die Zeichnung davon in Fig. 60.[22] Von

~Kuppelungen~ finden wir bei Leonardo die in Gruppe Fig. 56 als Fig. 10

dargestellte. Sonst hat er die Kuppelung auch wohl durch Scheiben mit

Verzahnung bewirkt.

Sehr vielfach wendet Leonardo ~Kurbeln~ an, sowohl an den Enden der

Welle, als auch in dieselben eingeschaltet.

Die Lage der Wellen mit ihren Scheiben horizontal, geneigt und vertikal

bildet den Gegenstand einer besonderen Betrachtung des Meisters. --

Diese Uebersicht wird bereits zur Genüge zeigen, daß Leonardo

die Elemente des Maschinenbaues in einer für seine Zeit weit

vorgeschrittenen Weise kannte.

Wir führen nun weiter an von seinen Maschinen:

1. Maschine zum Ausziehen (Walzen, Profiliren) von Eisenstäben. Diese

im Codex Atlanticus foglio 2 von einer schönen, deutlichen Figur

begleitete Darstellung zeigt aufs Neue, wie eingehend Leonardo studirte.

Leonardo hatte die Aufgabe, die nach damaliger Fabrikationsart der

Kanonenläufe aus Eisenstäben notwendigen Eisenstäbe in einem Profil

herzustellen, so daß die aneinander gefügten Stäbe den runden Lauf

zusammensetzten, und nun geeignet verbunden (zusammengeschweißt)

werden konnten. Um die Stäbe in dieser Weise auszuziehen, benutzt er

einen Mechanismus, der von einer Turbine (Reaktionsrad (retrecine) der

damaligen Mode) getrieben wird. Die Turbine enthält am obern Theil

ihrer Welle ein Schneckenrad, welches rechts in ein festgestelltes

vertikales Zahnrad eingreift, links aber ein mit seiner Welle

festverbundenes Zahnrad treibt, welches weiterhin durch eine stehende

Zwischenwelle mit Schnecke die Bewegung und Kraft auf eine schwere,

starke Achse überträgt, die am andern Ende eine Scheibe enthält,

welche die Profilirungsscheibe der Eisenstange sein soll. Diese

Profilscheibe ist mit einer Art Spiralkurve umzogen, deren Gestalt,

Höhe, Bogensteigung etc. genau berechnet ist. Das obenbesagte rechts

von der Turbinenwelle getriebene Rad enthält im Mittelpunkte eine

Schraubenmutter, durch welche eine der Länge der auszuziehenden

Eisenstange entsprechende Schraubenspindel hindurchläuft. Bei Drehung

des übrigens festgestellten Rades wird also die sich nicht drehende

Schraubenspindel bewegt. Diese Spindel enthält am andern Ende eine

Klaue, in welcher die Eisenstange befestigt wird. Die Eisenstange

ist von Rollen unterstützt und bewegt sich unter der Profilscheibe

durch, indem sie gegenüber dieser ein festes eingesenktes Formlager

mit Profilseite erhält. Die Profilscheibe ist schwer, preßt das Eisen

mächtig an. Leonardo berechnet sowohl die Last, als auch die Kraft,

welche nothwendig an der Mutter der Ziehscheibe thätig sein muß, um

das Eisen unter der Façonwalze durchzuziehen, und kommt zu genauen

Resultaten. Er beschäftigt sich sodann mit andern Profilen und theilt

mit, in wie vielen Operationen das Ausziehen derselben zu machen sei,

und auf einer Reihe von Tafeln sehen wir ihn immer wieder mit der

Lösung dieses Problems beschäftigt. Man achte aber darauf, daß er

uns auf der betreffenden Tafel nicht bloß die Profilscheibe, nebst

Auffindung der Kurve für deren Mantelfläche, sowie das unbewegliche

Matrizengegenlager gibt, sondern er lehrt auch zugleich seinen Apparat

kennen, mit welchem er das Werkzeug und die Matrize herstellt, nämlich

eine Maschine mit konischer Smirgelwalze und mit Lager zur Aufnahme der

Scheibe vielleicht (die durchgehende Welle nicht als Schraubenwelle

bestimmt ausgelegt, obgleich bei der zahlreichen Anwendung, die

Leonardo davon macht, dies fast gestattet sein dürfte), an einer

Schraubenspindel bewegt und an der Smirgelwalze hingeführt.

Bei dieser Beschreibung führt Leonardo seine Elementi macchinali

an und verweist bei Berechnung der Kraft eines Maschinentheils

auf den zweiundzwanzigsten Fall derselben. Es läßt sich also wohl

voraussetzen, daß Leonardo, sowie für die Hydrostatik so auch für

die Maschinenlehre Gesetze präzisirt und aufgestellt hatte. Er sagt:

Le quali potenza sono vere come è provato nella 13a del ventiduesimo

delli elementi macchinali ~da me composti~. Er sagt bei der Erklärung

der Radberechnung: „Wenn du nicht die Zahl (Zähnezahl) der Räder

multipliziren willst, so multiplizire ihre Größe, das macht dasselbe.“

Ferner steht folgender Rathschlag für die Maschinenkonstruktion da:

„Sei eingedenk, alle Glieder der Instrumente gleich oder größer (d. h.

stärker) zu machen als die Kraft des Motors.“ Ferner: „Weil ohne

Erfahrung eine richtige Kenntniß der Kraft sich ergeben kann, mit

welcher das auszuziehende Eisen seinem Trafilator widersteht, habe ich

in dem fraglichen Theile vier Räder durch Schrauben ohne Ende gemacht,

von denen Jedermann den Beweis hat durch Anzeichnung ihres Grades,

welche Kraft diese Kombination hat.“ (Hier folgt obiger Hinweis 13.

XXII.)

[Illustration: Fig. 61.]

2. In Beckmann’s Beiträgen zur Geschichte der Erfindungen und in

Poppe’s Geschichte der Technologie und an anderen Orten heißt es,

daß Bohrmühlen oder Mühlen zum Bohren hölzerner Röhren schon im 16.

Jahrhundert bekannt waren, und zwar verweisen alle diese Schriftsteller

auf Felix Fabri, Historia Suevorum. Derselbe erzählt von einer

Bohrmühle in Ulm. Da Fabri schon 1502 starb, so existirte diese

Bohrmühle also schon 1500. Kein bekanntes Werk der damaligen Zeit

enthält eine Abbildung dieser Maschine (Fig. 61), erst spätere Werke

bringen eine solche. Karmarsch berücksichtigt in seiner Geschichte

der Technologie weder diese Fabri’sche Mittheilung noch aber spätere

Konstruktionen und erwähnt nur, daß man im vorigen Jahrhundert solche

Handbohrmaschinen gehabt habe. Es fällt dies etwas auf, da Karmarsch

sonst Poppe und Beckmann oft benutzt. Der erste bisher bekannte

Schriftsteller, welcher Bohrmühlen abbildet und beschreibt, ist Georg

Andreas Böckler. In seinem Theatrum machinarum novum von 1661 befindet

sich eine solche in Kap. LXXXVI, in seinem Theatr. mach. novum von 1673

stellt er zwei Bohrmühlen dar. Leupold gibt später (1724) in seinem

Theatrum Machinarum Hydrotechnicarum in Kap. 5, 6 und 12 Abhandlungen

von Bohrern und Bohrstühlen. Metallbohrmaschinen waren 1720 in Gebrauch

gekommen. Von einer Bohrmaschine, um Brunnenrohre zu bohren, finden

wir aber eine Zeichnung von Leonardo’s Hand aufbewahrt, -- somit

die älteste Zeichnung dieses Genres Maschinen. Wir geben dieselbe

vorstehend in Abbildung. Leonardo starb 1510; seine technologischen

Studien fallen hauptsächlich in die Jahre 1480 bis 1506. Nun ließe sich

zweierlei aus Fabri’s und Leonardo’s Aufzeichnungen schließen: Erstens,

daß Leonardo diese Bohrmaschine selbst entworfen und ausgeführt habe,

und daß dieselbe von Norditalien nach Nürnberg, wie um jene Zeit

so vieles, verpflanzt ward, oder zweitens, daß die Bohrmaschine zu

Leonardo’s Zeit gar nichts Seltenes war, als man anzunehmen bisher

geneigt war. Ueberhaupt ist die gewöhnliche Annahme, daß vor Galilei’s

Zeit die Technik und die mechanischen Wissenschaften in einem Stadium

der Stagnation sich befunden, das seit Jahrhunderten andauerte, nicht

mehr haltbar, nachdem neuere Forschungen gezeigt haben, daß jene Zeit

nicht arm an Entwicklung und Fortschritt war.

Die Maschine zum Bohren, welche Leonardo auf fol. 78. uns darstellt,

und die ich in Facsimileskizze wiedergebe (mit von mir eingeschriebenen

Buchstaben), entspricht nicht nur Poppe’s Beschreibung der früheren

Bohrmühlen („Der Bohrer wird durch eine Welle in Umlauf gesetzt

und der zu bohrende Baum rückt ihm auf einem sogenannten Wagen

oder Schlitten immer mehr entgegen“), sondern die Details zeigen,

daß Leonardo’s Maschine ziemlich vollkommen eingerichtet war. Auf

einem kräftigen Gestell ist im Gerüst _d_ die Bohrwelle _g_ mit

Bohrer _b_ eingelegt, der am Ende durch einen Führer unterstüzt

geleitet wird. _a_ ist der zu durchbohrende Baum, der in eine

Art Klemmfutter genau eingespannt ist. Dasselbe besteht aus zwei

Ringen _c_, durch welche 2×4 Schraubenbolzen hindurchgehen und mit

ihren Enden _n_ gegen _a_ drücken. Diese Schraubenbolzen sind mit

Muttern _c_ versehen und durch Bügel festgestellt. Wie es scheint,

sind die vier Schraubenmuttern, die am Mantel gezahnte Cylinder

sind, mittelst des eingreifenden, an einer Kante verzahnten Ringes

_p_ zugleich zu drehen. Diese Einspannvorrichtung ist auf einen

Schlitten _o o_ gesetzt, der unterhalb durch eine Schraubenwelle

_e_ bewegt wird. -- Diese von Leonardo vorgeführte Maschine sticht

gegen Skizzen derjenigen Bohrvorrichtungen, die noch heute in kleinen

Orten zum Brunnenrohrbohren Anwendung finden, sehr vorteilhaft ab.

Die Einstellvorrichtung erweist sich in der That sinnreich und wohl

durchdacht.

3. ~Hobelmaschine.~ Karmarsch setzt als die ersten Hobelmaschinen die

Versuche des Focq 1770 und Crillon 1809, einen wirklichen Hobel durch

einen Mechanismus in Bewegung zu setzen, hin, welche jedoch keinen

Erfolg hatten. Die Figur zeigt es nun, daß Leonardo eine Hobelmaschine

nach ähnlichem Grundsatz zu konstruiren unternahm. Wir wollen uns gern

bescheiden, daß diese Erfindung des Leonardo keinen Erfolg hatte,

-- aber konstatirt muß werden, daß er in der beigefügten Skizze den

Versuch machte. (Fig. 62.)

[Illustration: Fig. 62.]

4. ~Sägemaschine.~ Diese sowohl wie die Hobelmaschine gibt Leonardo

von mancherlei Details begleitet. Dieses Gatter gibt, trotz seiner

Unvollkommenheit, doch ebenfalls Nachricht davon, daß man die Bewegung

der Sägen mechanisch schon damals versuchte. Wir können auch nicht

umhin zu erwähnen, daß wir in Lodi eine Säge fanden, welche seit

langen Jahren an einem Kanal gelegen ist, der Leonardo’s geistreichen

artesischen Quellenbrunnen seine Entstehung verdankt, und heute noch

die Gestalt zeigt, welche uns Leonardo von einer Säge skizzirt. --

5. ~Steinsäge.~ Wir haben darüber bereits oben referirt und eine

Abbildung der bezüglichen Tafel gegeben.

6. ~Feilenhaumaschine.~ Ursprünglich war die Feilenhauerei deutsche

Kunst, und Nürnberg stand dafür im 15. Jahrhundert in Ansehen,

seit 1618 begann England in Sheffield dieses Handwerk, und zwar

mit so hohem Erfolg, daß die englische Feilenfabrikation bis zum

Anfang dieses Jahrhunderts dominirte. Karmarsch sagt, daß seit mehr

als einem Jahrhundert zahlreiche Versuche zur Konstruktion einer

Feilenhaumaschine gemacht seien, und führt nach anderen Quellen an, daß

Duverger schon vor 1735 die erste Feilenhaumaschine entworfen habe.

Diese Angabe ist insofern ungenau, als Duverger bereits 1699 diese

Maschine entwarf und der Akademie präsentirte, und als die Beschreibung

derselben bereits 1702 im Journal des savants zu finden ist. Allein,

wie nun Leonardo da Vinci’s Manuskripte lehren, so ist Duverger nicht

der erste, sondern wir sehen, daß Leonardo eine Feilenhaumaschine

entworfen hat, und zwar vor 1505. Die Zeichnung (Fig. 63) ist in allen

Theilen sorgsam, und alle Details sind vorhanden; in den verschiedenen

Entwürfen von Hammerköpfen finden wir den grübelnden Techniker wieder.

Leonardo beabsichtigte die Maschine von der Kurbel und Menschenkraft

unabhängig zu machen. Es soll ein Gewicht mittelst eines Taues die

Hauptwelle in Bewegung setzen, letzteres so lang, ersteres so hoch

herabkommend, als im Verhältniß zu der Länge der zu hauenden Feile

nöthig.

Wenn bei irgend einer Maschine, so bewahrheitet sich bei dieser das

Wort des Leibnitz, das wir oben anführten; in der That haben wir

die Feilenhaumaschine noch nicht viel über den in Leonardo’s Skizze

sichtbaren Standpunkt hinausgebracht.

7. ~Spinnmaschine.~ Leonardo da Vinci hat sich mehrfach mit Entwurf

und Konstruktion von Spinnapparaten befaßt. Aus allen seinen

Entwürfen und Bemerkungen geht hervor, daß er das Hauptgewicht auf

die Bewegungsverhältnisse der Spindel und Spule legte. Alle seine

Zeichnungen geben die Spindel in horizontaler Anordnung und mit

einem, genau wie unsere modernen Vorspinnflügel geformten Flügel

fest verbunden. Ferner stellt er die Spule fest und läßt die Spindel

seitlich sich verschieben. Leonardo sucht auch die Geschwindigkeiten

zwischen Spule und Spindel in Einklang zu bringen und ordnet daher für

jede einzelne eine Bewegungsübertragung an. Seine klarste Zeichnung

haben wir hier im Durchschnitt wiedergegeben und möglichst an das

Original anschließend (das wir leider nicht durchzeichnen durften).

[Illustration: Fig. 63.]

In der Zeichnung (Fig. 64) ist _a a_ der Flügel, _b_ die Spindel, _c_

die Spule, _d_ die Spulenwelle, _e_ der Spulenwellenwirtel, _g_ der

Spindelwirtel, _i_ Spindellager, _k_ Wirtel auf der Spindel für die

Gabel _m_, welche von einer oszillirenden Welle her den Spindelwirtel

_k_ umfaßt und die Spindel in eine hin- und hergehende Bewegung

versetzt, die für Vertheilung des Fadens auf die Spule nöthig ist.

Wie trefflich diese Anordnung gegenüber den ersten Spindelanordnungen

des 18. Jahrhunderts ist, wird jeder Kenner sofort sehen. Aber die

Originalität dieser Konstruktion von etwa 1490 tritt noch mehr an

das Licht, wenn wir bedenken, daß 1530 erst das Spinnrad von Jürgens

auftauchte, welches in unendlich viel unvollkommenerer Gestalt mehrere

Jahrhunderte hindurch der vollkommenste Apparat zum Spinnen blieb, daß

ferner zuerst 1792 und 1795 der Engländer Antis eine Vorrichtung angab,

um ein gleichmäßiges Hin- und Herschieben der Garnspule zu bewirken.

[Illustration: Fig. 64.]

Leonardo hat seine Spinnmaschine mit zwei Spindeln gedacht, die

horizontal in einem Gestell so angebracht sind, daß die Spule an der

Außenwand hervorragt, ebenso Flügel und Spindel, so weit nöthig. In der

sauber ausgeführten perspektivischen Skizze hat Leonardo dem Triebrad

für die Spindel doppelte Größe gegeben, als dem Triebrad für den

Spulenwirtel. Die Wirtel für Spule und Spindel sind mit Diametern wie

1 : ½ gewählt. Es hat somit die Spindel, die sich in der Spulenrolle

als Hülse dreht, eine dreimal so große Geschwindigkeit wie die Spule.

Die Scheibe für Bewegung des Spindelwirtels ist etwa sechs mal so groß

als der Spindelwirtel; der Durchmesser der Scheibe zur Bewegung der

Spule aber nur doppelt so groß als der Spulenwirtel; es ergibt sich

daher für die Spindel (bei Annahme von 50 Umdrehungen der Hauptwelle)

eine Umdrehungszahl gleich 300 und für die Spule 100. Es kommen somit,

da sich beide, Spindel und Spule, in gleicher Richtung drehen, und die

Spulenhülse also nur ⅓ Umdrehung macht während einer Umdrehung der

Spindel, 900 Spindelumgänge auf eine Aufwicklung des Fadens. -- Es

ist gewiß bemerkenswerth, daß Leonardo da Vinci von der differirenden

Spindel- und Spulenbewegung Gebrauch machte, wie sie heute bei den

Kontinuemaschinen gebraucht wird, und daß er die Rotationsbewegung der

Spindel mit der alternirenden zu kombiniren verstand.

8. ~Seilspinnmaschinen.~ Es scheint, daß Leonardo für die Konstruktion

von Seilerrädern sehr vielfach beansprucht wurde. Wer die

mannichfaltigen Gerüstkonstruktionen des Leonardo durchgesehen hat,

wird wissen, daß die Verbindung der Balken und Bäume durchweg mittelst

Seilen geschah, zumal bei den Wasserbauten. Ferner waren alle seine

Handwerkzeuge mit Seilen ausgestattet. Dadurch hat er sicherlich den

Anlaß gehabt, auf eine gute Herstellung der Stricke und Taue zu achten.

Seine Seilräder ~unterscheiden sich nun wesentlich durch gute Anordnung

von den bei uns heute gebräuchlichen Seilerrädern~, so daß wir sagen

müssen, daß diese Apparate in unserer Zeit Rückschritte gemacht haben.

Eine seiner Abbildungen zeigt 14 Spindelhaken im Halbkreis aufgestellt,

jeder mit einem Wirtel versehen, der von einer gemeinschaftlichen

Trommel her durch Schnur bewegt wird. Eine zweite Zeichnung gibt

3 Spindeln an. Am Ende der Spinnbahn ist eine mit Gewicht und Tau

versehene Trommel aufgestellt, um welche Stricke mit Haken genommen

werden. Die Enden der Stricke werden an den Haken befestigt, und nach

Beendigung der Dreherei werden die gefertigten Längen auf die Trommel

aufgewickelt.

9. ~Weberei.~ Leonardo gibt mehrere Skizzen von Webestühlen. Leider

sind dieselben sehr undeutlich gehalten, so daß man dieselben nicht

sicher beurtheilen kann. Wir wollen uns nicht so weit versteigen, aus

einem skizzirten Webeapparate, trotz einiger ähnlicher Momente, einen

Vorläufer der Jacquardmaschine herauszulesen.

[Illustration: Fig. 65.]

10. ~Tuchscheermaschine.~ Leonardo gibt zahlreiche Skizzen von

Tuchscheermaschinen, und uns ist es kein Zweifel in Anbetracht der

Entwickelung und des weltanerkannten Uebergewichts der italienischen

Appretur, daß solche Scheermaschinen wirklich ausgeführt worden sind.

Leonardo konstruirt sie in vielfacher Weise. Die größte Anordnung

zeigt vier Scheertische neben einander nebst vier Scheeren. Diese

Scheeren haben die Gestalt der alten Tuchscheeren. Leonardo bemüht

sich, das eine oder beide der Blätter der Scheeren zu bewegen, und

wendet abwechselnd Kurbeln, Doppelkurbeln, Daumenräder, Federn u. s. w.

an. Eine kleinere Figur, bei welcher der Mechanismus in einem Kasten

verschlossen ist und nur die Scheere auf dem Scheertisch freiliegt, ist

unterschrieben mit: Modo di occultare il secreto del primo motu, als ob

Leonardo Nachahmungen befürchtet habe! -- Den mechanisch am weitesten

gehenden Entwurf zeigt Fig. 65. -- Bei demselben ist der Scheertisch in

einen rotirenden Zylinder verwandelt, während die Scheere festliegt,

-- eine andere Lösung der kontinuirlichen Scheermaschine, als wir sie

jetzt besitzen. --

Bekanntlich wollte Alcan nachweisen, daß Leonardo eine

Longitudinalscheermaschine erfunden habe, aber Mr. Alcan hat sich arg

getäuscht und eine Federziehmaschine für eine Tuchscheere genommen.

-- Unberechtigt ist aber Karmarsch’s Urtheil[23] über die Skizze

der Leonardo’schen Scheermaschine, „die er eine oberflächliche und

naive Skizze nennt, daß man eine danach gemachte Ausführung nicht

wahrscheinlich finden könne“ -- ungefähr das Gegentheil muß derjenige

annehmen, welcher sich mit Leonardo’s Arbeiten und der Geschichte

der Gewerbe in seiner Zeit beschäftigt hat. Die späteren ersten

Scheermaschinen von Everett 1758 und 1759 sind unseres Erachtens viel

unvollkommener als die des Leonardo. Von den Scheeren des Harmar (1794)

und des Douglas (1802) gibt Karmarsch selbst zu, daß sie dem Wesen nach

dieselben Konstruktionen wie die von Leonardo da Vinci seien.

11. ~Waschmaschine.~ Auf demselben Blatt, wo die größte Scheermaschine

steht, ist auch eine Waschmaschine mit 2 Walzen zugefügt. Leonardo

schreibt selbst daneben „Bono“. Sie hat ihm also selbst gefallen.

Leider ist diese Zeichnung unklar und flüchtiger als andere.

12. ~Kalander.~ Im Codex Atlanticus ist eine Figur enthalten, welche in

kräftigem Gestell zwei Walzen von großem Durchmesser enthält, auf deren

oberste ein herabzulassender, schwerer Halbkreis herabgesenkt wird, der

verschiedene Rollen auf den oberen Cylinder drückt. Leider fehlt der

Text hierzu, durch den es nur möglich sein würde, die Bestimmung dieser

Maschine genauer einzusehen.

13. ~Töpferscheibe~ mit von oben einzusetzendem Formmodel für

verschiedene Profile.

[Illustration: Fig. 66.]

14. ~Federhammer.~ Die Zeichnung dieses Instrumentes würde unserer

Zeit Ehre machen. Sie läuft dem Leonardo da Vinci so mit unter bei

Gelegenheit der Konstruktion eines Getriebes für einen Fallhammer.

Fig. 66. -- Die Feder scheint hierbei von besonderer Konstruktion. --

Hierbei wollen wir gleich anführen, daß Leonardo sich bemühte, die

Schmiedehämmer selbstthätig herzurichten.

16. ~Maschine zum Ziehen der Metallfedern.~ Leonardo hat hierfür eine

Reihe Entwürfe, 9 größere Figuren entworfen, von denen wir in Fig. 67

die beste und deutlichere beibringen. Die Idee ist die, mittelst Tau

und Zange _f_, _g_, _h_ die Feder _e_ durch die Presse _c_, _d_ zu

ziehen. Es geschieht das mit Hülfe der Kurbel _b_ und des Zahnrades

_a_, auf dessen Achse auch die Zugscheibe des Seiles sitzt. _i_ ist die

Stellschraube für die Presse. Die übrigen Figuren zeigen noch weitere

Betrachtungen, die nicht ganz klar werden. -- Aus der angegebenen

Figur aber wird man die Idee unserer Ziehbänke für Draht sehr genau

wiederfinden, die aus dem 14. Jahrhundert nachweislich stammt, -- ein

Beispiel von dem Alter gebrauchter maschineller Vorrichtungen.

[Illustration: Fig. 67.]

17. ~Hebezeuge.~ Leonardo machte nicht nur den ausgedehntesten

Gebrauch von Flaschenzügen, Rollenkombination, Schraubenhebel

u. s. w., sondern er konstruirte Hebevorrichtungen, welche den Namen

„Maschinen“ vollständig verdienen. Im Codex Atlanticus finden wir

unter anderem eine Winde mit Zahnstange. Die Zahnstange wird durch

zweiseitig angebrachte Getriebe auf und ab bewegt, während sie unten

die Last trägt. Sehr ausgebildet sind seine ~Krane~. Ein solcher

(auf fol. 48 C. A.) ist sowohl fahrbar auf einen kleinen, schweren

Rollwagen gestellt, als auch um seine Vertikalachse vollkommen drehbar.

Der Aufzug wird durch ein Tau bewirkt, welches auf eine Welle sich

aufwindet, die durch ein kleines Getriebe und großes Stirnrad umgedreht

wird. Das kleine Getriebe erhält seine Bewegung durch Kurbel. Eine

Stufenreihe am Säulenbaum ermöglicht ein Besteigen des Krans, der

mittelst starker Seile festgestellt wird. Eine andere Hebevorrichtung

ist so konstruirt, daß auf einem Dreibaumgestell von angemessener Höhe

eine Platte aufgebracht ist, durch welche der Bolzen einer starken

Schraube hindurchgeht, gehalten von der oberhalb bleibenden Scheibe

und Mutter. Dieser Bolzen ist unten mit Armen und Klammern versehen,

in welche der zu hebende Gegenstand eingehängt wird. Solche Klammern

und Angriffvorrichtungen sind von Leonardo sehr variirt; wir geben

hier einige solche in bildlicher Vorführung. Fig. 68 und 69. Bei

allen diesen Apparaten ist eine hebende Bewegung durch Schrauben nach

dem Greifen vorgesehen. Von den ~Winden~ brachten wir bereits oben

einige Details. Auch diese Hebewerkzeuge sind vorzüglich durchdacht

und dürften in unserer Zeit keineswegs übertroffen dastehen. Seine

mechanische Betrachtung auf fol. 52 C. A. über die Konstruktion ist

umgehend durchgeführt auf Abwägung der Vertheilung der Last und

Kraft auf Wellen und Stellräder. Er stellt eine Konstruktion mit der

Ueberschrift „falso“ einer andern gegenüber, mit der Ueberschrift

„giusto“ und gibt Bemerkungen zur Begründung dazu.

[Illustration: Fig. 68 u. 69.]

18. Im Anschluß an die Betrachtung unter 17) wollen wir hier kurz

bemerken, daß Leonardo’s ~Baukonstruktionen~, von denen Details

überreich in den Manuskripten zu finden sind, sehr gründlich sind.

Er verbreitet sich über die Verbindung der Balken und Langhölzer,

er bestimmt die Verbindung der Holztheile mit dem Mauerwerk, er

lehrt Gerüste schlagen, Brücken, Uferschaalung und Schleusen bauen,

Kriegsvorrichtungen errichten u. s. w. In diesem Theile seiner

Manuskripte liegt so viel Material verschlossen, daß es gewiß der Mühe

werth wäre, dieselben ausgiebig zu studiren, um Leonardo als Baumeister

darzustellen.

19. Leonardo hatte ein eigenes Werk geschrieben über ~Mühlwerke~, wie

Lommazzo (Trattato della pittura) berichtet, das leider verzettelt

worden ist. Es war kolorirt, und nur wenige Blätter sind erhalten.

Einige Skizzen von Presswerken und Mahlgängen sind in seinen

Manuskripten zerstreut zu finden, so ein Mahlgang mit zwei horizontalen

Steinen und eine Olivenpresse, von der Leonardo selbst sagt, daß sie

die Oliven~trocken~presse.

[Illustration: Fig. 70.]

[Illustration: Fig. 71.]

20. ~Meßinstrumente~ umfassen bei Leonardo Skizzen von ~Dezimalwaagen~

und andere Waagen, -- zu einem ~Dynamometer~ (Trattato della pittura

148), -- zu einem Instrument, um die ~Geschwindigkeit des Wassers~ zu

messen, -- zu einem Modell, um jede Sache zu messen; -- seine ~Zirkel~,

sein ~Ovalwerk~ sind bekannt und anerkannt worden; seinen ~Hygrometer~

beschrieben wir bereits; seinen ~Wegmesser~ lobt er selbst.

Hierher gehören auch seine ~Uhrwerke~. Ein solches stellt die folgende

Fig. 70 u. 71 dar. In der Figur deutet oben an der Achse der „Palmola“

der nach rechts hinübergehende Faden einen Motor der Uhr an. Leonardo

gibt uns im Cod. N. einen Apparat an, der Uhren bewegt. Es ist das ein

Stab mit Zähnen, die in Zähne eines Rades eingreifen, und Leonardo

sagt davon: „Derselbe Stab wirkt wie ein Balancier in den Uhren, d. h.

er wirkt alternativ, bald an der einen, bald an der andern Seite des

Rades ohne Unterbrechung.“ Venturi sagt zu der letzten Stelle, daß also

Atwood, den man den Erfinder des Balanciers für Uhren nennt, im 16.

Jahrhundert schon in Leonardo einen Vorgänger gehabt, ja daß Arnault

bereits vor 1465 einen Balancier beschrieb, und Vinci redet davon

allerdings als von etwas Bekanntem. --

Im Uebrigen bewegte Leonardo seine Uhren theils durch Wasser oder Luft,

theils durch besondere Einrichtungen. Bei einem der interessantesten

Entwürfe hat Leonardo zwei Blasebälge angewendet, deren abwechselndes

Ausdehnen eine bewegliche Zahnstange in die Zähne der Uhrrädchen

eingreifen läßt, beim Rückgehen aber die Zahnstange aushebt. Der

Mechanismus ist sehr sorgfältig gezeichnet. --

Was Govi richtig auseinandersetzt bei Aufzählung der „Inventioni“ des

Leonardo ist das, daß er behauptet, daß Leonardo das ~Pendel~ kannte.

Wir haben bereits Gelegenheit gehabt, mehrmals auf diese ~Thatsache~

aufmerksam zu machen bei der Wellenbewegung, bei der Darstellung der

astronomischen Kenntnisse des Leonardo u. a. a. O. Nun finden wir aber

bei einer Figur, die ein Perpetuum mobile darstellen soll, folgende

Bemerkung zu einem pendelartig schwingenden Körper, der seine Bewegung

dem Mechanismus mittheilen soll: „Questo contrappeso lavora di sopra

colla sua asta nella intaccata rota, a similitudine dell’ asta del

tempo degli orologi, cioè or da capo or da piè, e non perde mai tempo.“

Sollte bei solchem Vergleich angenommen werden können, daß das Pendel

in der Bewegung der Uhren zu Leonardo’s Zeit unbekannt war? Wir glauben

diese Frage mit „Nein“ beantworten zu müssen.

[Illustration: Fig. 72.]

[Illustration: Fig. 73.]

21. Konstruktion der ~Ketten~, Leitern, Strickleitern. Auch diese

Mittel für mechanische Leistungen haben den Leonardo sehr interessirt.

Neben den gewöhnlichen Gliederketten finden wir bei Leonardo die beiden

Kettenformen, in Fig. 72 u. 73 dargestellt, welche man für gewöhnlich

dem Vaucanson und dem Galle zuschreibt und sie auch so ~Vaucanson~’sche

und ~Galle~’sche Kette nennt. Letztere Spezies findet bei Leonardo

besondere Beobachtung und sorgsame bildliche Darstellung.

23. Drollig ist Leonardo’s dreibeiniges Malerstühlchen zum

Zusammenlegen für Studien im Freien. Interessant sind seine

Musikinstrumente. Pauken bewegte er mechanisch.

24. Außer dem oben bereits angeführten Bratspießmechanismus, von dem er

sagt, „daß er um so schneller gehe, je heißer die Luft werde, die vom

Feuer aufsteigt“, erfand Leonardo geeignete Vorrichtungen zum Schließen

der Kamine und Schornsteine und zur Regelung des Zuges.

Es sei noch der einrädrige Bergmannskarren hier vorgeführt, dessen

Konstruktion für gewöhnlich einer späteren Zeit zugetheilt wird. (Fig.

74.)

[Illustration: Fig. 74.]

[Illustration: Fig. 75.]

26. ~Hydraulische Maschinen und Apparate.~ Außer den oben bereits

betrachteten hydraulischen Motoren des Leonardo enthalten seine

Manuskripte sehr viele Entwürfe von Saug- und Druckpumpen und

dergleichen Apparaten, worunter natürlich die im Mittelalter viel

gebrauchten Wasserschnecken und Wasserschrauben, so wie Schöpfräder

nicht fehlen. Unter den Pumpwerken nennen wir zunächst die Kettenpumpe,

die bei Leonardo eine ausgebildete Gestalt hat, wie Fig. 75 zeigt.

Bekanntlich war diese Ketten- oder Gefäßpumpe seit dem Alterthum

bekannt, allein eine so vollkommene Gestalt der Scheibe rührt doch (wie

auch Ewbank Descript. and Histor. etc. p. 156 lehrt) erst aus späterem

Zeitalter her. -- Leonardo’s Bestreben ging augenscheinlich und

ausgesprochenermaßen darauf aus, „einen kontinuirlichen Wasserstrahl

zu erzeugen zu Fontainen, Spritzen u. s. w.“ Er konstruirte daher

vorherrschend zweicylindrige Pumpwerke, die das Wasser in geschlossene

Gefäße einpumpten, wo dann die Luftkompression das ihrige that. Die

Pumpwerke sind theils Kolbenpumpen, theils blasebalgartige Schläuche,

theils Cylinder, die sich ineinander verschieben und mit ihren Böden

wie Kolben wirken und bei denen der Herabgang durch Bleigewichte

unterstützt ist. Eine dieser Pumpen aber muß unsere Aufmerksamkeit im

höchsten Grade erregen. Sie trägt die Inschrift: „Acqua alzata per

forza di vento.“ Wie die Zeichnung 76 darthut, enthält diese Maschine

einen runden horizontalen Cylinder, der sich offenbar ~nicht~ dreht,

denn er ist durch Bänder am Gestell festgehalten, die über eine

geriefte Fläche gelegt sind. Von diesem Cylinder geht ein Rohr in den

Brunnen hinab. Dasselbe enthält nach Leonardo’s Angaben ein Ventil.

Aus dem Cylinder geht seitlich ein Ausgußrohr ab. Dasselbe enthält

auch ein Ventil (animelli). Ein zweites projektirtes Rohr (wenn das

erste fortfällt) ist gerade senkrecht in die Luft geführt. Wir sehen

andererseits eine Welle aus diesem Cylinder herausragen, welche mit

einem Stift versehen ist, der in einer Nuthenscheibe (vom Getriebe

her bewegt) geführt, der Welle eine alternirende Bewegung ertheilt.

Das Spiel der Pumpe ist offenbar so. Die Welle trägt im Innern einen

dichtschließenden Kolben, geht derselbe nach links, so schließt sich

das Ventil im Speirohr, und das Ventil im Saugrohr öffnet sich. Bei

Rückgang des Kolbens schließt sich das Saugventil und öffnet sich das

Ventil nach außen, so daß der Kolben das Wasser herausdrückt.

Wir haben es also mit einer kompletten, einfach konstruirten

~Saug-Druckpumpe~ zu thun (Fig. 76).

[Illustration: Fig. 76]

Karmarsch hat die Geschichte der Pumpen in seinem Werke „Geschichte

der Technologie“ fehlen lassen. Ewbank gibt eine einigermaßen ähnlich

vollkommene Druckpumpe erst aus dem 16. Jahrhundert an.

Sodann haben wir noch zu erwähnen, daß Leonardo eine Zeichnung gibt mit

der Inschrift: „Per questa via si farà salire l’acqua per tutta la casa

per condotti.“ Ihm schwebte also eine Wasserleitung durch das Haus vor.

--

[Illustration: Fig. 77.]

Endlich geben wir noch folgende Zeichnung, welche auf dem bereits

mehrfach benannten Blatt 283 des Codex Atlanticus steht. Dieselbe

dürfte kaum anders zu erklären sein, als daß man sie als ~hydraulische~

Presse betrachtet. Auch hier fehlen Bemerkungen des Leonardo, welche

das Dunkel aufklären könnten; aber die auf jenem Blatt enthaltenen

vielen Skizzen für die Verwendung und die Eigenschaften des Wassers

lassen leicht unsere Auffassung als richtig erscheinen. Fig. 77.

Schließlich erwähnen wir das Fol. 45 des Codex Atlanticus, welches sich

mit einer Betrachtung der Wasserleitung über Berge beschäftigt, bei

welcher Leonardo Gebrauch macht von dem Gesetz der schiefen Ebene und

mechanischen Mitteln zur Hebung.

Leonardo da Vinci als Ingenieur und Philosoph Ein Beitrag zur Geschichte der Technik und der induktiven Wissenschaften · 第 35 / 36 题