Leonardo war, wie wir gesehen, sowohl bei dem Herzog Ludovico Sforza,
als später bei Borgia ~Kriegsingenieur~. Für diese Stellung ist sein
Brief, den er an Sforza geschrieben, karakteristisch, welcher folgt,
nachdem wir nicht anzuführen unterlassen werden, daß Leonardo in seinem
Traktat der Malerei ausruft: nelle bataglie per necessita accadono
infiniti scorciamenti e piegamenti del compositori di tal discordia o
vuoi dire pazzia bestialissima!
„Monseigneur, überzeugt, daß die Vorspiegelungen von allen denen,
welche sich Meister in der Kunst des Erfindens von Kriegsgeräth
nennen, in Wirklichkeit nichts Nützliches oder Neues geleistet wird,
was nicht schon gewöhnlich ist, beeile ich mich gegenwärtig, ohne
jemanden schaden zu wollen, Eurer Herrlichkeit meine Geheimnisse zu
entschleiern und sie, wenn es Ihnen gefällt, zur Ausführung zu bringen;
denn ich wage zu hoffen, daß alle Dinge, welche ich in diesem kurzen
Brief einreiche, das verlangte Resultat erreichen.
1. Ich weiß zu konstruiren sehr leichte Brücken, welche man leicht
von einem zum andern Ort transportiren kann, und mit Hülfe welcher
es oft möglich wird, den Feind zu verfolgen und ihn in die Flucht
zu jagen. Dieselben sind sehr sicher und gegen Feuer geschützt, und
widerstandsfähig im Wasser. Sie lassen sich leicht aufschlagen und
abbrechen. Ich habe auch ein Mittel, die Brücken des Feindes zu
zerstören und anzuzünden.
2. Ich habe ein Mittel gefunden, die Wasser bei einer Belagerung
abzuleiten, Fallbrücken zu machen und eine Reihe Instrumente für
solche Gelegenheit.
3. Wenn die Höhe der Mauern oder die Stärke der Position eines
Platzes nicht erlaubt, in einer Belagerung mit den Kanonen zu
nahen, habe ich ein Mittel erfunden, jeden Thurm oder andere
Befestigung, sobald sie nicht auf Felsen gebaut ist, zu ruiniren.
4. Ich verstehe auch eine Art Kanonen (bombarde) zu fabriziren,
sehr leicht und bequem zu transportiren, welche entflammte Stoffe
schießt, um Schrecken unter die Feinde zu verbreiten mit Hülfe
eines großen Rauches, ihnen Schaden zuzufügen und sie in Unordnung
zu bringen.
5. Ferner eine Methode, ohne Lärm die unterirdischen Gänge zu
graben, um in einen Graben oder ein Flußufer zu gelangen.
6. Kräftige Wagen, offen, defensiv und offensiv, mit Artillerie
versehen, dringen in die Mitte der Feinde ein; keine Waffenmasse
gibt es, sie zu brechen, und dicht dahinter kann Fußvolk folgen
ohne Schaden und Hinderniß.
7. Ich kann auch Bombarden gießen, wenn es nöthig ist, Mörser
und Feldgeschütze in schöner und nützlicher Form und für den
gewöhnlichen Gebrauch.
8. Dort, wo die Bombarden nicht angewendet werden können, fertige
ich andere Geschütze (briccolè manghani, Arabucchi ed altri
instrumenti) von wunderbarem Effekt und starkem Gebrauch. Je nach
Erforderniß werde ich die Offensivwaffe bis ins Unendliche variiren.
9. Wenn das Geschick einer Seeschlacht droht, so habe ich eine
Reihe Waffen und Instrumente für Angriff und Vertheidigung in
Bereitschaft; ebenso Schiffe, welche dem Feuer der größten
Artillerie widerstehen (Panzerschiffe??) und Pulver und Feuerarten.
10. In Friedenszeiten wird es nützlich sein, zu allgemeinem Nutzen
(benissimo a paragone di omni) Architektur zu pflegen, Gebäude für
Private und die Oeffentlichkeit, und die Wasser von Ort zu Ort zu
führen.
Ich beschäftige mich auch mit Skulpturen in Marmor, in Bronze und in
Erden; ebenso fertige ich Gemälde, alles was man will. Ich würde auch
an der Reiterstatue in Bronze arbeiten können, welche zum unsterblichen
Ruhme und ewiger Ehre, also auch zur glücklichen Erinnerung Eurer
Herrlichkeit Vaters und des fürstlichen Hauses Sforza errichtet werden
soll.
Wenn einige dieser Sachen, von denen ich geredet habe, unmöglich und
unausführbar erscheinen sollten, so biete ich mich an, sie auszuführen
in Eurem Park oder an einem Ort, wo Ew. Exzellenz will, -- womit ich
ergebenst mich so viel als möglich empfehle.“
Dieser Brief ist im Codex Atlanticus enthalten und unzählige Male
kopirt und edirt. Am sorgfältigsten hat ihn jedoch Francesco di Giorgio
Martini geprüft und sich die Mühe gegeben, die darin enthaltenen
Versprechungen durch wirkliche Entwürfe, Projekte etc. in den
Manuskripten zu belegen. Es ist ihm dies nicht nur gelungen, sondern
er hat im Codex Atlanticus eine solche Fülle von Material für die
Beantwortung der zehn Paragraphen gefunden, daß er eine überreiche
Ausbeute für seinen Trattato di Architettura civile e militare (1841,
Turin, Carlo Promis) sammelte.
Von den Entwürfen zu ~Feuerwaffen~ speziell, die von Leonardo in Menge
vorgeführt sind, haben verschiedene Schriftsteller kleinere oder
größere Auswahl getroffen und edirt, so besonders Angelucci, Documenti
inediti per la Storia delle armi da fuoco Italiane. Venturi hat die
folgenden Abschnitte nach den Pariser Manuskripten publizirt:
[Illustration: Fig. 36.]
[Illustration: Fig. 37.]
„Weil heute die Artillerie ihre Kraft um ¾ vermehrt hat, muß man den
Widerstand der Mauern auch um ¾ vermehren. -- Das Ravelin ist der
Schlüssel des Platzes; wie er den Platz vertheidigt, so muß er vom
Platze vertheidigt werden. Das Ravelin, mehr entfernt vom Platze, ist
den Schüssen der Angreifer mehr ausgesetzt. Der Feind suche sich in den
Trancheen des Glacis einzunisten, welches die Gräben _LB_ und _HK_
begrenzt (Fig. 36), und richte sein Feuer so, daß es das ganze Ravelin
zerstört. Alle Partieen des Glacis und Ravelins müssen dem Bombardier
des Platzes sichtbar sein. Keine Artillerie darf _A_ treffen. Die Fig.
37 gibt ein Bild eines Ravelins für ein Fort. Diese Fortifikation
beherrscht den Graben und die Wälle. (Fig. 38.) Wenn ein Feind _A_
eingenommen hat und die Gräben mit Erde ausfüllt, setzt er sich der
Artillerie aus, die die Gräben entlang schießt. In einer Festung auf
dem Gebirge muß man ringsum tiefe Keller graben, um zu verhindern, daß
der Grund durch das Feuer von unten her zerstört wird. Die Keller,
welche man unter der Erde herstellt, um die Mauer einer solchen Festung
zu stützen, müssen unter der untern Mauernpartie aufgeführt sein, etwa
wie in Fig. 39 gezeigt wird. Die Gallerie _AB_ soll etwa 1½ Ellen
breit sein auf 3 Ellen Höhe. Man wendet bei _B_ im rechten Winkel, so
bei _C_ und _D_ bis zum Thurm _FG_ und fährt so fort. Wenn die Mauer
terrassirt ist, muß man den Thurm jenseits der Mitte der Mauerdicke
placiren.“ Eine andere Stelle handelt von den Minen und deren
Anlage. Leonardo bespricht ferner die Wirksamkeit einer steinernen
Kugel gegenüber dem Bleigeschoß. Er erläutert dies alles noch durch
Zeichnungen und Angaben, während eine Reihe Tafeln nur von Details und
besonders Befestigungen, Sturmmaschinen, Artillerie u. s. w. reden.
[Illustration: Fig. 38.]
[Illustration: Fig. 39.]
Unter diesen Zeichnungen sind die interessantesten folgende: Der
Architronitus oder die Dampfkanone, welche wir oben bereits abgebildet
und beschrieben. Sie ist es, die uns lehrt, daß der Gebrauch des
Wasserdampfes und seiner Expansion zu Leonardo’s Zeit nichts
Ungewöhnliches, keine neue Idee war, und es beweist dies auch die
(auf Tafel 300 gegebene) Vorrichtung, um Wasser zu heben, bewegt
durch Dampf, und die gegen den Strom gehende Barke (Fol. 233), daß
die hierin ausgedrückten Kenntnisse über den Wasserdampf der Zeit des
Leonardo angehörten. Unter der Zahl der Kanonenkonstruktionen finden
wir mannigfache sinnreiche Stücke, rotirende, drehbare Mitrailleusen,
-- ferner viele andere Geschütze unter Anwendung von Schleuderkraft
und Schwungkraft, mächtige auf Räder gestellte Armbrüste, ferner ganze
große Batterien von Büchsenläufen, die auf dem Mantel großer Treträder
tangential in 4 bis 8 Reihen aufgebracht sind und nach einander
abgeschossen werden.
Die Herstellung von Kanonen scheint ihn besonders beschäftigt?
zu haben. Wir finden im Codex Atlanticus eine Zeichnung, die uns
lehrt, mit was für einem Instrument Leonardo bohrte, d. h. offenbar
nachbohrte und Züge einschnitt. Dasselbe erscheint als ein Cylinder,
welcher der Längsachse nach mit Leisten von rechteckigem Querschnitt
und scharfen Kanten besetzt ist, welche in gleichen Zwischenräumen
gleich der Hälfte ihrer Kopfbreite aufgestellt sind. In diese Leisten
ist eine Spirale eingeschnitten, die allerdings erhabene Züge
hervorbringen müßte. Das Rohr ist vorn und hinten offen, -- also wie
bei unseren Hinterladern, -- und am vorderen Ende erblicken wir die
Bohrstange hervorragen und mit Hebeln zum Drehen versehen. Einige der
Kanonen zeigen Ornamentik und stellen wohl Festkanonen vor, wie solche
dazumal viel gefertigt wurden.
Ueber die Geschosse, ihre Gewichte, ihre Flugbahn, sowie über Tragweite
der Geschütze finden sich oft Bemerkungen. An einer solchen Stelle sagt
Leonardo da Vinci:
„Die Kugeln der Bombarde machen eine Meile in fünf Zeitabschnitten,
von welchen Zeiten eine Stunde zusammengesetzt ist von 1080 u. s. w.“,
wobei er auf das Resultat kommt, daß eine solche Kugel per Sekunde 110
Meter macht. --
Also auf diesem Gebiete leistete Leonardo da Vinci Bedeutendes. Die
Anerkennung, welche er bei seinen Zeitgenossen fand, war groß; wir
haben bereits oben gesehen, daß Magenta bei seinen Befestigungsarbeiten
für Florenz den Leonardo fleißig studirte. Ebenso befahl Valentin
Borgia allen seinen Platzingenieuren, sich nach den Anordnungen des
Leonardo zu richten.