XIV.

Leonardo war, wie wir gesehen, sowohl bei dem Herzog Ludovico Sforza,

als später bei Borgia ~Kriegsingenieur~. Für diese Stellung ist sein

Brief, den er an Sforza geschrieben, karakteristisch, welcher folgt,

nachdem wir nicht anzuführen unterlassen werden, daß Leonardo in seinem

Traktat der Malerei ausruft: nelle bataglie per necessita accadono

infiniti scorciamenti e piegamenti del compositori di tal discordia o

vuoi dire pazzia bestialissima!

„Monseigneur, überzeugt, daß die Vorspiegelungen von allen denen,

welche sich Meister in der Kunst des Erfindens von Kriegsgeräth

nennen, in Wirklichkeit nichts Nützliches oder Neues geleistet wird,

was nicht schon gewöhnlich ist, beeile ich mich gegenwärtig, ohne

jemanden schaden zu wollen, Eurer Herrlichkeit meine Geheimnisse zu

entschleiern und sie, wenn es Ihnen gefällt, zur Ausführung zu bringen;

denn ich wage zu hoffen, daß alle Dinge, welche ich in diesem kurzen

Brief einreiche, das verlangte Resultat erreichen.

1. Ich weiß zu konstruiren sehr leichte Brücken, welche man leicht

von einem zum andern Ort transportiren kann, und mit Hülfe welcher

es oft möglich wird, den Feind zu verfolgen und ihn in die Flucht

zu jagen. Dieselben sind sehr sicher und gegen Feuer geschützt, und

widerstandsfähig im Wasser. Sie lassen sich leicht aufschlagen und

abbrechen. Ich habe auch ein Mittel, die Brücken des Feindes zu

zerstören und anzuzünden.

2. Ich habe ein Mittel gefunden, die Wasser bei einer Belagerung

abzuleiten, Fallbrücken zu machen und eine Reihe Instrumente für

solche Gelegenheit.

3. Wenn die Höhe der Mauern oder die Stärke der Position eines

Platzes nicht erlaubt, in einer Belagerung mit den Kanonen zu

nahen, habe ich ein Mittel erfunden, jeden Thurm oder andere

Befestigung, sobald sie nicht auf Felsen gebaut ist, zu ruiniren.

4. Ich verstehe auch eine Art Kanonen (bombarde) zu fabriziren,

sehr leicht und bequem zu transportiren, welche entflammte Stoffe

schießt, um Schrecken unter die Feinde zu verbreiten mit Hülfe

eines großen Rauches, ihnen Schaden zuzufügen und sie in Unordnung

zu bringen.

5. Ferner eine Methode, ohne Lärm die unterirdischen Gänge zu

graben, um in einen Graben oder ein Flußufer zu gelangen.

6. Kräftige Wagen, offen, defensiv und offensiv, mit Artillerie

versehen, dringen in die Mitte der Feinde ein; keine Waffenmasse

gibt es, sie zu brechen, und dicht dahinter kann Fußvolk folgen

ohne Schaden und Hinderniß.

7. Ich kann auch Bombarden gießen, wenn es nöthig ist, Mörser

und Feldgeschütze in schöner und nützlicher Form und für den

gewöhnlichen Gebrauch.

8. Dort, wo die Bombarden nicht angewendet werden können, fertige

ich andere Geschütze (briccolè manghani, Arabucchi ed altri

instrumenti) von wunderbarem Effekt und starkem Gebrauch. Je nach

Erforderniß werde ich die Offensivwaffe bis ins Unendliche variiren.

9. Wenn das Geschick einer Seeschlacht droht, so habe ich eine

Reihe Waffen und Instrumente für Angriff und Vertheidigung in

Bereitschaft; ebenso Schiffe, welche dem Feuer der größten

Artillerie widerstehen (Panzerschiffe??) und Pulver und Feuerarten.

10. In Friedenszeiten wird es nützlich sein, zu allgemeinem Nutzen

(benissimo a paragone di omni) Architektur zu pflegen, Gebäude für

Private und die Oeffentlichkeit, und die Wasser von Ort zu Ort zu

führen.

Ich beschäftige mich auch mit Skulpturen in Marmor, in Bronze und in

Erden; ebenso fertige ich Gemälde, alles was man will. Ich würde auch

an der Reiterstatue in Bronze arbeiten können, welche zum unsterblichen

Ruhme und ewiger Ehre, also auch zur glücklichen Erinnerung Eurer

Herrlichkeit Vaters und des fürstlichen Hauses Sforza errichtet werden

soll.

Wenn einige dieser Sachen, von denen ich geredet habe, unmöglich und

unausführbar erscheinen sollten, so biete ich mich an, sie auszuführen

in Eurem Park oder an einem Ort, wo Ew. Exzellenz will, -- womit ich

ergebenst mich so viel als möglich empfehle.“

Dieser Brief ist im Codex Atlanticus enthalten und unzählige Male

kopirt und edirt. Am sorgfältigsten hat ihn jedoch Francesco di Giorgio

Martini geprüft und sich die Mühe gegeben, die darin enthaltenen

Versprechungen durch wirkliche Entwürfe, Projekte etc. in den

Manuskripten zu belegen. Es ist ihm dies nicht nur gelungen, sondern

er hat im Codex Atlanticus eine solche Fülle von Material für die

Beantwortung der zehn Paragraphen gefunden, daß er eine überreiche

Ausbeute für seinen Trattato di Architettura civile e militare (1841,

Turin, Carlo Promis) sammelte.

Von den Entwürfen zu ~Feuerwaffen~ speziell, die von Leonardo in Menge

vorgeführt sind, haben verschiedene Schriftsteller kleinere oder

größere Auswahl getroffen und edirt, so besonders Angelucci, Documenti

inediti per la Storia delle armi da fuoco Italiane. Venturi hat die

folgenden Abschnitte nach den Pariser Manuskripten publizirt:

[Illustration: Fig. 36.]

[Illustration: Fig. 37.]

„Weil heute die Artillerie ihre Kraft um ¾ vermehrt hat, muß man den

Widerstand der Mauern auch um ¾ vermehren. -- Das Ravelin ist der

Schlüssel des Platzes; wie er den Platz vertheidigt, so muß er vom

Platze vertheidigt werden. Das Ravelin, mehr entfernt vom Platze, ist

den Schüssen der Angreifer mehr ausgesetzt. Der Feind suche sich in den

Trancheen des Glacis einzunisten, welches die Gräben _LB_ und _HK_

begrenzt (Fig. 36), und richte sein Feuer so, daß es das ganze Ravelin

zerstört. Alle Partieen des Glacis und Ravelins müssen dem Bombardier

des Platzes sichtbar sein. Keine Artillerie darf _A_ treffen. Die Fig.

37 gibt ein Bild eines Ravelins für ein Fort. Diese Fortifikation

beherrscht den Graben und die Wälle. (Fig. 38.) Wenn ein Feind _A_

eingenommen hat und die Gräben mit Erde ausfüllt, setzt er sich der

Artillerie aus, die die Gräben entlang schießt. In einer Festung auf

dem Gebirge muß man ringsum tiefe Keller graben, um zu verhindern, daß

der Grund durch das Feuer von unten her zerstört wird. Die Keller,

welche man unter der Erde herstellt, um die Mauer einer solchen Festung

zu stützen, müssen unter der untern Mauernpartie aufgeführt sein, etwa

wie in Fig. 39 gezeigt wird. Die Gallerie _AB_ soll etwa 1½ Ellen

breit sein auf 3 Ellen Höhe. Man wendet bei _B_ im rechten Winkel, so

bei _C_ und _D_ bis zum Thurm _FG_ und fährt so fort. Wenn die Mauer

terrassirt ist, muß man den Thurm jenseits der Mitte der Mauerdicke

placiren.“ Eine andere Stelle handelt von den Minen und deren

Anlage. Leonardo bespricht ferner die Wirksamkeit einer steinernen

Kugel gegenüber dem Bleigeschoß. Er erläutert dies alles noch durch

Zeichnungen und Angaben, während eine Reihe Tafeln nur von Details und

besonders Befestigungen, Sturmmaschinen, Artillerie u. s. w. reden.

[Illustration: Fig. 38.]

[Illustration: Fig. 39.]

Unter diesen Zeichnungen sind die interessantesten folgende: Der

Architronitus oder die Dampfkanone, welche wir oben bereits abgebildet

und beschrieben. Sie ist es, die uns lehrt, daß der Gebrauch des

Wasserdampfes und seiner Expansion zu Leonardo’s Zeit nichts

Ungewöhnliches, keine neue Idee war, und es beweist dies auch die

(auf Tafel 300 gegebene) Vorrichtung, um Wasser zu heben, bewegt

durch Dampf, und die gegen den Strom gehende Barke (Fol. 233), daß

die hierin ausgedrückten Kenntnisse über den Wasserdampf der Zeit des

Leonardo angehörten. Unter der Zahl der Kanonenkonstruktionen finden

wir mannigfache sinnreiche Stücke, rotirende, drehbare Mitrailleusen,

-- ferner viele andere Geschütze unter Anwendung von Schleuderkraft

und Schwungkraft, mächtige auf Räder gestellte Armbrüste, ferner ganze

große Batterien von Büchsenläufen, die auf dem Mantel großer Treträder

tangential in 4 bis 8 Reihen aufgebracht sind und nach einander

abgeschossen werden.

Die Herstellung von Kanonen scheint ihn besonders beschäftigt?

zu haben. Wir finden im Codex Atlanticus eine Zeichnung, die uns

lehrt, mit was für einem Instrument Leonardo bohrte, d. h. offenbar

nachbohrte und Züge einschnitt. Dasselbe erscheint als ein Cylinder,

welcher der Längsachse nach mit Leisten von rechteckigem Querschnitt

und scharfen Kanten besetzt ist, welche in gleichen Zwischenräumen

gleich der Hälfte ihrer Kopfbreite aufgestellt sind. In diese Leisten

ist eine Spirale eingeschnitten, die allerdings erhabene Züge

hervorbringen müßte. Das Rohr ist vorn und hinten offen, -- also wie

bei unseren Hinterladern, -- und am vorderen Ende erblicken wir die

Bohrstange hervorragen und mit Hebeln zum Drehen versehen. Einige der

Kanonen zeigen Ornamentik und stellen wohl Festkanonen vor, wie solche

dazumal viel gefertigt wurden.

Ueber die Geschosse, ihre Gewichte, ihre Flugbahn, sowie über Tragweite

der Geschütze finden sich oft Bemerkungen. An einer solchen Stelle sagt

Leonardo da Vinci:

„Die Kugeln der Bombarde machen eine Meile in fünf Zeitabschnitten,

von welchen Zeiten eine Stunde zusammengesetzt ist von 1080 u. s. w.“,

wobei er auf das Resultat kommt, daß eine solche Kugel per Sekunde 110

Meter macht. --

Also auf diesem Gebiete leistete Leonardo da Vinci Bedeutendes. Die

Anerkennung, welche er bei seinen Zeitgenossen fand, war groß; wir

haben bereits oben gesehen, daß Magenta bei seinen Befestigungsarbeiten

für Florenz den Leonardo fleißig studirte. Ebenso befahl Valentin

Borgia allen seinen Platzingenieuren, sich nach den Anordnungen des

Leonardo zu richten.

Leonardo da Vinci als Ingenieur und Philosoph Ein Beitrag zur Geschichte der Technik und der induktiven Wissenschaften · 第 34 / 36 题