1. Kanal von Florenz nach Pisa, -- von Leonardo da Vinci projektirt
am Arno entlang, durch die Felder von Prato, Pistoja, Serravalle
und durch den See von Sesto. Viviani hat später unter Benutzung
des Vinci’schen Projektes die Verbindung zwischen Pisa und Florenz
hergestellt, theilweise durch Verbreiterung und Vertiefung des Arno
-- und zwar nicht glücklich. Leonardo’s Projekt ist erhalten in den
Pariser Codices.
2. Kanal von Martesana und Tessin. Der Kanal von Martesana war
bereits 1460 begonnen. Leonardo da Vinci vollendete ihn durch das
Stück Trezzo-Brivio, welches vorzügliche Schwierigkeiten bot. Er
konstruirte große Schleusenwerke mit doppelten Pforten. Die Anlage
derselben hat Leonardo jedoch nicht erfunden, wie einige seiner
Verehrer behauptet haben, sondern dieselbe rührte bereits von 1441
oder vielleicht einer noch weiter zurückliegenden Zeit her. Die
Zeichnungen für diese Anlagen im Codex Atlanticus sind vorzüglich.
3. Kanal von Romorentin, für Franz I. entworfen und später nach
seinem Tode von Meda ausgeführt. In diesem Projekt hatte Vinci
Schleusenthore besonderer Art vorgesehen, die jedoch von Meda
falsch aufgefaßt wurden.
[21] Ein sehr schön ausgeführtes Löffelrad gibt Leonardo in
Codex Atlant. fol. II. Dasselbe ist fast genau so wie z. B.
Luckenbacher’s Mechanik fol. 191 wiedergibt, nur sind die
Schaufeln dichter gestellt.
[22] Daß Fig. 60 ein Universalgelenk darstellen soll, bleibt zu
bezweifeln, da das eigentliche Zapfenkreuz, an welches die
beiden Wellen je mit einer Gabel angreifen, fehlt. ~Willis~
gibt in der neuen Auflage seiner Princ. of mechanism. übrigens
den Nachweis, daß Cardano nur anführt, er habe in dem Hause
eines Freundes jene Vorrichtung gesehen, sowie daß Vilars
de Honecort, ein Architekt des XIII. Jahrhunderts, die
Aufhängung einer Lampe oder eines Kohlenbeckens in den von
uns sogenannten Cardanischen Ringen bereits kennt und zwar
ausführlich beschreibt.
Die Red.
[23] Karmarsch, Geschichte der Technologie. Pag. 727.
~Schluß.~
Nachdem wir im Obigem versucht haben, die Kenntnisse und Anschauungen
und Leistungen des Leonardo näher darzuthun, nachdem wir sie mit dem
geistigen Standpunkte seiner Zeit verglichen, als auch auf den der
nachfolgenden Periode hinwiesen, -- nachdem wir die Lebensumstände
des Leonardo und ihren Einfluß auf seine geistige Thätigkeit
veranschaulicht haben, dürfen wir wohl fragen, was folgt aus allen
diesen Momenten? Wir antworten:
a. Es geht aus Leonardo’s Schriften evident hervor, daß er selbst
eine unserer Zeit sehr nahe stehende Kenntniß von vielen Gesetzen,
Erscheinungen u. s. w. gehabt habe, vor allem aber, daß er Erklärungen
über eine Reihe von Erscheinungen bereits abgab, deren spätere erneute
Auffindung durch Attwood, Porta, Galilei, Halley, Muschembroeck,
Gassendi, Duverger u. a., diesen Männern zum Ruhme gereichte und ihnen
den Namen als Entdecker der betreffenden Gesetze etc. einbrachte.
b. Leonardo war unter den Gelehrten des Mittelalters und zumal seines
Jahrhunderts der erste, welcher die Erscheinungen in der Natur, die
Naturkräfte ~rationell durchforschte~, nicht aus ~oberflächlichen
Wahrnehmungen~ seine Ansichten schöpfte, sondern sie auf Grund
~genauer Prüfung~ und ~angestellter Experimente~ sich bildete,
nicht an ihnen hing als unumstößlichen Wahrheiten, sondern sie
~modifizirte~, je nachdem weiteres Eindringen in die Erscheinungen
solche Modifikationen herbeiführten. Aus seinem Gedankengange
resultirten ~klare~ und ~präzise~ Begriffe und eine ~Wortwiedergabe~
des Ergründeten, welche meistens die ~Richtigkeit~ und ~Wahrheit~
des Erforschten kurz und treffend bezeichnete und erklärte. Die
Reihe solcher Präzisionen ergab sodann die Gelegenheit, Systeme
der mechanischen, hydraulischen etc. Gesetze zu formiren; diese
Systeme stellten die ~Grundgesetze~ der Naturkräfte und natürlichen
Erscheinungen auf und nebeneinander in logischer Entwickelung, so
daß er bei Untersuchungen auf diese Fundamentalsätze zurückgreifen
konnte, ebenso aber alle Untersuchungen nach den darin enthaltenen
Gesichtspunkten durchführen konnte. Leonardo verfasste solche
Systeme für vielleicht alle Gebiete der induktiven Wissenschaften;
aus seinen nachgelassenen Schriften kennen wir solche ~Elemente~,
solche ~Systeme~ für die Malerei, Perspektive, Lichtwirkung, für die
~Hydrostatik~ und ~Hydraulik~, für die ~Maschinenkonstruktion~, für
die ~Skulptur~. Es läßt sich wohl annehmen, daß Leonardo da Vinci
diese systematischen Aufstellungen gleichsam betrachtete und gab als
Leitfäden für die Vorlesungen an seiner Akademie in Mailand. Aus
der Art der Abfassung, z. B. aus den oft auftretenden Anreden: „Du
mußt Dich erinnern“; „Wenn Du dies thun willst“ etc. scheint diese
Auslegung fast zur Evidenz richtig. -- Leonardo war also der erste,
der versuchte, die Grundgesetze der Naturkräfte und Naturerscheinungen
zu ~erklären~ und zu ~systematisiren~. Welchen hohen Vortheil eine
solche Betrachtungsweise stets hat und haben wird, ist uns wohl klar
genug, da wir derselben huldigen, -- aber auch die spätere Geschichte
der induktiven Wissenschaft kann an vielen Fällen erweisen, daß diese
Betrachtungsweise immer zu bedeutenden Resultaten geführt hat, --
gerade gegenüber der verschwommenen Weise der Aristoteliker und der
Scholastiker, Mystiker und Dogmatiker. Wir verdanken derselben auch
wohl die Fülle von Wahrheiten, die in Leonardo’s Lehren enthalten
ist; ja selbst da, wo Leonardo auf falscher Fährte ist, leistet diese
Methode doch noch soviel, daß man den Grund der unrichtigen Ansicht
schnell einsieht. --
c. Es läßt sich behaupten, daß Leonardo die von ihm erkannten
Fundamentalgesetze der Naturerscheinungen und Naturkräfte anzuwenden
verstand und auf Grund dessen eine Reihe nützlicher Erfindungen gemacht
hat, und daß seine Konstruktionen zum Theil in die Praxis übergegangen
sind, ja zum Theil sich bis auf den heutigen Tag erhalten haben!
d. Leonardo’s Darstellungsweise läßt uns ersehen, daß viele in seiner
Schrift ausgedrückten Anschauungen die Anschauungen seiner Zeit waren!
Wenn nun, wie oben mehrfach angeführt, Whewell sagt: „Die dunkle
Nacht (seit Archimedes) währte beinahe zwei volle Jahrtausende,
namentlich bis auf die Zeit der ersten Ausbreitung der Kopernikanischen
Entdeckung,“ und wenn für ihn das Erwachen der neueren Zeit erst mit
Cardanus, Ubaldus, Benedetti, Varro, Jordanus, Tartaglia, Apian,
Commandinus u. s. w. beginnt und erst den Karakter des wahren
Fortschritts durch Stevinus erhält, ist diese Darstellung noch haltbar,
wenn wir heute wissen, daß zu Leonardo da Vinci’s Zeit bereits bekannt
waren die Gesetze der schiefen Ebene, die Bestimmung des Schwerpunktes,
die Drehung der Erde, die Schwere der Luft, die Verbrennung und die
Rolle der Luft dabei, die Camera obscura, der Fallschirm, der Einfluß
der Erde auf den Mond, der freie Fall und vieles andere der statischen
Gesetze, Gesetze der Reibung, der Wellenbewegung, des Schalls, des
Lichts u. s. w., ja noch mehr, -- bekannt waren zum Theil in ~viel
präziserer und richtigerer Fassung~ als noch zwei Jahrhunderte
nachher? Wir können Leonardo’s Schriften betrachten als die vornehmste
Aufzeichnung der Anschauungen, die die Gebildeten seiner Zeit hatten,
und dabei besonders auf Leonardo’s Einfluß auf und durch einen großen
Schülerkreis hinweisen. Leonardo schöpfte mehrfach auch aus anderen
Quellen, und daß dieselben gedruckt oder geschrieben waren, wird
annehmbar aus manchen Uebereinstimmungen Leonardo’s mit späteren,
z. B. Porta, der sogar in einem Falle dieselben Worte gebraucht wie
Leonardo. Für seine mathematischen Studien gibt er uns selbst eine
Reihe Schriften an, welche er liebte und fleißig studirte.
Wollte man nicht gelten lassen, daß Leonardo gleichsam auch der
~Ausdruck~ seiner Zeit wäre, nun so gewönne seine eigene Persönlichkeit
so gewaltig, daß sie auch in der Wissenschaft und Technik den
bedeutendsten Erscheinungen aller Jahrhunderte zugerechnet werden
müßte, er würde dann wie ein Berg in der Ebene über seine Zeit
hervorragen.
Stets aber haben wir die Erscheinung beobachten können, daß eine
erhabene ~Kunstepoche~ der Blüthe der ~Wissenschaft~ vorangeht!
„Die Kunst ist ihrer Natur nach praktisch; die Wissenschaft aber
ist theoretisch oder rein spekulativ.“ Als daher die Blüthe der
Kunst in Italien aufgegangen war mit Leonardo da Vinci, Raphael und
Michel Angelo, da brach auch der Geist der Wissenschaften aus der
Schleierhülle der Befangenheit, Beschränkung und Furchtsamkeit hervor.
Zu jeder solchen Zeitepoche gehört eine Vorbereitung. Sie war der
Kunst gegeben, und Leonardo da Vinci selbst erfüllt eine hervorragend
lehrende, anleitende Rolle, -- so auch der Wissenschaft. Aber während
Leonardo in der Kunst selbst den Parnassus der Vollendung miterstieg,
-- blieb er in der Wissenschaft, wenn auch hoch und erhaben über sein
Jahrhundert und die Jahrhunderte vorher, doch unterhalb des Gipfels
stehen, -- weil er ihn in der Wissenschaft auch nicht erstrebte. Fast
unbewußt, zu seiner eigenen Freude und Befriedigung diente er ihr.
Wir wollen daher festhalten, daß Leonardo da Vinci für die Geschichte
der Wissenschaften und Technik seiner Zeit das Organ ist, daß das
Bekanntwerden und Ausschöpfen der Leonardo’schen Schriften ein neues
Licht über eine ganze Zeitperiode verbreitet. Es wird dasselbe die
Verdienste des Galilei, Kopernikus u. A. nicht verdunkeln, sondern
vielleicht einen Dritten dem Bunde zufügen, einen Mann, der in der
Malerei gleichberechtigter Vorgänger Michel Angelo’s und Raphael’s
war und die Gesetze der Kunst neu belebte und lehrte, der in der
Architektur die römische Kunst wieder zu Ehren brachte, -- der als
Ingenieur die größten Kanalbauten seiner Zeit ausführte, und mit
seinem klaren Verstande in den Zusammenhang der Natur eindrang, um
ihn zu erklären und die Kräfte der Natur zum Wohle der Menschen
nutzbar zu machen. -- Leonardo da Vinci muß betrachtet werden als der
hervorragendste Vorarbeiter der Galileischen Epoche der Entwickelung
der induktiven Wissenschaften ~und als Förderer der Technik seiner
Zeit, -- sowie als Repräsentant vieler Anschauungen seiner Zeit, über
welche er uns klares Licht verschafft!!~ -- und so zur Aufhellung des
Dunkels beiträgt, welches über der geistigen Thätigkeit seiner Zeit
bisher lagerte. --
~Anhang.~
Das Geschriebene auf der Tafel lautet:
~links oben~: a. b. pesa quanto un par di molle e
n. m. è la sega
f. g. è la guida
Farai fare due molle simili a questa a. b. colle sue chiavarde
ovali in grossezza da trarre e mettere, quando si trae o mette la
sua sega
Si delle due seghe non ne toccassi se non una, fa che quella una
sia in mezzo del suo telajo acciochè il peso del telaio sia sempre
comparatito a modo di bilancia sopra il taglio della sega che si
adopra insino a tanto che la seconda sega discenda al constatto
della pietra che si deve segare e allora tu metterai le due seghe
in mezzo al detto telaio. Il moto della sega deve essere insino che
il centro della gravità della sega giunga alli estremi della pietra
segata e qualche cosa piû, acciocchè la sega si innalzi dalla parte
piû lieve per dare luogo all’ introito dello smeriglio sicchè entri
sotto l’alzata parte della sega. Adunque sia tanto il moto della
sega, quanto è la lunghezza della pietra che si deve segare, cioè
in questa tal pietra, ma non in tutte, perchè ella protrebbe essere
tanto piccola o tanto grande, che tale regola non sarebbe buona.
~In der Mitte~: Barbera stampa.
~Oben rechts~: Sega dasseghare piètre.
~Unten rechts~: Questa staffa si può fare d’un sol pezzo, e
mettergli le seghe, e poi saldarle rinchiudendo dentro a sè esse
staffe. Ma falla pure di due pezzi perchè non si avrà se non a
cavare la chiavarda nel mettere la sega.
~Links unten~: Fa 4 chiavette di ferro per mettere in n. m. o. p.
da poter mettere e cavare le seghe.
~Unten~: Fa li ferri al fabbro, e falli di cartone.
~Bei der großen Figur links~: Fa che sia più alto un’ oncia il
disotto della pietra, che si deve segare, quando tu la incolli,
che non è il piano del disopra del desco; e questo si deve fare
acciocchè la sega possa ventilare e pigliare sotto di sè lo
smiriglio.
~Unter der großen Figur~: a. b. sono viti per poter fermare e
congiungere lo scanno a questo desco, dove sega il segatore, e
queste bandelle sono causa che il desco non si dimeni nel segare.
* * * * *
Die gegebenen Figuren sind theils genau genommene Durchzeichnungen,
theils Kopien, theils Nachzeichnungen, -- wie es die Gelegenheit
erlaubte. --
Druck von G. Hickethier in Berlin.
[Illustration]