XII.

Die Gedanken des Leonardo da Vinci gingen unter anderem auch den

Wissenschaften nach, die die Erde, ihre Gestalt und Beschaffenheit,

ihren Einfluß auf den Mond zu begründen suchen, und die sich mit der

Erforschung des Sonnensystems befassen. Haben wir bereits oben jenes

Beispiel aus seinen Schriften beigebracht, welches zeigt, wie Leonardo

sich mit der Bewegung der Erde vertraut gemacht zu haben scheint, und

wie er zwei Bewegungen auf der Oberfläche darzustellen verstand, so

führen wir in Folgendem seine Ansichten über die Himmelskörper und

ihre gegenseitigen Beziehungen an. Leonardo stellt sich beispielsweise

vor, daß die Erde in Stücke geschnitten sei, die verstreut würden

nach allen Richtungen, wie die Sterne am Himmel. Er sagt, daß, wenn

ein solches Stück herabfalle, es bis zum gemeinsamen Zentrum sich

begebe, aber dort nicht bleibe, sondern ~seine~ Bewegung wird das Stück

in die entgegengesetzten Elemente treiben, wo es sich nicht ruhig

niederlassen kann, sondern wieder umkehrt und zurückkehrt zu dem Ort

des Ausgangs. Es wird diese Fahrt zum zweitenmale machen, wiederkehren,

und so beständig wiederholen. Es ist das, wie man ein Gewicht an einem

Tau aufhängt, gestoßen von der einen Seite, sodann frei sich selbst

überlassen, geht und kommt lange Zeit, immer seine Bahn verkürzend, bis

es zum Stillstand kommt und an der Korde herabhängt. Wenn alle Stücke

der Erde so ausgestreut, freigefallen wären, eins nach dem andern in

verschiedenen Zwischenräumen, so würden sich diese Stücke begegnen und

sich stoßen, zerbrechen. Es würde davon ein wildes Getümmel in der

Atmosphäre entstehen, welches Jahre lang dauern würde, bis endlich

alle Stücke mit dem Zentrum vereinigt wären! -- Welche treffliche

Ansicht, bei welcher Gravitation, Zentrifugation und das Pendelgesetz

zur Anwendung kommen. Von der Sphäricität der Erdoberfläche überzeugt,

glaubt Leonardo, daß man 14 Meilen in See bereits dieselbe an der

Meeresoberfläche mit bloßen Augen wahrnehmen könne; allerdings ein

Irrthum, -- aber doch ein Zeugniß für die absolute Ueberzeugung,

daß die Erdgestalt jene Kurve zeige. Sehr interessirt scheint den

Leonardo der ~Mond~ zu haben. Auf ihn beziehen sich die meisten seiner

Betrachtungen astronomischen Gepräges. Er findet, daß der Mond in jedem

Monat einen Winter und einen Sommer haben müsse, die resp. kälter und

wärmer sein müßten, als bei uns, und daß die Aequinoctien des Mondes

viel kälter seien als bei uns. Es schwebt ihm dabei die Ansicht vor,

daß der Mond eine kleine Erde sei. Wir reihen daran:

„Ich werde zeigen, daß das Funkeln der Sterne vom Auge herkommt; doch

das Glänzen ist bei einigen Sternen merkbarer als bei anderen, und wie

das Auge uns die Sterne von Strahlen umgeben zeigt.“

„Die Erde wird dem Menschen auf dem Monde oder auf einem der Sterne als

ein himmlischer Körper erscheinen!“

„Dem Menschen auf der Erde erscheint der Mond genau so, wie die Erde

den Bewohnern des Mondes erscheinen wird.“

„Der Mond hat seinen Tag und seine Nacht selbst wie die Erde, die Nacht

hat Statt auf dem dunkeln Theil, der Tag ist in dem hellen Theil. Die

Theile des Mondes, welche Tag haben bei Vollmond, treten in die volle

Nacht bei Neumond.“

„Die Erde ist nicht im Mittelpunkt der Sonnenbahn situirt, ebensowenig

in der Mitte des Weltalls. Sie ist in der Mitte ihrer Elemente, welche

ihr zugetheilt und von ihr abhängig sind. Für einen Menschen auf dem

Monde würde die Erde und der Ozean denselben Effekt auf den Mond

ausüben mit Hülfe der Sonne, wenn die Sonne und der Mond in der Nacht

unter unserem Horizonte ständen, als er auf die Erde ausübt.“

„In der Verfinsterung der Sonne empfängt die Nacht des Mondes keine

Zurückstrahlung der Sonnenstrahlen durch die Erde, und bei der

Verfinsterung des Mondes empfängt die Erde vom Monde reflektirte

Strahlen nicht.“

„Wenn der Mond beim Herabgang umkränzt ist von einem durch die Sonne

erleuchteten Ringe, warum haben dann die Theile des Mondes, welche

in der Mitte dieses Kreises liegen, mehr Licht, als zur Zeit der

Verfinsterung der Sonne? Das ist, weil bei der Verfinsterung der Sonne

der Mond seinen Schatten auf den Ocean wirft, eine Erscheinung, welche

nicht eintritt, sobald der Mond herabgesunken ist und die Sonne ihre

Strahlen in derselben Zeit auf den Ozean wirft.“

Alle diese ausgesprochenen Ansichten sind gewiß bemerkenswerth, trotz

der Irrthümer, die sich darin befinden. Vor allem aber kam Leonardo dem

Moestlin und Keppler zuvor in der Erklärung, ~daß das Mondlicht durch

Reflexion der Erde entsteht~. --

„Die Sonnenwärme ist Ursache, daß die Wasser des Meeres sich unter

dem Aequator erheben. Sie treten in Bewegung von allen Seiten

dieser eminenten Wassermasse, um ihre vollkommene Sphärizität

wiederherzustellen.“

„Die Wasser der Meere in den Aequinoctialgegenden sind höher als

die Wasser des Nordens. Sie sind auch unter der Sonne höher als in

anderen Gegenden des Aequinoctialringes. Dies kann man beobachten

an einem Gefäß mit Wasser mit Hülfe glühender Kohlen. Das Wasser,

welches sich um das Zentrum des Siedens herum befindet, erhebt sich in

Zirkular-Wellen. Die Wasser des Nordens stehen unter dem Niveau der

andern Meere, und zwar um so viel sie kälter sind.“

„Die Wasserhöhen, welche die Sonne hervorbringt, bewegen sich zirkular

und durchlaufen jede Stunde etwa 1000 Meilen.“

Wir führen auch noch Leonardo’s Ideen über den früheren Aufbau der Erde

an:

„Wenn das Wasser der Flüsse seinen Schlamm absetzt auf die Thiere des

Meeres, welche die Küsten bewohnten, so legt sich dieser Schlamm auf

die Thiere selbst. Ist endlich das Meer zurückgetreten, so erhärtet,

versteinert sich dieser Schlamm ringsum und über den Muscheln der

Schalthiere und vereinigt sie. Daher begegnet man vielen Gegenden, --

und fast alle solche versteinerte Muscheln gibt es in den Gebirgen,

-- welche noch ihre unversehrten Muscheln haben, besonders solche,

die mehr Alter und mehr Dauerhaftigkeit hatten. Ihr sagt mir, daß die

Natur und der Einfluß der Sterne die Muscheln der Berge geformt haben.

Zeigt mir also einen Ort in den Bergen, wo die Sterne heute solche

Muschelkörper machen, von verschiedenem Alter, von so verschiedener

Gestalt an einem und demselben Orte? -- Und wie erklärt ihr nun den

Sand, welcher in Schichten sich erhärtet hat in verschiedenen Höhen der

Gebirge? Dieser Sand ist dorthin transportirt von verschiedenen Orten,

durch die Wellen und den Lauf der Flüsse. Der Sand ist nur geformt

und gebildet durch die Stücke der Steine, welche abgenutzt wurden und

ihren Halt verloren durch die Reibungen, die Stöße und den Sturz,

der diese Stücke in das Wasser geschleudert hat, welches sie dann an

ihren Platz gerollt hat. Und wie erklärt ihr durch das Werk der Sterne

die große Anzahl der verschiedenen Blätter, fixirt und abgedrückt in

den Gesteinen der Berge? und die Algen, Meereskräuter, vermischt mit

Muscheln und Sand, alles versteint zu einer Masse mit den Krebsen des

Meeres, gemengt unter denselben Muscheln?“

„Das Meer verändert das Gleichgewicht der Erde. Die Austern, die

Muscheln, welche im Schlamm des Meeres leben, bezeugen uns die

Veränderung, welche die Erde im ganzen Kreise der Elemente erlitten

hat. Die großen Flüsse führen immer Terrain mit sich, welches sie aus

ihrem Bett durch Reibung loslösen. Diese Korrosion läßt uns viele

Muschelbänke, eingehüllt in diverse Bettungen, entdecken. Die Muscheln

haben früher an demselben Orte gelebt, als sie das Meer bedeckte.

Diese Bänke sind im Laufe der Zeit von anderen Lagen von Schlamm

in verschiedener Höhe bedeckt, so daß also die Muscheln von dem

herbeigespülten Schlamme eingeschlossen wurden, langsam, bis das Wasser

wich. Heute sind die Gründe selbst bis zur Höhe der Hügel und Berge

gewachsen, und die Flüsse nagen an ihnen und decken die Muschelbänke

auf. Also eine Partie der Erde, sehr leicht entstanden, erhebt sich

gleichsam entgegengesetzt dem Zentrum der Erde und naht sich allmählich

jetzt demselben, und das, was zuvor Meeresgrund war, ist der Gipfel der

Berge geworden.“

„Wenn ein Fluß Schlammhaufen bildet oder Sandbänke und sie dann

verläßt, so zeigt uns das Wasser, welches sich dieser Massen

erleichtert, die Art und Weise, wie die Berge und Thäler sich geformt

haben können allmählich von dem Terrain, welches aus dem Grund des

Meeres emporgestiegen ist, obgleich dies Land im Emporsteigen beinahe

voll und vereinigt war. Das Wasser, welches dieses Erdreich anhäufte

bis zur Erhebung über die Oberfläche des Ozeans, begann Strömungen

an den tieferen Theilen zu bilden, und siedelte das Schilf dort an,

welches wieder andere Anhäufungen erzeugte. Das Schilf, ernährt durch

die Regenwasser, nimmt täglich an Ausdehnung und Tiefe zu; es entstehen

Strömungen und Thäler; diese bilden sich zu Flüssen, und diese,

die Ufer benagend, bauen unter sich Berge auf. Die Regen strömten

unablässig und beraubten diese Berge, so daß nichts übrig blieb als

die kahlen Felsen von Luft umgeben. Das Terrain des Flußbettes ist

allmählich zu der Basis herabgestiegen. Der Grund des Meeres hat sich

erhöht, und das Meer, welches den Fuß der Berge bespülte, ist gezwungen

worden, sich davon zurückzuziehen.“

In diesen drei Absätzen, die sich in verschiedenen Manuskripten

zerstreut finden (F. 11. N. 124. E. 4. F. 80.), zeigt sich eine den

übrigen geistreichen Anschauungen ebenbürtige Spekulation, wie sie

nimmer bei einem der Philosophen vor ihm gefunden werden kann. Venturi

bezeichnet ihn dieserhalb als le premier des Philosophes modernes,

qui ont soutenu que la plupart des continens ont été jadis le fond de

la mer. Und wir finden den Werth der Ansichten des Leonardo darin,

daß er der erste Philosoph war, der zu solchen Anschauungen sich

emporschwingen konnte und ~den Muth hatte, dieselben laut zu verkünden

und dadurch dem Einfluß und den Behauptungen der Kirche entgegen

zu treten~. Diese Lehren und Erklärungen aus der Astronomie zogen

ihm den Namen und Ruf eines Häretikers zu und verursachten ihm jene

unannehmliche Stellung zu Mailand, daß er es vorzog, diese Stadt zu

verlassen.

Es bleibt noch übrig zu bemerken, daß Leonardo bedeutendes Interesse

an der ~Geographie~ hatte, und daß er durch seinen Freund Amerigo

Vespucci zu Florenz mit den Entdeckungen der Portugiesen und Spanier

(Vasco, Diaz, Columbus) näher vertraut ward. Vielleicht ist hierdurch

die in London aufgefundene erste Karte von Amerika, die von Leonardo

gezeichnet sein soll, entstanden. Jedenfalls ist das Interesse

Leonardo’s sicherlich auch für diese Entdeckungen angeregt gewesen,

wenn er uns auch keinerlei Nachrichten davon aufgeschrieben hat.

Leonardo da Vinci als Ingenieur und Philosoph Ein Beitrag zur Geschichte der Technik und der induktiven Wissenschaften · 第 32 / 36 题