Die Gedanken des Leonardo da Vinci gingen unter anderem auch den
Wissenschaften nach, die die Erde, ihre Gestalt und Beschaffenheit,
ihren Einfluß auf den Mond zu begründen suchen, und die sich mit der
Erforschung des Sonnensystems befassen. Haben wir bereits oben jenes
Beispiel aus seinen Schriften beigebracht, welches zeigt, wie Leonardo
sich mit der Bewegung der Erde vertraut gemacht zu haben scheint, und
wie er zwei Bewegungen auf der Oberfläche darzustellen verstand, so
führen wir in Folgendem seine Ansichten über die Himmelskörper und
ihre gegenseitigen Beziehungen an. Leonardo stellt sich beispielsweise
vor, daß die Erde in Stücke geschnitten sei, die verstreut würden
nach allen Richtungen, wie die Sterne am Himmel. Er sagt, daß, wenn
ein solches Stück herabfalle, es bis zum gemeinsamen Zentrum sich
begebe, aber dort nicht bleibe, sondern ~seine~ Bewegung wird das Stück
in die entgegengesetzten Elemente treiben, wo es sich nicht ruhig
niederlassen kann, sondern wieder umkehrt und zurückkehrt zu dem Ort
des Ausgangs. Es wird diese Fahrt zum zweitenmale machen, wiederkehren,
und so beständig wiederholen. Es ist das, wie man ein Gewicht an einem
Tau aufhängt, gestoßen von der einen Seite, sodann frei sich selbst
überlassen, geht und kommt lange Zeit, immer seine Bahn verkürzend, bis
es zum Stillstand kommt und an der Korde herabhängt. Wenn alle Stücke
der Erde so ausgestreut, freigefallen wären, eins nach dem andern in
verschiedenen Zwischenräumen, so würden sich diese Stücke begegnen und
sich stoßen, zerbrechen. Es würde davon ein wildes Getümmel in der
Atmosphäre entstehen, welches Jahre lang dauern würde, bis endlich
alle Stücke mit dem Zentrum vereinigt wären! -- Welche treffliche
Ansicht, bei welcher Gravitation, Zentrifugation und das Pendelgesetz
zur Anwendung kommen. Von der Sphäricität der Erdoberfläche überzeugt,
glaubt Leonardo, daß man 14 Meilen in See bereits dieselbe an der
Meeresoberfläche mit bloßen Augen wahrnehmen könne; allerdings ein
Irrthum, -- aber doch ein Zeugniß für die absolute Ueberzeugung,
daß die Erdgestalt jene Kurve zeige. Sehr interessirt scheint den
Leonardo der ~Mond~ zu haben. Auf ihn beziehen sich die meisten seiner
Betrachtungen astronomischen Gepräges. Er findet, daß der Mond in jedem
Monat einen Winter und einen Sommer haben müsse, die resp. kälter und
wärmer sein müßten, als bei uns, und daß die Aequinoctien des Mondes
viel kälter seien als bei uns. Es schwebt ihm dabei die Ansicht vor,
daß der Mond eine kleine Erde sei. Wir reihen daran:
„Ich werde zeigen, daß das Funkeln der Sterne vom Auge herkommt; doch
das Glänzen ist bei einigen Sternen merkbarer als bei anderen, und wie
das Auge uns die Sterne von Strahlen umgeben zeigt.“
„Die Erde wird dem Menschen auf dem Monde oder auf einem der Sterne als
ein himmlischer Körper erscheinen!“
„Dem Menschen auf der Erde erscheint der Mond genau so, wie die Erde
den Bewohnern des Mondes erscheinen wird.“
„Der Mond hat seinen Tag und seine Nacht selbst wie die Erde, die Nacht
hat Statt auf dem dunkeln Theil, der Tag ist in dem hellen Theil. Die
Theile des Mondes, welche Tag haben bei Vollmond, treten in die volle
Nacht bei Neumond.“
„Die Erde ist nicht im Mittelpunkt der Sonnenbahn situirt, ebensowenig
in der Mitte des Weltalls. Sie ist in der Mitte ihrer Elemente, welche
ihr zugetheilt und von ihr abhängig sind. Für einen Menschen auf dem
Monde würde die Erde und der Ozean denselben Effekt auf den Mond
ausüben mit Hülfe der Sonne, wenn die Sonne und der Mond in der Nacht
unter unserem Horizonte ständen, als er auf die Erde ausübt.“
„In der Verfinsterung der Sonne empfängt die Nacht des Mondes keine
Zurückstrahlung der Sonnenstrahlen durch die Erde, und bei der
Verfinsterung des Mondes empfängt die Erde vom Monde reflektirte
Strahlen nicht.“
„Wenn der Mond beim Herabgang umkränzt ist von einem durch die Sonne
erleuchteten Ringe, warum haben dann die Theile des Mondes, welche
in der Mitte dieses Kreises liegen, mehr Licht, als zur Zeit der
Verfinsterung der Sonne? Das ist, weil bei der Verfinsterung der Sonne
der Mond seinen Schatten auf den Ocean wirft, eine Erscheinung, welche
nicht eintritt, sobald der Mond herabgesunken ist und die Sonne ihre
Strahlen in derselben Zeit auf den Ozean wirft.“
Alle diese ausgesprochenen Ansichten sind gewiß bemerkenswerth, trotz
der Irrthümer, die sich darin befinden. Vor allem aber kam Leonardo dem
Moestlin und Keppler zuvor in der Erklärung, ~daß das Mondlicht durch
Reflexion der Erde entsteht~. --
„Die Sonnenwärme ist Ursache, daß die Wasser des Meeres sich unter
dem Aequator erheben. Sie treten in Bewegung von allen Seiten
dieser eminenten Wassermasse, um ihre vollkommene Sphärizität
wiederherzustellen.“
„Die Wasser der Meere in den Aequinoctialgegenden sind höher als
die Wasser des Nordens. Sie sind auch unter der Sonne höher als in
anderen Gegenden des Aequinoctialringes. Dies kann man beobachten
an einem Gefäß mit Wasser mit Hülfe glühender Kohlen. Das Wasser,
welches sich um das Zentrum des Siedens herum befindet, erhebt sich in
Zirkular-Wellen. Die Wasser des Nordens stehen unter dem Niveau der
andern Meere, und zwar um so viel sie kälter sind.“
„Die Wasserhöhen, welche die Sonne hervorbringt, bewegen sich zirkular
und durchlaufen jede Stunde etwa 1000 Meilen.“
Wir führen auch noch Leonardo’s Ideen über den früheren Aufbau der Erde
an:
„Wenn das Wasser der Flüsse seinen Schlamm absetzt auf die Thiere des
Meeres, welche die Küsten bewohnten, so legt sich dieser Schlamm auf
die Thiere selbst. Ist endlich das Meer zurückgetreten, so erhärtet,
versteinert sich dieser Schlamm ringsum und über den Muscheln der
Schalthiere und vereinigt sie. Daher begegnet man vielen Gegenden, --
und fast alle solche versteinerte Muscheln gibt es in den Gebirgen,
-- welche noch ihre unversehrten Muscheln haben, besonders solche,
die mehr Alter und mehr Dauerhaftigkeit hatten. Ihr sagt mir, daß die
Natur und der Einfluß der Sterne die Muscheln der Berge geformt haben.
Zeigt mir also einen Ort in den Bergen, wo die Sterne heute solche
Muschelkörper machen, von verschiedenem Alter, von so verschiedener
Gestalt an einem und demselben Orte? -- Und wie erklärt ihr nun den
Sand, welcher in Schichten sich erhärtet hat in verschiedenen Höhen der
Gebirge? Dieser Sand ist dorthin transportirt von verschiedenen Orten,
durch die Wellen und den Lauf der Flüsse. Der Sand ist nur geformt
und gebildet durch die Stücke der Steine, welche abgenutzt wurden und
ihren Halt verloren durch die Reibungen, die Stöße und den Sturz,
der diese Stücke in das Wasser geschleudert hat, welches sie dann an
ihren Platz gerollt hat. Und wie erklärt ihr durch das Werk der Sterne
die große Anzahl der verschiedenen Blätter, fixirt und abgedrückt in
den Gesteinen der Berge? und die Algen, Meereskräuter, vermischt mit
Muscheln und Sand, alles versteint zu einer Masse mit den Krebsen des
Meeres, gemengt unter denselben Muscheln?“
„Das Meer verändert das Gleichgewicht der Erde. Die Austern, die
Muscheln, welche im Schlamm des Meeres leben, bezeugen uns die
Veränderung, welche die Erde im ganzen Kreise der Elemente erlitten
hat. Die großen Flüsse führen immer Terrain mit sich, welches sie aus
ihrem Bett durch Reibung loslösen. Diese Korrosion läßt uns viele
Muschelbänke, eingehüllt in diverse Bettungen, entdecken. Die Muscheln
haben früher an demselben Orte gelebt, als sie das Meer bedeckte.
Diese Bänke sind im Laufe der Zeit von anderen Lagen von Schlamm
in verschiedener Höhe bedeckt, so daß also die Muscheln von dem
herbeigespülten Schlamme eingeschlossen wurden, langsam, bis das Wasser
wich. Heute sind die Gründe selbst bis zur Höhe der Hügel und Berge
gewachsen, und die Flüsse nagen an ihnen und decken die Muschelbänke
auf. Also eine Partie der Erde, sehr leicht entstanden, erhebt sich
gleichsam entgegengesetzt dem Zentrum der Erde und naht sich allmählich
jetzt demselben, und das, was zuvor Meeresgrund war, ist der Gipfel der
Berge geworden.“
„Wenn ein Fluß Schlammhaufen bildet oder Sandbänke und sie dann
verläßt, so zeigt uns das Wasser, welches sich dieser Massen
erleichtert, die Art und Weise, wie die Berge und Thäler sich geformt
haben können allmählich von dem Terrain, welches aus dem Grund des
Meeres emporgestiegen ist, obgleich dies Land im Emporsteigen beinahe
voll und vereinigt war. Das Wasser, welches dieses Erdreich anhäufte
bis zur Erhebung über die Oberfläche des Ozeans, begann Strömungen
an den tieferen Theilen zu bilden, und siedelte das Schilf dort an,
welches wieder andere Anhäufungen erzeugte. Das Schilf, ernährt durch
die Regenwasser, nimmt täglich an Ausdehnung und Tiefe zu; es entstehen
Strömungen und Thäler; diese bilden sich zu Flüssen, und diese,
die Ufer benagend, bauen unter sich Berge auf. Die Regen strömten
unablässig und beraubten diese Berge, so daß nichts übrig blieb als
die kahlen Felsen von Luft umgeben. Das Terrain des Flußbettes ist
allmählich zu der Basis herabgestiegen. Der Grund des Meeres hat sich
erhöht, und das Meer, welches den Fuß der Berge bespülte, ist gezwungen
worden, sich davon zurückzuziehen.“
In diesen drei Absätzen, die sich in verschiedenen Manuskripten
zerstreut finden (F. 11. N. 124. E. 4. F. 80.), zeigt sich eine den
übrigen geistreichen Anschauungen ebenbürtige Spekulation, wie sie
nimmer bei einem der Philosophen vor ihm gefunden werden kann. Venturi
bezeichnet ihn dieserhalb als le premier des Philosophes modernes,
qui ont soutenu que la plupart des continens ont été jadis le fond de
la mer. Und wir finden den Werth der Ansichten des Leonardo darin,
daß er der erste Philosoph war, der zu solchen Anschauungen sich
emporschwingen konnte und ~den Muth hatte, dieselben laut zu verkünden
und dadurch dem Einfluß und den Behauptungen der Kirche entgegen
zu treten~. Diese Lehren und Erklärungen aus der Astronomie zogen
ihm den Namen und Ruf eines Häretikers zu und verursachten ihm jene
unannehmliche Stellung zu Mailand, daß er es vorzog, diese Stadt zu
verlassen.
Es bleibt noch übrig zu bemerken, daß Leonardo bedeutendes Interesse
an der ~Geographie~ hatte, und daß er durch seinen Freund Amerigo
Vespucci zu Florenz mit den Entdeckungen der Portugiesen und Spanier
(Vasco, Diaz, Columbus) näher vertraut ward. Vielleicht ist hierdurch
die in London aufgefundene erste Karte von Amerika, die von Leonardo
gezeichnet sein soll, entstanden. Jedenfalls ist das Interesse
Leonardo’s sicherlich auch für diese Entdeckungen angeregt gewesen,
wenn er uns auch keinerlei Nachrichten davon aufgeschrieben hat.