Wir dürfen hier wohl einige Bemerkungen anfügen über Leonardo’s
~metallurgische~ Kenntnisse.
Bekanntlich war zu Leonardo’s Zeit die Chemie -- Alchemie, und ebenso
gehörte die Metallurgie wesentlich zur Alchemie. Leonardo scheint
kein Anhänger oder Freund der Alchemie gewesen zu sein, sein klarer
Verstand durchschaute vielleicht schnell das trügerische Gewand, in
welcher damals die chemische Wissenschaft einherschreiten mußte,
und nur einmal meldet er von einem Eremiten (Alchemisten), daß
derselbe behauptet, daß Quecksilber sei der Same (semenza) für alle
Metalle, und bemerkt, wie unzutreffend diese Ansicht gegenüber der
Varietät der Dinge auf der Welt sei. Ferner führt er ein Rezept zum
griechischen Feuer an, sicherlich abgeschrieben aus den Schriften
eines Alchemisten und keineswegs eigene Komposition. Doch da Leonardo
Kriegsingenieur war, so finden wir auch bei ihm Kenntniß des Pulvers
und in dem Ambrosianischen Codex Atlanticus 5 Figuren, welche wir für
Illustrationen der ~Pulverfabrikation~ halten einzelner Bemerkungen
wegen. Die erste der Illustrationen zeigt einen Ofen mit schräg
ansteigender Feuerplatte, durch deren sechs Oeffnungen sechs Tiegel
hindurchhängen in die darunter hinstreichende Feuerluft. Es dürfte
dieser Ofen für die Abdampfung der Lösung des Salpeters dienen. Die
folgende Illustration zeigt einen Mahlgang mit zwei Steinen. Die
dritte Figur gibt einen Sublimirapparat für den Schwefel. Die vierte
Figur einen Trockenofen. Die fünfte Figur eine Mischmaschine mit einem
schmalen um seine Achse drehbaren verticalen Stein, der die in einer
Schaale eingegebenen Substanzen zermalmt und vermengt, während sich
diese Schaale um ihre vertikale Achse dreht. (Wir wollen keineswegs
die Richtigkeit unserer Auslegung außer Frage stellen.) Uebrigens
sind Feuerungsanlagen nicht selten vertreten bei Leonardo. Wir finden
einen Glühofen, bei welchem das Gefäß mit dem zu glühenden Körper in
einen eisernen Cylinder eingesetzt wird, während von unten her die
Feuerung Flammen rings um dies Gefäß herum entsendet zwischen der
Wandung des Cylinders und dem Gefäße. Ein anderer Ofen zeigt sich als
Flammofen mit vorliegender Feuerung. Die Feuergase treten durch fünf
Oeffnungen in den Ofen ein. Bei diesem Ofen gibt die Schraffirung
genau die Zutrittsöffnungen, Feuerkanäle u. s. w. an, und wir möchten
diesen Ofen für einen ~Glasofen~ halten. Sehr trefflich vorgeführt ist
ein ~Destillationsapparat~. Eine Kochschaale von Halbkreisquerschnitt
über einer Rostfeuerung ist oben von einem übergreifenden Deckel
geschlossen, welcher lang ausgehend in eine seitliche Röhre, endlich
nach unten sich biegt und in ein Gefäß zum Auffangen einmündet. Aus
einem höher aufgestellten Wassergefäß fließt kaltes Wasser auf das
abgehende Rohr und bewirkt die Kondensation der übergehenden Gase
durch Abkühlung. Vom Schmiedefeuergebläse sprachen wir schon. Da
Leonardo die Aufgabe erhalten hatte, das Denkmal Francesco Sforza’s
zu machen, welches in Erzguß vorgesehen war, so bemühte sich Leonardo
ohne Zweifel, die Gußsätze kennen zu lernen. Im Codex Trivolgianus gibt
er Rezepte an, die wohl von Verrochio, seinem Lehrer, und einem sehr
tüchtigen Erzgießer herrühren. Weiter finden wir keine Angaben über den
Erzguß.
Dagegen treffen wir auf Stellen in seinem Manuskripte, aus welchen
hervorgeht, daß Leonardo die ~Geologie~ der Appenninen und Alpen
studirte und mancherlei Entdeckungen machte. Er beobachtete in den
Felsen und Gesteinen eingeschlossene und abgedruckte Thiere der
Vorzeit und Pflanzen. Er schloß auf eine allmähliche Zerstörung der
Felsen durch die Einwirkung des Wassers, welches die Trümmer in das
Meer führte.