VII.

Whewell sagt in seiner Geschichte der induktiven Wissenschaft Bd. I.

p. 86: „Archimedes[12] legte nicht allein den Grundstein zur Statik

der soliden Körper, sondern er löste auch das Fundamental-Problem der

~Hydrostatik~ glücklich auf. Diese Auflösung ist um so merkwürdiger,

da das von ihm für die Hydrostatik aufgestellte Prinzip nicht nur bis

zum Ende des Mittelalters unbenutzt blieb, sondern da es auch selbst

dann, als es wieder aufgenommen wurde, so wenig klar eingesehen worden

ist, daß man es nur das ~Hydrostatische Paradoxon~ nannte.“ Archimedes

hatte den Satz des hydrostatischen Druckes, daß sich ein auf eine

Flüssigkeit ausgeübter Druck in der Flüssigkeit nach allen Richtungen

fortpflanzt, aufgestellt, allein nach den Annahmen der Geschichte

bisher waren es Stevinus und Galilei zuerst, welche dies Gesetz wieder

in seiner Klarheit begriffen und dasselbe zur Geltung brachten. In der

That enthalten alle Schriften des Mittelalters bis dahin, verführt von

der aristotelischen Dogmatik, nur ganz verworrene Auffassungen über

das, was dies Gesetz mit absoluter Wahrheit vorstellt. Man lese nur des

Cardanus Ideen hierüber, um sich von dem gänzlichen Abhandenkommen des

Archimedischen Gesetzes zu überzeugen.

Von 1547 an wandte sich die Aufmerksamkeit der Hydrostatik und

Hydrodynamik wieder zu, und Fr. Commandinus machte sich verdient

durch Edition der Schriften des Hero und des Archimedes über diesen

Gegenstand. Auch Baptist Porta edirte 1601 ein Werk Pneumaticorum

libri tres, in welchem er auf Hero’s Werk näher einging. Von da ab

folgen Gasparis, Schottius, Bardius, Mersenne und Boyle’s Hydrostatical

paradoxes made out by new Experiments. Zuvor hatte Pascal 1653 seine

Schrift vom Gleichgewicht der Flüssigkeit herausgegeben u. s. w.;

Galilei’s Schrift über die schwimmenden Körper 1612 fand bekanntlich

heftige Gegner und sein Schüler Castelli hatte alle Hände voll zu

thun, die Angriffe Colombe’s, Vincenzio des Gracia u. a. abzuwehren.

Alle diese Schriften sind also einer späteren Zeit, als in der

Leonardo lebte, angehörig. Von Leonardo da Vinci haben wir bereits

oben angeführt, welches Verdienst er sich als Wasserbau-Ingenieur um

seine Zeit und sein Vaterland erworben hat, ein Verdienst, das heute

noch in vollem Umfange besteht, und so fortwirken konnte, weil seine

Bauten mit ungemeiner Schärfe projektirt waren und sorgsam durchdacht

ausgeführt wurden. Der Adda-Kanal und vor allem der Kanal von Martesana

im Veltlin mit seiner wunderbaren Bewässerungsmethode sind Meisterwerke

für alle Zeiten. Aus der Trefflichkeit dieser Arbeiten läßt sich

schon schließen, daß Leonardo nicht sowohl Herr über rationelle

Benutzung des Wassers war, sondern daß er auch alle Eigenschaften

dieses wichtigen Elements vom Grunde studirt hat. Bei seiner scharfen

Auffassungsgabe konnte es nicht fehlen, daß er die Richtigkeit der

Archimedischen Gesetze begriff und auf ihnen seine Projekte und

Ausführungen basirte. Wir können uns für die Begründung, daß dies in

vollstem Maße geschehen und daß Leonardo dem Stevinus und Galilei weit

zuvorgekommen ist, bescheiden, diese Nachweise haben bereits andere

übernommen und geführt. Elia Lombardini hat dies gezeigt in seinen

Osservazioni storico-critiche sopra dell’ origine del progresso della

scienza hydraulica nel Milanese ed in altre parte d’Italia und nennt

den Leonardo da Vinci il fondatore della scienza hydraulica ebenso wie

Cialdi ihn als il fondatore della dottrina sul moto ondoso del Mare

bezeichnet. Ferner haben viele Autoren der Hydraulik und Hydrostatik

auf die Arbeiten des Leonardo Rücksicht genommen und seinen Namen

ehrenvoll genannt.

Allein darauf ist bisher nicht der gehörige Nachdruck gelegt, daß

Leonardo ein ebenbürtiger Vorgänger des Stevinus und Galilei in

Sachen der Hydrostatik gewesen ist -- dies kann erst jetzt genauer

nachgewiesen werden, wo aus Leonardo da Vinci’s nachgelassenen

Schriften Beweise dafür geschöpft werden, daß er auch hierin, wie in

den vielen andern Gebieten der mechanischen Wissenschaften seiner Zeit

voran war und fast auf der Höhe der Anschauungen dieser genannten

Männer schon fast 100 Jahre vorher stand. Kein Zweifel ist, daß

Leonardo[13] die Schriften des Archimedes gelesen hatte und daß er

dessen Gesetze der Hydrostatik richtig erfaßt hatte.

Seine Anschauungen über die molekulare Beschaffenheit des Wassers

sind klar und deutlich. Er schildert diesen Zustand des Wassers mit

absoluter Gewißheit bei verschiedenen Gelegenheiten, zumal bei der

Entwicklung seines Gesetzes der Wellenbewegung. Er vergleicht die

sich von Atom zu Atom übertragende Bewegung durch irgend einen Stoß

auf die Wasserfläche mit einem Zittern und fürchtendem Zurückweichen.

Ebenso genau faßte Leonardo da Vinci die Verdrängung eines Quantums

Wassers durch einen daraufgelegten schweren Körper auf. Ueber die

Gravitation des molekularen Wassers drückt sich Leonardo so aus: la

loro gravita è dupla, cioé che il suo tutto ha gravità attesta al

centro delli elementi; la seconda gravità attende al centro d’essa

sfericità d’aqua.... ma di questa non veggo nell’ humano ingegno modo

di darne scienza, ma dire comé si dice della Calamita (Magnet) che tira

il ferro, cioé che tal virtu é occulta proprietà, dellà quali n’ è

infinite in natura!

Wir haben hier den Satz mit Leonardo’s eigenen Worten wiedergegeben,

welcher die klare Anschauung der Molekularattraktion und der

Gravitation enthält, dabei von natürlicher Beobachtung ausgeht und so

schön die Unbegrenztheit dieser Naturkräfte ausspricht.

[Illustration: Fig. 16.]

Ueber die Verdampfung des Wassers und die Sättigung der Luft mit

Feuchtigkeit lehrt Leonardo mit denselben Grundsätzen. Er weiß, daß

Regen nicht statthaben kann ohne einen hohen Grad der Beladung der Luft

mit Feuchtigkeit. Zur Ermittelung des Feuchtigkeitsgrades der Luft hat

er eine Art ~Pluviometer~ konstruirt, den wir hier in Figur beibringen.

Die eine der Kugeln ist mit Wachs die andere mit Baumwolle umhüllt,

jene als Wasser abstoßend, diese als Wasser anziehend betrachtet.

Eine seiner bedeutendsten Beobachtungen ist aber das Gesetz der

~kommunizirenden Röhren~, welches er so ausspricht: Le superfici di

tutti i liquidi immobili li quali in fra loro fieno congiunti, sempre

fieno d’eguale altezza! Zugleich zeigt er durch zahlreiche Skizzen im

Codex Atlanticus auf Blatt 314 u. a., daß dies Gesetz durch keinerlei

Formvariation der Gefäße beeinträchtigt werde. (S. F. 17.) Ebenso

zeigt er die Heber in den verschiedensten Gestaltungen und in ihrer

Gesetzmäßigkeit. Wir können nicht umhin, hier einzuschalten, daß

Leonardo in der Figur bereits dasselbe that, wie Pascal 1653 vorführte.

Leonardo zeigt weiter, daß, wenn man zwei sich nicht mischende

Flüssigkeiten in ein und dasselbe Gefäß gießt, z. B. Wasser und

Quecksilber (ariento vivo), dieselben sich nach ihrem Gewicht anordnen,

und zwar so, daß das Quecksilber unten bleibt, das Wasser darüber steht

und daß (bei kommunizirenden Röhren) sich diese beiden Flüssigkeiten

ins Gleichgewicht einstellen. Ferner erklärt Leonardo, daß die

verschiedene Höhenanordnung eine Folge der verschiedenen Flüssigkeiten

sei, und daß die Flüssigkeit den Höhen umgekehrt proportional sei.

Hierher gehört auch der Ausspruch des Leonardo, daß das im Dampf

vermittelst der Wärme ~aufgelockerte~ Wasser über die Oberfläche des

kalten Wassers steige.

[Illustration: Fig. 17.]

Ueber den Ausfluß der Flüssigkeiten aus Gefäßen finden wir sehr viele

Skizzen und Stellen bei Leonardo. Wenn Montucla den Castelli als „den

Schöpfer eines neuen Zweiges der Hydraulik“ nannte, weil derselbe in

seinem Werk della missura dell’ Acqua Corrente (1638) Vieles über den

Ausfluß des Wassers beobachtet hat und festzustellen sucht, so muß

dieser Annahme insofern widersprochen werden, als Castelli zunächst

~unrichtig~ annimmt, daß ~die Geschwindigkeit des Ausflusses sich wie

die Tiefe der Oeffnung unter dem Wasserspiegel verhält~, sodann aber

Leonardo bereits mehr als hundert Jahre vor ihm der richtigen Lösung

dieses Gesetzes nahe war. Auch für den Heber gibt Leonardo genau an,

daß sich die Ausflußgeschwindigkeit aus dem Heber richte nach der

Differenz zwischen der freien Ausflußöffnung des unteren Schenkels und

der Oberfläche der Flüssigkeit, in welche der andere Arm eintaucht.

Er beobachtete, wie in einem Faß, wenn man im Boden ein kleines Loch

bohre, die Wassersäule über demselben in Bewegung gerathe, nicht aber

an den Seiten, und daß bei einem in Rotation versetzten, mit Wasser

gefüllten Gefäß das Wasser an den Wänden hinaufsteige, -- eine Folge

der Zentrifugalkraft. --

Er kommt auf das erstere Beispiel mehrere Male zurück (z. B. in F.

12), und zeigt: „daß je kleiner das Loch am Boden des Gefäßes sei,

eine um so größere Kraft der Strudel gewinne. Die Höhle des Strudels

ist grader gegen den Boden gerichtet als gegen die Oberfläche des

Wassers, weil das Wasser mehr Druck ausübt nach dem Grunde hin als

nach der Oberfläche.“ -- „Wenn sich das Wasser nicht ~über~ der Luft

halten kann, -- wie bildet es dann einen Strudel, so daß das Wasser

selbst einen Wall um eine Höhlung bildet, welche nur Luft enthält? --

Wir haben gezeigt, daß jeder schwere Körper sich ausbreitet zufolge

der Schwere in dem Sinne, gegen welchen er sich bewegt. Daher sind die

Strudel hohl wie die Pumpenrohre. Das Wasser, welches die Wandungen

der Höhlung bildet, hält sich dort so lange, als die Rotation dauert,

welche sie gebildet hat. Während dieser Zeit wiegt das Wasser in

Richtung seiner Bewegung. Die Partien, welche dem Zentrum der Bewegung

näher sind, drehen sich mit mehr Schnelligkeit als die entfernteren.

Dies Phänomen ist höchst eigentümlich; denn die Partien eines Rades,

welches sich um seine Achse dreht, bewegen sich um so langsamer als

sie dem Zentrum näher sind. Die Erscheinung beim Strudel ist also

gerade umgekehrt. Wenn das nicht sein würde, müßte sich die Höhle mit

Wasser ausfüllen. In dem Wasser, welches die Wandungen der Höhlung

bildet, wirken zwei Gravitationen. Die eine bewirkt die Kreisbewegung

des Wassers, die andere aber bildet die Wandungen der Höhlung, welche

ihrerseits auf die Luft in der Höhlung drücken und den Strudel enden,

indem sie in die Höhlung einstürzen.“

Venturi, der diese Sätze kannte, legte sie seinen späteren Versuchen

zu Grunde, die er 1797 veröffentlichte. Venturi ist entzückt über die

klare Vorstellung des Leonardo und sagt: „Enfin non-seulement Vinci

avoit remarqué ~tout ce que~ Castelli a dit un siècle après lui sur

le mouvement des eaux; le premier me paroît même dans cette partie

~supérieur de beaucoup~ à l’autre, que l’Italie cependant a regardé

comme le fondateur de l’Hydraulique.“ Was Venturi hier vor 86 Jahren

ausspricht, ist heute durchaus anerkannt.

Die italienischen Autoren[14] haben Vinci die Palme in hydraulischen

Dingen vor dem Castelli zuerkannt. Sie gebührt ihm indessen nicht

allein der bisher berührten Gesetze wegen, sondern auch ganz

besonders seiner trefflichen ~Theorie der Wellenbewegung des Meeres~

wegen, auf die wir nunmehr hier eingehen wollen. Wir folgen dabei

der erschöpfenden Arbeit von Cialdi, betitelt: ~Leonardo da Vinci,

fondatore della dottrina sul moto ondoso del Mare~, welche mit Lust und

Liebe den Nachweis führt, daß Leonardo der erste gewesen, welcher eine

Wellentheorie aufstellte, und nicht Newton, de l’Emy, Montferrier und

Laplace. Hat man sich in das Wesen der Arbeit und Betrachtungsweise des

Leonardo eingearbeitet, so scheint es so naheliegend, daß sich dieser

erste Hydrauliker von Bedeutung auch mit der Frage der Entstehung der

Wellen des Meeres beschäftigt habe. Angefochten kann nach Cialdi’s

und Boccarde’s Untersuchungen nicht mehr werden, daß Leonardo so viel

früher das erste Fundament der hydraulischen Wissenschaft legte, als

die Arbeiten von Newton, la Hire, Laplace, Lagrange, Biot, Poisson,

Cauchy erschienen. -- Leonardo sagt:

„L’onda ha moto riflesso ed incidente; il moto riflesso è quello

che si fa nella generazione dell’ onda, dopo la percussione dell’

obietto, risaltando ed elevandosi l’acqua verso l’aria, nel qual moto

l’onda acquista la sua altezza etc. -- Il moto incidente dell’ onda

é quello che fa l’onda dal colmo della sua altezza all’ infimo della

sua bassezza, quale non é causata da alcuna percussione, ma solo dalla

gravita acquistata dall’ acqua fuori del suo elemento etc.

Quanto più alte sono l’onde del mare dell ordinaria altezza, della

superficie della sua acqua, tanto più bassi sono li fondi delle valli

interposte infra esse onde. E questo è perché le gran cadute delle

grandi onde fanno grandi concavità di valle. -- La valle interposta

infra le onde è più bassa che la comune superficie dell’ acqua. Questa

è manifesta per la passata, e l’esperienza ce lo dimostra, come si vede

nell’ acqua che ricade a riempire li luoghi percossi dalle cadute dell’

acqua etc.“

Ganz ähnlich erklärt Newton;[15] ganz ähnlich Giorgio Juan,

Montferrier, l’Emy, Bertin. Letzterer erklärt: „Die absoluten

Dimensionen der Wellen, seien es mittlere oder maximale, nach Breite

oder Höhe, können nicht anders als durch die Erfahrung bestimmt werden,

nicht allein weil die Hauptursache, von der diese Dimensionen abhängen,

z. B. die Macht des Windes und die Dauer seiner Wirkung, selbst durch

Erfahrung bestimmt werden müssen, sondern auch, weil man kein Mittel

besitzt, den Effekt eines bestimmten Windes theoretisch zu bestimmen,

für eine gegebene Zeitdauer seines Wehens über das Meer hin.“[16]

Leonardo erklärt die Welle so: „Die Welle ist der Eindruck (die Folge)

des Stoßes (percussione) reflektirt vom Wasser; sein Angriff (impeto)

ist viel schneller als das Wasser. Daher flieht oftmals die Welle den

Ort ihrer Entstehung, und das Wasser selbst bewegt sich nicht vom

Platze. Die Aehnlichkeit der Wellen ist groß mit den Wellen, die der

Wind in einem Kornfeld hervorbringt, welche man auch sieht über das

Feld hineilen, ohne daß das Getreide (biade) sich vom Platze bewegt.“

Eine Definition der Wellen kann nicht erschöpfender und klarer sein

als diese, und folgedessen ist auch die Aehnlichkeit der Erklärungen

aller jüngeren Gelehrten (l’Emy, Sganzin, Reibell) mit derselben sehr

groß. Fevre hat hier noch sogar das Beispiel des über ein Getreidefeld

hinfahrenden Windes wiedergebraucht.

Drei Jahrhunderte nach Leonardo erklärte Goimpy die Welle als eine

horizontale Bewegung in den Wassermoleculen, welche dieselbe bilden.

Er sucht dies durch Experimente und Spekulationen zu beweisen; allein

umsonst. Tessan stellte sodann gegen alle bisher angenommene Theorie

die Existenz einer horizontalen Bewegung in den Moleculen des Wassers

auch ~ohne Einwirkung~ des Windes auf. Auch Leonardo hatte diese Ideen:

„Oftmals geht die Welle schneller als der Wind, und oftmals ist der

Wind schneller als die Welle. Das erfahren die Schiffe auf dem Meere

in Wellen, die schneller sind als der Wind. Es kann dies herrühren

davon, daß die Welle entstand von einem großen Wind, und nachdem

der Wind leichter geworden, hat die Welle noch eine große Gewalt

zurückbehalten. Das Wasser kann nicht so plötzlich seine Wellen in sich

aufnehmen, weil beim Herabfallen des Wassers vom Gipfel zum Thal sich

die Geschwindigkeit, die Kraft und Bewegung erneuet.“

Die Phänomene der Erscheinung von Wellen ohne oder mit direktem Antrieb

durch Winde sind Gegenstand vieler Betrachtungen geworden von Reid,

Redfield, Piddington, Blay, Dampier, Dumont d’Urville, Poterat, Keller,

Zurcher, Gevry u. a., zumal jene Wellen, welche entstehen, ohne daß ein

Windstrom bemerkbar.

[Illustration: Fig. 18.]

Leonardo geht nun auf die Wellenbildung in Richtung gegen den

natürlichen Strom des Wassers in Flüssen ein und spricht das aus, was

Spätere wiederholten (Sganzin und Reibell), daß die Welle nicht den

natürlichen Lauf der Flüsse alterire, obgleich sie sich gegen diese

Flußrichtung bilden und bewegen könne. Er geht sodann ein auf die

Entstehung der Wellen, wenn man einen Stein etc. in das Wasser werfe.

Schon zuvor bemerkt er, daß zwei Wellen durcheinander hindurchgehen

könnten. Der Fall der Wellenerregung durch das Einwerfen der Steine

bietet dem Leonardo Gelegenheit zu einer äußerst klaren und durchaus

richtigen Deduktion. Er zeigt dies auch graphisch für den Fall, daß

zu gleicher Zeit in einer geeigneten Entfernung von einander zwei

Steinchen von gleicher Größe in ein stillstehendes Wasser geworfen

würden. Es entstehen dann zwei „separate quantità di circoli.“ Wenn

diese Menge der Kreise wächst, so begegnen sich die einzelnen Kreise

beider Systeme, und nun sagt Leonardo: „Domando, ich frage, ob, wenn

ein Kreis im Anwachsen sich begegnet, mit dem entsprechenden andern

Kreis, er eintritt in dessen Wellen sie durchschneidend, oder ob die

betreffenden Berührungsschläge unter gleichen Winkeln reflektiren?

Questo è bellissimo quesito, e sottile!“ Darauf antwortet Leonardo

selbst mit einer subtilen Auseinandersetzung, die beweist, daß

sich die begegnenden Wellen durchschneiden. Hierbei gibt er eine

wunderschöne Darstellung über die Entstehung der Wasserbewegung durch

den einfallenden Stein, wie das Wasser anfangs durch den schweren

Körper verdrängt wird, wie die Flüssigkeit die Oeffnung wieder ausfüllt

und dabei in Bewegung geräth, „che si puo piuttosto dimandare tremore

che movimento. Man kann dies dadurch am besten zeigen, daß man einen

Strohhalm (festuche) auf die Kreise wirft und beobachtet, wie derselbe

fortwährend von der Wellenbildung bewegt wird, ohne den Ort zu ändern.

So ist es auch mit dem Wasser der Wellen.“ Nun fährt er fort zu

erklären, daß, indem alle benachbarten Theile der Flüssigkeit von dem

Tremolando ergriffen werden, sich immer weitere Kreise ziehen, aber

wie immer mehr die Kraft erlischt, bis sie aufhört zu wirken. Und nun

knüpft Leonardo daran, ~dieses Beispiel auf die Luft und den Schall zu

gebrauchen~! und die große Konformität der Erscheinungen im Wasser mit

denen in der Luft zu bezeichnen.

„~Die Schallwellen in der Luft entfernen sich mit kreisförmiger

Bewegung von dem Orte ihrer Entstehung, und ein Kreis begegnet

und passirt den anderen, immer aber das Zentrum der Entstehung

beibehaltend!~“ Diese Darstellungen (vide die bezüglichen §§ 162

und 170 in Eisenlohr’s Lehrbuch der Physik (7. Aufl.) und Fig.

200[17]) stehen so vollkommen auf der Höhe unserer Zeit, daß die

Interferenzlehre in der That durch Leonardo bereits präzisirt

erscheint; wir bedienen uns noch desselben Beispiels. --

Leonardo stellt weiter den Satz auf: „daß die brandende (titubante)

Welle eine solche ist, welche vom gegenseitigen Ufer reflektirt ist

und welche in dieser Reflexion um so viel vermindert ist, sich mit

sich selbst zusammengießt und die Kraft (impeto) verliert, welche sie

bewegte.“ (Man sehe die späteren Gelehrten Emy, Sganzin, Reibell,

Minard, Bazin.) Ferner: „Die reflektirte Bewegung der Welle auf dem

Wasser verändert um so viel die reflektirte Bahn, als die Körper,

welche die inzidente Bewegung empfangen, geneigte Flächen haben

(varii obietti in obliquità).“ Es ist das derselbe Lehrsatz, den wir

auszusprechen pflegen: „Eine Welle wird unter demselben Winkel von

einer ebenen Wand zurückgeworfen, unter welchem sie auffällt.“ Hierzu

gehört: „Eine Welle ist nie allein, sondern gemischt aus so vielen

Wellen, als aus der Unegalität des Körpers folgten, von welchem solche

Welle kommt.“

Mr. l’Emy schließt sich besonders eng an Leonardo an, ohne seinen Namen

zu nennen, und kaum ist es glaublich, daß eine solche Gleichheit der

Ansichten von selbst entstehe. Emy hat sowohl den vorstehenden Satz

zum Gegenstande besonderer Abhandlung gemacht, als auch folgenden,

-- den auch Frissard anführt. Leonardo zeigt darin, daß die Wellen

von der Oberfläche des Wassers in verschiedener Weise in demselben

Wasser, zur selben Zeit und mit verschiedener Gestalt entstehen können.

Ferner: „Die Welle des Meeres bricht gegen das Wasser, welches vom Ufer

zurückgeworfen ist, und nicht gegen den Wind, welcher es tanzen macht.

Der Eindruck von Bewegung im Wasser durch Wasser ist permanenter, als

der Eindruck des Wassers von der Luft.“

Wir führen nun die Stellen an, von denen Calvi sagt: daß, wenn

Leonardo jene Lampe gesehen haben würde, die den Galilei auf die

Pendelgesetze hinwies, er gewiß die Aehnlichkeit der Schwingungen

mit der Wellenbewegung gesehen haben würde. Er sagt: „Der Beginn der

Welle bei der inzidenten Bewegung ist schneller und das Ende der

reflektirten Bewegung langsam. Die inzidente Bewegung ist kräftiger

als die reflektirte. Die Bewegung des Thals der Welle ist schneller,

aber ihr Berg langsam. Daraus folgt, daß das Thal die inzidente und

der Berg die reflektirte Bewegung ist. Die Welle wird sich um so mehr

bewegen, als sie sich bewegt, um so mehr sich ausbreiten, als sie

geschwinder ist. Denn die Welle entsteht durch die Reflexion, und die

reflektirte Bewegung endigt in der Linie der Inzidenz. Die Welle hat

Zeit sich zu vertiefen und auszubreiten, wenn sie übergeht von der

Reflexion zur Inzidenz, und empfängt um so viel mehr Geschwindigkeit,

als die Bewegung der Inzidenz kräftiger ist als die reflektirte.“

Hieran schließen sich noch eine Reihe Betrachtungen über die Bewegung

zweier gleicher oder ungleicher Wellen u. s. w., Gesetze, welche später

von Mr. l’Emy u. A. weiter ausgeführt sind, ohne mehr zu sagen, als

Leonardo gibt. Vinci zeigt schließlich noch das Spiel der Wellen am

Ufer, wie keine Welle die letzte sei, sondern immer die vorletzte auf

sie heranrücke u. s. w., wie ferner die Wellen die mitgeführten Körper

sortiren und in Reihen anhäufen. Die inzidente Wellenbewegung bewegt

die größeren Steine, und die reflektirte ist nicht im Stande, dieselben

zurückzuziehen, wohl aber folgen die kleineren Dinge den letzteren und

der Sand ist der Spielball der beiden Bewegungen. Wir wollen Leonardo’s

eigene Worte über die Arbeit der Wellen folgen lassen: „Il moto che il

mobile riceve è quando veloce, quando tardo, e quando si volta a destra

e quando a sinistra ora in su, ora in giù rivoltandosi, e girando in se

medesimo ora per un verso, ora per un altro obbendendo a tutti i suoi

motori e nelle battaglie fatte da tali motori sempre ne va per preda

del vincitore!“ -- --

[Illustration: Fig. 19.]

Wir führen endlich zum Schluß dieses Abschnitts noch an, daß Leonardo

die Idee der artesischen Brunnen ausführte und dazu einen Erdbohrer

konstruirte, Trivella per forar pozzi alla Modenese, welcher in den

Manuskripten erhalten ist und den wir hier zufügen. Ferner hat Leonardo

sehr viel hydraulische Maschinen, Pumpen, Wasserräder, Wasserpressen,

Schnecken etc. etc. konstruirt und nebst seinen trefflichen Kanal- und

Schleusenskizzen uns nachgelassen.

Davon im späteren Abschnitt „Maschinen“ soweit es die effektiven

Konstruktionen betrifft.

Leonardo war bei seinen praktischen Ingenieurarbeiten für die Hydraulik

gezwungen, die Wassermassen für Ab- und Zufluß zu berechnen; er that

dies in einer Weise, die auch heute noch genügen könnte. Er stellte

14 Bedingungen auf, nach welchen sich die Ausflußmenge eines Kanals

richtet. Er berücksichtigt dabei sowohl die Form und Oberfläche der

Kanäle, Rohre etc., als die Richtung, den Querschnitt der Mündung

u. s. w., endlich auch die Rolle der Luft dabei. Drastisch bemerkt er:

„Sowie ein Strumpf (calze), welcher das Bein bekleidet, nicht mehr

dessen Aussehen verräth, so zeigt auch die Oberfläche des Wassers

nichts von der Beschaffenheit des Bodens im Kanal.“

[12] Archimedes, περι των εχουμενων. ed. David Rivaltus

[13] Er zitirte Archimedes öfter.

[14] Es ist ein großer Mangel, daß z. B. Ewbank in seinem „Descr.

and histor. account of Hydraulic and other machines for

raising water“ nichts von Leonardo da Vinci kennt, während er

Venturi’s Arbeiten zitirt.

[15] Newton, Mathemat. Prinzipien. Von Prof. Dr. Wolfers, Berlin,

Oppenheim 1872. pag. 360.

[16] Wir bemerken, daß viele Sätze in den späteren Schriften

besonders der französ. Gelehrten fast genau wiedergegeben zu

sein scheinen.

[17] So auch Poncelet, Sganzin, Reibell u. A.

Leonardo da Vinci als Ingenieur und Philosoph Ein Beitrag zur Geschichte der Technik und der induktiven Wissenschaften · 第 27 / 36 题