VIII.

Leonardo’s Ideen über die ~Luft~ waren ebenfalls die klarsten. Er hatte

gefunden, daß die Luft ein Körper aus mehreren Bestandteilen komponirt

sei, der Gewicht habe und Elastizität und aus Molekülen bestehe. Er

fand, daß Körper in ungleich dichter Luft ungleiches Gewicht hatten.

Er erkannte die Zusammendrückbarkeit der Luft und vergleicht dieselbe

einem Federkissen, das der Schläfer zusammenpresse. Er spricht aus,

daß, wenn irgend eine Kraft einen Gegenstand in Bewegung setze,

schneller als die Luft ausweichen könne, so entstehe eine Kompression

der Luft. Wie nahe war Leonardo den Entdeckungen des Toricelli, Galilei

u. s. w. Vielleicht auch hat er, der das Gleichgewicht der flüssigen

Körper so gründlich studirt und dargestellt hat, auch bezüglich der

Luft gleiche Grundanschauungen gehabt, zumal, wie wir gesehen haben, er

oftmals darauf hinweist, wie sich die Gesetze für das Wasser zur ~Luft~

verhalten, und weil er sich so hoch in seinen Ideen emporschwingen

konnte, den Schall und das Licht auf die Wellenbewegung zurückzuführen.

Vielleicht auch finden wir später noch in seinen zahlreichen

Manuskripten diesbezügliche Stellen. --

Hier wollen wir darüber des näheren berichten, daß Leonardo über die

Rolle der Luft bei der ~Verbrennung~ vollkommen klar war und mit uns in

seinen Anschauungen auf gleichem Boden stand.

[Illustration: Fig. 20.]

In dem Mailänder Codex handelt Leonardo ab über die ~Flamme und die

Luft~. -- Betrachten wir zuerst die Anschauung der ihm folgenden

Zeit, so finden wir, daß allgemein angenommen ward, daß die Luft bei

der Verbrennung nur dazu diene, um die ~Hitze~ an dem Brennstoff

zu ~konzentriren~, und dieser Ansicht huldigten die Physiker mit

~Musschembroek~, der dieselbe besonders ausgesprochen hatte, allgemein.

Erst 1623 sprach ~Roger Bacon~ in seinem Novum Organon aus, daß die

Luft die Ernährerin der Flamme sei, und ~Robert Boyle~ bewies dies

experimentell 1672. Auch ~Descartes~ hat 1644 in seinen Prinzipien der

Philosophie IV. § 95 cf. speziell über den Vorgang des Brennens einer

Kerze abgehandelt; aber indem er sich bestrebte, den Vorgang mit Hilfe

seiner Wirbeltheorie zu erklären, kam er auf die Idee, daß die Luft von

den nach oben strebenden losgelösten Dochttheilchen und dem Rauch _H_

nach unten gestoßen würde und bei _F_ und _K_ an die Flamme heranträte.

Hätte nicht jene Theorie dem Descartes die Augen verschlossen, so würde

er seinen Satz: „Diese Luft umspielt die Spitze der Kerze _B_ und den

Grund des Dochtes _F_ und dient, indem sie zur Flamme tritt, zu deren

Ernährung. Sie würde jedoch bei der Dünne ihrer Theilchen dazu nicht

hinreichen, wenn sie nicht viele Wachstheilchen, welche die Hitze des

Feuers bewegt, durch den Docht mitnähme. So muß die Flamme stetig

erneuert werden, um nicht zu verlöschen“ -- wohl in anderer Weise

vollendet haben, der in der That zeigt, daß Descartes wohl wußte, daß

die Luft die Ernährerin der Flamme sei. -- ~Stahl~ vernichtete später

auch diese schon besseren Anschauungen, und erst ~Lavoisier~ war es

aufbehalten, die Boyle’schen Anschauungen wieder hervorzuholen und zur

Geltung zu bringen. -- Nun höre man Leonardo über denselben Gegenstand:

„Wo eine Flamme entsteht, da erzeugt sich ein Windstrom um sie; dieser

Luftstrom dient dazu, sie zu erhalten, die Flamme zu vergrößern. Ein

stärkerer Luftstrom dient dazu, die Flamme ~leuchtender~ zu machen. Das

Feuer zerstört ohne Unterlaß die Luft, welche sie ernährt, es stellt

ein Vakuum her, wenn andere Luft nicht herzuströmen kann, dasselbe

auszufüllen!“ --

„Sobald die Luft nicht in dem geeigneten Zustand sich befindet, die

Flamme zu erhalten, kann in derselben so wenig irgend ein Geschöpf der

Erde noch der Luft leben als die Flamme. Kein Thier kann leben in einem

Orte, wo die Flamme nicht lebt.“

„In dem Zentrum der Flamme eines Lichtes bildet sich ein Rauchkern,

weil die Luft, welche in die Komposition der Flamme eintritt, nicht bis

zur Mitte vordringen kann. Sie gelangt an die Oberfläche der Flamme,

sie kondensirt sich dort; indem sie Nahrung für die Flamme wird, formt

sie sich in sie um und läßt einen leeren Raum übrig, welcher sich

successive mit anderer Luft füllt.“

An einer andern Stelle sagt Leonardo:

„Es kann eine Flamme nicht leben, wo nicht leben kann ein athmendes

Thier. Die Flamme erzeugt ein Vakuum, und die Luft eilt herbei, solches

Vakuum zu ersetzen. Das Feuerelement verzehrt unablässig die Luft zu

dem Theil, welcher sie nährt (nutrica), und es wird ein Vakuum sich

bilden, wenn nicht neue Luft herzuströmt, dieses auszufüllen. Der

Rauch bildet sich in der Mitte der Kerzenflamme. Die Flamme disponirt

zuerst die Materie, welche sie ernähren kann, und kann sich dann davon

ernähren. Ein übermäßiger Wind tödtet die Flamme, ein mäßiger ernährt

sie.“

Diese klaren und deutlichen Erklärungen sind in der That staunenswerth!

Ist es nicht klar, daß Vinci die Eigenschaften der Luft kannte und aus

Experimenten sicher war über die Rolle der Luft bei der Verbrennung?

Wenn wir an den einzelnen Sätzen nur anstatt der Luft, Sauerstoff

der Luft setzen -- so haben wir unsere heutige, von der Wissenschaft

anerkannte Erklärung. Ja, aus dem zweiten Satze, wo er von einem

„geeigneten Zustand“ der Luft redet, können wir herauslesen, daß

Leonardo eine Ansicht über den zusammengesetzten Bestand der Luft

hatte. Bedenken wir, daß die Chemie so weit zurück war in ihrer

Entwickelung, daß ja an eine Zusammensetzung der Luft erst mehr als

250 Jahre später gedacht ward und dann ihre Bestandtheile nachgewiesen

wurden, so können wir uns keine klarere Anschauungsweise und keinen

bestimmteren Begriff denken über die Luft in ihrem Verhältniß zur

Verbrennung, als Leonardo hier gegeben hat. Er hat diese Lehre auch

in anderen Manuskripten weiter beleuchtet und durchdacht und gibt (in

Vol. C. Ambrosiana) Abbildungen, um die Rolle des Luftstroms analog

dem dritten Passus seiner obigen Erklärung klar zu machen. In Fig. 22

zeigt Leonardo den entstehenden Zusammenstoß zweier Flammen und markirt

dabei die Punkte deutlich, wo eine Verbrennung nicht statt hat. Eine

Vergleichung dieser Figur mit der obigen von Descartes gegebenen (der

wir die Pfeile entsprechend seiner Darstellung zufügten), zeigt, daß da

Vinci’s Ansicht der des Descartes etwa entgegengesetzt ist.

[Illustration: Fig. 21.]

[Illustration: Fig. 22.]

[Illustration: Fig. 23.]

[Illustration: Fig. 24.]

Höchst interessant ist aber, daß Leonardo da Vinci in seinen Versuchen,

die Lichtstärke zu erhöhen, auf die Entdeckung der Lampencylinder und

Lampenglocken gekommen ist, welche man dem berüchtigten Lange (1784)

zuschreibt (dem unberechtigten Fabrikanten der Argandlampe, Quinquet)

und dem Philippe de Girard 1804. Leonardo setzt die Wirksamkeit

eines Cylinders auseinander, indem er sagt, daß der Cylinder der

Flamme Gelegenheit gebe, zu exhaliren und sich zu ernähren. Das

Ausgestoßene (esalmento) bewegt sich dann in der Mitte nach oben,

während die nahrunggebende Luft von den Seiten und von unten her

zuströmt. Leonardo gibt auf fol. 79 C. A. und auf anderen Blättern

mehrere Ideen zur Sache, bis er in dem vollständigen Entwurf einer

Lampe mit Cylinderöffnung das Gewünschte (Fig. 23, 24) erreicht.

Merkwürdigerweise schreibt er auf die beiden Hälften der Glocke aqua

aqua, weil er die Glocke und Cylinder als einen Körper betrachten

will, dessen hohler Raum mit Wasser erfüllt ist. Leonardo gibt auch

ein Rezept, um diese Glocken zu fabriziren (fare questa palla). Questa

palla, essendo di vetro sottile e plena d’acqua, renderà gran lume! --

[Illustration: Fig. 25.]

[Illustration: Fig. 26.]

Die Eigenschaften der Luft wendete Leonardo auch an bei dem von ihm

erfundenen ~Schwimmgürtel~, und bei dem ~Helm~ für den ~Perlentaucher~

setzt er das Innere desselben mit der äußeren Luft durch einen Schlauch

in Verbindung, dessen Ende auf der Oberfläche des Wassers mittelst

eines Brettes schwimmt (Fig. 25 s. umstehend). Hervorragend und auf

Kenntniß der Eigenschaften der Luft basirt sind die zahlreichen

Versuche und Betrachtungen, welche Leonardo anstellte über den

~Flug der Vögel~ und die ~Luftschiffahrt~. Es scheint dies ein

Lieblingsthema für ihn gewesen zu sein. Wir haben im Codex Atlanticus

allein an 100 Skizzen für diese Ermittelungen gefunden; viele stehen

in den Pariser Bänden, mehrere in den Londoner. Die Zeit, in welche

hauptsächlich diese Betrachtungen fallen, ist die seines Aufenthaltes

in Rom 1514, als Leonardo es nicht über sich gewinnen konnte, für Leo

X. ein Gemälde zu malen, und unter allerlei Ausflüchten den päpstlichen

Auftrag hinhielt, -- als Leonardo ferner in Rom gesehen, daß neben ihm

die Giganten der Kunst Michel Angelo und Raphael erschienen und mächtig

geworden waren. Eine Art muthloser Träumerei hatte ihn beschlichen;

muthvoll war er niemals und zufrieden mit seinen Werken noch weniger.

So trieb er denn damals seine Scherze mit Flugversuchen und setzte

das Publikum in Erstaunen mit seinen fliegenden Wachsfiguren. (Vasari

erzählt auch von einer Eidechse, die Leonardo mit Flügeln ausstattete

und großen Augen, einem Bart und Hörnern, alles beweglich durch

Belastung mit Quecksilber bei Bewegungen des Thieres -- und die er in

einer Büchse mit sich herumtrug.) Aber der Kern zu diesen Versuchen

war wieder ein hochernster, denn Leonardo ging in rationellster Weise

zu Werke, die Umstände zu ergründen, welche die ~Flugfähigkeit~

ermöglichen. Er war der ~Erste~ auf dieser Bahn, die nur Roger Baco

vor ihm ~spekulativ~ und auf Grund seiner Anschauungen über das Wesen

der Luft betreten hatte. Rührend erzählt uns Leonardo, wie schon in

seiner Knabenzeit ihn die Vögel erfreut haben, wie ein Geier (Nibbio)

ihm schon in der Wiege einen Besuch gemacht habe. Schon in Florenz

kaufte Leonardo Vögel, um ihnen die Freiheit wieder zu schenken, und

so auch sah man ihn, wie Vasari erzählt, in Rom oft mit Bauern und

Käfigen beladen, die er für theures Geld zusammengekauft, dem Thore

zueilen, um die gefangenen Vögel frei zu machen. Mit diesem großen

und warmen Herzen für die Thiere verband er aber eine Theilnahme

an der Art ihres Lebens, so auch an ihrem Fluge. Dazu trieb er die

Anatomie des Vogelkörpers und zumal der Flugorgane so eingehend, wie

es zu seiner Zeit wohl kaum jemand gethan haben mochte. Aus diesen

Studien gingen dann seine Entwürfe von Flügeln hervor, die, stark genug

konstruirt, einen Menschen heben könnten. Wir geben aus solchen Studien

die obenstehende Figur 26 wieder. Man sieht die sorgsame Gliederung

der 5 einzelnen Finger-ähnlichen Extremitäten mit Gelenken _o r_ und

den Bändern _m n_, welche gleichsam die Sehnen von _f_ an führen und

vereinigt an einem Muskelhebel, hier die Scheibe _C_, _o_ mit Seil.

Die Bewegungen der Finger bewirken die Mechanismen einmal bei _A_, wo

die Hand der Finger mit Charnieren befestigt ist und ihren stützenden

Punkt erhält, den Drehpunkt des Hebels, den Hand und Finger bilden, --

sodann bei _B_, wo eine Schubstange mittels Kurbel und Pleuelstange den

Arm dieser Flughand auf und nieder bewegt, wobei die Scheibe _C_ empor

geht und die Sehnen frei läßt, so daß die Federgürtung _d_ der Finger

wirken kann und diese geradegestreckt werden. Beim Herabzug aber wird

die Luft von den gewölbeartig sich rundenden Fingern festgehalten und

am Ausweichen gehindert. Wie kann man diese Momente des Fluges besser

erfassen und zur Ausführung bringen? Leonardo projektirte zugleich,

die Finger mit weichen Federn zu bekleiden. Unablässig suchte er nach

Verbesserung solcher Kombinationen und stellte auch Versuche für

ihre Bewährungen an. Eine Figur (auf Fol. 372 C. A.) lehrt uns eine

geistreiche Ermittlung des Einflusses des Flügels kennen, den der für

einen Menschen konstruirte Flügel auf die Minderung des Gewichtes des

Menschen hat, wenn er von diesem bewegt wird. Leonardo macht sich

ganz klar, welches Gewicht Mensch und Apparat haben, und vergleicht

damit das Luftgewicht. Aus diesen Betrachtungen ist denn auch seine

Erfindung[18] des ~Fallschirmes~ hervorgegangen (Fig. 27), welche er

mit den Worten begleitet: „Se un homo ha un padiglione, intasato, che

sia 12 braccia per faccia e alto 12, potrà gittarsi d’ogni grande

altezza senza danno di sè.“ Bei seinen Spielereien mit Wachsballons

etc. bediente er sich als Füllung eingeblasener warmer Luft. Leider

machte er hiervon für größere Anwendung keinen Gebrauch, sondern er

blieb bei der Imitation des Vogelflugs. --

[Illustration: Fig. 27.]

Doch hatte Leonardo, wie bereits aus früher mitgetheilten

Aufzeichnungen hervorgeht, eine klare Auffassung von der Dichtigkeit

der Luft in der Nähe und ferner der Erde. Er sagt: „Um so viel die Luft

dem Wasser oder der Erde benachbarter ist, um so viel ist sie dichter

(grossa).“

Mehr den obigen Lehren des Leonardo zugehörig ist seine Anwendung des

Gebläses für die Schmiedefeuer und Schmelzöfen. In Rom konstruirte er

ein solches in einer Schmiede, welches so gewaltig blies und stöhnte,

daß die Anwesenden sich in eine Ecke zurückzogen und theils entflohen.

[18] Dieselbe wurde bisher Lenormand 1783 zugeschrieben.

Leonardo da Vinci als Ingenieur und Philosoph Ein Beitrag zur Geschichte der Technik und der induktiven Wissenschaften · 第 28 / 36 题