Wir finden, daß Leonardo für die ~Mechanik~ sehr viel geleistet hat,
und daß er selbst die höchste Lust an dieser Wissenschaft empfunden
haben muß, als er die Mechanik das Paradies der mathematischen
Wissenschaft nannte. Er besaß allerdings im hohen Grade die
Eigenschaften und Kenntnisse, welche dem wahren Mechaniker eigen
sein müssen, nämlich ausgedehnte mathematische Kenntnisse, Liebe und
Verständniß für die Natur und Naturerscheinungen und eine scharfe
Beobachtungsgabe, neben rastlosem Denkervermögen, das nicht ruhete,
bevor nicht das Beobachtete durchforscht war und klar vor ihm lag.
Ferner prüfte er an heterogenen Fällen das gefundene Gesetz und
legte sich selbst Fälle und Fragen vor, für eine Beweisführung des
als zutreffend Erkannten. In dieser tiefrichtigen Weise stellt er
seine Kalkulationen an, und ermittelt Kraft, Bewegung, Fall, Gewicht,
Schwerkraft, Wellenbewegung u. s. f. In dieser Betrachtungsweise und
zumal in seiner freien, von keiner hergebrachten Methode gefesselten
Beobachtung, in seinen eigenen Versuchen und Erfahrungen liegen die
Erklärungen für die überaus abweichende Stellung, die Leonardo’s
Mechanik einnimmt gegenüber der Mechanik seiner Zeit. Um dies in das
richtige Licht zu stellen, müssen wir auf die Geschichte der induktiven
Wissenschaften, speziell die Geschichte der Mechanik zurückgehen und
den (bisher als geltend angenommenen) Standpunkt seiner Zeitgenossen
kennzeichnen.
Wir haben oben bereits gesagt, daß Archimedes die Hebelgesetze
feststellte und in klarer Weise begründete; gleichzeitig mußten
wir bekennen, daß nach Archimedes’ Tode diese Anschauungen schnell
verschwanden, und in der That finden wir sie Jahrtausende hindurch
verdrängt durch die aristotelischen Lehren. Diese waren geltend. Wie
hatte sie Aristoteles erklärt?
Archimedes spricht deutlich aus, daß zwei Gewichte im Gleichgewicht am
Hebel sind, wenn sie sich verkehrt verhalten, wie ihre Entfernungen von
dem Unterstützungspunkte. Der Beweis dieses Satzes ist von Archimedes
mit Bezug auf den Schwerpunkt der Körper gegeben. Aber hiervon ward
keinerlei Gebrauch gemacht, sondern Aristoteles erklärte rund weg, bei
der Frage: Wie können kleine Kräfte große Lasten durch Hülfe eines
Hebels in Bewegung setzen, da doch hier nebst der Last auch noch der
Hebel selbst bewegt werden muß? -- Dies geschieht deshalb, weil ein
größerer Halbmesser sich stärker bewegt als ein kleinerer! -- Wie
kann ein kleiner Keil große Klötze zersprengen? -- Weil der Keil aus
zwei entgegengesetzten Hebeln besteht. Bei diesen Antworten ist die
Beobachtung und eine Prüfung der Fälle absolut vernachlässigt. Da die
aristotelische Methode herrschend blieb, so vermochten die späteren
Mechaniker, selbst die, welche sich auf Archimedes’ Gesetz stützten,
nicht dieses Gesetz anzuwenden. Sie versuchten dies freilich oft
genug, z. B. für die Schraube, den Keil, die schiefe Ebene, aber ohne
Erfolg, was um so mehr wunderbar erscheint, als die schiefe Ebene,
durch welche die Wirkung der Kraft, die man an den Körper wenden will,
vermehrt wird, unter die einfachen Maschinen aufgenommen wurde. Allein
das Verhältniß der Vermehrung der Kraft konnte keiner auffinden.
Pappus (400 n. Chr.) stellte das Problem auf, bei gegebener Kraft,
die eine Last auf horizontaler Ebene bewege, die Vermehrung dieser
Kraft zu finden, die für den Fall nöthig, um dieselbe Last auf einer
gegebenen schiefen Ebene zu bewegen, -- ohne über Messung der Kraft,
über die Art der Bewegung u. s. w. irgend etwas zu bemerken. Er löste
die Aufgabe oder glaubte sie zu lösen dadurch, daß er, unter Annahme
der Kugelgestalt für die Last, die Wirkung der Berührung der Kugel mit
der schiefen Ebene vergleicht mit der Wirkung, wenn diese Kugel von
einem horizontalen Hebel getragen werde, dessen Hypomochlion jener
Berührungspunkt ist, wo die Kraft auf die Oberfläche der Kugel wirkt.
Aber diese Unfähigkeit der Benutzung und Begründung der Hebelgesetze
dehnt sich weit über Leonardo’s Zeit hinaus, denn auch Cardanus,
Jordanus u. A. können noch nicht mit dem Beweise der schiefen
Ebene fertig werden, obschon sie klarer sind und der Wahrheit
sich nähern. Aehnlich wie die Hebelgesetze schwebten die Begriffe
im Zweifel über die ~Bewegung~. Ueber diese wichtige Lehre ist
Aristoteles so verwirrt wie kaum über etwas anderes. Er gebraucht
dabei jenen „berüchtigten“ Ausdruck Entelecheia, der schon nach
einigen Jahrhunderten gar nicht mehr verstanden wurde und zu enormen
Mißverständnissen führte. Hermolaus Barbarus erzählt uns gar, er
sei von der Schwierigkeit, dieses Wort gehörig zu übersetzen, so
sehr gepeinigt worden, daß er einst bei Nachtzeit den bösen Geist
zu Hülfe rief. Allein der alte Spötter sagte ihm nur ein Wort, das
noch dunkler war als jenes, und endlich begnügte er sich selbst mit
dem selbstgefundenen Perfectihabilia[9]. Also Aristoteles sagt: „Die
Bewegung ist die Entelechie eines lebenden Körpers in Beziehung auf
seine Beweglichkeit.“ Alle Schriftsteller bis zu Galilei hin leben noch
in des Aristoteles Problemen. Mit dem Ende des fünfzehnten Jahrhunderts
tritt freilich eine etwas bestimmtere Ansicht ein bei einigen. Gerade
die Bewegung bildete den Hauptvorwurf der in mechanischen Dingen
arbeitenden Gelehrten. 1494 erschien Massimus de Motu locali, ferner
Spanelli Tornus, Fassembruno, alle zu Venedig, ferner folgten später
Diodochus, Bassianus Landus, Teisner (motus continuus, Lasnes, Jean
Lorges, Cardanus, Borrius, Berri, Varro, Bonamici, Stecker, Findlinger,
van der Hoop, Parcachi, Leiva, Moretti u. A.).
In einzelnen dieser Schriften ist recht nachweisbar, wie natürliche
Beobachtung mit der aristotelischen Methode im Streite lag, und oft ist
nur die letztere der Grund, daß nicht das Richtige klar dargelegt wird.
Hierfür bildet Jordanus Nemorarius in seinem Werk de Ponderositate
einen merkwürdigen Beleg.
Aehnlich ging es mit dem Begriff der ~Schwere~. Aristoteles sagt: „In
der Physik nennen wir die Körper schwer oder leicht nach der Gewalt
ihrer Bewegung!“ worauf er gleich zufügt, daß diese Erklärung für die
wirkliche Operation der Körper nicht angemessen sei, außer daß man das
Wort Gewalt für beide Bedeutungen annehmen wolle. Sein schlimmster
Satz war jedoch der: daß derjenige Körper der schwerere ist, der bei
gleichem Inhalt schneller abwärts geht. Thomas von Aquino spricht sich
ganz aristotelisch aus. Nachdem er, wie zufällig, bemerkt, daß die
Vermehrung der Quantität nicht die Ursache der Schwere sei, behauptet
er, daß jeder Körper, je gewichtiger er sei, sich auch desto mehr mit
eigener Kraft bewege. -- Dennoch sind die Ansichten hierfür klarer,
und besonders wurde der Begriff des Schwerpunktes wenigstens im 15.
Jahrhundert schon festgehalten. Ubaldi bemerkt in der Vorrede seines
Mechanicorum liber (1577), Archimedes habe mit Recht vom Schwerpunkte
der Ebene geschrieben, obgleich die Ebene nicht schwer sei. Solche
Ebenen seien anzusehen als Grundflächen eines Prismas.
Mit der ~dynamischen~ Wissenschaft stand es, wie wir bereits oben
berührt, ähnlich. Aristoteles lehrt bereits den Unterschied der
natürlichen und der ~gewaltsamen~ Bewegung. Aber lange blieb das Wesen
derselben unklar. Man bemühte sich zu zeigen, wie die gewaltsame
Bewegung sich zu der Kraft verhielte, die sie erzeuge. Das unglückliche
Beispiel des Aristoteles, um die Ursache der Bewegung eines Steines
zu zeigen, der von der Hand geworfen sich fortzubewegen fortfahre,
-- wurde am schnellsten von allen Lehren des Stagiriten beseitigt.
Man stellte jedoch ohne Klarheit dem Begriff Bewegung auch die Kraft
bei und sprach so von positiver Bewegung. Bei dem Beispiel der
abgeschossenen Kanonenkugel trat die Wandlung der Ansichten am meisten
hervor. Man nahm allgemein an, und Tartaglia (Nova Scienza 1551)
glaubte noch, daß die Kugel, nach Verlust ihrer positiven Bewegung,
sofort senkrecht herunterfalle. Santbach stellte sich das Herabfallen
der Kugel nach Erreichung des Endes der positiven Bewegung in Absätzen
(treppenförmig) vor. Rivius (1548) nahm an, daß der Herabfall im
Kreisbogen geschehe, wie später noch Leonardo da Vinci und Galilei.
Benedetti hatte zuerst eine Ansicht über die Ursache der Wurfbewegung
überhaupt, indem er darlegt, daß der Stein oder die Kugel durch die
Luft gehindert werde (nicht getrieben, wie Aristoteles behauptete), und
daß die Bewegung des Steines überhaupt von einer gewissen Impression,
von der Impetuosität komme, die der Stein von der ersten bewegenden
Kraft, von der Hand erhalte! Benedetti’s liber speculationum erschien
1585. --
Es war unsere Absicht, im Vorstehenden in etwa zu zeigen, wie
unvollkommen man die technischen Probleme in der ganzen Periode von
Archimedes bis zum 16. Jahrhundert behandelte. Erst mit der Lehre des
Holländers Stevinus in Brügge (Prinzipien der Statik und Hydrostatik
1586) und mit einzelnen Lehren des Varro, Cardanus, Benedetti,
Ubaldi trat ein Verlassen der Irrlehren und der falschen Methode
des Aristoteles ein. So lautet wenigstens die bisherige Annahme der
Geschichte der mechanischen Wissenschaften.
Nachdem Libri, Venturi und Neuere die Manuskripte des Leonardo
durchforscht haben, steht außer Zweifel, daß Leonardo bereits am
Ende des 15. Jahrhunderts viele dieser mechanischen Gesetze klar und
deutlich aufgefaßt hatte. Viele derselben hat er handschriftlich
hinterlassen, und sie geben dem Leonardo, will man ihn persönlich als
den Urheber derselben ansehen, mindestens eine ~gleiche Bedeutung~ für
die Mechanik, wie man Stevinus sie beilegt, zudem die ~Priorität~.
Leonardo bringt uns zunächst über den Hebel folgende Betrachtung, bei
welcher das Verhältniß der Kräfte in dem Falle, wo eine Schnur in
schiefer Richtung auf einen mit einem Gewichte belasteten Hebel wirkt,
richtig dargestellt worden.
[Illustration: Fig. 1.]
[Illustration: Fig. 2.]
„Es sei (Fig. 1.) der Hebel _AT_, sein Drehpunkt in _A_, das, Gewicht
_O_ in _T_ aufgehängt, und die Kraft _N_, welche dem Gewicht _O_ die
Waage hält. Man ziehe _AB_ senkrecht nach _BO_ und _AC_ senkrecht auf
_CN_. Ich nenne _AT_ den ~reellen~ Hebel; _AB_, _AC_ ~potentielle~
Hebel; und man hat die Proportion _N_ : _O_ = _AB_ : _AC_. Sei nun
_M_ das Gewicht, gehalten durch das Seil _AM_, dessen Ende fixirt
ist in _A_ (Fig. 2.); sei ferner das Gewicht und das Seil in _AM_
zurückgehalten außerhalb der perpendikulären Stellung _AB_ mittelst der
Kraft _F_, deren Richtung _MF_ mit _AM_ einen rechten Winkel bildet, --
so wird die Kraft _F_ sich zum Gewicht _M_ verhalten wie _AC_ : _AM_.
[Illustration: Fig. 3.]
[Illustration: Fig. 4.]
[Illustration: Fig. 5.]
[Illustration: Fig. 6.]
Ist die Korde _FM_ (Fig. 3) durch zwei gleiche Kräfte an _F_ und _M_
gespannt, und befestigt man in der Mitte der Korde in _N_ ein kleines
Gewicht _C_, so wird dieses den Punkt _N_ bis _A_ herabziehen, während
die Gewichte an _FM_ heraufsteigen. Mit dem Radius _MN_ beschreibe
man einen Kreis. Derselbe schneidet _AM_ in _B_, und es wird nun die
Bewegung des Gewichtes _S_ an _M_ gleich _AB_ sein. Der Punkt _N_
steigt herab, bis die Proportion eintritt _C_ : _S_ = _BA_ : _NA_,
d. h. die respektiven Bewegungen beider Gewichte _C_ und _S_ verhalten
sich umgekehrt wie die Gewichte selbst. -- Daraus folgt, daß, wenn
die Korde in _F_ und _M_ festgestellt ist, das Gewicht _C_ dieselbe
um so mehr belastet, je weniger sie sich biegen kann.“ Diese Gesetze
der Statik, die, wie man sieht, dem Leonardo vollkommen klar waren,
erhalten in seinen Manuskripten zahlreiche Erweiterungen, die, wenn
auch mit keinem speziellen Beweis versehen, zeigen, daß Leonardo das
Gebiet durchaus beherrschte und von den einzelnen Gesetzen Anwendung zu
machen wußte. Das was seine Zeitgenossen noch mangelhaft zu präzisiren
verstanden, und was noch Benedetti zaghaft ~Impetuosität~ nannte,
finden wir bei Leonardo ganz klar betrachtet. Er hatte sich den Begriff
„Kraft“ gegenüber den „Bewegungen“ der Körper fest formulirt, ganz und
gar abweichend von den herrschenden Lehren des Aristoteles. In gleicher
Weise sehen wir auch, daß Leonardo die ihm vollkommen geläufigen
Hebelgesetze zur Erklärung der Rolle, der schiefen Ebene, des Keils
anwendet. Die Erklärung für den ~Herabgang der Körper auf der schiefen
Ebene~, welche, wie wir gesehen haben, weder seinen Vorgängern noch
Zeitgenossen gelungen und erst durch Stevinus mittelst der Hebelgesetze
geführt wurde, ist von Leonardo in zweifacher Weise so gut gegeben als
von dem Holländer. Eine direkte Erklärung (die bisher auch Libri und
Venturi entgangen war) enthält der Ambrosianische Codex Atlanticus.
Wir finden darin hinter einander die folgenden Figuren, mit kleinen
Berechnungen daneben, welche nur Zahlen enthalten und füglich hier
überflüssig sind. In der Figur 4 zeigt er den Körper auf horizontaler
Ebene und die Schwerpunktslinie als Normale zur Ebene. In der Figur
5 gibt er an, wie die Schwerpunktslinie nicht mehr normal zur Ebene
steht und der Körper durch eine Kraft herabgetrieben wird. In der
Figur 6 gibt er eine Andeutung, in welchem Verhältniß die Kraft,
welche den Körper herabtreibt, zu der Kraft, welche ihn zurückhalten
will, steht, indem er von den Mittelpunkten der Radien, die den
horizontalen Durchmesser bilden, Senkrechte zur Grundebene zieht und
die Relation in der Differenz der Höhen beider Perpendikel mit dem
Neigungswinkel der schiefen Ebene in Betracht zieht. Es fehlen uns
hierzu, wie bemerkt, die Worte des Leonardo, allein die vielfachen
Variationen in der Darstellung des letzten Falles lassen wohl darauf
schließen, daß Leonardo diese Beziehungen vollkommen verstand. Er geht
dann weiter in der Betrachtung der schiefen Ebene und gibt uns in der
Figur 7 und 8 Beweis davon, daß er die schiefe Ebene mit dem Hebel
vergleicht und damit zu erklären versucht. Stevinus erläuterte die
Grundeigenschaft der schiefen Ebene so, daß er eine Kette mit 14 gleich
großen Kugeln in gleichen Zwischenräumen belastet sich dachte, welche
über einen dachartigen dreiseitigen Balken mit horizontaler Basis
hänge. Die zwei dachförmigen Seiten, die sich in den Längen wie 2 : 1
verhielten, trugen die eine 4, die andere 2 Kugeln. Stevinus zeigte,
daß die Kette in dieser Lage in Ruhe verharren müsse, weil nämlich jede
Bewegung derselben auf dieselbe Lage wieder zurück führen müsse; daß
der andere mit den übrigen 8 Kugeln beladene Theil der Kette immerhin
ganz weggenommen werden könnte, ohne das Gleichgewicht zu stören, und
daß daher 4 Kugeln auf der längeren Fläche jene zwei auf der kürzeren
ebenfalls im Gleichgewicht erhalten; d. h. daß die Gewichte sich wie
die Längen dieser Flächen verhalten (Whewell II. p. 17). Dies zeigt nun
Leonardo (also volle 80 Jahre früher) durch die einfache Zeichnung, so
daß man wohl keinen besseren Beweis zu führen braucht.[10]
In Fig. 8a bemüht sich Leonardo, für zwei gleiche Gewichte die
Gleichgewichtslage zu ermitteln, wenn _A_ seine Lage nicht ändern soll,
also an einem Tau senkrecht von der Rolle _B_ herabhängt, _C_ aber
durch verschiedene schiefe Ebenen 1, 2, 3, 4 unterstützt wird. --
[Illustration: Fig. 7.]
[Illustration: Fig. 8.]
[Illustration: Fig. 8a.]
Aber auch die andere Weise der Beweisführung des Leonardo genügt
vollkommen, wie er oben durch die schiefe Zugrichtung am Hebel geführt
worden ist.
Leonardo schwang sich in seiner Anschauung sogar bis zur Bestimmung der
~Zeit~ des Herabganges empor und fand die Zeit des freien Falls des
Körpers von demselben Anfangspunkte im Verhältniß der Länge und Höhe
der schiefen Ebene. Venturi gibt uns hierüber nach den Manuskripten in
Paris (N. A. B.) folgende Darstellung und nähere Begründung.
[Illustration: Fig. 9.]
[Illustration: Fig. 10.]
„Der Herabgang des Körpers _A_ (Fig. 9) auf der Linie _AC_ hat im
Vergleich zu dem Fall _AB_ eine um so größere Zeit nöthig, als _AC_
länger ist als _AB_.“ Ferner sagt er: „Ein Körper _A_ wird, nachdem er
über _CE_ herabgegangen ist, bis nach _B_ hinaufsteigen mit derselben
Schnelligkeit, wie ein gleicher Körper, der von _A_ nach _B_ auf der
geraden Linie _AB_ läuft.“ Im Codex B findet sich die Stelle: „Der
schwere Körper _A_ (Fig. 10) steigt schneller auf dem Kreisbogen _ACE_
herab, als auf der Linie _AE_.“ Venturi weist in seiner Erklärung
hierzu darauf hin, daß Vinci und später Galilei gefunden haben und
festhielten, daß der Kreisbogen für den Fall der Körper der Weg des
Minimums der Zeitdauer sei, während später gezeigt ward, daß dies
die Cycloide sei. Allein ~Venturi~ meint, daß sich auch für den
Kreisbogen dies Zeitminimum annehmen lasse, mit Hülfe der synthetischen
Methode bestimmbar, nach folgendem Theorem:
[Illustration: Fig. 11.]
Der Kreisbogen, welcher 60° nicht überschreitet, bewirkt im Vergleich
zu allen anderen Kurven, welche man innerhalb zwischen den Endpunkten
des Bogens ziehen kann, den schnellsten Herabgang desselben Körpers.
Der Kreisbogen von 90° bewirkt im Vergleich zu allen anderen Kurven,
welche man außerhalb zwischen den Endpunkten des Bogens ziehen kann,
den schnellsten Herabgang desselben Körpers. Seien _C_ (Fig. 11) der
Mittelpunkt des Kreises, _CF_ die Senkrechte zum Horizont _EMF_ ein
Bogen, welcher 60° nicht überschreitet, _EqF_ eine andere beliebige
Kurve innerhalb des Bogens _EMF_. Man ziehe _Cm_ und schlage mit _CQ_
den Bogen _Qq_, ferner _AE_, _BQ_, _Dm_ parallel zum Horizont; man
nehme aus _AB_, _AD_ das arithmetische Mittel _AX_ und das geometrische
Mittel _AZ_, so hat statt _AZ_ < _AX_, und es wird sich verhalten die
Schnelligkeit bei _M_ zu der bei _A_ = _AD_ : _AZ_. Nimmt man an, daß
_CD_ > 2 _AD_, so wird auch _CD_ : _BD_ > _AD_ : _XD_ und _CD_ : _CB_ <
_AD_ : _AX_ und < _AD_ : _AZ_, oder _CD_ : _CB_ = _CM_ : _CQ_ = _Mm_ :
_Qq_, somit _Mm_ : _AD_ < _Qq_ : _AZ_ < _QI_ : _AZ_. Diese Verhältnisse
geben die Zeit durch _Mm_ an und die Zeit durch _QI_. Wenn nun die
Zeiten beider Herabsteigungen in demselben Moment beginnen in _E_, so
wird die Zeit des totalen Herabgehens auf _EMF_ kürzer sein als die des
totalen Herabsteigens auf _EQF_.
[Illustration: Fig. 12.]
Für den zweiten Fall sei _AMB_ (Fig. 12) der Kreisbogen von 90° und
_AQB_ für eine der möglichen Kurven außerhalb des Bogens, so hat man
_Qq_ : _Mm_ = _CQ_ : _CM_ = _DQ_ : _EM_ > √(_DQ_) : √(_EM_)
Also _Qq_ : √(_DQ_) > _Mm_ : √(_EM_). Folglich ist die Zeit
durch _Qq_ ausgedrückt länger als die Zeit durch _Mm_ ausgedrückt und
folglich auch die durch die ganze Kurve resp. Bogen ausgedrückte Zeit.
--
Venturi will hiermit darthun, daß die Anschauungen des Leonardo sich
noch jetzt vertheidigen lassen. In der That aber ist der Scharfsinn des
Leonardo auch hierbei wieder zu bewundern, da ihm sicherlich die Ideen
vorschwebten und nicht unklar waren, denen später Galilei Ausdruck
gegeben hat.
Hier anschließend müssen wir noch jene Stelle des Leonardo zitiren
(G. 55), in welcher er über den Fall der schweren Körper abhandelt,
und zwar in Verbindung mit der Rotation der Erde. Wir bemerken
vorweg, daß die allgemeine Annahme, daß Kopernikus der erste gewesen
sei, der eine Bewegung der Erde aussprach und zu beweisen suchte,
durchaus unrichtig ist. Vielmehr finden wir seit Ptolemaeus mehrfache
Andeutungen hierüber. Die allmählich sich bahnbrechende Ansicht von
der Kugelgestalt der Erde mußte durchaus dazu führen, daß diese Kugel
irgend eine Bewegung habe. Gerade die Gegner solcher Theorien führen
uns darauf hin, daß man frühzeitig solche Ideen faßte. Vor allem
stand die Kugelgestalt der Erde bereits um 400 fest, denn der heil.
Augustinus leugnet sie nicht, ebensowenig die späteren Schriftsteller.
Aber die Art der Sterne und ihre Befestigung, die Befestigung und
Stellung der Erde, die Frage der Antipoden, -- das waren Gründe zu
heftigen Diskussionen. Und wenn Lactantius sagt, er sei wahrhaft in
Verlegenheit, wie man solche Leute nennen solle, die eine solche
Thorheit begingen, zu behaupten, daß die Körper gegen den Mittelpunkt
der Erde hinfielen, so zeugt dies davon, daß die Philosophen diesem
frommen Mann des vierten Jahrhunderts viel zu schaffen machten und ihn
gewaltig mit den Betrachtungen ärgerten, die er emphatisch für eitel
und nichtig erklärt hatte. Die Kugelgestalt und die Anziehung der Erde
war im 13. Jahrhundert bereits etwas allgemein Bekanntes. Wir erinnern
auch an die interessante Stelle Dante’s, Inferno XXXIV. 88 cf., wo er
den Durchgang durch den Mittelpunkt der Erde beschreibt. Im Anfang des
16. Jahrhunderts war es Nicolas de Cusa, welcher die Drehung der Erde
theoretisch nachweisen wollte, aber in der metaphysischen Beweisführung
stecken blieb.
Die Art und Weise, in welcher Leonardo die Drehung der Erde in
folgender (und in vielen andern) Stelle benutzt und gleichsam als etwas
einfaches und bekanntes voraussetzt, läßt uns wohl mit Recht darauf
schließen, daß diese Auffassung die seiner Zeit war. Leonardo gibt uns
aber in diesem Falle eine mechanische Betrachtung über die Relation
gleichzeitiger Bewegungen, -- welche bisher dem Gassendi zugeschrieben
wurde, zufolge seiner Abhandlung: de motu impresso a motore translato.
Später hat d’Alembert gezeigt, daß die senkrecht gegen den Zenith
emporgeworfenen Körper nicht auf den Ort ihres Abganges zurückfielen,
und erst später folgten die Versuche hierfür am Pisaer schiefen Thurme.
[Illustration: Fig. 13.]
Leonardo sagt: „Sei Fig. 13 _A_ der Körper, welcher in den Elementen
fällt, die er durcheilt, um nach dem Mittelpunkt der Welt _M_ zu
kommen. Ich sage, daß diese Last, herabsteigend in einer Spirale,
nicht aus der graden Linie herausgehen wird, welche sie als Weg nach
dem Mittelpunkt der Erde verfolgen muß. Denn wenn der Körper von _A_
ausgeht, um nach _B_ zu kommen, so wird, während er nach _B_ geht und
in die Lage von _C_ kommt, der Punkt _A_ bei Drehung in _D_ ankommen;
betrachtet man nun die Lage des Körpers, so findet man, daß er noch
immer in der graden Linie sich befindet, welche (erst _A_) jetzt _D_
mit dem Mittelpunkt der Welt verbindet. Wenn der Körper nach _F_ weiter
geht, wird zu gleicher Zeit der Punkt _D_ nach _E_ wandern. Während
des Herabsteigens von _F_ nach _G_ bringt die Drehung _E_ in die Lage
von _H_. So steigt der Körper auf der Erde herab, immer oberhalb des
Ausgangspunkts. Das ist eine zusammengesetzte Bewegung, sie ist zu
gleicher Zeit gradlinig und kurvenförmig. Sie ist gradlinig, weil der
Körper sich immer auf der kürzesten Linie befindet, welche sich ziehen
läßt von dem Ausgangspunkt der Bewegung nach dem Zentrum der Elemente.
Sie ist kurvenförmig an sich und in jedem Punkte des Weges. Daher wird
ein von der Höhe eines Thurmes geworfener Stein nicht an die Mauern des
Thurmes anschlagen, bis er die Erde erreicht.“ --
Obgleich ein Jahrtausende bekannter und angewendeter Mechanismus, hatte
doch ~die Rolle~ seit Archimedes keinen Erklärer gefunden, der ihr
Prinzip auf den Hebel zurückgeführt hätte. Auch hierher trat Stevinus
(so weit bisher bekannt war) zuerst ein, und vor ihm hatte Ubaldus
(1577) eine ähnliche Beweisführung versucht. Nun finden wir aber, daß
Leonardo diese Zurückführung der Rolle auf das Prinzip des Hebels in
leichtester Weise bewirkt und in dieser Anschauung lebt und webt.
Wir haben ca. 50 Skizzen in den Manuskripten des Leonardo gefunden,
die dies Verhältniß darlegen. In Fig. 14 gibt er in einfacher Weise
das Verhältniß der bewegenden Kraft am Rade zu der zu überwindenden
Last an der Welle, resp. umgekehrt, an. Er zeigt ferner an vielen
Skizzen die verschiedenen Längen des kontinuirlichen Hebelarmes,
die Relation der Lasten an denselben zur Kraft, er gibt eine große
Anzahl von Apparaten an, bei welchen die Rolle als Hebel benutzt
ist, und bestimmt ihre Verhältnisse. Er zeigt, wie die mechanische
Wirksamkeit der Rolle durch Kombination mehrerer solcher sehr erhöht
werden könne, und macht dies deutlich durch eine treffliche Skizze, in
welcher, vom gleicharmigen Hebelarm ausgehend, gezeigt wird, wie durch
Anfügung eines Rollensystems von sechs Rollen der eine Arm des Hebels
gleichsam um so viel vergrößert, verlängert wird, daß die Lasten an
diesen Armen sich wie 1 : 4 verhalten. Von da kommt er zur Beleuchtung
des ~Flaschenzuges~. Es ist ja allbekannt und von Förster in seiner
Bauzeitung noch speziell beschrieben, wie Leonardo ein Meister in
Hebung schwerer Lasten bei Bauten etc. gewesen ist. Er konnte dies
leisten, weil er die mechanischen Gesetze beherrschte.
[Illustration: Fig. 14.]
[Illustration: Fig. 15.]
In Fig. 15 berechnet Leonardo ein Wellrad zum Aufwinden, indem er
dasselbe als ungleicharmigen Hebel darstellt und den Hebelarm, an
welchem die Kraft angreift, in 19 Theile = dem Halbmesser der Welle
theilt vom Befestigungspunkte an bis zum Ende. Er findet so, daß
eine Kraft gleich 20 einer Last gleich 400 im Stande sei die Waage
zu halten. Für unsere Zeit freilich und bei der verhältnißmäßigen
Unkenntniß der Geschichte der Entwicklung der Mechanik ist es
überraschend, daß diese einfachen Thatsachen zuerst von Leonardo
wieder in ihrem natürlichen Zusammenhange dargestellt wurden, --
seit Archimedes und Vitruv.[11] Dieser Erkenntniß des Leonardo haben
wir aber auch seine in der That einzig für seine Zeit dastehenden
Entwicklungen der Naturgesetze und die Konstruktion resp. Erfindung
vielfältiger Mechanismen und Maschinen zu verdanken!
Betrachten wir nun die mechanischen Arbeiten des Leonardo weiter, so
müssen wir zunächst folgende Stelle von pag. 185 des Codex N (Paris)
anführen.
„Wenn man irgend eine Maschine gebraucht zum Bewegen schwerer Körper,
so haben alle Theile der Maschine, welche eine gleiche Bewegung mit
derjenigen des schweren Körpers haben, eine dem ganzen Gewicht des
Körpers gleiche Belastung. Wenn der Theil, welcher der bewegende ist,
in derselben Zeit mehr Bewegung äußert als der bewegte Körper, so hat
er mehr Kraft als der bewegte Körper, und er wird sich um so viel
schneller bewegen als der Körper selbst. Wenn der Theil, welcher der
bewegende ist, weniger Schnelligkeit hat als der bewegte, so wird er um
so viel weniger Kraft haben als der bewegte Körper.“ In diesen Worten
liegt der Grundgedanke des Prinzips der ~virtuellen Geschwindigkeiten~,
daß bei jeder Maschine sich die Kräfte, die einander das Gleichgewicht
halten, untereinander ~umgekehrt~ verhalten wie ihre virtuelle
Geschwindigkeit. Dies Gesetz ist später von Ubaldi präzisirt und sodann
von Galilei in seiner Abhandlung „Ueber die Wissenschaft der Mechanik“
(1592) genauer auseinandergesetzt worden, so daß man bisher Galilei als
den Urheber dieses Gesetzes betrachtete.
Ueber die Begriffe „~Kraft~“, „Bewegung“ u. s. w. äußert sich Leonardo
wie folgt:
a. „Kein sinnlich wahrnehmbares Ding kann sich von sich selbst
bewegen, sondern seine Bewegung wird durch Anderes bewirkt.“
(Dieses Andere ist die Kraft, Forza.)
b. „Kraft ist eine unsichtbare (spirituale) Macht (potenza),
unkörperlich und ungreifbar, welche die Ursache sein kann, daß die
Körper durch zufällige Heftigkeit der Einwirkung den natürlichen
Zustand der Ruhe aufgeben. Ich sage ~unsichtbar~ (spirituale),
weil sie ein unsichtbares Dasein hat; ich sage ~unkörperlich~ und
~ungreifbar~, weil sie nicht körperlich entsteht und weder in Form
noch Gewicht wächst.“
„Die materielle Bewegung wird bewirkt durch Gewicht und Kraft. Aber
es ist eine andre Bewegung die, welche durch die Schwere bewirkt
wird, und die, welche durch die Kraft entsteht, und die, welche
durch ähnliches als die Kraft erwirkt wird.“
d. „Wenn ein Körper durch eine Kraft (potenza) bewegt wird in
gegebener Zeit und in einem solchen Raume, so wird dieselbe Kraft
auch im Stande sein, ihn zu bewegen in der Hälfte der Zeit durch
die Hälfte jenes Raumes, oder in zweimal soviel Zeit zweimal durch
jenen Raum.“
e. „Kein bewegter Körper kann sich schneller bewegen, als die
Geschwindigkeit der Kraft, welche ihn bewegt, erlaubt.“
f. „Jede Aktion erfordert Bewegung.“
g. „Jeder Körper wiegt (péso) in der Richtung seiner Bewegung.
(Inertia!)“
h. „Der freifallende Körper erlangt in jedem Grade der Bewegung
Grade der Beschleunigung.“
i. „Der Stoß (percussione) ist eine Kraft, ausgeübt in kurzer Zeit.“
k. „Jede Bewegung, welche durch Reflexion entstand, beendigt ihren
Lauf auf der Linie der Incidenz. Die Incidenzbewegung hat eine
größere Macht (potenza), als die reflektirte Bewegung. Das, was
mehr Kraft hat, dauert länger als das, was weniger kräftig ist.“ --
l. „Es ist unmöglich, daß zwei Körper einer durch den andern
hindurchgehen.“
In allen diesen Sätzen, deren Zahl sich leicht vermehren ließe,
gibt Leonardo den Beweis für die Schärfe seiner Auffassungskraft.
Während er darin die Grundlagen für eine Darstellung der wichtigsten
mechanischen Gesetze ausspricht, das Beharrungsvermögen, die Bewegung
durch plötzliche Einwirkung und die Idee der Kraft, freiwillige und
unfreiwillige Bewegung, gleichförmige Bewegung näher feststellt, gibt
er in den letzten Sätzen mit klassisch kurzem Ausdruck unsere heutigen
Ansichten wieder. Nur in dem Satz _e_ unterläuft ihm die Aristotelische
Anschauung ein wenig. Der Satz _h_ ist dagegen eine bedeutungsvolle
Andeutung des später von Galilei ausgesprochenen Gesetzes. Der Satz _d_
spricht, wie Govi sehr richtig bemerkt, klar aus: Der durchlaufene Raum
ist proportional der Zeit, für die gleichförmige Bewegung! --
Alle diese Sätze aber gehören wahrscheinlich den diversen Schriften
des Leonardo an, die er selbst öfter zitirt, nämlich libro del moto,
Trattato di percussione, Elementi macchinali, libro del impeto, libro
di gravita u. A. Solche Schriften scheinen in Form von Leitfäden
angelegt worden zu sein, nach §§ geordnet, auf die Leonardo dann in
gewissen Fällen einfach hinweist. Z. B. Questa è manifesta per la
dodicesima e provasi ancora per l’ottava, che dice etc. -- In dem
Londoner Manuskript des Leonardo ist eine Abhandlung Moto ondoso del
mare enthalten. Auch hier die obigen Zitate, die sich auch auf eine
~vorhandene~ Zusammenstellung der hydrostatischen Gesetze beziehen.
Gegen die kontinuirliche Bewegung oder das ~Perpetuum mobile~ spricht
sich Leonardo ~ganz entschieden~ aus.
In seinen Schriften sind häufige Stellen darüber und die Reihe der
Zeichnungen dafür ist bedeutend. Alle die Ideen mit gefächerten
Rädern und Kugeln, Kugeln an Armen, u. s. w. finden bereits bei
Leonardo eingehende Beurtheilung und Verurtheilung, und bei einer
dieser Zeichnungen, bei welcher Leonardo 32 Kugeln voraussetzte und
ausführlich berechnet, findet sich das Wort „Satanasso“ zugefügt,
welches vielleicht der letzten Kugel gilt, deren Berechnung ebenfalls
kein günstiges Resultat gab. Die Ueberzeugung von der Unmöglichkeit
eines Perpetuum mobile und die Begründung dieser Ueberzeugung gibt
der mechanischen Kenntniß des Leonardo besondere Bedeutung. Wie Govi
auch richtig bemerkt hat, findet man bei Leonardo, ein Zeichen seines
ernsten Strebens und seiner Aufrichtigkeit, häufig am Schluß von
Rechnungen, Konstruktionen etc. die Worte: falso! oder non è desso!
oder errato! -- gleichzeitig allerdings für uns jetzt ein Mittel, ihn,
den Schreiber selbst, richtig zu beurtheilen. Er schreibt: „Contro del
moto perpetuo. Keine greifbare Sache bewegt sich von selbst; daher wenn
sie sich bewegt durch eine ungleiche Kraft d. h. bei ungleicher Zeit
oder Bewegung oder Schwere entweicht schnell der erste Antrieb, und
plötzlich verliert sich auch das zweite (nämlich die Bewegung).“ „Kein
bewegtes Ding kann nach seinem Herabfall zur gleichen Höhe sich wieder
emporheben, also hört die Bewegung auf.“ Leonardo zeigt dasselbe an der
Hebung des Wassers und an vielen andern Beispielen. --
Leonardo ist bei Betrachtung der Bewegungsgesetze auf die Einflüsse
der ~Reibung~ eingegangen, und zwar viel spezieller, als man glauben
sollte. Seine Arbeiten hierüber sind aus Versuchen sicherlich
hervorgegangen. Er hat die Reibung von Flächen bestimmt unter vielen
Variationen, sodann die Zapfenreibung, und für beide Betrachtungen gibt
er viele Skizzen. Er spricht zunächst allgemein sich so aus:
„Die Reibungen (confregazione) der Körper sind von so verschiedener
Gewalt, als es Variationen der Schlüpfrigkeit der Körper, welche
sich reiben können, gibt. Die Körper, welche mehr geglättet (pulita)
sind auf der Oberfläche, haben eine leichtere Reibung. Körper von
gleicher Schlüpfrigkeit (lubricita) haben kräftigere und schwerere
Widerstände bei der Reibung. Jeder Körper widersteht bei der Reibung
mit einem Viertheil seiner Schwere, vorausgesetzt eine glatte Ebene
und polirte Oberfläche. Wenn ein polirter Körper eine polirte schiefe
Ebene zu passiren hat mit dem Viertheil seiner Schwere, so ist er
von selbst geneigt zur Bewegung auf dem Abhang. Die Reibung irgend
eines Körpers mit verschiedenen Seitenflächen macht einen gleichen
Widerstand, gleichviel auf welcher Seite er liegt, wenn es nur immer
eine Ebene ist, wo er sich reibt.“ Leonardo spricht sodann über
die Reibung der Räder und vergleicht sie mit unendlich kleinen und
verminderten Schnitten, bei welchen nicht Reiben, sondern nur Berühren
statthabe. Die Fol. 195 des Codex Atlanticus enthält Betrachtungen
nebst Illustrationen über die Reibung der Körper auf Flächen und runder
Körper in Lagern. Besonders scheint die Relation zwischen der Größe der
Oberfläche und der Größe der Reibung der Gegenstand der Betrachtungen
gewesen zu sein, die in gleicher Richtung angestellt waren, wie die
Versuche Coulomb’s, welcher später die Reibungsgesetze feststellte.
Eine wesentlich neue Betrachtung, für seine Zeit neu und fast einzig
dastehend, wendete Leonardo da Vinci der ~Festigkeit~ der Körper zu
und zugleich der für ihre Benutzung in gewissen Fällen nothwendigen
Haltbarkeit gegenüber den auf sie einwirkenden Kräften. So widmet
er eine ausführliche und sehr eingehende Abhandlung der Festigkeit
der Balken, und die Figuren, welche wir heute in unsern technischen
Lehrbüchern zu finden gewohnt sind, um z. B. die relative Festigkeit
und die absolute Festigkeit deutlich zu machen, sehen wir in großer
Reichhaltigkeit bereits auf Leonardo’s Skizzenblättern. Daß für ihn
als Baumeister und Wasserbauingenieur allerdings solche Bestimmungen
nicht allein nahe lagen, sondern von ihm auch gern durchgeführt wurden,
nimmt uns bei dem gründlichen Wesen des Leonardo nicht Wunder. Allein
er untersuchte auch die ~Druckfestigkeit~ und ~Zugfestigkeit~ eben so
eingehend und seine Resultate kommen unsern heutigen Annahmen sehr nahe.
Leonardo’s Berechnung über die nothwendige Kraft zum Einschlagen von
~Nägeln~, ~Bolzen~ u. s. w. und die daraus sich ergebende Stärke und
beste Form derselben sind nicht minder beachtenswerth. Dieselben
verbreiten sich sodann auf die Theorie des ~Keils~. Bei Gelegenheit
der Darstellung der Kanonenbohrerei berechnet Leonardo die benöthigte
Stärke der Achsen oder Zapfen am Lauf und bestimmt die vortheilhafteste
Stelle, wo dieselben angebracht werden. Aehnliche Berechnungen führen
ihn zur Konstruktion der Rammen und des Rammbärs, zur entsprechenden
Form der Ketten und der Gliederketten, der Thürangeln, und einer großen
Anzahl anderer Details für Maschinenbau und Baukunst.
Leonardo war ein Talent, das durch und durch in der Mechanik
wurzelte. So wie er der Mechanik oblag zum Zweck der Ermittelung der
Naturgesetze, so wandte er sie an für die Malerei zur Ermittlung der
natürlichen Verhältnisse und Formen und seine anatomischen Studien
waren wesentlich mechanischer Art, denn für ihn waren Arme und
Beine Hebel. Im 4. Kapitel seines Traktats von der Malerei handelt
er hierüber genauer ab. Die Bewegung der Thiere und Menschen resp.
deren Glieder erklärt er nach den Gesetzen der Statik und Mechanik in
ungemein faßlicher Weise. Leonardo betrachtet zuerst den Zustand der
~Ruhe~ und erklärt: „Der Mangel an Bewegung eines jeglichen Thieres
entspringt von der Entziehung der Ungleichheit, welche die einander
entgegengesetzten Schweren haben, die sich auf ihr eigenes Gewicht
stützen.“ „Die Bewegung kommt von dem Aufhören des Gleichgewichts
oder von dessen Ungleichheit her.“ Aus diesen beiden Grundgesetzen
entwickelte Leonardo nun eine Reihe Fälle. Er zeichnete gleichsam
hierzu ein Skizzenbuch für den Fechtmeister Borri, worin er die
einzelnen Stellungen rein mechanisch behandelte.
Ein wichtiger Beweis für seine eigenen Aussprüche über die Bedeutung
der Mathematik und Mechanik liefert Leonardo selbst durch die Art und
Weise, wie er die Gestalt der Ornamente geometrisch und mechanisch
bestimmt. Im Codex Atlanticus sind eine Reihe Blätter allein diesem
Gegenstande gewidmet, und es verdienten diese Blätter vor allem eine
größere Verbreitung zum Nutzen unserer Kunstgewerbe.
[9] Whewell I. 59.
[10] Man könnte, ohne die übrigen Deduktionen des Leonardo zu
kennen, allerdings auch vermuthen, als ob dem Leonardo
vorschwebte, daß die Kräfte sich wie die Basislängen der
schiefen Ebene verhielten. (G.)
[11] Es darf wohl nicht übersehen werden, daß der Hebel, die Rolle
und der Flaschenzug den Griechen und Römern wohlbekannt
blieben, sowie daß Vitruv (200 Jahre nach Archimedes)
dieselben nicht nur beschrieb, sondern auch das Hebelgesetz
ausdrücklich -- mit Hinweis auf die in Aller Händen
befindliche Schnellwaage -- erweist. L. X. C. 7.
Die Red.
Jedoch erstreckte sich dies nur auf die ~Eigenschaften~ des
Hebels, der Rolle etc. nicht auf die Erklärung. Vitruv’s
Darstellung wurde erst wieder im 15. Jahrhundert anerkannt,
gegenüber den Aristotelikern.
(Gr.)