V.

Die ~mathematischen~ Kenntnisse Leonardo’s sind von seinen Zeitgenossen

und Späteren hoch angeschlagen worden. Wenn Leonardo selbst auch

vielleicht keine neuen mathematischen Gesetze gefunden hat, so ist

vor allen Dingen das anzuerkennen, daß er bei den Konstruktionen von

Maschinen, dem Suchen nach Mechanismen u. s. w. stets die Mathematik

anwendete und sie, wie er sagt, als den wahren Schlüssel zur Forschung

benutzt. Libri schreibt ihm die Erfindung des + und - Zeichens zu.

In der That bedient er sich dieser Zeichen durchweg, -- allein es

steht damit nicht fest, daß dieselben nicht arabischen Ursprungs

gewesen seien. Jedenfalls ist Leonardo einer der ersten in Italien,

welcher dieser Zeichen sich bediente. Er beschäftigte sich in den

Manuskripten sehr viel mit der Geometrie, selbst auf Blättern, die eine

mathematische Arbeit nicht für nöthig erkennen lassen, erscheinen in

den Ecken oder auch mitten darauf mathematische Figuren. Die Quadratur

des Kreises sucht er, -- aber vergebens, und spricht sich über die

Unmöglichkeit, sie zu finden, endlich aus, da man nicht im Stande sei,

auch nur ein Stück davon ~absolut genau~ zu berechnen. -- Leonardo

konstruirte einen Proportionalzirkel mit beweglichem Zentrum, welcher

auch für irrationelle Proportionen gebraucht werden kann. In gleicher

Weise konnte er hiermit ein Oval für eine gegebene Proportion zeichnen,

wenn ein Kreis gegeben. Libri fügt hinzu, daß gleiche Proportionszirkel

später von Tartaglia, Benedetti und Ferrari erfunden seien. Lomazzo

erzählt, daß Leonardo’s Ovalrad, ein wunderbares Werk, von einem

Schüler des Melzi zu Denis gebracht sei, welcher letztere dasselbe mit

vielem Geschick gebrauche. Libri berichtet ferner, daß Leonardo die

Oberflächenebenen als die Grenzen der Körper angesehen, die Linien

aber als Grenzen der Ebenen, und daß er die doppelten Kurvenlinien

der einfachen Kurven bestimmt habe. Endlich ermittelte Leonardo den

Schwerpunkt der Pyramide (was früher dem Commandin oder Maurolycus

zugeschrieben wurde), und zwar so, daß er ihn auf den Viertelpunkt der

Graden verlegt, welche die Spitze der Pyramide mit dem Schwerpunkt

der Grundfläche verbindet. Leonardo gibt dazu eine Figur und eine

Note, welche zeigt, daß er die Pyramiden in Ebenen parallel zur Basis

zerlegte, wie wir es heute thun.

Bedeutendes Gewicht legt Leonardo auf die ~Perspektive~. Er nennt sie

den ~Zaum~ und das ~Steuerruder~ der Malerei, und theilt sie in drei

Theile: 1) Verkürzung oder Verkleinerung nach Linien und Winkeln,

welche die Größe der Körper in verschiedenen Entfernungen mit dem

Gesichtspunkt bilden, der im Umfange des Bildes und in gleicher Höhe

mit dem Beschauer liegen muß. -- 2) Da zwischen das Auge des Beschauers

und das Bild eine größere Menge Luft tritt, die den Körpern ihre

Farbe auch mittheilt, so müssen die Farben geschwächt werden. -- 3)

Die Umrisse müssen geschwächt werden und gegen die Luft auslaufen.

Leonardo ermahnt, bei Gebäuden die Geometrie zu gebrauchen, um richtige

Verhältnisse in das Gemälde zu bringen und die Wirklichkeit und

Wahrheit im Gemälde zu vergrößern. Welchen Antheil Leonardo an dem

liber de divina proportione des Pacioli gehabt, ist bereits erwähnt.

Ebenso wird derselbe angenommen bei Pacioli’s liber de viribus

quantitatis. Die Manuskripte enthalten viele Zeichnungen und Beispiele

für seine Gesetze der Perspektive. Libri erwähnt noch eines vorhandenen

Blattes mit der Aufschrift libro d’equazione, welches sich allerdings

im Codex Atlanticus befindet; allein weiteres ist nicht zu entdecken.

Leonardo da Vinci als Ingenieur und Philosoph Ein Beitrag zur Geschichte der Technik und der induktiven Wissenschaften · 第 25 / 36 题